Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Stat&g Uiföi«dt68 V&Lksrblätt. 5. Februar 1-04 Nr. 6 der „Times" folgendermaßen zusammcnfnssen: Einige Gouverneure verlangen die vollständigeVcrtrcibnng der Juden, andere, wie z. B. der neue Gouverneur von Bessarabien, Fürst Urussow, ivünscht die Vollständige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Rassen, da nur die beschränkenden Gesetze einige Juden veranlasst haben, sich Mit Politik-zu befassen. Der Gouverneur von Wilna setzt in einem langen Memorandum auseinander, welche schlimmen Folgen das Zusammenpressen der Juden in bestimmten Bezirken bat und er empfiehlt, nicht weiter die Hebung der allgemeinen Bildung der Juden zu hindern. Es sei denselben verboten, eigene Schulen zu Alben und die Rabbiner, die durch den Staat bestätigt wurden, hätten keine theologische Bildung und übten daher nur geringeil Einfluß aus. Die nicht offiziell anerkannten Rabbiilcr dürften nicht öffentlich handeln und haben keine Möglichkeit, sich selbst zu bilden. Der Gouverneur schlägt daher die Errichtung theologischer Institute vor, in derlcn eine Klasse gelehrter Rabbiner herangezogen werden könnte. — Von den sieben Berichten, die sich mit der landwirtschaftlichen Frage beschäftigen, sind drei gegen die Verwendung von Juden in der Landwirtschaft. Der Gouverneur von Mohilew begnügt sich damit, statistische Daten zu geben, während der Gouverneur von Podolien behauptet, daß die Juden nur im Herbst bei der Einbringung des Getreides und der Gemüse helfen, das übrige aber den christlichen Bauern überlassen: 60 Prozent der Juden hätten bereits die Kolonie verlassen und widmeten sich ausschließlich dem Handel und der Industrie, der Versuch, aus den Juden Landbebauer zu machen, sei daher ein vergeblicher. Der Gouverneur von Wilna drückt sich ähnlich aus, er scheint aber die Verhältnisse nicht genml zu kennen, denn er spricht von 72 jüdischen Kolonien, währerld es derer nicht mehr als 30 gibt. Andererseits erklärt der Gouverneur von Minsk, daß sich der jüdische Landarbeiter von dem christlichen nllr durch die Religion unterscheide. Der Gouverneur von Jekaterinoslaw meint, daß die Juden als Landwirte nur deshalb nicht prosperiert hätten, weil man ihnen zu wenig Land gegeben habe, infolge dessen die Juden andere Beschäftigungen suchen mußten. Er habe verschiedene jüdische Kolonien besucht trnd alles war so gut, wie man es nur erwarten konnte. Die Judenftage könnte daher leichter gelöst werden, wenn man das System der landwirtschaftlichen Kolonien besser organisiere und erweitere. Nach dem Gouverneur von Cherson mieden die Juden zuerst die Kolonien, aber nachdem die Methoden verbessert worden waren, wurde der Plan populär. Im Jahre 1889 waren 68 Prozent und 1898 schon 73 Prozent der jüdischen Bevölkerung nur in der Landwirtschaft beschäftigt; 19 Prozent vereinigte mit der Landwirtschaft Handelsunternehmungen, während 2 Prozent nur Handel trieben. Der Gouverneur zweifelt nicht cm der Fähigkeit der Juden, das Land zu bebauen und er meint, daß die Bemühungen der Juden in dieser! Richtung unterstützt werden sollten. Dieser Bericht ist umso bemerkenswerter, als der Gouverneur von Cherson bekannt ist als starker Antisemit. Eine Kommission, an deren Spitze der frühere Gouverneur von Charkow, Fürst Obolenski, steht, soll diese Berichte verarbeiten. — In Kischenew sind dem Bureau Reuter zufolge verschiedene jüdische Delegierte eingetroffen, die die Bevölkerung der ländlichen Distrikte von Bessarabien repräsentieren, um mit der jüdischen Bevölkerung von Kischenew eine Auswanderungsbewegung ins SBetf zu setzen. Die jüdischen Ackerbauern von Bessarabien beabsichtigen, nach Argentinien und Canada auszuwandern. Die Auswanderung soll in vier Kolonnen geschehen, von denen jede hundert Familien stark sein würde. Rostock. Die „Rostocker Zeitung" brachte jüngst den folgenden Bericht: „In der Hauptversammlung der kirchlichen Landeskonferenz und des Landesoereines für Innere Mission ist seit gestern eine große Anzahl Geistlicher aus allen Teilen Mecklenburgs hier versammelt. Die Tagung wurde gestern nachmittags üm 5 Uhr mit einer Vorstondssitzung der Landeskonferenz eröffnet. Die erste öffentliche Veranstaltung: die Generalversammlung des Judenmissionsvereines, fand bereits zahlreichen Besuch, so daß diese Versammlung vom „Spiegelsaal" der Tonhalle in den großen Saal verlegt werden mußte. Hier eröffnete Herr Superintendent Dr. Behm-Doberan die Sitzung mit Worten der Begrüßung und mit einem Hinweis darauf, daß die Judenmission eine Aufgabe der Liebe sei. Ein Geistlicher, der zehn Jahre lang in Rumänien als Judenmisst nar gewirkt hat, Herr Pastor von Harling aus Leipzig, gab dann ein Bild von der Bedeutung der Aufgaben der Judenmission im allgemeinen und von der Tä-igkeit der Judenmission in Rumänien im besonderen. Er führte einleitend aus, daß die Christen sich der Pflicht der Judenmission nicht entziehen könnten. Die erste Ausgabe sei es, dahin zu wirken, daß die Juden an die Liebe der Christen glauben. Jeder Christ müsse Mitarbeiter in der Judenmission werden. Leider gebe es überall, wie auch in Mecklenburg nur eine kleine Anzahl Freunde dieser Mission. In Deutschland sei erst wenig für die Judenmifsion getan, und doch habe gerade dieses Land den meisten Anlaß dazu, weil die meisten Juden bis in den fernen Osten hinein die deutsche Sprache als Muttersprache hätten. Besonders unsere lutherische müsse Kirche mit immer größerem Interesse an diesem Werke tätig sein. Redner bat vorsieben Jahren in Galatz auf Bitten jüdischer Eltern mit Genehmigung eines Norwegischen Missionskomitees, eine Missionsschule mit zirka 30 Kindern errichtet, die jetzt zu einer völlig entwickelten Mädchenschule mit sechs Klassen und 140 Schülerinnen geworden, und der vom Unterrichtsministerder Name „Protestantisch-Israelitische Mädchenschule" beigelegt worden ist. Er berichtete ferner über die dort eingeführten Kindergottesdienste, sowie über eine für junge jüdische Kaufleute eingerichtete Fortbildungsschule. Ueberall hat sich das ursprüngliche Mißtrauen gegen die Missionare in Achtung und Liebe umgewandelt. Herr Supperintendet Dr. Behm- Doberan gab im Anschluß an den Vortrag einen Ueberblick über die Tätigkeit in der Landeskirche für das Werk der Judenmission. — Die Vereinigung hatte eine Einnahme von 514.40 Mark eine Ausgabe von 489.86 Mark, unter welch' letzterer der Beitrag an den evangelisch-lutherischen Zentralverein zu Leipzig.mit 400 Mark als Hauptsumme sicht. Zum Schlüsse ermahnte der Redner, in Treue auf dem Wachtposten dieser Mission zu beharren, und schloß dann mit Gebet die Bersammltrng " — Für die großen jüdischen Gesellschaften in Deutschland und Frankreich, welche den Zweck haben, den osteuropäischen Brüdern Hilfe und Unterstützungtlaygedeihen zu lassen, ist hier noch eine h.nhe Aufgabe durch Gründung jüdischer Schulen und aufklärender Bort.räge M Erwachsene zu erfüllen. Der Missionsgesellschaft muß unter allen Umständen das Handwerk gelegt werden. * * * Ucber die Aenderurrg von Familiennamen der Juden ist unterm 25. September d. I. eine Verfügung des vreußischen Ministers des Innern ergangen, die im Ministerialblatt Nummer io vom 31. Oktober d. I? veröffentlicht wird. Darin wird der Aussassung entgegengetreten, daß zum Christentum übertretende Juden im allgemeinen berechtigt ftien, sich bei der Taufe einen neuen Familiennamen beizulegen. Namensänderungen dex Juden seien nicht anders als Namensänderungen der Christen zu behandeln. Darin herßt es weiter: Eine'Ausnahme für den Fall des Üebertritts zum Christentum ist den Juden sn rechtlich verbindlicher Mise niemals zugesty.nden worden. JnShesondere können sie aus. der Kabinettsordre vom 13. Mai 1822 nichthen Anspruch herleitesi. daß die von ihnest bei der Taufe angenommenen Namen ohne weiteres zu bestätigen feien. Denü dem Minister des Innern wurde durch diese Verordnung keine Verpflichtung auferlegt, sondern nur eine Ermächtigung gegeben, deren Erteilung er selbst angeregt hatte, seitdem infolge der Kabinettsordre vom 15. April 1822 (G.-S. S. 108) die Namensänderungen der Zuständigkeit des Staatsministeriums entzogen waren. Wenn im übrigen die Delegation nach den amtlichen Vorgängen auf der Erwägung beruhte, daß die Annahme neuer Familiennamen seitens der zum Christentum übertretenden Juden ganz gewöhnlich sei, so mochte dies in einer Zeit, wo die Familiennamen sich bet den Juden überhaupt noch nicht fest eingebürgert hatten, ein Grund sein, die Bestätigung des gewählten Namens in der Regel nicht zu versagen. Nachdem die Entwickelung aber znm Abschluß gelangt war, lag zu einer speziellen Begünstigung dieser Art von Namensänderungen vor anderen Fällen keine Veranlassung mehr vor. Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich hiernach ergebenst, bei der Beurteilung der gemäß dem Erlaß vom 18. Mai 1900 hier vorzulegenden Anträge ans Aenderung jüdischer Familiennamen in Zukunft gefälligst davon auszugehen, daß der Uebertritt zur christlichen Religion an sich als ein zur Namensänderung ausreichender Grund auch dann nicht angesehen werden kann, wenn der Antrag in unmittelbarem Zusammenhang mit der Taufe gestellt worden ist. Chrmül. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultuögemeinde Wien vom 31. Jänner 1904, unter dem Vorsitze des Blze-Präsidenten Dr. Alfred Stern, teilweise unter dem Vorsitze des Vize-Präsidenten Doktor Gustav Kohn. Vor Uebergcmg der Tagesordnung gedenkt der Vorsitzende der traurigen und der freudigen Ereignisse in unserer Gemeinde während des abgelanfenen Monats. Er gibt Ausdruck den Gefühlen der Trauer über das Hlnscheiden zweier Mitglieder des Bethausvorstandes, indem er das überaus verdienstliche Wirken des seligen Bethausvorstehers Arthur Flaschner und des seligen Bethaus- und Chewva-Kadiseha-Vorftehers Jakob Moor in einem warm empfundenen Nachrufe würdigt. Der Kultusvorstand wird diesen Heimgegangenen stets ein treues Angedenken bewahren. Weiters gedenkt der Vorsitzende in seinen Worten des verstorbenen Oberkehrers Philipp Brunner, der als hervorragender Pädagoge weit über die Gemarkung unserer Vaterstadt einen Namen sich erwarb und in unserer Gemeinde durch mehrere Jahre das Amt eines Prüfungskommissärs für das Religionsfach an Volks¬ und Bürgerschulen mit gewissenhafter Obsorge bekleidete. Auch diesen Mctnn wird der Vorstand stets in dankbarer Erinnerung behalten. Die Versammlung ehrt das Andenken der Dähmgeschiedenen durch Erheben von den Sitzen und beschließt die Einverleibung dieser Trauerkundgebungen in das Sitzungsprotokoll. Der Vorsitzende richtet herzliche Worte der Begrüßung cm den in der Sitzung anwesenden Kultusvorsteher Herrn Gottlieb Taussig. der vor kurzem ein seltenes Doppeljubiläum, die Feier seines 70. Geburtsfestes und das 50jährige Jubiläum seiner beruflichen Tätigkeit beging. Der Vorsitzende bringt den Wunsch zum Ausdrucke,' daß dieses ausgezeichnete Mitglied des Kollegiums, welches nun-; mehr in die Reihe der Senioren desselben eingetreten ist, nach Ablauf seiner derzeitigen, nach der letzten Wahl noch ein Quinquennium währenden Funktionsdauer noch durch.recht viele Quingueunien dem- .Kultusvorstand angehören möge. Das Präsidium hat mi den Inj bilar eine Glückwunschadresse gerichtet und ist der Ileberzeugnng, j hiemit im Sinne der Versammlung gehandelt zu haben. (Leb-> hafler Beifall und Zustimmung.) Das 70. Geburtsfest hat gleichfalls vor wenigen Tagen der! überaus verdienstvolle Religionsvrofessor und Schulinspektor Doktor - Leopold Langfelder gefeiert, der durch seine langjährige mustergiftige Wirksamkeit in Lehrer- und Vorstandskreisen die vollste Anerkennung gefunden hat. Das Präsidium hat den Genannten aus diesem Anlasse in einem Glückwunschschreiben begrüßt und ihm eine Ehren-' gäbe überreicht. (Zustimmung.) Im Einlaufe gelangen zur Verlesung: Eine Zuschrift des gewesenen Präsidenten kaiserl. Rat Heinrich Klinger, .in welcher er für die anläßlich seines Rücktrittes von der Präsidentenstelle seitens des Kultusvorstandes an ihn gerichtete Adresse seinen Dank ausspricht. In einer weiteren Zuschrift übermittelt Herr kaiserl. Rat Heinrich Klinger einen Betrag von Nominale K. 1000 zur Begründung einer Widmung unter dem Namen „Beitrag zu einem Fonds der Beamten der israelitischen Kultusgemeinde Wien, gewidmet von Heinrich Klinger". Die jeweiligen fünfjährigen Erträgnisse des Widmungskapitales sind von einem unter dem Vorsitze des Präsidenten der Knltusgemeinde eingesetzten Komitee der Verwendung zu Gunsten eines Gemeindebeamten, beziehungsweise der Angehörigen eines solchen zuzuführen. Die Versammlung beschließtdiese Widmung unter dem Ausdrucke des wärmsten Dankes an den Spender in die Verwaltung der Kultusgemeinde zu übernehmen. Im Einlaufe befinden sich weiters: Eine Zuschrift des Kultusvorstehers Herrn Gottlieb Taussig, in welcher derselbe für die ihm zu seinem Jubiläum zuteil gewordene Ehrung den Dank ausspricht: < ein Kondolenzschreiben des Bethausvorstandes für die Bezirke 16 und 17, aus Anlaß des Ablebens des Vethausvorstehers Arthur Flaschner; ein Dankschreiben der Familie des seligen Oberlehrers Philipp Brunner für die demselben seitens des Kuliusvorstandes erwiesene letzte Ehre. Der Vorsitzende bringt einen Bericht über die finanziellen und statistischen Ergebnisse im Verwaltungsjahre 1903 zur Kenntnis der Versammlung. In Betreff des durch den Rück ritt des Präsidenten Herrn kaiserl. Rat Klinger freigeivordenen Vorstandsmandates beschließt die Versammlung in Zustimmung zu dem Anträge des Vertreter- Kollegiums, dieses Vorstandsmandat gleichzeitig mit den nächstfolgenden allgemeinen Neuwahlen zur Besetzung zu bringen. Es gelangt der Antrag des Vertreter-Kollegiums, betreffeird die Fortsetzung der auf einem Teile des Währinger israelitischen Friedhofes bereits durchgeführten Restaurierungsarbeiten in einer zweiten Abteilung dieses Friedhofes, zur Beratung. Die Jnstandsetzung des Friedhofes, welche unter der völlig selbstlosen, sachkundigen Oberleitung des Herrn Architekten Fleischer erfolgte, hat bei vielen Gemeindemitgliedern, deren Angehörige auf dem Währinger Friedhofe ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, besondere Befriedigung hervorgerufen, die sich auch in namhaften Beiträgen zu diesem pietätvollen Werke bekundet hat. Der Vorsitzende gibt der begründeten Hoffnung Raum, daß diese werktätige Teilnahme auch bei Fortsetzung der Herstellungen sich manifestieren werde. An der über diesen Gea^nstand sich entwickelnden Debatte beteiligen sich die Herren: Vertreter Doktor Steiner, Dr. Breuer. Baurat v. Goldschmidt, kaiserl. Rat Hirsch, Eltbogen, Baurat Stiaßny, Oberfinanzrat Dr. Nappaport, Landesschulrat Dr. Kohn. Bei der Abstimmung wird die vom Vertreter-Kollegium in Antrag gebrachte Fortsetzung der Nestaurierungsarbeiten auf dem Währinger israelitischen Friedhöfe beschlossen. Mehrseitigen Anregungen Folge gebend, hat,das Vertreter- Kollegium die Begründung eines Maskierbuehes für die VorsorguugS- Anstäli beschlossen, in welches die Namen jener verstorbenen Personen. die sich um die Anstalt in heivorragender Weise verdient gemacht haben, Aufnahme finden, beider an den bestimmten Festtagen statifindendcn rituellen Gedächtnisfeier für die Hingeschiedenen im Betsaale der Versorgungsanstalt zur Verlesung gebracht und hiedurch dauernd in der dankbaren Erinnerung der Gemeinde erhalten werden sollen. In Zustimmung zu diesem prinzipiellen Beschlüsse genehmigt die Versammlung, daß in das Maskierbuch für die Versorgungsanstalt die Namen folgender Personen eingezeichnet werden: Sigmund und Nanette Edle von Wcrtheimstein, Hofrat Dr. Angela Ritter von Kuh', Ludwig Bürger, Charlotte Lernere, Emilie Singer, Präsident Gustav Simon, Baronin Clara Hirsch de Gereuth, Obcringenieur Arthur Edler von Mises, Julius Stern; endlich auf Grund stiftbrieflicher Anordnung Carl Pollak senior und Johanna Spitzer. Folgende vom Vertreter-Kollegium beschlossene Stiftnngsverleihungen werden zur Kenntnis genommen, und zwar: Aus der Dr. S. Plohn'schen Studentenstiftung 2 Platze per je K. 200.— und 3 Plätze per je K. 100.—; aus der Lori Baumgarten-Stiftung für Herzkranke Frauen 1 Platz per K. 35.—; aus dev Oberrabbinerini Fanny Güdemann-Stiftung für Kranke weiblichen Geschlechtes 2 Plätze per K. 36.—; aus der Rosalia Mintz'schen Witwenstiftung 4 Plätze per je K. 183.—; aus der Jakob Fischl'schen Verwandten-Stiftung K. 410.— an 5 Bewerber; aus der Dr. Jakob Goldenthal'scheu Stiftung für Rabbincstskandidaten 1 Platz per K. 100.—; aus der Samuel Süssermann'schen Stiftung für Talmudschüler 4 Plätze per je K. 200—. Die Abel Rappaport'sche Studentenstiftung mit dem Betrage jährlicher K. 1100.— wird gemäß Antrag des Vertreter-Kollegiums an einen Studierenden der Medizin auf die Dauer der gesetzlichen Studienzeit verliehen. Nach Erstattung einiger Referate in Friedhof-Angelegenheiten durch den Obmann der Friedhofkommission, Herrn Baurat von Goldschmidt, und nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung um halb 2 Uhr nachmittags geschlossen. Die österreichische Neichskrise und die Juden. Unter diesem Titel hält Dr. Hermami- K a d i s ch> am 10. d. M. einen SSoxtrcrg int Festsaale des „Jnd. Volksvevcines", 2. Betz., Leoipoldsgasse 49. .Gäste willkommen. Anfang 8 Uh r. Jüdisches Bildnngsheim (Toynbee-Halle), 14. Bez., Ullmannstraße 31, Kauerhof 10 a. Vorträge im Monat Februar 1904: 9. Februar: Ing. Leop. S e e l e n f r i e d: „Die Juden als Rasse". 16. Februar: Dr. Leo Sofer: „Gegen den Alkoholismus". 23. Februar: Konzert des Gesangsvereines „Schir Zion" Fünf- Haus. Beginn 8 Uhr. Eintritt frei. — Aus der iüdischen Volksbibliothek werden Montag, Dienstag und Donnerstag von Hab 8 bis 8 Uhr Bücher ausgegeben. Karl Emil Franzos. Aus Berlin kam eine Trauern-achricht. Karl Emil Franzos ist im Alter von kaum 56 Jahren vom Tode ereilt worden. Der betrübenden Meldung, daß das Herzleiden des trefflichen Schriftstellers zu ernsten Besorgnissen Anlaß gebe, ist die Todesnachricht auf dem Fuß gefolgt. Am 25. Oftober 1848 ist Franzos in einem Forsthaus Russisch-Podoliens als der Sohn eines Bezirksarztes zur Welt gekommen. In dem galizischen Dorfe Czortkow, dem Barnow seiner Novellen, verbrachte er seine Kinderjahre. Nachdem er den Vater bereits früh durch den Tod verloren hatte, bezog er das deutsche Gymnasium in Czernowitz und sftidierte dann in den Jahren 1868 bis 1972 an den Universitäten! in Wien und Graz die Rechte. Schon als Sftident brachte er seine deutschen und freiheitlichen Anschauungen zum Ansdruck: eine Rede, die er beim Arndt-Jubiläum hielt, erregte in der Oeffentlichke.it großes Aufsehen, und seine unumwundene Betätigung deutschnationaler Gesinnungen in den Jahren 1870 und 1871 brachte es mit sich, daß er die ursprüngliche Absicht, sich um eine Staatsanstellung zu bewerben, aufgab und sich der Literatur zuwendete. Bereits 1869 hatte er eine literarische Revue gegründet, die den Namen „Buchenbläfter" führte und sich die Förderung deutscher Kultur im Osten Oesterreichs zum Ziel setzte. Die nächsten Jahre seines Lebens verbrachte er auf Reisen. 1872 bis 1876 bereiste er ganz Mitteleuropa, Rußland, die Türkei, Kleinasien und Aegypten, um dann im Jahre 1877 in Wien sich niederzulassen, wo er eine Reihe von Jahren hindurch die „Neue Illustrierte Zeitung" redigierte. In diese Zeit fällt die Entstehung der ersten literarisch und kulturhistorisch gleich bedeutsamen Novellen und Romane Franzos', die Knlturbilder ans Galizien und der Bukowina, aus Südrußland und Rumänien erschienen später nister der seither znm Schlagworte gewordenen Bezeichnung „Aus Halbasien" gesammelt. Ans der langen Reihe von Werken, die seiner fruchtbaren Feder entstammten. seien weiters die Novellensammlungen „Vom Don zur Donau", „Die Juden von Barnow", „Stille Geschichten" und „Tragische Novellen", die Nomanne „Moschko von "Parma", „Der Scharten". „Der Gott des alten Doktors" und der „Wahrheitssucher" erwähnt. Auch in gebundener Sprache bewährte sich Franzos' schönes» Formtalent. Es sei die liebliche Novelle in Verfem „Mein Franz" hervorgehoben und an das schwungvolle Festgedicht erinnert. das er anläßlich der Eröffnung der Czernowitzer Universität geschrieben hat. Im Jahre 1877 übersiedelte Franzos nach Berlin. Dort begründete er die Halbmonatsschrift „Deutsche Dichtung", als deren Herausgeber er bis zu seinem. Tode fungierte. Auch sonst tvar Franzos von. großer literarischer Rührigkeit. Er hat Georg Büchners sämtliche Werke und handschriftlichen Nachlas; «stiert. ein deutsches Diebterbuch aus Oesterreich herausgegeben und eine überaus lesenswerte Monographie über den Einfluß der Suggestion auf die Dichtung verfaßt. Mit Karl Emil Franzos sind zwei große Jrrtümer ins Grab gesunken. Den einen teilt er mit vielen anderen. Nämlich, die Anschauung als ob eine nationale Assimilation der Jndpn an die Deutschen möglich wäre, der andere Irrtum war aber so krasier Art, .daß er mit ihm ganz vereinzelt dasteht. Er hegte nämlich die politische Utopie, mit Hilfe _ der Juden Galizien germanisieren zu können. Es ist für die Zähigkeit iüdischen Denkens bezeichnend, daß ein solch -deutschnationaler Fanatiker als der Sohn eines jüdischen Arztes in Russisch-Polen geboren wurde. Die Ereignisse seines Lebens haben ihm gezeigt, wie absolut undurchführbar seine leitenden Ideen waren._ Unter dieser Tendenz leidet auch der künstlerische Wert seiner Schilderungen des Ostens, die mehr oder weniger dieser Tendenz dienstbar gemacht wurden. Seine Gestalten sind nach dem Schema Engel oder Teufel gezeichnet und nicht uaturivabr. Daher haben seine Werke auch keinen ftilturhistorischen Wert. Höchstens sind sie kulturhistorisch bedeutsam für die Assinnlationsideen und ihrer Träger. Wien. (Leseu n d R e d e h a l l e jüdischer Ho ch - schul er.) Dienstag den- 9. Februar findet in den Räumen der Lese- und Redehalle jüdischer Hnchsckniler, 9. Bez.. Berggasie 26, ein Vortrag des Herrrn Dr. B. Wachstein statt. Thema: „Spinozas Stellung in der Geschichte der Philosophie". Zeit: halb 8 Uhr abends. Wien. (Jüdisch-nationaler A r b e i t e r v e r - e i n. 14. Bez.. Ullmmmstr. 31. Kauerhof 10 A.) Som'.mg den Ci. Jänner fand ste Generalversammlung des Vereines statt- Nach den Rechenschaftsberichten des Obmannes Sam. Bock un& des Kassiers David Hasterlik wurde dem abtretenden Ausschüsse das Absolntorünn erteilt. Die Neuwahlen ergaben folgendes Resultat: Obmann: Samuel Bock, Obmann-Stellvertveter David Hasterlik: 1. Kassier Gustav Winternitz, 2. Kassier Rudolf Klauber. 1. Schriftführer Erwin Bruck, 2. Schriftführer Oskar.Reisrnmm. Ohne Mandate: Ejnil Sticher. Sam. Zuckerkands. Heinrich Hasterlsk.