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Jüdisches Volksblatt · 1904-01-22 · 4 (22.1.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wien, Mitte Jänner. Man kennt in und außer Wien dieses Wort und die meisten unserer Leser werden es als sehr überflüssig ansehen, wenn wir uns des näheren mit diesem Begriff beschäftige». Und doch verlohnt es sich der Mühe; denn während man hierzulande das Wort christlich-sozial mit einem wüsten Antisemitismus identifiziert, gibt es in Belgien, Holland, England, Amerika und der Schweiz Parteien, die christlich-sozial heißen, ohne antisemitisch zu sein. Ja, viele von den englischen Christlich-sozialen sind sogar schwärmerische Judenfreunde. Erst auf diesem Wiener denkfaulen Boden erhielt das Wort den häßlichen und kulturfeindlichen Beigeschmack, wenn wir von der gleichartigen Stöcker'schen Bewegung in Deutschland als bald versandend absehen. Denn, wenn schon die Logik darüber zu Gerichte sitzen sollte, welcher Partei eher der Titel christlich-sozial gebührt, so würde sie den Namen sicher denen nicht zusprechen, die in einemfort von Christentum überfließen, wie z. B. ein Pater S ch e i ch e r und dabei vergessen oder vergessen machen wollen, daß der Stifter des Christentums und seine ersten Apostel Juden waren und daß das neue Testament ohne das alte einfach in der Luft schwebt. Die österreichischen Christlich-sozialen sind Antisemiten und besonders in der Zeit der Entstehung ihrer Partei konnten sie gar nicht genug Juden fressen. Im Verlaufe haben sich aber zwei Richtungen innerhalb der christlich-sozialen Partei entwickelt; die eine kann man als 'die soz i al-res o r m at ori sch-asemi tische bezeichnen, die andere, die an blutrünstigem Radauantisemitismus stets ein Erkleckliches le-stet, verehrt in Schneider, G r e g o r i g und P u r s ch t ihre Heiligen. Je mehr die christlich-soziale Partei an Macht wuchs und je länger sie die Macht in den Händen hatte, desto mehr bekam die erstere Richtung die Ueberhand. Dies ist der natürliche Lauf der mge; denn als Minorität konnte die christlich-sozial-. Partei von der bloßen Demagogie leben. Eine Majorität über verpflichtet. Da sind nicht bloß Worte, sondern auch Taten nötig. Und produktive Tätig keit und Judenhktze schließen sich aus. Das mußte Herr Lueger und seine Gefährten bald erfahren — wenn sie es nicht schon von Anfang an gewußt haben. Wir glauben an die heimliche Liebe Luegers zu den Juden, die man öfters vorgesetzt bekommt, offen gesagt, nicht. Aber sicher war ihm der Antisemitismus nur das Mittel zum Zwecke, Feuilleton. Jüdische Künstler. Von Viktor Fleischer. (Schluß.) E. M. Lilien ist uns jungen Inden heute vielleicht der populärste südische Künstler. Nicht mir, weil er seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der jüdischen Znkunftsibce gestellt hat. Seine Handschrift ist uns geläufiger, weil feilte Bilder nicht wie! die anderer Meister in öffeirtlichien und privaten Galterjen anfgestellt, sondern durch ihren Charakter als Buchschmuck in zahllosen Repmduktioneir bekannt worden sind. Lilien ist vor allem B u ch k it n ft l e r. (Nicht Illustrator, denn seine Zeichnungen führen kein eingeklebtes Sonderdasein; sie sind mit dem Werke, das Lilien schtnückt, zu e i ,r e m untrennbaren Ganzen verwachsen. ). Lilien ist einer der Wenigen, die das Buch als Gesanttkunstwerk auffassen. Davon zeugen die beiden Bände, die er in den letzten Jahren ausgestattet' hat: „Juda" unb die „Lieder des Ghetto"; aber auch die, welche nur unter seiner Atlfsicht gedruckt wurden: der „Jüdische Almau ach" und das neueste Werk des Jüdischen! Verlags: „Die Indischen Künstler". — Wie Lilien zu dieser eminenten Bcheinschnng der Buchdruckerknnst gelangte, berichtet A l f r e dGo l d. Der junge Künstler, der sich nach kurzer Zeit von, dein sinnlosen Akadeinieftndium befreite und einfach davonlief, um. selbst „etwas" zu werden, erscheint ihm zunächst nur, als der Typus des „Jungen", der gegen eine erstarrte Kunstwelt der „Alten" ankcimpft, um seine neuen Ideen, seine neue Persönlichkeit dmichzufchen. Wie sich der Typus allmählich 31t der charakteristischen Gestalt Meister Liliens differenzievte, weist Gold an. der Entwickzum Zwecke der Erreichung der Macht in Stadt und Land, die andern sahen in dem Antisemitismus aber Selbstzweck. Dieses Ziel hat er erreicht. Und er ist heute nur insoweit Antisemit, als er es zur Behauptung seiner Macht braucht; natürlich versagt er es sich nicht, hie und da seine Gegner durch ein kräftiges Sprüchlein zu schrecken. Aber das hindert ihn nicht, mit Rothschild und der Länderbank Geschäfte zu machen und sich von Herrn von P 0 lla k, den er einst grimmig angriff, weil er die liberale Wahlkassa reichlich dotierte und der erst neulich einem liberalen Blatte kräftig unter die Arme griff, sich bewirten, zu lassen. Die Juden standen anfangs der aufsteigenden christlich-sozialen Partei mit voller Verständnislosigkeit gegenüber. Verführt durch ihre Orakelspender, der freisinnigen Tagesprefse, befangen in den abgestandenen Phrasen des Jahres 48, suchten sie alsLiberale die christlichsoziale Partei zu „vernichten". Aber es ging mit der Vernichtung nicht recht vorwärts. Nur Mut! riefen ihnen die großen Blätter zu; in ihren Spatien stellten sie die Christlichsozialen als eine Rotte von Strolchen und Wien als ein kleines Räubernest dar, ohne zu bedenken, daß durch diesen Verruf die jüdischen Geschäftsleute nicht zum mindesten geschädigt wurden. Lueger konnte nicht wenig stolz darauf sein, daß die „Neue Freie Presse", die sich in ihren Leitartikeln sonst nur mit'Ministern und mit Mensche« „vom Baron aufwärts" befaßt, soviel Leitartikel seiner Vernichtung widmete. Aber auch dies verfing nicht. Je Hnger die Juden kämpften, umso dünner wurde ihr chWlicher Anhang. Und die letzten Wahlen in die EinkMmensteuer-Schätzungskommffsion haben wieder bewiesen, stroß dort, wo keine Juden sind, es auch keine Liberalen gibt. Da mußten auch die Verbohrtesten an der Richtigkeit ihrer Taktik irre werden. Und selbst die große Tagespresse, die die Juden glücklich in diese Sackgasse hineingehetzt hatte, änderte ihre Toknk, mit Rücksicht auf ihre Inserenten. Das „N. W. T.". das „N. W. Journal", referiert nur über die Parteiungen in Wien und Niederösterreich. Selbst anläßlich der bekannten christlich-sozialen Aerztehetze wagten diese Blätter nur „Referate" zu bringen. Die „Wiener Morgenzeitung" bittet überhaupt um Entschuldigung, daß sie noch lebt und die „Oesterreichische Volkszeilung" ist zwar vormals judenlibeial gewesen, heute aber ist sie bekanntlich deutsch-volksparteilich. So wollen eS die Herren von der Steyrermühle. Nur die „Neue Freie Presse" vernichtet weiter den Doktor Lueger, das ist lnng des Künstlers nach. Vor allem erklärt er bic technische Seite seines Schaffens. Er zeigt, wie sich der junge Lilien bat Gesetzen des Gewerbes unterwarf, um es sich dann rnnso sicherer dienstbar zu machen lind ihm selbst irene Gesetze zri geben. In klaren' Worten, die bei aller Sachlichkeit doch keineswegs nüchtern und trocken sind, erläutert Gold Liliens Knnstprmzip, die „Stilisierung" der Natur, und lässt uns erkennen, wie sich in Liliens Zeich? nungen Idee und Bild in E i n e s zrifammenschließen. —• Alfred Golds Essay erscheint mir als das beste und instruktivste Kapitel des Werkes, auch deshalb, weil gerade in dem AbschnU über Lilien., die vorzügliche Auswahl des Jltnstrationsmateriales am. glücklichsten mit dem Texte znsammenwirkt. * * Von einem jungen Künstler, dessen. Werdegang noch nicht beschlossen ist, erzählt S. L. Bensusan: Bon Salomon. I. Salomon. Er berichtet uns, wann, der Künstler geboren und wo er erzogen wurde; woer gereist ist und was er gesehen hat; daß cv sehr fleißig und gewissenhaft arbeitet. Dann sagt er uns noch, daß Salomens Arbeiten grit sind und die Reproduktionen besser, sein könnten .... Der Kunstkritiker soll ein Lehrer rmd Führer des Publikums sein, kein Zensor des Künstlers. F r a n z S e v v a e s widunst dein jungen I e h n d o Epstein eine kurze Studie; und indem er Epstein mit Lesser Ury zufammeiistellt — so wie Lieb ermann rmd Israels znsamimeirgehören — findet er Gelegenheit, mit einigen wenigen Sätzen seiner persönlichen, prägnanten Aeußernngsweise das zu ergänzen, was Stahl, Bube.v, Hermann übtv Israels, Ury, Liebermmm sagen. Jehudo Epstein erscheint ihm als Fortsetzer der von Ury eröfmelen Bahn. „Er ist vielleicht minder originell als Ury und nicht von so packender Begabung; aber er ist ausgeglichener, lveil er ihr Monopol, und sie weiß, warum sie es trotz der Erfolglosigkeit tut. Bis in die Kreise der altliberalen Wahlmacher verzweifeltman also an der bisherigen Taktik. Man sah — die Extreme berühren sich — in der Passivität die größte Weisheit, bis Dr. Lueger bei dem Festmahle des Herrn von Pollak erschien. Da wußten sich auf einmal diejenigen Kreise der jüdischen Bourgeoisie, die uns nicht genug angreisen konnten, weil wir in dem bloßen Anti-antisemrteln ü la Bloch nicht das Heil des Judentums erblicken konnten, und die in Lueger einen „Gottseibeiuns" sehen, vor Freude über die Ehre des Erscheinen des Herrn Dr. Lueger nicht zu fassen. Herr Alexander Scharf, der bekanntlich das Gras wachsen hört, wies triumphierend darauf hin, daß er nach dem Ableben des Dr. Prix den Liberalen die Wahl des Dr. Lueger zum Bürgermeister empfohlen hatte. Wir können der edlen „Sonn- und Montagszeitung" nur erwidern: „War' dieser Einfall nicht so verflucht gescheit, man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen". Als Dr. Prix starb, bestand schon eine' fest organisierte, christlich-soziale Partei und Doktor Lueger erklärte dezidiert, daß er eine Wahl von Seite der Liberalen nicht annehmen werde. Er konnte sie auch nicht annebmen. Dr. Lueger an der Spitze einer liberalen Majorität, das wäre die Republik mit dem Großherzog an der Spitze. Mit dem Doktor Lueger, der die Ideen Fischhof's und Walterskirchen'S verfocht, konnterr die Liberalen zusawme.ngehen. Aber diesen Lueger hat die liberale Presse wirklich vernichtet. Und Doktor Lueger den Todfeind des Dr. P r i x, konnten die Liberalen nicht wählen. . Fragt es sich nun, was die Juden tun sollen? Sie schwanken, wie wir zeigten, leicht zwischen Extremen. Sie verschreien einerskits die Christlich-Sozialen als Teufel, wenn aber Dr. Lueger sich herabläßt, zum Gremium der Kaufleute, Las als letzte Hochburg des Liberalismus galt, zu kommen, loben sie ihn in allen Tonarten, natürlich nur bei ihren Tarockpartien. Das eine ist so falsch, wie das andere. Wir haben immer die Anschauung bekämpft, daß man dir Judenfresserei durch die Christlichsozialen-Frefferei vertilgen könne. Wir warnen aber vor der Politik, die man auf Kommersen macht. Diese Polrtik kann leicht durch andere Kommerse wieder umgestoßen werden. Da heißt es gründlicher verfahren. Können die Chriftlich-Soziaien ihren Antisemitismus ablegen — und müder rmd beherrschter ist. Auch er ist voller Temperament, Fa.ribendra.ng rnrd Gesühlswallrmg; doch er läßt diese Eigenschaften nicht zur Berstiegcnheü einporschivellen^ sonderir nnterwirft sie der. Vernunft." Servaes überlässt es dein Künstler, selbst seinen bisherigen Lebensgang zrl erzählen. Dann zeigt er, wie sich in Epsteins Werk geübte Zeichenkrinst mit starkem, impulsivem Erfassen der Farbe und lvie sich in seinen Bilderrr! schärfstes^ Beobachten mit rntenfivern inneren Erleben vermählt. Die große Charakterisierrmgskrmst in Epsteins Porkräistudien führt Servaes an e r n e m Beispiel vor und beweist dabei seine eigene Kunst, Bilder zu lesen rmd, soweit es möglich -st, sprachlich wiederzugeben — Malerei in Worten auszudrücken. Ansgrabnngen in Palästina. Der Professor an der evaiigelisch-Aieologischeil Fakultät Dr. (5 r u st S e l l i n entrollte in der Wiener anthropologischen Gesellschaft auf Grund seiner eigenen Forschungen ein Bild der söge n a n n t c n prähistorischen Zeit Palästinas. Er lvies darauf hin, datz bis bor kurzem Palästina in Bezug auf Ausgrabungen sehr stiefinntterlich behandelt wurde. Während nach Aegypten, Babylon und diinive zahlreiche Expeditionen ausgerüstet wurden und reich beladen heimkamen, wurde Palästina vernachlässigt. Den Anfang machten englische Genie-Offiziere, die im Jahre 1867 in unmittelbarer Nähe von Jerusalem Ausgrabungen veranstalteten und die alten Stadtmauern von David rmd Salomo» aufdeckten. Einen Anfschwrmg erhielt die Palästinaforschung, als im Jahre 1860 die (Gesellschaft der englischen Palästinafrermde in richtiger Erkenntnis, das; in Jerusalem durch die vielen Partei- und Religionskriege alles vernichtet sei und dort für den Archäologen nichts zu holen sei, von Jerusalem wegging rmd ihre Ausgrabungen arrf der sogerrannten Philisterebene in Lachez begarui. Seitdem wurdeir die Ausgrabungen in der Nähe der Stadt Ge za drrrch die derrtsche Palästina-Gesellschaft in Megiddo und durch den

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