Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 22. Jänner 1904 hr. 4 wir haben an dem Beispiel in einigen europäischen Staaten gezeigt, daß Christlichsozialismus nichts mit Antisemitismus zu tun hat, kann ferner die sozialreformatorische Gruppe in der österreichischen christlichsozialen Partei die radauantisemitische zum Schweigen bringen, können andererseits die Juden stch zu der Erkenntnis aufraffen, daß es nicht ihre, sondern die Sache der Christen ist,, gegen eine wirkliche oder vermeintliche Herrschaft ihrer Priester zu kämpfen, können sie stch endlich abgewöhnen, gleich ein Dutzend fremder Nationen zu erlösen, obwohl es bei ihnen zu Hause drunter und drüber geht — mit einem Worte, werden die Juden nicht nur nach ihrer eigenen Fa§on selig werden wollen, sondern auch die andern endlich nach der eigenen Fagon, sei es welche immer, selig werden lassen, dann, aber auch nur dann, ist ein Ausgleich der bestehenden Gegensätze möglich. Aber das ist ein langer Weg. 8. Rozvoj. Die Zeitschrift „Rozvoj", welche in Pardubitz am 1. Jänner 1904 ihre erste Nummer ausgab, charakterisiert sich durch den Suvtitel: „Wochenschrift der tschechischen Fortfchrittsj u d e n". Aus dem Leit- und gleichzeitigen Programmartikel wären folgende Stellen hervorzuheben: „Der tschechisch-jüdische Gedanke macht keine gehörigen Fortschritte, unsere Bewegung ist im Weichen und wir verlieren an ,Einfluß auf allen Seiten. Die tschechisch-jüdische Nationalvereinigung verliert den Boden unter ihren Füßen. Wenn früher die Masse gegen uns anstürmte, stürmt jetzt die Intelligenz gegen uns, und zwar nicht mit so reinen als raffinierten Waffen. Die antisemitische Belletristik ergänzen antisemitische Schriften mit wissenschaftlichem Anstriche, nationalwirtschafffchaftliche, statistische Schriften und dergleichen. Mit dem bisherigen System der Vertuschung geht es nicht weiter. Es geschah z. B-, daß der „Sokol" in einer gewissen Stadt keine Juden als Mitglieder aufnahm; die tschechische jüdische Nationalvüxeinigung interpellierte in dieser Sache der: Ze nt ra l a u s s ch u ß des „Sokol" in Prag und der hat die M i ch i a u f n a h m e d e r Juden genehmigt. Daraufhin hatte die (tschechisch-jüdische) Nationalvereinigung keine Antwort. (II) Ist ein solches Handeln richtig? Ist das eine Schande für uns oder eigentlich eine Schande für den „Sokol"? Es wird besser für ,uns sein, wenn alles klar sein wird, wir sind genug reif und es wird uns weniger die Erkenntnis der Wahrheit schmerzen, als die oftmalige Täuschung. Unser, Lager sehnt sich nach Assimilation. (I) Mit Recht fragt Professor M a s a r y k, was für eine Assimilation wir uns' eigentlich, vorstellen? Eine Nassen-Assimilation? Viel hat man über dieses Thema geschrieben, aber die Frage ist bisher nicht ordentlich gelöst worden. Wir unterscheiden uns durch Rasse (Uch Glaubens- und wirtschaftliche Verhältnisse und auch häufig durch die Sprache. Die Raffenfrage spielt aber keine Rolle; (?) wegen unserer körperlichen Abweichungen hassen sie uns nicht und die geistigen Abweichungen haben nicht denselben Ursprung. Die Frage ist schon längst abgetan, (?) die Wissenschaft gibt sich schon lange mit ihr nicht ab (?) und was Virchow und unser großer Forscher N. Lazarus und Steinthal niedergerissen haben, werden Autoritäten von zweifelhafter wissenschaftlicher Qualifikation, wie Nord au und He rzl, nicht wieder zum Leben zurückzuführen vermögen. Auf der einen Seite die Wissenschaft, auf der anderen Seite Tagesjournalismus. Es wird niemand in Verlegenheit sein, auf welche Seite er sich hinneigen soll. Der ganze Haß gegen uns entsteht aus religiösen Gründen; es ist dies der Kampf des Christentums gegen den Mosaismus und keineswegs der Kampf des Ariertums gegen das Semitentum. (?) Wir sind der Religionsfrage vorsichtig ausgewichen und das war unser größter Fehler. Gerade in der Religion liegt der Geist Vortragenden in Tarnack im Jahre 1902 fortgesetzt. Dr. Sellin erklärt, daß er absichtlich von der sogenannten prähistorischen Zeit spreche. Die prähistorische Zeit endet in dem Augenblicke, wo wir schriftliche oder inschrifttiche Quellen über ein Land oder ein Volk besitzen. Diese Quellen können auch von den Angehörigen eines anderen Volkes herrühren. Sie mahnen allerdings dann zur Vorsicht, wie die Erzählungen des H e r o d o t beweisen. Die historische Forschung beginne erst mit dem Moment, wo wir aus dem Lande selbst Quellen besitzen. In Palästina ließ man die prähistorische Zeit ihr Ende finden ungefähr 1400 v. Chr., mit der. Zeit, wo die Juden in das Land kamen. Als geschichtliches Ouellenwerk habe bisher bloß das Buch I o s u a gegolten. Nach den Ergebnissen der Ausgrabungen Sellins in Palästina wären sechs Jahrhunderte dem prähistorischen Zeitalter abgerungen lind der pragmatischen Geschichte einverleibt worden. Wirkliche historische Quellen über diese Zeit beginnen mit dem Fund von Tel-lamara. Es gibt in jeder Wissenschaft Augenblicke, wo die Wissenschaft mit einem hörbaren Ruck weiter fortschreitet. Das geschah für die Palästinaforschung durch jenen Fund. Man stieß nämlich auf ein paar hölzerne Kisten, die mit Tontafeln gefüllt waren. Diese Tafeln, 300 an der Zahl, sind gesammelt und befinden sich in London, Paris und Berlin. Diese Tafeln sind nichts anderes als Briefe, die von den ägyptischen Statthaltern, die in Palästina residierten, an den Pharao gesendet wurden. Im 16. Jahrhundert v. Chr. wurde also Palästina von Aegypten beherrscht. Die ägyptische Herrschaft stand damals allerdings vor dem Zusammenbruche. Ein feindlicher Stamm der Habiri (Hebräer) drängte von Osten heran. Der andere Punkt, der durch diesen Fund aufgedeckt wurde, tvar der, daß die Briefe in Keilschrift geschrieben waren, die babylonische Sprache die internationale Tiplomatensprache tvar, so wie hente das französische. Man mußte nun daran denken, Ausgrabungen in Palästina zu veranstalten, um die korrespondierenden Briefe, die der Pharao nach Palästina sandte, zu finden. Sehr rasch kam die Bestätigung. Miß fand in Lachis eine kleine Tontafel; diese Tontafel erwähnte denselben Statthalter ion Lachis, von dem in den Funden von Tel-lamara die Rede ist. Der Vortragende kam mm auf seine eigenen Ausgrabungen in Tarnack zu sprechen, die von Prof. Roßny in Wien entziffert würden. Aus den Ausführungen des Dr. Sellin geht hervor, daß die Kanaaniter schon 2500 Jahre vor Christus einen lebhaften Handel mit beu Phöniziern und dem griechischen Jnselvolke getrieben haben; dies beweisen die von dem Vortragendcs Volkes. Der Geist des Volkes ist der Glmlbe. Ist es inferior, ist die Rasse inferior, aber niemals umgekehrt. Wenn es wahr tväre, daß der Geist des christlichen Glaubens in den Worten enthalten ist: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst", während der Geist des Mosaismus in den Worten: „Aug' für Aug' und Zahn für Zahn" enthalten wäre, dann wäre eine Assimilation unmöglich und unsere Arbeit erfolglos. Dem ist aber nicht so. Unser Glaube ist nicht inferiorer, umgekehrt, der Mosaismus steht in den Augen nicht voreingenommener Menschen so hoch, wie er niemals stand, er ist zu einer Ganzheit geworden, folgerichtiger, universeller und fortschrittlicher. Es wird uns nicht schwer sein, hiefür Beweise zu führen. Die soziale Frage gab uns nicht so viel Arbeit, aber zeitweilig haben wir vom sozialen Fortschritte gesprochen, auch mit dem Sozialismus kokettiert und das tvar genug; wir haben vergessen, daß wir eilte eigen esoziale Frage haben, und daß mit sozialen Reformen lvir bei uns selbst beginnen müssen. Auch ist die Sprachenfrage nicht so einfach, wie es scheinen möchte. Die sprachliche Assimilation der Juden in Böhmen, insbesondere aber in Mähren hat ihre großen Schwierigkeiten; wir dürfen nicht vergessen, daß das, was wir einfach sprachliche Assimilation nennen, nichts anderes ist, als ein Entnationalisieren, denn der Jargon, in welchem die Juden bis vor kurzem sprachen, ist eigentlich ein deutscher Dialekt und die Juden waren eigentlich Deutsche. Die Entnationalisierung war umso schwerer, als die Angehörigkeit der Juden zu der deutschen Nationalität keine bloß formale, sondern tief gefühlte war. Was Jude ist, das ist ein Leser. Es gibt keinen armen Juden, der nicht ein Buch, eine Zeitung lesen würde, und die Juden hielten umso fester zu der deutschen Literatur, als auch ihre Glaubensgenossen einen Löwenanteil an dem Aufblühen der Literatur haben. Heine, der größte (deutsche) Lyriker, Boerne, der größte Journalist, insbesonders aber Berth. A u e r b a ch, waren bei den Juden Werber für die deutsche Literatur. Das alles war aber nicht das größte Hindernis; die Juden gewöhnten sich allgemach an die tschechische Sprache und die ununterbrochene Beziehung mit der tschechischen Bevölkerung hätte gewiß im Laufe der Zeit alle Spuren des Deutschtums vertilgt, wenn eben die Beziehungen freundschaftliche gewesen wären. Die Juden standen mit den Tschechen in einer Reihe in Sachen der Kultur und der Freiheit, zwei geknechtete Nationen, welche für die Sache der Menschheit im Kampfe gegen die ganze Welt verbluten. Die Juden meldeten sich zum tschechischen Volke aus ganzer Seele und die Antwort? Das waren die Straßenstürme und die Juden mußten aus Prag flüchten. Auf solche Stürme zu vergessen ist schwer. Die weitere Geschichte läßt sich kurz erzählen: Wir wurden in das (tschechische) Volk ausgenommen und w i e d e r a u s g e s ch i o d e n, ivie es eben der momentane Nutzen geboten hat. Vor den Wahlen wurden wir in Gedichten apostrophiert: „Zeigt doch eure Tat, daß ihr unsere Freunde seid" und wenn es n a ch den Wahlen war und wir unsere Freundschaft durch die Tat bezeugt hatten, begann der neue Haß. Das vaterländische Lager spielte mit uns manches grausame Spiel und auf uns tschechische Juden, welche wir in der Front der; Assimilationsbewegung standen, schüttete es Schlag auf Schlag. Das erzeugte wohl bei den übrigen kein besonderes Gefallen, unsero Reihen zu vermehren. Recht hatte der verewigte E i m, als er sagte: „Wenn wir die Juden gewinnen wollen, müssen wir Ihnen imponieren." Eine offene und mannhafte Feindschaft hätte uns Juden gewiß mehr imv"r>rert. als ein Vorgehen, ftir welches kein anderer entsprechende .wie hefwht als — Falschhei t." Im Schluffe d ‘i-ivar-iiti© wird dem tschechischen Volke iwch vorgeworfen, das; es ac.- Weg zu seinen alten Idealen, insbesondere dem Ideale er Fr.cheit, verlassen hat, und dass die Freiheit dem Juden hm * heil.9 wur, aber in Böhmen zu einem bloßen Schlagworte heravgesunken ist. Also: „Rozvoj" konstatiert, daß einzelne Sokols (Turnvereine) keine Juden aufnehmen. Die tschechischjüdische Beseda appelliert an den Zentral-Ausschnss der Sokols in Prag und dieser genehmigt die Nichtanfnahme der Juden. Also! Die Juden werden vor den Wahlen in Poesie und Prosa apostrophiert, nach den Wahlen beginnt der neue Hass. Also! Die Juden melden sich zum tschechischen Volke und die Antwort sind Straßenstürme; die Juden müssen aus Prag flüchten. Das alles und vieles andere konstatiert der „Rozvoj". Was aber folgert er daraus? Er ruft zur Abwehr auf. Nun, Abmehr ist eine schöne Sache. Und die „Cesko zidovski jednoty", die nicht einmal sich zu einer Abwehr aufraffen, sondern ruhig die moralischen und nicht immer nur moralischen Ohrfeigen von seiten der Tschechen einstecken, verdienen mehr Verachtung, als in den zahmen Worten des „Rozvoj" liegt. Aber wichtiger als die Abwehr ist die Erkenntnis. Und diese Erkenntnis fehlt dem „Rozvoj" vollkvmmen. Die Erkenntnis nämlich, daß nach Natur, Geschichte und Tradition der Platz der Juden, so wenig wie er innerhalb der deutschen Volkes, innerhalb des tschechischen Volkes ist. Damit wollen wir durchaus nicht behaupten, daß es nicht nach Ort und Zeit manchmal geboten, ist, an der Seite der Tschechen zu stehen. Aber Bundesgenossenschaft bedeutet keine Bolksgenossenschaft. Und so lange der „Rozvoj" und die hinter ihm stehenden Kreise sich nicht zn dieser Erkenntnis emporgerungen haben, wird ihre Arbeit ebenso fruchtlos und nutzlos sein, wie die Vogel Strauß-Politik der „Cesko zidovski listy". Der vom „Rozvoj" gezogene Schluß: die tschechische Nation könnte durch Liebe (charitas) entwaffnet werden, ist unrichtig. Was an uns gehasst wird, ist die Nationalität und Religion. So ähnlich wird der protestantische Deutsche vom katholischen Franzosen, vom orthodoxen Russen, vom Anglikaner usw. gehaßt. Und wenn der Luther- Deutsche kein Land sein eigen nennen würde, wo er in der Majorität sich auslebcn könnte, er wäre vielleicht genau so gehaßt, wie der Jude. Eine Nation „liebt" selten eine andere, selbst eine stammverwandte nicht. Und die „Liebe" des Russen zum Polen und des Polen zum Ruthenen, des Serben zum Bulgaren usw. beweist, wie utopistisch es ist, mit „Liebe" den Haß einer Nation entwaffnen zu wollen. Nur gute Rüstung und trockenes Pulver hält die Freundschaft zwischen Nationen warm. Nicht früher wird der Tscheche, der Deutsche, der Pole usw. den Juden Freundschaft entgegenbringen, als vis diese als selbständiges Volk an den allgemeinen Kultur- und Wirtschaftsaufgaben mit den übrigen Völkern in den Wettkampf getreten sein werden, als gleiche unter gleichen und sie nicht mehr als Assimilationsanhängsel an die Rockschöße der verschiedensten und sich gegenseitig bekämpfenden Völker sich anklammern werden. Nicht „Liebe" entwaffnet den Haß, sondern Kraft und Mut. Und die körperlichen und geistigen Kräfte der Juden zu heben, ihr Bolksbewußtsein zu stärken, ihren Mut zu beleben, darin sollten sich alle Juden finden, mögen sie nationale oder religiöse sein. Sir. Die Kultusgemeinde de« Juden! (Offenes Schreiben an den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde.) Die Lage des jüdischen Gewerbetreibenden und Handelsmannes wird täglich schlechter und gedrückter. Der reiche und wohlhabende Jude, der in einer besseren Zeit einiges Vermögen zu sammeln in der Lage war, spürt auch der schweren Zeiten drückende Last und zehrt an seinem Kapital, das er mit Wehmut zusammenschmelzen sieht. Eine allgemeine Resignation macht sich unter den Juden fühlbar und es hat den Anschein, als sollten die Juden bald aus allen Erwerbszweigen herausgedrängt, in den Jntelligenzstand hineingepfercht werden, in welchem sie, mehr auf ihre Findigkeit als auf die den ausgegrabenen keramischen Gegenstände, die in der gleichen Ausführung wie in Palästina auch in den phönizischen Orten und auf Cypern gefunden wurden. Die Kultur der Kanaaniter war eine babylonische. Dies erhellt aus vielen ausgegrabeueu Tontafeln, die alle mit babylonischer Keilschrift bedeckt sind. Auch Prof. Sellin hat in einem kanaauitischen Schloß vier Toutafeln mit der interessanten Korrespondenz zweier kanaanitischer Könige ebenfalls in babylonischer Keilschrift gefunden. Die Bauart der Kanaaniter weicht entschieden von der der Israeliten ab. Während die der erstcren Stockwerke zeigt, ist die israelitische Bauart eine ebenerdige. Nach einer Schilderung der kanaauitischen Friedhöfe, die mit Menschenopfern „eingeweiht" wurden, wies der Vortragende nach, daß die Kanaaniter ein semitischer Stamm waren, denen heute anatomisch die Araber am nächsten stehen; sie waren durchwegs Langköpfe. Reminiszenzen aus der Prager Judenstadt. Von Alexander Baum, Klattau. „Die Prager Judenstadt!" — Gefühle ganz eigener Art durchzittern mein Herz, indem ich diese Worte niederschveibe. War doch die Judenstadt von mmo dazumal der Ort, in dem ich die goldene Jugendzeit verbrachte, die Stätte, ait die mich hunderte, ja tauseirde süßer Erinnerungen knüpfen! Das Leben in dem genamtiett Viertel tvar ein ganz anderes, als der moderne Jsraelite tvähnt, ich möchte es ein patriarchalisches nennen. Die Bewohner tvaren größtenteils untcreiilander und miteinander bekannt; sie rekrutierten sich selbstredend ans den verschiedensten Ständen; doch gehörte die überwiegende Mehrzahl dem Handelsstande an. Die Verhältnisse der einzelnen Farnilieit waren für niemand ein Geheimnis. Diese „Kenntnisse" gingen so ins Detail, daß man anzugeben wußte, was in den meisten Häusern zn Mittag oder Abend gekocht beziehentlich gespeist lvurde. Bor fünfzig Jahren hatte beispielsweise jede bessere Familie im Sommer am Freitag Abend Backfische, im Winter Gänsegekröse (junge Gans); natürlich fehlte an keinem Tische das offizielle Barches; am Samstag gab's Kugel oder Scholet (Melange) mit Hintergestell. Es existierten besondere Scholethänser, in ivelche die von der Hausfrau zubereitete Speise in großen Töpfen, mit Stürzen versehen, am Donnerstag oder Freitag gebracht und am Samstag abgeholt lvuvden. Auf die Stürze schrieb der Scholetsctzer eine Nummer oder den Namen mit Kreide, um Verwechslungen vorzubcugen. Das Prager Scholet war eine ausgezeichnete Speise und genoß — es ist dies keine Hyperbel — einen Weltenruf. Die Hausmütter, die cs selbst zubereiteten, sind größtenteils schon gestorben, die Scholethänser sind von der Bildfläche verschwunden und das, was jetzt als Melange in den jüdischen Hotels und Trakterien offeriert lvird, hat absolut weder den Geschmack, noch die Güte des alten Prager Scholet. Das Kochbuch der Frau Kcmders ist wohl vorzüglich und jüdischen Hausfrauen bestens zu empfehlen; aber das Scholet werden sie trotzdem nach ehemaliger Manier nicht mehr zusammenbringen, weil ihre Groß- und Urgroßmütter das nur durch die Praxis zu erwerbende Rezept ins Grab mitgenommen haben. „Sehr be- und gesucht" waren zu meiner Zeit die Gänsler Kolin und Radnitz. Sie besaßen eigene Geflügelhöfe. Arm und Reich, Vornehm und Gering kaufteri dort mit Vorliebe Gänse und deren Bestandteile. Der Unbemittelte erhielt um einen oder zwei Kreuzer fleischige Kugeln (Kügel). an denen er sich sättigen konnte. Frische Grammeln (Grieben), Vratsuppe uslv. tvaren jederzeit für Geld und gute Worte zu haben. Die Herren Worlik unb Schiffe res hatten in der Judenstadt die erste große koschere Selcherei inne und der Würstelabsatz lvar illsonderheit ein enormer. In der Breitegasse konnte man nicht nur Backfische und »heiße, warme Erdäpfel" erhalten, sondern man hatte auch das Schauspiel vor Augen, wie die letztgenannten Speisen in der Pfanne zubereitet wurden. Wenn ich schon von Heu kulinarischen Genüssen, die die Judenstadt bot, schreibe, muß ich der alten jüdischen Restaurationen Küche, Günstling und Tritsch Erwähnung tun; besonders die letztere bot Dezennien hindurch auch das Stelldichein der Israeliten vom Lande. Das jüdische Hotel Brisker gehörte bereits zur Christenstadt, da es sich in der Langengasse im alten Stempelamte befand. Das „berühmteste" Kaffeehaus hatte Herr Mohr inne. Der alte Veteran Dworeles besaß anch eine besuchte Kaffeeschänke. Noch heute sehe ich im Geiste den tveißbärtigen, strannnen Mann mit der golddurchtvirkten Kappe auf dem Haupte und den Tschibuk im Munde; er war einer der schönsten Greise des fünften Viertels. Selbstverständlich tvar der Hausierhandel ttnd das Trödlergeschäft in der Judenstadt stark vertreten. Wer erinnert sich nicht der goldenen Gasse mit ihren hundertfältigen Läden? An Sonntagen hatten die Trödler und Händler ihre Ware ausgelegt; das Zentrum bildete die Breitegasse. Es entlvickelte sich oft daselbst ein Leben und Treiben, tvie es nur Jahrmärkte hervorzubcingen ver-