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Jüdisches Volksblatt · 1903-12-04 · 49 (4.12.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
49 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lrd«eiw«: u/8. LeopoldsgaM 49. SSrsAftrmbesr Kn Wochmta-en »on 4 bis k ahr nachmittags - MW«,»«» »-ULöl-U. Wie». Il[3 »Blthtoctb*« wegen berst,Steter oder gar nicht ersolgrcr gukrlluug -rotttn, wir ens dringend. - BUamlct&tt »erbe» »tSt rmckSgeftellt. P»tt1parcafien-»ont, »47017. In das «bonnement tan« «an täglich etntrete». Grschemt jeden Mas ntüsx Mtrkttrknns dev vom tfttrtWpm Volksvrrew ractoräfcltsn Pressrurmmikkon. ifflMftvete üdernrhmeu die Ftnnm: I. Dannederg. M. Duke», vaajeu. stein H «ogler. sttudolf Moffe. «. Oppekik. M. Pozjonyi, «. Schalet in Wien, ferner ave tiunvncen-Erpebittoveu im Lurlande. Gi«zel.K«WMer i» Wie» 16 Heller« NdmrMllrakwn: II/3. Leopoldsgaste 49. Telephou-Nr. 14723 RbonuemrutSpreis: Telephon-Nr. 14723 Für «te> ». L)efterreich.Nngaru iammt Franco,ustellung. ScmzjShrt» Halbjährig Vierteljährig tkr H.~ . 4 - . 2- Für baS gefannnte Ausland lammt Francozustellung. Sraiizjährtk . . . Halbjährig . . Vierteljährig ... .ftt. v - , 4L« Kr. 49 Wie«. 4. Dezember 1903 (IS. Kiste» 5664). V. Jahrgang. nuMBBaBS&&M^asssss» Die parlamentarische Bilanz. Trotzdem noch eine Reihe von Sitzungen in den beiden Parlamenten dies- und jenseits der Leitha vor den Weihnachtsferien stattfinden werden, so ist man heute bereits in der Lage, das Resultat ihrer Tätigkeit zu kennzeichnen. Es heißt: zunehmende Verwirrung im ganzen Reiche und steigender Ekel der Bevölkerung gegenüber dem jetzigen Parlamentarismus, der auch in der diesmaligen Saison gar nichts Positives leistete und damit den neuerlichen Beweis erbrachte daß nicht mit den jetzigen Parlamenarieru, sondern nur über ihre Köpfe hinweg in dieser Monarchie Ordnung geschaffen werden kann. Diese Einficht greift selbst im österreichischen Abgeordnetenhause bei den vernünftigeren Deputierten Platz, wie aus der letzten Rede des Abgeordneten Romanzcuck, Obmann des Ruthenenklub im Parlamente, ersichtlich ist. Abgeordneter Romanczuck beantragt, die sofortige Vertagung des Hauses, welches ohnedies nichts arbeitet und machte den Vorschlag auf Einsetzung eines Ausschusses, der ein Sprachengesetz, ein Nationalitätengesetz und eine Wahlreform auszuarbeiten hätte. So vernünftig, der Antrag an und für sich ist, so bat nur die Vertagung des Parlamentes Aussicht, zur Wahrheit zu werden. Der österreichische Reichsrat ist, wie jede Sitzung von neuem zeigt, arbeitsunfähig; überdies ist die junglschechische Obstruktion im Gange und in diesem Falle auch das Walten des § 14 die logisch« Folge. Es ist nun charakteristisch für das österreichische Parlament, daß es seit Jahren nicht einmal als Budgetbewilligungsmaschine sich mehr eignet und das Budget auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem in Oesterreich bereits üblichen Wege des § 14 erledigt werden wird. Daß unter solchen Verhältnissen, der Antrag Romancuck, es möge ein Ausschuß gewählt werden zur Ausarbeitung eines Sprachen- und Nationalitätengesetzes, zwecklos ist, ist leider klar. Gesetzt es käme auch zur Wahl eines solchen Ausschuffes, so wäre derselbe aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso gewöhnlich beschlußunfähig, wie es die meisten Ausschüsse des Abgeordnetenhauses sind, oder die Obstruktion würde in diesem Ausschüsse ebenso ihr Unwesen treiben, wie im Plenum. Die im heutigen Parlamente vorhandenen und tonangebenden Parteien wollen eben keine Beendigung der nationalen und Raffenkämpfe, sie yaben keinerlei Interesse an der Schaffung eines vernünftigen, allen Volksstämmen gegenüber gerechtenRationaliräten- und Sprachengesetzes. Feuilleton. Eine Enquete. Motto: Auf der Leimgruben und auf der Wieden, Sind die Güster verschieden. 1. Avenue Viktor Hugo Nr. 24. M m e. Kahen: Sie sind demnach mit Drecoll. dem Wiener Schneider zufriede» — was haben Sie sonst Neues ollere Madame, — Mme. de la Croix: Ah! DaS Neueste dürften Sie schon aus den Zeitungen erfahren haben, die Ju . . . . die Israeliten sollen ein Land aus Englands Händen erhaltenja, in eigener Verwaltung — das ist doch geradezu sensationell! — Mme. Kahen: Ich liebe die Politik nicht, ollere amie — wir haben uns doch hierzulande gewiß nicht zu echauffieren, nicht wahr ober Dootenr? Doktor H a l ö v y: Ich bin zu sehr Nationalist . . . Mme. Kahen: Dies ist auch mein Standpunkt, es ist wohl war, daß ich und mein Mann aus dem Elsaß stammen, aber heute sind wir ganz und gar gute Franzosen, mit einem Worte: Gallier. Doktor Halevy: Pardon — Madame haben mich nicht recht verstanden, — i ch verstand unter national — jüdisch-national! — Mme. Kahen (hüstelnd): Hm . . . Hm, wie gefiel Ihnen denn Ban-Dyk, als „Werther", eitere amte?! M in e. de la Cro ui x: Ganz ausnehmend gut! — Wollen Sie, eher Docteur, mir doch sagen, was Sie unter jüdisch-national verstehen? — Doktor Halevy: Also hören Sie! Wir Juden . . Von dieser Anschauung scheint übrigens auch Professor Romancuck durchdrungen zu sein, denn er fordert eine Wahlreform. Aber das heutige Abgeordnetenhaus ist auch einer Wahlreform abgeneigt, weil die gegenwärtigen Volksvertreter für ihre Mandate zittern und speziell bei einer etwaigen Einführung des allgemeinen, direkten Wahlrechtes ein großer Teil der jetzigen Volksvertreter nicht mehr gewählt würde. Aber Verhältnisse sind mächtiger als die Herrschsucht chauvinistischer Cliquen. Das zeigt sich jetzt in Ungarn. Vor wenigen Tagen noch die exzessivste Obstruktion im ungarischen Reichstage und plötzlich liegen sich, Friedensschalmeien blasend, Tisza und Koffuth in den Armen, einig im Rufe: Wahlreform. Ob nun die Obstruktion, der auch ferner obstruierenden Chauvinisten und Klerikalen im ungarischen Reichstage weiterdauern oder aufhören, respektive überwältigt werden wird, es wird zur Wahlreform in Ungarn kommen und die Ausdehnung des Wahlrechtes wird früher oder später, den einseitig magyarisch-nationalen Charakter des ungarischen Reichstages verändern und so allmälig die Herrschaft des magyarischen Chauvinismus brechen. Was aber Tisza tun muß, wird auf die Dauer auch Koerber nicht unterlassen können und dis Wahlreform hüben und drüben wird allmälig auch zur n a l i o n a l e n A u t on o m i s in C i s- und Transleithanien führen. Der jetzige Parlamentarismus ist absolut unhaltbar und speziell für die Juden vollständig wertlos; denn so weit er überhaupt funktioniert, zeitigt er nur antisemitische Reden und antisemitische Gesetze. Für alle nationalen Wirren und Exzesse der einzelnen Parteien und ihrer assimilatorischen Anhänger werden die Juden als Gesamtvolk verantwortlich gemacht. Hier ein Beispiel: Die slavischen und italienischen Studenten wehren sich an der Wiener Universität gegen den deutschnationalen Chauvinismus, sofort stempelt man dies zur jüdischen Mache, anstatt daraus die Folge zu ziehen, der Unhaltbarkeit unserer nationalen Zustände und der Entwirrung derselben. Die verschiedenen Studentendemonstrationen zeigen, daß der Nationalitätenhader immer weitere Kreise zieht. Diesen zu beseitigen, ist dies Parlament und diese Verfassung ungeeignet. Also weg mit beiden!! K. Unser Urngramm in ö-Iicher Kelciichtung. Von dem Zeitpunkte angefangen, da die „Jüdische Volkspartei" ihre politische Tätigkeit begann, und besonders Mme. de la Croix: Pardon, sind Sie denn Jude?! — Das hätte ich doch nie geglaubt, dann war ja unser Halevy, der Schöpfer der „Jüdin", auch Jude, — so, so, daß wußte ich gar nicht, also weiter! Doktor Halevy: Sie werden es nun begreiflich finden, daß ich zu meinem Volke in Leid' und Freud' halte, zu einem Volke, das nach Freiheit ruft und sich nach einer Heimat sehnt, das als Volk nicht leben soll und dennoch nicht sterben will. — Nachdem die Feinde unsere Brüder mit Meffer modernster Fabrikation hinschlachten und das Blut unschuldiger Judenkinder das modernste Holzpflaster in Kischenew rot gefärbt hat, bin auch ich endlich modern geworden und gerne will ich mithelsen, die künstlich aufgefährten Mauern niederzureißen, die unser Volk so lange trennten, damit eine nur übertünchte Intelligenz keinen Unterschied mehr zwischen Juden des Ostens und den Israeliten des Westens konstruiere — M m e. Kahen: Lasten Sie das Doktor!! — Sie wüsten nämlich wissen, ollere Madame, daß der Wahnsinn Schule macht, so wie es Darwinianer, Vegetarianer, Wagnerianer, Sezessionisten re. gab, so gibt es heute auch Zionisten und unser Doktor ist auf bestem Wege .... Mme. de la Croix: Ein braver Jude zu werden! Ein Volk das sich selbst seiner Ideale beraubt, hat sich schon längst aus der Reihe der Nationen gestrichen. — Ohne Vorbereitung gibt es aber keine siegreiche Schlacht, — darum Mut, Mut und Ausdauer! Adieu eitere Madame, au revoir mon eher Docteur! (Ab.) Mm e. Kahen: Herr Doktor! — Ich bin wirklich erstaunt, daß Sie hier ein Thema berühren, das am wenigsten für Mme. de la Croix Anziehendes hätte. — Sie weiß ganz gut, daß wir Israeliten sind, — ist aber viel zu delikat um dies merken zu lassen. — Es ist auch bester so! — Hier sind wir Franzosen . . . von dem Tage an, da wir unser Parteiprogramm der Oeffentlichkeit übergaben, wurde letzteres in allen Lagern des jüdische» Parteilebens zum Gegenstände von Debatten und Diskussionen gemacht. Es ergieng hierbei unserem Programme genau so, wie jedem neuen Gedanken, der berufen ist, der Gesamtheit eines Volkes und nicht nur einzelner Teile desselben neue Bahnen und Bewegungsrichtungen vorzuzeichnen. Die Vernünftigeren und Ernsteren haben das Programm entweder in seiner Gänze akzeptiert »nd ihre politische Tätigkeit darnach gerichtet, oder sie haben einzelne, nach ihrem Dafürhalten gute und durchführbare Teile offen als gut anerkannt und sie im Rahmen ihres eigenen Gesamtprogrammes teils bereits in die Praxis umgesetzt und teils deren praktische Durchführung angestrebt Uliv vorbereitet. Hauptsächlich bezieht sich dies auf denjenigen Teil unseres ProgrammrS, den wir mit den Sammelnamen „Realpolitik und Gegenwartsarbeit" bezeichnen. Ein anderer Teil — wir sprechen immer von nationalgesinnten Juden — näherte sich unserem Programme wohl mit der besten Absicht, aber nicht mit der genügenden Kenntnis der Verhältnisse, welchen eS angepaßt wurde. Diesen mußte manches in unserem Programme und manche unserer politischen Aktionen unverständlich bleiben. Anstatt aber, wie eS die Logik diktiert, in solchen Fällen aus den Verhältnissen und .politischen Zuständen heraus sich den Kommentar zu holen, setzen sie sich hin und schreiben selbst einenKomnientar zudenihnen unverständlich dünkend enErscheinung en. Solche Kommentare haben alle ein gemeinsames Merkmal : sie erläiiteru nicht, sondern verdunkeln auch dasjenige, was ganz klar ist. Zwei in jüngster Zeit, in zwei verschiedenen jüdischere Blättern erschienene Artikel haben uns zu obigen Betrachtungen veranlaßt. Der eine Aufsatz erschien im Warschauer „Hazof e h" und stammt aus der Feder I. A. Lubetzky s. Wir haben gewiß keinen Grund bei Herrn Lubetzky eine Bö»- willigkeit vorauszusetzen. Aber welche krasse Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse spricht da nicht aus dem Artikel: „VereinslebeninWien!" Aber, daß er uns in den Augen seiner russischen Landsleute einfach als „Abwehrpolitiker" hinstellt, oder wie er sich ausdrückt, wir feien zum „Gilgul" der Männer der Abwehrpolitik geworden, das können wir ihm nicht verzeihen. War es doch gerade die Erkenntnis dessen, daß die „Abwehr" der feindlichen Angriffe, in der bisherigen Form weder nützt, noch auch eines selbstbewußten Volkes würdig ist, welche uns in unseren Aktionen stets geleitet hat! „WaS anderes ist die „Jüdische Bolkspartei" in Oesterreich", fragt Lubetzky, »als die „Abwehr" in moderner Form? Diese freuten sich, wenn es ihnen gelang, in Zeitungen unsere Verleumder zu widerlegen, und jene freuen sich, wenn sie in die Lage kommen, ihre Doktor Halevy: Juden blos auf dem F r i ed h o f e, nicht wahr? — Ich wünsche jedoch anch unter den lebenden Stammesgenossen meinen Platz zu haben und wenn auch ich aus dem Elsaß komme, so habe ich mein Judentum nicht dort zurückgelassen. — Es darf nicht mehr als Tat betrachtet werden, wenn man sich offen als Jude bekennt. Mme Kahen: Aber ich habe ja nur gemeint . . . . Doktor Halevy: Sie werden in den Häusern der jüdischen haute finance bald ernstere Gespräche vernehmen, dort wo man es als besonderen Chik betrachtete, die Namen der beliebtesten Hunde zu kennen, so daß man z. B. wiffen mußte, daß der Hund der Herzogin von Uzes „Ali", der der Herzogin de NoiailleS „Cnre-Dent" heißr, während man von einem großen leidenden Volke, daß man besser kenne» sollte, gar nicht reden darf; falls ich bei einem Ihrer Diners zu einem Toaste aufgefordert werden sollte, so ist Gefahr vorhanden, daß ich inmitten Ihrer Generäle, Ihrer Senatoren rufe: „Vive Sion“, ja „Hoch Zion", Madame! Herr Kahen (eintretend): Das wird schon bedenklich, also auch Sie Herr Doktor! Doktor Havery: Ich beginne erst! Was gibt es denn Neues? Herr Kahen: Bin verstimmt, die Rente stieg um 2 Prozent und ich bin sie schuldig! — Doktor Halevy (auf der Treppe): Die Rente steigt, dies schmerzt Herrn Kahen — den Patrioten. II. Rue d’ H a u t e v i 11 e Nr. 19. Mr. Loeb: Sind Briefe gekommen? Mm e. Lo eb: Ja, von Wertheimer, von Bonvier.... und noch etlvas, eine Einladung zu einer Versammlung . . .

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