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Jüdisches Volksblatt · 1903-12-25 · 52 (25.12.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. Nr. 52 24. Dezember 1908 mit einigen Herren in einer Fensternische. Da näherte sich^ ihm ein jnnger Mann, überreichte ihm seine Visitkarte und sagte mit größter Höflichkeit: „Ich möchte bitten, mir eine besondere Unterredung zu gewähren, Nordau erwiderte: „Mit Vergnügen/ setzte aber sein Gespräch mit seinen Freunden weiter fort. Der junge Mann wartete einige Zeit lang abseits: plötzlich zog er einen Revolver und feuerte auf eine Distanz von zwei Schritte» einen Schuß gegen Nordau ab, indem er zugleich rief: Tod Nordau, dem Ostafrikaner!" Dr. Nordau bewahrte seine Kaltblütigkeit. Als nun der junge Mann sah, daß Nordau nicht verletzt sei. feuerte er noch einen zweiten Schuß ab; auch dieser Schuß verfehlte das Z iel und die Kugel traf einen jungen Mann namens Otto W e l s k y, der gerade im Tanz begriffen war. Welsky erlitt eine Verwundung am Bein. Während sich mehrere Personen um ihn bemühten, stürzte einer der Herren, welche mit Nordau gesprochen hatten, Herr Daniel Kerb, auf den Attentäter, hielt ihn fest und ließ ihn verhaften. Der Mann, der Chaim Selig Lonb an heißt, ist ein Russe und 24 Jahre alt. Er ist Student der Chemie und erst seit einigen Wochen in Paris, wohin er aus Bern gekommen ist. Er wohnt hier im Hause 71 der Rne Monsieur le Prince. Auf dem Polizeikommissariate des Opernquartiers, wohin Lonban gebracht worden war, gab er an, daß er der zionistischen Bewegung a n h ä n g e, jedoch die Ideen des Doktor Nordau bekämpfe. Lonban konnte sich nur schwer verständlich machen, da er der französischen Sprache nur in dürftiger Weise mächtig ist. Aber er konnte so viel zu verstehen geben, daß er keineswegs die Absicht gehabt habe, Dr. Nordau zu töten. Er habe nur Aufmerksamkeit erregen und in dieser lärmenden und gefährlichen Weise gegen N o r d a u s Auffassung des Zionismus protestieren wollen. Diese Verantwortrng steht aber im Widerspruche mit dem Ausrufe Loubans: „Tod dem Doktor Nordau, dem Ostafrikaneri" Dieser Ausruf bezieht sich auf die Vorgänge während des letzten Zionistenkongresses in Basel, auf welchem Nordau dafür eintrat, daß das Projekt angenommen werde, einen Landstrich in Ostafrika durch russische Juden zu! kolonisieren. Die Juden aus Rußland, welche Palästina für | die Ansiedlung erreichen wollen, betrachten.die Kolonisierung! von Ostafrika als ein Aufgeben des Plaues mit Palästina.! Nordau kennt Louban nicht; auch der verwundete Welsky' ist ihm nicht bekannt. Welsky wurde ins Spital Beaujean i transportiert, seine Wunde ist nicht gefährlich. Es ist überflüssig, hervorzuheben, daß diese wahnwitzige Tat in alle»! jüdischen Kreisen entschieden verurteilt wird. Dieses glücklicher-! weise erfolglose Attentat ist ein neuer Beweis für die Anschauung, daß der Fanatismus in allen Bewegungen nur böse Früchte zeitigt. * Nach den letzten Nachrichten waren die ersten Depeschen 'übertrieben. Die „N. Fr. Pr." schreibt: „Die bisherigen Erhebungen über das Attentat gegen Dr. Max Nordau ergeben, daß Louban keineswegs die Absicht gehabt habe, Nordau zu töten. Der verwundete Welsky sagt ans, Louban habe in die Luft geschossen, die Kugel sei: vom Plafond abgeprallt und habe Welsky par ricocheti getroffen. Tatsächlich geht auch der Schußkaual in die Wunde Welskys von oben nach unten. Louban soll auch nicht des Mordversuches angeklagt werden, sondern wegen leichtfertiger Körperverletzung. — Dr. Max Nordou telegraphierte > an die „Bossische Zeitung": „Ich halte den Anschlag für das- Werk eines Gestörten. Den' Täter habe ich vorher nie gesehen und seinen Namen nie gehört. Das ihm zugeschriebeue! Gerede von einer Verschwörung russisch-jüdischer Studenten, die j mich zum Tode verurteilt und den Vollstrecker durch das Los! bezeichnet hätten, halte ich für Flunkerei oder Delirium. Da j ich aus dem Abenteuer völlig heil hervorgegangen bin, lege ich ihm weiter keinerlei Bedeutung bei." — Abends wird auS Paris telegraphiert: „Beim heutigen Verhöre vor dem Unterj suchuligrrichter weigerte sich L o u b a u anfangs, sich Photoj graphieren zu lassen. Er gab an, er wollte in Nordau nur j den Feind der jüdischen Rasse treffen. Er sei kein Russe, sondern ' Jude und nichts anderes. Der Untersuchungsrichter wird! Recherchen anstellen, ob Louban nicht im Aufträge eines revolutionären Komitees in Bern gehandelt habe." * Dr. Theodor Herzl äußert sich nach dem Wiener „Extrablatte" einem Interviewer gegenüber folgendermaßen: „Ich kann dieser Sache, über die ich bisher weiter keine persönlichen Informationen habe, ke i n e rl e i tiefergehende Bedeutung beimeffen. Ts scheint sich lediglich um die Tat eines nrcht normalen Menschen zu handeln. Sie haben ja in Ihrem' gestrigen Abendblatts telegraphisch berichtet, wie sich N o r d a u selbst über das Attentat ausspricht und der Erklärung, die er andeutungsweise gibt, ist eigentlich nichts hinzuzufügen. - Tatsächlich hat der Vorschlag der englischen Regierung, den Juden ein Stück Land in Ostafrika zur Besiedlung zu überlaffen, auf dem Baseler Kongreß großes Aufsehen und eine starke Differenz der Meinungen hervorgerufen. Während die Majorität dafür stimmte, zunächst eine Kommission zur Untersuchung dieses Gebietes nach Afrika zu entsenden, erklärte sich eine nicht unbeträchtliche Minorität dagegen und wollte von einem anderen Vorschläge, als dem. Palästina zum einzigen : Ziel der ganzen zionistischen Bewegung zu machen, überhaupt nichts hören. Es zeigte sich, daß diese Minorität hauptsächlich aus den russischen Delegierten bestand. Das erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, da gerade die russischen Juden das^ größte Jutereffe daran haben müssen, den schmachvollen Zu«: ständen, unter denen sie jetzt zu leiden haben, möglichst bald/ und eS fei auf welcher Weife immer, zu entrinnen. Aber eine: teilweise Erklärung für das ablehnende Verhalten der Russen : auf dem Kongreß liegt darin, daß ihre Delegierten zum größten: Teile den begüterten Klaffen angehören, die unter den Ber- ‘ folgnngen und dem Haß der Behörden und der Bevölkerung nicht so sehr zu leiden haben. Sie empfinden die Notwendigkeit, ekestens aus ihrer Lage erlöst zu werden, nicht so unmittelbar, nicht in so zwingender Härte. Sie halten sich mehr an die idealistische Seite der Sache und wollen von dem Gedanken an Zion nicht lassen. Die wenigen Vertreter des russisch-jüdischen Proletariats, die auf dem Kongresse anwesend waren, haben auch für die Untersuchung des ostafrikanischen Gebietes gestimmt. (Von den Oefterreichern war aller, mit Ausnahme einer Stimme, für Ostafrika.) Möglicherweise ist Louban einer von jenen, die für das Ziel der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates in Palästina fsnatisiert sind und war deshalb gegen Nordau als einen der Propagatoren des ostafrikanischen Plaues, so unmäßig erbittert, daß er seine wahnwitzige Tat beging. In welcher Weise und in welchem Grade das Attentat auf die eine oder die andere Richtung der zionistischen Bewegung einen Rückschlag üben könnte, darüber kann ich mich, da mir weitere Nachrichten fehlen, gar nicht äußern." Ans der zionistischen Bewegung. Charkow. Die r u s s i s ch e u A k t i o n s - Komiteemitglieder hielten in Charkow betreffs der Ostasrikafrage eine Beratung ab, und beschlossen eine Deputation nach Wien zu entsenden, um die Wiener Leitung zu veraulassen, die Expedition nach Ostafrika nicht abzusenden. Die PalÜftinafrenude. Die Vertreter der zwei großen russischen Palästiuakolvuisations-Vereine, Herr G runder g, Vorsitzender des „Chvwewe Zion"-Vereius in Odessa mid Herr B a r a b a s ch, Repräsentant der „Geulah" (dieser Verein ist ausschließlich von politischen Zionisten begründet), waren dieser Tage in Berlin und haben sich der neuen Aktion zur Belebung der Palüflina-Kolouisotion angeschlossen. Grünberg ist nach Paris gereist, wo eine Sitzung des Zentralkomitees der „Chowewe Zion" stattfiudet. Die Organisation in Paiästma. Dis Vorsteher dsr in Palästina gegründeten Organisation, Dr. I o f e und Suchomolski haben an da? Odeffaer Komitee einen Brief gerichtet, in welchen: es unter anbmrn heißt: „Wir hoffen sehr viel von'eurer Hilfe und Stütze; wir zweifeln nicht, daß das Komitee nicht versagen werde die moralische und materielle Unterstützung einer wichtigen Organisation, welche von einem der besten Freunde nuferer Sache in so vortrefflicher Weise vorbereitet und geordnet wurde. Und wir zweifeln auch nicht, daß auch andere jüdische Vereinigungen uns zu Hilfe kommen werden, so bald sie sehen, daß daß Odeffaer Kouiitee mit uns geht." Gleichzeitig mit diesem Briefe werden, nach Mitteilung des „Freund", auch folgende Beschlüsse der Versammlung in S i ch r o n - I a k o b bekanntgegsbeu: 1. Alls ausländischen Vereine, welche in Palästina tätig sind, haben sich zus.immsnzuschlicßen und nach einem einheitlichen Programm zu arbeiten. 2. Jeder Verein bestellt in Palästina einen Vorsteher, welche zusammen das „Aeußere Komitee" bilden. 3. Das „Aenßere Komitee" steht einerseits mit den ausländischen Vereinen, andererseits durch ihre Mitglieder mit dem „Innern Komitee" in Verbindung. 4. Das Zusammenarbeiten der beiden Komitees erfolgt dermaßen, daß das „Innere Komitee" die Beschlüsse der Organisation durchzuführen hat, während das „Aeußore Komitre" die Auf sicht über die Arbeit führt und für die Beschaffung der hiezu nötigen Mittel zu sorgen hat. Zur Gründung und Ausführung neuer Einrichtungen ist das Einverständnis beider Komitees erforderlich. Das Odeffaer Komitee hat die obigen Nachrichtsn mit Freude zur Kenntnis genommen und beschlossen, soweit es im Rahmsn seiner eigenen Statuten zulässig ist, die Organisation in Palästina tatkräftig zu unterstützen. Ferner beschloß die Finanzsektion des Odeffaer Komitees durch Lilienblum in einer Broschüre die Kolonien in Palästina beschreiben zu lassen, sowie an die Vertreter der Kolonien einen Fragebogen zu richten, um deren Vorschläge wegen Erleichterung ihrer Arbeit zu erfahren. Das Änerbieten des Herrn Sl uz ki, diese Vertreter gegen Vergütung der faktischen Reisespesen zu besuchen, und ihre Arbeiten zu kontrollieren, wurde angenommen. Zettungsschan. Das Programm der „Jüdischen Volkspartei" in Deutschland. Das „Brest. Jüd. Volksbl." schreibt über die in Breslau in Bildung begriffene,.Jüdische Volkspariei": Der Antisemitisunls, »die Schmach des Jahrhunderts", wie sie der hochselige Kaiser Friedrich genannt hak, ist kein modernes Nebel. Er ist so alt wie das Judentum und seine Lehre. Wer die Krankheit bekämpfen will, ums; ihre Entwicklung kennen. Wir müssen uns hier auf die jüngste Vergangenheit beschränken. Wie im Anfang des neunzehnten Jnhrhnnder's nach Beendigung der Freiheitskriege ein im Kampfe gegen bcn Nationntfeind verschärftes Nationatitätsgefühl in' Deutschland eine krankhafte Deutschtümelei erzeugte, welche in Friedenszeiten in Ermangelung eines äußeren Feindes sich als Objekt des Hasses den Inden im Lande anssnchte, so brachte am Ansgang des Jahrhunderts nach dem großen Kriege gegen Frankreich der Rassenhaß den Antisemitismus hervor, gehegt und gepflegt von einer „deutschnationalen Jugend", ohne Kenntnis der großen Verdienste, Ivelche sich die deutscheli Inden in Krieg und Frieden um die Einigung des deutschen Reiches ertvorben haben, insbesondere von der akademischen Jugend, welche der ritterliche Hohenzollernprinz, selbst eine Heldengestalt ans jenen großen Tagen, vor dem Chanvinismus warnen zu müssen glaubte, der schon durch seinen Namen seine Fremdartigkeit verrate. In die nationalen Vorurteile mischten sich sehr bald konfessionelle, hinzntratcn materielle, ivelche in dem durch die Reichsberfassnng begünstigten Streben der jüdischen Jugend nach den Staatsämtern eine unangenehme Konkurrenz erblickten. Fehler in der Wirtschaftspolitik des jungen Reiches verstärkten den Antisemitismus, der sich verheerend über alle Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens ausbreitete nnb es heute dahin gebracht hat. das; die Inden nach dem Worte des preußischen JiistizministerS von Staatsäintern so gut wie ausgeschlossen sind, der gesellschaftliche Verkehr unterbunden und das Geschüftsleben durch und durch verseucht ist. Was haben min die Inden getan, um sich gegen diese Schäden zu schützen? Auf politischem Gebiete überließen sie ihren Schlitz den liberalen Parteien, welche ja die Gleichheit Aller vor dem Gesetze in ihr Progranun ailfgenommcii hatten. So lange Männer >vie Laster, Bambergcr zu bcn Führern der nationalliberalen Partei gehörten,!var an eine Anfrollmig der Jndenfrage nicht zu denken. Aber der entfesselte Sturm des Judenhasses brach die Sänken der Partei, und die Juden sahen sich immer mehr ans den Schutz der radikalen Parteien beschränkt, bis auch diese, in den Jargon der Antisemite,i als Jndenschutztrnppen gebrandmarkt, der es mehr und mehr im Interesse ihrer Selbsterhaltiing für angebracht hielten, den Eifer für die Juden erkalten zu lasscii und auch die Inden fingen an iln Interesse der Erhaltung der Parteien, denen sie ihren Schutz anvertranten, sich in Geltendmachung ihrer berechtigten Wünsche große Reserve anfznerlegen. So ist es dahin gekonunen, daß man gegenüber dein parlamentarischen Antisemitisinns, der nun fast alle Parteien infiziert hat, die Vogelstranßpotitik befolgte und weder in den Wahlaufrufen noch in Wahlversammlungen eilt Wort darüber zu reden, ja nicht eimnal die Kandidaten darüber zu interpellieren wagte. Daß eine solche Politik nicht im Interesse der Jilden liegt und dahin führen muß, ihre Selbstachtung zu untergraben und das Bewußtsein ihrer verfassungsmäßigen Rechne zu ertöten, bedarf keines Ivciteren Beweises. Daß dieser Fall nicht cintrcte, ist der Wunsch jedes Inden, der eS mit sich und dem Judentum, ja mit dem deutschen Vaterlande wohl meint: denn eS liegt ja auch nicht im Interesse des deutschen Volkes, daß diese Absonderung und Ausschließung vereivigt werde. Wir wollen, mit unseren christlichen Mitbürgern in Frieden leben und vereint mit ihnen an der Wohlfahrt des gemeinsamen Vaterlandes arbeiten. Es bleibt danach den Inden nichts übrig, als den Schutz ihrer Interessen den bestehenden politischen Parteien nicht mehr blind zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen. Das kann nach zwei Richtungen geschehen, durch Vereinigung der bestehenden religiösen Gemeinden und Organisationen zu einem Gcsaintverbande, so wie eS jetzt in Berlin geplant jvird und die Probe auf das Excmpcl zeigen soll. Eine solche Organisation kann in mancher Hinsicht nützlich wirken. Ans die politischen Wahlen kann und will sie wohl aber auch keinen Einfluß ansüben. DieS ist unseres Erachtens aber eine Hauptsache, da eS keinem Zweifel unterliegt, daß wir nur dann auf Gesetzgebung und Verwaltung einen Einfluß zur Wahrung unserer berfassnngSmäßigen Rechte ansüben können, wenn wir nnS als eine politische Partei organisieren, ivelche jederzeit in der Lage ist, bei den Wahlen auch ein Geivicht in die Wagschale zu werfen. Nun bilden Ivir uns nicht ctlva ein, a>r Aufstellung oder Dnrchbringnng selbständiger Abgeordneter zu denken, obwohl wir auch dies bei Erstarkung einer jüdischen VolkSpnrtei in großen Zentren inid in der Provinz Posen, in der die jüdische Bevölkerung als ein bcachtenSiverter Faktor den Polen gegenüber das Zünglein an der Wage bildet, nicht zu den Unmöglichkeiten rechnen. Wertvoller ist es, daß ivir in dem Wettkampfe m c hr e r e r Parteien in einer großen A n zahl von W a h l kreisen in der Lage s i n d, d u r ch unsere S t i m m c n z a h l bindende Garantien von d e in £" andidaten n n sere s B e r t r a u c n 3 z it c rbnkte n. Ein Beispiel: Die Breslauer jüdische Gemeinde zählt etlva 5000 Wähler; wenn diese Zusammenhalten, können sie ihre berechtigten Interessen sehr wirksam wahrnehmcn. Bei der letzten Landtagswahl Zählte man 206 jüdische Wahlmänner (bis ans ziuei sämtlich liberal), das ist ein erheblicher Prozentsatz unter etwa 1560 Wahlmännern, zumal wenn iiimi bedenkt, das; die 224 sozialdemokratischen Wahlmänner durch ihre Stimmenenthaltnng 'die Wahl entschieden. Es kommt also nur daraus an, die jüdischen Wählermassen zu sammeln und zu organisieren. Gewiß werden die bestehenden Parteien sich mit aller Macht dagegen wehren, denn es geht ihnen ja an ihr Leben, man entzieht ihnen ihre Wähler. Andererseits hat sich bereits ein so starker Bruchteil der Inden vom politischen Varteileben zurückgezogen, überzeugt von der Unmöglichkeit, ihre Nechw und Interessen innerhalb der bestehenden Parteien wahrzunehmen.. daß es ein großes Verdienst wäre, diese dem politischen Leben entfremdeten Wähler wieder zu gewinnen, lvenn man ihnen die Möglichkeit bietet, in einer jüdischen Volkspartei eben ihre Rechte und Interessen selbständig wahrznnehmen. Ein nicht minder großes Verdienst wäre es, die durch die Lässigkeit der liberalen Parteien und die Thrannei einzelner Führer für das sozialdemokratische Lager eingefangeneii jüdischen Wähler znrückzugewinnen. Denn darüber kann kein Zweifel sein, eine jüdische Volkspartei kann in einem monarchischen Staate nur monarchisch sein. Darauf weist sie nicht mir die Lehre des JndeninmS hin, dafür spricht auch die Geschichte der politischen Parteien. Das Judentum fordert von seinen Bekenner» Liebe zum Vaterlande, Treue zur Regierung und Ehrfurcht vor dein Landesoberhanpte. Nur im Einvernehmen mit der Regierung können wir unsere Wünsche erzielen. Damit läßt sich sehr wohl selbständige politische Ueberzengnng pereinen, keineswegs aber ein Geist steter Negative und Opposition, des Radikalismus, republikanischer Gesinnung. Wir wollen als treue Staatsbürger Mitarbeiten an der Wohlfahrt des Landes, das uns schützt und nährt, und für alle die Maßnahmen und Vorlagen eintreten, ivelche zum Schutze nnb zur Wohlfahrt des Landes dienen, unbeschadet der Prüfung in einzelnen Fragen. Dann können ivir auch darauf rechnen, daß die Regierung nicht nur für unsere Rechte eiiwreten, auch unsere Wünsche wohlwollend prüfen und unseren Interessen gerecht werden wird. In ‘••er Politik entscheide» wie immer die Machtfragen. Eine Regierung, ivelche sich ans die politischen Parteien stützen muß, befolgt stets die alte Regel do nt des. Es iväre ferner Selbstmord und Undankbarkeit, ivollten wir nicht ein friedliches Einvernehmen mit den Parteien unterhalten, ivelche die bcrfassnngsinäßige Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied des Bekenntnisses in der Theorie vertreten. Daß sie auch in praktischer Politik geübt wird, darauf zu halten, muß unsere Aufgabe sein, andererseits werden die Parteien, die es ehrlich meinen, bei uns ihren Rückhalt finden. Das sind zunächst die liberalen, freiheitlichen Parteien. Aber mit den Begriffen von Liberalismus und Freiheit wird jetzt ein so großer Mißbrauch getrieben, das; dies Aushängeschild allein nicht ausreicht, ans uns einladend zu wirken. Wir leben in einem schnelllebigen Zeitalter, das mit alten Schtngworten mörderisch aufräumt, der alte Liberalismus geht seinem Ende entgegen, denn die Idee von der Freiheit der Persönlichkeit qnand meine, welche dem Zeitalter des Liberalismus den Stempel anfdrückte, ist eine in der modernen Politik unbekannte Größe. Der moderne Staat kennt nur die Freiheit, ivelche. die Dreiheit des anderen achtet. Jede Freiheit hat sich nicht nur vor der Majestät des Gesetzes zu beugen, sie ist auch an der Hand der Sozialpolitik der Neuzeit, welche mit der Stein-Hardenberg'schen Gesetzgebung einsetzt, gebunden durch das Interesse des Nächsten. Wir hoben die Wehrpflicht, die Steuerpflicht, die BersicherungSpflicht u. dergl. mehr. Das ganze moderne Leben beherlfcht die Idee der altjüdischen Nächstenliebe, wie eS die christliche Welt nnS freilich nicht zugestehen will. In der Politik nennt man eS den Tropfen sozialistischen Oels, die alte jüdische Lehre ist aber durch-

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