Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 47 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 20. November 1903 Seite 3 sich das Vergnügen machten, bei Nebel und Regen sich van Sr. Ehrwürden Herrn Dr. David Belehrung über ihre seelischen Zweifel zu holen, so müssen wir leider konstatieren, daß Herr Dr. David nicht die Fähigkeit besitzt und seine Antrittsrede am allerwenigsten geignet war, „diese nagende Maus aus dem Loch zu locken." Bedenken Sie doch, ein inkarnierter Atheist kommt zur Predigt des Dr. David, übersättigt mit all den hypermodernen Ansichten, welche die Seele des modernen Menschen »vergiften", ist vielleicht gar soeben von der Lektüre der L a d e nb ur g'schen Theorie aufgestanden und hört, wie der göttliche Kämpfer, ihm zudonnern möchte, wenn er nicht schon beim zweiten Satz heiser geworden wäre: »Und Abraham wandelte den Weg Gottes. Also gibt es einen Gott und es gibt einen Weg Gottes!" Muß da nicht der eingefleischteste Atheist sofort in die Knie sinken und reuig bekennen, daß er überzeugt sei und muß da nicht Dr. Ladenburg, der sich einiger Hiebe seitens Sr. Ehrwürden erfreute, wenn sein Schädel nicht allzu hart ist, sofort in den Leopoldstädter Tempel eilen und alles — revozieren! Es ist zu lächerlich! Wenn man schon ein solches Thema anschneidet, da darf man es nicht lächerlich machen und muß viel besser ausgerüstet sein, als Dr. David es zu sein scheint. Dr. David ist überhaupt der Mann der Taktlosigkeiten. Mit einer Taktlosigkeit hat er sich seinerzeit bei uns eingeführt und seine Antrittsrede war nichts als eine Kollektion ausgesuchter Taktlosigkeiten, wie zum Beispiel die ganz unvermittelte und verblüffende Frage: „Brauchen wir also ein neues Testament?" worauf er übrigens die Antwort schuldig blieb. So oft Herr Dr. David den Mund aufmachte — strauchelte er, und es ist keine Hoffnung vorhanden, daß er die Situation erfassen und sich ihr akkomodieren werde, denn er reitet schon zu lange das Steckenpferd der »Liebe und Gerechtigkeit", als daß er Sinn und Verständnis für die Forderungen des modernen Judentums haben könnte. Aber eines können wir ihm nachfühlen: Er wies in seiner Einleitung auf den »wunderbaren Weg" (eine zarte Anspielung auf Herrn v. Taussig!) hin, der ihn hierhergebracht hat. Jawohl, der »Weg" war wunderbar und nach dieser Antrittsrede mochte er Uneingeweihten noch wunderbarer erschienen sein. Aber uns ist nichts wunderbar, als die Haltung des steuerzahlenden Publikums, das sich dies alles bieten läßt. Dr. David ist schon aus rein physischen Gründen für einen Redner ungeeignet, auch verfügt er nicht über das entsprechende Srimmmaterial, um den große» Leopoldstädter Tempel beherrschen zu können. Wir konnten ungefähr in der Mitte des Tempels nicht alles hören; mit erneut Worte: Die Antrittsrede des Herrn Dr. David war ein Triumph für den beliebten, altehrwürdigen, aber geistesfrischen — Dr. Schmied!, für dessen langes Leben so mancher an jenem Abend gebetet hat. Die Antrittsrede des Herrn Dr. Feuchtwang in Währing war, wenn man so sagen darf, noch viel bedenklicherer Natur, als die des Dr. David. Herr Dr. Feuchtwang gab tatsächlich ein Programm, aber ein Programm, das ein Attentat auf alle modernen Bestrebungen des Judentums ist, und dessen Ausführung nichts anderes bedeuten würde, als die Einführung oder vielmehr Kräftigung des durch Dr. Güdemann versuchten, aber vom Publikum zurückgewiesenen jüdischen K l e r i k a l i s m u s in Wien. Dr. Feuchtwang betrachtet den Rabbiner, also in diesem Falle sich selbst, bloß als den Vermittler zwischen Gott und Gemeinde, der aus der Gemeinde „ausgeschieden" wurde, um »zu tragen die Bundeslade des Ewigen, zu stehen vor dem Ewigen und ihm zu dienen und zu segnen in seinem Namen." Die Selbstüberhebung, und wir möchten sagen, Vergöttlichung der jüdischen Priester und ihre Ausscheidung aus dem Besitze der Brüder waren es ja, die die Stellung des Rabbiners in den Gemeinden erschütterte, und die Achtung vor dem Stande im Publikum herabminderte, Die Aufgabe des Rabbiners ist ja eben, die Kluft zwischen Gemeinde und Seelsorger zu verkleinern und ganz verschwinden zu lassen, aber nicht auf sie zu pochen. Es war eine unglückliche Idee von Herrn Dr. Feuchtwang. sich auf die Priester zu berufen und hieraus eiuen Beleg für sein Verhältnis zu Gott zu holen. Trug ja gerade das Priesterwesen im Judentum die Hauptschuld an dem Verfalle des Judentums und war es doch gerade der Umstand, daß das Volk keinen direkten Anteil hatte am Kulte und dem eigentlichen Gsttesdienst, sondern auf die Vermittlung der Priester angewiesen war, der das Laienvolk der Religion und der Nation entfremdete. Dr. Feuchtwang ist noch immer der unverbesserliche Pbrasendrechsler, der einer leeren Phrase oft einen gehaltvollen Gedanken opfert. „O, eine süße, eine kostbare, eine köstliche, eine goldene Last!".Die gewaltiggroße, weltumfassende, unsäglich schöne Wissenschaft" . . . »Zur Moseshöhe mit allen Mitteln und Kräften emporstreben" sind Blendwerke, die nichts besagen, sie sind das glitzernde Theatergold, die näher betrachtet, thre Wertlosigkeit verraten. Aber diese leeren, schallenden Worte bergen die ernste Gefahr in sich, daß sich das Publikum eben nur an wohlgezirkelte, gekünstelte Worte gewöhnen und für die T a t, für die Handlung Herz und Gefühl verlieren wird. Aber eines müssen wir dem Dr. Feuchtwang doch zugestehen: Er hat den Mut gefunden, zu erklären, daß er auf dem „geheiligten Boden des überlieferten Judentums" stehe, doch darf er nicht vergessen, daß das überlieferte Judentum auf dem ebenso geheiligten Boden des nationalen Volkstums aufgebaut wurde und daß dieses überlieferte Judentum eine Religion des gesamten Volkes und nicht ausschließlich der Priester vertrete. Mit Koller und Kanonen, unter Jubel und Gesang hielt Dr. Grrrnwald seinen Einzug in F ü n f h a u s. Ein wohldurchdachtes, mit^Wem Raffinement ausgestattetes Programm verlieh dieser Feier den bei Rabbinennstallationen und hauptsächlich bei Einführung von orthodoxen Rabbinern bisher glücklich vermiedenen Charakter einer »gemachten" Komödie. Ehrenjungfrauen streuten Blumen, die Frauen hatten ihre schönsten Toiletten ausgeführt. Alles, was Schau- und Zeigelust hatte, mußte heran, nur die Thora blieb majestätisch in ihrer Bundeslade; sie ging dem jungen Rabbiner nicht entgegen, wahrscheinlich deshalb,^ weil er ihr noch manche Visite wird abzustatten haben, bis sie, die Erhabene, sich veranlaßt sehen wird, sich ihm zu nähern. So war der Tempel in eine Schaubude umgewandelt und das Häuflein Mitglieder der Hamburgs Dammtorsynagoge, hätte es diese Schaustellung gesehen und die Predigt gehört, hätte es sicherlich die Köpfe geschüttelt und sich verwundert gefragt: Ist das wntilch unser Vereinsprediger, der bei uns gar so orthodox tat? Den Vorbereitungen und der Szenerie im Tempel entsprach auch die Antrittsrede. Sie war ein mit Bedacht zusammengestelltes Zirkular eines neuen Firmachefs an seine Kundschaften: „Hier, meine Damen und Herren! Ich habe ein wohlassortiertes Lager und jedermann kann befriedigt werden! Bist du orthodox, kannst du bei mir den Himmel haben, bist du ein reicher Fabrikant u»d Kultusvorsteher dazu und pfeifst auf den Himmel, so gebe ich dir das „Himmelreich au f E rd e n", ein Spezialstück, das ich eigens für dich aus dem protestantischen Deutschland mitgebracht habe. Und da sich unter der Kundschaft leider auch Zionisten befinden, so habe ich mir auch für sie eine Musterkollektion angeschasst und soferne ihre Anforderungen nicht gar zu hoch sein werden, sollen auch sie befriedigt werden!" Dies ist der Jdeengang der in ihrer Konstruktion durchaus mangelhaften Antrittsrede. Man sieht ihr an, daß an ihr mehrere Köpfe gearbeitet haben. So spricht der G e s ch ä f t s r a b b i n i s m u s, gegen den wir mit aller Energie ankämpfen. Dr. G r u n w a l d ist ein eifriger Sammler. Er hat ein eigenes Faible für alte Quellen, an die niemand mehr denkt. Er sammelt immerfort. Aber ist er auch ein unermüdlicher Sammler, so scheint er ein sehr schlechter Ordner zu sein und bald zu vergessen, ob das, was er besitzt und weitergibt, Gefundenes oder S elb st e rfu n d e ne s ist. Nur diesem Umstande mag es zuzuschreiben sein, daß die Reden Dr. Grünwalds stets der Einheitlichkeit entbehren und Eingeweihlmi so „b e kan n nt v o r k o m m e n." Aber, wie gesagt, nur die Vergeßlichkeit des Dr. G r u n w a l d scheint hieran schuld zu sein, weil er sonst seine Reden nicht mit solcher Vorliebe drucken ließe; denn daß er auf die Naivetät und Unwissenheit seines Publikums rechne, glauben wir einfach nicht. Da hielt er zum Beispiel am jüngsten Sukkostage (6. Oktober d. I.) eine Predigt über die russischen Judenexzesse. Die Predigt schien ihm gefallen zu haben, denn er ließ sie in der „Wochenschrift" Nr. 41, S. 645, .brühwarm abdrucken! Als ich diese von verschiedenen! Seiten zusammengetragene Rede las, da rief ich unwill- 'kürlich aus: „J el l ine k, ich kenne dir!" Und richu.;! Ich hatte nicht lange zu suchen! Am Sukkosfeste des Jahres 1860 hielt'der unvergeßliche Meister eine seiner: Glanzreden, es war dasselbe Thema, das sich :Dr. Grunwald wählte: Die Judenverfolgung. Die Aehnlichkeit zwischen den markantesten Stellen der - Rede des großen Meisters und derjenigen des sammelnjden Epigonen ist zu verblüffend, als daß ich sie hur:! nicht wiedergeben sollte: > Dr. JeLinek (Siehe Predig- Dr. Grunwald:! ten, Wien, 1803,2. Bd., S. 12): I Es war vor 14 Jahren, am Ein gefeierter russischer Kir-! 37. Dezember, da betrat in der chenfürst, Erzbischof Nik an o r - Hauptstadt Frankreichs einer von Cherson und Odessa prc-? der berühmtesten, mächtigsten ' digte im September 1889 (also j Prediger (L a c o r d a i r e) die auch vor 14 Jahren) über die;Kanzel und predigte von den Juden. Was sagte er vo^ Gottesdienst teilnehmen zu können, da die meisten die Gebete nicht auswendig kannten. Seitdem wird auch am Sabbatabend in einigen Gemeinden gestattet, Licht zu machen. Was die Speisen anbelangt, so wurden sie früher am Freitag zubereitet und am Sabbat kalt gegessen; setzt machen cs aber die Karner wie die Inden, indem sie die am Freitag zubereiteten Speisen in einen heißen Ofen setzen, wodurch sie warn, erhalten lverden. Was die übrigen Feiertage allbelangt, so Habei, die Karner erstens deil jedem Feiertage zugcgebenen zlveiten Tag weggelassen, zweitens feiern sie das Wochenfest, Ivie es ehemals nach die Sadduzäer taten, 50 Tage nach dein Passahsabbat, also immer am Sonntag, drittens haben sie das Lichtfest (Makkabäerfest) gailz gestrichen. Von den eiilzelneir Gebräuchen während der Festtage möchte ich erwähllcil, daß die Karäer für das Passahfest kein neues Geschirr ansehaffen, sondern nur das alte gründlich reinigen, Mazzoth lvird in jedeni Hause mehrnrals in der Osterwoche zubereitet; am Vorabend des Festes wird der Auszug ans Aegypten nach der Bibel gelesen und Mazzoth nebst Mo rau r, bitterem Kraut, gewöhnlich Lauch, gekostet. Alles übrige bou deu Inden Eiugeführte und zur Feierlichkeit des Moiuentes Beitragende kennen die Karäer nicht. Am Hüttenfest gebrauchen sie u keinen Festst,muß, schmücken aber dafür sorgfältig ihre Hütten. Am Purim (Losfest) herrscht fröhliche Ausgelassenheit. Als Tag der Erinlierung an die Zerstörung Jerusalems dient nicht der nennte, Ivie bei den Inden, sondern der zehnte Ab, wobei aber nur um die Zerstörung des ersten und nicht auch um diejenige des zlveiten, die am selben Datum, geschehen sein soll, getrauert wird. Während der neun ersten Tage des Monats Ab werden mir Milchspeisen gegessen, am. zehnten lvird gefastet bis zur Mittagsstunde, zu welcher Zeit ein Sühnopfer, das einzige im Jahre, für die ganze Gemeinde geschlachtet lvird, je nach der Größe derselben ein Ochse oder ein Lamm, deren Fleisch an die Armen berteilt wird. An diesem Tage kann alich jeder Laie für sich ein Sühnopfer darbringen. Zum Alltagsleben übergehend, möchte ich zuerst darauf Hinweisen, das; die Speisegcsetze bei den Karäern weniger streng als bei den Inden sind. So gibt es kein spezielles Milch- und Fleischgeschirr, und Milch- und Fleischspeisen lverden nacheinander gegessen. Das Fleisch lvird bor dem Kochen sehr gründlich gesalzen. Auch ist der Hinterteil der Vierfüßer den Karäern zugänglicher als den Inden, da das schwierige Geschäft der Entfernung der Schenkel-Spa minder bei den Karäer» die Frauen, die bor der Hochzeit darauf eingeübt lverden, besorgen. Der Begriff der Unreinheit der Frau ist bei den Karäern strenger als bei den Inden, die Reinigung aber leichter. Während der Menstruation darf die Frau, auch die unverheiratete, weder kochen, noch irgend etwas berühre!,, sie verbringt die Tage der Unreinheit in einer Zimmerecke auf einem Teppich; die Unreinheit dauert sieben Tage, lvoranf die Frau baden und alles, womit sie in Berührung kam, gelvaschcn lverden muß, lvodnrch die Reinheit wieder erlangt wird. Zieht sich aber die Menstruation in die Länge, so werden zu den ersten sieben noch sieben weitere unreine Tage hinzugerechnet. Die Unreinheit der Wöchnerin dauert nach der Geburt eines Knaben 40 und nach derjenigen eines Mädchen 80 Tage. Die Polygamie ist gestattet, aber nur mit Einverständnis der' ersten Frau und bei irgendwelchen unverbesserlichen Fehlern derselben, wie z. B. Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, Kinderlosigkeit. : Die Knaben lverden am achten Tage nach der Geburt beschnitten, lvvbei die Beschneidung nur in einen, Akte, der Milah (eigentlicher Beschneidung), besteht, ohne die bei den Juden üblichen Periah, Einreißen des inneren Vorhantblattes und Mezzizah,. Blutanssaugen. . _; Die Angst bor Verunreinigung beherrscht auch die Gebräuche bei einem Todesfälle. Während der Agonie wird alles Eßbare ans den, Sterbezimmer entfernt, alle Schränke in demselben und den benachbarten Zimmern werden geschlossen. Was nicht entfernt worden oder unter Schloß genommen ist, ist unrein. Sobald der Tod eingetretei, ist, lverden sämtliche Bilder und Spiegel verhängt. Die Berührung des Toten lvird gemieden, und die Aufbahrung wird meist von Inden besorgt. Geschieht es von Karäer»,, so sind die Betreffenden unrein bis Sonnen,„Uergang und müssen sich durch ein Bad reinigen. Der Tote lvird gewöhnlich in Takhrikhim, Leichengelvand, oder in Paradeanzng gekleidet in einen Sarg gelegt. Ans den Sarg lverden verschiedene von den Verwandten geschenkte Gewänder gelegt, die nachher zlvischen den, Tempel, den Teinpekdienern und den Armen verteilt lverden. Als Zeichen der Trauer dient ein schwarzer Gurt, der gleich nach der Beerdigung abgelegt lvird; Einschnitte in die Kleider lverden nicht gemacht. Nachdem man von dem Friedhofe znrückgekehrt ist, müssen zuerst die Hände und Füße gelvaschen werden. Die Schränke lverden geöffnet und den Leidtragenden solvie ihren Freunden lverden schlvarze Rosinen, schlvarze Challva (eine Art Konfitüre) und gebackene Eier vorgesetzt. Man verabschiedet sich stillschweigend, ohne Händedruck. Während der ersten Trmierlvvche lvird kein Fleisch gegessen. Das Bett des Verstorbenei, bleibt acht Tage lang außerhalb des Hauses, dann lvird es tüchtig gereinigt und zurückgestellt. Während der ersten sechs Sabbate lverden die Leidtragendei, von den übrigen Gerneindemitgliedern besucht, lvobei eine Gedächtnisfeier veranstaltet lvird und nachher die oben genannten Speisen serviert lverden. An, Schluß des Jahres kormnt lvieder die ganze Geineinde, um die Hinterbliebenen ihrer Trauer zu entheben. Was daS Verhältnis zivischei, Karäern und Inden anbelangt, so ist es nichts lveniger als gut zu nennen. Die Inden betrachten die Karäer von oben herab, erstens lveil die letzteren, als Empörer gegen die Allgemeinheit, von der Judenheit nusgestoßen wordei, sind, und zweitens, lveil die Karäer, teilweise ans Unwissenheit, teilweise über wegen der Unmöglichkeit, eigene Gemeinden zu gründen, von den Juden vielfach in religiöser Beziehung ^abhängig sind. So kaufen die Karäer nicht selten von den Sopherim (Schreibern) unbrauchbare .Thorarollen zu billigen Preisen, sie brauchen jüdisches Fleisch, jüdisches Mehl für Mazzoth, werden von Juden beschnitten. Die Juden nenne», die Karäer „Hammelch vielleicht wegen ihrer Vorliebe für Hanunelfleisch. Uebrigens m dies auch der Spitzname für Tataren überhaupt. Anderseits schimpfen die Karäer die Inder, „Tsehufut", was eigentlich tatarisch „Jude" bedeutet. Heiraten zwischen Karäern und Juden kommen por, aber selten, wobei die Rabbiner sich nachsichtiger zeigen als die Hakhams. Als Hauptmiterscheidmigsmerklnal zwischen Juden und Karäern in ihrer äußeren Erscheinung dient die Abwesenheit der Peies (Seitenlocken) bei den Karäern, die die betreffende Stelle in dein Sinne deuten, daß keine Tonsur ausgeschoren werden darf. Sehr stolz sind die Karäer auf ihre bürgerliche Gleichberechtigung mit den Russen. Der eingangs genannte Firkowitsch erwirkte für sie in, Jahre 1863 die rechtliche Gleichstellung, wöbe, er sich in seiner Bittschrift hauptsächlich auf folgendes unlautere Motiv stützte. Da nämlich die Karäer schon bor unserer Zeitrechnung auf der Krim lebten, so waren sie während der Kreuz' - gung Jesu Christ, in Jerusalem nicht anwesend und sind an seinen, Tode nicht schuldig. Im Jahre 1881 lvurden ihre Rechte bestätig,, jetzt lverden ihnen dieselben aber lvieder geschmälert; so dürfen d'e Karäer an den Staatsschnler, nicht als Lehrer angcstellt lverden. Trotz ihrer bürgerlichen Gleichstellung, oder vielleicht infolge derselben, läßt sich ein gewisser Verfall nicht verkennen. Früher hauptsächlich auf der Krin, und in Troki ansässig, haben sie seit etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts angefangen, sich über ganz Rußland zu zerstreuen. Die ohnehin nicht hohen Kenntnisse schrumpfen bei der Kleinheit vieler Gemeinden und der Unmöglichkeit, Religionslehrer anzustellen, fast auf Null zusammen. Dieser religiöse Verfall einerseits und anderseits die Abgeschiedenheit führen nicht selten zu Taufen. Mit diesem geistigen Verfall parallel geht der ökonomische. Früher monopolisierten die Karäer einige Handelsbranchen fast gänzlich, so den Tabak und die Spezereilvaren, und mm, muß ihnen recht geben: sie waren ehrliche Kaufleule. Jetzt aber, einerseits infolge oer steigenden Konkurrenz, anderseits aber infolge echt orientalischer Sorglosigkeit und Tväe heit, ist ihr Wohlstand bedeutend gesunken und mit der allen, viel gelobten Ehrlichkeit fängt es an, schlecht zu stehen. Außerdem nagen an ihrem Körper die Sucht zum Kartenspiel und Luxus. Den langsam fortschreitenden Verfall beginnen auch die Karäer selbst zu merken und suchen ihn durch Gründung bou Gewerbeschulen zu he,„men. Noch uns einen Faktor, der zum Beginn der allmählich.,, Auflösung des kleinen Völkchens beiträgt, möchte ich Hinweisen, ich meine die späten Ehen und im Zusammenhang mit diesem das Institut der alten Jungfern. Die Zahl der Karäer in Rußland beträgt etwa 10 00». c-,.' sind in religiöser Beziehung auf zwei Zentren verteilt, mit je einem Hakhcm, (höchste geistliche Person) in Troki für den WLstcu^nud Norden Südrußlands und in Enpatoria für die Krin, und ^ud - rnßland. Außerdem sollen in Galizien etwa 1000 und in der Türkei ebensoviel,' Karäer wohnen. In, ganzen haben wir als, 'ans den, Erdball etlva 12 000 Karäer.