Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. November 1901 Statte 3 daß Palüfitn» allein drei Millionen Einwanderer bei geeigneter Verteilung durch Bodenbearbeitung und Industrie eine geficherte Existenz zu biete» vermöge. Prof. Gar. S « x q betonte die Tatsache, daß das heilige Land ein Gartenland sei, daß diejenige» Zweige de- Ackerbaues, welche dort a« reichste» lohne», der Gemüse- und der Obstba» in ihren verschiedenste» Formen seieu und daß gewisse Handelsgewächse, wie Wein, Tabak rc., auch die Seidenkultur sich ebenfalls sehr gut rentierten. Bei alle« diese» Kulturarbeiten kämme aber der Landwirt mit verhältui-mäßig wenig Boden aus und dasselbe Grundstück ernähre natürgemäß viel mehr Arbeiter, als bei der große« Kultur, dem Getreide- oder gar dem Kartoffelbau. Dadurch sei eine ungleich dichtere Bevölkerung imstande, ihre Existenz zu finden. Redner belegte alle diese Ausführungen mit Ziffer» und gab zum Schlüsse Beispiele aus de» gegenwärtigen jüdische» n»d deutschen Kolonien, welche die außerordentliche Rentabilität des Weinbaues, der Orangeu-Kultnr rc. Nachweisen. Alsdann besprach der Vortragende die Aufgaben; die speziell des ,CSra" harrten, die Gründung neuer Kolonien, sowie verschiedener Versuchs- Stationen, auf denen durch immer fortgesetzte Experimente für die zukünftige Tätigkeit die besten Voraussetzungen herauSzufinden seien. An die beiden Vorträge schloß sich eine kurze Diskussion. Herr Estermaun polemisierte von dem Standpunkte deS offiziellen Zionismus gegen Dr. N o s s i g S Ausführungen, hob aber mit allem Nachdruck hervor, daß die Bestrebungen des „dixa" dis wärmste Unterstützung verdienen. Herr W. B a m b u S-Berlin machte einige Mitteiluagsn über die spezielle Tätigkeit des „Esra". Herr Redakteur Levinsohn sprach in demselben Sinne wie Herr Eft er mann, empfahl aber auch seinerseits den ^Esra" der tatkräftigen Förderung aller Anwesenden. Herr Dr. Rossig wies in seine« Schlußworte den Borwurf energisch, zurück, als babe er den Zionismus oder dessen Führer angreifen wollen oder gar dies in persönlicher Weise getan. Nahezu einstimmig wurden sodann die drei von der Berliner „Versammlung der Palästina-Frennde" beschlossenen Resolutionen angenommen, und da auch dreißig neue Mitglieder beitraten, so darf der „Esra" mit dem Erfolge des Abends wohl zufrieden sein. * Breslau. Jüngst fand Hierselbst im großen Saale der Lcssmg-Loge eine Don dem Lokal-Verband des „E s r a, V e r e i n s zue U n t e r st ü tz u n g ackerbautreibender Juden i n P a l ä st i n a" einberufeue, ungewöhnlich zahlreich besuchte ö s f e n t l i ch c V e t s a m m lung statt, welche sich zu einer -imposanten .Kundgebung jüdischen Lebens in Breslau gestaltet und von dem wachsenden Interesse, desseir der Verein „Esra" und die Kolonisation Palästinas überhaupt auch hier sich erfreut, wohltuendes Zeugnis abgelegt hat. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, und noch immer strömte Publikum hinzu, das keinen Einlaß mehr finden konnte. Es dürften tvohl nahezu füilfhundert Personen., anwesend gewesen sein, die bcn besten Kreisen nuferer. Gemeinde angehörten, an.Ihrer Spitze die'Herren Rabbiner DL.' Rosenthal und Dr. Gnttmairn, sämtliche Dozenten des jüdisch-theologischen Seminarstz Mitglieder des Repräsentaichen- Kolleginms usto. usw.; die zionistische Bereinigung hatte sich vollzählig eingefnnden. Auch die zahlreich erschienenen Damen folgten den Vorträgen mit sichtlich lebhaftem Interesse. Der Vorsitzende des Lokal-Verbandes, Herr Prof. Dr. Badt., eröffnete die Versammlnng mit einer kurzen Ansprache, in ivelcher er die erfreuliche Entwicklung des palästinensischen Besiedlnngsivcrkes skizzierte, in Anlehnung an eine» Ausspruch Theodor Momms ens eine rationelle 5lolonisation als das.-wirksamste Atittel zur Linderung der- Jndennot bezeiehnete und zuin Schlüsse den Referenten des Abends für die Bereitwilligkeit, mit ivelcher sie der Einladung des Verbands- Vorstandes gefolgt seien, warme» Dank Ividmeke. Hierauf ergriff Herr D a v-i s T r i e t s ch - Berlin, als Vertreter des Breslauer Zrveigpereins auf dem Delegiertentage das Wort, um. zunächst über den bisherigen. Werdegang und das imposante Aufblühen des. „Esra" zu berichte» und sodann seine Ideen über die »vetteren Aufgaben des Vereins, soivie über die Mittel, ivelche demselben eine selbstständige Tätigkeit größeren tbraßstabes in Palästina nameirtlich nach der industriellen illichumg hin Ermöglichen ivnrde, zu entivickeln. Rach diesen sehr beifällig aufg'eiiomineiien Ausführungen betrat Herr Dr. A l f r e d N o s s i g - Berlin die Rednertribüne. In mehr als einstündigem Vortrage beleuchtete er die Hauptprobleme der jüdischen Kolonisakionsarbeit, die kolonialteehnischen Systeme, zloisehen denen heute eine Wahl zu treffen sei, und entrollte ein großzügiges Programm der iveitereu Palästina-Besiedlung auf Grund einer gemeinsame» Wirksamkeit aller in Betracht konnnenden jüdischen Organisationen. Dementsprechend behandelte Redner den Gegenstand nicht nur unter dem Gesichtspunkte eigentlicher Kolonisations-Vereine, sondern auch unter dem der anderen im heiligen Lande tätigen Gruppen, insbesondere des ZionismnS. Der mit regem Interesse ausgenommene Vortrag gipfelte in drei, die. energische Fortsetzung einer planmäßigen Kolonisations-Tätigkeit unter dauerndem Znsaminenschlnß aller Palästina-Faktoren empfehlenden Resolutionen, ivelche, ivie Berlin und Hamburg, znm Schluß der Versammlung einstimmig angenommen wurden. Lebhaften Widerhall fand die kernige Ansprache deS Herrn Rabbiners Dr. Gn ltmailn, der bou Ansführnngen Dr. NossigS Polle Aneekennnng anssprach, es ihm aper znm. Vorivnrf machte, daß er in seinem Vortrage allzusehr den zionistischen Standpunkt ins Auge gefaßt habe. Alle Palästina-Frennde, alle, die ein Herz für unsere verfolgten, heiniatlosen Brüder haben, hätten ein gleiches Rechl und die gleiche Pflicht, an dem Kolonisa.tionS- und Reltnngs werke lnitznarbeite», und die heutige imposante Versammlung, die sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl ans Nicht-Zionisten znsrnnmc»setze, bilde den. Beiveis, daß Inden, aller Anschannngen diesem gemeinsamen Wjerke das ivärmste Interesse eiitgegenbringen. Als letzter Redner üb ebb rächte Dr. H i P s ch H i l d e s h e i m e r - Berlin zunächst die Grüße des Zentral-Koinilees des 'Vereins „Esra" und der Propaganda-Kommission des Zentralkomitees des „Choiveive Zion", um sodann die nach langjährigen Kämpfen immer großartiger, immer ü l> e r r a s ch e »der s i ch g e st a l t e n d e n Erfolge der Kolonisation Palästinas und den Anteil, den der „Esra" daran genommen, zu schildern. Redner berivies tut Ein- , zelneir ans die bedeutsame Tatsache, daß der Absatz des hanptsäeh- , lichsten Knltnrobjettes, der des Weines, und daiiiit die Existenz der , 2300 vom Rebentzan lebende» Kolonisten gesichert sei, daß 1 seit diesem Jahre die Orangen-Pflanznngen zu tragen begannen, | däß der fast in allen jüdischen Dörfern gebaute Tabak sich bereits ( eine» Markt erobert habe, daß in kurzer Zeit auch die Mandelj und Dlivenbänme, die Obstplanpagen überhaupt, Früchte briligen, und. daß die Gr,niiw Anlage» soivie erst eine Konservenfabrik er- I richtet sei, reichlich lohnen iverden. Der Seidrnranpen-Ban habe t sich borzüglich beivährt; die Spinnerei in Nischen le Zion brachte m im Vorjahre einen Geivinn-Erlrag Non über 2«) (inn Francs. Auch < die (heireidebanern, ivelche ihre Ernte mit kteichligteit im Winde t L_ selbst absetzten, seien über alle Schivierigkeiten hiniveg, ivie ja die I ' Kolonisten von Jamma und Mescha (bei Liberias) schon im zweiten Jahre ihrer Ansiedlllng zu voller Selbständigkeit gelangten. Bei aller Vorsicht tutb Zurückhaltung dürfte ans das Nachdrücklichste behauptet iverden, daß die Krise, ivelche die Kolonisation Palästinas gleich alleii Unternehmungen dieser Art durchgemacht hak, vollständig überivuildeu ist, daß auch der skeptischeste Beurteiler heute in die bevorzugte Eignnng des heiligen Landes zu Kolonisationszivcckeu nnd somit als sichere Heimstätte für Misere ziir Answanderiing gezwiiiigelieir Brüder keineii Zweifel mehr setzen dürfe. Angesichts dieser nnbeslreilbareii Tatsache habe die Propaganda-Kommission nnd nlit ihr das Zentralkomitee des „Esra" eine verstärkte Wiederaufnahme ihrer Wirksamkeit als berechtigt nnd deshalb als geboten erkaiiiit. Ein iveiteres Moment koninie hinzu, «in die Anspannnng aller Kräfte als eine der eriislesteii, heiligsten Pflichten der Gegeiiivart erseheiiien zu lasseii, der keiner in iniserec Mitte sich enkziehcii dürfe: der von Tag zu Tag in. immer bedrohlicherer Steigerung sich verschärfeiide Jainmer und die Notivcndigkeit, denselben zu linderii. Gleichviel, in welehcni Umfange der „Esra" an diesem Rettnngswerke mitznarbeiten vermag, bei der Grüße niid der Wichtigkeit dieses Werkes müsse jobbe ihm dienende Organisation ihr Höchstes zu leisten versiichen und erhalte alles, ivas vollbracht wird, seine Bedeiituiig. Von dem brennenden Verlangen geleitet, seiner Aufgabe in erhöhtem Maße gerecht zii werden, verdopple der Verein „Esra" seine Bemühungen, dcii Kreis feiner Freunde und damit sein Leistungsvermögen zii steigern. Diesem. Zwecke gelte die hentige Versammlung, nnd der beivährte Opfcrsinn Der Breslauer Judcnhcit bilde die sichere Geivähr, daß dieser Zweck voll niid ganz erreicht ivcrdeii ivird. Nach einem warmen Apell aii die Anwesenden, denr „Esra" niid dem Palästina-Werke ihr Interesse zii betätigen, schloß Herr Prof. B a d t die Versammlung, deren Vedentiing dadurch erhöht Ivurde, daß ein stattlicher Kreis neuer Freunde, die ihm. bisher fernftanben, sich dem „Esra" anschlossen. RexeS aus Palästina. Kurze Zeit nach den Feiertage» hielt das große Organisations-Komitee in Jaffa eine Sitzung ab, in welcher verschiedene die Juden Palästinas betreffende Angelegenheiten bespreche« wurde«. Nach ErSffouug der Sitzung verlas der Schriftführer-Stellvertreter, Herr E i s«n b e r g den Rechenschaftsbericht der Organisation, worauf einstimmig beschlossen wurde, an das Odessaer Komitee und an Herrn U s s i s ch k t n, dem Begründer der Organisation Begrüßungstelsgramme abzusenden. Dem Berichte entnehmen wir folgendes: In bezug auf den Vorschlag des Herrn L e v o n t i n, Direktor der Nationalbank in I a f'f a, in alle« Städten de» Landes kleine Kreditinstitute zn gründen, welche gegen, mäßige Zinsen Darlehen gewähren würden, wurde beschlossen, das detaillierte Projekt des Herrn L etz o nt in einen Komitee behufs Prüfung und baldiger Durchführung zu überweisen. Außer den bereits gegründeten Unternehmungen zur Verarbeitung deS Olivcnholzes, wurde die Frage studiert, auf welche Weise die Lage der jüdischen Schuhmacher. gebessert werden könnte. Das Aktions-Komitee ist nach eingehenden Studien zur Ueberzeugung gelangt, daß es möglich^ wkfte, für die Erzeugnisse fabriksmäßig betriebener Schuhwarrrrepzeugung sowohl i« Jerusalem, ‘ wie auch im Auslande lohnWde Absatzgebiete zu finden. Für Ja ffa selbst wurde beschlössen,'di« Juden mit den Korbflechtarbeiten, welche'"bis jetzt ausschließlich iu den Händen der Nichtjsden lagenp vertraut zu machen, und so den Juden einen neuen, lohneuden Erwerbszweig zu eröffnen. Behufs Studiums aller dieser Vorschläge, wurden besondere, aus Fachmännern bestehende Kommissionen entsendet. Ferner wurden folgende Beschlüsse gefaßt: In den einzelnen Bezirks- Kommissionen, wird ein Tag in der Woche als Parteien- und Anskunftstag festgesetzt, an welchem den Parteien eventuell gewünschte Auskünfte und Ratschläge unentgelilich gegeben werden. Die Protokolle über die wichtigen Angelegenheiten, sollen in den Zeitungen vollinhaltlich und dem Sachverhalte entsprechend abgedrnckt werden, damit das große Publikum auf diese Weise auch die Ansichten der Minorität erfahre. Den Bezirks-Kommissionen obliegt die Pflicht, alle auf die Hebung des Arbeitsniveaus abzielenden Vorkehrungen mit allen Mitteln zu unterstützen, und. auch selbst zu solchen die Initiative zu geben, sowie auch die Propaganda zur Anwerbung von Mitgliedern rc. zu leiten. Die Schriftführer der Organisation haben es übernommen, die Frage des Zehents in allen seinen Phasen zu studieren und auf Grund ihrer Erfahrungen Vorschläge zur Erleichterung dieser Steuerpflicht zu machen. Ferner soll eine Hausindustrie geschaffen werden, welche sich je nach den Bedürsnissni der einzelnen Gegenden entsprechend gestalten wird. Die Herren S t a m p e r, L i b o w i tz und E i s e n b e r g haben die Aufgabe übernommen, Vorschläge wegen Gründung allgemeiner Arbeitshäuser zu unterbreiten, in welchen die Kolonistenkinder in ihrer schulfreien Zeit fich in allen mit dem Ackerbau in Zusammenhang stehenden Arbeiten vervollkommnen und solche leichtere Arbeiten erlernen können, welche dem Landwirte in seinen freien Stunden nützliche Beschäftigung bieten. Außer, den angeführten Beschlüssen wurden noch eine ganze Menge, segensreicher und nützlicher Anregungen eingebracht und zum guten Teile zum Beschlüsse erhoben. Die Organisation rechnet bei Ausführung ihrer Beschlüsse auf die Unterstützung aller Fremlde der skolvnisation Palästinas, und erwartet in dieser Beziehung hauptsächlich vom Odessaer Komitee die kräftigste Unterstützung. Große Frende verursachte die telegraphische Mitteilung des Berlincr Vereines „Esra" an den Leiter der Lümelschule in Jernsale m, Ephraim K o h n, daß der »Gsra" die Kosten für einen Kindergarten und auch die 5kvsten des Lehrerseminars votiert habe. Die Ouarantaine über B et h-Lechem wurde aufgehoben; die Bewohner litten nngemeiu viel unter dieser Maßregel, welche sie von dem Verkehre mit der Außenwelt ganz abgeschlossen hatte. Bekanntlich existiert im Tambower Gouvernement in Rußland eine ziemlich zahlreiche Sekte sogenannte Bauern ge r t m. Viele dieser Neophiten wandern nach Palästina ans, um sich daselbst anzusiedeln. Vor einiger Zeit ist nun ein Trupp solcher „Gerim" nach Rußland znrückgereist, da sie im heiligen Lande keine Arbeit fanden. Hiezn schreibt „Der Freund": Bor einigen Tagen kamen zwei solcher ans Palästina zurückgekehrter Neophiten zum Odessaer Rabbiner, und baten ihn n« ri»e Unterstützung, um ihre Heimreise fortsetzen z« können. Sie seien nach Palästina gegangen, um den Sabbath hatten zu können, deshalb hatte» sie a«ch in de» dortigen Fabriken keine Arbeit nehmen wollen. Eie wohnten längere Zeit i« Jericho, Ware« da»» abwechselnd in allen Kolonien, und hätten nirgends entsprechende Arbeit gefunden, weshalb sie es vorzoge« «ach Rußland zurückzukehren. » In den letzten Tagen weilte der Eigentümer des „DaUy Telegraph", Herr Wolf, in Petersburg. Wie «ua erzählt wird, war der Hauptzweck seiner Reise nach Rußland der W«nsch, sich mit der Lage der russischen Juden und mit der Stimmung der russischen Regierung gegen ihre jüdischen Untertanen bekannt zu machen. Am 25. Oktober wurde Herr Wolf von dem Minister des Innern, Herrn von Plehwe, empfangen and er hatte mit ihm sine längere Unterredung. Wie zu erwarten war, bemühte fich der russische Minister, de» englischen Journalisten zu überzeugen, daß die Beziehungen der russischen Regierung zu den Juden die allerhumansten seien, und er wies besonders darauf hin, daß er persönlich keinerlei feindliche Gefühle gegen seine Mitbürger jüdischen Glaubens hege; im Gegenteil strebe er danach, ihre Lage zu erleichtern, zu welchem Zwecke in dem ihm unterstellten Ministerium entsprechende Projekte bereits ausgearbeitet würden. Auf die Entgegnung Herrn Wolfs, daß die große Masse der jüdischen Bevölkerung sich in einer traurigen Lage und in vollständiger Rechtlosigkeit befinde, antwortete Herr v. P l e h w e, daß die Rechtsbeschränkungen durch die Notwendigkeit Hervorgerufe« würden, und daß für die Juden der beste AnSweg — die Auswanderung sei. Herr Wolf zweifelte an der Wirksamkeit dieser Maßregel und bemerkte, daß Rußland, ivenn es die Juden zur Auswanderung kn andere Länder zwinge, sich eiue Menge Feinde im Auslande schaffe. Davon habe Rußland fich unlängst überzeugen können, als das Blutbad von Kischenew eine starke Erregung der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten hervorrief, die bis dahin stets im freundschaftlichsten Verhältnis zu Rußland gestanden hätten. Indessen, so fügte Herr Wolf hinzu, ließe sich doch in Rußland genügend Raum für alle russischen Untertanen finden, z. B. sei eS nicht zu verstehen, warum die Regierung die Einwanderung in die Mandschurei verbiete. Augenscheinlich sei es notwendig, in diesem Gebiete eine russische Industrie zu schaffen, es in ökonomischer Beziehung zu beleben, und zu diesem Zwecke würden die Juden ein sehr brauchbares Element abgeben. Herr von Plehwe zeigte sich sehr erfteut üder diesen Gedanken. „Das ist eine gute Idee," soll er bemerkt haben, „das muß besprochen werden, wenn Generaladjutant A l e x e j e w hierherkommt." Veäerernc». .... : .... - - ■ » ' - ■ Russische Paßbeftimrmmgerr für Ausländer Aus Petersburg wird gemeldet, daß für in Rußland lebende Ausländer diese Woche eine neue Paßbestimmung in Kraft tritt. Danach müssen die Ausländer beim Ueberschreiten der Grenze nach dem Auslande jedesmal für das Polizeivisum fünf Rubel zugunsten der Gesellschaft vom . Roten Kreuz erlegen. Die jüdischen Kolonien in Rußland. Alle jüdischen Kolonien, welche sich im vierten, Rayon des Chersoner Gouvernements befinden, wurden, wie „Der Freund" meldet mit neuen Volksschulhäusern versehen. In den Kolonien Novokovna, Novo-Wittebsk, Novo-Podolsk und Jslukschista sind die neuen Häuser bereits fertiggestellt und kommissionell übernommen worden. Die Kommission bestand aus dem Verwalter der Krongüter im Chersoner Gouvernement, dem Oberaufseher der Kolonien, einem Beamten des Ministeriums für Landwirtschaft und zwei Architekten. Die Wiener Gemeinderahbrner. ii. J. Kr. Zufolge eines Versehens des Setzers am Schluffe unseres vorigen Artikels, sehen wir uns veranlaßt, die betreffenden Texte der Jellinekffchen und der G r u n w a l d'schen Rede hier nochmals richtig festzustellen. Sie lauten: Dr. Jellinek (Siehe Predig- Dr. Grunwald : ten, Wien, 1803, 2. Bd.. S. 12): Es war vor 14 Jahren, am 27. Dezember, da betrat in der Hauptstadt Frankreichs einer der berühmtesten, mächtigsten Prediger (L a c o r d a i r e) die Kanzel und predigte von den Juderr. Wovon sp racher? Von ihrer Schlauheit, ihrem Gojimhaß, ihrer Blutdurst, ihrer Verworfenheit, ihrem Fluche? O n e i n! Er bewies seinen Zuhörern, daß das jüdische Volk die wunderbarste, soziale und religiöse Schöpfung des Altertums ist ... . Ein gefeierter russischer Kirchenfürst, Erzbischof N i k a n o r von Cherson und Odessa predigte im September 1889 (also auch vor 14 Jahren) über die Juden. Was sagte er von ihnen? Erzählte er von ihrer Verworfenheil? ihrer Verderbnis? ihrer Arbeitsscheu? ihrem Wucher? ihrem Gojimhaß $ O nein! Er hielt sie seinen Zuhörern als Muster vor, empfahl ihre menschlichen und bürgerlichen Tugenden zur Nachahmung! . . . Der in unserem vorigen Artikel mitabgedruckte Schlußsatz: „Blicket hin auf die Juden und lernet von ihnen", den Dr. G r u n w a l d unterAnführungsz e i ch e n a l s d e n wirklichen Ausspruch des Fürsten Nikanor zitiert, konnte schlechterdings in der Rede Jellineks nicht enthalten sein. Aber dies ändert natürlich nichts an dem wirklichen Tatbestände! Ich beharre daher nach wie vor bei meiner Ansicht über diese Sache, ebenso darauf, daß Dr. Gr unwald g e r e ch t e r w e i se nicht nur den Schlußsatz sondern einen großen Teil jener Rede,