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Jüdisches Volksblatt · 1903-12-18 · 51 (18.12.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
51 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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>>' '];»:V; Vertrag ist und besten Mitte Aktien und Marken sind, ist es gelungen, die historische Basis zu verrücken. Man nannte dies „politischen Zionismus*, daraus ist aber zionistische Politik geworden, die nun ein Land in Afrika zu Gründen im Begriffe ist. Und dieser letztere Schritt öffnete den Getäuschten die Augen. Bis dahin hatten sie geglaubt, daß sie neben der Politik noch an dem zionistischen Ideal festhalten, das ihr Herz erfüllte. Jetzt aber im Momente der Krise, als es schon unmöglich war, zweien Herren gleichzeitig zu dienen und man die Wahl treffen mußce zwischen dem einen und dem anderen, jetzt mußten sie mit tiefem Schmerze eingestehen, daß sie sich zu weit in den politischen Weg eingelasten haben und nicht «ehr zum zionistischen Ideal zurückkehreu können. Was konnten sie nunmehr tun? Es blieben ihnen nur Thränen. Sie konnten nichts anderes als weinen, weinen über die im Innersten ihres Herzens angerichtete Zerstörung und über die Ohnmacht, das Niedergeristene wieder aufzubauen. Sie konnten nur weinen und trauernd zur Heerde zurückkehren, um dorthin zu gehen, wohin der Hirte sie führt. . . Die Generalversammlung des „Hilfsvereiues für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" fand unter dem Vorsitze des Herrn Vizepräsidenten Sigmund Matze r am 8. Dezember d. I. im großen Saale des Humanitäts- Vereines „Wien" B'nai B'rith bet zahlreicher Beteiligung der Delegierten der Ortsgruppen statt. Ter Vorsitzende eröffnet die Sitzung um halb 5 Uhr. Nachdem er die statutengemäße Einberufung der General- Versammlung konstatiert, begrüßt er die erschienenen Vertreter der Ortsgruppen, der befreundeten Körperschaften tind die Ehrengäste. Er teilt sodann mit, daß zum großen Bcdauerm des Ausschusses Herr Maxim. Paul-Schiff von seiner Stellung als Obmann des Hilfsvereiues zurückgctretcn sei. Er beantragt namens der Vercinsleirnng, Herrn Maxim. Paul-Schiff für sein erfolgreiches Wirken den Dank zu votieren, diesen Tank protokollarisch zu verzeichnten und Herrn Paul-Schiff zur Kenntnis zu bringen. (Der Antrag wird mit allgemeiner Akklamation und Erheben von den Sitzen angenommen.) Der Vorsitzende teilt weiters mir, daß der bisherige Sekretär des Hilfsvereiues Herr Dr. Alois P o l l a k auf ffeine Stellung resignierte, daß ihm in der Vereinsleitungssitzung für seine eifrige und" erfolgreiche Tätigkeit der Dank votiert und er einstimmig zur .Wahl in die Vereinskcitung vorgeschkagen wurde. Es ist nun gelungen, Herrn Dr. H e r s ch in den Ausschuß zu kooptieren und hat derselbe die Leitung des Bureaus übernommen. (Zustimmung.) Der Vorsitzende ergreift das Wort: Bevor die Details unseres Tätigkeits- und Kasseberichtes Ihnen mitgeteilt werden, möchte ich mir erlauben, einige allgemeine Worte zu sprechen. Das von tinserem Vereine unternommene Werk, die Industrialisierung eines Landes oder eines Teiles der Bevölkerung ist bisher nur üon Regierungen versucht worden. Einer Negierung stehen zu solchem Zwecke große finanzielle Mittel zur Verfügung. Sie verfügt aber auch, um eine Industrie zu erzwingen, über das große Machtmittel des Zollschutzes. Unsere Vereinigung besitzt keine solchen Machtmittel, verfüg, nur über geringe finanzielle Ressourcen. Die Arbeit, die sie durchführen soll, gleicht der langsamen Aufforstung eines Karstgebietes. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich uns gegenüberstellen. Vor allem die Größe der Aufgabe. Doch zeigt sie sich, ziffernmäßig erfaßt, nicht als unlösbar. Rechnen wir von den 800 000 jüdischen Seelen in Galizien vorerst die weibliche Hälfte, die nur mit einem verhältnismäßigen Prozentsätze mitznzahlen ist, ab, und ebenso von dem verbleibenden männlichen Teile der Kinder unter vierzehn Jahren, die Greise — berücksichtigen wir ferner, daß doch ein ziemlich ansehnlicher Teil der jüdischen männlichen Bevölkerung imstande ist, seinen Erwerb im legitimen Handel zu finden, so reduziert sich das Problem daraus, ungefähr 100- bis 150 000 Menschen, die heute erwerbslos sind, durch Erwerb Arbeit zu verschaffen. Das ist möglich, denn wir haben in den letzten zwei Jahren schon einige Tausende Menschen dem Erwerbe zugeführt. Auch das zweite Hindernis, die sehr peinliche Indolenz' und Teilnahmslosigkeit gerade der jüdischen Geschäftskreise, jüdischen Unternehmer nsw., an die wir uns gewendet haben, hoffen wir zu überwinden. Wenn einmal durch die Einführung von Hausindustrie ein bestimmtes Arbeitsmaterial geschaffen sein wird, so werden stich schließlich Unternehmer bereit finden, in ihrem eigenen Geschäftsinteresse diese Arbeitskraft, wie sie so billig in ganz Oesterreich nicht mehr existiert, zu benützen. Wir haben darum unsere ganze Kraft zunächst der Einführung öer Hausindustrie gewidmet. Unser Programm ist allerdings ein ungleich größeres und erstreckt sich auf die geistige Hebung der jüdischen Bevölkerung in Galizien, aber vor allem muß Ertverb geschaffen werden, dann wird auch das geistige Niveau sich heben. Als vor einem halben Jahrtausend Casimir der Große die Inden ins Land ries, tat er es, weil die Juden damals materiell und kulturell höher standen als die polnische Bevölkerung; erst die aus den verschiedensten Gründen speziell über die dortigen Inden ganz besonders hereinbrechende wirtschaftliche Not hat sie auch geistig verelenden lassen. Meine Herren I Zum Gelingen unseres Werkes gehört dreierlei: Mut, Geschicklichkeit und eine uneschütterliche, „leidenschaftslose Beharrlichkeit". Mut hat unser Verein beiviesen, indem er es überhaupt gewagt hat, dieses große Werk in Angriff zu nehmen. Eine gewisse Geschicklichkeit glauben wir in dem bewiesen zu haben durch das, was wir bis jetzt geleistet haben, und die nnerschütterliche Geduld werden diejenigen jüngeren Kräfte zu erweisen haben, die nach uns fortsetzen werden, was wir Alten, Ausgedienten begonnen haben. (Lebhafter Beifall.) Der Sekretär Herr Dr. Alois P o l l a k erstattete den Bericht, dem tvir folgendes Wesentliche entnehmen: Die Haarnetz-Industrie wnroe in diesem Jahre in weiteren 21 Ortschaften neu eingeführt, so daß im Vorjahre um diese Zeit in 72 Orten miHiner Arbeitsenilohnung von zirka 5000 Kronen wöchentlich, jetzt in 08 Orten mit einem Arbeitslohn von zirka 10 000 Kronen ivöchentlich diese Heimarbeit betrieben wird. Weiters ist hervorzuhcbcn, daß die Arbeiter nicht nur von Wiener und ausländische» Exportfirmen beschäftigt werden, cs haben sich auch in Galizien selbst Unternehmer gefunden, welche diese Industrie betreiben und die Haarnetze an die großen Exporteure liefern. Von der zweiten und dritccn Industrie, die tvir uns im laufenden Jahre einznführen bestrebten, können tvir vorläufig noch keine günstigeic Resultate berichten. Es ist das die Spiel- und Drechslerwarcn-Jndustrie, welche durch die ungünstige Konjunktur, die in diesem Artikel eintrat, gegen die Konkurrenz nicht aufkotnmen konnte; jedoch haben wir die Absicht, sobald die Verhältnisse günstiger geworden sind und wir den richtigen Unternehmer finden, wieder aufs Nene fortznsetzen. Die Pa'entknopf-Erzengung führte bis jetzt zu keinem günstigen Resultat, weil das Produkt noch nicht allen Anforderungen entsprach und eine Maschine erst eigens für diese Arbeit konstruiert und erprobt werden muß. Weiters haben tvir in einem sehr armen Orte Unterricht in der Korbwaren-Erzengnng erteilen lassen. Der Absatz dieser letzteren Erzeugnisse wurde gesichert und hoffen wir noch 2—8 Jahren zirka 80 Arbeiter ansgebildet zu haben, die irr dieser Branche dauernden Erlverb finden werden. Als fünfte Industrie wurde von uns die Herrenklcider-Lohnkonfektion eingeführt. Wir gingen dabei von zwei Gcsichtspunff'en aus: 1. Daß dies eine Industrie ist, welche verhältnismäßig viele Personen beschäftigen kann und daß sich dieselbe von selbst immer weiter und weiter ausdehnt. 2. Daß die Qualität der Arbeit und dadurch auch der Lohn in Galizien gehoben werden soll. Wir können uns der Hoffnung hingeben, daß diese Industrie zu einem guten Resultate führen lvird. In Vorbereitung haben wir die Erzeugung bon Schuhen für den Export und von solchen Spitzen, welche hauptsächlich große Exportartikel sind. W,ir unterstützen endlich in Skole den Unterricht in englischer Sprache an Handwerker, die ansznlvandern beabsichtigen. Wir kommen mm zu dein Berichte über unsere innere Organisation. Voransschicken müssen lutv, daß wir nicht für das ganze Jahr 1903 den Abschluß geben können, und zlvar deshalb, weil die Generalversammlung im Dezember abgehalten lvird. In der heutigen Tagesordnung findet sich ein Antrag des Ausschusses, der, wenn er voll ihllen angenommen wird, diesem Ucbelstande für die Zukunft abhclfen lvird. Die Daten für 1903 rcicheil daher nur bis Ende November. Im Jahre 1902 hatte unser Verein 36 Ortsgruppen mit 3470 Mitgliedern nild 221 Mitgliederir, die in verschiedenen Orten wohnen, ivo vorläufig noch keine Ortsgruppe besteht. Zusammen hatten lvir also 3691 Mitglieder, welche Kronen 33 600,23 als Mitgliedsbeiträge leisteten. Ansehnliche Spenden sind uns zugekommen vom Hilfskomitee für osteuropäische Juden in Franknfrt a. M., vom Hilssvercine der deutschen Inden in Berlin und vom Kuratorium der Baronin Clara Hirsch - Stiftung. Zu uilserem Bedauern können wir auf eine gleiche Opferlvilligkeit der Wiener Kreise nicht Hinweisen. Im Jahre 1903 harten lvir 38 Ortsgruppen. Die Mitgliederzahl kann jetzt noch nicht angegeben werden, weil von den Ortsgruppen noch viele Juxten und Abrechnungen ansständig sind. Bis Ende November d. I. sind an Mitgliedsbeiträgen eingcgangen Kronen 30 748,—. Spesen für I n d u st r i e - E i n f ü h r u n g: Haarnetz- Industrie Kronen 20 112,64, Knopf-Industrie Kronen 121,—, Spiel- und Drechslerwaren Kronen 5299,—, Herrenkleider-Lohnkonfektion Kronen 3300,—, Korbwaren Kronen 919,—, Prämien Kronen 2282,—, englischer Unterricht, Skole Kronen 70,—. Herr Reichsrats-Abgeordneter Dr. Byk zu dem Berichte: Er habe alle Anerkennung für die Tätigkeit des Vereines, umsomehr,. als die in so kurzer Zeit erzielten Resultate sich sehr abheben von der Erfolglosigkeit des meist bisher in Galizien Geschehenen. Er führt das tatsächlich auf ein gewisses geschäftliches Geschick zurück, das bisher bei ähnlichen Unternehmungen in Galizien gefehlt hatte. Zu den Ausführungen des Herrn Vorsitzenden bemerkt er: Die Frage, ob die Hebung der Kultur- oder der Erwerbsverhältnisse wichtiger seien, läßt sich richtig wohl nur so beantworten, daß beide Faktoren in einer innigen Wechselwirkung stehen. Die Kultur ist ciue notlvendige Voraussetzung für die Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit und Wohlstand ist notig, um Kultur und Bildung zu verbreiten. . Aus der Geschichte der Juden.Polens ersehen wir, daß der Chassidismus erst entstand, als die Juden durch die Tartaren und Schweden gänzlich ausgeplündert und bettelarm geworden waren; als das Elend bis zur Hoffnungslosigkeit anzuwachsen begann, tauchten die Wunderrabbis auf. Herr Bernhard Jerusalem, Vertreter der Ortsgruppe Hermanmestec, bingt den Dank und die Anekennung seine Ortsgruppe der Vereinskeitung zum Ausdruck; er spricht den Wunsch nach einer zuverlässigen Statistik der hilfsbedürftigen und arbeitsfähigen, jedoch erwerbslosen Juden in Galizien aus. Er weist sodann auf die hohe Bedeutung der Agrikultur hin, zumal Galizien ein Agriknlturland ist, das bei rationeller Ausnützung seines Bodens um zirka 100 Millionen Kronen.jährlich mehr produzieren könnte, als es jetzt der Fall ist. Auch für die Juden tvürdc sich dann leichter Gelegenheit zu landwirtschaftlicher Arbeit und sonstigem Erwerb bieten. Besonders aber sei die Pflege der Landwirtschaft deshalb sehr wichtig, weil im Falle der Auswanderung die Juden imstande wären, Landwirtschaft zu betreiben, wodurch sie überall, wo dem Boden noch der Bearbeiter fehlt, als fleißige 'Arbeiter willkommen wären. Die Unzulänglichkeit der finanziellen Mittel des Vereines für Agriknlturfördernng könnte durch umfassende Propaganda behoben werden; überdies müßte man ja nicht gleich Anfangs Güter kaufen, sondern könnte mit Pachtungen beginnen. (Beifall.) Das Skrutinium ergab folgende Wahlresiiltate: In die VereinsleiOing wurden gewählt die Herren: Doktor Max B ö h m, Mähr.-Osirau; Dr. M. H a m m c r s ch l a sff Prag; Dr. Wilhelm H e r s ch, Wien; S. Edler v. Horowitz, Lemberg; Dr. Josef Jeru salc m, Wien; Gottlieb Lederer, Wien; kais. Rat Dr. Theod. Liebe n, Wien; Dr. Wilhelm Pappen h e i m, Wien; Dr. Alois P o l l a k, Wien; David Rotier, Wien; Ludwig S a m e k, Wien. In den Aufsichtsrat wurden gewählt die Herren: Julius G r a n i ch st ä d t e n, Wien; kais. Rat Moritz Hirsch, Wien; Dr. Leopold Kühn, Wien; Dr. Gustav Lang st ein, Wien; Ferdinand L ö w y, Wien; Wilhelm Pappen heim,. Wien; Dr. Isidor S a m u e l h, Wien. A D._.. K lempercr, Wien; Heinrich Kling er, kaiscrl. Rat, Wien; Aisidor Popper jun., Wien; Leopold Sachs, kaiserl. Rat, Wien; Julius Wolf, Wien; Josef Zucker, Wien. ■ Schluß der Sitzung 7 Uhr. Chronik. Inland. Gedenktage. Dezember. 16. 1779 st. itt Prag der gelehrte Mäcen Meier Fischel. 1804 st. d. Judenfreund Chr. Fr. Wcisse. 1879 st. in Trebitsch Rabb. Joachiin Pollak, Mitnrb. hebr. Zeitschr. — 17. 1568 w. in Prag Jsr. Hortvitz u. s. Schwiegers. Mos. b. Joel verbrannt. 1659 w. bei'der Eroberung von Buchow 300 Juden erschlagen. 1750 st. in Amsterdam d. Tatmudist Zadik Cohen Belinsante. 1813 st. d. Arzt Benedict J.'ittekes, hebr. Gelehrter. 1839 st. iu Nenrandniz Jos: Flesch Hebraist. 1898 st. in Waddcston Baron Ferd. v. Rothschild, Mitgl. d. engl. Parlaments. — 18. 1877 st. in Berlin S. Lipschütz, Rabb. i. Lmrdsberg a. W. 1880 st. in Budapest Heinr. Deutsch, Direktor d. isr. Landes-Lehrerpräparandie. — 19. 1791 ft. in London Teble Schiff ha kohen, Verf. e. halach.-talmnd. Werkes. 1880 st. in Mantua Giuseppe Finzi, Vorkämpfer f. d. Einh. Jtal. 20. 1816 st. in Dresden Sim. Vondi (Talm.-Midr. Fvemden-Wörterbuch Or Esther). — 21. 1027 verbrannten sie in Kordowa 4 Juden. 1726 st. in Glogau R. Abraham (Sera abr.). 1788 st. in Berlin Dina Cohn geb. 18. Dezember 1903 Nr. 51 1817 Nb. itt Freudenberg der Lehrer Alex. Elsässer, pad. Schriftsteller. 1834 geb. in Budapest Ad. R i t t « e " thal, ber. Schauspieler. — 22. 1239 st. i. Toledo Abr Alfakar, Dichter. 1575 st. in Krakau Mord. b. Jacob, Gramm. Kabbak. u. Naturforscher. 1847 st. in Frankfurt Aaar. Fuld (Nachtrag z. Asukais Autoren-Lexikon). 1890 st. in Wilna d. Gelehrte Sam. Jos. Fünn. —• 23. 1839 st. in Hamburg Notar Meir Bresielan. 1844 st. in Hamburg Sal. Heine, Oheim des Dichters. 1871 st. in Wien Jonas von Königslvarter. Kislcim 21. Um 120 b. d. g. Z. zerstörte Johann Hyrkail den Tempel der Santarttaner auf dem Berge Gerisim. 25. 1871 ft in Altona Oberrabb. Jac. Ettlinger. 26. 1198 st. Abrah. b. Dav. (Rabed) ans Posquicres. 29. 1496 befahl Don Manuel die B c r t r c i b n n g d. I. ».Portugal. Die große Makkabäerfeier. Unter ungemein großer Beteiligung der zionistischen Kreise Wiens wurde am 12. d. M. in den Sosterisäien die diesjährige Makkabäerfeier abgehalten. Wir sahen Vertreter aller Stände und Klassen, aller politischen Richtungen und Schattierungen an diesem Abend. Auffallend war das vollständige Fernbleiben des Wiener Kultusvorstandes, während man bei den Makkabäerfeiern früherer Jahre doch den einen oder anderen sehen konnte. Nach 10 Uhr eröffnete Dr. Max Bernhard, Obmann des innerösterreichischen Distriktskomitees den Abend mit einer kurzen aber kräftigen, und wiederholt durch Applaus unterbrochenen Begrüßungsrede, in welcher er besonders die Notwendigkeit der Makkabäerfeier und des sich durch sie kundgebenden Solidaritätsgefühles der gutgesinnten Juden, sowie der zum Ausdrucke gelangenden Demonstration der Zionisten gegen die Assimilation hervorhob. Der Kampf gegen das Affimilantentum — schloß Redner unter brausendem Beifall — sei umso notwendiger und berechtigter, als sein Haß nunmehr auch die armen, unschuldigen Kinder (Dr. S t e r n-Kischineff) nicht mehr verschone. Hierauf hielt Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin die Festrede. In seiner mehr als einstündigen Rede widerlegte Oppenheimer mit großem wissenschaftlichen Apparate die Einwände der Gegner des Zionismus. Hauptsächlich aber befaßte er sich mit dem Vorwurfe, daß die Bestrebungen des Zionismus reaktionär seien und sagte im wesentlichen folgendes: . . Gegner werfen der zionistischen Bewegung gern vor, sie sei reaktionär, erstrebe Ideale der Vergangenheit, statt solcher der Zukunft. In der Tat ist das Weltbürgertum, der Gegensatz der nationalistischen Bestrebungen, von jeher das Ziel der besten Männer gewesen, zum Beispiel des strahlenden Doppelgestirns Kant und Goethe. Aber cs war auch von sicher das Ziel des Judentums, dessen schöner Traum immer war: der Glmibe an ein Weltreich unter dem Sittcngesetze Israels. Unmöglich kann also der Zionismus, der überall an die beste Ueberlieferung des alten Jnndentums anknüpft, dieses Ziel des Gottesreichcs auf Erden verwerfen. Es liegt hier eine jener scheinbaren Antinomien vor, die unlösbar sind, so lange man die Dinge in ihrer Ruhe betrachtet, und die sich erst lösen lassen, wenn man die Dinge in den Fluß der Entwicklung stellt. Nach dem Gesetz des Widerspruches von Hegel treibt die Idee der Nationalität ihren eigenen-Gegensatz hervor, den Kampf der Nationalitäten, und dieser Gegensatz wird versöhnt in der Synthese eines Weltbürgertums, in das alle wahrhaften Knlturelemente der einzelnen Nationalitäten aufgenommcn werden. Ebenso leicht löst sich der Widerspruch, wenn man das verwandte Gesetz Herbert Spencers anwendet. Die Enttvicklnng führt zu immer höherer Integrierung, aber auf dem Wege höherer Differenzierung der einzelnen Teile. Und so wird das Weltbürgertum der Zukunft ebenfalls beruhen nicht auf dem Zusammenschluß solcher nationaler Elemente, die ihren ursprünglichen Charakter cingcbüßt haben, sondern nur solcher Elemente, die ihren nationalen Charakter möglichst rein bewahrten." Der Redner schloß mit einem Vergleich zwischen der Hellenischen Zeit, in die die makkabäischen Zustände fallen, und der Gegenwart." Aus dem übrigen Teile des Programmes sind die mit großem Beifalls aufgenommenen schönen Liedervorträge des Gesangsvereines „Schtr Zion" unter Leitung des Prof. Sulz eir, ferner der künstlerische Biolinvortrag des Virtuosen Siedler, sowie die trotz vorgerückter Stunde mit großer Aufmerksamkeit angehörten Lkedervorträge der Berliner Konzertsängerin Fräulein Markuse hervorzuheben. Oberkantor Guttmann, deffen Gesangsvortrag auch auf dem Programme stand, hat wegen Unpäßlichkeit in letzter Minute abgesagt. Es war schon längst Mitternacht vorbei, als der Tanz beginnen konnte, der dann frisch und fröhlich bis zur vierten Morgenstunde anhielt. Die Musik besorgte die Kapelle Johann Strauß, welche hauptsächlich mit dem Bortrage der Komposition des jüdischen Tondichters Berthold Ullmann: „Ostwärts* großen Erfolg erzielte. Diese Komposition ist übrigens im Selbstverläge des Verfassers, II., Rembrandtstraße 14, für Pianoforte zu zwei Händen erschienen. Die Vorträge der Wiener KitllttSgemeindc. Mit wahrer, aufrichtiger Freude haben alle gutgesinnten Juden, von dem Entschlüsse des Wiener KUltnsvorstandes Kenntnis genommen., in den Wintermonaten eine Reihe von „Borträgett aus der jüdischen Geschichte und Volkskunde" abhalten zu taffen. Die desolaten Zit- »7U Ultimi mtu cy iji ijuu/fu; ()i u/ vuiß |ut viuunv vu* vr/wsprächsstoff über jüdische Fragen und nicht ausschließlich über die Rettung des Kaffer-Jubiläumstheaters, die jüngsten Weihnachts-- bescheernngen uslv. geschaffen werde. Den ersten dieser Vorträge hielt Dr. Max G r u n >v a l d am 14. d. M. über „D i e I u 'd e n i n d c n W e l t st ä d t e n d e s A l t e r t u in s". Wir müssen hier gleich konstatieren, daß Dr. Grnnwald den Zweck dieser Vor-, träge gründlich mißverstanden hat. Die Aufgabe dieses Verkehrs zwischen Rabbiner und Publikum außerhalb der Synagoge soll ja nicht sein, daß der Rabbiner mit seiner Gelehrsamkeit, die gar Gelehrsamkeit ist, zu flunkern, sondern durch Vorführung von Charakterbildern aus alter Zeit veredelnd auf die Gegenwart zu wirken. Was tat aber Dr. Grnnwald? Mit einer die. Situation verkennenden llnverdrossenheit überschüttete er das zumeist aus Damen bestehende Publicum mit den in den Preiswerken Dr. B £ rl in er ö und der Stndiengenossen Gruillvaldö: Dr. Paul Nieder und Doktor V o g e Ist e i n, sowie Doktor Friedl ä n d e r s ausgestapelten Zitaten römischer ' und griechischer Autoren.' Mit den hebräischen Quellen scheint Dr. Grun- Irald nicht auf bestem Fuße zu stehen, denn diese hat er mit wahrer Verachtung totgeschwiegen. Nicht ein selbständiger Zug, nicht ein schöpferischer Gedanke brach durch den Wnst belangloser, längst nach Gebühr gewürdigter Zitate. Aber direkt abgeschmackt Um' die Parallele zwisctu'n A p i o n und L u e g e r. die sogar bei Doktor Alfred Ster.n ein Nasenrümpfen des Unwillens herborrief. Ein einziges Mal tvar das Publikum tvärmer geworden, als der Bor« $

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