Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-11-27 · 48 (27.11.1903) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
48 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2433018--2195-2436035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 27. November 1903 Nr. 48 dem werde Herr Trietsch über Propaganda und Vorgänge in der letzten Zeit berichten. Der sebr eingehende Bericht I gelangte nunmehr zur Verlesung. Hierauf erhielt Herr Trietsch das Wort, der zunächst darauf hinwies, daß bie gegebene Zeit für Propaganda seit der erfolgten Eintragung der Genossenschaft (Mitte April 1903) nur eine sehr kurze gewesen, da bald darauf die Reisesaison eingesetzt habe; trotzdem sei der Erfolg ein zufriedenstellender gewesen. Jetzt könne die Agitation wieder ausgenommen werden, namentlich habe sich in“ BreSlau, wo allerdings die Propaganda in ausgedehnterem Maße betrieben worden sei, sehr reges Interesse gezeigt. So haben in einer kürzlich von den Herren Professor Dr. Badt und Rittergutsbesitzer Dr. Paul Schottländer einberufenen Besprechung im kleineren Kreise eine Anzahl der hervorragendsten dortigen Juden sich mit den Zielen der Gesellschaft bekannt gemacht und dürfte in kurzem eine rege Beteiligung erfolgen. Die Aussicht auf baldigen Beginn der praktischen Tätigkeit habe veranlaßt, sich wegen Erwerbs von Land mit verschiedenen Behörden, privaten Gesellschaften rc. in Verbindung zu setzen; die Verhandlungen schweben noch zur Zeit, und es sei daher nicht opportun, sich hierüber des näheren auszulasien, zumal gewisse Treibereien gegen die Gesellschaft zur äußersten Vorsicht mahnen. Nur ein von der cyprischenRegierung gerade ein gelaufenes Schreiben könne bereits zur Verlesung gelangen. Dasselbe hat folgenden Wortlaut: „Ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß ich beauftragt bin, auf Ihr Schreiben vom 3. Juli 1903 mit der Anfrage, zu welchen Preisen und Bedingungen eine Kolonisationsgesellschaft die StaatSländereien in der östlichen Messaoria erwerben könnte, zu erwidern: „daß die Regierungsländereien im Ausmaße von ca. 3000 Acres (1200 Hektar) jetzt zu einem Preise von 6 Pfd. St. per Acre (gleich 300 M. per Hektar) zu verkaufen sind unter der Bedingung, daß das Land innerhalb einer noch zu vereinbarenden Zeit unter Kultur genommen wird." „Die Hälfte des Kaufgeldes wäre bei Abschluß und der Rest in zwei Jahresraten zu zahlen. Die Ländereien würden soweit als möglich in Blocks von 500 Acres (200 Hektar) verkauft werden." „Ich habe die Ehre . . . . rc." Ueber die in obigem Schreiben erwähnten Ländereien sagt der letzte Jahresbericht von Cypern pro 1901—1902 auf Seite 28: „Die Abgrenzung und Vermessung der Staatsländereien im Bewässerungsdistrikt der östlichen Messaoria ist vollendet, und die Regierung ist bereit, dieselben jetzt zu einem angemessenen Preise zu verkaufen. Das Gesamtareal beträgt hier 4350 Acres, die drainiert sind und aus den kürzlich angelegten Reservoirs bewässert werden können. Der eben im Bau begriffene Hafen von Famagusta und die projektierte Bahn, die diese Ländereien berühren wird, sollten sie außerordentlich wertvoll machen/ Was den Preis betrifft, so läßt sich vor genauer und sachkundiger Prüfung ein definitives Urteil natürlich nicht fällen. Hier sei nur erwähnt, daß es das beste Land in Cypern zu sein scheint, sowohl in Bezug auf Boden, als sicherlich in Bezug auf die Lage (an Wasserwerk, Stadt, Hafen und Bahn). Voraussichtlich eignet sich auch der Boden zur Baumwollkultur. Solches Land erzielt in Aegypten zur Zeit den fünfzehnfachen Preis, und zwar bei steigender Tendenz. Schließlich sei noch gesagt, daß andere cyprische Offerten (darunter eine von der englischen Gesellschaft und mehrere von der Banque Ottomane sowie von Privateigentümern) vorliegen und erheblich billiger sind: 5 Pfd. St. uud weniger per Hektar für Güter mit Gebäuden, Pflanzungen rc. Die Regierungsofferte dürfte sich bei event. Verhandlungen auch wohl noch billiger gestalte» lassen. Keineswegs ist Beschluß oder Kauf ohne Hinzuziehung von Experten beabsichtigt. Eine Antwort des englischen Kolonial-Amtes in London, wohin die Gesellschaft sich gleichfalls gewandt, steht noch aus. Der gegenwärtige Stand der Gesellschaft verspreche Günstiges für die Zukunft, um so mehr, als auch in finanzieller Hinsicht Schritte eingeleitet worden sind. Auf Anregung des Herrn Schachtel, Breslau, entspinnt sich nun eine sehr lebhafte Diskussion bezüglich der Niederlegung der Aemter der Herren Dr. Franz Oppenheimer und Ludwig Behr. Nach eingehender Aussprache hierüber erklärt Herr Dr. Oppenheimer, daß die Gründe seiner Amtsniederlegung rein persönlicher Natur seien und nichts mit den Prinzipien der Kolonisations-Gesellschaft zu tun haben, die ja unter seiner Mitwirkung und nach seinen Ideen begründet sei. Er stehe der Gesellschaft noch durchaus sympathisch gegenüber und habe seine Stellung der Sache gegenüber keineswegs geändert; er werde so weit ihm möglich auch ferner derselben seine Kräfte widmen. Herr Behr präzisiert seine Stellungsnahme dahin, daß nicht etwa Gründe innerer Natur ihn zur Niederlegung seines Amtes veranlaßt haben. Er stelle vielmehr ausdrücklich fest, daß durch den Einblick, den er in die Verwaltung rc. gewonnen, er sich nur anerkennend aussprechen könne. Er habe sein Amt niegergelegt, weil er der Ansicht sei, daß die Gesellschaft in Gegensatz zu seinen zionistischen Ueberzeugungen geraten sei, was eine Mitarbeiterschaft seinerseits ausschließen würde. Herr Feiwel stellt nunmehr den Antrag, um allen ferneren Treibereien, die die Gesellschaft schädigen, die Spitze abzubrechen, daß in der breiten Oeffentlichkeit die Gründe dargelegt werden, die Herrn Dr. Franz Oppenheimer zur Niederlegung seines Amtes bewogen haben. Herr Dr. Oppenheimer wiederholt seine frühere Darlegung und erklärt sich bereit, diese Klarstellung nochmals in der Presse zu publizieren. Zu Punkt 2 der Tagesordnung übergehend, Statuten-, änderung betreffend, sind diese, wie der Vorstand ausdrücklich betout, lediglich Zweckmäßigkeitsgründen entsprungen, namentlich aber auch dem Bestreben, der Genossenschaft eine stetige Entwicklung zu sichern. Die Aenderungen wurden einstimmig angenommen. Punkt 3 der Tagesordnung: Beschlußfassung über Landerwerb und Erteilung der nötigen Vollmachten fand durch folgenden Beschluß seine Erledigung: Die Generalversammlung beauftragt den Vorstand uud Aufsichtsrat unter Hinzuziehung der ausgetretenen Mitglieder des letzteren, in gemeinsamer Sitzung die Bedingungen «pd ^..Kautelen festzustellen, unter denen sie auf Landerwerb bezüglli^e Abschlüsse vornehmen lassen. Bezüglich.Punkt 4, Beschlußfassung über Entschädigung des Vorstandes, wurde beschlossen: Die Generalversammlung beauftragt den Vorstand und Aufsichtsrat, in gemeinsamer Sitzung die au Mitglieder des Vorstandes zu zahlenden Entschädigungen festzustrllen. Punkt 5: Beschlußfassung über weitere Arbeit und Propaganda fand seine Erledigung durch den Beschluß, diese gleichfalls in gemeinsamer Sitzung dem Vorstande und Auffichtsrate z» überlassen. Bei Punkt 6. Neuwahlen betreffend, wurde in der Zusammensetzung des Vorstandes nichts geändert. Die Neuwahlen des Aufsichtsrates ergaben das Resultat, daß Herr Ludwig Behr sein Amt bis zur ordentlichen Generalversammlung weiter übernimmt; neu wurden gewählt, und zwar mit den noch anwesenden 11 Stimmen, Herr Jacob Salomon ElzholS, Berlin, und Herr Hugo Schachtel zu Breölau. Zu Gventualia Punkt 7 wurde die Herstellung des Anteilscheines urgiert, worauf der Vorstand versprach, diezu beschleunigen. Hiermit schloß die Sitzung nachmittags 4 Uhr. * Wenngleich durch die in der Versammlung erfolgte Aussprache eine Klarstellung der inneren Vorgänge erfolgt ist, so sieht sich doch der Vorstand veranlaßt, folgendes ausdrücklich zu konstatieren: Die Genossenschaft steht als solche auf durchaus neutralem Boden. Sie will alle Kreise der Judenschaft, gleichviel welchen politischen oder religiösen Richtnngen dieselben angehören mögen, zur Mitarbeit an ihrem sozialen Hilfswerke heranziehen. Das gesteckte Ziel ist, durch genossenschaftliche Kolonisation im Orient wirtschaftlich schwachen oder verfolgten Juden den Weg zur Selbständigkeit zu ebnen. Was schließlich die bisher gegen die Gesellschaft in der Oeffentlichkeit verbreiteten Kombinationen rc. rc. betrifft, so beruhen dieselbe« teils auf Unkenntnis, teils auf böswilligen Unterstellungen, gegen die wir in Zukunft mit allen uns zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln »inschreiten werden. * Kolorrisatiorrszionismtts. In Hamburg fand eine gut besuchte Versammlung des Lokal-Verbandes des „Esra, Vereines zur Unterstützung ackerbautreibender Juden i« Palästina und Syrien" statt. Der Vorsitzende, Herr Moritz S. Wolfs, führte die beiden Redner des Abends, Herrn Dr. Adolf N o s s i g und Herrn Prof. Marburg aus Berlin ein und wies sodann auf die Aufgaben des Vereines „Esra" hin, zu deren Erfüllung er die Hilfe der Anwesenden erbitte. Herr Dr. N o s s i g entwickelte ineinem mehr als einstündigen Vortrage das großangelegte Kolonisations- Programm. Er gab eine Geschichte der Kolonisation, um die Fehler zu zeigen, die bei der Begründuug der ersten Ansiedlungen gemacht wurden und bei weiterer Arbeit vermieden werden müßten, zeigte, wie notwendig es bald sein würde, die Kolonisation, entsprechend de« Statut des „Esra" auch auf Syrien auSzudehnen, eventuell auch andere Nebenländer heranzuziehen, und daß vor allem die städtische Tätigkeit, Industrie, Handwerk und Handel bei den Juden im Orient zu fördern seien. Der Vortragende polemisierte gegen die Auffassung. als ob das Scheitern der politischen Verhandlungen des Herrn Dr. H e r z l mit dem Sultan irgend einen Einfluß auf den Fortgang der Kleinkolonisation im heiligen Lande habe; im Gegenteil breche sich auch innerhalb der zionistischen Kreise immer mehr die Einsicht Bahn, daß jede Unternehmung mit der Kleinkolonisation zu beginnen habe. Selbst Herr Dr. Franz Opvenheimer, der kolonialtechnische Sachverständige des Zionismus, gebe dies zu, denn sein Referat auf dem sechsten Kongresse sei ebenfalls eine Ausführung der Kleinkolonisafion gewesen. Endlich besprach Dr. Nossig das Ostafrika-Projekt, dessen Schattenseiten er kurz streifte, und empfahl eine Einigung aller für Palästinat ätigen Vereine, auch der zionistischen Organisationen, zu gemeinsamer Arbeit. Redner brachte am Schluffe seiner Ausführungen drei dahingehende Resolutionen in Vorschlag. In ganz ausgezeichneten, eindrucksvollen Darlegungen ging sodann Herr Prof. Marburg auf die Einzelheiten der Kolonisation in den Mittelmeerländer« im Allgemeine« und in Palästin ain Besonderen ein. Ziffermäßig wies er nach, wie viele ungezählte Millionen das Gebiet der asiatischen Türkei noch zu ernähren vermöge, vor dem Gerichte diejenige Stell u n g ein nimmt, die ihm nach dem Gesetze gebührt. Nach meiner prakj tischen Erfahrung findet der Jude sein Recht/) Es gibt dafür, nur die Einschränkung: Jeder Jude findet diejenige Geltung, weW er verdient. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir heute unter dem' Zeichen des mündlichen Verfahrens stehen. | Tie Parteien, der Zeuge, der Angeklagte, stehen dem Richter Aug' in Aug' gegenüber. Es ist also vor allem von ausschlag- * * gebender Bedeutung, in der Schule des Lebens zw erfahren, wie man einen guten Eindruck vor Gericht Hervorrufen kann. Sollte' sich ein Angeklagter in den raschen Wechselfällen einer Verhandlung ' von dem Richter verletzt fühlen, so soll er sich nach der Verhand-! lung fragen, ivelchem Umstande er diese Episode zu verdanken hat.' Bei strenger Selbstkritik wird er die Ursache in sich selbst finden.! Eine einzige Ausnahme bildet der Jude vor den G e s ch w o r n e n, aber nur in politischen Prozessen. Es ist wiederholt vorgekommen, datz der Jude von Geschwornen, wenn die sozialen Momente für ihn sprachen, genau so pardonniert wurde, wie der Ehrist.! Bei politischen Prozessen gibt es allerdings Ausnahmen. Diese Beobachtung führte auch zur Einbringung einer Novelle, die politi- | sche und Ehrenbeleidigungs-Prozesse dem Forum der Geschwornen entzieht. | Ist die Haltung des Juden vor Gericht immer die richtige? < Wenn ich mich nach einem klassischen Beispiel umsehe, so fällt mein Blick in erster Linie auf Shplok, eine Gestalt, die der unsterbliche | Dichter aus Erz geschaffen hat. Hatzuub rachsüchtig erscheint, Shylok vor den Schranken des Gerichtes. Er fordert das Pfund; Fleisch, nach dem Wortlaute der Vereinbarung.. „Er besteht auf seinem Scheine." Und als die Winkelzüge des falschen Richters das Recht beugen, bricht er haltlos zusammen. Bevor ich unter-| suche, ob Shakespeare die Gestalt des Juden richtig charak-' terisiext hat, tvill ich die Kommentare ztveicr berühmter Rechts- *) Diese optimistische Auffassung des Redners wurde in der auf den Vortrag folgenden Diskussion von mehreren Rednern unter Aufzähltmg von Fällen bestritten. Und wie wir glauben mit Recht.' Wir erinnern nur an den Justizmord im Falle H i l s n e r, der allch bcini Kassationshofe keilte Sühne fand. lehrer zitieren. I h e r i n g ninnnt sich Shyloks an. Er findet, datz er von einer großen ethischen Idee bewegt ist. „Shylok fordert nicht das Recht des Jude il, sondern das Recht Venedigs. Mächtig dehlie sich die Gestalt des schivachcn Mannes, wenn er schlietzlich unter der Wucht der Spitzfindigkeiten des Richters zusammenbricht. Wer kann sich des Gefühls erwehren, datz das Recht Venedigs gebrochen ist? Shylok ist die typische Figur des Juden, des Mittelalters, der vergeberls nach seinem Rechte schrie." I. Köhler dagegen findet, datz die Sympathien gegen Shylok sind. Es handelt sich ilicht darum, ob das Recht Venedigs geknickt wird, soildern der Dichter tvill inls den Kampf eines noch ungeschriebenen Rechtes gegen das gesatzte Recht vorführen und in dieseiu Kampfe siegt das ungeschriebene Recht. Shakespeare hat sich in der Schilderung Shyloks vergriffen. Wenn Shylok derjeilige Jude sein soll, der getviffermatzen aus allen Möglichkeiten heransdcstilliert tvllrde, so hat Shakespeare! den Juden falsch geschildert, nacC) dem Grundsätze, datz er ihm die Fehler, die er haben könnte, ilicht die er hat, andichtet. Shakespeare j kannte die Juden ilicht aus eigener Erfahrung. Vor seinem geistigerl Alige stalld daher der erwerbsgierige, geknechtete, unterdrückte Jude, der unter dem Joche seufzt und der mir auf die Gelegenheit lauert, um Gleiches mit Gleichem zll bezahlen, der nur auf den Moment lauerr, >nn den verhatzteil Christen das Messer in den Leib zu stotzeil. Shakespeare befatzte sich nicht mit dem Studium des jüdischen N a l i o n a l ch a r a k t e r s. Nur seine Phantasie spricht. Wer sich auf Shakespeare beruft, um bcu Inden eines ans Zeug zu flicken, der fmtn sich allerdings auf ein klassisches Exempel berufen, aber der Kritik des Forschers, der Kritik des Ethnologen hält das Beispiel nicht staild. Wenn ich nach tlipischen Fehlern des Juden suche, so finde ich Charaktereigenschaften anderer Kategorien, milderer Art. Ich finde, datz der Jude vor Gericht, mld zwar der Jude geringerer Kultlirstnfe, tveniger durch den Inhalt seiner Rede, als durch di^ F o r m seines A u f t r e t e n s Hatz und Verachtung hervorruft. ’ Wenn man sich erinnert, datz die Judeil von alleil Berufen ans- 1 geschlossen waren und barauf angewiesen waren, im primitivsten Handel ihr tägliches Brot zll sucheil, so Ivird l»an diese Eigentüm- I lichkeit begründet finden, aber getvitz feinen Grund darin erblicken, sie nicht abzustreifen. Der jüdische Angeklagte, der jüdische Zeuge, behandelt ben Richter oft wie seinesgleichen. Hub das mutz im Richter, beim besten Willen, objektiv zu sein, Unwillen erregen. Dieser Unwille ist aber kein primärer, sondern ein sekundärer. Manchmal erinnert das Auftreten des Inden an das Mort Schmoks in den „Journalisten": „Sie und der Herr Oberst, das sind meine einzigen Bekainltcn." Dieses Auftreten entspringt dem alten Familiensinn der Jliden, dem Uinstände, datz das gailze jüdische Volk durch Blutbailde verbundell ist. So ist auch in den Inden noch heute das Gefühl, datz lvir alle eine grotze Familie bilden. Dieses familiäre Benehmen, das Herumreden über llebensächliche Uinstände, das Hereinziehen von Familiengeschichten, die ben Richter ilicht interessieren, das erschwert die Lage des Juden vor Gericht. Den harten linbengsanlen Silin, der dem Juden nachgesag^ wird, fmld ich nur in einer bestimmten Nuance, Ive n n llärnlich citt I ud e e i n e m Glaubensgenossen gegenüber st a n d. Niemals ist eine Versöhnung schwerer zustande zu bringen, als wenn zwei Jliden sich gegenüberstehen. Ein anderer Fehler des Juden in e n t g e g e n g c s e tz t e r Richtllllg ist eitle übertriebene A e n g stlichkeit. Während der Proletarier anderer Rasse frech dem Nicht« r gegenübertcitt. den Ton der Rohheiten in den Gerichtssaal bringt, kommt der Jude oft mit allen Zeichen einer Jahrhunderte lanaen Unterdrückung. Diese erlveckt im Richter das Vorurteil eines Schllldbeivntztseills. Schon der Volksmuild sagt: „Ein höflich Recht ivill gar nichts taugen, Iver feilt Recht will, yultz es fordern." Auf diese Uinstände möchte ich die Aufmerksamkeit richten. Es kommt viel auf das persönliche Anftreten an. Und gerade in dieser Richtuiig Ivird voin Verteidiger oft versäumt, dem .SICienteu die nötigen Direktiven zu geben. An diesen Jnpoiiderabilien gehen Hunderte von Existenzen zil gründe. Der Jude trete also vor Gericht fest und bescheiden ans. Ter Schlich dieser ausgezeichneten Rede litt unter einer ganz mitzverstäiidlichell Anffassnng der Assimilation seitells des Vortragenden, ein Irrtum, der aus dem Uillstande leicht erklärlich ist, datz der Vortragende dem politischen Leben ganz ferne steht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.