Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Freitag Jüdisches Yolkablatt. 22. Jänner 1904 Nr. 4 Ein Todschlagsprozes,. Dem Schlossermeister H a h it und dein Nachtwächter V e r g i u, die den jüdischen Schriftsetzer Löwp getötet hatten, wurden vom Konitzcr Gerichtshöfe mildernde Umstände zncrkannt. Hahn wurde zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, Pergin ivurde freigesprochen. Petersburg. Pom 10. Jänner erscheint hier ein neues jüdisches Monatsblatt „Ewrejskaja Lchisenj" (Jüdisches Leben), herausgeaeben von den hervorragendsten Petersburger Zionisten, 10 bis 20 Druckbogen stark, in russischer Sprache. Tie Rechtsverletzungen im Kischenewer Prozeß. Die in diesem Prozeh begangenen Rechtsverletzungen sind sehr zahlreich. Die tvichtkgsren — wir heben seht nur die rein prozessualen Perlehungeu hervor — bestehen in den widerrechtlichen Einschränkungen der Oeffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens. Bekanntlich fand die Verhandlung auf Anordnung des JnstizministerS bei verschlossenen Türen statt, der die Schließung der Türen mit Rücksicht auf die Notwendigkeit der Wahrung der Autorität der Negierung motiviert hatte, Nichtsdestoweniger mutzten nun je drei Angehörige jedes Zivilklägers und jedes Angeklagten in den Gerichtssaal zugelasscn werden. DaS hatte die Gerichtskammer nicht getan, sie hat im ganzen nur etliche vierzig Zuhörer zugelasscn, das heitzt, nicht einmal so viele, ivie Zivilkläger da waren. Hätte sie das Gesetz befolgt, so würde sie etwa die fünffache Anzahl haben zulassen müssen. Indem sie aber die vom Gesetz gewährleistetcu Rechte der Zivil- Partei und der Angeklagten rücksichtslos verletzte, hielt sie andererseits für angebracht, die Vertreter der Gendarmerie (der politischen Polizei) und des Ministeriums des Innern zuzulassen, was von dem Gesetz ausdrücklich verboten ist, da es auf die Unabhängigkeit der Zeugen und des Gerichtshofes selbst störend wirken kann. Eine weitere prozessual sehr bedeutende Rechtsverletzung bestand darin, datz-bei der Verkündung de? Urteils gar keine Vorbereitungen dazu getroffen wurden, um die geschlossenen Türen wieder für das Publikum zu öffnen So war es möglich, das; die Urteilsverkündung in Gegenwart von etwa fünf oder sechs Personen stattfand. Von wesentlicher Bedeutung war ferner die auffallende Unvollständigkeit und Mangelhaftigkeit der Voruntersuchung. An und für sich ist das noch kein Grund zur Kassation des Urteils, da die Mängel der Voruntersuchung in der Hauptvcrhandlung beseitigt werden könnten. Sie wurden aber nicht beseitigt und wurden infolgedessen verhängnisvoll für den Gang des Prozesses. Wie sich der Untersuchungsrichter Freinat den Zeugen und ihren Aussagen gegenüber benahm, dürfte hinlänglich bekannt sein. Es genügt wohl, wenn ich den Leser nur'an ein paar besonders flagrante Fälle erinnere. Ein geschädigter Jude sah eines schönen Tages eine Frau auf dem Markte, die die Stiefel seiner Frau trug. Er hat sie dem Untersuchungsrichter angezeigt. Dieser wollte ihn jedoch gar nicht verhören und gab seiner Anzeige keine Folge, obgleich dieselbe Frau auch von anderen Zeugen bei der Plünderung gesehen worden war. Ein anderer Fall: Es wurde bemerkt, daß die Hanptstätten der antisemitischen Agitation die Wirtshäuser Kronstadt und Moskau waren. Einer der Zivilkläger hatte dem Untersuchungsrichter^ einen Kellner aus dem ersteren Wirtshaus angezeigt. Der Untersuchungsrichter gab auch dieser Anzeige keine Folge. Und als später einer der Vertreter der Zivilkläger darauf zu sprechen kam, antwortete er gelassen: „Ach was wollen Sie: Ich habe festgestellt, das; die Kellner dieses Wirtshauses schon ein paar Tage vor den Krawallen auf den Straßen mit Steinen herumwarfen." (Dabei ist zu bemerken, daß viele Leute der Ansicht sind, daß das Einschlagen der Fenster in den jüdischen Häusern am ersten Ostertage nur den Zweck hatte, diese Häuser zu markieren.) Ein dritter Fall: Die russische Straf - Prozeßordnung gewährleistet den Klängern das Recht, bei dem Verhör des Zeugen anwesend zu sein. Von den sämltichen Zivilklägern in diesem Prozeß hat nur einer versucht, dieses sein Recht auszuüben. Er wurde jedoch vom Untersuchungsrichter nicht zugelassen. Ein vierter Fall: Der Untersuchungsrichter kam einmal ins jüdische Krankenhaus, um die verwundeten Juden zu vernehmen. Dabei ^protokollierte er ihre Aussagen so ungenau, das; die Kranken sich darüber anfregten und die dabei anwesende freiwillige Krankenpflegerin Fräulein Nerutschew den Untersuchungsrichter auffordern mußte, das Kankenhaus zu verlassen. Die Staatsanwaltschaft!var auch nicht besser. Es wurden ihr von den Geschädigten 3000 Klagen auf Schadenersatz eingereicht. Sie wurden jedoch nicht berücksichtigt, ja nicht einmal dem Untersuchungsrichter überwiesen, wie es von der Strafprozeßordnung vorgeschrieben ist. Der Staatsanwalt sagte den Klägern, daß sie sich direkt an die Kammer wenden könnten Welche Bedeutung'die Verzettelung des Prozesses in zweiundzwanzig Einzelprozesse hattö, die durch keine sachlichen Motive begründet worden und begründet werden kann, ist den Lesern wohl bekannt; es wurde dadurch die Gesamtübersicht vernichtet, der Zusammenhang zerrissen und in einzelnen Fällen wurde es sogar unmöglich, den Grad der Teilnahme des Angeklagten an den Ausschreitungen festzustellen. Bekannt' dürfte auch sein, wie sorgfältig der Untersuchungsrichter die Spuren der intellektuellen Urheber des Massakres zu verwischen suchte, und wie er zu diesem Zwecke die Zeugenaussagen fälschte. Einem Zeugen hatte er sogar mit der Reitgerte gedroht, wenn er auf feiner Aussage bestehen würde. Angesichts all dieser Tatsachen war der Antrag des Vertreters der Zivilpartei auf Ueberweisung der Sache an den Untersuchungsrichter zur Ergänzung der Voruntersuchung sehr Wohl begründet. Aber die Kammer wollte nicht einmal auf Ladung neuer Zeugen eingehen, und zwar nachdem mehrere solcher neuen Zeugen bereits vernommen waren. Sie berief sich darauf, daß die Ladung solcher Zeugen binnen sieben Tagen seit Feststellung der neuen Tatsachen, wodurch die Notwendigkeit ihrere Vernehmung begründet wird, geschehen muß. Allein eine solche Frist existiert für dieses Stadium des Gerichtsverfahrens überhaupt nicht. Das ist in aller Kürze nur das Wesentlichste und Handgreiflichste. Kalisch. (Ern hervorragender jüdischer Gelehrter gestorben.) In der vergangenen Woche starb in Kalisch der Rabbiner Samson Orenstein im Alter von 83 Jahren. Der Verstorbene war eine der tüchtigsten Rabbiner im Weichselgebiet, kannte gründlich die judaistische Literatur und schrieb mitunter in deutscher Sprache. Zum Begräbnis versamnrelten sich viele Rabbiner des Inlandes und auch aus Deutschland. Am Tage des Begräbnisses waren alle jüdischen Kaufläden geschlossen. Grabreden wurden im Laufe des ganzen Tages gehalten. Tunis. Mehrere Hundert jüdischer Familien sind kürzlich von allem entblößt an der marokkanischen Küste bei Centa eingetroffen und haben spanischen Schutz erfleht. Sie berichten, daß sie vor drei Wochen aus Tazza entflohen seien, als dieses von den Soldaten des Sultans besetzt wurde. Während sie unter der Herrschaft des Prätendenten ungehindert ihren Geschäften hätten nachgehen können und sich ihr Leben und Eigentum vollsten Schutzes erfreut hätten, seien die Scheriffianischen Truppen mordend und brennend in die gar nicht verteidigte, von den Berbern verlassene Stadt eingebrochen, hätten ihre Häuser zuerest ausgeplündert, dann alles, was sie nicht hätten mitschleppen können, in Brand gesteckt, einen Teil der jüdischen Männer niedergemacht, während sie deren Weiber und Töchter mißhandelten. Die Flüchtlinge konnten nichts retten und nickst einmal Lebensmittel mitnehmen, so daß sie jetzt die Wohltätigkeit der Einwohner von Centn anrufen. Berlin. It, dem vor kurzem erschienenen Buche von Ernst Curtius: „Ein Lebensbild in Briefen" (Berlin 1003), Seite 618, findet sich iu einem Briefe des berühmten Historikers an seinen Bruder Georg CrzrtWs von 27. 2. 1872 folgende, interessante Stelle: „Unter den steu ausgetretenen Persönlichkeiten ist Odo Rüssel eine der intereMHWßn, ein Kosmopolit von seltener Virtuosität. Neulich hatte Brandis, Helmholtz, Mommsen, Grimm, Lazarus/ Lasker und mich mit ihm vereinigt. Es war ein echtes Symposion, wo alle Fragen der Politik und Bildung verhandelt Ivnrdcn. Ich horchte und lernte mit begierigem Ohr, fühlte mich aber doch ein- Juden waren mir entschieden am meisten sympathisch, lveil sie viel mehr als alle anderen religiöse Bildung als einen wesentlichen Faktor des Volkswohls und der Menscyenbildnng erkaiuiteu." Zur Auswanderungsbewegung in Rußland. Gegen Ende des Monats November v. I. sind aus Libau mehrere Gruppen russischer Juden, deren jede eine große Anzahl von Mitgliedern hatte, nach Amerika ausgelvaudert. Und groß ist auch die Zahl derjenigen Juden, deren Auswaiideruugszicl Afrika ist. Der größte Teil der Emigranten stammt aus Biclo Rnssia und Littau. Die russische Regierung gegen den Zionisums. Der „Freund" meldet nach „Wjestnik Inga", daß sämtliche Schulen und Klausen den strengen Befehl erhielten, keine Vorträge oderPred i g t e n über Zionismus a b h a l t e n z u lassen. Kolonisationsbcweguttg. In der jüdischen Kolonie Na har- Tab (Chersoner Gouvernement) ist die Lage der Kolonisten eine sehr gedrückte. Boden ist sehr wenig vorhanden und ein großer Mangel au Arbeit fühlbar. Der größere Teil der Kolonisten leidet unausgesetzt schwere Not. Die „Jca" hat der Kolonie den Vorschlag gemacht, nach Argentinien auszuwandern, woselbst sie in kleinen, fünf bis sechs Werst voneinander entfernten Dörfern angcsicdelt werden soll. Die Gesellschaft lvill die einzelnen Familien auch mit Boden in entsprechendem Ausmaße, so wie mit den erforderlichen Wirtschaftsgeräten ausrüsten. Die Rückzahlung dieser Vorschüsse seitens der Gesellschaft soll innerhalb zehn Jahre erfolgen, wonach die einzelnen Familien ausschließliche Besitzer des Bodens samt fundus instructuS bleiben. Aber nicht alle Kolonisten wollen jetzt die Scholle verlassen, welche sie mit so vieler Mühe bearbeitet und fruchtbar gemacht haben. Vorläufig hat sich eine kleine Gesellschaft organisiert, welche in nächster Zeit ans eigene Kosten nach Argentinien answandern wird. Die gemafiregelteu „Novosti". Wie aus Petersburg gemeldet wird, wurde das liberale russische Blatt „Novosti" wegen seiner freimütig-judenfreundlichcn Haltung zur Zeit der Verhandlung des Kischenewer Prozesses vom Minister des Innern gemaßregelt. Derselbe verhängte das Verbot des Einzelvcrschleißes über das genannte Blatt. große Geldopfer die zwette Landessprache. Die Inden der Jehtzert sehen heute schon den Fehler ein, den sie mit der Auflassung dieser Schulen begangen, und das; sie sich nur von jenen falschen Proo-rfr,e„£tC eznobsk y Hand in Hand gingen, hinters IuJ)wnr Itcfeeit. Da nun der Jednota-Anhang so ziemlich nachgelassen hat, versuchen diese Anch-Jnden der Jednota nun neue gionslehrern -unter Androhung einer Disziplinaruutersuchung jedes An rmsere geschätzten Abonnenten nnd Kesrr! Wir bitten nnsere geschätzten Abonnenten nnd Leser um gefällige Bekanntgabe solcher Adressen, von denen auznuehmen ist, daß eine Probesendung unseres Blattes von Erfolg begleitet wäre. Mit jüdischnationalem Gruß Die Administration. ^rinl seit Jahren eine Versorgungsanstalt für ans dem Lande Schlffbruch gelittene Rabbiner zu sein; denn seit Jahren hat man mcht gehört, daß irgend eine erledigte Rcligionslehrerstelle ordnungsgeinäß im Konkurslvege ausgeschrieben tvorden wäre; kaum erledigt, wurde eine solche schliell einem in Prag lebenden, postenlosen Rabbiner zugeschanzt, von dem nrali nicht weiß, ob er seinen Doktortitel aiis China oder Sibirien importiert oder überhaupt je euie Mittelschule gesehen. Beweis desseii, lvie uiiselbständig die Gemeinde vorgcht, mag folgender Fall dartun. Im verflossenen Sommer starb der Religionslehrcr an den böhmischen Schiilcn K., der zugleich Kantor der b ö h m i s ch e n Synagoge lvar, die von dem böhmischen Vereine „Or tomid" erhalten wird.' Es wäre Pflicht gewesen, einen Konkurs für diese erledigte Stelle als Rcligionslehrer auszuschrelbe«, um eine pädagogisch gebildete Kraft zu erlangen, die natürlich über das vorgeschriebene hebräische Wissen horfnrrl i. ir' .. * •/ böhmischen Vereine „Or-Tomid", der auch nicht viel zahlen kann, ellien Pakt, nur denjenigen dem Landesschulrate als Religionslehrer borzuschlagen, den dieser Verein als Kantor akzeptiert. Infolge dessen zog auch ein Rabbiner, vollkommen qualifiziert, der schon mehrere Jahre als Religionslehrcr uiid Rabbiner auf dem Lande tätig isst ein Prager von Geburt, feilt Gesuch zurück, da er einen jungen Mann, der ein Jahr Medizin studiert, der vom Hebräischen erst genascht, als er bereits verheiratet war. da er dank dem neuen Kultusgesetze wegen Aufgcbens seiner Studien über Bücher-Emlauf. Stefan H i r s chb e r g, „Herzensworte", - Gebete - in Versen für meine kleine Schwester. München, Verlagsbuchhandlung Seitz u. Schauer. 1903. Bericht des Kuratoriums der Baron Hirsch-Stiftung zur Beförderung des Volksschul-Unterrichtes. Bericht des Kuratoriums der Baronin Clara von Hirsch- Kaiser-Jubiliiumsstiftung. Bericht des Vereines zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleidender auf dem Lande. Eiugefe«det Aufruf zur Gründung eines Vereines der Preßburger. Alle jene, deren Vaterstadt Preßburg ist und die sich in Wien heimatlich niederließen, bewahren ihr Herz voll träumerischer Erinnerungen an ihre Jugend und an die Stätte ihrer Geburt und ihrer ersten, fröhlichen Kindheit. Von Zeit zu Zeit führt sie die Sehnsucht den Donaustrom hinan und sie verweilen ein Stündchen cm einsamen Gräbern oder bei dort lebenden Angehörigen, werfen einen Blick auf die Tummelplätze ihrer Jugend und müssen mit dem schmerzlichen Bekenntnisse, daß alles vergänglich ist und daß die Jahre gar zu rasch dahineilten, die Rückreise in ihre zweite Heimatsstadt antreteu. Das ist die wehmütige Poesie der Preßburger. Es sind edle Enrpfiudungeu, die der Lärm der Großstadt, der Kampf ums Dasein nicht vernichten kann, und diese Gefühle zu pflegen, ihnen iu praktischer Betätigung volle Geltung zu verleihen, ist der Zweck jener, die sich iu diesen Zeilen vertrauensvoll au Sie wenden. Es wurde der Gedanke angeregt, einen Verein der Preßburger zu gründen. Die Pflege der gemeinschaftlichen Gefühle, die Wachhaltung der Zusammengehörigkeit mit der heimatlichen Scholle und vor allen: das wohltätige Beistehen den verarmten und gedrückten Kindern der Vaterstadt, soll das Ziel dieser Vereinigung sein. Alle jene, die sich für die Bildung dieses Vereines begeistern können, mögen gefälligst ihre Adresse, dem Unterzeichneten angeben und werden später zu einer Besprechung eingeladen werden. Moritz Nasch, Wien, 9/1, Schlickgasse 1. Löbliche Redaktion! Es dürfte Sie gewiß interessieren, zu hören, daß sich in jüngster Zeit auch die Prager Kultusgemeinde mit der berühmten „Jeduota öeskoLid." verbunden hat, um einesteils einen Schlag gegen den Jüdischen Volksverdn zu führen, anderuteils ihr Mütchön au dem Jüdischen Laudes-Lehrerverein zu kühlen, lveil dieser es gewagt, dem Volksvereine als Mitglied beizutreten, obwohl der Generalversammlung jede aggressive Tendenz ferulag und diese nur aus Dankbarkeit diesen Beschluß faßte, da der Volksverein das gesunkene jüdische Bewußtsein besonders, unter der jüdischen Jugend hebt. Jedem Juden iu Böhmen ist es bekannt, welche Mittel sie vor Jahren augelveudet, lvie viele Versammlungen sie auf dem Laude veranstaltet, zu denen sie Nichtjudeu ringelnden, um die Glaubensgenossen an den Pranger zu stellen, lveil diese konfessionelle deutsche Schulen iu böhmischen'Gegenden erhalten, um, wie sie ben Christen eiuredete, zu germanisieren und ihre Kinder ihrem Volke entfremden. Diesem Drucke um das tägliche Brot zuliebe fielen die mcifteu jüdischen Schulen zum Opfer, deren es in den Neunziger Jahren iu Böhmen iwch an 120 gab, in denen unsere Jugend im jüdischen Sinne erzogen wurde, in denen noch Bibel und Liturgie gelehrt wurden, und derer: Schüler in der Religion stets als die besten au den Prager Mittelschulen galten. Daß sie auch von gewissenhafteu Lehrern, denen jede politische Tätigkeit iu der Schule verhaßt lvar, im Deutschen gut vorbereitet waren, versteht sich von selbst, der Jude de«: damaligen Zeit verband mit diesen Schulen einen doppelten Zweck.: sein Kind lvurde dem Judentum durch die konfessiouette Schule' erhalten und erlernte dabei ohne und ohne pädagogische Bildung ernannte die Prager Gemeinde zu ihrem Religionslehrer, weil sie eben nicht so viel opfern lvollte, um einen Religionslehrer anzustclleu, obwohl sie ganz gut wußte, daß ' in den nächsten Monaten sie wieder iu die Lage kommen wird, für einen neuen Religionslehrer Sorge tragen zu müssen. In ihren Intentionen liegt.es eben, das Schmarotzertum zu fördern, den arg vernachlässigten Religionsunterricht vegetieren zu lassen und immer nur Flickarbeit zu leisten, irgend einen Brocken einem ihrer Günstlinge hiuzulverfen, damit cs heiße, sie lasse keinen, der um Beschäftigung ansucht, brotlos. Was kommen mußte, kam. Mit Ende Dezember l. I. geht der langjährige Religionslehrer der böhmischen Mittel-, Volks- und Bürgerschulen Dr. B. iu Pension, was selbst die kleinen Kinder schon längst wußten. Natürlich wird eifrig nach einer geeigneten Kraft — nicht gesucht, auch kein Konkurs ausgeschrieben, wozu interne Angelegenheiten an die große Glocke hängen? Man gibt dem neuen Protcktionskinde des „Or-Tomid" schnell die Mittelschulen, die Volksschulen einer ungeprüften Kraft und die Bürgerschulen einer dritten Kraft, damit keiner übermütig werde. Und wahrlich eine gute Kraft hätte Prag nichts geschadet, denn so wie heute das Judentum in den Prager Schulen gefördert wird, kann es nicht weiter gehen, jeder Religionslehrer ist autonom, er kann tun und lassen, was ihm beliebt, was nützen die Lehrpläne, wenn kein Organ de saeto die Aufsicht hat, ob wirklich!vas geleistet ivird. Dem Namen nach existieren'zwar zwei Herren, denen die Inspektion zugewiesen ist, ob einer von ihnen aber wirklich auch nur einmal inspiziert hat, ist nie zu hören gewesen. Und ebenso wie es an den öffentlichen Schulen bestellt ist, ist es auch mit der von der Kultusgemeinde erhaltenen Tal m u d t h o r a - S ch u l e. Statt in jedem Stadtteile einzelne Klassen zu errichten, damit selbe auch von den entfernt Wohnenden benützt werden könnte, ist sie in der Judenstadt untergebracht, tvo heute die wenigsten Juden wohnen. Schon das Lokal selbst ist ein ganz ungeeignetes, der Zugang führt über einen schrecklich langen, vollkommen offenen Gang, der ein niedriges eisernes Seitengeländer hat, so daß man staunen muß, daß bis heute noch kein Unglück vorgekommen ist. Die einzelnen Klassen haben nicht eimnal separate Ansgänge, so daß die Kinder erst eine andere Klasse passieren müssen, tvenn sie in die ihrige gelangen wollen, wodurch große Störirngen beim Unterrichte hervorgerufen werden. Aus dem geschützten Schullokale gelangt das Kind sofort ans den oben erwähnten offenen Gang, was gewiß der Gesundheit nicht zuträglich ist. Was die Hauptsache aber für jede Schule ist, geht dieser i Anstalt ab, sie hat absolut keine Leitung, jeder Lehrer lehrt, wie es ihm gutdünkt, cs existiert nur eine administrative Leitung, der die Schreibarbeiten zngewiesen sind. Konferenzen, wie eine bessere Lehrmethode oder bessere Lehrerfolge zu erzielen wären, existieren nicht. Man komme ja nicht mit der Ausrede, daß diese Schule der Talmudthora-Kommission unterstehe, eine Korporation kann nicht inspizieren, diese Aufgabe ist nur einer Person zuznweisen, die selbst mitunterrichtet und das Räderwerk der Schule genau kennt. Es ist ganz irrelevant, wer dann die Leitung führt, ob einer der an der Schule dozierenden Rabbiner oder eitt geprüfter Lehrer, hier handelt es sich um die Einheit, der sich alle Kräfte dann unterordnen müssen; an der Schule gibts dann keinen Unterschied, ob der eine Doktor oder nur Lehrer ist, für die Schule sind sie alle nur Lehrer. Gibt es nicht an den Mittelschulen Kräfte genug, die Doktoren sind, während der Direktor oft nur Mittelschullehrer ist? Hier wäre für unsere Gemeinde ein weites Feld, das zu bearbeiten für das Judentum von unendlichem Nutzen wäre. Ein ebenso ergiebiges Feld wäre die Teilnahme der Schuljugend an einem Gottesdienst. Tempel gibt es genug; könnte es nicht dnrchgcführt Iverden, daß z. B. jeden Freitag abend jeder Religionslehrer seine Schüler in einen andern Tempel zum Gottesdienst führen könnte, so daß nicht so viele Schüler beisammen wären, um die Disziplin zu erhalten? Dadurch Ivürde die Liturgie gefördert werden, es könnten auch Exhorten gehalten werden. bei denen die Kinder über den laufenden Sidraabschnitt belehrt würden. In allen: und jedem ahmt man dem Christen nach, nur im Gottesdienste nicht. Warum muß der christliche Schüler bei jedem Wetter das Gotteshaus besuchen, tvarpm fordert die katholische Kirche das religiöse Gefühl der Kinder und warum tut dies der Jude nicht? Klagen über den Verfall des Judentums hört man allenthalben und doch geschieht von Seite der Prager Gemeinde nicht das Geringste. Warum mietet die Prager Gemeinde nicht einen großen Saal z.nr ständigen Abhaltung des Gottesdienstes für die Heranwachsende Jugend? Am Freitag abends könnte stets du solcher im Grand Hotel abgehalten werden, wie es an den hohen Feiertagen geschieht. Strenge 51ontrolle von Seite der Neligionstehrer, ob die Studenten demselben beilvohnen, könnte vieles zur Hebung beitragen. Vielleicht rütteln diese Zeilen die Gemeinde zu ihren Pflichten auf. Prag, Dezember 1903. V e d e r p m o.