Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 48 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SeiÄtttüBi H/3. Lropoldsgasle 49. Ehrsst>ft»«>e«r So Wochrntagrn von 4 bis 6 Ohr naivmttlüiU z)-S«d,»fi,r ZSbischrS kSottSdl»«, Wie», II S VvsÄivrrrdLA pzegen brrlpäteter oder »»r nti4t erfolgter -rorrrn, wir Htti dringend. ~ MaAsssriLte totzbta «icht zwS«settrUt. Tostsparc«flkn»Sonto S470S?. Jo da» KSonnrvrent kann «an u>- a.«raeu. WchM jeden Fttitsg 4K&SK :#z£' SSM jLdikÄzvn Volks» wxKfci ■■.vtetskUlt-m ^ArskrtLMAMtfltorl. 3J*aV*?tfSe öb «rats<nen v«e Firmen i g. Danneberg, Dukes. Haalrn» 3»itt A Vogler, «uboK «Votle 8 Ovpelik. SS. Pozlonql, A. Schale! w Wien, kerner aUr Annoncen <Lrpedtiionen im SKuSIanbe. M«HK8'M«M»rsr in Wie» 16 Heller. ■j*.t»-iwtrstrtr«fton; II/B. Leopvldsgalle 49. Telephon-Nr. 14733 WboruneMeAtApreiA: Tele-Hou-Nr. 14723 Für Wie» a. Oestcreetch-Nngar« kammi fkrnn!,o-MeNu!>g. Samjdyrie Dalbjährig Nlerieliiitzriq Skr. 8.-- „ 4.— „ 2.~ Für daS gesanrrale NuSlao» lammt Franco^ufteslung. SunzjShrig . Halbjährig . Vierteljährig JSt. 8 - „ 4.30 . . AN» 48 Wien» 27. November 1903 (8. Kislev 5664). v. Jahrgang. Heros und Märtyrer. Wien, don 25. November. Der Sturm in dem Blätterwalds diesseits und jenseits der Leitha hat sich gelegt und man kann endlich ruhig über das Duell Tisza-Körber sprechen, ohne daß man fürchten muß, von leidenschaftlich erregten Gemütern mißverstanden zu werden. Die Herausforderung Kürbers war nichts anderes als ein schlauer Trick Tiszas, durch den er alle magyarischen Abgeordneten, mochten manche ihn momentan noch so befehden, um sich zu scharen hoffen durste, und den er um so getroster wagen konnte, als der Angegriffene eben durch den Angriff dieselbe Wirkung im österreichischen Abgeordnetenhause erzielen mußte. Das, was den Grafen T i s z a zum Heros machte und ihm die magyarischen Sympathien zuschanzte, machte K ö r b e r zum Märtyrer und brachte ihm die Sympathien der österreichischen Abgeordneten. Beiden war damit geholfen und beide konnten damit zufrieden sein. Sie gaben sich anläßlich des Sturmes, der sich in der Tagespreffe erhob, dir größte Mühe, möglichst böse auf einander zu sein, aber der ganze Streich war zu gelungen, als das sie ihren Groll aufeinander lange erheucheln konnten. Die ganze Sache verlief programmgemäß und half beiden, dem Heros und dem Märtyrer, über den toten Punkt wenigstens für den Augenblick hinwegzukommen. Während also die Weisen in der Fichtegaffe und in der Steyrermühl zuerst davon munkelten, daß nach dem Vorfall einer von beiden, sei es Tisza oder Körb er», weichen müsse, ist der Vorfall heute überall vergeben und vergessen. Und wenn Körb er und Tisza sich das nächstenmal treffen werden, werden sie wie zwei Auguren über die schlaue Komödie lächeln. Man kann dem Grafen Tisza zu der glücklichen Hand, die er bis jetzt bewies, gratulieren. Eine glückliche Hand ist viel mehr wert, als eine starke Hand. Diese glückliche Hand bewiest Tisza auch bei der Abfassung seines Programmes, das in der nationalen und konfessionellen Frage eine bei einem magyarischen Politiker höchst seltene Mäßigung bewies. Wir müssen allerdings erst die Taten T i s z a s abwarten und er wäre der erste nicht, der ein schönes Programm durch seine Taten Lügen gestraft hätte. Aber man braucht das Programm Tiszas nur mit dem Banffys, der in seiner letzten Programmrede sich als Chauvinist bekannte und den Chauvinismus als den Kernpunkt einer jeden ungarischen Politik proklamieren wollte, vergleichen—von den chauvinistischen Ergüssen eines Apponyi, Ugron und anderer ganz zu schwigen. — Man braucht nur zu bedenken, in welcher Situation und in welchem Milieu Tisza seine Feuilleton. Spinoza. Bon Stefan Zweig. Traumsilbernacht.... Die schwarzen Fernen brausen, Der Himmel wölbt sich blank und riesengroß, Viel Sterne glüh'n, und Helle Sterne sausen Aufblihend in den dunklen Mutterschoß DeS Alls, das ihre Wucht in Staub zerschellt — Und jeder Stern war eine Bruderwelt. War eine Welt im Chor der Myriaden, Mn wirr-verlor'ner Klang der Harmonie, Und wie die Deine reich an Lebensgnaden, Und war dereinst wie Du und Du wie sie, In schwüler, wetterbanger Schöpfungsnacht Vom Traum des Allseins sehnend aufgewacht. Und wieder ist ihr Pfad zum All gegangen, In dem ihr Keim bei Deinem einstmals schlief, Ihr Sterbenstrieb war eins mit dem Verlangen, Daheute Dich von blaffen Träumen rief, Hinaus zur sternenübersäten Nacht zu gehen Und Dich im Weltenwerden selbst zu seh'n. Rede hielt, um Tisza, bei voller Aufrechthaltung unseres prinzipiellen Standpunktes, eine gewisse Anerkennung nicht zu versagen. Unser Standpunkt ist bekanntlich der, daß wir erklären : Sowohl Eis, als auch Transleithanien kann trotz aller natürlichen günstigen Vorbedingungen, infolge der nationalen Wirren nicht jene kulturelle und politische Höhe erreichen, die es sonst mit Leichtigkeit erklimmen könnte. Da gibt es nur zwei Auswege. Der eine ist der p r i nzip iel le und der heißt; Die Pr o kl a m ieru n g der nationalen Autonomie für alle Völker in C i s- und Transleithanien. Hat man aber dazu nicht den Mut oder die Einsicht, so bleibt nichts anderes übrig, als das berühmte alte Ta aff e'sche Rezept, genannt : Fortwursteln, das heute auch mit mehr oder weniger Glück in Cis- und Transleithanien praktiziert wird. Von diesem Gesichtspunkte aus mutet einem das Treiben der führenden Tagespreffe wirklich komisch an. Mit einer leidenschaftslosen Beharrlichkeit und durch nichts getrübten Freude produziert sie in unendlichen Variationen nichts anderes, als immer dieselbe Weisheit, daß der Tscheche Unrecht hat, weil er ein Tscheche ist und der Deutsche Recht hat, weil er ein Deutscher ist, die ungarischen und tschechischen Tagesblätter variieren dasselbe Thema, natürlich vom entgegengesetzten Standpunkte aus, in ebenso anmutiger Weise. Nirgends ist eine Spur zu entdecken, endlich einmal den nationalen Kamps von einem anderen, höheren Gesichtspunkte aus zu beurteilen. Man könnte dagegen Hn wenden, daß die Tagespresse mit einer anderen Politik kein Verständnis bei den Völkern fände. Dies ist aber nichtrichtig^ Im Gegenteil, wenn irgend einmal auf irgend einer Seite die Stimme der Vernunft oder Mäßigung erschallt, so hat düse führende Presse nichts Eiligeres zu tun, als diese Stimme lächerlich zu machen. Der Abgeordnete B a e rnre it h er sprach in seiner denkwürdigen Rede folgende Worte: Der nächste Schritt Ivird sein, zu trachfen, wie wir uns diese materiellen und geistigen Bedürfnisse gegenseitig neidlos zugestehen können. Das können lvir nur dann, wenn wir beide gedeckt sind, daß dieses neidlose Zugeständnis nicht mit dem Anfgeben voir nationalen Rechten verbunden ist. Und dafür gibt es nur ein Mittel und dieses ist die nationale Autonomie, die Abgrenzung der nationalen Sphären der einzelnen Nationalitäten gegen einander. Das Mittel, welches uns am meisten davon entfernt, sind die fallweisen nationalen Konzessionen. (Sehr richtig!) Denn so lange diese gegeben werden, werden diejenigen Herren, zu deren Gunsten sie gegeben werden, nicht im Traume es sich einfallen lassen, sich 'einer prinzipiellen Auseinandersetzung hinzngeben, weil sie das alle's billiger, für nichts bekommen., Es haben aber diese fallweisen nationalen Konzessionen^ die, glaube ich, doch bei uns am Endo E>>» ui ri fjWTiimnirwqniBW»—o Der Jude vor Gericht. Einer der beredtesten Vertreter unseres BarreauS, Doktor Richard Preßbnrger, hielt am letzten Mittwoch por einem zahlreichen Publikum im Festsaale des Jüdischen Volksvereines mster obigem Titel eiiu'it interessanten Vortrag. Er begann mit einem kurzen geschichtlichen Rückblick, „da gelvisse nationale Eigenheiten der I n d e u nur aus ihrer Geschichte, nur aus ihren Geschicken zu erklären sind". Die geistige SchöpfungSperivde des jüdischen Volkes ist die mosaische Zeit. Moses war der erste Gesetzgeber. Bekanntlich lassen sich drei legislative Schichten in der Geschichte des Judentums unterscheiden: die sinaitische, die deuterenomische und die priesterliche. Der Gegenstand der Gesetzgebung war der Gottesdienst und der Opferdienst. Der Kitt des Volkes waren die Familienbande, seine Bausteine die Familie. Die Familien setzten sich zusammen zu dem Geschlechte und die Geschlechter bildeten die Sippe. Pietät und nicht Zlvang herrschte im Uranfange Judas. Pietät und nicht Zwang sind auch heule der Kilt geblieben. Und mit Recht nrft Gutzkow aus: „Tief in unserem Volke wurzelt der Zauber der Familie." Anders war cs in der Zeit des Königtums. Da trat an die Stelle der Pietät der staatliche Zwang und als Produkt des Zwanges die Ordmmg. Das jüdische Königtum war eilt Königtum von Gottes Gnaden. Dieser Begriff spielt auch heute eine große Rolle und iir den Debatten, die ztvischen Oesterreich uild Ungarn jetzt geführt!verden, hört man öfters von ungarischer Seite betonen, daß ihr Königtum von Volkesgnaden fei, lvährend das österreichische Kaisertum von Goitesgnaden sei. Auch die späteren Modifikationeil, des jüdischen Rechtes bis in deil Talmud hiilein, erfüllte derselbe Inhalt. Jheriiig sagt: „Jedes Volk stellt diejenigen Rechtsgüter auf, umgibt diejenigen Rechtsgiiter mit staatlichen Garantien und macht sie zu staatlichen Interessen, lvelche feinen Lcbensanschamlngen am nächsten stehen." Bei den Römern war es im Anfang der Ackerbali, angelangt sind, allch gcradezli eine demoralisierende Wirkung bezüglich der berechtigtesten Bestrebungen beider Natioilalitäten. Da mache ich gar feinen Unterschied. Er erregte damit das lebhafte Mißvergnügen der „N. F. Presse", die „von einer Betrachtung über die Notwendigkeit eines Versuches mit Hilfe der „sogenannten" nationalen Autonomie zu einer Herstellung der Ordnung in nationaler Hinsicht zu gelangen" sprach, und dem Grafen Dzieduscizki dazu gratulierte, daß er im Gegensätze zu B a e r n r e i t h e r der nationalen Autonomie die Lösung der nationalen Frage durch die Landtage entgegenstellt, eine Lösung, die schon seit Jahrzehnten mit dem Erfolge versucht wird, daß sie die nationalen Kämpfe immer mehr verschärft. Ueberdies ist eS ganz klar, daß der edle Schlachzize nur aus Egoismus und Chauvinismus dieser Lösung das Wort sprach, da im Parlamente der Einfluß der Polen geringer geworden ist, während sie im galizischen Landtag unumschränkt herrschen. Trotzdem gratuliert die „N. Fr. Presse" dem polnischen Redner und erklärt, mit einem deutlichen Hieb auf B a e r n r e ith e r, daß sich Dzieduscizki „aus dis Unklarheit (?) berufen konnte, mit welcher die nationale Autonomie im Hause angedeutet wurde." Die „N. Fr. Presse" nennt den Grafen Dzieduscizki liebkosend den „Athener", nun, der edle Graf ahmt auch die Griechen nach, und steht an der Spitze einer Agitation im Antisemitismus, die bezweckt, in ganz Galizien unter Subvention aus öffentlichen Geldern Bazare und Getreidemagazine, zu errichten, die den jüdischen Kaufleuten den Garaus machen sollen. Ja, es geht nichts über unsere „sogenannte^ liberale Presse. S. Jüdische Kolsnisationssragen. „Jüdische Orient-Kolonisations-Gesellschaft". H. Bericht. Die erste außerordentlich» Generalversammlung der jüdischen Orient-Kolonisations-Gesellschaft fand am 25. Oktober cr. statt. Dieselbe wurde von dem stellvertretenden Vorsitzenden deS Aussichtsrates, Herrn Ludwig Behr, eröffnet. ' Zu Punkt 1 der Tagesordnung (Bericht) übergehend, erhielt das Wort der Geschäftsführer. Derselbe teilt zunächst mit, daß der Bericht zwar den Genossen bereits schriftlich zugegangen sei, trotzdem aber wolle er denselben verlesen, um einerseits den Inhalt desselben in Erinnerung zu bringen, andererseits aber im Anschluß daran, .soweit als zur Zeit möglich, Erläuterungen zu geben. Außerbei den modernen Völkern ist es oft die Industrie, beim Judentnme ivar es die Religion, die unter bnsonderen Schlitz gestellt lvurde. Nach dem Verluste der staatlichen Selbständigkeit kam für die Inden die Zeit der Wanderung, das Ghetto, eine Periode der gransamsteil Unterdrückungen. Wenn die Inden sich nun unter biefen Verfolgungen und Ansnahmsgesctzen gewisse Eigentümlichkeiten angeeignet hätte,:, z. B. einen stärkeren Erwerbs- und Eigentnmssinn und sich daraus gelvisse Fehler entwickelt hätten, so tväre es gelvih erklärlich. Es ist dies allch von judengegnerischer Seite lviederholt behauptet wordei:, nach deni Grundsatzes, weil gewisse Fehler ans der historischen Elitlvicklnng folgern könnten, find sie da; sie siild ,cher llicht da. Ich beha,ipte dies auf Grund meiner Praxis und auf Grund der Statistik. Eher könnte man behaupten, daß das Fehlen gewisser Delikte die Jndei, auszeichne, so z. B. der Verbrechen gegen das Leben uild die Sicherheit des Nächsten. Den letzteil Nest einer obiofen Ansnahmsstellung der Juden in der österreichischen Gesetzgebung finden wir in der Gerichtsordnung von, Jahre 1781. Der Paragraph 42 sagt, daß der Jude für den Inden gegen den Christen ein bedenklicher Zeuge ist. Schon im Jahre 1800 ist diese Bestimmung verschwitndcn und lvir finden von da an ilichts inehr als was als ein Privilegium im odiosen Sinne nilfgefaßt tueibeu könnte. Wir suchen höchstens AusiiahmSbestimmiingeii im günstigeil Sinne, was die Ehe rurd den Eid betrifft, die den eigentümlichen Anschanlingen der Inden gerecht lverdei,. Anders steht es auf dein Gebiete der Administration. Ich lvill Sie ilicht eriilner», welchen Schwierigkeiten die Inden bis zum Jnkrafttreteil des neuen Heimatsgesetzes bei der Erlangung des Heimatsrechtes aiisgesetzt waren, lvelche Schwierigkeiten ihnen erwachsen bei Erlangung von Konzessionen, beim Antritte eines Gelverbes, lute ihnen der Zutritt zil den höheren nlilitärischen, staatlicheil ltiib richterlichen Stellungen verwehrt wird. Ich lvill mich vietinehr mit der Frage beschäftigen, ob der Jude