Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 50 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 11. Dezember 1903 Nr. 50 Gebrauches der ruthenischen Sprache in Kraft. Was sollte nun mit den ruthenischen Vorträgen, Festreden ustv. geschehen, welche milaßlich dieser Nationalfeier gehalten tverden sollten? Bald fand man einen Austveg, ztvar ist er kurios, aber doch recht bequem. Den russischen Ruthenen verbot man, sich bei dieser Gelegenheit öffentlich ihrer Muttersprache zu bedienen, den galizischen und Bnkowinaer Ruthenen wurde dasselbe erlaubt. Bekanntlich erhob nun der Stadtrat von Poltatva gegen diese zumindest sonderbare, im 20. Jahrhundert unerhörte Verfügung des Ministers Plehwe eine Anklage an den Senat. Das offizielle Organ des Gouverneurs von Poltawa „Poltapskija Gubcrn. Wjedemosti", bezeichnet nun den ganzen Vorfall als ein Mißverständnis und behauptet, es sei niemandem eingefallen, öffentliche Vorträge in ruthenischer Sprache zu untersagen. Das genannte anrtliche Organ stellt sich also in direkten Widerspruch zu dem noch nicht aufgehobenen Ukas vom Jahre 1876; die Regierung ist sich also selbst nicht klar was für eine Stellung sie den einzelnen Nationalfragen gegenüber cinzunehmsen habe. Polen, Ruthenen, Deutsche, Liteuer, Finnen, Armenier, Georger, Juden, sie alle aus der Welt zu schaffen, ist doch nicht so leicht und nicht so bald geschehen, zumal, wie gesagt, die Nationalitätenfragen anstatt zu verstummen, immer lauter und lauter werden. Das einzige, was die Politik der Regierung noch unterstützt, ist der Mangel an Einigkeit, cm Verständigung der unterdrückten Nationen, deren gemeinsames Vorgehen dem Zarismus große Schwierigkeiten bereiten könnte. Die praktische Vernunft allein schon würde es gebieten, hier einen gemeinsamen modus procedendi zu schaffen. Polen, Russen, Ruthenen, Deutsche, Finnen, Juden, Litauer usw., die so viele Opfer im Kampfe gegen den Zarismus bringen, sollten sich einigen, um planmäßig und verständig um die Rechte ihrer Nationen zu kämpfen. Vor allem sollten sich aber die im Auslande lebenden Vertreter der genannten Völker zu einer gemeinsamen Aktion bereinigen, um auch Westeuropa über die Existenz, die Bestrebungen ihrer bedrängten Brüder, sowie über das Bedrückungssystem der russischen Regierung zu informieren, denn die in Westeuropa herrschende Ignoranz der russischen Zustände und Verhältnisse ist auch eine mächtige Helsershelferin der zarischen Regierung. Kijew. I. Karenka. Die „Gaz. Haudlowa" Lodz schreibt: Können Juden nicht auch Handwerker sein? lieber diese gewiß nicht unwichtige Frage gibt uns am besten ein Eingesandt unseres Mitbürgers, Herrn A. Koro, das in Nr. 279 der „Gaz. Handl." veröffentlicht wurde. Aufklärung. Der Inhalt desselben lautet etwa wie folgt: „Geehrter Herr Redakteur! Von der projektierten Eröffnung des Warschauer Handwerker-Jahrmarktes erfahren, unternahm rch zu diesem Zwecke eine spezielle Reise nach Warschau und begab mich. zu dem Mitglieds des betreffenden Komitees, Herrn Nowicki, mit der Bitte, die Beschickung dieses Jahrmarktes mit meinen Erzeugnissen zu gestatten, wobei ich gleichzeitig die Auszeichnung vorstellte, die mir gelegentlich der Lodzer hygienischen Nahrungsmittel-Ausstellung für die Güte, Solidität und die hygienischen Vorzüge meiner Erzeugnisse in anerkannter Weise zuteil wurde. Anfänglich empfahl mir ein gewisser Herr des Komitees, mich desselben Tages abends zu melden, um eine Resolution zu erhalten. Als ich mich jedoch zur bestimmten Zeit einfand, sagte mir Herr Nowicki, der sich inzwischen überzeugt hatte, daß ich Jude bin, „wir nehmen keine Juden an!" Ein solches Vorgehen des HandwerkerJahrmarkts-Komitees, das durch Vermittlung der Tagesblätter alle Handwerker zur regesten Teilnahme an dem projektierten Jahrmarkts auffordert, um ihnen am Schluß die Türe vor der Nase wegen ihrer Abstammung zuzumachen, muß doch gewiß Verwunderung erregen. Würde es nicht besser sein, in den Veröffentlichungen klar und deutlich bekannt zu geben, daß Erzeugnisse, die aus den Werkstätten jüdischer Handwerker stammen, zu dem Jahrmärkte nicht angenommen werden? Dann würde niemand irregeführt, keiner von seiner schweren Arbeit losgerissen. A. : Mit eurer Erlaubnis vollziehe ich die heilige Handlung. B. : Und mit Gottes Zustimmung. A. : Gott sei hierfür gepriesen. B. : Und für seine unendliche Gnade. A. : Möge Freude sich ergießen über die Kinder von Israel. B. : Und möge sie über Jerusalem hereinbrechen. Nun wendet sich der Bräutigam zur Braut mit den Worten: „Möge der heilige Tempel wieder erbaut werden, mögen die Propheten Elias und Moses kommen und die Herzen des Volkes Israel erfreuen. Gepriesen seist du, König des Weltalls, der du die Frucht des Weines erzeugtest; gepriesen seist du, o Herr, der du uns durch deine Gebote geheiliget hast, der du unerlaubten Umgang mit Weibern und Bräuten verboten, aber freien Verkehr gestattet hast mit derjenigen Frau, die uns durch Bedeckung mit unserer Krone und Blume ehelich angetraut wird. Gepriesen seist du, o Herr, der du Israel mit solcher Gnade heiligest. Und du Rebekka, Tochter von Awu (Abraham) Samuel, seiest nun mir, Joseph Davud (David), dem Söhne von Davud Benjamin, angetraut durch diesen Becher und diesen Silberring, der in diesem Glase voll Wein liegt, wie durch alle Macht, die mir nach dem Gesetze von Moses und des Volkes Israel vor diesen Zeugen und Meistern zusteht. Gepriesen sei der Herr, der die Frucht des Weines erschuf und gestattete, daß Mann und Frau in Ehe sich vereinigen. Mittels des Weines, den ich dir zu trinken reiche, mittels des Ringes, den ich an deinen Finger ziehe, überhaupt mit allem, was ich besitze, eheliche ich dich vor diesen Zeugen und dem Priester nach dem Gesetze Moses und der Israeliten." Nun. trinkt der Bräutigam die Hälfte des Weines, steckt den Ring an den Zeigefinger der Braut und gibt ihr den Rest des Weines geradezu ein. Dann hängt er um ihren Nacken verschiedenes Geschmeide, läßt den Becher nochmals füllen, leert ihn nlit der Braut und wirft ihn dann kräftig zu Boden, daß das Glas zerbricht. Man gibt diesem Gebrauche jetzt die Auslegung, er solle die Vergänglichkeit des Lebens anzeigen; ursprünglich hatte ec aber den Zweck, zu verhindern, daß das Glas in die Hände eines Zauberers komme. — Ten Schluß des Ganzen macht eine Art Notariaisakt, vollzogen durch den Vorbeter. Derselbe liest ein langes Schriftstück ab, das alle gegenseitigen Geschenke aufzählt; nach Ablesung der Stelle, ivelche von den Rechten und Pflichten der Ehegatten handelt, nimmt der Priester die vier Enden des Schleiers des Knaben in die Hand und spricht die Worte: „Gott befiehlt, daß der Mann sein Weib gut nähre, kleide und allen Pflichten als Ehemann Nachkomme." Dann reicht er die Akte dem Ehegattein der ihn zeichnet; ebenso setzen die Zeugen ihren Ncnnen darunter, schließlich unterschreibt der Vorbeier. Man singt noch einige Hymnen und dann ordnen sich die Gäste zmn Glückwunsch an das neue Paar, wobei jeder der Reihe nach ein Geschenk darreicht; dabei läuft mancher indische Gebrauch unter. Zum Schluß gebe»; die Eltern des jungen Paares den nächsten Verwandten ein kleiner Geldgeschenk und löset: diese dafür die Knoten, mit welchen die Kleider des Paares aneinandergeknüpft wurden. Inzwischen ist zum Verlust der Zeit und der Kosten verleitet und vor allen Dingen jeder davor bewahrt werden, sich einen Affront gefallen zu lassen. * Eine neue hebräische Zeitung. Dem Redakteur des „Hameliz", L. A. Rabinowitsch, ist cs gestattet worden, in Lodz eine Tageszeitung im Jargon unter dem Namen „Der Tog" („Der Tag") herauszugeben. Chronik. Dezember: 9. 1712 st. in Amsterdam Simeon Frankfurter (Andachtsb. b. Krank, u. Sterbend.). 1714 w. in Vöhmisch- Leipa I. getötet. 1792 geb. in Nancy Oberst Theodor Max Cerfherr. 1885 st. in München Josef Hirsch, Vater und Vorbild des großen Philanthropen. 10. 1198 st. in Roschd (Averroes) der arabische Philosoph. 1809 st. in Stuhlweißenburg Nabb. Dr. M. Zipfer (Josephus gcg. Apion). 1864 st. in Metz Gerson Levy (Pint, Orgel in der Synagoge). 11. 1806 geb. in Bremerlohe Fr. Joh. Goldschmidt, geb. Schwabe, die pädag. Schriftst. 1898 st. in München Dr. Max Grünbaum (Jüd.-deutsch u. jüd.span. Chrestom). 12. 1888 st. in Odessa Prcd. Leon Sim. v. Schwabacher. ~53. 1204 st. in Alt-Kairo Moses Maimonides (Rambam). 1349 w. an verschied. Orten in Deutschland I. verbrannt. 1830 st. in Breslau Js. Pleßner, der verschiedenes a. d. Deutschen übersetzt hat. 1885 st. in Wilna d. Talmudist Matitjahu Straschun. 15. 1751 st. Prof. Schöttgen (Hora talmudicae). 1788 geb. in Breslau Dr. Js. Assur Francolm (Eng. Rispart.), Dir. d. Wilhclmschule. 1838 st. in Straßburg Prosper Wittersheim (Denkschr. b. d. Elsässer I.). Kislew. 13. 499 st. Rabina, Oberhaupt des Lehrhauses zu Sura. 17. 1887 st. in Pleschen Nabb. Dr. Elias Silberberg. 18. 1736 st. in Posen a. Märtyrer R. Arjeh Löb ben R. Joseph an den Folgen erlittener Folterqualen. Repertoire der öffentlichen Veranstaltungen der zionistischen Vereine Wiens. Samstag den 12. Dezember: Große Makkabäerfeier im Sofiensaal. Sonntag den 13. Dezember: „Moria": Arthur F r e u d, Vortrag, dann intime Chanukafeier. Sonntag den 13. Dezember: Verein jüd. jugendl. Arbeiter, Leopoldstadt: A. Fürst: Das Synhcdcion unter Napoleon. Montag den 14. Dezember: Versammlung im Nonachersaal. Referent Dr. Franz Oppenheimer. Dienstag den 16. Dezember: Einzelverein „Zion", Wien- Dr. Hugo Benedikt: Nationalfonds. Mittwoch den 6. Jänner: Verein jüd. jugendl. Arbeiter, Brigittenau: Gründungsfest im Bayrischen Hof. Am 23. Jänner: „Moria": Festabend im Hotel Central. Der theolog. Verein der Hörer an der isr. theol. Lehranstalt veranstaltet anläßlich seines zehnjährigen Bestandes im Festsaale des Hotels „Post" am 16. Dezember eine Dezennar- und Chanukafeier. Aus dem reichhaltigen Programm seien folgende Punkte erwähnt: Begrüßung durch den Präses Herrn Gustav Sicher. Anzünden der Chanukalichter durch den Herrn Oberkantor Bela Guttmann. Prolog, verfaßt und vorgetragen vom Vereinsmitgliede H. v. K u r r e i n. Liedervortrag des Herrn Oberkantor B. Guttmann. Deutsche Festrede von Herrn Johann S t ö ß l e r. Rezitation jungjüdischer Dichtungen von Herrn Gustav Tellheim, Mitglied des k. k. priv. Theaters in der Josefstadt. Hebräische Festrede. Lieder, gesungen -vom Quartett des Männergesangvereines „Schir Zion" (Herrn L. Rosen, B. Ullmann, Dr. L i e w e r M. Löhner). Hebräische Deklamation von Herrn Ch. S ch w e n g e r. Dem offiziellen Teil folgt ein gemütlicher mit Gesang, humoristischen Vorlesungen, Bierzeitung-und einem Ulke: „Der Probekandidat". . Das Komitee behält sich Bereicherung des Programms vor. Gäste herzlichst willkommen. Entree frei. „Küche Herlinger". Verband zionistischer Studentenkorporationeu Oesterreichs. Die Verbandsleitung hat entsprechend den Beschlüssen des Verbandstages den Mitgliedern Instruktionen für statistische Arbeiten zugesendet. Desgleichen hat sich die Leitung mit Berliner Bundesbrüdern wegen Ueberlassung von Fachvorträgen über Palästina in Verbindung gesetzt. Einige Vorträge — aus anderen Gebieten — sind einigen Verbandskorporationen auf Verlangen übermittelt cs dunkel geworden; an den Lichtern der Synagoge werden Fackeln entzündet und unter ihrem Scheine zieht man zum Elternhause der Braut. Matronen vollziehen an der Frau allerlei indischen Gebrauch; schließlich wird das Ehepaar gebettet, aber entsprechend ihrem kindlichen Alter in gesonderten Räumen. Noch während drei Tagen sammeln sich die Gäste bei den'Schwiegereltern und Verwandten zu mancherlei Kurzweil; schließlich kehrt jedes Eheteil zu den Eltern zurück, bis die Frau zur Jungfrau hercmgeblüht ist. Dieses Ereignis wird in einer unser Gefühl verletzenden Weise der Verwandtschaft im weitesten Sinne bekannt gemacht und die Ehegatten zueinander geführt, dievon nun an zusammenwohnen. Dem Neugeborenen wird der Kopf in die Länge gedrückt, die Nase geradegezogcn, die Ohren beim Mädchen durchstochen. Groß ist die Furcht der Eltern vor Beschädigungen durch bösen Blick. Keine - Kosten werden gescheut und berühmte Geisterkundige aus weiter Ferne verschrieben, um den richtigen Talisman dagegen zu erhalten, der Spruch mag hebräisch lauten oder ein indischer Mantra sein; ist er als kräftig angepriesen, so tvird er dem Kinde in einer Umhüllung umgehängt. Man unterscheidet trockenen und nassen bösen Blick, jedem gilt es, nüt anderen Mitteln entgchenzuarbeiten. Gegen dcpl trockenen Blick wird das Kind gebadet, dann auf eitlen niedrigen Stuhl gesetzt und eine erfahrene alte Jüdin läßt aus der Hand fünf- bis zwanzigmal Salz und Asche von Kopf zu ben Füßen fallen, Sprüche murmelnd. Dann werden Salz und Asche zusammengekchrt und mit einem Teile der Asche des Kindes rechte Stirn und linke Fußsohle gerieben; der Rest tvird in den Ofen geschüttet und zischt das Salz auf der Glut, so gilt dieses als Zähneknirschen des um sein Opfer gebrachten bösen Geistes. Gefährlicher ist Oli, der nasse Blick; Asche ist gegen ihn unwirksam, dagegen wird Salz mit Reis und Gelbtvurz gemengt und dem Kind ein Stiick in den Mund gezwungen. Inzwischen stellt man einen Topf mit glühenden Kohlen, einen anderen mit Wasser, eine Pfanne, einen Schuh und ein Messer uni das Kind herum; dieses muß den Bissen in das Feuer spucken, die Matrone schüttet die Kohlen rasch in den Wasserkopf und bewegt diesen langsam von des Kindes Haupt zu seinen Füßen. Am achten Tage nach der Geburt erfolgt die Beschnadüng, und ztvar in der Synagoge. Eigentümlich dabei ist die Bereitstellung eines leeren Stuhles für den Propheten Elias; man erzählt, der Prophet habe getvünscht zu sterben, tveil die Israeliten mtf diesen Gebrauch nichts mehr halten wollten und gab sich schließlich nicht eher zufrieden, als bis Gott befohlen habe, daß die Beschneidung jederzeit beobachtet werden müsse. Sterbenden tvird keine Ruhe gegömtt. Erachten Kundige den Tod bevorstehend, so wird bei Mqnnern rasch ein Barbier geholt, um den Kopf zu scheeren; dtch'Vertvandten, rasteren dann eiligst den ganzen Körper und es gilt als böses Zeichen, wenn der .Kranke aushaucht, ohne diese Peinigung vollständig ertragen zu haben. Int Augenblicke des Todes. nötigt man dem Sterbenden noch Zuckersynip und Traubensaft ein/ dafür geben ihm die Verworden. Wir ersuchen dringend alle Verbandsvereinigungen, die an sie ergangenen Zirkulare sofort zu beantworten, ebenso ihren Verpflichtungen gegen die Vecbaudskassa etwas pünktlicher nachzukommeu. Auf mehrere Anfragen: Die Statuten werden erst nach Bewilligung itt Druck gelegt. Sammelt für die Eintragung des Verbandes ins goldene Buch! Mit Zionsgrutz Die Präsidialkorp. „Bar-Kochba" in Prag. Israelitische Kultusgemeinde, Wien. Gebet-Stunden: Freitag den 11. Dezember, abends um 4 Uhr 15 Min., Samstag den 12. Dezember, abends um 4 Uhr 46 Min. Vom 13. Dezember bis inkl. 17. Dezember abends um 4 Uhr 16 Min. Freitag den 18. Dezember, abends um 4 Uhr 15 Min. Samstag den 19. Dezember, abends um 4 Uhr 46 Min. Vom 20. bis inkl. 24. Dezember abends um 4 Uhr 16 Min. Freitag den 26. Dezentber, abends um 4 Uhr 16 Minuten. Samstag den 26. Dezember, abends um 4 Uhr 46 Min. Vom 27. bis inkl. 31. Dezember abends um 4 Uhr 16 Min. Freitag den 1. Jäitner, abends tun 4 Uhr 30 Min. Samstag den 2. Jänner, abeitds um 4 Uhr 66 Min. Vom 3. bis inkl. 7. Jänner abends um 4 Uhr 30 Min. Der Gottesdienst an Wochentagen beginnt um 7 Uhr früh, an Samstagen um 8 Uhr früh. Im Leopoldstädter Tempel Freitag abends den 11. Dezember: Predigt. Wien, lieber Veranlassung des Vorstandes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien tvird im Festsaale des österr. Ingenieur- und Architektenvcreines, 1. Bez., Eschenbachgasse 9, eine Anzahl von Vorträgen aus jüdischer Geschichte und Volkskunde abgehalten werden. Der erste Vortrag findet Montag den 14. Dezember d. I., abends halb 8 Uhr, statt, und zwar wird Herr Dr. Max G r u nw a l d über „Die Juden in den Weltstädtett des Altertums" sprechen. Der Eintritt ist frei. Wien. Im Vethause „Marpe Lanefesch", 2. Bez., Glockengasse 4, wird der berühmte Oberkantor Herr Jacob Nagler ans Galatz Samstag den 12.. d. M. einen Gastvortrag abhalten. Der Gottesdienst, beginnt Freitag abends um 4 Uhr, und Samstag um 9 Uhr vormittags. Die Vereinsleitung. Wiener Bet ha-Midrasch. Am 24. November 1863 wurde. Dank den rastlosen Bemühtmgen des Predigers Dr. Jellinek und der Munifizenz einiger Gönner der jüdischen Wissenschaft, das Wiener Bet Ha-Midrasch eröffnet und in erhebender Weise eingeweiht. In seiner Festrede sagte Dr. Jellinek, das neue Institut trage als Devise die freie Forschung und der Gegenstand der Forschungen sei die Thora Mosis mit allen Kommentarien, ferner solle der jüdischen Geschichte und Gesamtliteratur die entsprechende Zeit zugcwendet werden. Wie auch die religiösen Parteien draußen im Leben anseinandergehen mögen, in diesen Mauern solle nur Friede herrschen, denn um alle schlinge sich ein Band, das Streben nach Wahrheit. Auch Prediger Mannheimer und Rabbiner Horowitz begrüßten das neue Institut. Zur Erinnerung an den vierzigjährigen Bestand des Bet-ha-Midrasch fand am 2. Dezember (13. Kislev) abends 6 Uhr im Vereinslokale, 2. Bez., Tempelgasse 3, eine Festfeier statt. Der Saal war von geladenen Festteilnehmern gefüllt. Oberrabbiner Dr. Güdemann und sämtliche Rabbiner, die Vizepräsidenten und mehrere Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde waren erschienen. Nachdem der Chor des Leopoldstädter Tempels unter Leitung des Oberkantors Guttmann den Psalm 160 zum Vortrag gebracht, hielt der Vereinsobmann Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl die Festrede. Der ehrwürdige Redner, der mit bewunderungswürdiger Frische sprach, fesselte das gespannt lauschende Auditorium mehr als eine Stunde durch seine gelehrten und geistreichen Ausführungen, welche zum Schluffe stürmischen Beifall ernteten und ivelche wir-in der nächsten-Nummer im vollen Wortlaut-bringen werden. Hierauf sprach Oberrabbiner Dr. Güdemann, indem er die drei „Alten" des Bet-ha-Midrasch: Dr. Schmiedl und die. Lektoren Weiß und Fried mann beglückwünschte. Lektor Friedmann sprach mit vor Rührung bebender Stimme folgende Worte, die in ihrer Kürze und Schlichtheit ergreifend wirkten: „O Gott, nicht hochmütig war mein Herz, nicht nach den Höhen gerichtet war mein Auge. In des Lebens harten Kämpfen hat sich meine Seele beruhigt, wie ein Kind bei der Mutter. Der Kuß der Mutter verscheucht bei dem Kinde jeden Schmerz. Diese Mütter war unser Bet-ha-Midrasch, und das Wort der Thora, das ich hier lerne und lehre, ist der beruhigende Mutterkuß, der heilend gelvirkt und jeden Schmerz von mir gescheucht, meine Seele beruhigt hat. So danke ich dem Ewigen mit ganzem Herzen im Kreise unserer Gemeinde und spreche: Gepriesen sei Gott, der mich diesen Tag erleben ließ." Oberkantor Gutmann sang hierauf mit Chorwandten laut schreiend den Trost, für seine Kinder und sein Vermögen sorgen zu wollen. Stirbt der Hausherr, so zerreißt der älteste Sohn oder bei dessen Mangel derjenige Verwandte, der um seine Vertretung angegangen wurde, die Kleider; die Wjiitve zerbricht ihr Geschmeide und macht aus ihren Feiertagskleidern ein Bündel, daß sie unter das Bett des Toten wirft. Der Leichnam wird dann von den Verwandten gewaschen tttvb einer besorgt den Einkauf der Gegenstände zur Totenausstattnng. Es sind nötig für beide Geschlechter sieben irdene Töpfe, Seife, Sabdscha (Lawsonia alba), Blumen und bei Männern zweiuttdzwaitzig, bei Frauen zweitmddreißig Meter Weißen Stoffes; alles kostet fünfzehn bis dreißig Mark. Die Verwandten machen bau Toten Hemd und Hosen, dann rollen sie den Leichnam in lange Weiße Tücher ein und öinben die Hülle fest; nur der Kopf bleibt sichtbar, in die rechte Hand drückt man Sabdscha. Die Totenlnde dient nur als Tragbahre, sie ist in der Synagoge aufbewahrt und wird von dort geholt. Das Grab schaufeln Tagelöhner aus mtter Leitung eines Verwandten; es muß flache Böschungen haben. Unter Vortritt des Vorbeters wird der Sarg von den Verwattdten itt langem Zuge zur Begräbnisstätte getragen. Am Grabe wird die Leiche der Lade entnontmen, zwei Verwandte steigen in das Grab hinunter, andere reichen ben Leichnam hinab. Gebettet ivird der Tote auf die bloße Erde mit einem Kissen tintcc dem Kopf; in dieses Kissen steckt jeder Verwandte eine Handvoll Erde, tunlichst wird znnächst detn Kopfe etwas Staub ans Jerusalem gelegt, den jüdische Händler ans Jerusalem kommen lassen uiib zu dem Preise von fünf bis zehn Mark die llnze von zweinnddreißig Gramm verkaufen. Erde gilt bei Juden, Mohammedanern, Hindus ivie Christen als kräftigster Geisterschrecker; deshalb fülleit hier die zwei Totenbestatter jede Oeffnting, die sich unter dem Körper bildet, sorgfältig mit Erde aus. Die Trauerversammlttng wirft noch eine Handvoll Erde in das Grab, dcts von Arbeitertt dann zugeschanfelt ivird. Die Familienangehörigen des Toten iverden ins Trauerhans geleitet und dort ihrem Schmerze überlassen; vor dem Atlseinandergehen wird Branntwein zttr Herzstärkung gereicht. Die Fatnilio trauert sieben Tage; die Weiber'essett dabei auf der Stelle, wo das Sterbebett stand. Am siebenten Tag holen Vorbeter und Verwandte die Hiitterbliebenen zum estrn Grabbesuch ab; der Hatiptleidtragende setzt zu Häupteir des Toten einen Stein, zu dessett Füßen einen kleineren, rechts deren sechs, links fünf; sämtliche Steine tvevdeii fest eingestampft. Dattn nimmt derselbe Kläger einen Krug mit Wasser, schüttet davon um das ganze Grab, ivirft ben Krug dann zu Scherben, bestreut das Grab mit Kokosnußkerueu unb Pflanzt einen Sabdschazweig zu Häupten deS Toten. Hierauf , geht man nach Hause, läßt Dscharat lesen und die Dschikhir genannten Gebete verrichten ttnd nimmt ein leichtes Mahl mit Brannttvein und Tabak. Diese Erinnernngsfeier wird noch am Schluffe des ersten, im sechsten und ztvölftett Monat verrichtet; ein Grabstein muß bjtmen Jahresfrist gesetzt sein, ist aber nicht Regel.