Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 19. Februar 1904 Seite 5 Stremitzer, Wilhelm und Royz, der Mitglieder des kaufmännischen Gesangvereines, ferner der Herren Treuer, Maran, Pohl und des kl. Danneger wirkungsvoll ein. Unter Meister Singers bewährter Leitung wurde dann der Tanz begonnen, bei dem die Damen Maria ltttb Rosa Adler, Ascher, Vorkim, Hernfeld, Faltitschek, Kohn, Reiner, Anna und Jella Notier, Stern durch Eleganz und Grazie besonders auffielen. Die Lehrer des Komitees hatten einen mühe-, aber ehrenvollen Abend. Mädchen- und Frauen-Verein „Bikur Chanlim". Am Sonntag den 21. Februar, nachmittags halb 4 Uhr, findet im Sitzungssaals der isr. Kultusgemeinde, 1. Bez., Seitenstetteng. 4, 2. St., ein Vortrag des Herrn Dr. H. R i e g e r über „Z a h n - u n d M u n dpflege" (mit Vorführung von Lichtbildern) statt. Anschließend an den Vortrag findet eine Plenarversammlung statt mit der Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit der abgelaufenen 6 Monate; 2. Anträge der Mitglieder; 3. Eventuelles. Jüdische akademische Verbindung „Nnttas" in Wien. Die am 3. Februar 1904 stattgehabten Chargenwahlen für das Sömmersemester ergaben: med. Max Rosenzweig x» jur. Karl Mohr x X' med. Isidor Löwy x X X- Jnnerösterk. Distriktsl'oinitee. Außerordentliche Distriktsverfammlung des innerösterreichischen Distriktes vom 11. Februar 1904. Beginn 8 Uhr. Vorsitz: Max Markus, Obmann-Stellvertreter. Von 60 stimmberechtigten Delegierten waren 42 anwesend. Vertreten waren 31 Vereine. Ob seiner um den innerösterveichischen Distrikt erworbenen Verdienste wurde der gewesene Obmann Dr. Max Bernhardt vom Distriktskomitee zum Ehrenmitglied,: ernannt. Nach längerer Debatte wird über Vorschlag des Distriktskomitoes Herr Dr. E. M. Zweig mit allen gegen zwei Stimmen zum Obmann gewählt. Als Vertreter der jugendlichen Arbeiter wird Herr Körpner, alsKassarevisoren werden die Herren Pick und Spiral, als Ersatzmänner die Herren Rubinstein und Seelenfried gewählt. M. L. Brix und Zinner. Dieselbe Type in verschiedener Couleur. Der eine ein Markomanne, der andere ein Marche. Zwei Früchte, oder besser gesagt, Früchtel deutsch-akademischer Assimilation. Das einzige, was Dr. Zinner von Dr. Brix noch unterscheidet, sucht Dr. Zinner rasch in der Haft nachzuholen. Er bereitet sich nämlich zur Taufe vor. Aber nur rasch! Kein Wunder ferner, daß er anttsemitelt und jüdische Zeugen verdächtigt. Das ist die bekannte Taktik des Diebes, der da schreit: „Halt's ihn auf!" Doch genug von diesem Ehrenmanne. Das Judentum verdankt ihm nur das eine, daß die antisemitischen Blätter die Gerichtsverhandlung bringen unter dem Titel: „Ein jüdischer Musteradvokat". Warum hat er sich nicht schon längst taufen lassen! Prag. Infolge der erfreulich steigenden Anzahl der Anhänger der zionistischen Idee in Böhmen sind dem D.-K. solche Lasten erwachsen, daß es heute die Agitation in Böhmen nicht mehr allein bestreiten kann. In Budweis und Teplitz sind Ortsgruppen in Vorbereitung, an fünf anderen Orten sind neue Vertrauensmänner ernannt worden. Infolgedessen wurde es notwendig, zu einer Neuorganisierung des Distrittes zu schreiten. Diese soll in der Weise durchgeführt werden, daß jedem Vertrauensmanne ein Rayon zugewiesen wird, der aus den umliegenden Kultusgemeinden gebildet wird. Es wird nun zu beraten sein über Reorganisation des Distriktes Böhmen auf Grund der Kreiseiteilung (Referent H. JUC. Ernst Gü t i g) und über F i n a n z i e r u n g d e s D.-K. (Referent der Obmann des D.-K., H. Karl Res e k), welches Referat durch die vom L.-K. geforderte direkte Einsendung der Parteisteuer seitens der Vereine nach Wien hervorgerufen wurde. Weiter steht auf dem Programme: Neukonstituierung des D.-K. und F r e i e A n t r ä g e. Freie Anträge müssen bis 1. März an das D.-K. eingesendet werden. Die Vereine und Vertrauensmänner werden ersucht, das Inkasso der Schekel- und Parteisteuer zu beenden und die Verrechnungen bis zum Parteitage einzusenden. Am Abend des Delegiertentages, am 13. März, wird Herr Doktor Klee aus Berlin in einer Volksversammlung über das Thema: Die Lage des Zionismus nach dem 6. Kongreß. Rückblick und Ausblick. Zu Ehren der Delegierten veranstalten die Prager Zionsvereine ein Bankett. Das Lokal, die Stunde, sowie die Thesen der Referate werden rechtzeittg bekannt gegeben werden. Pribram. Der Wohltätigkeitsverein „H u m a n i t a s" veranstaltet unter dem Protektorate der löbl. Kultusgemeinde zur Feier seines fünfunddreißigjährigen Bestandes im Saale des Hotels »zum Kaiser von Oesterreich" am 29. ds. einen Ball. Das Reinerträgnis fällt wohltätigen Zwecken zu. Wegtaufen in Galizien. Aus einem Dorfe neben Neusandec wurde kürzlich das fünfzehnjährige Mädchen Gitel Epstein entführt. Dasselbe fand im Kloster der Felizianerinnen in Krakau Aufnahme, wo es auch getauft wurde. Der Entführer tvurde durch das Kreisgericht Neusandec des Verbrechens der Entführung schuldig erkannt und zu einer Kerkerstrafe verurteilt. Da die Eltern des entführten Mndes nur nach jüdischem Ritus getraut ivaren, so verlangten die uneheliche Mutter und der uneheliche Vater, der zugleich seinerzeit durch das Gericht zum Vormund der Minderjährigen bestellt wurde, auf Grund des 8 145 A. B. G. V. die Entfernung des Kindes aus dem Kloster und Zurückstellung desselben cur die Mutter. Das Bezirksgericht Neusaudec als Vormundschaftsbehörde hat jedoch diesem Ansuchen keine Folge gegeben, gleichzeitig die Vormundschaft dem bisherigen Vormund aügenommen und einen hiesigen Advokaten zum Vormund des Kindes bestellt. Der Vertreter der genannten Eltern, Landes- und Gerichtsadvokat Dr. Rafael Landau in Krakau, hat gegen diese Entscheidung an das Kreisgericht Neusandec rekurriert und gleichzeitig, da die unehelichen Eltern des Kindes nunmehr nach bürgerlichein Gesetz getraut ivurden, das genannte Kind dadurch legitimiert tvurde und die Rechte eitles ehelichen Kindes erhalten hat, die sofortige Aufhebung der bestellteil Vornluildschaft verlangt. Die Entscheidung hierüber ist bis mltl nicht erflossen. Die Schlttstverhnudlttng gegen die Exzedenten in Zablotow soll am 25. ds. vor dem hiesige,l Kreisgerichte beginnen. Angeklagt sind 31 Personen. 110 Zeugen sind vorgeladen, hievon 61 Juden und 49 Christen. Der Vertreter der Beschädigten ist nunmehr der betvährte Advokat Gesinnungsgenosse Herr Dr. L. Zipser, hier, nicht Dr. Schorr, da die letzterem seinerzeit seitens der „O e st e r r. i s r. U n i o n" in Wien übergebene Vertretung infolge folgendert Vorfalles eritzogen wurde. Herr Dr. Schorr, der Anführer der hiesigen Sozialdenwkratie, dessei, judenfeindlichen Gesinnungen (obwohl selbst Jude!) seit jeher jedem hier bekannt sind, beliebte nämlich, »lachdem ihm diese Vertretung bereits übertragen tvurde, vor einer jüdischen Volksversammlung, der auch ein Regierungskommissär beiwohnte, zu erklären: Die Juden in Zablotow seien die eigentlichen geistigen Urheber der dortigen Massakres — eine Beschuldigung, die ihnen sogar seitens der Staatsanwaltschaft nicht zuerkannt wurde. Diese Tatsache muß umso nachdrücklicher betont werden, als es der „Union" beliebt, in ihren „Mttteilungen" unter dem Titel „Aus unserem Rechtsschutzbureau viele solche Fälle zu publizieren, in denen die Union überhaupt nicht interveniert hat. Voraussetzung ist bloß, daß der „Fall" gunsttg erledigt tvurde u»,d für Reklatnezwecke ausgebeutet tverden kann. Solche Fälle aber, wie der vorliegende, welcher wieder einmal zeigt, in tveschen Kreisen die. Union ihre Anhänger sucht und findet, lind wie wenig Gewicht matt da auf die Kleinigkeit legt, daß die Vertretung in wirklich jüdische Hände gerate, tverden tvohlweisltch vori! schwiegen. Die hiesigen Juden fanden es daher mit der Ehre einer jüdischen „Union" unvereinbar, diesem die erteilte Vertretllng zu , überlassen und protestierten selbstredend dagegen, weshalb sich die Union genötigt sah, diesem die Vertretung zu entziehen. Wir können nur diesem Vorfälle Dank zollen, da es uns höchst angenehm ist, daß ein berühmter Advokat und dazu noch ein warmer nationaler Jude, seine beschädigten Brüder vertritt. Statistisches aus Ungarn. Dem soeben erschienenen Dezemberhefte des ungarischen Landesstatistischen Zentralamtes entnehmen wir folgende Daten: Mischehen zwischen Juden und Christen wurden im Monate Dezember 42 geschlossen (im ganzen Jahre 453); 21 Bräutigame und 21 Bräute gehörten den Judentums an. Bei diesen Ehen wurden in dreizehn Fällen hinsichtlich der Religion verfügt und zwar in elf Fällen z u g u n st e n der ch r i st l i ch e n, in zwei Fällen zugunsten der jüdischen Religion. Auslandsp ä ss e wurden im Dezember in Ungarn (inklusive Fiume) 6499 (—2147). in Kroatien 952 ( — 1163) ausgefolgt. Bon diesen lauteten 2446 nach Amerika. Die meisten wurden im H e r m a n n st ä d t e r Komitate verlangt. Bon einer jüdischen Einwanderungsfrage in Ungarn kann laut dem erwähnten offiziellen Ausweise nicht die Rede sein. Auf Grundlage der natürlichen Vermehrung hätte nämlich die Zahl der Juden in Ungarn vom Jahre 1890 bis 1900 insgesamt 842,993 Seelen betragen sollen. In Wirklichkeit belief sich aber laut amtlicher Statistik nur auf 831,162 Seelen, also um 11,862 weniger, als sie in Folge der Geburts- und Sterbefälle hätte sein müssen. In dem angeführten Jahrzent sind demnach ans Ungarn um 11,862 Juden mehr ausals eingewandert. Jüdisches Studentenelend. Vor einigen Tagen stand in Budapest der Hörer am dortigen Polytechnikum, Max B., wegen Diebstahls angeklagt, vor dem Strafsenat. Aber nur scheinbar war der kleine, schwächliche, in der Untersuchungshaft plötzlich ergraute jüdische Student der Angeklagte. Wer die Anklageschrift des Staatsanwaltes und die Verteidigungsrede des Verteidigers liest, hat das Gefühl, daß nicht der formell Angeklagte, sondern die ganze moderne Gesellschaft, und vor allem die Juden Budapest in Auklagezustand versetzt würden. Max B. war, wie aus der Anklage hervorgeht, anfangs September vorigen Jahres aller Mittel entblößt. Alle seine Bemühungen, sich das Schulgeld zu verschaffen, s ch l u g e n f e h l. In seiner Verzweiflung entwendete er aus dem Laboratorium des Polytechnikums eine Platina-Schale im Werte von 700 Kronen, die er durch einen Dienstmann um den Betrag von 300 Kronen verpfänden ließ. Von dem Erlöse erlegte er zunächst das Schulgeld, dannbezahlte er dierückst ä nd i g e Wohnungsmiete und schließlich kaufte er sich die notwendigsten Kleider. Schluchzend gestand der Angeklagte seine schwere Verirrung. Cr erzählte — und seine Erzählung erwies sichals wahr — sein Vater, ein armer kränklicher Mann, habe nenn Kinder. Im Winter erteile er — der Angeklagte — Privatunterricht, im Sommer, wenn die Parteien aufs Land gehen, sei er genötigt, als Aushilfskellner sein Brod zu verdienen. Im Sommer vorigen Jahres wurde er an,ch dieses Erwerbes verlustig, weil man ihn zur Ersatzreserve einberief. Der Staatsanwalt betonte, daß er wohl die Anklage erheben müsse, doch rufe er im Interesse des jungen Menschen, der ein Opfer unserer sozialen Zustände, in äußerster Not schwer gefehlt habe, das Wohlwollen des Gerichtshofes an. In Berücksichtigung aller mildernden Umstände, wurde der Angeklagte zu einer geringen Arreststrafe verurteilt. Wird ihn die jüdische Gesellschaft Budapests, die durch ihre verkehrten, den praktischen Anforderungen nicht entsprechenden Humanitären Einrichtungen an der Verirrung des Unglücklichen zumindest die Mitschuld ttägt, ihn wieder aufnehmen? Galizische Rohölindustrie. Ans Boryslaw wird uns geschrieben: Vom Bahnhof in Boryslaw wurden im Monat Oktober 4468 Zisternen Rohöl (zu 100 Meterzentnern) expediert, um 367 mehr als im September und um 1113 mehr als im August. Die Ziffer wurde nur im März (4486 Zisternen) übertroffen. Seit Beginn des Jahres wurden aus Boryslaw 39 664 Zisternen Rohöl weggebracht. Die Produttion der einzelnen Unternehmungen schwankt fortwährend, je nachdem die Bohrtätigkeit forciert wird oder nicht und je nachdem gerade ein frischer Ausbrnchsschacht angebohrt wurde oder nicht. Die Monatsproduktton der großen Firmen kann derzeit beiläufig folgendermaßen festgestellt werden: Zisternen. Naphtha-Jndustriegesellschaft.1000 Galizische Karpathengesellschaft.800 Syndikat (Naphtha und Karpathen) . . . 600 Peruz & Mikuchi . . . 500 Schodnica . 380- Fanto.. 300 Synghe. 250 Scott. 200 Anglo Galician . 150 Galizische Sparkasse ..150 Andere Produzenten, wie Hekla, Vesuv, Etna, Sirius usw. kann man auf durchschnittlich 160 Zisternen pro Monat, zusammen 1200 Zisternen schätzen, und die übrigen fast 60 minder produktiven Firmen liefern derzeit zusammen zirka 600 Zisternen monatlich. Im ganzen beträgt die Produktion also derzeit an 6000 Zisternen. In Boryslaw sind Magazine für 15 000 Zisternen vorhanden. Bis zum Frühjahr wird aber die Petrolea mit Reservoirs für 12 6000 Zisternen fertig, und dann wird man jederzeit an 30 000 Zisternen, also fast die Hälfte der diesjährigen Produktion, einlagern können. Die größten Magazine (für 5000 Zisternen) hat die Galizische Magazinierungsgesellschaft, dann kommt die Karpathen mit 4000 Zisternen, die A. G. für Naphthaindustrie mit 1500 Zisternen, die Boryslawer Rohöltransport- und Lagergesellschaft mit 1300 Zisternen usw. Außerdem besitzt die Schodnica zwei Röhrenzüge, durch welche sie ihr Oel von ihrer Grube in die Reservoirs beim Boryslawer Bahnhof drückt. Diese Reservoirs umfassen 3000 Zisternen. Die Urticzergesellschaft besitzt gleichfalls einen Röhreuzug und Reservoirs für 800 Zisternen. Im ganzen sind 17 Röhrenzüge in Boryslaw. Die Produktion kann mit Leichtigkeit wesentlich vergrößert werde»!, und nun nach der Wiederbildung des Kartells wird, sobald der noch vorhandene Mangel an Reservoirs behoben wird, aller Voraussicht nach die vorerst noch gehemmte Bohrtättgkeit sehr lebhaft tverden. In Westgalizien, besonders bei Krosno, wird schon jetzt auf zahlreichen Fundstätten wieder fleißig gebohrt. Die Leistungsfähigkeit des Boryslawer Bahnhofs entspricht vollkommen jeder Anforderung in Bezug auf den Güterverkehr. Die Einrichtungen gestatten in je 20 Minuten 166 Zisternenwaggons zu füllen, und täglich gehen sieben bis acht Lastzüge mit 160 bis 200 Waggons ab; es könnte aber nötigenfalls das doppelte geleistet werden. Dagegen existieren in diesem Bahnhof, der täglich sieben Pcrsonenzüge expediert und rnonatlich 16 000 Fahrkarten ausgibt, keine Warteräume, ebensowenig im benachbarten Drohobyczer Bahnhof! Eine andere Hauptklage ist der freche Oeldiebstahl, der, seit die Rohölpreise gestiegen sind, im alten Umfang wieder auftritt. Boryslaw besitzt eben keine Sicherheitswache, und die vier oder fünf Gendarmen reichen nicht aus. Alle Bitten an die Lemberger Statt- Halterei und das Ministerium des Innern sind bisnun erfolglos geblieben. Ausland. Die Beschlüsse der Kommission zur Behandlung der Judenfrage in Rußland sind dem „Hazman" zufolge folgende: 1. Der Ansiedlungsrayon der Juden bleibt auch weiter bestehen. 2. Die polnischen Städte werden in den Rayon einbezogen, den Juden jedoch verboten, daselbst Grundstücke zu erwerben. 3. Wenn die Bauern eines Dorfes um die Erlaubnis ansuchen, Juden daselbst anzusiedeln, soll ihnen dieselbe gewährt werden. 4. Den Juden wird gestattet, in den Dörfern auch Bauerngut zu pachten und zu bearbeiten, doch darf nicht mehr als eine „Desjatina" Land pro jüdische Seele verpachtet werden. Der jüdische Pächter muß jedoch die schriftliche Erklärung abgeben, daß sie außer diesem, in einem anderen Orte keinen Boden bearbeiten. 6. Es sollen in den Rayonsstädten Warschau und Odessa höhere Bildungsanstalten für Juden errichtet werden, jedoch mit der Bedingung, daß ihre Professoren ausschließlich Christen seien. 6. Es wird den außerhalb des Rayons wohnenden Kaufleuten und Lehrern verboten, jüdische Gehilfen und Bedienstete anzu stellen. 7. Das Wohnverbot der Juden innerhalb fünfzig Werst von der Grenze wird aufgehoben. (Diese Bestimmung wurde von uns bereits auf Grund einer Privatkorrespondenz gemeldet. Red.) Die letzte Bestimmung soll sofort ausgeführt werden, während die anderen Puntte einem engeren Komitee, welches in kurzer Zeit zusammentreten wird, überwiesen werden soll. Die Einwanderung in Nordamerika. In Amerika macht sich) neuerdingseine Bewegung zur Verschärfung der Eiinwanderergesetze bemerkbar. Die Bewachung der kanadischen Grenze wurde im abgelaufenen Jahre effektiv durchgeführt; auch an der Grenze gegen Mex i k o wird in Zukunft ein strenger Ueberwachungsdienst eingeführt werden. Der Commissioner General schlägt vor, allen über 60 Jahre alten Personen die Einwanderung zu verbieten, außer sie haben dort ansässige Kinder. Weiter sollen nach den europäischen Einschiffungsplätzen Bevollmächtigte des Einwandereramtes gesandt werden, um die Aufnahme kranker Reisender zu verhindern. Es wird der Vorschlag gemacht, in den Häfen der Union Agenturen zu errichten, welche die Verteilung der Ankömmlinge nach jenen Landes teilen zn besorgen haben, wo Arbeitskräfte vonnöten sind!. Jnsbesonders soll der Strom der Einwanderung pon den großen Städten abgelenkt werden. Schließlich wird noch! der Vorschlag gemacht, bei der Verleihung des Bürgerrechtes an Fremde einschränkende Maßregeln zu ergreifen, Der Verband aller deutschen Juden. Dev Zusammenschluß der Juden Deutschlands zu einem Zentralverband ist beschlossene Sache. Am 24. April bereits wird, wie gemeldet wird, in Berlin die konstituierende Delegiertenversammlung zusammentreten. Nach den von dem „Engeren Ausschuß für die Gesamtorganisation dev Israeliten Deutschlands" ausgearbeiteten und vom weiteren Ausschuß angenommenen Statuten bezweckt der „Verband der deutschen Juden" die Vertretung aller den Juden Deutschlands gemeinsamen Interessen. Hauptversammlungen, deren Sitzungen öffentlich sind, sollen mindestens alle zwei Jahre stattfinden. Mit der Geschäftsleitung wird ein aus 26 Mitgliedern bestehender Ausschuß betraut» den die Hauptversammlung wählt und dem je zwei Vertreter des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" angehören müssen. Als Delegierte zu den Hauptversammlungen entsenden die Gemeinden, welche mindestens 2000 Seelen umfassen, einen Delegierten, Gemeinden, welche kleiner sind, werden mit benachbarten derart zusammengelegt, daß auch hier eine Seelenzahl von 2000 auf je einen Vertreter kommt. Berlin und Vororte allein entsenden jedoch, trotz der zirka 100 000 jüdischen Bewohner, nur 20 Delegierte. Außer diesen Gemeindedelegierten werden zu Hauptversammlungen berufen je 6 . Vertreter des Zentralvereins der Staatsbürger jüdischen Glaubens und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, je 2 Vertreter des Rabbinerverbandes, des Lehrerverbandes, des Bayerischen Laudesvereines, # der Vereinigung badischer Israeliten und der bestehenden Provinzial- und Bezirksverbände, ferner je ein Vertreter der Lehrerkollegien der drei jüdischen Hochschulen in Berlin und Breslml. Der Verband soll die Verfechtung der Rechte der Juden in die Hand nehmen, ohne jedoch damit der Stellung der Juden zu den einzelnen, politischen Parteien, die jedem nach wie vor freisteht, zu präjudizieren. Das Andenken der in Südafrika gefallenen jüdischen Soldaten. Der Londoner Verein ,Maeeabaean" und die „Gesellschaft für jüdische Geschichte", vereinigten sich zu einem gemeinsamen Komitee, welches den Zweck hat, das Andenken derjenigen jüdischen Soldaten — 127 an der Zahl — welche in den Reihen Englands kämpfend, im englisch.burischen Kriege ihr Leben ließen, für ewige Zeiten zu sichern. An der Spitze dieser Bewegung steht Colonel Goldsmith als Präsident, der auch einen Aufruf an alle jüdischen Vereine, sowis auch an alle Juden als solche, ohne Unterschied der Partei und des Standes mit der Aufforderung richtete, durch ihr Schärflein das vorgestreckte Ziel erreichen und zu einer würdigen Dankeskundgebung der Juden Englands gestalten zu helfen. Das Vorhaben findet auch die Unterstützung sämtlicher Rabbiner. Lord Rotschild erscheint als Erster mit einer Zeichnung von h u n d e^r t P f u n d Sterling. Zweihundert jüdische Familien obdachlos. Wie „Hazofeh" meldet, dürften in allerkürzester Zeit zweihundert jüdische Familien, welche seit vielen Jahren in Sandmierz (Gouvern. Radum) wohnen, gezwungen werden, ihren Wohnsitz zu verlassen und obdachlos zu werden. Diese jüdische Ansiedlung wurde bis jetzt in ihrem Handel und Gewerbe, den sie betreibt, nicht gestört. Bor Kurzem kam nun ein neuer Kommissär, besten erste Arbeit es war, sämtliche Juden des Dorfes, wegen unerlaubten Wohnenin demselben vor Gericht zu zitieren. In der ersten Instanz fanden die Juden ihr Recht, da jedoch der Kommissär gegen dieses freisprechende Urteil rekurrierte, ist es, nach Ansicht dezitierten