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Jüdisches Volksblatt · 1903-12-11 · 50 (11.12.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
50 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches VoiksbLatt 11, Dezember 1903 Seite 3 Nr. 50 von btnen die Pest der Assimilation und Reaktion auSgeht, sie isolieren und auSscheiden. — Dann dürfen wir nicht vergessen, welch doppelt erziehlichen Erfolg solch eine zionistische Aktion bei den Kultussitzurrgkii zeitigen müßte. Einmal würden die oppositionellen Zuhörer das Gemeindelebrn tiefer erfasse^, sich für ihr Amt als künftige Gemeindeführer erziehen,* in dasselbe gleichsam hineinwachsen, andererseits müßte eine solche beständige Kontrolle auf die zu fassenden Beschlüsse von eminenter mo. ralischer Bedeutung werden. Auch ohne daß ein Zuhörer mit der Wimper zuckt, würden da die „Sterne" allmählich verstummen. Und wer wäre besser zu dieser Kontroll- und Studiertätigkeit geschaffen, als unsere Akademiker, die berufenen Führer der aufsteigenden Generation? Hier ist eine jener würdigen Aufgaben, nach denen sie noch immer suchen. Der Kahal tagt zumeist an Sonntag Vormittagen und da ist der Student frei. Die Initiative zur Organisierung einer solchen zisnistischen Aktion müßte allerdings da- Distrikts-Komitee in dir Hand nehmen, daS ja diese Frage schon einmal in Erwägung gezogen hat. Gottlob, sorgt der löbliche Kultusvorstand von Zeit zu Zeit selbst dafür, daß wir Zionisten seiner nicht vergessen. Die Verweigerung jeder Gastgabe für die Kischenewer Waisen und die liebenswürdige Kommentierung jener Weigerung durch den Mund des Dr. Alfred Stern war auch für den Friedliebendsten zu starker Tabak! Hier muß die Fehde von neuem einsetzen. Hier ist der Anstoß, den Beratungen unserer Parnassim fortan die wahre, weiteste Oeffentlichkeit zu geben. Dr. E. M. Zweig. Jüdische Kolonisationsfragen. Gesellschaft für jüdische Statistik i« Loudo». Vorigen Sonntag gründete sich in London eine Gesellschaft sür jüdische Statistik. Bei der erwähnten Sitzung waren die bekanntesten jüdischen Gelehrten Londons anwesend und viele, welche am Erscheinen verhindert waren, gaben brieflich ihre Zustimmung zur Gründung einer solchen Gesellschaft kund. Unter den Anwesenden befanden sich auch einige Damen. In den Reden der Anwesenden kam durchwegs der Wunsch zum Ausdrucke, daß den vagen »nkontrollierbaren Daten der Judenfeinde über die Juden Londons und des Reiches eine gewissenhafte, sich auf alle LebenSphase« der Juden Englanderstreckende Statistik gegenüber gestellt werden könne, doch warnte» auch einige Redner vor übereilten Schlußfolgerungen auS den gesammelten Daten, wodurch man in den Fehler unserer Gegner verfallen, und der guten Sache, der die Gesellschaft zu dienen berufen ist nur Schaden würde. * Die Lage der jüdischen Kolonie« in Argentinien bessert sich von Tag zu Tag. DaS Verhältnis zwischen den Kolonisten und der Administration gestaltet sich täglich freundschaftlicher. Erfreulich ist die Nachricht, daß nunmehr sämtliche Beamten Jade» sind. Bloß im nördlichen Teile von Entre Rios zeigen fich manche Schwierigkeiten, desto zufriedenstellender sind die Zustände im südlichen Teile der Provinz. Die Maiskultur hat die besten Erfolge aufzuweisen, die nächste Sorge der „Jca" wird es Dieses Jahr gedachte der Herr Doktor, zum erstenmal in seiner Eigenschaft als Familienoberhaupt — Chamikahlichter zu entzünden. ] Schoir ein paar Tage vor dem ersten Abend kommt der ältere: Knabe ans der Schule llach Hause itnö erzählt, heute habe der Herr Neligionslehrer von dem bevorstehenden Tempelweihfeste gesprochen und ihnen die schölle Geschichte von'den Makkabäern und dem Oelkrüglein erzählt. Hub die Kinder sollen alle beiin Lichtanzünden im Elternyause zugegen sein. „ Ja und jeder Jude, der schon Barmizwah, soll Channkahlichter anzünden, Hai der Herr Lehrer gesagt." So zündete beim Papa abends die lieben Lichtlein an. Die Knaben stehen bei ihm, seine alte Mutter auch. Mit Tränen in den Augen hört sie boil ihrem Sohn das Moans zur, leise, etivas zitternd iu der Stimme, bortragen. Seine Frau sitzt bei ihrem Arbeitstischchen. Sie hat sich noch immer nicht in diese „dnnnnen Sachen" hineinfinden können, denn: gewöhnt ist sie es ja ivirklich nicht. Im Elternhause war alles reformievt. Ihre Erziehung lag stets in Händen voil Christell. Zuerst die Gouvernante, bann die Volksschule, schließlich das Pensionat, das ging alles ohne jede Spur von „jüdisch" oder Judentum vorüber. Ihr Mann war als Bursch voll achtzehn Jahreil noch etwas fromm, denn Vater sah damals streng darauf. Später natürlich verlor sich das Religiöse alich bei ihm. Aber seit dem vergangenen Winter, lvo da die Geschichte mit der Taufe lvar, hat sich — trotz Sträuben und Schmollen seiner Gemahtill — sehr vieles in seinem Hause lind Familie geändert. In inancherlei Hinsicht, hauptsächlich aber, so wie es gewünscht: in religiöser. Und so erfreute sich sein Vater noch knapp vor dein Tode an dem Wiederanflenchten des jüdischen Funkens in der Seele seines einzigeil Kindes. . Drum lvar ihm das Chanukahlicht-Anzünden ein Herzensbedürfnis, eine Ivohlige innere Befriedigung, das schölle Fest zu feiern. Wie hatte doch Vater vor einem Jahre zu ihm gesagt?: „Bleib mir ein Jud'; schon wegen der Kinder — und der Allmächtige — gelobt sei sein Name — wird dir's schon lohnen." Also auch alis Pietät zündete er an und gleichsam als Erinnerung nn seine Errettung ans der Versuchung. Und die Buben freuten sich unbändig, bekamen sie doch jetzt jeden Abend Nüsse, Aepfel, Dattel» und sonstiges Zuckerwerk. Täglich während der Festtage brachte Papa etwas für sie mit. Dann spielte er wie ein Schuljunge mit ihnen, llub einmal in der Begeisterung, versprach der Aeltere seinen christlichen Kameraden von „unserem' schönen Chanukahfeste" 31t erzählen, „weil die gar so mit den Weihnachten prahleil . . . Mei,l Lichtlein ist ganz klein geworden. Seine Leuchtkraft versagt schoil gänzlich. Noch ein Aufleuchten, wie beim Beginn — noch einmal erfreue ich mich an dem schönen Glanz — dann ist's vorüber! Wie die Seele der Sterbtmtt fein, die Viehzucht, di» in den Kolonien noch im Ausangsstadiu« sich befindet, rationell zu hebe«. * Die Einwanderung «ach England. 7. Dezember. Der Staatssekretär des Innern AkerS Douglas hielt heute abendin Shoreditch eine Rede, in welcher er ausführte, der königlichen Kommission für die E i n w a « d e r u n g v»u Ausländer» sei es gelungen, die ihr zugewiesene schwierige Frage zu lösen. Er könne nicht vorau-sage«, was dcr König bei der Eröffnung des Parlaments sagen werde; so viel aber sei gewiß, daß die Minister die Frage mit allem Eifer erwöge» habe», um schnelle Abhilfe zu finden. Nach seiner Ansicht sollte» verbrecherische Ausländer auS dem Land auSgewiesen werden. * Auswanderung russischer Inden «ach Argentinien. Wie uns mitgeteilt wird, bilden sich iu den Bessaraber und Chersoner Gouvernements Gruppen unter den Juden, um gemeinschaftlich nach argentinischen Kolonien der „Jca" anszuwandern. Die meisten unter ihnen reise» auf eigene Kostea und erhalten von der „Jea" bloß Empfehlungsschreiben und entsprechende Darlehen für die erste Einrichtung in der ihnen zugewiesenen Kolonie. Ein direkter Dampferdienst zwischen Odessa und New-Aork. Die Etablierung eines direkten Passagierdampferdienstes zwischen 'Odessa und New-Uork wird aus New-Dork angekündigt. Mssrs. C. B. Richard & Co. in New-Uork, die früheren amerikanischen Vertreter der Hamburg-Amerikalinic, sollen die Vertretung der neuen Linie übernommen haben. Der Dienst soll mit den der russischen Freiwilligenflotte gehörigen Dampfern „Smolensk", „Petersburg" und „Saratow" eröffnet werden, die sowohl für bcu Auswandererals auch für den Kajütenverkehr bestimmt sind. Der „Smolensk" wird am 9. Jänner 1904 abgehen. Zettungsschau. Mommsen und der Antisemitismus. In den „Archäologisch-epigraphischen Mitteilungen von Oesterreich (XVI 1)" hat Mommsen die Inschrift von Arykanda in Kleinasien, die eine Petition um Verfolgung der ersten Christen und den zustimmenden Bescheid des Kaisers Maximinus enthält, in einer Weise glossiert, die voll satyrischen Humors ist. Mommsen nahm an, daß diese verfolgungssrichtige Eingabe der Provinzen Lykien und Pamphylien aus dem Jahre 311 oder 312 nach Christi stammte und macht dazu folgende Bemerkung: „Die Antisemiten —- Christus war ja auch ein Semit — hatten es also vor anderthalb Jahrtausenden weitergebracht als ihre heutigen Gesinnungsgenossen. Vielleicht findet dieser kleine Beitrag zum Humor der Weltgeschichte auch außerhalb des Gelehrteukreises verständnisvolle Leser. Daß der schlechte Christ ein schlechter Staatsbürger und ein illoyaler Untertan und bösartiger Atheist ist, das bekommen wir oft genug zu hören und zu lesen. Hier kommt nun die Staatsreligion (der Römer) und verfolgt eben diesen Christen als einen schlechten Bürger und vor allem als notorischen Atheisten. Die Hetze der damaligen Gläubigen ruft genau die gleiche Staatshilfe gegen den neuernden Unglauben an, wie diese selben Ungläubigen, nachdem sie zur Staatskonfession geworden sind, jetzt ihren Widerpart verfolgen. So wechseln die Zeiten und ewig bleibt die Dummheit und die Bosheit." # lichen I Noch ein letztes Ausflackern-dann: tot — Finsternis I! — —l Aber schon morgen wieder werden zwei brennen und heule über acht Tage brennen acht Lichtlein! Und wenn die dann auch verloschen, verglommen . . . dann — übers Jahr! UeberS Jahr — in Jernscholajim I Wien. I. L. H e r n f e I d. Die Familienfeste bei den indischen Juden. Nach einem Berichte von Emil Schlagintweit. Hauptfamilienfeste der Juden in Indien, deren jetzt zirka 16 000 gezählt werden, sind: Hochzeit, Geburt eines Sohnes, Beschneidung und Tod. Die Heiratszeremonicn sind äußerst umfangreich und merkwürdig durch die Verschmelzung jüdischer und Hindugcbränche. Die Brautwahl ist Sache der Eltern des zu verheiratenden Sohnes, da die indische Unsitte der Kinderheirat auch unter den Bern-Israel herrscht; mit zehn Jahre» sucht mau für die Kinder Ehegatten, selten erreicht ein Mädchen das zwölfte Lebensjahr nnangehetratet. Die Vorverhandlurrgen drehe re sich am längsten nm die Höhe des einznbringenden Vermögens. Ist hierüber unter den Eltern Uebereinstimmnng erzielt, dann geht der Vater des Bräutigams zum Knltusvorstand und bittet um Anberaurnnng des Betavan oder des Tages der Verkündigung der Verlobung nach Prüfung der Abstammung durch die Mankari oder Aeltesten. Diese Männer nehmen es mit den Stammbänme» sehr genau; sind sie in Ordnung befunden, so Ivird ei» Imbiß gereicht, Tabak geraucht, Betel gegessen und in den Synagogenfvnds ein Geschenk von siebzig bis achtzig .Mark vom Vater des Bräutigams, die Hälfte davon von den Eltern der Braut gezahlt. Acht Tage später wird L-akarplida anberaumt, das heißt: Znckeressen. Der Knabe wird festlich gekleidet, von seinen ebenfalls im Sabbatstaate antretenden jugendlichen Freunden boin Hanse abgeholt und ans ein mit mancherlei Geschirr und Decken anfgepntztes Pferd gesetzt. Die Begleiter tragen Lichter und unter dein Absingen von Hymnenj ans Hebräisch wird der Bräutigam in Prozession zum Hause der Braut geführt.. Diese sitzt hier umgeben von Kindern und dem Vorbeter auf einem erhöhten Stuhl. Dann wird eine Platte mit anfgehänfter Zuckermelasse dein Vorbeter gereicht; in diese ist ein Ring ans Gold oder Silber versenkt, der Vorbetec greift ihn heraus und gibt ihn dem Mädchen, daS ihn an des Knaben rechten Zeigefinger steckt. Der Bräutigam zieht den Ring ganz an und spricht dabei dreimal hebräisch: Du bist gesegnet unter mir durch diesen Ring nach dem Gesetze des Moses und des Volkes Israel. Dann nimmt er mit den. Fingern Zucker und träufelt ihn in des Mädchens Mund, diese tut dasselbe beim Knaben — eine rein indische Sitte, die aber beim Hindu als Peter will sich taufen lassen. Wir haben in unserer vorletzten Nummer darauf verwiesen, daß die liberale Presse unumgänglich notwendig sei, um neugierigen Juden Auskunft zu geben, wie man sich taufen läßt. Die Geschichte hat eine Fortsetzung iit dcr Nummer des „N. Wr. Tagblatt" vom 7. d. M. Es heißt an erster Stelle wörtlich: Peter. 1. Unter der angegebenen Chiffre im Fragekasten am 23. November beantwortet. 2. Den Austritt ans dem bisherigen Religionsbekenntnisse müßten Sie beim magistratischen Vezirksamte mittels stempclfreier Eingabe oder Protokollarerklärung unter Beibringung des Geburtsdokuments anzeigen. Wegen Eintrittes in die neue Religionsgenossenschast hätten Sie sich an den betreffenden Seelsorger zu wenden. * Die „Nng. Wochenschrift" schreibt: Nicht von den Familiennamen soll hier die Rede sein, die ja den Juden anfgedrängt wurden und alles sind, nur nicht jüdisch, sondern von den Vornamen,, die in ihrer Ursprünglichkeit echt hebräisch klingen. Daß der Nagy- Szombater (Tirnau) Rabbiner Stein., einer der jünger» „Gaonim" Ungarns, seinen seit langer Zeit getragenen ehrlichen Namen Meir plötzlich in „Max" verwandelte, ist bezeichnend. Nun brachten die Tagesblätter vorige Woche den Namen eines orthodoxen Rabbiners, der Samuel heißt, als „Sandor". Der Rabbiner von Verbo, Herr Samuel Reich, hat wahrscheinlich keine Ursache, sich dieses prophetischen Namens zu schämen. Wirkt doch sein ehrwürdiger Vater als Oberrabbiner der Pester orth. isr. Gemeinde so segensreich, trotzdem er sich Kopl und nicht „Karl" nennt. Leider haben zwei orthodoxe rabbinische Kapazitäten bezüglich der Verwandlung der jüdischen in echt arische Namen ein Beispiel gegeben. Der verewigte Szepcsvaraljaer Rabbiner Peßach Singer schrieb sich konsequent „Peter", während sich der heutige Rabbiner zu Abanj-Szaitto, Herr Falk Jungreis beharrlich mit dem Vornamen „Paul" fertigt. „Peter und Paul" ist als ein zum Andenken an zwei Apostel des Christentums eingesetzter Feiertag allbekannt, aber als Bezeichnung von zwei orthodoxen Rabbinern dürften diese Namen denn doch ein wenig befremdend klingen. Uebrigens gratulieren wir herzlich den ehrw. Herren Sandor und Max. # Die „Ruth. Revue" schreibt: Die Regierung des weißen Zaren und die Nationalitätenfrage. (Eine Zuschrift ans der Ukraina.) Die Verlegenheiten der russischen Regierung mehren sich von Tag zu Tag. Am meisten macht sich natürlich der politische Kampf gegen die Negierung des Zaren bemerkbar; an demselben nehmen alle russischen Völkerschaften teil, von der Staatsnation (so werden die Russen bezeichnet) angefangen bis zu den Juden, alle Zungen erheben ihre Anklagen gegen das zaristische Regime. Teilweise ließen sich in letzterer Zeit nur die russischen Polen durch einige Konzessionen korrumpieren; sonst aber wird die Unzufriedenheit der einzelnen Völkerschaften immer größer und größer. Früher oder später dürste es im slavischen Riesenreiche zu einem größeren Chaos' kommen als das, welches heutzutage in Oesterreich herrscht . . . Der Russe fühlt sich von der Regierung ebenso bedrückt wie zum Beispiel der Ruthene; das Gegenteil davon sehen wir in Galizien. Daselbst setzt sich selbst der oppositionelle Pole aus das „hohe Roß", er möchte beit Ruthenen gegenüber zumindest die Nolle eines Belehrers spielen. Nicht viel anders dürfte es auch in manchen anderen österreichischen Kronländern sein. Bei uns muß die Regierung mit Hilfe der Panslabisten künstlich den nationalen Antagonismus Hervorrufen, kann aber nicht planmäßig Vorgehen, denn, wie gesagt, ihre Verlegenheiten mehren sich von Tag zu Tag. Der einen nationalen Frage gesellt sich eine zweite, bald eine dritte usw. bei. Ein Ukas reicht heute nicht mehr ans, um sich über alle diese Fragen hinwegzusetzen; daher diese Jnkonse-' quenz in den offiziellen Verfügungen und Ennnziationen der Regierung. So hat man beispielsweise die Errichtung und feierliche Enthüllung des Denkmals des Schöpfers der neuen Periode der rnthenischen Literatur, Iwan Kotlarewskyj, in Poltawa gestattet. Bis heutzutage ist aber noch der Ukas, betreffend das Verbot des wesentlich zum Ehepakte gilt, während sie hier nur Einleitung dazu ist. Weitere vorbereitende Handlungen sind das Neiswaschen durch die fünf Karabali oder Brautjungfern am Dorsbache unter allerlei Scherzen, was zwei Tage vor der Hochzeit geschieht und das Cinreiben des Bräutigams mit gelbem Ingwer. Dies besorgen Mädchen und Frauen unter vielerlei Possen am Tage vor der Hochzeit; der Bräutigam gilt dann als Khndai-nur, das ist von der Gottheit Glanz beschienen, und wird — nach altjüdischer Vorschrift — von Mädchen mit der Schera oder Krone geschmückt. (Diese Ans-, drücke stammen sämtlich ans dem Arabischen.) Die Krone besteht von Perlen aus Sandelholzstaub oder aus Papier; zuweilen stiften die Verwandten mehrere Kronen und darunter sind dann einige auch kostbar. Von nun an steht der Knabe unter Aussicht von zwei Männern und darf das Hans nicht mehr verlassen. Am Hochzeitsmorgen findet beim Bräutigam Nith statt oder das Festessen zu Ehren der Vorfahren. Alle Verwandten mit den Kultusvorstehern, dem Vorbeter und seinen Tschaugulas oder Beiständen werden eingeladen und nehmen auf einem anSgcbreitcten weißen Linnen Platz. Der Vorbeter erhebt sich zu einem längeren Gebet, teilt dann jedem ein Stück von den Gerichten zu und man setzt sich nun zu einem langen Mahl. Von hier hinweg folgt man einer Einladung des Brautvaters in sein Hans. Nachmittags werden Bräutigam und seine Wächter am Kopfe glatt geschoren, wobei die. Verwandten mit Werfen von Kupferstücken Neckereien verüben; die Braut wird geputzt, bei den Scherzen der Umstehenden vertreten Glasarmbänder die Münzen. Gegen fünf Uhr nachmittags sammeln sich die Gäste beim Bräutigam; früher wurde regelmäßig eine eigene Hochzeitsbude erbaut, jetzt bieten meist die Häuser Raum, um die beiden Geschlechter ranggemäß nnterzubringen. Die eigentliche Trauung erfolgt in der Synagoge. Vorher tauschen die Verwandten der Brautleute Geschenke aus, die sich in feierlichem Zuge zugesandt werden. Findet sich ein Teil übervortcilt, so kommt es zu argem Gezänk und eS wird nicht eher zur Trauung ausgezogen, als bis das Fehlende zngelegt ist. Der Bräutigam reitet, die Braut Ivird getragen oder gefahren; zur Bannung böser Geister wirft man —■ ganz indisch — rohe Eier unter die Hufe und Räder, wirft Kokusnüsse nieder, daß sie bersten und dergleichen. In der Synagoge setzt man die Brautleute ans zwei Stühle, mit dem Gesicht gegeneinander und bindet nach Hindusitte die Enden ihrerKleider aneinander; dasselbe tun die im Kreise um das Paar stehenden Verwandten.. Hat jedermann seinen Platz eingenommen, so fragt der Tempeldiener die Gaste, ob sie der Verehelichung des Paares zustimmen, und haben diese mit „ja" geantwortete so setzt der Bräutigam der Braut seine Schera-Krone auf, legt über ihren Oberkörper seine Blnmenkette, nimmt eine Schale mit Tranbcnsaft oder Wein in die Hand, darin ein Ring liegt und hält nun, zur Versammlung sich wendend, während der Priester hebräische Texte wiederholt, eine Ansprache, auf deren einzelne Sätze diese antworten. Die ganze Wechselrede zwischen Bräutigam (A) und Gästen (B) hat folgenden Inhalt:

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