Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. Dezember IN 3 Nr. 49 Anklagen gegen unsere Feinde im Landtag oder ReichSrat hören zu lassen. Jene waren entzückt, wenn sie mit Hilfe der Liberalen in einem Wortkampfe den Sieg davontrugen, und diese sind gegenwärtig hoch erfreut, daß die Demokraten und andere Fraktionen, welche noch nicht zur Regierung gelangten, ihnen die Möglichkeit bieten, einen Wortkampf siegreich au§zufechten. Und so wie die Abwehrpolitiker, so huldigt auch tiefe Gruppe der Anschauung, daß sie als jüdische Nationalität irgendwelche praktische Erfolge werden erzielen können. Die Juden in Oesterreich bilden eine beachtenswerte Minorität, welche, wenn sie geeinigt vorgeht, wohl im Streite der Parteien mit der Regierung das Zünglein an der Wage bilden kann, aber unter keinen Umständen wird es ihnen gelingen durch einen nationalen Kampf Regierung und Parteien zu zwingen, sie, die Juden, als einen nationalen Faktor anzuerkennen. * Die Zeiten der Propheten sind vorüber und heute ist der Prophet der schlechteste, aber auch gefährlichste Politiker. Diese Methode sollten wir getrost den Assimilanten überlassen, die den Zionismus, den Nationalismus und überhaupt jede gesunde Volksregung einfach damit abtun zu können glauben, indem sie sie als Utopien hinstellen, deren Durchführung „u n t e r keinen Umständen gelingen werde." Den wahren Grund, weshalb Herr Lubetzky, und mit ihm alle jene, welche seine politische Ansicht teilen, unser Programm und unsere politische Aktion mißbilligen und mißverstehen, kann man in folgender, bei Besprechung der Bukowinaer Vorfälle gemachten Aeußeruug Lubetzkys erblicken. „Obgleich ich mich gewiß sehr freue, wenn ein jüdischer Abgeordneter sich um jüdische Interessen kümmert; — dies ist jedenfalls besser, als wenn ein jüdischer Abgeordneter sich für einen polnischen Abgeordneten dünkt und deshalb für die Jnreressen des Judentums nie seine Stimme erhebt, — bin ich durchaus nicht imstande, in solchen Ereignissen die Erlösung des Judentums zu erblicken." Dieser Schlußsatz verrät eben die verkehrte Stellung, welche Lubetzky und etwaige Gesinnungsgenossen zur ganzen österreichischen Frage einnehmen, denn unser Programm und unsere Aktionen sind zunächst den Verhältnissen der Juden in Oesterreich angepaßt. Wir erblicken in der Durchführung unseres Programmes nicht die Erlösung „ganz Israels", sondern die Erstarkung des jüdischen Volkes in Oesterreichs, als einer den anderen Nationen vollständig gleichwertigen Volksindividualität, sowohl in der Politik, als auch vor dem Gesetze und im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben. Allerdings sind wir der Ansicht, daß dasselbe Ziel, wenn auch auf anderem Wege, auch in anderen Staaten erreichbar wäre, und zur Konsolidierung der Verhältnisse führen würde, wenn auch nicht momentan. Wir haben auch die Situation in den östlichen Ländern, wie Rußland und Rumänien, nie verkannt. Wir wußten ganz gut, daß in diesen Ländern in absehbarer Zeit von einer jüdischen Realpolitik nicht gut die Rede sein kann, und haben deshalb gleich bei Gründung der „Jüdischen Volkspartei" den Kolouisatwnsziouismns in unser Programm ausgenommen unddiesenProgrammpunktseitBestandunserer Partei mit demselben Nachdruck verfochten, wie die jüdische Realpolitik für die westlichen Länder. Dieses Wittern nacb dem Schlüssel für die Erlösung Israels hat schon manche gesunde Aktion an ihrer Weiterentwickelung verhindert und war zunächst Schuld daran, daß die zionistische Organisation anfangs die Gegenwartsarbeit nicht in ihr Programm aufnahm und diese erst nach und nach bei einzelnen Gruppen Eingang fand. Wie recht wir mit unserer Auffassung haben, beweist die Haltung der zionistischen Lokalblätter in jenen Gegenden, wo die Lage der Juden am gedrücktesten und die Judenfrage daher am dringendsten ist: in Galizien. Die Lage der Juden in Ir. Loeb: Schon wieder diese Nationaljuden! — Der Weil gibt keine Ruhe! Ich habe wirklich ganz andere Sorgen ... der Weil wohl auch! Zion, das ist ganz schön ... aber genau genommen, geht unS dies hier gar nichts an. Mehr fehlte noch, daß Bouvier, einer meiner besten Kunden erfahren sollte, daß Du nach Zion gravktirft. Mme. Loeb: Was kümmert daS Bouvier? . . . Hast Du Dich je darüber echauffiert, daß er seine hinkende Frau jährlich nach Lourdes schickt? Uebrigens mache was Du willst, ich habe mich einschreiben laffen und werde meinen Franks auch zahlen. Ich bin aus ganzem Herzen das, was ich nach Abstammung, Erziehung und Neigung bin, eine echte Jüdin, mit allen ihren Vorzügen und Fehlern und dies kann deinem Bouvier ganz gleichgültig sein. — Basta!! Der kleine Leon (aus der Schule kommend): Bon, jour Papa, bon jour Maman! J M r. Loeb: Warum bist Du denn so erhitzt, Du bist wieder gelaufen? Der kleine Leon: Mais non, — aber weißt Du der Georges Leliövre, der große Bub', der mir unlängst einen Stoß versetzte, nannte mich heute einen „Aoupin"! M r. Loeb: Nicht möglich! Du sagtest es natürlich dsm Lehrer? D e r kle in e L e o n: Oh nein! Ich sagte ihm, ich wisse nicht was das sei, ein Aoupin, aber ich bi« ein Jude und wenn er eine jüdische Ohrfeige verkosten wolle . . . M r. Loeb: Nun? Der kleine Leon: Also ich gab sie ihm — und er lief zum Lehrer! — Inzwischen kamen die anderen Buben dazu und da sagte mir der Charles Klein, daß der Leliövre zu schweigen hätte, denn er habe von seinem Vater gehört, daß die Leliövre — getaufte Juden sind und HaaS geheißen haben. M m e. Loeb: Eine solche Niedertracht! M r. Loeb: Nun weiter! Der kleine Leon: Dann kam der Lehrer und fragte mich, was denn der Leliövre mir eigentlich getan — denn ich sei ja ein Jude... Mr. Loeb: Das ist doch unerhört! Galizien hat viel Aehnlichkcit mit derjenigen der russischen Juden. DaS zionistische Programm mußte i« Galizien ebenso Anklang finden, wie in Rußland, und gerade Galizien ist es, welches zu allererst auf die Jnaugurierung der Gegenwartsarbeit pochte, und sie mit allen Mitteln, wenn auch nur allmählich anstrebt und durchführt. Das Stauislauer zionistische Organ, da- „Jüdische Wochenblatt", bringt erst in seiner jüngsten Nummer eine« sehr beachtenswerten Artikel, betitelt „Real¬ oder Wahlpolitik". In diesem Artikel heißt es unter anderem: Und wenn wir Juden zufolge verschiedener Ursachen vorläufig noch keine jüdische Wahlpolitik treiben können, müssen wir dagegen bei jeder Gelegenheit „Realpolitik" treibe«. Als Beispiel führt der Autor außer dem auch von uns mitgeteilten Fall bezüglich der Besetzung der Oberlehrerstelle in der Leopoldstadt, folgenden intereffanten Fall aus Lemberg an: „Dem Lemberger Magistratsrat fiel es eines schönen Tages ein, den jüdischen Geschäftsleuten aufzutragen, ihre jüdischen Geschäftsschilder zu entfernen. Was er damit erreichen wollte, gehört wohl nicht hieher. Manche behaupteten, dies geschehe wegen der kleinstädtischen Juden, welche der polnischen Sprache nicht mächtig seien, «nd auf diese Weise das jüdische Geschäft vom nichtjüdischen nicht unterscheide» könnten. Andere waren der Ansicht, daß dies deshalb geschehen sei, damit Lemberg nicht, Gott behüte, als jüdische Stadt verschrieen werde, sondern ihr polnisches Aussehen erhalte. Aber einige zionistische Advokaten haben damals die Sache in die Hand genommen, dagegen protestirt, die Gesetzwidrigkeit der Verfügung nachgewiesen, und eS blieb beim alten. Die jüdischen Schilder hängen auf ihren Plätzen bis zum heutigen Tage. „Das kann man auch jüdische Realpolitik und jüdische Nationalpolitik nennen." „Wir könnten z. B. bei uns in Galizien", heißt es weiter in dem Artikel, „wo er ungefähr dreihundert Städte mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung gibt, mit Recht verlangen, daß in jeder öffentlichen Volksschule ein jüdischer Rrligionslehrer auf Staatskosten angestellt werde. Man braucht hierbei gar nicht die moralische Seite der Frage erörtern, sondern bloß die wirtschaftliche und soziale allein, da durch die Gewährleistung dieser gewiß gerechten Forderung einige hundert jüdische Familien sichere Existenzen erhalten würden. Dies allein genügt, um sich für die Sache zu verwenden und unsere diesbezüglichen Rechte energisch zu fordern; wir tun es aber nicht, und da wir es nicht fordern, gibt man es uns nicht . . . Arbeiten muß man, und können wir auch gegenwärtig noch keine Wahlpolitik treiben, so muß unsere Politik stets eine Realpolitik sein. Auf diese Weise werden wir unsere Lage um vieles verbessern, unser Ansehen heben und allmählich politisch reif werden. Wir dürfen nur die Begriffe nicht verwechseln und jedem Wort die richtige Bedeutung geben. Wir müssen beginnen mit jüdischer Realpolitik hierzulande und endigen mit jüdischer "Mlontalpolitik aus össentlichrechtlicher Grundlage in unserem Lande Palästina." Aus diesem Artikel dürfte sich Herr Lubetzky manche Belehrung holen. Auch unsere Brüder in Galizien haben am Anfänge der Bewegung in jedem neuen Gedanken, der sich mit der Judenfrage beschäftigte, ein Vexierbild erblickt, unter das sie schrieben: „Wo ist die Erlösung des Judentums?" Durch reifliche Urberlegung und unter dem Drucke der Brrhältniffe sind sie glücklich bei der Realpolitik angelangt. J. Kr. * Unser Programm in reichsdeutscher Beleuchtung. Das „Breslauer Jüdische Volksblatt" schreibt: Ter Niedergang des Pserrdo-Liberalismus. Die Niederlage des Pseudo-Liberalismus in Breslau und anderen Orten, wie sie von Einsichtigen lange vorher gesagt tvurde, Mme. Loeb: Warum denn? — er ist doch ein Jude — also weiter. Der kleine Leon: Da antwortete ich, daß ich mich nicht Ionpin schimpfen lasse, — ich bin ein Jude und freue mich darüber — denn, wenn auch unser Volk auf der ganzen Erde zerstreut ist, so ist das Land, das uns gehört, noch immer da, und in kurzer Zeit werden wir Juden wieder es erlangen und unser eigenes Land haben mit Soldaten, Tramways Metropolitain, mit unserem Bois... Mr. Loeb: DaS ist zu dumm! Weiter! Der kleine Leon: Und da hat mich der Lehrer gefragt, wer mir denn dies sagte? — Da antwortete ich ihm: Meine chere Maman! Mme. Loeb: Recht so, mein Kind! Und waS sagte der Lehrer? Der kleine Leon: Der Lehrer hat uns beiden eine Strafaufgabe von 500 Zeilen zu schreiben gegeben. III. Rue des Rosiers (Fahrweg.) Seiligmaun: Alors, erzäl' ech kein Lugen, peutetre, efscher hat sie recht. K r o n st e i n: Adieu, Frenlld! (Entfernt sich). S eiligmaun: Hei, dites-done Mossie, wohin geh'n wer ce soir, heul' abends?... Cafe de la ßotonde, oder la Presse?. . . Feine Artisten bei der Presse!... K r v n st e i n : Sie wiffen doch, eher ami ich bin jeden S..mstag bei den Zionisten... Heute Abend soll ein Herr aus Wien sprechen... S e i l i g m a n n: Enfin — soll ich Dir sag'n, Bruder süßer, ech bitt nicht auf jener Sait'n — ich hab's doch so fein hier, — kein Mensch sagt mir etwas, ich mach, was ich will — eS gibt hier wohl anch Risches, aber es tut mir niemand etwas — nichts! Rien, rien! $r ott {teilt: Aber die Brüder, Seligmann! Haben Sie nicht gelesen, wie man bei uns in Rußland unser Volk peinigt, man ninunt ihnen ihr Hab und Gut und Ihr bleibt ganz teilnahmslos und ruhig? verdient noch cm Wort der Betrachtung, da sie vielleicht die An-. regimg dazu geben dürfte, die in nutzlosem Kampfe für absterben.de Parteien verbrauchten Kräfte unseres Volkes zu positivem Schaffen zu famnreln. " Zunächst müssen wir au den Wahlkampf selbst anknüpfen. Wir hatten bereits in unserem Artikel '„Taktische Ertvägimgeii" auf bis st i e f m ü t t e r l i ch e Behandliing hiiigewiesen. deren sich unser« vom Austurm des Antisemitismus bedrohten verfassungsmäßigen Rechte, iiiit einem Worte unsere irr hartenr Kampfe voii Miseren Vätern erningene Gleichberechtigiliig von seiten der hiesigen liberalen Wählleitung zu erfreuen hatte. Die Juden müssen J « d o ch für u n s st im m e n. das tvar das A imb Z der politischen Weisheit, mit tvelcher die kurzsichtigen Herren von der liberalen Wahl-Tprannis krebse» gingen. Freilich für unsere Todfeinde im uutiseiiiitisth-reaktiouäreu Lager wird ivohl kaum ein Jude seine Stiii,.me abgegeben haben. Aber cs kam noch anders. Der erste Streich der vereinigten „liberalen" Wahl-TyranniS erfolgte durch ein Schreiber, des Vorsitzenden an uns, in welchem derselbe meinte, daß es sich erübrige, „weitere Erklärungen unserer Kandidaten zu übermitteln", nachdem ivir den Briefwechsel mit denselben veröffentlicht hatten. Das war den Herren, welche nüt den Juden kokettieren, lucim und so lange sie sie brauchen, und mit den Antisemiten schön tun, lvenn und so lange sie sie brauchen, gewiß fatal. Sehr fatal! Daß der Tragik nicht die Komik fehle, dafür hatte der Briesschreiber noch durch die Bemerkung gesorgt, daß ivir doch iiicht die „Genehmigung" der Herren zur Veröffentlichung eingcholt hätte», auch vou „jonriialistischen Gepflogcnheiteu" wurde etlvas fabuliert. Wir überlassen den „liberalen" Wahl-Tyrannen ihre Verhandlungen ,nit der „bündnisfähigen" Sozialdemokratie besser tu ihren geheimen Archiven zu behüten. Für uns gehören j öffentliche Angelegenheiten vor die breiteste Oeffentkichkeit. DaS ' muß sich doch auch der blödeste Politiker sagen, daß politische Erklärungeii von Kandidaten, ivelche die Massen beeinflussen sollen, auch z,lr Kenntnis der Massen gelaiigcn müssen. Das haben sich auch unsere Pseudo-Liberalen gesagt, das haben sich anch unsere jüdischen Vertreter gestanden, oder sollen ivir sagen die Zertretev unserer Rechte. Es tvar also liichts als politische Heuchelei, eitel Heuchelei, als sic uns mit eitlen nichtigen Einwälidei, kamen. Sie schämten sich als Juden für ihre Glaubensgenossen offen auch vor Nichts,,den ciiizutreten oder noch schliimncr: um der Partei zu huldigen, die sie ans ihren Schild gehoben, gaben sie lieber die Rechte ihrer Glaubensgenosse» preis und schiviegen ,nit stolzem Mannesnnit vor dem Throne, den sie sich errichtet hatten. Beredt wurden sie erst als man ohne ihre Genehmigung die Eiterbeule ailfstach. „Ohne Genehmigung". Stolze Freiheit, die ich meine. Freiheit für sich, das ist die Freiheit der kleinen Epigonen jener großen Demokraten. „Das ivar der erste Streich und der zlveite folgt sogleich.'" Die „Breslniier Zeitung" hat in diesen Tagen dei, traurigen Riihln genossen, Arm in Arm mit der Aiitisemiten-Presse stolz das Judentum in die Schranken zu fordern, hier in Breslau ivaren eS nur die Antiscmitenblätter, die in dasselbe Horn bliesen, gleich wie an aiiderei. Orten. Eine angesehene Tageszeitiing schrieb, wir hätten dei, natioiinlliberalen Herrn noch viel zu „glimpflich" behandelt, ivir hätten : iii unter die Nase reiben sollen, daß seine Partei sogar iiiit der konstrvattv-klcrikcilen Allianz dem Justizminister den Dank votiert hatte für seine antisemitische Aussprache. Ileberall im Reiche zeigte inai, Verständnis für Mannesmut gegenüber nationalniiserabler Gesinnung. Hier ballte man die Faust in der Tasche und kroch zu Kreuze vor „liberaler" „Freiheit". Doch der Funke selbständiger Gesinnung ivar anch hier nicht -erloschen. Noch vor den Urivnhlen hatte:, sich etiva 200 jüdische Wähler ziisamniengesnnven. ivelche bei Jngrl.nu! über die politische Heuchelei und „liberale" Wahltvrannei zu einer Gesinnung verschmolzen hatte. Einig ivaren sie in dein Entschluß, den von liberaler Seite anfgestellten Wahlmännern mir dann ihre Stimme zu geben, wenn bündige Erkläningen Vorlagen, daß die Kandidaten sich der verfassilngsmäßigen Rechte unserer Glaubensgenossen annehmen würden. Es ivar traurig und doch herzerhebend zu hören, wie arme Hausierer, denen die antisemitische Tendenz der neuen Wirtschafts-Gesetzgebulig das Brot vom Munde genviumen, kleiile Geschäftsleute, ivelche die Antisemiten-Hetze zur Verzweiflung gebracht hat, junge Akademiker, welche trostlos in die Zukunft schauen, mit! Stolz ihr Judentum bekannten und mit Erbitterung den feigen Verrat der „psendo-liberalen" Wahlleiter — oder Wahlleider —■ geißelten. Man beschloß ferner, bei Ausbleiben weiterer Erklärungen Wiahlenthaltung zu üben. Auch der Gedanke der späteren Bildung e i n e r R e ch t s p a r t e i, einer jüdischen V o l k s p a r t e i, wurde erwogen. Der Herausgeber dieser Zeitung wurde beauftragt diese Beschlüsse dem Vorsitzenden des „liberalen" Wahlkomitees mitzu- Seiligmann?! Teilnahmslos?! Das nicht — aber was soll ech da mittiln? Ich tu' mein Pflicht, mein Kind lernt sein Cat echis me..., alors! Kronstein: Seinen Catechisme? Ist denn Dein Kind kein Jude...? Wie kannst Du sagen Catechisme? S e i l i g m a n n: Hier nennen sie das Religionsbuch Catechisme und die Bar-Mizwah la premiere communion .. .*) K r o n st e i n : Premiere communion ist doch auf deutsch gleichbedeutend mit dem Empfang des ersten Abendmahles — unglaublich, so tief seid Ihr russischen Brüder gesunken, daß Ihr sogar unter Euch für jüdische Bücher und 1 Gebräuche katholische Bezeichnungen verwendet? So werdet Ihr und mit Euch Eure anerzogeue gutjüdische Anschauung verkümmern, jetzt, wo sich unter uns Juden ein großes Ereignis vorbereitet, jetzt, wo wir unter Englands Schutz ein Land zur Verwaltung erhalten sollen... Seiligmaun: Schema Israel! Ein eigenes Land?! Ist es möglich! Non Dieu, was hör' ech. K r o n st e i n: Ja, vielleicht werden unsere armen Stammesgenossen aus Rußland und Rumänien wohl nicht die so heiß ersehnte Heimat in Palästina, aber doch eine Stätte finden, wo sie ruhig die sicher kommende Zeit abwarten können, die ihnen ihr geliebtes Stammland erschließen wird... S eilig mann: Kronstein, jetzt seh' ech, Ihr seid ein braver Jüd, — heint' Abend geh' ech mit Euch, mais süroment, ganz sicher, in die Bersammlnug, ech will arbeten mit Euch für unsere Brüder... Kol Israel Achim — u ce soir! K ronstein: Boulevard St. Denis Nr. 15. Cafe Grnber — also auf Wiedersehen! ©eiligman«: Derf ich meine Fremde mitbringen, se sennen feine, braves Garyons... K r o n st e i n : Gewiß! Also um 0 Uhr. Seiligmaun: Mein Gott, ein eigenes Land, ei» Erez-Jsrvel!!! Paris, 22. November 1903. H. F, *) Diese Ausdrücke gebrauchen selbst die hiesigen Rabbiner