Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. Dezember 1903 Nr. 49;:4 i Die Eltern und Hausfreunde wollen das Kind mit einem Buche beschenken; man überläßt die Wahl dem Buchhändler oder läßt sich von der Ausstattung des Buches, von dein Preise, von dem Titelblntte und von dem, was es verspricht, leiten- Ist ein solcher 'Vorgang an und für sich — ich will mich sehr gelinde nusdrucken, höchst bedenklich, so birgt er, wenn wir das religiöse und nationale Moment, wie cs sich ja gebührt, betonen, eine Gefahr. Schreiber dieser Zeilen hat schon vor dreißig Jahren das Wort erhoben gegen 'oie verderbliche Richtung, welche sich in den für die Jugend bestimmten Unterhaltungsschriften zeigte; seither sind auch diese in mehr oder minder starker Betonung zu Tendenzschriften geworden welche, konfessionellen und nationalen Bestrebungen dienen wollen. Ja, in den Schullesebüchern hält, mit mehr oder weniger Offenheit, das konfessionelle Moment seinen Einzug. So bekommt das israelitische Kind von seinem religiösen Leben und Empfinden, von dem, was es in der Religionsstunde etwa aus der Geschichte seiner Vorfahren erfährt, in der Lektüre nichts zur erfreulichen, erhebenden Anschauung, dafür aber desto mehr von den Festen, von den Heldentaten, von den Gebräuchen anderer Glaubensbekenntnisse, anderer Rationen. Wir begehen damit einen Raub an unseren Kindern, indem wir ihnen das Köstlichste vorcnthalten, das wir ihnen zu geben verpflichtet und in der Lage sind, das Mittel zu tiefer Gemütsbildung. Müssen doch selbst unsere Feinde es zugestelien, daß der edle Familiengeist, welcher im israelitischen Hause herrscht, die aufopferungsfähige Hingabe aller für alle in der Familie, ein Grundzug unseres nationalen Wesens ist, warum sollten die Bilder aus dem Familienkreise nicht unseren Kindern erklärt und verklärt im Spiegel historischen Schaffens vorgeführt werden? Warum muß das israelitische Kind in seiner Lektüre immer wieder von der christlichen Liebe und Barmherzigkeit lesen, mit den Sprüchen des neuen Testaments über Sittlichkeit und Menschlichkeit sich vertraut machen, während wir in der Lage sind, ihnen den labenden Trunk aus der älteren, uns zu eigen gegebenen Quelle zu reichen? — Wir können und sollen, unsere Kinder nicht von der großen deutschen Nationalliteratur ab sch ließe», sie ihr entziehen; aber was wir ja tun müssen, ist sorgfältiger in der Wahl dessen sein, was wir ihnen zu lesen geben. Und was wir tun müssen, ist, daß wir eifrig und fleißig nach Schriften suchen, die spezifisch und positiv aus dem Geistes- und Gemütsleben der jüdischen Nation emporgewachsen sind und für unsere Kinder Pagen. Ein solches Suchen nach brauchbaren Schriften für die Jugend wäre wahrlich des Schweißes der Edeln wert, ja ich meine, daß, wenn die löbliche Kultusgemeinde mit den Religionslehrern und den ehrwürdigen Herren Rabbinern der Frage der Kinderlektüre ein wenig Aufmerksamkeit zuwenden wollten, ein gutes Werk getan werden möchte. Wie wäre es, wenn eine Bibliothek für die jüdisch- Jugend eingerichtet würde? Schon der bloße Bestand derselben und die Veröffentlichung eines Berzeichniffes brauchbarer Kinderschriften hätte einen großen Vorteil, da die Lehrerschaft unseres Bekenntniffes und auch die Eltern auf die Existenz geeigneter Bücher aufmerksam würden. Existieren aber überhaupt solche Schriften? höre ich fragen und antworte darauf — freilich mit einem kleinlauten — Ja! Es existieren einige wenige und es könnten deren mehr, viel mehr werden, wenn nur erst die Erkenntnis von der Notwendigkeit ihres Bestehens und daraus naturgemäß das Bedürfnis danach sich ein- ^bllt. Ein alter Schulmann. Turnverein „Zion" in Fünfhaus. Der Turnverein „Zion" in Funfhaus veranstaltet jeden Freitag um 8 Uhr abends im Turnlokale, 14. Bez., Kauerhof, 10. Stiege, zwischen Tiefenbachgafse 12 imb tlllmannsrraße 31, freie Diskussionsabende. Zutritt jedermann frei. Gäste, besonders Gegner des Zionismus, tvillkommen. Die Generalversammlung des „Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien", Wien, 1. Bez., Tuchlarchen 17, findet Diensrag den 8. Dezeniber 1903, 4 Uhr nachmittags, in bcu Lokalitäten des isr. Humanitäts-Vereines „Wien" B. B. 1. Bez., UniversitärSstrcrße 4, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht der Vereinsleirung. 2. Bericht des Anfsichtsrates. 9. Antrag des Ausschusses bezüglich Abhaltung der Generalversammlung pro 1904.^4. Wahl in die Vereinsleitnng, Wähl des Aufsichtsrates und des Schiedsgerichtes. 5. Anträge der Ortsgruppen. Ter theologische Verein der Hörer an der isr. theologischen Lehranstalt teilt allen Freunden und Gönnern mit, das; er anläßlich feines zehnjährigen Bestandes am 15. Dezernber in dem Festsaale des Hotels „Post" eine solenne Chanuka-Feier abhalten wird. Gäste herzlichst willkommen. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Unter den im abgelaufenen Vereinsjahre in der Lesehalle errichteten wissenschaftlichen Sektionen lvar die philosophische Sektion von besonders hervorragender Bedeutung für den Verein. Abgesehen davon, das; die Hörer dieses Kurses Gelegenheit hatten, sich mit den gerade jetzt durch Mode und Zeirftrömung so aktuell gewordenen philosophischen Problemen dank der verständnisvollen und leichtsaßlichen Methode des Prolegenren Herrn Tr. B. W a ch st e i n näher vertraut zu machen, war es die besonders ausgeprägte Individualität des Vortragenden, tvelche sich bei der Erklärung philosophischer Systeme in überraschendster Weise geltend machre, die ein reges Interesse für seinen Gegenstand wachrief und ihn zum allgemeinen Anziehungspunkt gestaltete. -— Diese Umstände veranlaßten die Vercinsleitung, sich auch Heuer an Herrn Dr. Wachstein zu lvenden, der wieder in liebeilswürdiger Weise zusagte,'sich in den Dienst des Vereines zu stellen. —-Herr Tr. Wachste in. stellte folgende Vorträge in Aussicht: „Ueber Spinozas Stellung in der Geschichte der Philosophie"!; „Israel Val-Schein vom philosophisch-psychologischen Standpunkte"; „Einige Ideen zur Grundlegung einer Geschichtsphilosophie des Judentums". Jur Anschluß au deir im Vorjahre abgek>altencu Kurs gedenkt Herr Tr. Wachsteiu in diesem Jahre einen Kurö über die Geschiclste der neuesten Philosophie (Stirner, Comte, Macht rr. a.) abznhnlteii. Wir sind getvif;, das; diesen Vorträgen großes Interesse eiugcgengebracht tverden lvird. Verband der israelitischen Religiondlehrer an den österreichischen Mittelschulen. Ter AuSschris; des Verbandes der israelitischen Religiondlehrer an den österreichischen Mittelschulen gibt hiermit bekannt, daß der b i e r t e V e r b a rr d S t a g (Generalversammlung) am 28. und 29. Dezember 1903 in Wien im Lokale der ReligionSschule der Wiener KxiltnSgemeinde, 1. Bez., Seiteirstettengasse 2, stattfinden lvird. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Rechenschaftsbericht des Obmannes. 2. Rechenschaftsbericht des Kassiers. 3. Die Rechtsverhältnisse der israelitischeit NeligionSlehrer an den österr. Mittelschulen (Referent: Ter Obmann). 4. Wahl eines K'ornitees zur Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes. ( Refereitt: Nabb. Dr. Alexander K'irch, k. k. Professor.) 5. Wahl des Obmannes und Schriftführers. 0. Wahl des Atisschusses. 7. Verbandsorgan. (Referenl: Rabb. Dr. Adolf Biach). 8. Statutenänderungen. (Referent: Der Obmann.) 9. Freie Anträge. Am Abend des 28. Dezember findet um 8 Uhr eine gesellige Zusammenkunft der Kollegen im Restaurant Kühner (1. Bez., Adlergasse 0) statt. Damen und Gäste willkommen. Die Eröffnung des Verbandstages erfolgt am 28. Dezeniber d. I., 10 Uhr vormittags. Vorträge oder Anträge können bis längstens 8. Dezember beim Obmann (Dr. Adolf Weiß, Wien, 9. Bez., Leegasse I4 unter Bekanntgabe des Themas und der allgemeinen Tendenz angemeldet tverden. Zugleich tverden die Herren Kollegen darauf aufmerksam gemachk, daß die rückständigen Jahresbeiträge bei sonstigem Verlust des Stimmrechtes. sotvie der Mitgliedschaft bis längstens 20. Dezember d. I. an den Kassier (Dr. Leopold Goldhammer, k. k. Professor, 1. Bez., Eßlinggnsse 15) eingesendet tverden mögen. Da es sich diesmal um sehr wichtige Standesfragen handelt, sotvie um Statutenänderungen, die für den Fortbestand des Vereines von vitaler Bedeutung sind und zu deren rechtsgiltiger Annahme die Anwesenheit von ztvei Drittel der Mitglieder nottvendig ist, lvird dringend um zahlreiches Erscheinen der Mitglieder gebeten. Für den Verbandsansschns;: Dr. Adolf Weiß, k. k. Professor, Obmann» Dr. Heinrich Pollak, k. k. Professor, Schriftführer. Repertoire der öffentlichen Veranstaltungen der zionistischen Vereine Wiens. I ü d. a k a d. V e r bind u n g „F v r i a" W i c n: Sams rag den 5. Dezember Makkabäerfeier in Krems mit anschließendem Tanzkränzchen. Festredner Dr. Ehrlich. Verein j ü d. M ä d ch e n „H a d a s s a". Sonntag den 0. Dezernber Diskussion. Thema: „Die Jirdeirfrage eine Wcltfrage". Eingeleitet drirch Pros. Leon Kellner. Kongreßbnrean. Anfang halb 4 Uhr. V e r ein j ü d. s rr g. A r beit c r „L eopold st a d t". Samstag den 0. Dezember: Vortrag irrr Lokale 2. Bez., Stefarriestr. 8. Thema: Nationalismus nird Sozialismus. Ref. Emil Lichten»»»». Airfang 7 Uhr. Dienstag deir 8. Dezember M akkabäerfeier i rr Stöcker a rr. Festredner Dr. Max Bernhardt. Dienstag deir 8 Dezeniber Erinrreriingsfest des jüdischen Vildnirgsheimes, 14. Bez., Ullmarrrrstraße 31. Sanrstag den 12. Dezember Makkabäerfeier im Losiensaale. Montag derr 14. Dezember große Versammlung im Ballsaale Rorraeher. Referent Dr. Franz Oppenheimer-Berlin, Korreferent Architekt Oskar Marmorek. Sanrstag den 19. Dezember Makkabäerfcicr der jüdischnationnlen Arbeiter Wiens. Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein, 2. Bez. Stefnniestr. 8. Die ergeberrst gefertigte Vereinsleitnng beehrt sich hiermit 31t der am Samstag den 19. Dezember a. c. im großen Saale des Hotel Central, 2. Bez., Taborstrasze 8, staktfirrderrderr Makkabäerfeier höfl. cinznladen. Festrede, Vorträge beivährtcr Kunstkräfte mit einem anschließenden Tanzkränzchen, Konzert einer berühmten Salorrkapelle. Beginn halb 9 Uhr abcrrds. Karten im Vorverkauf Kr. 1.—, cm der Kasse Kr. 1.40. Die Gesinnungsgenossen und Gesimnmgsgenossinnen tverden höfl. ersucht, zahlreich zu erscheinen und kräftig zu agitieren. Das Komitee. Ein gescheitertes Kompromiß. Wie wir erfahren, ist das Kompromiß zlvischeu der freisinnigen und der antisemitischen Aerzteschasr ztrecks Ausstellung einer Kompromißliste für die Wiener Kammcrwahl an den unannehmbaren Forderungen der vereinigten Antiliberalen gescheitert. Die Antisemiten verlangten nämlich von den 29 Mandaten nicht tvenigcr als 17 zur bedingungslüsen Besetzung und wollten dem Verbaird der Aerzte Wiens bloß 12 Mandate überlassen, noch dazu mit der Beschränkung, daß unter den zwölf zngestandenen Kandidaten fünf ausdrücklich genannte arische Aerzte, die an dem vor vier Jahren geschlossenen Einigungskompromis; bisher trotz aller Angriffe in den gegnerischen Blättern unbeirrt festgehalten haben, nicht enthalten sein dürfen. Der Verband der Aerzte Wiens konnte derartige Bedingungen nicht akzeptieren mtb stellt daher eine eigene Kandidatenliste ans. Vermehrung der Lloydsahrten nach Ostafrika. Die kürzlich gepflogenen Verhandlungen zlvischeu den Vertretern des Oesterreichischen Lloyd und der Regierung haben zu dem erfreulichen Ergebnis geführt, daß der Lloyd vom 1. Jänner 1904 an zwölf Fahrten im Jahre nach Ostafrika unkerninnnt. Für den österreichischen Export ist diese Vermehrung der Fahrten von größter Bedeutung, lveil erst durch sie der Dienst nach Ostafrika zu einem regelmäßigen gestaltet und dmnit die österreichische Produktion in die Lage versetzt wird, auf diesem großen und auficahmssähigeil Absatzgebiete wirksam inik den audcreu Exportländern in Konkurrenz zu treten. Schott jetzt haben sich bemerkenswerte Allsätze für einen solchen Export gezeigt; namentlich sind es Malz, Mehl, Zucker, Kartoffeln und Hülseirfrüchte, Bier, Wein, Konserven, ferner Kleider, Schuhtvaren, Möbel, Glasperlen und Glnslvaren, Emailgeschirr, Zündhölzchen, Reißskrohbesen, Eisennägel und Zenrenc, die in größeren Quantitäten nach Afrika gehen. Aber auch in zahlreichen anderen Artikeln, lvie Papier, Banmivolltvaren, Maschinen und Eisenlvaren, für die nach vorliegenden Berichten große Nachfragc besteht, dürste die österreichische Industrie, deren Produkte sich in ganz Afrika des besten Rufes erfreuen, den Konknrrenzkainpf mit Deutschland und England anfnehmen köuuen. Auch nach einer zlveiten Richtung hin ift die Vermehrung der Ostafrikafahrten von größter Wichtigkeit: es ist zu hoffen, das; durch sie der Passagierverkehr mis Ostafrika nach Europa über Triest und von hier über Wien geleitet wird. Das englische reisende Publikum, das das Hanptkontingent der Passagiere stellt, hat sich schon längst daran getoöhnt, die österreichischen Dampfer, die jeden gewünschten Komfort bieten, zu benützen. Jcht, wo in jedem Monat ein Dumpfer von Durban nach Trieft nbgehen soll, lvird sich der Strom der Reisenden jedenfalls nach Triest lenken; es lvird nun die Aufgabe anderer Faktorei: sein, diesen Strom von hier ans in die Monarchie lveiter 31t leiten. Als Abfahrtstag für die Ostasrikadampfer ist der 20. eines jeden Monats in Aussicht genommen. Was die Fahrzeit betrifft, beabsichtigt der Lloyd, eine Verkürzung dersel-eit eintreten zu lassen. Es lvird nämlich die Geschwindigkeit der Osrafrikadampfer, die ans dieser Linie bisher 11 Meilen pro Stunde betrug, ans 12'/, Meilen erhöht, wodurch man eine Verkürzung der Fahrzeit nur drei Tage erzielt. Das bisherige Jtinerär bleibt im tvesentlichen bcibehalten; es tverden demnach ans jeder Fahrt Briildisi, Port Said, Suez, Aden, Mombassa, Zanzibar, Mim, Delagoa (Laureneo Marques) rind Durban angelanfen tverden. Auf der Rückfahrt lvird außerdem auch Tanga berührt tverden. Der österreichische Ostafrika-Schiffsdienst bildete auch einen Gegenstand der Tagesordnilng der letzten Sitzung des vom Jndnstrierate eingesetzten „Subkomitees zur Vorbereitung der Fragen des SeeverkehreS". In derselben stellte Kommerzialrat Singer die Anfrage, ob die ZeiüingsNlitteilung'Ul über die neuen Vereinbarungen zlvischen der Regierung und dein Oesterreichischeil Lloyd auf Richtigkeit beruhen. Handelsminister Freiherr v. Call bejahte die gestellte Allfrage nnb teilte mit, daß die Alisführnng vor: zwölf Fahrteil in monatlichen Abständen von Triest nach Ostafrika vereinbart lvnrde. Die Regierung sei nämlich der Ansicht, daß der Versuch der Anbahnling eines direkteil Schisfahrtsberkehres nach Ostafrika mit i ausreichenden Mitteln gemacht tverden müsse, dmnit man ein Urteil über die Nützlichkeit nnb Rentabilität dieser Linie gewinnen köline. Die bisherige Zahl der Fahrten sei dnrchalis nnznlänglich gewesen. Andererseits habe darauf Bedacht genommeil lverdeu müssen, daß die Ankündigung dieses iieuen Uebereinkommelis sv rechtzeitig erfolge, daß das Publikum sich darauf einrichten kölNie. Konfiszierte Künstlerkartcu. Vor einem Erkenntilisscnaie unter Vorsitz des Hofrates Dr. Feig! fand gestern eine Verhandlung über einen Einspruch statt, lvclchen die Firma Sebastian Oster' biiider, Ktuistverlng in München, gegen die Konfiskation einer An sichtskarte erheben hatte. Die Firma hatte sogenannte Künßlerpostkarte» anfertigen lassen, welche die Ermordimg des heiligen Simon voll Trient nach einem jetzt aufgefundenen Kupferstich des berühinten Kupferstechers Sudeler sen. darstellen. Der .Kupferstich lvird in der Pinakothek in München nnfbewahrt. Der Karte lag ein Prospekt bei, lvekcher lvegeii Anfreiznng gegen die jüdische Re ligionsgenosst'nsehaft konfisziert wlirde. Den Einspruch vertrat Dr. Wessclstn, lvekcher ansführte, dns; die Karte eigentlich ein Heb ligenbild darstelle. Simvn von Trient sei tm Jahre 1588 von Papst Sixtus dern Fünften heilig gesprochen lvorden. Wollte man diese Karte konfiszieren, so müßte man beispielsweise auch ein Bild Hoffmnnn v. Vestenhofs, das gegentvärtig in der Hagenbnnd-Ansstelliing sich befindet, konfiszieren. Das Bild stelle den Judenkönig Jehil dar, lvie er tnit orientalischer Gralisamkeit unter den Köpfen der gefallenen Feinde herninstocherl. Ebenso müsse man das bekannte Buch „Martyriologum roniaiiunr" konfiszieretl worii; die Erzähl»ilg von der Erinvrdnng des heitigeil Simoil noch viel ansführlicher enthalten sei. Staatsantvalt Dr. Bobies bekänipfte den Einspruch und sagte, daß es sich im vorliegenden Falle tu» eine tendenziöse Dnrstcllnng gegen das Jndentnin handle. Die Verbreitung sei liicht nm der Kunst ivillen erfolgt. Dies erhelle schon aus dem Prospekt, in dem es unter andereni heißt: Diese Angelegen heit ist für unsere Zeit interessant. Der Gerichtshof wies deii Einspruch ab. Der Vorsitzende führte in der Begründung ans, daß es sich hier nicht nm die Verbreitung eines Kunsttverkes, sondern mir mn eine gegen das Jndeiitnni gerichtete tendenziöse Darstellinig handelt. Ein K-:nstlverk lvird auch iricht in solchem Maße verbreitet. ES ist nowrische Tatsache, das; in den letzten Jahren das Kapitel des RitnalmordeS vielfach verlvertet wurde; daß die Agitatioll, tvelche sich gegen ben Ritnalmord eiitlvickelt hat, and) einen lliückschlag ansgeübt habe gegen die israelitische Ncligionsgenossenschaft, daß deniiiaeh die Propagierung eitler solchen Tendenz gegen die Jtldcit Stlnunnllg zll nlachen und aiifztlreizen geeignet ist. Eindrücke ans Gltlizien. Im dluftrage zweier hmnallitärer jüdischer Vereitle, des „Israelitischen Hilfsvereins" iil Frankfurt a. M. und des „Jüdischeil Komitees ztir Bekämpfung des Mädchetlhandels" in Hamburg haben kürzlich ztvei Dameir eilte Studienreise nach Galizien nnternonnnen. In erster Linie sollteil Jnformatioilen über den jüdischen Mädchenhandel und die Möglichkeit seiner Bekämpfung eingczogen tverden. Da aber der galizische Mädchenhandel keine isolierte Erscheinung ist, svudern in den nlateriel'len und geistigett Lebetlsverhältuissew der dortigen Juden wurzelt» so ergab sich die Notlveildigkeit, die gaitze Existenz dieser Bevölkerung kritisch zu beobachten. Die beibett Reisenden, Frl. Bertha Papp e n h e i in unb Frl. Dr. Sara R a b i n 0 lvi t sch, haben ihre Eindrücke in einem Büchlein niedergelegt, das soeben erschienen ist. (Zur Lage der jüdischeil Bevölkerung in Galizien. Frankfurt a. Rener Frankfurter Verlag, 98 S.) Jit knapper nnb schlichter Form tverden die Verhältnisse des Landes besprochett inld bei allein Wohllvollen für die Jltden ihre Lebensgclvohnyciwn einer scharfen Kritik liilterzogen. Vor allein ist es verdieilstlich, dns; hier voll benlfeller Seile einmal die verkehrtcu Lebe ns ideale anfgezeigt lverdcn, die die Juden vielleicht mehr als äußere Ilm- .stände iu ihrem Elend verharretl lassen. Sv ein falsches Ideal ift das der Gelehrsamkeit. „Die galizische Orthodoxie verlangt, daß Knaben boni dritten Lebettsjahre cm sich mit dem Studium der hebräischen Sprache, der Thora lind des Talnuids beschäftigen. Jede aildere Kenntnis ist verpönt." Die Erziehung in diesen Talmiidschilsell ist, lvie gezeigt wird, llichlnur für die Gesundheit, sonderit auch für die Sittlichkeit der Kinder höchst verderblich. Es ist kein Wunder, das; so anfgewachsene Menschen sich vor einer regelmäßigen körperlichen Arbeit zu drücken snchell, wogegen sie ivähre Hniigerkünskler werden. Dabei läßt dieses Erziehuugssystem die Letite in der polnischen utld deutschen Sprache ganz ohne Uitterrichk, so das; sie im Lebeit faktisch als Analphabeteil dastehcn. Rockt ärger als das Leben der Mäntrer ist das der Frmten; sehr groß, lind zloar in nltra-orthodoxeu Kreisen ist unter ihnen die Nnsittlichkeit. Ein beträchtlicher Teil der Bebölkenrng gehört dem Chassidislnus an; mit feinem geistlosen Ritual und seiner GesetzesiX'utelei ist er eine große ntoralische Gefahr. Neuerdings hat auch der Zionismus in Galizien eilte gewaltige Propaganda entfaltet utld ist sehr verbreitet. „So wie das Volk heute beschaffen ist, fmitt es noch nicht als Nation leben, es kann noch tncht arbeiten, und es ist lwch ilielst eiinnal reif geling, einzufchen, was es lemen muß." Die galizische» Juden arbeiten zu lehren, ist die Hauptaufgabe jeder Hilfsaktioil, die ihnen gewiduret lverdeu kmm. Bon den Vorschlägen. zil denen die beiden Verfasserinnen gelangen, siüd daher die. welche sich mit der Erziehung beschäftigen, die wichtigsten. Ohlte Hilfe von außen geht es freilich nickst, beim sich selber zu helfee, find die Leute nicht inlftmldc. Dr. Bulova gestorben. Der atls dem Hilsner-Zrozeß bekanme Karolinenthaler Stadtarzt Dr. Josef Bulova, der seit einem Jahre schlver krank tvar, nahm zur Linderting seiner Schmerzen eine allzu große Dosis voit Morphiuin zu sich; er wurde in bcloußtlosenl Zustande in das Allgenleilte Krankenhaus überführt. Er ist inzloischen gestorben. Dr. Biilova hat während der Hilsuer- Affäre die Oeffentlichteit iviederholt beschäftigt. Kltrz nach den: erstell Prozeß mit Leopold Hilstter iil Kuttenberg tmlrde er Gegeustaild der heftigsten Angriffe antisemitischer Blätter, die ihn beschuldigten, daß er'widerrechtlich iil das Akteumaterial und iil die Corpora delicti im Kutienberger Prozeß Einsicht genornmen habe, und die geradezu loahnsinnigc Behanptnng aufstellten, Dr.^ Brllova habe die Corpora delieti zugluisten des dlitgeklagtelt präpariert. Obzlvtrr dieser Darstellung seitens der Gerichte sofort eutgegengetretcir und im Piseker Prozeß mlinnstößlicl) festgestellt lvnrde,^ das; diese Deschllldignng eilte teitdenziöse Erfindlillg der antiselliitischen Presse sei. lies; diese ilichr ltach, Dr. Biilova tinansgesetzt auzugreifen. lvas sich noch steigerte, als kurz vor denk zweiten Prozeß in Pisck Dr. Bulova eine sehr sachlich gehaltene Broschüre veröffentlichte, die iil mtsländischen Zeitlingeil viel kritisiert lmirde, iil Oesterreich aber tvegen dev Artikel 7 lind 8 des Preßgesetzcs (Veröffenklichnng von Belveisstnckeil ans eineiil iin Zuge befindlichen Verfahreil) der Konfiskation verfiel. Dr. Biilova wltrde mul) mn dieser Broschüre willen lvegeii Uebertretling des Preßgesetzes zu einer Geldstrafe verurteilt. Er hat zur Anfhellnng der Hilsner-Affäre, die sv lange alle Genlüter beschäftigte, außerordentlich viel beigetragen und fein ganzes Vermögen du rat, f verivetldet. Bekaiuitlich fand er sich in diesem Bestreben mit Prof. Masaryk znsammeil. Soeben ist der. Bericht über den Stand des Nuterrlchtsivesens der Pestcr NeligionSgemcillde im Schtiljahre 1903/04 erschieneit. Der Religionslinterricht lvnrde in den Elementarschulen <m 7298 Küiaben. 7341 Mädchen, in den Bürgerschulen an 1380 Kiraben. 2459 Mädchen, in den Mittelschllleii an 3740 Knabeil, 060 Mädchen, iil ben höhereil Handelsschulen all 1242 Knaben, in der Lehrerbildungsanstalt an 83 Mädchen, in den Fortbildungsklirsetl an 33 Mädcheil, in den Elementarschlilen der israelitischen Religiousgeiueinde all 7499'Klinben, 307 Mädchen, iil den Bürgerschitlen dev Religionsgeineinde all 318 Kimben, 504 Mädchen, im Klrabenlvaisenhnnse der stteligivnsgenleinde an 220 Knabetl, in der Talnmd- Thorn-Schlile all 155 Kltabelt xm>b in den hebräischen Schl, len ail 715 Knaben; insgesamt an 14 097 Ktlabeti, 1 1 437 Mädchen, zusammen alt 20 134 Schüler erteilt. Ter Lehrkörper zählt 110 Mitglieder im Dienste der Religiollsgemeillde und acht auswärtige Lehrkräfte. Au der Spitze