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Jüdisches Volksblatt · 1904-01-08 · 2 (8.1.1904) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Wien, Prettag /LSiscks» Ydksfelfttt. 8. Jänner 1904 AM.r der Barbarei des Ostens hier im freien Albion ein sicheres Asyl au finden hofften, manche unnütze Plackerei zu bereiten. Es handelte sich bisher nur durum, Kranke,. Verbrecher, Prostituierte und solche, welche nach zweijährigem Verweilen auf britischem Boden der Armenpflege zur Last fallen würden, vom britischen Boden auszuschließen. Neuerdings aber gehen konservative Parteiführer wie der berühmte Chamberlain und andere noch weiter. Urn Arbeiterstimmen für die vielleicht nicht mehr so sehr fernen Wahlen zu gewinnen, lassen, sie sich zu Aeuherungen verleiten, wie, man müsse -er Einwanderung der fremden Teufel, welche den britischen Boden überfluteten und dem englischen Arbeiter das Brot aus dem Munde nähmen, ein energisches Halt gebieten. In Wahrheit ist die Zahl der Fremden in England, welche etwa 200 000 beträgt, lächerlich gering, wenn man sie mit der anderer Länder wie Frankreich, Schweiz, Amerika vergleicht. Diese Fremden und zumal die Juden unter ihnen sind Leute, die hart und schwer im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten. Sie sind so tveit davon entfernt, den englischen Arbeiter zu beeinträchtigen, daß sie sogar ganze Industrien auf britischem Boden neu schufen, in denen nunmehr neben der jüdischen auch britische Arbeit Verwendung findet. Die Herstellung billiger Konfektion, Schuhe, Pantoffel, Möbel, Zigaretten, ist erst durch diese vielgeschmähten Fremden in England ermöglicht worden, »velchcs bisher für diese Artikel auf den Import des Auslandes angewiesen war. Hunderten von englischen Arbeitern und Handwerkern ist es erst durch die in geschickte Arbeitsteilung organisierten jüdischen Schneider ermöglicht worden, sich für den Winter einen neuen Ueberrock anzuschaffen. Gewiß, es ist nicht zu leugnen, es gibt Armut und Elend im Londoner Ostend. Aber das fällt nicht der öffentlichen Armenpflege zur Last, sondern dem wird gesteuert durch die wunderbare und tveitverzweigte Wirksamkeit der durch den Jewish Board of Guardians geleiteten jüdischen Armenpflege. Ulster den öffentlichen Einrichtungen, die dazu dienen, die schlimmste Not, den Hunger und die Entbehrungen zu lindern, nimmt die erste Stelle ein die seit fünfzig Jahren bestehende Suppenanstalt (Soup Kitchen), welche im letzten Jahre in der Lage war, 182 000 Portionen zu verteilen. Ein Uebelstand allerdings ist, obwohl schon vorher in gewissem Umfange vorhanden, doch durch die Einwanderung in gewissen Stadtteilen Londons verstärkt worden, das ist die Wohnungsnot. Der Einwanderer, dem Sprache und Sitte des Landes, dessen gastlichen Boden er aufsucht völlig freind sind, sucht uaturgernäß solche Gegenden mit Vorliebe auf, wo er Laildsleute trifft, die ihm über die erste Not hinweghelfen und Arbeitsgelegenheit verschaffeil. Auch hatten die zum größten Teile streng orthodoxcil Judeil aus Rußland rmd Galizien nur hier Gelegenheit, solche Synagogen und religiösen Institutionen zu finden, wie er cs in seiner Heimat gewohnt war. Zwar gibt es in England für festländische Begriffe sehr strenge Wohnungsgesetze, welche scholl das Belegeil eines Zimmers mit mehr als zwei Personen unter Strafe stellen. Aber diese Gesetze wurden bisher sehr lax gehandhabt. Gesteht mail! mm auch das Vorhandensein tum Miß ständen auf diesem Gebiete zu, so bedarf es doch, ilm hier Abhilfe 311 schaffen,1 nicht des umfassenden und lästigeil Apparates einer Fremdcngesetz-! gebllilg. Dazu genügt die strenge Anwelldung der bestehenden Gej setze. Auch ist die jüdische Wohltätigkeitspflege hier schon teilweise j mit Erfolg bemüht, den bestehenden Uebelständen zu steuern. Sie sucht die ankommenden Auswanderer nach anderen weniger über-! völkertcn Plätzen zu dirigieren. Es hat sich eine Gesellschaft zum! Bau billiger Wohnungen gebildet, welche ein ganzes Stadtviertel! in dem weniger von Juden besetzten Norden Londons errichtet' hat. Da ist für rituelle Metzger, für Religionsunterricht und( Synagoge gesorgt, so daß -tatsächlich alles dazu angetail ist, hier' für viele hundert Familien ans dem übervölkerten Ostend eine; Zuflußstelle zu schaffen . Wir sehen aus alledem, wie die englischen Juden ill jeder Beziehung bemüht sind, allem Schaden, der etwa aus der Einwanderung für das öffentliche Wohl entstehen könnte, vorzubeugeil. Sie habeil auch sonst jede Gelegenheit eifrig benützt, um sich als ilützliche Bürger und glühende Patrioten zu erweisen, Aln Bureilkriege haben mehr denn 2000 Juden von bim Höchstens, 200 000 des britischen Reiches als Freiwillige teilgcnommen, 121 j voll diesen silld den Heldentod fürs Vaterland gestorben. Hier in England hatten die Inden, wie ein Redner bei dem jüngst für die jüdischen Freitvilligen veranstalteten Chaiilikahgottesdienste treffend hervorhob, die schönste Gelegenheit, ihren Mut und ihre Vaterlandsliebe zll beweisen. Wohl gibt es alich in anderen Ländern viele und tapfere jüdische Krieger. Aber dort sind sie ja durch den Dienstzlvalig zum Eintritt in die Armee verpflichtet. Hier in England haben sie freiwillig weit mehr als den verhältnismäßig arif sie eutfalleude» Blutzoll für die Ehre des Landes gezahlt, lau kann auch nicht leugnen, daß diese Haltuilg der Judeil auch im großen und ganzen in der öffentlichen Meinung ihre Anerkennung findet. Selbst die eifrigsten Vorkämpfer für die Fremdengesetzgebung hüten sich doch sehr vor direkt antisemitischen Allüren, mit denen sie sich doch heute noch bei dem englischen Publikum diskreditieren würden. Und selbst Mayor Evans Gordon, der für eine mäßige Beschränkung der Einwanderung eintritt, hielt letzte Woche in einem jüdischen Literaturverein einen Vortrag über seine Erlebnisse und Erfahrungen in den russischen und galizischen Ghettis und schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Ich hoffe, daß, was immer ich tun oder sagen mag, Sie stets herausfühlen werden ,wie ich me höchsten Sympathien und H 0 f f ll u n g e n für das jüdische Volk hege. Ich glaube, daß ich kn nicht allzu ferner Zukunft das Glück haben werde, dies zu beweisen und etwas wahrhaft Greifbares und Wertvolles für das jüdische Volk zu leisten." Major Gordon protestierte auch in einem offenen Briefe an die „Times" dagegen, daß man immer gegen die Mißhandlungen der Christen auf dem Balkan protestiere, über die Ausnahmsstellullg der Juden in Rumänien entgegen dem Berliner Vertrage aber schweige. * Bei verschiedenen Anlässen, in denen über Fremde geurteilt werden sollte, hat die Jury dagegen protestiert, daß Fremde über ihre eigenen Angelegenheiten zu Gerichte sitzen. „Sie tun dies bereits," sagte der Staatsanwalt, „ich habe oft Jurys ohne einen einzigen Christen in ihrer Mitte. In Whitechapel ist es beinahe unmöglich, eine christliche Jury zusammenzustellen, fast jede Straße ist von Fremden besetzt. Wenn irgend ein russischer Jude in der Marlborough-Street lvegen einer geringfügigen Uebertretung angeklagt erschien, so meinte der Amtsvorstand (Mr. Denman) gewöhnlich, der Allgeklagte sei ein typisches Beispiel für die vielen Fremden, welche das Land überfluten und hier unaufhörlich die Gesetze verletzen. Zwei russische Juden, welche sich an das Dover -Board of Gliardians mit der Bitte wendeten, ins Arbeitshaus ausgenommen zn werden, da sie vollständig mittellos seien, wurden rundwegs abgewiesen. Ein Korrespondent des „Morning Advertiscr" veröffentlicht eine Artikelserie über die „Ursachen der Frcmdcninvasion" und überschüttet die russischen Juden mit alten Beschuldigungen. Unter anderem beschuldigt er sie, daß sie überall, wo sie wohilen, einen gemeinsamen Ring bilden, so daß nicht nur die Bauern, sondern auch die Kleingrundbesitzcr lmd der Adel in ihre Macht gerateil. Bis vor einiger Zeit beschränkte sich dieses Vorgehen auf Rumänien, und da dies dort mißlang, gingen sie damit über die Grenzen. Das Wiener Rabbinerseminar. Die „Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien" hat mit dem Schuljahre 1902/1903 das zehnte Jahr seiner Tätigkeit vollendet. Die Geschichte dieses ersten Jahrzehnts hat es zur Evidenz bewiesen, daß die Gründung dieser jüdischen Lehranstalt unvorbereitet und verfrüht geschah, denn es hat sich herausgesteüt, daß die Inden Oesterreichs, und hauptsächlich Wiens, am Schlüsse des ersten Dezenniums nach Gründung des österreichischen Rabbinerseminars noch nicht reif genug sind für eine jüdische Hochschule. Damit hätten wir auch den einen Grund dafür angegeben, weshalb das Wiener Rabvinerseminar wohl im Auslande sich des ausgezeichnetsten Rufes erfreut, im Innern des Landes aber nicht nur der für sein Gedeihen unerläßlichen Beachtung nnd Autorität entbehrt, sondern in vielen Fällen Feindseligkeiten seitens der Gemeinden zu ertragen hat, die sein Ansehen vollends untergraben. Diese traurige Erscheinung ist viel zu wichtig nnd beeinflußt zu sehr nicht nur die Frequenz der Anstalt selbst, sondern auch die geschichtliche Entwicklung der Juden Oesterreichs, als daß wir über sie leichten Herzens hinweggehen könnten. Der Rabbiner ist hauptsächlich auf dem flachen Lande der geistige Führer der Gemeinde. Der Geist der politischen Bestrebungen, das Niveau der wissenschaftlichen und religiösen Anschauungen einer Judengemeinde sind stets denjenigen ihres Rabbiners angemessen. AVer auch umgekehrt, wählt sich jede Gemeinde denjenigen Rabbiner, der den Anschauungen ihrer Führer am nächsten steht. Und nun prallen die beiden extremen Gesichtspunkte aneinander. Während das Rabbinerfeminar und dessen rabbinischer Leiter, der Rektor, auf dem »ustreitig richtigen Standpunkt stehen, lieber gar keine Rabbiner in dt« Welt zn schicken als schlechte, hnldigt ein großer Teil der jüdischenGemeinden Oesterreichs der Ansicht, daß man auf den Rabbiner verzichten könne, und es vollständig genüge, wenn man einen „schönen Prediger" hat, der „zur Hebung des Gottesdienstes und demzufolge auch zur Hebung der Gemeindeeinkünfte" beiträgt. Die Folgen dieser Meinungsverschiedenheit der zwei wichtigsten Faktoren in dieser Frage sind nun, daß die aus den westlichen Gegenden des Reiches stammenden» weniger vorbereiteten Hörer des langen War. tenS auf das Diplom überdrüssig, unbekümmert um den Besäht, gungsnachweis seitens der Anstalt, gntdotierte Stellungen erhalten, während 'die aus Galizien und der Bukowina stammenden und regulär absolvierenden Kandidaten oft jahrelang auf einen Posten warten müssen und zum Schluffe als Religionslehrer oder Hilfsbibliothekare in irgendeiner Gemeinde landen. Der Fall Chajes ist eine Ausnahme nnd bestätigt nur die traurige Regel. Zwangs, maßregeln für die Gemeinden, nur in der heimischen Anstalt absolvierte Rabbiner anstellen zu dürfen, wie dies in Ungarn der Fall ist, existieren nicht, und die vorzeitig aus der Anstalt ausgetretenen „Prediger" tun das Uebrige, um durch öffentliche und nichtöffentliche Klagen über den allzu großen Lehrstoff, die unmäßige Strenge bei den Prüfungen usw. die Anstalt bei den leichtlebigen Kultusvorstehern in Mißkredit zu bringen. Wir können bei diesem Punkte auch die Leitung der Lehranstalt nicht von dem Vorwurfe ganz freisprechen, daß sie durch manche Inkonsequenz diese Zustände selbst, wenn auch nicht herbeigeführt, so doch unterstützt hat. Wir meinen hier die Fälle, in denen das Rektorat nicht absolvierten Hörern gewisse Empfehlungsschreiben gab, auf Grund welcher dieselben dann als Prediger angestellt wurden und sich auch nie mehr bestrebten, das Diplom von der Anstalt zu erlangen. Der zweite Grund, weshalb diese Anstalt nicht zu dem ihr gebührenden Ansehen gelangen kann, liegt in dem eigenartigen Verhältnisse, welches zwischen dem Lehrkörper und den Hörern besteht. Es ist ganz klar, daß derjenige, der heute eine theologische Lehranstalt aufsucht, es in den seltensten Fällen des theologischen Studiums selbst willen, sondern hauptsächlich deshalb tut, weil er in der Absolvierung des Seminars eine Existenzmöglichkeit und im Rabbinate eine Art Broterwerbs erblickt. Aber gerade die theologische Laufbahn gehört speziell bei uns Juden noch immer zu denjenigen Erwerbszweigen, in denen man »ach Absolvierung der Studien noch immer der moralischen Unterstützung der Anstalt bedarf, so daß es zu den Pflichten eines Rabbinerseminares gehört, nicht nur die nötigen Kenntnisse zu vermitteln, sondern auch nach Tunlichkeit dafür zu sorgen, daß der aus der Anstalt entlassene fertige Rabbiner nach Verdienst gewürdigt, auch bald das ihm entsprechende Tätigkeitsgebiet erlange. Liegt doch in der Würdigung des Absolventen einer Anstalt die Wertschätzung der Anstalt selbst. Nach dieser Richtung hin wird seitens der Leitung dös Wiener Seminars leider viel zu wenig getan. Unsere Einwerrdrrngen gegen -as Verhalten des Rektorats der Wiener theologischen Lehranstalt bezieht sich nicht auf die Lehrtätigkeit in demselben. Wir wiederholen: der Standpunkt des Rektors in Bezug auf die Quantität des Lehrstoffes ist vollständig richtig und es geht auch nicht an, daß das Seminar zu dem Niveau ' der vernachlässigten Kultusgenieiirden herabsteige. Es hat vielmehr die Pflicht, durch ihre Rabbiner das Niveau der Gemeinden zu heben. Aber ganz anders ist die Frage, ob dies auf dem bisher erngeschlagenen Wege zu erreichen ist und ob in diesem stillen Kampfe, den ja der Rektor in seinem Berichte selbst zugibt, nicht das Seminar früher oder später den Kürzeren ziehen wird, indem es durch die theoretisch sehr richtigen, aber in der Praxis sich überflüssig zeigenden großen Anfordernngen an die Prüfungskandidaten es eindie jüdisch-hellenische Literatur nicht sr> gänzlich ignorieren, wie Chamberlain cs tut. Wenn auch der griechische Einfluß auf Jesus wohl nur sehr gering war, so enthalten jene Ueberrcste der großen Literatur ans der jüdischen Diaspora doch wertvolle Bestandteile zur Beurteilung der im offiziellen Judentum nicht ansgedrückten Unterströmungen (z. B. der esse irischen Richtung), ferner der eigentümlichen Auffassung nnd Veredlung des alten Glaubens in freieren jüdischen Geistern (Philo!). — Daß Chamberlain diese ivichtigsten Bindeglieder zwischen altem rmd neuem Testament, diese niimitielbaren Vorfahren des christlichen Geistes gar nicht kennt, wie ans seiner bon Unwissenheit strotzende» Beurteilung Philos hervorgeht, macht ihn gänzlich unfähig, die Entstehung des Christentums überhaupt zn begreifen. Das Leiden des Exils hatte im zähe an der göttlichen Gerechtigkeit hängenden jüdischen Gemüt das Idealbild eines Zntiinfisreiches erzeugt, das!vie eine Fata morgaiia den Wanderer durch die Wüste jahrh-nndertlanger Leiden nnd Eiittänschnngen aufrecht hielt, Gewöhnliche Geister dachten es wohl in keiner andere» Form, als in der einer weltlichen Erhöhnng Israels, wofür der Aiionhinns von Jes. 00 ein Beispiel ist. Die großen Seelen aher, die damals Israel in so reicher Fülle erstailden, erträumten ein Reich einigen Friedens und Glücks, das auf alle Völker sich erstrecken sollte. Dieser Traum blieb nnbergessen und erfüllte die Herzen ninsoinehr, je stärker die Friedenssehnsnchk in ihnen wurde. Kein Volk ivird inehe gegen das andere ein Schiverk anfhebe», sagt Micha (-1, 0 ff.!, einiger Friede tvird herrschen. Jegliches Volk lvird wandeln im Namen seines Gottes und Israel im Namen des Herrn immer nnd ewiglich. Die Schwerter iverden zn Pflugscharen, die Spieße zll Sicheln genlachk iverden. Die Tierivelt selbst ili,amt einen friedlichen nnd sanftmütigen Charakter an. Die Wölfe iverden bei den Lämmern wohnen nnd die Pardel bei deil Bocken liegen, ein kleiner Knabe lvird Kälber nnd junge Löwen wie Vieh miteinander treiben, Kühe llnd Bären iverden auf der Weide gehen nnd ihre Jungen beisammen liegen; Löwen werden Stroh essen, ivie die Ochsen. Ein Säugling lvird mit Schlangelt Gielen fönneu nnd seine Hand in die Höhle des Basiliskeit stecken dürfen. Man ivird nirgends verletzen lioch verderben auf Gottes heiligem Berg, denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie mit Wasser des Meeres bedeckt. Gott wird alle Völker segnen, die im Frieden beisammen leben und sprecl>en: Gesegnet bist du, Aegypten, mein Volk und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, meiit Erbe. Dieselbe Friedenssehnsucht spricht ans der Hoffnung des 80. Psalms, daß der Tag »iahe sei, „wo Güte uitd Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; Treue aus der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue." Das grundlegende Prinzip — wenn auch nicht die höchste Spitze — der jüdischen Ethik ist der Gedanke des Friedens und der Gerechtigkeit, hervorgegangen aus dem sehnsüchtigen Ringen einer Seele, die beides entbehren mußte. Wie stark die Friedensgrundtage noch den späteren Zeiteil erschien, zeigt die denkwürdige Stelle des Talmuds, ivo gesagt lvird, „wenn Israeliten selbst Götzendienst treiben (also das eine der drei besoitders todeswürdigen Verbrechen Götzendienst, Blutvergießen, Blutschande), aber zugleich den Frieden, die friedfertige Einmütigkeit untereinander bewähren, so spricht Gott: ich kann ihnen nichts anhaben, weil Frieden unter ihnen ist." Von einem Gort, der die Verkörperung des Prinzipes der höchsten Gerechtigkeit ist, erivartet man aber auch einen deutlichen Beiveis dieser Eigenschaft in der äußeren Weltregiernng. Das Nnglück Israels ivird als Prüfung, als Läuterung aufgefaßt, ia bei Jesaias erscheint selbst der Gedanke des stellvertveteilden Leidens Israels, dessen Frucht auch der Heidenwelt zugute tominen ivird. Gleichzeitig ivird dieses Motiv der Länternng durch Leiden auch auf die innere» soziale» Verhältnisse aiigeweiidet. Schon hahe 11 ivir den demokratischen Zug der jüdischen Religion erivähnt. Die Propheten ivaren meist Leute ans geringem Stande, Landpriester, Bauern, Hirte». Mit größter Schärfe tadeln sie die sozialen lkebelftäiide, die Bedrückung der Arme», Witwen, Waisen, Fremdlinge, sie rufen ivehe über die, ivelche den Bauer bon Hans und Hof treiben, über die Mächtigen nnd Fürsten in Israel. Und gleichzeitig lvird den Armen und Elenden die tröstliche Botschaft, daß der Herr nach iiberstnndener Prüfling sich ihrer anliehineil lverde: Kaum eine Sentenz ivird in den nachexilischen Stücken des alten Testamentes öfter wiederholt als das: Die Hoher, iverden erniedrigt, die Niedrigen erhöht iverden! das uns fortlvährend in immer wechselnden Variationen in den Ohren liegt. Den Armen und Unterdrückten zu helfen wird in zahllosen Sprüchen eingeschärft. Und immer wieder ivird betont, daß Werke der Barlnherzigteit alis liebevoller Gesinnliiig geübt, Gott rneyr erfreuen als Opfer. Der Gottesbegriff selbst paßt sich den Anforderungen an Gott an. Nicht mehr die Attribute der Macht, der strafenden Gerechtigkeit und unermeßlichen Weisheit werden betont, sondern die der Güte und Barmherzigkeit. „Gnädig, barmherzig und von großer Güte", diese Worte sind es, die immer wieder bei der Anrede Gottes gebraucht iverden. Das Bild des guten Hirten, des liebevollen Valers wird auf ihn angewendet. Das ist nicht mehr der Gott, der über das Unglück der Juden „mit den Händen frohlockt nnd seinen Zorn gehen läßt". (Hcsek. 21, 17.) Nicht mehr ist die Fürsorge Gottes auf „sein Volk" beschränkt: „Eines Menschen. Barlnherzigteit," sagt Strach 18, 12, „gehet allein über seinen Nächsten; aber Gottes Barmherzigkeit gehet.über alle Welt." Freilich wollte manchem gesetzestrenen Inden nicht eingehen, warum Gott dieser sündigen Heidenwelt so viel Nachsicht, entgegenbringe. Wo aber ist vor Jeslls jemals der beschränkte Eifer der strengen Gerechtigkeit in so sinniger Weise nnd mit so milder Nachsicht gegen den beschämten! .Kritiker von Gottes Güte abgewiese» worden, wie in der Erzählung von Jona und seinem Kürbis? (Jona -!, 10. 11.) Schön sagt die Weisheit Salomonis (11, 28 ff.!: „Du liebest alles, ivas da ist und hassest nichts, was du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, da du Haß zn hättest. Du erbarmest dich aller, denn sie sind dein, Herr, du Liebhaber des Lebens- und dein unvergänglicher Geist ist in allen." Lenke von engem Geist, die die Vielseitigkeit einer weltgeschichtlichen Eniivicklnng mit einem Schlagwort decken zu können glauben, finden den Gegensatz zlvischen Judentum und Christentlim in beut von Furcht und Liebe ausgedrückt. Auch Chamberlain ist weit entfernt, ans derartige bequeme Phrasen zil verzichten: Die Furcht vor Gott sei die Grundlage der ganzen jüdischen Religion (S. 228/229), im neuen Bund sei ein Gott der Barmherzigkeir, im alten einer der Hartherzigkeit gelehrt, auf der einen Seite lverde Furcht, ans der anderen Liebe eingeschärft. Daher bestreitet Chamberlain, daß das Christentum eine Fortentwicklung des Judentums darstelle, zivisehen beiden besteht vielmehr ein absoluter Gegensatz, ja Chamberlain geht so weit, daraufhill selbst die jüdische Rasse Jesus zu bestreiten. (Schlriß folgt.)

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