Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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fltate 4 Wien, VrsttsA JUÜk«k«« Volksblatt. 25. März 1»04 Nr. 13 Heimann sei zwar ein Held gewesen, aber er stamme von Juden ab. Dumm und gemein, wie alle Antisemiten. Die Liigensaat, welche M e n s ch i k o f s im Feuilleton der „Nowoje Wremja" gegen die Juden auSgestreut hat, beginnt bereits ihre bösen Früchte zn zeitigen. Seit dem Ausbruche de- Krieges verbreitet die „N. Wr." bekanntlich das lügenhafte Gerücht, die Juden seien Japan nicht nur gutgesinnt, sondern liefern für dasselbe sogar Bedarfsartikel für den Krieg. Die Folgen dieser unwiderrufencu Gerüchte waren, daß sich in einzelnen Gegenden, in denen das Hetzorgan der Regierung besonders Absatz findet, Unruhen bemerkbar machten, welche leicht zu größeren, der Regierung in der jetzigen Situation gewiß unangenehmen Ausschreitungen hätten führen können, wenn sich ihre Vertreter nicht da und dort zu einer energischen Tat aufgerafft hätten. So mußten sich die „Tambowskie Wjedomosti" zu der offiziellen Erklärung bequemen, daß die eingeleiteten Untersuchungen die Lügenhaftigkeit des durch die „Now. Wr." verbreiteten Gerüchtes ergeben haben, wonach die Inden des Tambower Gouvernements Pferdelieferungen für Japan übernommen hätten. Kritischer gestaltete sich die Situation bereits in der Stadt B a ch m u t (Jekaterinoslawer Gonv.). wo sich die kompetenten Behörden veranlaßt sahen, sowohl in der Stadt, als auch im Bezirke offizielle Plakate zu affichieren, in welchen der Bevölkerung zur beruhigenden Kenntnis gebracht wird, daß die gegen die Juden verbreiteten Gerüchte nichts als Berläumdungen seien. Das intereffante Aktenstück hat folgenden Wortlaut: „Kundmachung! Mit Rücksicht darauf, daß unter der Bewohnerschaft der Stadt Gerüchte verbreitet werden, wonach die Bachmuter Firma A. I. Abramowitsch Nachfolger, sowohl von ihrer Zentrale, als auch ihren Bezirksfilialen drei Waggons Winterkleider für japanische Kriegszwecke nach dem fernen Osten abgefertigt hatte, und dieseGerüchteunter den Bewohnern eine starke Aufregung hervorgerufen haben, erklären wir mit Gegenwärtigem wahrheitsgemäß, daß diese Gerüchte nach sorgfältigster Untersuchung sich als Erfindungen herausgestellt haben, dereneinzigerZweck ist, in der städtischen Bewohnerschaft Unruhen hervorzurufen. Alle diejenigen, die sich einer Weiterverbreitung dieser Gerüchte schuldig machen, werden auf Grund der vom Jekaterinoslawer Gouverneur am 20. Jänner 1904 herausgegebenen „Bestimmungen für den Ausnahmezustand" zur Verantwortung gezogen werden. Unterzeichnet ist die Kundmachung vom Vizepräsidenten des Bachmuter Komites vom „Roten Kreuz", ferner der Führer des Adels Fedor B a utisch und vom Bachmuter Bezirkshauptmann I. Schischko. Datiert vom 25. Februar (a. St.) 1904 in Bachmut. Die aus Mitteln des Z. K. Aschkenasi unter Beteiligung anderer Odessaer Juden zu errichtende fliegende Ambulanz soll neueren Berichten zufolge zu einem fliegenden Lazaret erweitert werden. Die Erhaltungskosten dieses Lazarets wurden mit 60.000 Rubel für ein Jahr präliminiert und zwar unter der Voraussetzung, daß die Gesellschaft des „Roten Kreuzes" die Verköstigung des Personals auf sich nehmen werde, da auf dem Kriegsschauplatz« bekanntlich gerade das Versehen mit Nahrungsmitteln die größte Schwierigkeit bereite. Sollte diese Voraussetzung nicht eintreffen, könnte das Budget überhaupt nicht vorausbestimmt werden. Ueber die Benennung dieser geplanten Organisation ist ein Beschluß noch nicht gefaßt worden. Aus diesem Anlasse fand auch eine Versammlung von Porstehern der jüdischen Gemeinden statt. Mit Rücksicht darauf, daß die Ausrüstung eines solchen Lazarets sehr kompliziert ist, wurde beschlossen, ein geeignetes Organisationskomitee zu konstituieren, in welches gewählt wurden die Herren Dr. M. A. I o s e f o v i t s ch. K. N. P u r i z, I. W. Silberberg, I. I. Winokurow, D. O. Kranzfeld und andere Personen, Das Komitee steht unter der Leitung des Herr« O. C. C h a i S und teilt sich in zwei Teile. Das Komitee der Aerzte wird sich mit der Frage der Konstruktion, Beschaffenheit, Ausrüstung und Bemannung des Lazarets, während die andere Kommission sich mit der Frage der Beschaffung der für die Erhaltung des Lazarets erforderlichen Mittel zu beschäftigen uud auch die Frage der Heranziehung der übrigen jüdischen Bewohner Odessas zur Beitragleistung zu erwägen haben wird. Das Odessaer Komitee hielt am 16. März ihre Generalversammlung, welche hauptsächlich wegen der durch dieselbe angenommenen Statutenänderungen von besonderer Wichtigkeit ist. Nach langen Debatten wurde § 1 in folgender Fassung angenommen: Zweck des Vereines ist, unter den Juden, welche sich in Palästina und Syrien ansiedeln, Handarbeit und Landwirtschaft zu verbreiten. § 2. Zur Erreichung dieses Zieles gewährt dieser Verein allen jüdischen Ansiedlern in Palästina und Syrien, welche sich der Handarbeit und speziell der Bodenkultur zuwenden, ein entsprechendes Stück Land, sowie Geldunterstützungen zur Anschaffung von Geräten und Werkzeugen und zur Errichtung gemeinnütziger öffentlicher Anstalten. Die anderen Aenderungen betrafen die Beschaffung der für die Bereinszwecke erforderlichen Geldmittel. Der vierte Paragraph, wonach „Mitglied des Vereines jeder innerhalb der Grenzen RußlandswohnendeMann sein kann" blieb unverändert. Aleei. Zettungsfchau. Ch. N- Neichenberg antwortet in dev „Gerechtigkeit" der „Jüdische» Wochenschrift" in Stanislau in Sachen der jüdischen Felbarheiter folgendermaßen: Der Autor der Polemik spricht von „wenigen jüdischen Grundbesitzern" in Galizien. Schreiber dieser Zeilen arbeitet nicht auf Grundlage der puren Phantasie, sondern auf dem Fundamente gründlicher Vorstudien und der Herr Autor möge somit erfahren, das; in Galizien 632 Griliidbesitziingen mit einem Areale von insgesamt 6072 Onadratkilomctern vorhanden sind, die tabularisches Eigentum von Juden sind. Wenn der Herr Polemiker auch erfahren möchte, wie all diese 082 jüdischen Agrarier mit Vor- und Zuname n heißen, verweisen wir ihn einfach ans das Schema der Grundbesitzer in Galizien „Skorotvidz" von Jan Bigo, k. k. Postkontrollor in Lemberg. Aber außer diesen jüdischen Grundeigentümern sind in Galizien stets über 1000 jüdische Gntspächtcr vorhanden, die auch welche jüdische Arbeiter beschäftige^ würden, iveiin sic die „Jca" mit ihrer Autorität hiezu anregen wurde. Kann da bon tvenigen jüdischen Grundbesitzern und Gntspächteru in Galizien gesprochen werden? Der Jude könnte mit dem geringen Verdienst eines galizischcu Feldarbciters sein Auslangen nicht haben, will der Herr Polemiker wissen. Die Antwort auf diese Auslassung werden wir mit einer kleinen Jltiistratiou der materiellen Zustände von Juden in galizischcn Kleinstädten eintcilen: Redakteur dieses Organes kam, auf einer Geschäftsreise begriffen, nach dem Städtchen Zydaczow bei Strhj und nahm in einem Einkehrhause Absteigqnartier. Im Verlaufe einiger Minuten nach seiner Ankunft wurde das Gasthaus von 20—30 Männern belagert. Es tvaren dies durchgänglich abgehärmte, ausgehungerte und gcsichtsfahle jüdische Gestalten in zerrissenen, zerfetzten, mit Bindfaden notdürftig zusammen gehaltenen Kleidern und fast allen haben die Fußzehen aus dem verfaulten und zerfallenen Schuhitttb Stiefelwerkc, so wie die Schnecken ans ihren Gehäusen, heransgcschcntt. „Puretzlcben! Pnrctzlcbenl" erscholl cs wie im Chore ans den Kehlen dieser Unglücklichen, „läßt mich tragen das Päckel, läßt mich tragen das Päckel." Es gelang endlich dem am meisten Zudringlichen, den Verdienst bei uns zu erhaschen; er trug uns den Mnsterkoffer und führte mit uns folgenden Dialog: „Purctzleben, die Wahrheit, sind Sic nicht Alejuhi Hannwi?" (Elias der Prophet.) „Aber keine Spur, ein bloßer Seidenwaren-Reiscnder." «Doch müssen Sie von großen Leuten herstammen, tvcnn Sie Gott damit betraute, mich, mein Weib, meine sechs Würmer (meinte die Kinder). mit Ihrem Honorar für das Tragen der Muster vor Hunger zu retten." „Sind Sie wirklich hungrig?" „Bei Gott, seit drei Tagen leben wir von einigen unreifen Kürbissen, die ich in der Not leider am Felde außer der Stadt urige merkt pflückte und nach Hause brachte." „Leiden all diese Hunger, welche sich vor dem Gasthause um meine Muster rissen?" „Gewiß, sie essen nichts tagelang, es gibt hier keinen Verdienst, außer bei einem Durchreisenden, der sich zwei- oder dreimal in der W!oche zeigt." „Warum arbeitet ihr nicht auf den umliegenden jüdischen Gütern?" „Weil die Gutsbesitzer uns Juden zur Arbeit nicht nehmen wollen und jüdisches Geld den Bauern, die doch eigene Grundstücke, Vieh und Geflügel haben, weggeben. Wenn wir so 60—60 Kreuzer täglich bei der Feldarbeit verdienen könnten, hätten tvic doch die ganze Woche Brot und Kartoffeln, auf Schabes (Samstag) sogar ein Stückchen Fleisch." Diese Illustration der ökonomischen Verhältnisse der Massenbevölkerung in gälizischen Kleinstädten floß nicht aus unserer Phantasie, sie ist wahr von A. bis Z. Solchen Leuten, wie diejenigen, die in den Kleinorten Galiziens. die Einkehrhäuser belagern, wenn ein Fremder kommt, um etwas zu chappen (vorübergehend zu verdienen), möchten wir durch das Eingreifen der „Jcä" verhelfen, daß sie durch Feldarbeit einen kleinen, aber stabilen Verdienst bekommen. Wenn der Autor der Polemik behauptet, daß der Nrchen bei der Feldarbeit für das Auskommen eines Juden nicht hinreichen würde, wird er wohl eines Lemberger, Stanislauer oder Kolomeaer Juden meinen, denn Zydaczower. Rozdoler oder Kaluszer erwerbslose Juden wären die Glücklichsten, wenn sie täglich durch Feldarbeit 60 Kreuzer verdienen könnten, geschweige wenn nebstdem ihre weiblichen Familienangehörigen daheim eine Hausindustrie betreiben sollten und ihrerseits mich was verdienen würden. Der Herr Polemiker scheint mich eine sehr abgeschreckte und ame Natur zu sein, er fürchtet nämlich, daß die Bauern darüber ungehalten sein und sich dadurch revoltieren würden, wenn auch Juden als Feldarbeiter benützt würden. Ein Ungehaltensein der Bauern könnte höchstens das Achselzucken der Grundbesitzer Hervorrufen und gegen ein eventuelles Revoltieren gibt es in Galizien Gendarmen, die sofort eingreifen würden, wenn österreichische Staatsbürger daran verhindert werden sollten, durch Arbeit im Schtveiße des Angesichts auch ein Stück Brot zu verdienen. Am Ende könnte es ganz und gar keinen Eindruck auf die Bauern machen, wenn ein jüdischer Grundherr unter 200 der ihrigen, auch 16 bis 20 Juden beschäftigen würde. * * * Oberst Sir Howard Vincent, M. P., kgl. großbr. Flügel-Adjutant, schreibt in der „Londoner Finanzchronik" über die „Fremdenfrage in England" folgendermaßen: Bei den allgemeinen Wahlen d<s Jahres 1895 befürwsrteten viele Konservative energisch eine einschlägige Gesetzgebung. Leider verflog dieses eifrige Jntereffe schon in den meisten Fällen mit dem Verlassen der Rednertribüne, oder in dem Augenblick, wo den Kandidaten ihre Wahl gesichert war. In der Thronrede bei Eröffnung des Parlaments im Jahre 1896 erklärte die Regierung, daß eine Maßregel behufs Einschränkung der Jmportation mittelloser Einwanderer vorbereitet worden sei. Das war aber auch alles! Am 10. Februar 1897 wurde eine diesbezügliche Resolution im Hause der Gemeinen beantragt, bei welcher Gelegenheit der Präsident des Handelsamtes folgende nachdrückliche Erklärung abgab: „Nicht nur einzelne Mitglieder der Regierung, sondern auch diese als Ganzes ist auf der Schaffung eines der Einwanderung entgegenwirkenden Gesetzes festgelegt. Wir beabsichtigen uns streng an diese von uns eingegangene Verpflichtung zn halten und in nicht allznferner Zeit hoffe ich dem Parlament Gesetzgebung in der gewünschten Richtung Vorschlägen zu können." Lord H a r d w i ck e brachte dann im Jahre 1898 eine Vorlage ein, die die Einlösung des gebrochtnen Versprechens der Regierung erstrebte. Diese von Lord Salisbury und anderen unterstützte Vorlage, passierte das Oberhaus in allen Lesungen, aber es wurde kein Versuch gemacht, sie im Unterhaus zn erledigen. Am 28. Jänner 1902 beantragte Major Evans G ord o n, der Vertreter für Stepney, des am meisten in Mitleidenschaft gezogenen Distrikte-, einen Zusatz zur Antwort des Unterhauses auf die Thronrede. Daraufhin nahm der Vorsitzende des Handelsamtes Mr. Gerald Balfour, seine Zuflucht zu der bekannten Methode des Zeitgewinnes und versprach eine königliche Kommission zur Untersuchung der Frage. In dieser Kommission bat sich Lord Rothschild energisch gegen jede Einschränkung ausgesprochen, aber selbst unter den besten Juden gibt es wenige, die so weit gehen. Selbst der Oberrabbiner hat erklärt, „daß keine Klasse der Untertanen Sr. Majestät eine Maßregel zur Ausschließung verbrecherischer Fremdlinge mit größerer Bereitwilligkeit begrüßen würde, als gerade die Juden," und weiters: „Möglicher- und sngar gerechtfertigterweise könnten in Zukunft auch mit physischen Uebeln Behaftete und Geistesschwache außer Landes gehalten werden." Zu dieser Ansicht bekannte sich auch der Präsident des jüdischen Armenrates und zwar in der folgenden Definition des „nicht wünschenswerten Einwanderers": „Jemand, der mit einem ihn inkapazitierenden physischen Uebcl behaftet hier ankommt oder sehr schwächlicher Gesundheit ist, und selbstverständlich jedermann, der vor seiner Ankunft wegen eines Verbrechens verurteilt worden ist oder einem unmoralischen Gewerbe nachgeht." Die königliche Kommission hat unter anderem folgende Tatsachen festgestellt: 1. Daß sich ungefähr 400.000 Personen aus Rußland, Polen, Skandinavien, Deutschland, Oesterreich und Italien während des Zeitraumes vom 1. Jänner 1897 bis 31. Dezember 1902 in Großbritannien niedergelassen haben. 2. Daß hievon über 50°/„ Russen und Polen waren, die sich im Ostende Londons ansässig gemacht haben. 3. Daß 4983 Personen fremder Nationalität während des mit dem 31. Oktober 1902 beendeten Jahres vor den Polizeigerichten Londons als Angeklagte standen. 4. Daß 625 ausländische Verbrecher am 2. März in England Strafen verbüßten, wovon 175 Deutsche, 149 Russen und Polen, 54 Franzosen, 44 Italiener, 29 Norweger, Schweden, Dänen und Holländer und 166 anderer Nationalität waren: und zwar 228 wegen Eigentums-Bergehen ohne Gewalttätigkeit, 114 wegen Eigentums-Vergehen mit Gewalttätigkeit, 98 wegen Vergehen gegen die Sicherheit der Person, 33 wegen Fälschung und Falschmünzerei und 47 wegen anderer Vergehen. 5. Daß die Zahl fremder Verbrecher sich innerhalb der letzten 10 Jahre nahezu verdoppelt hat und daß eine beträchtliche Zahl Verbrecher, entweder aus eigenem Antriebe oder nach erfolgter gesetzlicher Ausweisung aus anderen Ländern, nach England kommt. 6. Daß 4618 mittellose Fremde während des Jahres 1902 in England und Wales Armenunterstützungen erhielten, und 237 in Irrenanstalten - oder Asylen verpflegt werden mußten. 7. Daß über 15 Prozent der Bankrotterklärungen im Jahre 1902 auf Fremde entfielen. 8. Daß bei einem jährlichen Kostenaufwand von 11,000.000 Pfd. Sterl. mehr als 800.000; Leute, einschließlich einer täglichen Durchschnittszahl von 100.000 Armen Londons, im Jahre 1902 Armen-Unterstützung im Bereinigten Königreich erhielten und daß (gegenwärtig mehr als 24.000 gelernter und eine große Zahl ungeschulter Arbeiter beschäftigungslos sind. Reiht man diesen Tatsachen die wichtige Erwägung an, daß die Bereinigten Staaten, Kanada, Australien, Südafrika und selbstverständlich alle europäischen Länder »»erwünschten Einwanderer» verschlossen sind, so kann kein Unparteiischer sich wundern, daß die Kommission sich für die Regelung der Einwanderung aussprach. Die bestimmte Zusage diesbezüglicher Gesetzgebung, die in der Thronrede gegeben wurde, läßt erwarten, daß die Entscheidung endlich fallen wird. Und kein Deutscher wird diese Entscheidung etwas anderem zuschreiben, als dem berechtigten und natürlichen Wunsche, das Interesse des Bereinigten Königreichs zu schützen, und zu wahren. * * Die „Woche" schreibt über die Wiener Tagespresse: Ein merkwürdiges Ztoei-Seelen-Leben führt unsere „gute" Presse. Sie ist sonst, was die Jndenfvage anlangt, ein äußerst sensibles Instrument, und man wird sich noch erinnern, tvelche Klage- und Entrüstnngstöne diese Presse nach den übrigens von der ganzen zivilisierten Welt verurteilten Vorgängen in Kischenetv fand. Da schien kein Wort stark und scharf genug, um die Barbarei, Ungerechtigkeit und Grausamkeit Rußlands zu geißeln und zn brandmarken. Nun hat die zweite Serie der mit den Kischenewer Vorgängen Zusammenhängen Prozesse stattgefunden. Es ist bet ihnen ebenso hergegangen, wie vor einige,„ Monaten und die russische Rechtspflege hat sich ganz in der gleichen Beleuchtung gezeigt. Die liberalen Zeitungen haben sich diesmal aber jeden Kommentar zn den einfachen Berichten geschenkt. Das „jüdische Herz" schlug nicht. Bald nach Ausbruch des russisch-japanischen Krieges Ivurde gemeldet, daß in Rußland die Familien zn den Fahnen elnberufener jüdischer Aerzte ausgetviesen wurden, weil die Erlaubnis zur Niederlassung außerhalb der gewissen Ghetto-Gouvernements nur den Aerzten, nicht aber ihren Familien erteilt worden wäre. Auch dieser Betveis russischen Edelmutes vermochte dem heldenhaften jüdischen Herzen der Wiener Zeitnngsherausgeber keine Klage zu entlocken. Ja, in den allerletzten Tagen gab sich diese sonst als „jüdisch" verhöhnte Presse zur Kolportage einer rnssisch-uffiziösen Tendenznotiz her, daß die nnpatriotischen Elemente, tvelche Rußlands Verlegenheit zur revolutivnären Popaganda ausnützen tvvllen, hauptsächlich ans jüdischen Kreisen sich rekrutieren. Und das alles ist nur auf das B n n d e s v e r h ä l t n i s z w i s ch e n der Groß m a ch t