Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite < Wien, VretteU Jttdieohe« Tdkabktt. 8. J&nner 1904? Nr. S dere „spiritus movens" in Daujaluka ist, was den Zionismus anbelangt. Drei lebende Bilder aus der jüdischen Geschichte, Tombola und Tanz beschlossen diese schöne Feier, die unserer Betvcgung neue Kämpfer zuführte und in allen Juden des Ortes ein warmes Gefiihl für jüdische Ideale wachrief. Die Sammlung für den Nationalfonds betrug Kr. 12.70. Jteha. Russisch-jüdischer Hilfsverein in Lemberg. Vorige Woche wurde in Lemberg unter der Aegide des Vereines „Schomer Israel" ein russisch-jüdischer Hilfsverein gegründet, dessen Zweck es ist, sowohl den in Lemberg ansässigen russischen Juden, als auch den jüdischen Emigranten, welche Lemberg passieren, materielle und moralische Unterstützung zu gewähren. Maßregelung der Advokaten im KisckMcwcr Prozeß. Aus Petersburg wird berichjtot: Die Nachrichten über die Maitzregeluirg der Anwüjttel der Juden, .'im Kischenewjer Prozeß bestätigen, sich. Dem Rechtsan>walte Kvlmauowitsch wurde die Ausübung seiner Praxis auf zwei Jahre Vorboten, und der Mitarbeiter des Rechtsan-Walts Karabtfchewski wurde auf fünf Jahre in die Verbannung geschickt. Die erstere Maßnahme wird von der Regierung damit motiviert, daß Kalmanowitsch eine regierungsfeindliche Agitation unter den Juden! betrieben habe, während letzterer sich bei den vor zwei Jahren, in Moskau stattgehabten Unruhen' politisch kompromittiert haben soll, was angeblich erst jetzt festgestellt wurde. Die Kolonisationspläne der „Jea". Mr haben zu wiederholtenmalen darauf hingewiesen, daß dse „Jen" in letzterer Zeit eine regere Kolonisationstätigkeit entwickelt und alles daran setzt, die Verhältnisse in den bereits bestehenden Kolonien der Gesellschaft nach Tunlichkeit zu bessern. Erst jüngst haben wir über die neuen Bodenerwerbnngen in Brasilien berichtet, wo die „Jca" wertvolle Konzessionen von der Regierung bekam, wie auch, daß die Lage der argentinischen Kolonien sich in letzterer Zeit wesentlich gebessert hat. Ebenso dürfte es unseren Lesern noch erinnerlich sein, daß die „Jca" einen Vorschlag des Petersburger Komitees, auf Errichtung eines Auswackderungsbureaus in Rußland, rundweg ohne jede Begründung zurückgewiesen hat. Nun erfahren wir von gut unterrichteter Seite, daß die Gesellschaft mit dieser Ablehnung keineswegs die Auswanderungsbewegnng der russischen Juden aus dem Auge gelassen, sondern ihr die größte Aufmerksamkeit zuwendet. So hat sse in letzterer Zeit verschiedenen Fragestellern aus Rußland, welche die Absicht äußerten, mit Hilfe der Gesellschaft nach Palästina auswan'dern zu wollen, geantwortet, daß sie eben im Begriffe ist, die Kolonisation Palästinas und seiner Nebenländer energisch in die Hand zu nehmen. In Palästina selbst hat die Gesellschaft bereits an sehr vorteilhafter Stelle ein Grundstück im Ausmaße von fünftausend Hektar erworben und wird dasselbe innerhalb zwei Jahren für Kolonisationszwecke vollständig vorbereitet sein. Die „Hazefirah" bemerkt hiezu ln Bestätigung unserer Information noch folgendes: Der Agronom Mego, welcher an die Spitze sämtlicher Kolonien gestellt ist, bereist jetzt Kleinasien, nm auch dort eventuell geeigneten Boden für Kolonisationszwecke anzuwerben. Andererseits läßt die „Jca" auch in Rußland selbst die Verhältnisse der russischen Juden an den exponierteren Stellen eingehender studieren, um auf Grund besten die Auswanderer in die ihnen am besten entsprechenden Kolonisationsgebiete versetzen zu können. Eisenbahnverkehrswege und -Projekte in Palästina. Tie Bahnlinie Beirut—Damaskus wurde im Winter 1902—08 um 2,2 Kilometer von der früheren, außerhalb der Stadt gelegenen Anfangsstation bis an den Hafen verlängert (Eröffnung Februar 1908). _ Der neue Bahnho fliegt auf dem Hofenkai dicht beim Zollhause, so daß die Güter direkt vom Zollhause aus verladen werden können. Man hofft mit der dadurch gebotenen Verkehrserleichterung dem noch immer erhebliche»:, weil bis zu 80 Prozent billigereil Frachtwagentransvort auf der Fahrstraße nach Damaskus wirksam zu begegnen. Weiter ist im Herbst 1902 die Station Rauak der Beiniü—Damaskus-Bahn mit den Städten Homs und Hama. den Mittelpunkten der getreidereichen Orontesebene, durch eine 188 Kilometer lange Eisenbahn verbunden worden. Sie soll später nach Norden bis Aleppo, nach Süden über Rascheja, Hasbeja, Nazareth und Nablus bis Jerusalem verlängert werden. Der Ban dieser Bahn wurde 1901 in Angriff genommen tind so schnell ausgeführt. daß die ganze Strecke Nahak—Haina im Oktober 1002 dem Betriebe übergeben werdeit konnte. Sie soll später an die Konia—Bagdad-Linie angeschlossen werden iind ist deshalb »ormalspurig. Es sind mit der neuen Linie bereits erhebliche Getreidemengeil ans der Gegeiid von Homs und Hama, ivelche früher mit Kamelen nach Tripolis transportiert ivurdeii, liach Beirilt befördert und nach Einlagerting nach Bedarf voii dort ans verschifft lvorden. Die Netto-Betriebsergebnisse der Beirut—Damaskiisbahn waren 1901 2 805 200 Francs. Der Ueberschuß gegen 1000 dürfte von den bedeutenden. Materialtransvorten für die Hedschasbai herrühren, die auch 1902 niid im laiiferiden Jahre foridanerten. Der Bau der sogenannten Hcdschasbahn ,'Tamaskns—Mekka) ist 1902 gut fortgeschritten. Die Erd- und Maiierarbeiren sind auf einer Länge von 870 Kilometer feriiggestellt, der Schienciistrang nngefähr bis Kilometer 277 gelegt lTamaskns—De rat 128 Kilometer, De rat Amman 100 Kilometer. Amman—Ziza gegen 40 Kilometer und 14 Kilometer Abzweigung Terctt—Mzerib) in Betrieb. Abgcsreckt ist sie bis Mann l480 Kilometer von Damaskus, etwa 125 Kilometer von der Nordspitze des Meerbusens von Akaba). Die bisher gebaute Strecke von 870 Kilometer, die 202 Brücken »iid eitlen Tuitnel enthält, stellt ungefähr ein Drittel des Weges von Damaskus nach Medina dar und ist bei einer Bauzeit von 29 Mo- »ctten eine sehr benterkenstverke Leistinig, ebsouders, da die Materialznfnhr erschtrert ist. Tie Einnahmen des Banfoiids, der grundsätzlich aus freitvilligen Beiträgen der Mohammedaner, ztim Teil allerdings auch durch die Erträgnisse einiger eigens dazu geschaffener Abgaben ilnd einiger Fiiianzoperatioilen gebildet wird, ergaben nach türkischen Blättern bisher 108 840 542 Piaster ld. i. gegen 49 Millionen Mark), darunter fast ztvei Drittel von freiwilligen Beiträgeir herrnhrend; die Ausgaben betrugen 50 540 778 Piaster ld. i. 10,4 Millionen Mark». An rollendem Material sind, türkischen O.nellen zufolge) bisher 18 Lokomotiven nivb 158 Waggons beschafft und 20 weitere Waggons bestellt tvorden. Inzwischen hat die türkische Negierung auch die Bahnlinie Haifa—Mzerib in Angriff genommen. Die Konzessio» für dieselbe (als Linie Haifa— Damaskus) war 1891 dem ottomanischen Untertan Joseph Elias Effendi in Gemeinschaft mit dem englischen Unternehmer Robert Pilling erteilt und voit diesen der englischen Syria Ottoman Railtray Company, an bereit Spitze der Besitzer der Thomes Iran Works, Mr. Hills, stand unb deren Kapital 000 000 Lstrl. betrug, mit dem Vorrecht für den Bau eines Hafens in Haifa oder Akka sowie mit gewissen Exploitationsvechten abgetreten worden. Der Bau ('als eingeleisige Normalspurbahn) begann im Dezembers 1892, nihte aber nach Fertigstellung von 8 Kilometer infolge von Emissionsschwicrigkeiten. Nach einer fruchtlosen Verlängerung der vierjährigen Frist, binnen deren die Bahn vertragsmäßig gebaut sein mußte, um 3 Jahre unb einem 1897 gemachten vergeblichen Versuche, die Arbeit weider aufzunehmen!, war die Konzession (1898) verfallen. Im Vorjahre übernahm die ttirkische Regierung das Unternehmen gegen Zahlung von 166 000 Ltg. an Mr. Hills. Im April d. I. wurde der Bau wieder aufgenommcn und die erste Strecke von 16 .Kilometer am 8. Mai d. I. fertiggestellt. Der Bau wird von deutschen Ingenieuren ausgeführt. Als Arbeiter werden, tvie bei der Hedschasbahn, Landesbewohner, vorwiegend Soldatem jedenfalls keine europäischen Arbeiter verwendet. Für den 1. April 1904 ist die Betriebseröffmntg auf den ersten. 60 Kilometern (bis Beisan, in der Nähe des Jordans) zu erwarten. Zur Zeit (August 1908) verkehren Arbeiterzüge bis zum Kilometer 26. Die Bahn überschreitet bei Kilometer 76 den Jordan und wird eine Länge van zirka 160 Kilometer haben. Sie soll nach dem neuesten Plan nicht bei Mzerib, sondern weiter südlich bei Der'at in die Hedschasbahn cinmünden. (Fremde sind rüstig an der Arbeit. Was bleibt uns noch übrig, wenn wir uns über Theorien streiten, aber die Arbeit in Palästina vernachlässigen?. A. d. R.) Die Deutsche Orientgefellschaft hat vor kurzem, jedenk ihrer Mitglieder ein Kettchen aus bunten Fayenceperlen oder ein Fayencefigürchcu aus einem altegyptischen Grabe übersandt, Gegenstände, die, wenn aus keinem andern Grunde, gewiß wegen ihrer kmzweifclhaften Echtheit überall willkommen gewesen sind. Jetzt erfreut die D. O.-G. ihre Mitgliedes, deren Zahl sich binnen ivenigcn Monaten abermals nm 160 vermehrt hat, mit zwei gleichzeitig ausgegcbenen, reich illustrierten Nummern ihrer Mitteilungen. Der dem Heft Nr. 19 bcigegebene Plan des jetzigen Standes der Ausgrabmkgen auf dem Kasr-Hügel zu Babylon zeigt den mächtigen Fortschritt, der seit dem letzten zusammenfassenden Bericht über die Freilegung der Ueberreste von Nebukadnezars Palastcmlage erreicht worden ist. Größere Teile der Prozcssionsstraße und vor allem das gewaltige, mit prächtigen Stier- und Drachendarstellunacn, teilweise in farbiger Zicgclglasur, geschmückte Tor der Göttin Jftar im Zuge jener Straße find jetzt aufgedeckt. Eine ausführliche Besprechung dieser Toranlage mit ihrem Tierschmnck, ans der Feder des Expcditionsleiters Dr. Koldewey, bildet den Hauptinhalt dieser Nummer. Nr. 10 der Mitteilungen bringt in der Hauptsache Berichte über die boir der D. O.-G. subventionierten Ausgrabungen, die der Deutsche Verein zur Erforschung Palästinas in der Ebene Jezreel, näher in dem Ruinenhügel, Tell el-Mulesellim, im Frühjahr 1908 unternommen hat. und über den bielverheißenden Beginn der Ausgrabungen der D. O.-G. in Kalat Schirgat, dem Ruinenhügel. der die Ueberreste von Assur, der ältesten Hauptstadt des assyrischen Weltreiches, birgt, lieber die Grabungen in Tell el- Mulesellim, wo wahrscheinlich das alte Megiddo zu suchen ist, berichtet Herr Professor Stkunme in Leipzig. Sie wurden von Herrn Dt. G. Schumacher in Haifa geleitet und haben eine Reihe sehr interessanter und sehr alter Baulichkeiten ans Licht gebracht, wie einen Torban mir Treppenanlage in der Burgmauer und mehrere Räume, kn deren einem sich Krüge mit Skeletten ganz junger Kinder fanden), die mit dem Kopf - nach unten lagen. Auch ein wohlerhaltenes Massengrab Erwachsener aus großen behauenen Steinen wurde gefunden und in ihm Schädel, von denen mehrere starke Hieb- und Stichwundenaufwiesen. Von den Kleinfunden sind verschiedene cgyptischen Ursprungs. Die Ausgrabungen in Kalat Schirgat. deren Vorbereitung und Inangriffnahme ein längerere Bericht Dr. Koldeweys lebendig schildert, haben an mehreren Punkten eingesetzt. Dabei wurden, allerdings nicht in ursprünglicher Laae. eine beträchtliche Anzahl beschrifteter Ziegel sowie Steininschriften gefunden, in denen die Paläste oder sonstige Baulichkeiten von nicht weniger als sieben assprischen Herrschern erwähnt werden ans der Zeit von etwa 1600 bis 670 vor n. g. Z. M"brer-' Zimmer eines Baues, sehr wahrscheinlich eines Palastes Asnrnazirvals l9 Jahrhunderte vor n. g.?>.) sind bereits freiaelegt. Den Beschluß dieser reichhaltigen Nummer, in der auch Herr Andrea mit einem frisch geschriebenen Bericht über seine R-iü' von Damaskus nach Mofnl w Worte kommt bildet ein f-',"i'lnder Aufsatz von Professor Delitzsch, in dem kurz alles anfaefübrt ist. Inas bisher ans den Keilinschriften über die Geschichte der Stadt Assnr und ihrer Tempel und Paläste zu entnehmen ist. Schiller und Goethe im Ghetto. Daß die eine oder andere Dichtung Schillers in hebräische Sprache übertragen wordeik ist, durfte man, auch ohne es bestimmt zu wissen, ohne weiteres annehmen. Aber überraschend wirkt es, wenn man jetzt aus einer Mitteilung voir G. Karpeles erfährt, daß alle Dramen Schillers und die meisten seiner Gedichte in Galizien oder Rnssisch-Polen ins Hebräische übersetzt worden sind und dort ständig die Lieülingslektüre der Jugend bilden. Für die Popularität Schillers im Ghetto ist es auch charakteristisch, daß fast alle größeren Balladen Schillers in verschiedenartigen Parodien tind Travestien dort zirttilieren. „Faust" in Jiddisch. In dein ans der Ostseite Newyorks gelegenen Thaliarheater spielte sich dieser Tage ein merkwürdiges Jargondrama ab, das von I. Gordon verfaßt ist, sich „Goltz Mensch und Teufel" nennt unb die Bearbeitung der „Fnnst"-Jdee im jüdischen Gewände darstellt. Schon das Vorspiel, eine Art Parodie auf das „Faust"-Vorspiel in» .Himmetz fesselt durch seinen epigrammatischen Witz. Der Teufel vermißt sich im Vorspiel, die Seele eines frommen russischen Juden durch den Glanz des Goldes zu geloiniien. Dann beginnt das eigentliche Stück in der Hütte des Gott Ivohlgesälligen Talmud-Gelehrten, der, obwohl ein armer Mann ist, seiner (Gelehrsamkeit halber wie eilt König unter seinen Genossen haust. Plötzlich erscheint Mephisto in der Gestalt eines reichen Lotteriehändlers, der dem vermeintlich gegen Versuchung gefeiten heiligen Manne trotz seines Widerstrebens das „große Los" in die Hand drückt. Die Exposition läßt, nach der „Voss. Ztg.", an Klarheit niclsts zu wünschen übrig. Noch wuchtiger i>» seiner Wirkung ist der zweite Akt. Tie durch den Versucher herbeüiefilhrte Metamorphose des frommen Mannes zu eineur harten Geldmeiischen, der seine Verwandtschaft verleugnet, seinem Vater unehrerbietig begegnet, sein Auge begehrlich ans eine jugendliche Nichte wirft und, den Einflüsterungen des Teufels Gehör schenkend, seine kinderlose brave Lebensgefährtin verstößt, tim das jüngere Weib zu heiraten. Leider geht es im dritten Akte rasch bergab mit dem Juteresse. Ter Held des Dramas wird in seiner Geldgier von Mephisto, der sich als sein Partiter etabliert hat, zu eitler Mordtat gebracht. Aber auch dieser Akt ist reich an Episoden tragischer und tragikomischer Natur. Frankfurt a. M. Um den Vorwurf, -die Inden seien ein radikales, staatsfeindliches, zersetzendes Element, zu widerlegen, sprach am Montag Abend Prof. Martin Philippson-Verlin in seinem Vortrag über „Judentum und Staat" ausführlich von den politischen und sozialen Einrichtungen des ehemaligen jüdischen Nationalstaates in Palästina. Tie Forderungelt, die wir an einen moderne»» Rechtsstaat stellen', waren dort in die Tat ningesetzt. Es gab keilte Kasten, keine Geburtsstäude, keine Edelsteir der Nation, vor dem Gesetz Ivaren alle gleich, die Sklaven wäre»: llach sechs Jahre» frei nild durch scharfe Bestimmungen geschützt, es herrschte Redennd Vereinsfreiheit im weiteste»» Maße. Die Rechtspflege ging von durchaus moderlien Grundsätzen aus, die Todesstrafe lvar selten, Tortlir und martervolle Hinrichtung ansgeschlossel». Der Rechtssatz: Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn besagt im Znammenhang nichts anderes, als daß Recht Recht, bleiben muß unter all den Umstanden, daß nicht Armut, noch Reichtum vor der gerechten Strafe bewahrt. (?) Die soziale Gesetzgebung war reich ausgebildet. Die Armut lviar geschützt durch das Zinsenverbot und dre Emrichtung, daß die Schulden alle sieben Jahre erlassen werden mußten und daß der Käufer von Grund und Boden Liesen dem Vorbesitzer jederzeit zuriickgeben mußte, wenn derselbe in den Besitz, des ursprünglichen Kaufgeldes gelangte. Die Grundsätze der allgemeinen Wehrpflicht und der direkten Einkommensteuer muten uns ebenso modern air, wie die kommunale und provinzielle Selbstverwaltung, die vollkommen durchgeführt war. Wie die Juden in ihrem Nationalstaat pflichtgetreuc Bürger waren, so gebietet ihnen ihr Gesetz, auch dem fremden Staat mit den Händen dienstbar und' ergeben zu sein. Wenn trotzdem z. B. in Rußland die Juden vielfach in das staatsfeindliche Lager geschwenkt find, so rührt das von den unerträglichsten Mißhandlungen her. Jerusalem. Im Orient tvird die Bevölkerung nicht »mch Köpfen, sondern nach Familien gezählt. Man ist keineswegs genau bei Zahlenangaben. Doch stimmen die bei den verschiedenen europäischen Konsulaten, sowie beim Pfarrer in Jerusalem eingezogenen Erkundigungen überein, daß Jerusalem eine Bevölkerung von 80 000 Seelen hat, ivelche sich ettva wie folgt verteilt: 9000 Mohammedaner, 6000 Katholiken, 6100 schismatische Griechen, Armenier, Kopten, 760 Protestanten, 160 Mornwnen aus Amerika, 60 000 Jude»»,. Die letzteren weiser: also eine fast sechsmal größere Zahl auf als die Christen. Seit Rußland und Rumänien ihre drakonischen Gesetze gegen die Inder: erlassen, verarmte der größte Teil der jüdischer: Bevölkerung dieser Länder, und tvar gezwimgen, auszuwandern. Sowohl Argentinien, wie auch die Vereinigten Staaten, ja die Türkei boten Gastfreundschaft und nahmen die so Bedrällgten mrs.?luch hier nach Palästtna zog sich ein Strom der Auswanderer. Viele liehen sich in Hebron, Tiberias, Safet, Samarien und hier in Jerusalem nieder. (Köln. Volksztg.) Die Frage der Führung christlicher Namen durch Juden. Der „St. Petersburger Herold" schreibt: Wie bekmutt, geschieht solche Führung christlicher Namen in weitem Umfange, auch hier in Petersburg, wie allenthalben im Reich. Dieser Usus mag wohl bisher geduldet oder übersehen worden sein, weil die Führung dieser falschen Namen gleichsam nicht offiziell erfolgte; der christliche Name, z. V. Nikolai Michailowitsch, statt Chaim Josselowitsch, gilt gewissermaßen nur als Nebennmne, durch welchen, etwa der Kaufmann. seinen Geschäftsfreunden naher tritt. Dabei bleibt er im offiziellen Leben iimner der richtige Chaim Josselowitsch. Diese Frage ist kürzlich im Warschauer Gouber»:ement zur Sprache gekommen nnd hat mit gerichtlicher Bestrafung geendigt. Wir lesen darüber in der „Lodz. Ztg.": Ein Gutsbesitzer im Gonverirement Warschau, namens Mikieinski, gebrauchte an Stelle seines jüdischei» Vorklameils Chaim Owfei den Nmnen Stanislaw, selbst in offiziellen Beziehuilgcn zu Behörden usw. Auf Grund des Paragraphen 141 des Strafkodex zu gerichtlicher Verantwortung gezogen, wurde Chaim Owsei Mikieinski vom Warschauer Bezirksgericht zu einer Strafzahürng von 25 Rbl. oder im Jnsolvenzfalle zu 5 Tagen Arrest verurteilt. Jüdische Auswanderunllspläno. I,: Kischenew sind dem „Bureau Reuter" zufolge verschiedene jüdische Delegierte eingetroffen, die die Bevölkerung der ländlichen Distrikte von Bessarabien repräsentiere,», nm mit der jüdische»: Bevölkerung von Kischenew eine Answanderungsbewegung ins Werk zu setzen. Die jüdischen Ackerbauer von Bessarabien beabsichtigen »rach Argentiitte»: und Canada auszuwandcrn. Die Allswanderung soll in vier Kolo»meu geschehen, voi: dene»» jede hundert Familie»: stark sein würde. Wenn sich die Juden von Kische»»ew der Bewegung anschliehen, so bcabsichiigen die Delegierten, die Regierungen der genmmten Länder um große Landstrecken zu ersuchen, um auf deren Boden jüdische Kolonien zu errichten. Sie glauben, daß die jüdische Kolonisatioilsgesellschaft den ausivandernden Farmern für ihre Reise »»nd die erste Errichttmg ihrer Wohnstätte»» die nötigen Mittet vorzüstrecken bereit sein würde. Die Zahl der Ausivandernngslustigen wird in Bessarabien ans 4000 Köpfe geschätzt. Die Le»»te stehen alle im besten Mannesalter, siiid in günstigen Vermögensverhältnissen, energisch und im Ackerbau vollständig beivanderi. Die Ansiranderung wird im April beginnen. Sobald eillige der einflußreichen Inden Kischenews ihre Teililahmc zngesagt haben, reisen die Delegierte»» der jüdischen Farriler zur Ab»nach»»ng der nötigen Schritte nach Argentinien, Canada, Petersburg nnd Paris. Viele der Le»»te haben bereits dainit begonnen, ihre Geschäfte abznlvickel»» und ihren vorübergehenden Anfeilthalt in de»» Städte»» Podoliens nnd Bessarabiens genoininen. Man berechnet de»» Wert des Eigentums der Farmer ans 1 Million Rubel. Mugefeudei. Bitte! Viele Hunderte israelitische Kinder in der Brigittenau siud der bittersten Not preisgegeben. Sie leiden Hunger nnd frieren. Wir bitten uilsere Glaubensgenossen: Nehnlet euch dieser arillen zarten Kinder au unb helfet nach euren Kräften, dainit die im Lokale Klnckygasse 7 im 20. Bez. bereits begonnene Ansspeisnng im notwendige»: Umfange sortgefi'chrt werde»» könne. Spende»: nimlnt entgegen das gefertigte Komitee für die Verköstigung israelitischer Kinder m der Brigittenau nnd die Kassa der israelitische»» Kultnsgemeinde in Wien, 1. Bez., Seitenstettengasse 4. — Dr. Alfred B e r g e r, Kultnsvorsteher, 1. Bez., Jndenplatz 8; Heinrich Weiner, Obmann der „Brüder", 20. Bez., Wintergasse 29. Wie»», de»: 3. Jänner 4904. L ö b l i ch e Redaktion! I», Ihrer» vortrefflichen Artikel „Znm Budget der Wiener Kultnsgenleinde" führen Sie ga»lz richtig als das e» n z i ge Mittel, gegen den Abfall zu demonstrieren, die (außerberufliche) Boykottierung der A b g e f n l l e n e n an. Sie bemerken ebenfalls ganz richtig, daß da»»»»! gewissen K n l t i» s v o r st e h e r n die Möglichkeit genomlnen ioäre, von einer jüdischen Verei»is^Vorstandssitzll»»Ä direkt zur T u u f e ihrer' Söhne oder Töchter i» die Kirche zu fahren. Wenn vielleicht einige jüdische Matadore in ihrer bekannten „Friedensliebe" gegen das radikale Mittel des gesellschaftlichen Boykotts wären, so »»rußte »nun doch nliiiehme»», daß zn»ni»ldest eine vollständige „A b l e h - n u» g" der abgefalleilen Faimilien seitens der das Judentlnn in religiöser, ivirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Beziehnng repräsentierende»: Schichte»: geübt lverde. Dem ist aber nicht so. Als ei»: drastisches Beispiel diene Ihne»» fotgelider Fall: Vor einige»: Tagen versa»»dte der Vorstand des „Kaiser F r a n z I o s e f - I u b i l ä u m s-F e r »e u h e i m" Einladlnrgs-