Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Wien, Freitag JüftfahM Yolkftbktt 22. Jänner 1904 Seite 5 selignmchenden Kirche und verschwendet sein Geld am Turfplatz/ im Spielklub oder schenkt es der Kirche, die es sehr ,notwendig braucht. Das jüdische Volk kann zusehen und seinen knurrenden Magen zusammenschnüren. Zwei Millionen Kronen schenkte der Wiener Rothschild der Poliklinik; dem Wiener jüdischen Spital, das per nefas seinen Namen trägt und mit kolossalem Defizit arbeitet, schenkte er paar lumpige tausend Kronen. Nicht seine Freigebigkeit in der einen Hinsicht, sondern seine S—parsamkeit in der anderen machen wir ihm zum Vorwurf. Man lese einmal die Gedächtnisstiftungen der Wiener Kultusgemeinde durch und man wird staunend erfahren, datz zwei Drittel der Geadelten heujte christliche Nachkommen besitzen, wenn das Geschlecht nicht schon ausgestorben ist. Und welche Motive diese Herren haben! Wohnt da im Rathausviertel ein reicher Jude, Pardon — Israelit, der ungefähr den pompösen Namen Karl August Rosenthal führt. Seine Frau ist eine reiche Jüdin, Pardon, Israelitin aus Protznitz. Der Mann privatisiert im Winter, im Sommer erholt er sich auf Reisen von der Winterarbeit. Vor kurzem hörte ich, datz er samt seinem einzigen Kinde übergetreten sei. Ich fragte ihn: »Herr, was bewog Sie zu diesem Schritt?" „Aber," meinte er und machte dabei eine Handbewegung, die gar nicht zu seinem neuen Glauben patzte: „Dieser Antisemitismus ... cs ist so unangenehm! 1!" Also weil es unangenehm ist, Jude zu sein, trat dieser Brave über. So sehen die Wiener jüdischen Patrizier aus. Der schnelle Niedergang dieser Neuchristen, tvie ihn der Fall Lebaudy zeigt, ist typisch. Die Zucht der eigenen Rasse geht verloren, die der fremden Rasse eignet man sich beim besten Willen nicht durch eine Zeremonie an. Dazu bedarf es des strengen, zielbewußtcn Strebens von Generationen. Der Uebevtritt bedeutet aber für diese Neophyten alles andere als Selbstzucht. Es ist für sie gleichbedeutend mit der Losung: Alles ist erlaubt, was bisher noch verboten war. Sie stürzen sich in einen Strudel von leeren Vergnügungen, geben sich Exzessen jeder Art hin, und in kurzem ist der stolze Stammbaum verdorrt. Die Lebaudys verschwenden das geistige un!d Materielle Erbe der Ahnen und der Rasse und der Rest ist ... die Kirche hat einen guten Magen. Ein Kaisertum Sahaha will dieser! Wahnwitzige gründen; wie vielen Tausenden! sejin er gep einigsten östlichen Stammesgenosseu könnte er mit seinen Millionen eine glückliche Heimat bereiten?! Wien. (L i t. G e se ll i g ke i ts v e r ein jüd. Mädchen „Moria".) Sonntag den 24. ds. wird Herr Prof. Dr. Leon Kellner einen Vortrag über das Thema „Aus dem Leben Benjamin Disraelis" halten. Beginn halb 4 Uhr. Kongretzsaal, 9. Bez., Türkenstratze 9. Gäste herzlich willkommen. Wien. Samstag den 23. ds. begeht der Religionsschulinspektor Dr. Leopold Langfelder die Feier seines 70. Geburtstages. Der Jubilar erfreut sich in Gelehrtenkreisen wegen seines fachmännischen Wissens eines hohen Ansehens, die Bürgerschaft des 6. und 7. Bezirkes, aber verehrt in ihm den ausgezeichneten Lehrer, der durch mehrere Generationen der Jugend ein treuer Führer war. Purgstall. Freitag den 15. ds. verschied in Gaming, N.-Oest., der in hiesiger Gegend allgemein bekannte Kolporteur Herr Moriz Rosenbaum aus Wien. Das imposante Leichenbegängnis fand am 17. ds. zu Ubbs a. D. statt. Herr Rudolfer, Gemeinderabbiner, hielt dem Verblichenen am Grabe einen warmen Nachruf. Fromm als Jude, solid in seinem Geschäftszweige, starb der Verblichene fern von seiner Heimat im Kampfe ums Dasein. Möge ihm die Erde leicht sein! ' F. S. Mähr.-Ostran. Vor Jahren hat Ihr Korrespondent im „Jüd. Volksblatt" in dem Artikel „Jüdische Volksbüchereien" auf die Bedeutung dieser für das jüdische Gemeinleben so autzerordentlich wichtigen Institution aufmerksam gemacht. Die Vorschläge und Anregungen, die ich damals machte, sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Ein Komitee tat sich zusammen, veranstaltete mit Hilfe der hiesigen jüdischen akademischen Ferialverbindung „Hessiana" einen Kommers, dessen Reinerträgnis den Gründungsfonds bildete, Bücher und Gelder wurden gesammelt und last not least war cs der hiesige Rabbiner Seine Ehrwürden Herr Dr. Jacob S p i r a, der mit ganzem Feuereifer das Pojekt seiner Realisierung naher rückte und nicht eher ruhte, bis die „Jüdische Lesehalle und Bibliothek", fest organisiert und gut fundiert, eröffnet werden konnte. Dies ist Sonntag den 17. d. M. geschehen. Wenn ein Witzbold von den hiesigen jüdischen Vereinen privatgesprächig meinte, sie werden dazu gegründet, um sich tvieder binnen kurzem aufzulösen, so möchte ich diesem paradoxen Satz in d i e s e m Falle ganz energisch entgegentreten. Die Bibliothek hat einen lebenskräftigen Keim in sich, ist nmstergiltig in Bezug auf Zusammensetzung und modern gehalten. Die Lesehalle, tvo alle jüdischen Blätter aufliegen, wurde gleich am ersten Tage stark besucht. Nur glaube ich, datz zwei Stunden in der Woche viel zu wenig bemessen sind, umsomehr, da es sich doch in diesem Falle um Zeitschriften, also W o ch e n journale, handelt, die ihrer Natur nach mehr Zeit zum Lesen beanspruchen. Doch kann dies und anderes mehr noch einer Remedur unterzogen werden. Die Kultusgemeinde hat in hochherziger Weise ihre reichhaltige Bibliothek der Volksbibliothek geschenkt und dadurch wieder einmal — wie so oft — ihren Sinn für Wohltätigkeit und Gemeinwohl bekundet. Mähr.-Ostrau hat also das Verdienst, die erste Stadt Mährens zu sein. wo eine bürgerliche jüdische Lesehalle besteht. Ich sage bürgerliche, da ich die akademische Rede und Lesehalle jüdischer Studenten in Brünn hievon ausnehme. Wenn Jahn einst von der deutschen Turnerschaft sagte, datz sie den Herd des Nationalismus bilde, so möchte ich variierend bemerken, das; die Erziehung zum Judentum, die uns heute mehr den je nottlitz nicht besser bewerkstelligt werden kann, als in der Gründling jüdischer Lesehallen und Bibliotheken. Denn hier ist aüch zugleich ein Forum geboten, von wo aus in kleinem Kreise belehrende lind lernende Borträge gehalten werden können. So reiht sich Glied an Glied und eröffnet eine herrliche Perspektive: Die Hoffnung auf ein echt gemütliches jüdisches Geistesleben.^ Prag. (B a r K o.ch b a - K r ä n z ch e >l.) Reges Leben herrschte am 10. ds. im prachtvoll dekorierten Saale des Hotel „Zentral". Der stramme Verein jüd. Hochschüler „B a r Kochb a" bewies tvieder — zum viertemnale— datz er sich einen weiten Kxeis von Freunden und Freundinnen gesichert hat, die sowohl dem guten Zwecke, dem die Veranstaltung dient, als auch dem Feste selbst das vollste Interesse elltgegenbringen. Der Saal füllte eine den besten Kreisen Prags ungehörige Gesellschaft rmd die Bar-Kochballer, welche für den Zioliismus stets das Ihrige leisten, zeigten, datz sie auch auf denl Talizboden ihren Mann stellen können. Der Saal tnrg ein prachtvolles Festkleid. Geschnlackvolle Draperien in den Farben des Vereins — weitz-blau-gold — verkleideten den. von Lorbeerbäumen flankierten Eingang. Jll den Logen standen ebenfalls Lorbeerbälnne, die durch Ketten aus Tannenreisig miteinander i verbunden tvareri. Einen imposante» Eindruck machte die Estrade. | Bon der» mit blan-tveihem Tuch allsgeschlagenen Hintergrund hob sich in einem Hain von exotischen Gewächsen ein prachtvolles 93tlb' Dr. Herzls wirkungsvoll ab. Auch im Vestibüle waren großartige Palmengruppen aufgestellt. Anwesend waren unter anderen: das Mitglied des A.-K. und Distriktsobmann von Böhmen, Herr Karl Re sek, Dozent Dr. Wellemnisky, Vertreter der befreundeten Verbindungen: „Hasmonäa" (Berlin), „Veritas" (Brünn), „Libanonia" (Wien), „Emunah" (Lemberg) und „Bar Kochba" "(Stanislau), welche mit Fanfaren empfangen wurden, Vertreter der Presse n. a. m. Der ansehnliche Reingewinn fällt dem Nnterstützungsfonds für jüdische Hochschüler zu. Podwoloczyska. Samstag den 16. Jänner, 9 Uhr abends, fand im Vereinslokale die Eröffnung der Toynbee-Halle statt, welche vom hiesigen zionistischen Vereine «Degel Jehuda" gegründet wurde. Ein vornehnles Publikum füllte die Lokalitäten bis auf den letzten Platz und lohnte die Darsteller, welche ihr Bestes boten, mit rauschendem Beifalle. — Die Eröffnungsrede hielt Herr stud. jur. Däwid Denenbaum, der vor allem die Bedeutung der Toynbee-Halle rechtfertigte und drückte seinen Wunsch aus, das; sic zum Wohle des jüdischen Volkes gedeihen möge. Hierauf hielt Herr sind. jur. Friedmann aus Tarnopol eine äußerst wirkungsvolle Vorlesung: „Der Rabbi von Bacharach" von Heine, die mit viel Interesse lind Wohlgefallen voll deil zahlreich versammelteil Mitgliedern und Gästen aufgenommen wurde. Herr Carl Günsbcrg deklamierte „Der ewige Jude" und erntete reichen Beifall. Herr Goldring hat durch sein virtuoses Geigenspiel die Zuhörerschaft entzückt. Fräulein Gittel Elfenbein aus Woloczyska trug zum Schluffe einige hebräische Deklamationen vor, für welche sie stürmisch applaudiert wurde. Um das Gelingen dieses prächtigen Abends haben sich besonders die Herren Sch. Günsberg, I. Preczep, Emanuel Kanczyker, Adolf Kösten ilnd Dawid Denenbanm Verdienste erworben; es sei an dieser Stelle denen, wie auch dem liebenswürdigen Fräulein Gittel Elfenbein und dem akademischeil Vereine „Bar Kochba" ans Tarnopol der Dank ausgesprochen. Bozen. (Eilte klerikale Kundgebung ge geil den Antisemitismus.) Bei der vor kurzem stattgefnndenen feierlichen Eröffnung des Pins-Saales in Bozen hielt der klerikale Redakteur Dr. Jehly aus Innsbruck die Festrede, in deren Verlaufe er die gläubigen Christeil eindrillglich vor dem Prinzip des Antisi'lnitismns Warnte. „ Man pflege zur Entschuldigung zwischen dem Rassenantisemitismus uild eiilem sogeilannten christlichen zu unterscheiden. In der Tat gebe es nur eineil konsequenten und einen inkonsequenten Antisemitismus; aber die Grenze sei oft schwer zu finden. Im iliederösterreichischen Landtag habe ein Mitglied der Majorität erst kürzlich und ohne Widerspruch erklärt, im Punkte Antisemitismus sei er heute iloch Schönerianer, sein Spruch sei: „Die Religion ist uns einerlei — in der Rasse liegt die Schweinerei"; es sei also der Vernichtungskampf gegen die Rasse als Programm proklamiert, gegen jene Rasse, aus welcher der Gottessohn seine Menschheit angenommen, aus welcher die Gottesmutter uild die Apostel stammen. Der Antisemitismus, folgerichtig angetvendet, sei nichts als der Nationalismus in seiner höchsten Potenz." Redner bespricht null ben Nationalismus als ein unchristliches lind antiösterreichisches Prinzip, besonders aber die Folgen desselben für Oesterreich; er erinnert an den Ausgleich vom Jahre 1807, wo der deutsche Liberalismus diesseits der Leitha dem magyarischen Liberalismus jenseits die Hand gereicht hat zur Unterdrückung der übrigeil Nationalitäten, wo tim« Oesterreich staatsrechtlich aufgegeben habe. Die Rede fand bei ben Versammelten, unter denen sich mehrere klerikale Abgeordnete und zahlreiche höhere Geistliche befanden, reichlichen Beifall. Schulstatistisches aus Budapest. Im Schuljahre 1902/03 gab cs 217 Anstalten für das Volkstschnlweseu; davon hatten 161 kommunalen, 6 staatlichen, 33 konfessionellen, 10 privaten Charakter, 7 wäret: Vereinsanstalten, Schiuerzahl 90 346; davon 52 298 römisch-katholisch, 25 544 israelitisch, 6691 reformiert, 4868 evangelisch. Zahl der Lehrer 1549. Die 13 Obergymnasien lvlivden von 7238, die 6 Oberrealschulen voll 3062 Schülern besucht; von jenen Waren 42 Prozent römisch-katholisch und 38 Prozent israelitisch, von diesen 41 Prozent römisch-katholisch und° 49 Prozent israelitisch. Der Kampf um eine Erbschaft. Vor sechs Jahren starb in Lipto-Szt.-Miklos der reiche Private Samuel Herz. Bei Gelegenheit der Inventarisierung des Nachlasses wurde außer einigen alten Kleidern nichts geftmden. Der Präsident der israelitischen Ge« meinde schenkte die alten Kleider dem Gemeindediener, der eines Tages in einem alten Kleidungsstücke cingenäht ein Paket Wertpapiere im Werte von 600 000 Kronen fand und diese Papiere sofort dem Präsidenten der Gemeinde übergab. Laut dem Testamente entfielen ein Drittel dieses Betrages auf die israelitische Gemeinde, zwei Drittel auf den heiligen Verein Chevra Kadischa. Die erstere sollte von dem Gelde eine Schule errichten, die Chevra Kadischa aber wäre verpflichtet, die Armen zu unterstützen. Die Seitenverwandten des Verstorbenen hatten wohl diesesTestmnent angefochten, doch ohne Erfolg. Im vorigen Jahre kamen die Gemeinde und die Chevra Kadischa dahin überein, daß die gesamte Verlassenschaft auf die Errichtung eines staatlich srtbventionierten israelitischen Gymnasiums verwendet werde. Der Kultusminister verweigerte jedoch die staatliche Subvention mit Hinweis darauf, datz das Gymnasium die Bürgerschule schädigen würde. In neuester Zeit ist wieder ein heftiger Konflikt zwischen der Gemeinde und dem heiligen Verein entstanden. Die Gemeinde möchte um jeden Preis eine Schule erbauen, während die Chevra Kadischa die Armen unterstützen will. Der Präsident der Gemeinde ließ — während die Anhänger der Gegenpartei sich entfernten — durch seine Getreuen die Errichtung einer Schule um den Preis von 80 000 Kronen aus dein Herrschen Nachlasse votieren. Die Gegenpartei bereitet deshalb eine heftige Gegenaktion gegen den Präsidenten der Gemeinde vor. Ans Ungarn. (Statistisches.) Dem Novemberhefte der Publikationen des Landesstatistischen Amtes entnehmen wir die folgenden Mitteilungen: Die Ehcstatistik zeigt die folgenden Ziffern: Im November lvurden in den Ländern der ungarischen Krone 27 700 Ehen geschlossen, wovon 0672 auf Kroatien-Slavonien entfallen. Im Vergleiche mit dem Monat November 1902 zeigt sich ein Rückgang von 4500, im Vergleiche zu den ersten elf Monaten des Jahres 1902 ein Rückgang von 11 200 Eheschließungen. Von den 27 700 Ehen waren 2166 gemischte, von welchen nur 74 auf Kroatien-Slavonien entfielen. Die Zähl der Ehen zwischen Christen und Juden betrug 39, und zivar war in 17 Fällen der Bräutigam Jude, in 22 Fällen Christ. — Der Patzstatistik zufolge wurden im November im engorn Ungarn (mit Fiume) 7627 Pässe ausgefolgt, d. i. um 1178 tveniger als im Oktober und um 264 mehr als'im November 1902. In den 11 Monaten des Berichtsjahres wurden um 18 201 Pässe mehr ausgefolgt, als während der gleichen Periode des Jahres 1902. 'Die meisten Pässe wurden in ben Komi taten Kis-Küküllö (661), Brasso (570), Zemplen (484), Szeben (394) und Ung (372) ausgefolgt. Die in Siebenbürgen ausgefolgten Pässe jvaren zumeist für Rumänien, die übrigen zumeist für Amerika giltig. In Budapest wurden 183, in Panesova 39, in Pecs 28, in Pozsony 23, in Ujvidik 22 Pässe ansgefolgt. In Kroatien- Slavonien wurden 1274 Pässe verakfolgt. um 1251 tveniger als im Oktober und um 743 weniger als im November 1902. Die Giltigkeit der Pässe war für Amerika 592, Bosnien-Herzegowina 306, ganz Europa 347. Die Auskunftöpflicht des Chefs. (Ein e tv i ch t i g e E n ts ch e i d u n g f ü r die K a u f nt a n n s ch a f t.) Alis Brüx wird geschrieben: Der Oberste Gerichtshof l?#;t eine für die gesamte Kaufmannschaft lvichtige Entscheidung gefällt. Eilt hiesiger Kauftnattn > engagierte einen Geschäftsreisenden, erkundigte sich jedoch vorher bei dem früheren Chef desselben dem Kaufmann Schick in Tekschen, über die Aufführung und Verwendbarkeit des Reisenoen. Der Kaufmann erhielt die Auskunft, der Reisende sei verwendbar, fleißig und solid. In der Folge veruntreute jedoch der Reisende seinem Chef, der ihn auf das Zeugnis des Kaufmanns Schick hin engagiert hatte, 400 Kronen. Das Strafverfahren förderte zutage, datz der Reisende schon seinem früheren Chef Geld veruntreut hatte, doch wurde damals keilte Anzeige erstattet. Auf Grund der Tatsache, datz der Kanfmann Schick in Tetschett trotzdem die gute Auskunft über den Reisenden erteilt hatte, belangte der hiesige Chef des Reisenden Herrn Schick beim hiesigen Bezirksgerichte auf Zahlung vott 400 Kronett. Sowohl das Bezirksgericht als auch das Kreisgericht in Leitmeritz wiesen die Klage kostenpflichtig ab, weil ein Verschulden des Auskunftgebers, der im Sinne des Gesetzes zu einer Auskunft nicht verpflichtet ist, nicht vorliege. Der geschädigte Kaufmann rief hierauf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes an, der die früheren Erkenntnisse aufhob tmb Herrn Schick verurteilte, die 400 Kronen sowie die Kosten aller drei Instanzen zu bezahlen. Jtt den Entscheidungsgründen heißt es unter anderem, daß zu einer Auskunft zwar keine Verpflichtung bestandett habe, wenn aber Herr Schick eine solche erteilte, so war er verpflichtet, dieselbe wahrheitsgetreu zu erteilen, weil dies Treit und Glauben im Geschäftsverkehr erfordern. Oesterreichischer Orientverein. Wir erhalten folgende Mitteilung: Unter dem Vorsitze des Herrn Erich Altgrafen zu Salm ist vorgestern eine Anzahl von Großindustriellen, Reichsrats- und Landtagsabgeordneten aus verschiedenen Kronländern zusammengetreten, um über eine Aktioit schlüssig zu werden, welche sich die Belebung des österreichischen Ausfuhrhandels nach dem Orient zum Ziele setzt. Es wurde beschlossen, einen österreichischen Orientverein ins Leben zu rufen, dem die Aufgabe zufallen würde, den Eiitflutz des österreichischen Handels in den Valkanländern, der in den letzten Jahren durch den englischen und deutschen Handel beeinträchtigt worden ist, tvieder zu befestigen. Die Aktionen des neu zu griindenden Vereines, dessen Satzungen behufs Bescheinigung den zuständigen Behörden bereits unterbreitet finb, sollen auf breiteste Grmtdlage gestellt werden, wobei die Bildung von Landesverbänden ins Auge gefaßt wird, welche mit der Wiener Zentralstelle in stetem Wechselverkehre bleiben würdet:. Ettt Exekutivkomitee, dem unter anderen Altgraf zu Salm und Abg. Hofrat -R. v. Bukovic angehören, hat die weiteren Vorarbeiten durchzuführen übernommen. Anstand. Dis „Fremden" in England. Wie immer auch das demnächst zu schaffende englische Einwanderungsgesetz lauten wird, so ist doch schon heute Eines sicher: Der „Fremden"- Rummel, der seit 1—2 Jahren die Gemüter der Engländer bewegt, hat den Antisemitismus in England gezeitigt, der bei der dem Engländer eigentümlichen Schroffheit auch im Gerichtssaal in aller ungebundensten Form zum Ausdrucke kommt. Da wurde vor einigen Tagen wieder so ein armer Schlucker von einem jüdischen Obsthändler dem Polizeigerichte stellig gemacht, weil er einen Knaben angeblich um ein paar Penny betrog. Der Lord, dem die Angelegenheit zur Beurteilung vorlag, mußte wohl den Angeklagten freisprechen, aber er ließ es sich nicht nehmen, ihn mit folgendem Rate zu entlasten: „Ich weiß wahrlich nicht, weßhalb ihr, die ihr nicht einmal unsere Sprache kennt, unser Land überflutet; es wäre für euch viel besser, wenn ihr in eurem Lande bleiben möchtet." Das ist allerdingder Anfang vom Ende. Kifchenewer Flüchtlinge in Jerusalem. De« „Habazeleth" zufolge kommen noch immer ganze jüdische Familien aus Kischenew nach Jerusalem, um sich daselbst niederzulassen. Die meisten von ihnen sind geübte Handwerker, langen aber aller Mittel entblößt im heiligen Lande an. wo sie dann, da sie keine Arbeit finden, auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen sind. Unter den jüngsten Ankömmlingen befindet sich auch eine Familie, welche noch im Vorjahre eine große Wäscherei und Färberei in Kischenew besaß und zwanzig Personen beschäftigte. Das Oberhaupt dieser Familie, das noch vor dem Maffakre zu den wohlhabenden Juden Kischenews zählte, irrt um Arbeit — oder Hilfe suchend in den Straßen Jerusalems herum, ohne auch die geringste Aussicht für die Zukunft seiner Familie zu besitzen. In dieselbe Kategorie gehören auch die Uebrigen, die aus Kischenew nach Jerusalem kamen. Es find lauter tüchtige, anständige Handwerker, deren Lage aber dadurch erschwert ist, daß sie in der ihnen fremden Stadt, ohne Kenntnis der Landessprache ihren Unterhalt zu decken nicht vermögen. Rußland und die Juden. Abg. Bebel sprach im Deutschen Reichstag folgendes: Was hat die deutsche Regierung getcm gegen das unerhörte Vorgehen der russischen Negierung gegen die jüdischen Mitbürger. Wir feinten keine Juden als Deutsche zweiter Klasse. Das müssen die Antisemiten selbst zugeben, wie sie auch über die Jriden denken mögen. Was tut aber die russische Regierung? Sie macht die Juden zu Deutschen zweiter Klasse. Sie teilt die Detschen in solche erster uttd zweiter Klasse. Sie setzt sich in Widerspruch mit allen Gesetzen. Daß das Deutsche Reich sich das gefallen läßt, ohne es seiner Würde für angemessen zu erachtet:, gegett ein solches Verfahren zu protestieren, das ist auch für unsere Zttstände sehr bezeichnend. Das ist" kein Zeichen detttscher Stärke und deutscher Kraft. Wir haben alle Ursache, uns vor dem Atislattde tief zu schämen. Man sollte es wagen, den englischen Jttdert in ähnlicher Weise zu begegtten. Ich wollte einmal sehen, was da Englartd der russischett Regierung für eine Note schicken ivürde. Wir fügen uns, wir drücken uns, wir kriechetr vor Rutzlattd. (Große Unnthe rechts, Beifall bei den Sozialdemokraten.) — Im Namen der freisinnigen Volkspartet sagt Dr. Müller (Sagan): Nach den Ausführungen des Staatssekretärs ist leider die Befürchttmg gerechtfertigt, datz wir rtrssischen Zustättden zutreiben (Sehr wahr! links); ein Gefühl tiefste, t Ab scheues mutz jeden freiheitlich empfindendett Mettschett erfassen bei dett Schilderungen, die wir hetite von sozialdemokratischer Seite gehört haben, uttd diesem Gefühl tiefen Abscheues Atlsdruck zu geben,!var mir ein inneres Herzensbedürfnis. (Bravo I bet den Freisinnigen.) Kamt matt es ttoch allettfalls begreifen, datz der Staatssekretär alles gut rmd schött findet, was die pretttzische Polizei tttt, so fehlt ein jedes Verstäitdnis dafür, datz Herr v. Nichthofen nicht auf die Aeutzerungen des Kollegen Bebel über die Behandlung jüdischer Reisettder in. Ruhland eingegangett ist. (Sehr richtig! links.) Was nützen ttns Handelsverträge mit Nutzland, tvenn .sie tticht loyal gehandhabt werdeit? Sie sind ein wertloser Fetzett, dett matt auf die Erde werfett kantt. Es handelt sich hier tticht um eine konfessionelle Frage, sondern um die Frage der Würde des Deutschen Reiches. (Sehr richtig! littks.) Ich will deshalb mit dem Wunsche schlieheit, datz der Staatssekretär über eine loyale Durchführung der jetzt noch geltenben Handelsverträge mit Rußland wachen uttd jede Schikane seitens Rußlands verhittdertt möge. (Lebhaftes Bravo! links.)