Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Jädfecb» Yolkwblatt. 5. Februar 1904 Seite 5 Rosa Duschncr, Grete Alina, Regine Zeisler. Anschließend daran fand eine gemütliche Unterhaltung statt, um deren Gelingen sich die Mitglieder des Gesangsvereines „Schir Zion" Fünfhaus, Porges, Boghinisky, Gastein, Glatz, sowie das Vereinsmitglied Vonhardi verdient machten. Warum sie sich taufen lassen. Unsere lieben „Glaubensgenossen" oberer Schichte sind bekanntlich unerschöpflich in Gründen für ihre Uebertritte. Alle Gründe werden da genannt, nur natürlich nicht der, daß man wirklich bekehrt sei. Aber neulich war ich wirklich frappiert. Ich habe schon von Fällen gehört, wo sich Braut und Bräutigam taufen lassen damit — die Kinder als Christen geboren werden. Wenn aber eine solche Ehe kinderlos bleibt?! Ich kenne Fälle, wo schwangeren Frauen auch aus Rücksicht auf die — Kinder sich taufen lassen. Aber neulich war ich, wie gesagr, frappiert. Der Fall nach dem Schema F: Reich, zwei Kinder, unabhängig. Also nicht einmal Aussicht auf Avancement oder Rangserhöhung. Also warum? Ja, wissen Sie, Herr Doktor, bei meiner Kousine sind alle Kinder getauft, und denken Sie sich nur, meiile Kinder werden aufwachsen ynd die Vetter werden ihnen vorwerfen, daß sie Juden sind. Was bleibt da übrig; wir haben uns auch taufen lassen. Ich sagte nichts und empfahl mich. Mich sicht dieses Hmis nicht mehr. Aber ich werde nicht so bald an jene Gnädige vergessen, die mich mit dem naivsten Lächeln der Welt fragte, ob ich cs nicht natürlich fände, wenn bei ihrer Kousine die Kinder getauft sind, daß sie auch ihre Kinder taufen lasse. . Wien. Freitag abends, den 6. ds., Predigt im Leopoldstadtcr Tempel. Bekenntnisse eines getauften Inden. Andreas Ludwig Jeitteles hieß er und war im Jahre 1799 in Prag geboren. 1826 erwarb er in Wien den akademischen Doktorgrad, lies; sich daselbst als praktischer Arzt nieder, trat in den Verband der katholischen Kirche, vermählte sich und traf Vorbereitungen für den akademischen Lehrberuf. 1829 erhielt er die Stelle eines Prosektors ber einer anatomischen Lehrkanzel in Wien uno 1831 die durch den Tod des Ordinarius erledigte Lehrkanzel in provisorischer Eigenschaft. 1833 wurde ihm auf Grund einer zu jener Zeit vorgeschriebenen Konkursprüfung die supplierende und 1836 die ordentliche Professur der dazumal sogenannten theoretischen Medizin für Wundärzte an der Universität in Olmütz übertragen, in welcher Stellung er bis Frühjahr 1869 tätig blieb. Den Rest seiner Tage verbrachte er in Graz, wo er am 17. Juni1878 starb. Er war auch ein ganz respektabler Dichter. Zur Feier des Zentennariums seiner Geburt hat sein Sohn seine „Gesammelten Dichtungen" herausgegeben, welche den 10. Band der „Bibliothek der deutschen Schriftsteller aus Böhmen" füllen. Jeitteles legte sich als Dichter das Pseudonym Justus Frey bei. Dr. Beruh. Münz in Wien teilt einiges daraus mit. Wir wollen hier nur die folgenden lehrreichen Verse anführen: „Am Heiligsten vergriff er schnöde sich Und an sich selber übt er Hochverrat. Verwüstet hat er einen Temp^lbau, Gleich jenem Tempelschänder Herostrat; Was Wunder, wenn sich seiner müden Brust Der Friede nimmer glückverheißend naht? Was er gesäet, schwillt zu. keiner Frucht, Denn unerwachsen starb die junge Saat; Was er auch tue, Segen bringt es kaum, Denn all sein Tun ist halbgctane Tat; , ' Was er auch denke, sein Gedanke siecht, Denn Schwermut lenkt ihn wie die Pupp' am Draht; So ruft er endlich schmerzdurchschauert aus: Verdien' ich nicht mein Los, ich Apostat? —" Warnun g. «Am Glauben deiner Väter halte fest! Abtrünnig werden bringt dir oft Gefahr, Und wenn Gefahr nicht, so doch niemals Heil. Es bleibt in deinem Busen stets ein Rest, Ein starker Rest zurück von dem, was war, Was deines bessern Selbstes, war ein Teil. Nicht weißt du, wem du angehören sollst: Nach jener Seite zieht gewohnte Macht, Nach dieser vorschnell, übernomm'ne Pflicht. So kommt's, daß deinem Genius du grollst, Uufriedlich steigt für dich herab die Nacht, Und freudlos findet dich der Sonne Lichr. Die neugewählte Schar gewinnst du kaum, Den Freund von eh'mals hast du mißgestimmt, Verlassen dünkst du dich an jedem Ort. Ein Lcidgenosse bist du jenem Baum, Den man der heimatlichen Erd' entnimmt Und der im fremden Boden irüb verdorrt!" Olmütz. Am 30. Jänner l. I. hielt Herr Rabbiner Dr. V. O p p e u h e i m e r auf Veranlassung der Bibliothekkommission der Israelitischen Kultusgemeinde einen Vortrag über „Begriff und Wesen der Prophetie Israels". Zu demselben hatte sich ein zahlreiches Publikum, darunter viele Damen, eingefunden, welches die instruktiven und interessanten, dabei aber auch volkstümlichen, auf einem intensiven Studium des Themas basierenden Ausführungen des Redners mit Aufmerksamkeit und reichem Beifallbegleitete. Nach Schluß derselben , wurde Herrn Dr. Opponhejm: und Herrn Sigmund Zweig der Dank der Versammlung ausgesprochen, tvelcher jkundgebung sich auch Herr Kammerrat Wilhelm Brich unter Anerkennung der Notwendigkeit und Nützlichkeit derartiger volksbildender Vorträge anschloß. Eine Prager Synagvgenstiftuug. Der Verwaltungsgerichtshof unter Vorsitz des zweiten Präsidenten Freiherrn Dr. v. Lemayer verhandelte über die Gebührenfrage, betreffend eine bei der Prager Kultusgemeinde bestehenden Joachim v- Popper'sche Stiftung, bestehend in Wertpapieren von 38 630 K. Der Stifter Joachim Edler v. Popper hatte in seinem Testament vom 6. Mai 1766 angeprdnet, daß die in seinem Hause bestehende Synagoge , mit allen Erfordernissen versehen und in gutem Zustande erhalten werde, und zwar mit den nötigen Lichtern,. Schuldicnern .und sonstigen Erfordernissen auf die nämliche Art und Weise, tvie dies bei seinen Lebzeiten beobachtet wurde, und. daß imchi seinem Hinscheiden, zwei jüdische Gelehrte alle Tage nach dem Gebete sich mit Talmildstudien befassen und die Seelenandachten zu verrichten haben. Von dieser Stifturig haben die Finanzbehörden den Schulbeitrag. vom Gebiihrenäguivalent bemessen, Iveil es sich rricht um eine von der Gebnh.renpflicht befreite Synagoge handelt, sondern, um .eine selbstständige Stiftung, die Knltriszwecken getvidmet ist. Gegerr diese von den Instanzen bestätigte Entscheidung machte der Vertreter der Prager Krlltrisgenlein.de, Dr. Ludwig Bendieuerä heute vor dem VerwältrurgsgerichtShofe geltend, daß die betreffende „Schrrle" (ein alihergebrachter Ausdruck für Synagoge) eure Privatsynagoge des Joachim Edlen v. Popper war. die er für ewige Zeiten als solche gesichert haben wollte. Wenn Popper nun bestimmte, daß für diese Synagoge die Auslagerr für die Diener, für die Beschaffung von Lichtern rrnd für sonstige Einrichtungen, sowie für die Verrichtrrng von Gebeten und Talmudstudicn ein Betrag gesichert werde, so sind dies integrierende Bestandteile der Synagoge, sind von Personen, da die Synagoge sich nicht auf einen leeren Bau beschränken kann, sondern auch einen Inhalt und eine Bedeutung haben muß. Es sei' daher auch diese Stiftung nach Paragraph 2 des Landesgesetzcs vom : 6. Juni 1898 frei vom Schulbeitrage und die angefo'chtene Entscheidung als gesetzwidrig aufzuheben. Der Vcrwaltungsgerichtshof hob die Entscheidung des Finanzministeriums als ungesetzlich auf, weil sie auf einer unhaltbaren Unterscheidung zwischen der Synagoge und dem Vermögen der Synagoge beruhe. Die Synagoge sei aber eine juridische Person, eine Anstalt, die identisch sei mit dem zum Stiftszwecke gewidnieten Personen. Geradeso aber wie ein Kirchenvermögen nicht aufhört, Kirchcnvcrmögen zu sein, wenn sein Zweck sich noch auf andere Kultushandlungen richte, sei es auch bei der Synagoge. Da es sich also um eine Synagogenstiftung handle, habe die Freiheit vom Gcbührcnequivalente statt. j Ambition eines „jüdischen" Lehrers. In der Sitzung der zur Feststellung des einheitlichen Religionsunterrichtsplanes entsendeten Landeskommission, stellte Philipp Csukasi, Lehrer an der Elementarschule der Pester isr. Religionsgcmeinde, folgenden Antrag, durch welchen er seinem lang gehegten Wunsche Ausdruck gab: „Der Beginn des Unterrichtes im Hebräischen Lesen ist aus wohlbekannten pädagogischen Gründen von der 1. Elemenjarklassc der Kommunal- Schulen auszuschließen und in die 2. Klasse zu verlegen." — Dieser Antrag eines „jüdischen" Lehrers dürfte manchen befremden. Wir aber wundern uns darüber nicht; ist doch Herr Csukasi Lehrer an derjenigen jüdischen Schule, die solche deutsche Lesebücher im Gebrauch hat, in welchen den jüdischen Schülern eingeschärft wird: „Jesus ist mein Heil, das Herz Jesus ist mein Altar!" Wechselmnnn-Feier. Man schreibt uns aus Budapest vom 1. Februar: Gestern war ein Jahr verflossen, seitdem Ignaz Ritter v. Wechselmann sein der ehrlichen Arbeit und dem künstlerischen Schaffen gewidmetes Leben beendet hat. Nach seinem Tode wurde es bekannt, daß er durch zwei große Stiftungen sowohl für das Wohl der hilfsbedürftigen Lehrer, als für die Erziehung und Versorgung blinder Kinder in wahrhaft fürstlicher Weise gesorgt hat. Die Lehrerschaft des Landes, für deren Invaliden, Witwen und Waisen der edle Menschenfreund in so munifizenter Weise sorgte, hat nun ihren Dank in würdiger Weise zum Ausdruck gebracht; cs geschah dies im Rahmen einer Feier, die der Israelitische Landes-Lehrerverein gestern vormittags 11 Uhr im Prachtsaale der Pester isr. Religionsgemeinde veranstaltete. Schon lauge vor Beginn der Feier war der Sitzungssaal von zahlreichen Festgästen dicht gefüllt. Es waren viele hervorragende Mitglieder unseres öffentlichen und sozialen Lebens erschienen. Anwesend waren als Vertreter des Ministers für Kultus und Unterricht Ministerialrat Dr. Viktor Molnar, eine Abordnung des Hilfsvereins der Lehrer, die Vertreter des Landeskomitees der ungarischen Lehrer, der Vorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde unter Führung des Hofrates Sigmund Kohner, der Vorsteher Ludwig Adler, Ludwig Baumgarten und des kön. Rates Dr. Philipp Weinmann, der Professorenkörper des Landes-Rabbinenseminars und der israelitischen Lehrerbildungsanstalt unter Führung der Professoren Dr. Bacher und Banoczy, Großindustrieller Wilhelm Leipziger, Schulinspektor Dr. Karl Vcredy, Professor Dr. Bernhard Munkacsi, der Lehrkörper des israelitischen Waisenhauses unter Führung Professor Csajaghys, der Lehrkörper der Pester israelitischen Religionsgemeinde unter Führung der Direktoren Halaß und Stern, die hervorragendsten Mitglieder der israelitischen Lehrerschaft und die Vertreter ihrer Bezirks-Ausschüsse, der greise Nestor des' ungarisch-israelitischen Volksschulwesens, Präparandie-Direktor i.' P. Abraham Lederer, die Deputation des Pester israelitischen Frauenvereins unter Führung der Präsidentin Marie Herzl, alle Mitglieder der Familie Neuschloß, die Witwe des edlen Stifters Frau Ignaz Wechselmann und viele andere. Nachdem der gut geschulte Sängerchor der israelitischen Landes-Lehrerpräparandie die ergreifende Tondichtung Julius I. Majors „Fohasz" vorgctragen hatte, eröffnete Präsident Julius- Kornfeld die Feier. Rudolf Bard schilderte in einem meisterhaften j Essay die Biographie und das Seelenleben des edlen Menschenfreundes, Dr. Josef Gööz gedachte namens des Landeskomitces der un-j garischen Lehrer der Verdienste des Verstorbenen, Karl Sebestyen feierte in einem schwungvollen Gedichte den großen Wohltäter. Sämtliche Vorträge erzielten stürmischen Applaus. Der Chor der Vraparandisten trug sodann eine zweite Komposition Majors, den Psalm 47 vor. Philipp Csukasi proponierte in einer gediegenen, beifällig aufgenommenen Rede die Verewigung des Angedenkens des edlen Stifters. (Begeisterte Zustimmung.) Ministerialrat Doktor Viktor Molnar brachte mit warmen Worten die Teilnahme des Kultus- und Unterrichtsministers zum Ausdrucke. Mit dem Absingen des „Hymnus'" nahm die Feier ein Ende. Budapest. (W a s i st e i n R e n e g a t w e r t?) Die hiesige „Sonn- und Montagszeitung" kann davon ein Histörchen berichten, das ein gar seltsames Streiflicht auf eigenartige Zustände wirft: Dabei wäre cs nicht einmal ein vollwertiger Renegat, um den sich der Abtpfarrer des 7. Bezirkes, Se. Hochwürden Herr Totfaluszy, so eifrig bemüht. Es handelt sich nämlich um einen 20jährigen jungen Mann, der eine etwas bewegte konfessionelle Vergangenheit hinter sich hat. Geboren wurde derselbe als der natürliche Sohn einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters. Im Sinne der bestehenden Gesetze folgen die außerehelich geborenen Kinder der Religion der Mutter und tragen ihren Namen. So auch in diesem Falle. Das Kind lvurde getauft, blieb aber in dem Hause seines Vaters, der es sehr lieb hatte und erzog. Kein Mensch dachte daran, daß der kleine Vela eigentlich ein Christ sei, er wurde mit den anderen Kindern des,Hauses erzogen, lernte mil ihnen, hielt und feierte mit ihnen die jüdischen Gebräuche und Festtage. Da starb seine Ntutter — er war damals schon 18 Jahre alt — und da kam es zu Tage, daß der Sohn eigentlich ein Christ sei. Er war aber als Jude erzogen, wollte ein Jude bleiben und trat schließlich definitiv zum Judentum über. Inzwischen starb auch sein Vater. Einst ein wohlhabender Mann,, war er im Laufe der Jahre zugrunde gegangen und hinterließ nichts. Der junge Mann sah sich nach einer Anstellung um, aber es gelang ihm bis zur Stunde nicht, eine solche zu erhalten. Wir wissen nicht, woher der Pfarrer der Elisabethstadt von der Lage des jungen Mannes Kenntnis erhielt— vielleicht waren dessen Nachbarn so freundlich, über denselben Mitteilung zu machen — genug, der Pfarrer Totfaluszy, dieser bekannte Proselytenmacher par excellence, ließ den jungen Mann zu sich bescheiden, klärte ihn in beredter Weise darüber auf, daß er trotz seines llebertrittes zum Judentmn doch noch immer Christ geblieben, da nur die Taufe in umgekehrter Ordnung als Sakrament zu betrachten ist und daß cs rmr einer Formalität bedarf, wenn er wieder in den Schoß der allein seligmachenden Kirche zurücktrete. Er sollte, auch materiell seine Rechnung dabei finden, denn er erhält dann 1000 Kronen bar und eine Anstellung in Gyulafehervar uiid auch die Reisespesen dorthin. Die 1000 Kronen sollen ibm in Gyulafehervar ausbezahlt werden usw. an der Kasse des Bischofs Grafen Mailath, Wenigstens Ureis; man jetzt, wer die Kosten der Totfaluszy'schen Bemühungen,bezahlt,und wie teuer der Herr Pfarrer eine geivonnene Seele taxiert. Es ist uns nicht bekannt, ob der junge Mann Jude geblieben oder ob er bereits auf der Reise nach Gyulafehervar begriffen ist. —- So tuen der Bericht des Blattes, doch wir rechnen unwillkürlich. daß also die 900 000 Juden Ungarns für den Katholizisnnis 900 Millionen wert sind. Soll man da als Jude nicht hochmütig werden? Und doch fanden sich 1901 bloß 363 Inden zum Uebertritt in den katholischen Glauben bereit, also einer von 2600 Juden. Wie viel Katholiken man lvohl für 1090 Kronen bekehren könnte? Wien. Am 17. Dezember v. I. entstanden in Stat, etwa 60 Kilometer von Casablanka (Marokko) Unruhen, welche die ganze dortige jüdische Bevölkerung (1600 ungefähr) ins Unglück brachten und dem Elend Preisgaben. Während die Juden in der Synagoge das Morgcngebet hielten, stürzten zahlreiche berittene Kabylcn aus der Umgebung in das jüdische Stadtviertel (Mellah), wo sie das Hab und Gut der Juden raubten und verheerten, Frauen und Kinder als Geiseln Mitnahmen. Im Laufe der Krawalle starben zlvci Inden, die von den Pferden zertreten wurden. Außerdem geschahen ungeheure Szenen der Gewalttätigkeit und der! Schändung, so wurde z. B. ein zwölfjähriges Mädchen, ein armseliger Krüppel, derart vergewaltigt, daß es kaum noch einem menschlichen Wesen ähnlich sah. Wöchnerinnen sowie ihre Säuglinge wurden grausam entkleidet und auf die Straße geworfen. Die Zahl der an diesem Tage verwüsteten Häuser oder Geschäftslokale beträgt, etiva 300, und beinahe 1600 Juden standen da ohne die geringsten Lebensmittel. Vorhin war ihre Lage keine besonders glänzende. Sie lebten meistens spärlich als kleine Handwerker oder Hausierer; ihre Not ist aber jetzt unbeschreiblich. In ihrer Bestürzung flüchteten sich unsere Glaubensgenossen nach allen Richtungen hin, und wo sie nur hin konnten. So kam es, daß Kinder von ihren Eltern getrennt wurden; eines blieb 24 Tage fern von seiner Familie; manche Frau wußte nicht, was aus ihrem Mann geworden; mancher Ehegatte suchte vergebens nach den Seinigen. Tagtäglich werden noch zahlreiche von ihnen gegen ein beträchtliches Lösegcld freigclasscn und den ihrigen zurückgegeben. Mitten in diesem Wirrwarr benahmen sich die Araber zu Ouled Hiß den Flüchtlingen gegenüber höchst mildtätig. Sie nahmen manche in ihre Häuser auf und gaben ihnen das nötige zum provisorischen Lebensunterhalt. Einer von ihnen namens Mohammed ben Tcrmi ritt sogar an der Spitze mehrerer Araber, um die verirrten Mitglieder der jüdischen Familien nachzuholcn; andere Araber dagegen verhielten sich grausam, und unter dem Vorwände, den Juden ihr bißchen Geld und Ware aufzubewahren, stahlen sie alles, was sie nur konnten. Der größte Teil der Flüchtlinge aber, etwa 700 an der Zahl, begab sich nach Casablanca. In ihrer Not kamen die Unglücklichen zum dortigen Direktor der Allianzschule, um ferne Hilfe zu erflehen. Man kann sich von ihrem Zustande eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß sie, um die 60 Kilometer, die sie von Casablana trennten, zurückzulegen, 10 Tage brauchten. Auch war der Anblick dieser verarmten und verhungerten, um ein Stück Brot, Kleidung und Unterkunft flehentlich bittenden Unglückseligen nach dem Berichte des Direktors ein herzzerreißender. Ec ließ sofort Sammlungen in der Gemeinde Casablanca veranstalten, um den dringendsten Bedürfnissen vorzubeugen; die-eingesammelten Gelder waren aber bald verzehrt. Dank der Wohltätigkeit der Juden in Casablanca und der Vermittlung der europäischen Konsuln (besonders der englischen) werden allerdings die armen Juden aus Stat für einige Zeit das tägliche Brot sowie die unbedingt nötigen Kleider erhalten. Damit ist aber noch lange nicht ihrer Lage abgeholfen. Sie müssen zunächst, und bis die Ordnung in Stat wieder hergestellt ist, in Casablanca verweilen und es soll für ihren dortigen Unterhalt gesorgt werden. Ferner aber und vor allem muß an ihre baldmöglichste Repatriierung gedacht werden, die beträchtliche Summen in Anspruch nehmen dürfte, da von der früheren Wirtschaft nichts mehr besteht und also die Kosten der Wiederherstellung eines Heims auf eine sehr bedeutende Summe zu veranschlagen sind. Die Allianz hat sofort alle Kinder der Flüchtlinge aus Stat in ihre Schule in Casablanka ausgenommen, wo sie das Mittagessen und Kleider erhalten. Sie hat auch schon vorläufig 2000 Frcs. für Hilfsmittel nach Casablanca geschickt. Aber bedeutende Gelder sind nötig, denn die Katastrophe ist schrecklich. Andere Krawalle sollen in Marrakesch, wo 14 000 Juden wohnen, ausgebrochen sein. Auch da muß man vermutliche mit großen Geldern helfen. Das Bureau der Isr. Allianz in Wien,. 1. Bez., Weihbnrgg. 10, nimmt hochherzige Spenden für die verunglückten Glaubensgenossen dankend entgegen. Airstimd. „Die Welt" schreibt: Ä Herzl weilt gegenwärtig in Italien. Unser Präsident, in dessen Begleitung sich Dr. Felice Ravenna, Mitglied des großen A.-C. für Italien, befindet, ist in Nom vom König Viktor) Gmannel in Prtvatandienz empfangen worden. Nach! der königlichen Audienz hatte Dr. Herzl auch mit dem Mmilsiler für auswärtige Allgelegenheiten, Herrn Titkont, eine Unterredung. Dr. Herzl wurde allchj vom Papst und vom Kardinal-Sta>atssekretär Merry de Val empfangen. Er fand überall die bosie Aufnahme. Bibel und Babel in England. Prof. Friedrich Delitzsch, der bekannte Bibel- und Sprachforscher, wird, wie man uns aus Berlin telegraphiert, demnächst auch in England für seine Forschungen eintreten. Er wurde von einem Vereine, dessen Ziel die Ausbreitung des Vibelstudiums in seiner einfachsten und verständlichsten Form ist, eingeladen, in Oxford drei religionswissenschaftliche Vorträge zu halten, und er gedenkt dieser Einladung Folge zu leistest. Das englische Fremdengesetz. „Daily Expreß" weiß Näheres über das Fvem/dengesetz, welches unverzüglich dem Parlament von der Regierung vorgelegt Wehden wird. Jeder fremde Einwanderer hat einen -Paß vorzuzeigen, der seine ausführliche Vorgeschichte nachweist. Die englischen Behörden gestattenkeinem zu landen., der ein ungünstiges Vorleben gehabt hat, und die Dampfer haben solche Abgewiesene auf eigene Kosten zuiiückzuitransportieven. Die Einwanderer, welchen die Landung gestattet lvürde, unterstehen einer fünfjährigen Polizeiaufsicht und haben sich periodisch im ZivMandesamt persönlich zu melden. Die Behörden haben das Recht, Freunden die Niederlassung m solchen Distrikten zu untersagen', wo ein übermäßiger. Andrang von Landes stunden stattgefunden hat. Voraussichtlich! werden auch die bereits eingewanderten Fremden unter Polizeiaufsicht gestellt werden. Kapstadt. Der bekannte Johannesburger Firranzrnann Harr y Free m a n C o h e n hat sich selbst das Leben geiwmmen, indem er sich mit einem Rasiermesser den Hals durchschnitt. He.rr Cohen war einer der Finanzmänner, die die Zahlung der ersten Rate des Kriegskostenmänls von Lstr. 30 Millionen!garantierten. Er hatte sich bis zn Lstr. 260 000 verpflichtet. Am Rand spielte er eine große Rolle, obgleich er seinen größten (tzeschästserfolg in Cardiff hatte. Man behauptete, daß/tzr vielfacher Mstlionär sei. doch ist daran zn'erinnern, daß vor einiger'Zeit von Schwierigkeiten der von ihm gegründeten Gesellschaft Freemann Cohens Consolidated die 9tede nxir. Herr Freeman ^ohen tvax im vergangenen Jahre das Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in Johannesburg. Sestr frerindliches Wesen geivann ihm viele Freunde und er zeichnete'sich durch große Beiträge gu Wohltätigkeitsztvecken aus. Im Jahre 1903 gründete er die Zeitung «Rand Daily Dtail". Er war seit einiger Zeit krank rmd hielt sich in Caledon nicht tveit von Kapstadt auf, mn die dortigen Bäder zu benützen.