Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-03-11 · 11 (11.3.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
11 (11.3.1904)
Date
1904-03-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433034--2332-2436186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 Wien, Freitag ‘JüdiiefcM Yolksblatt. 11. März 1904 fett* 3 unmöglich in der Lage gewesen seien, in diesem Zustande die Dinge unmöglich in der Lage gewesen seien, in diesem Zustande die Dinge, die neben ihnen geschehen seien, genau zu beobachten. Viele hätten sich überdies in besondere Verstecke begeben und hätten von dort unmöglich die Handlungen einzelner Personen genau wahrnehmen können. Hingegen sei den Aussagen von christlichen Zeugen unbedingt Glauben zu schenken, weil sie völlig objektiv gewesen seien und nichts hätten fürchten müssen, da ihnen keine Gefahr gedroht Habe. Was die unter Eid abgegebene Aussage des Zeugen Burg betreffe, so sei der Gerichtshof der Anschauung, daß Burg durch den Schrecken so verwirrt gewesen sei, daß er nicht bestimmt gesehen habe, wer ihn mißhandelt habe. Diese Gesichtspunkte kommen auch bei der Begründung der anderen Verdikte zum Ausdruck. Zum .Schadenersatz wurde ein Bauer verhalten, der nach der Aussage eines christlichen Zeugen an Burg Hand gelegt hatte. Mit allen übrigen Ansprüchen wurden die Beschädigten auf den Zivilprozeßweg verwiesen. * * * * f Der Zavlotower Prozeß im Parlament. Reichsratsabgeordneter! Benno Sjt rauch er wipd wegen einiger Vorfälle bei der eben abgeschlossenen Gerichtsverhandlung gegen die Exzedenten von Zablotow eine Interpellation im Reichsrate einbringen. Die Interpellation soll sich hauptsächlich mit der Zeugenaussage des k. k. Finanzobcrkommissärs Czaban befassen, der von dem der Beteiligung an den Exzessen angeklagten Finanzwachoberaufseher Skalski als Entlastungszeuge geführt wurde. Czabau hatte von der Finanzbehörde in Kolomea seinerzeit den Auftrag erhalten gegen Skalski eine Disziplinaruntersuchung einzuleiten, und das Skalski entlastende Ergebnis derselben, lohne hiezu aufgefordert zu sein, in einer besonderen Eingabe der k. k. Staatsattwaltschaft mitgeteilt. Vor Gericht hielt Czaban als Zeuge ein mehr als anderthalbstündiges Plaidoyer zu Gunsten Skalskis, welches schwere Beschuldigungen gegen die Juden in Galizien enthielt. Die Interpellation des Abg. Dr- Straucher wird nun vom Finanzminister Aufklärung darüber fordern, wieso es komme, daß ein k. k. Beamter, der auf die Staatsgrundgesetze geschworen habe, vor Gericht eine antisemitische Hetzrede halten und gleichberechtigte Staatsbürger durch Panschalverdächtigungen verleumden durfte und wer Czaban die Befugnis erteilt habe, durch besondere Eingaben an die Staatsanwaltschaft in den Gang der Voruntersuchung einzugreifcn. Ans Rußland. (Orig.-Korr. des „Jüd. Volksblatt".) Wenn man mitten in dem russischen Leben steht, so gewinnt man einen ganz eigentümlichen Eindruck von der Wirkung des Krieges auf die Masse. Man spricht in Rußland weniger, sehr wenig von eventuellen Siegen oder Niederlagen, denn über die Integrität des Reiches ist man beruhigt und eventuelle Eroberungen im fernen Osten lassen die meisten ziemlich kalt, sondern man spricht und schreibt sehr viel über die Folgen, welche der Krieg für das bisherige absolutistische Regime haben könnte. Denn man kann der rechtgläubigste Russe sein und auf P l e h w e und auf Kurotpatkin schwören, den Priester Johann von Kronstadt für einen Heiligen halten und es trotzdem schmerzlich empfinden, daß ein Sohn der großen russischen Nation nicht ein Hundertstel davon in die Geschicke seines Verlandes hineinzureden hat, als etwa ein Serbe, Bulgare, ja selbst ein Montenegriner, vo« den verhaßten Japanern ganz zu schweigen, die eine vollkommen europäische Konstitution haben. So kommt es, daß selbst der konservative „Graschdanin" schmerzerfüllt zugibt, daß es nicht nur Fremde, sondern echte Russen gibt, die eine Niederlage Rußlands herbeiwünschen, weil sie davon als Folge derselben die Freiheit Rußlands erhoffen. Spätere aber Verfall! Diese homerischen Götter voll List und Trug, Gewalttätigkeit und recht losen geschlechtlichen Sitten hält Chamberlaiu für die Gestalten des Volksglaubens, obwohl in Büchern, die er selbst zitiert, mit Sicherheit nachgewiesen wird, daß sie der primitiven Aristokratie jener Zeit"angehören, deren Lebensführung sie lviderspiegeln, während die viel ernstere Volksreligion erst bei Hesiod zuui Ausdruck kommt. Ueberhanpt nimmt Chamberlain aus Büchern immer tutr das, was ihm paßt, so zitiert er triumphierend Robertson Smiths grundlegendes Werk, worin nachgewiesen werde, daß der gerühmte semitische Monotheismus nur ein politisches Ergebnis sei; daß aber an derselben Stelle auch der Zusammenhang zwischen dem arischen Polytheismus und der sozialpolitischen Struktur gezeigt wird, ftiibet er gut zu verschweigen, obioohl doch die Ehre der arischen Religiosität dadurch nicht berührt werden dürfte. Die Religion der Semiten im allgemeinen und der Juden im besonderen ist nach Chamberlain religiöser Materialismus, was ihm gleichbedeutend ist mit Werkheiligkeit, Fehlen frommer Gesinnung, Llbhängigmachuug der Gottesverehrung von irdischem Lohn oder Bedingtheit derselben durch Furcht vor Strafe, Fehlen der Idee der Tnade nttd Erlösung (als inneres Erlebnis) usw. Für einzelne Stufen der j ü d i s ch e n Entwicklung stinnnt das gewiß, aber es heißt große Voreingenommenheit besitzen, tvenn man die Tatsache übersieht, daß einerseits der Judaismus weit über diese Etappe hinausgelangt ist, andererseits alle diese Dinge bei allen arischen Völkern sich oft sogar tu viel schärferer Ausprägung vorfanden. Nirgends finden wir in der Bibel solche entwürdigende Betteleien uttd sogar Drohungen des irdischen Reichtums wegen, lvie in der Veda, nirgends faßt das alte Testainent Jahwe in so roh materialistischer Weise vom Opfer abhängig, wie der Brahmane seinen rauschfrohen Indra, die leere Geschwätzigkeit, der öde Ritnalismus tlnd das Fehleit der Frömmigkeit bei den Vrahmanett erregte den gerechten Spott der Buddhisten und selbst vereinzelter bedischer Stellen, von Demut lvar bei den stolzett Brahmanett, die sich ihrer Heiligkeit belvtlßt, über die Götter stellten, Ivenig zu finden. Auf der gattzett Welt sei Religion eilte idealistische Reguttg, sagt C h a m b e r l a i tt auf S. 400, einzig bei den Semiten sei sie krasser Materialismus, verfolge sie durchaus praktische Zwecke, Wie es mit der Kriegsbegeisterung in Rußland aussieht, kam jüngst in einer Versammlung von Spiritus- Judustriellen offen zum Ansbruche. Die Erzeugung von Spiritus und Branntwein ist heute dank der Fürsorge einer weisen Regierung ein Monopol der christlichen Bevölkerung. Anläßlich der Generalversammlung dieser Bereinigung hatte Plehwe an sie das Ansinnen gestellt, von jedem Eimer Spiritus eine Kopeke für Kriegszwecke zu spenden. Es entstand eine lebhafte Debatte, einer beantragte, die freiwillige Steuer solle ein Viertel, der andere eine halbe Kopeke betragen, man arrangierte schließlich ein kleine- Skandälchen und der Vorsitzende löste zur lebhaften Befriedigung aller Teilnehmer die Versammlung auf. Als nun die „Nowoje Wremja" verblüfft fragte, wann die Spiritus-Industriellen über die freiwillige Kriegssteuer beschließen werden, erhielt sie zur Antwort, daß statutengemäß die nächste Versammlung erst nächstes Jahr stattfinden werde, also übers Jahr! Als Beitrag zu dem Patriotismus der ruffischen Kreise teile ich noch mit, daß der bekannte Johann von Kronstadt, ein Mann, der gering geschätztein tägliches Einkommen, von 3000 Rubel ha', ganze 300 Rubel zum Kriege beisteuerte. Da hat man es bei den Polen und Juden viel bequemer, denen diktiert man einfach die Höhe der „freiwilligen" Steuer. So mußte die Stadt Warschau 100.000 Rubel „freiwillig" beisteuern. In Petersburg erpreßte man selbst von den jüdischen Wärtern im Spitale Beiträge. Ich habe Ihnen schon in der vorigen Nnmmer berichtet, daß die Regierung folgendes System befolgt. Jüdische junge Aerzte, die sich freiwillig anmelden, werden nicht angenommen, dagegen reißt man ältere Aerzte systematisch aus ihrer Privat. Praxis heraus, um einige jüdische Existenzen zugrunde zu richten. Dabei betrügt sie die löbliche Militärbehörde noch um einen Teil deoffiziell festgesetzten Pauschales für die Reise. Die Krone setzte aber dem ganzen General Kleigels in Kiew auf, der, wie ich Ihnen meldete, die Angehörigen der einberufenen Aerzte aus Kiew auswies. Kleigls ist ein bekannter Erpresser, der seinerzeit unter Lopuchin in strafgerichtlicher Untersuchung stand. Petschory schreibt in der Petersburger „Nowosty" folgendes: „Es haben sich bekanntlich zirka 1000 Freiwillige aus ganz Rußland gemeldet. Ich traf ein Trupp Freiwilliger in den Straßen von Petersburg und fragte fie, warum sie eigentlich in den Krieg ziehen. Einer antwortete: „Jetzt geht es uns viel besser als früher. Ich habe drei Nächte auf der Straße zugebracht und wäre beinahe erfroren. Jetzt werde ich von allen Seiten verhätschelt. Früher hat mich der Pvlizeimeister gestoßen, wenn ich nur ein lautes Wort sprach, jetzt kann ich schimpfen und fluchen, wie ich will, und gar in Sibirien, da kann ich nach Herzenslust rauben." Sauberer Patriotismus! Der bekannte russische Schriftsteller Amphiteatrow erwidert im „Ruß", einem vom/.Sohne des Herausgebers der „Nowoje Wremja" redigierten Blatte, auf die im letztgenannten Blatte erschienenen perfiden Verläumdungen gegen die Juden anläßlich des ruffisch-japanischen Krieges. In dem Artikel heißt es zum Schluffe: „In den Reihen des russischen Heeres kämpfen Zehntausende von Juden, welche mit den übrigen gleichmäßig die Unbilden des Krieges ertragen; mit welchem Rechte verleumdet er nun diese vor ihren Landsleuten, indem er von ihnen behauptet, daß sie mit dem Feinde im Bunde stünden. Die „Nowoje Wremja" ist ein stark verbreitetes Blatt und welche Gefühle werden ihre Ausführungen bei den Zehntausenden von Juden erwecken müssen, die vielleicht bald nach der Lektüre ihrer Beschimpfungen, ihr Leben für das Vaterland lassen müssen." Die „JCA" hat vor einiger Zeit die jüdischen Arbeiterverhältnisse in Rnßland eingehend studieren und hierüber eine vor allem „Herrschaft und Besitz" in dieser Welt nttd Wohlergehen in der jettseitigen. Dazu eiitige illristrative Bibelstellen, Psalm 42: „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, ztt dir. Meine Seele dürstet ttach Gott, .nach dem lebendigen Gott. , Wann werde ich dahin kommen, daß ich Gottes Altgesicht schaue?" Psalm 73: Der Sänger verwirft die Rede des „Pöbels", der da sagt „Siehe das sind die Gottlosen, die sind glückselig tu der Welt und werden reich. Soll es denn umsonst seilt, daß mein Herz uttsträflich lebet und ich meine Hände itt Unschuld wasche?" sein Bekenntnis lautet: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himinel und Erde. Wenir mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist bu doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil." — Sprüche 30, 7—8: „Zweierlei bitte ich von dir, die wollest du mir lticht weigern, ehe denn ich sterbe: Abgötterei tnrd Lügen laß ferne von mir sein; Armut und Reichtnm gib mir nicht; laß mich aber mein bescheidenes Teil Speise dahiit nehmet!. Ich möchte sonst, lvo ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der Herr? Oder wo ich zu arm würde, möchte ich stehlett und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen". Es muß geradeztt wundernehmetl, ivie wenig begehrliche Stellet! aus alter Zeit in den Bibeltext gerettet wurden. Es wird Wohl als lehrhaftes Beispiel.angeführt, daß Gott den Gerechten auch mit irdischeit Gütern lohttt, ja es wird sogar erwartet, daß Gott als Bestätigtlttg seiner Zufriedenheit mit rechtem Wandel den Frommen segnet, aber höchst fetten finden sich tu den späteren Teilen direkte Bitten nm Belohnung oder gar Fordertmgen, wie etwa das vedische: Lege hin für mich, ich lege hin für dich. Jit den gattzeit Psalmen ist mir nur die Stelle 144, 13—14, ausgefallen, wo aber Gottes Segen auch mir als Folge rechter Gesiltnung hingestellt wird. Ebensowenig kann tvohl die JenseitShoffnliitg viel atlsgemacht habett, da Chamberlain selbst ausführt, daß das alte Testament fein Jenseits in unserem Sintte kennt. Die Vorstellung der Hölle nettttt C h a m b e r l a i n deit „eigentlichett Schandfleck der kirchlichen Lehre", sie sowohl als die Gestalt des Teufels sollen jüdische Erfindungen sein, detten das arische Betvußtsein heftig ividerstrebt. Nun kennt das biblische Judentum überhaupt keine Vergeltung im Jeitseits, die Gttten nttd Bösen kombesondere Statistik zusammenstellen lassen. Demnach gehören von den 5,200.000 Juden in Rußland mehr als 600,000 der arbeitenden Klasse an. Wenn wir von den Kindern unter 14 Jahren und den 76.908 arbeitenden Frauen absehen, so ergiebt sich noch immer, daß 48°/g der russischen Juden von ihrer Hände Arbeit leben. Von diesen sind ,259.396 Meister, 140.528 Taglöhner, 101.042 Lehrlinge. Der größte Teil der jüdischen „Meister" ist jedoch zu arm, um Gehilfen beschäftigen zu können. So wurden z. B. im nordöstlichen Teile Rußlands bei 97.900 Meistern, blos 18.400 Taglöhner und 20.200 Lehrlinge gezählt. Alexi. Prager Brief*) Prag, 6. März 1904. G. Der Mob muß seine Beute haben. Die „Narodni lifiy" hetzen systematisch gegen die Deutschen (i. e. Juden) in Prag, Besonders die Kappen und das studentische Band sind jener Stachel, mit dem der Pöbel gereizt wird. Und nun hören wir, daß eine jüdisch-nationale Couleur in Prag gegründet werden soll. Eine jüdisch-nationale Kouleur in Prag! Welche Ironie! Welcher Vorteil soll der jüdischnationalen Bewegung aus einer solchen Gründung erwachsen? Einen Vorteil wird sie gewiß nicht bringen, aber desto mehr Schaden. Betrachten wir nun einmal die Verhältnisse in Prag! Ein hartumstrittener Boden ist die Stadt Prag seit undenklicher Zeit. Auf einer Seite die Deutschen, welche jedes Fingerbreit des bedrohten Bodens mit aller Kraft zu erhalten suchen, andererseits die Tschechen, welche mit der ihnen eigenen Energie für die vollständige Tschechisierung kämpfen. Der politische Kampf beider Parteien wurde schon durch drei Sonntage hindurch auf die Straße verlegt und nur der Energie und Umsicht der Polizei ist es zu danken, daß bisher keine größeren Ausschreitungen stattgefunden haben. Besonders das Band und die Kappe find es, die dem tschechischen Pöbel und der tschechischen Presse ein Dorn im Auge sind und das in Prag beliebte Wort „burSäk“ bringt oft unerwarteten Erfolg hervor. Und nun soll eine jüdisch-nationale Verbindung in Prag gegründet werden. Bei den Prager Verhältnissen müssen wir eine solche Gründung als ein« entschieden unglückliche Idee bezeichnen. In deutschen Universitätsstädten, wo Band und Kappe als etwas allgemein studentisches betrachtet wird, ist gegen eine derartige Gründung vielleicht nichts einzuwenden. Man geht halt mit dem Strom! Aber in Prag, wo die nationalen Reibungen ihren Höhepunkt erreicht haben, wo die Geduld des tschechischen Volkes bis aufs Aeußerste gespannt ist, kann eine jüdische Couleur für die Bewegung von größtem Schaden sein. Nicht genug daran', daß uns von den tschechischen Juden und den Tschechen selbst sehr oft vorgehalten wird, der Zionismus sei nur ein verkapptes Deutschtum, nicht genug daran, daß wir von allen Seiten angefeindet werden, soll uns jetzt noch eine solche Bescherung werden! Eine derartige Gründung kann der aufstrebenden jüdisch-nationalen Bewegung in Prag den Todesstoß versetzen und eine Pflicht aller zionistischen.Organisationen ist es, einer derartigen Gründung mit aller Kraft entgegenzuarbeiteu, wenn alle bisher angewandte Arbeit und Mühe nicht zunichte werden soll! *) Wir geben diesen Auslassungen unseres Prager Korrespondenten gerne Raum, ohne redaktionell zu dieser Lokalsrage Stellung zu nehmen. men ohne Unterschied in den Scheol, der ganz nach Art des griechi» scheu Hades vorgesteklt wird. Von Lohn nttd Strafe ist keine Rede. Die große Menge des Volks hat wohl immer die Vergeltung im Diesseits erwartet, die in älterer Zeit noch auf das ganze Volk Israel, nicht auf den einzelnen bezogen wurde. Freilich blieb das Problem : Wie kommt es, daß der Gute leidet nttd der Böse blüht? Die Propheten haben das Leiden auf Erden als pädagogisches Mittel 'Gottes betrachtet, als Strafe und Prüfung mit dem Ziel der Länternng. Das Judentmn hat, besonders nachdem der Unsterblichkeitsglaube schon begründet war, geradezu Enthtlsiasmns für das Leiden etttwickelt. Im Talmud heißt es, daß, wer 40 Tage ohne Leiden bleibe, att seitter Seligkeit verzweifeln solle, da Gott ihn offenbar der Läuterung für unwert halte. Erst in vorchristlicher Zeit finden wir mtklnre Ansätze zu einem Vergeltungsglaubett mit Aussicht ins Jenseits, die Gerechten werden auferstehen, die Ungerechten aber tot bleiben. Die Pharisäer vertraten die Unsterblichkeit gegen die Sadduzäer tind siegten über diese. Die Evangelien aber beweiset!, wie wenig noch die Entwicklung im Judentum zu einem Abschluß gediehen war. Erst der Talmud kennt einen Himmel, der bald rein geistig, bald mehr materiell gedacht wird und eine Hölle (Gehinnom) für die Bösett, die dort zwölf Monate gepeinigt werden (sechs Monate durch Hitze, sechs Monate durch Kälte sagen die Talmndweisen), worauf ihre gänzliche Vernichtung erfolgt. Jedenfalls eine barmherzigere Vorstellung, als die des katholischen Dogmas, das heute ttoch — unter Androhung der Hölle — dem Gläubigen an die Ewigkeit der Qualett itn Höllenfeuer zu glauben befiehlt. Hölle nttd Himmel fehlen aber auch im entwickelten Glauben der Inder keineswegs und werdet! recht materiell vorgestellt. Harldy schreibt: „Bezeichnend für diese Epoche ist die Wollust im Ausmalen der Höllen strafen. Es genügt eine Hölle nicht mehr, man erdenkt deren mehrere und stattet sie auf die raffinierteste Weise mit Marterwerkzeugen mt§, wofern man nicht in der „Hölle auf Erden", einem neuen Dasein in niederen Existenzen (Würmern und dergleichen), die Bösett noch besser quälet! zu köntten hofft." Der Seelenlvmtderuttgsglanbe der Inder ist ja tatsächlich eine recht rohe Form des Vergeltungsglaubens und dazu noch eine, die der Entwicklung tätiger Sittlichkeit nicht günstig ist. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.