Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Wien, Freitag Jüdisches Voiksblatt 30. Oktober 1903 vor Bodenbach nicht Halt machte, auch vor der Leitha nicht Halt. Feldarbeiterstreiks in drohendem Umfange mußten mit Gewalt unterdrückt werden. Die Nationalitätenbewegung ergriff immer weitere Kreise und trotzdem das ungarische Wablrecht i» Bezug auf Engherzigkeit und Wahlgeometrie das österreichische bei weitem übertrumpft, kommen immer mehr Vertreter der bisher im ungarischen Parlamente nicht vertretenen Nationen, der S l o v a k e n, Rumänen und Serben in- Parlament. Taneben gewinnt die Judenfrage eine immer schärfere Gestalt. Einerseits hassen die verschiedenen Nationalitäten die Juden als Förderer der Bndapester rücksichtslosen Magyarisierungspolitik, anderseits werfen die magyarischen Liberale« in dem Momente die Maske ihrer Judenfreundlichkeit ab, in dem sie beobachten, daß die jüdischen Massen sich nicht in dem geforderten Tempo magyarisieren. Das Verhalten der ungarischen Regierung und der ihr ergebenen Majorität gegen die rumänischen und galizischen Juden war ein Hohn auf jeden Liberalismus, es trug direkt antisemitischen Charakter. So goren die verschiedenartigsten Strömungen unter der Oberfläche des ungarischen Globus, bis mit der Krise, in der sich heute Ungarn befindet, der ganze Balg platzte und zum Entsetzen der maßgebenden Kreise die gefürchteten Teufelchcn lustig herumsprangen. Die Weisen der „N. Fr. Pr." in der Fichtegasse schlugen jammernd die Hände zusammen; sie erkannten ihr geliebtes Ungarn nicht mehr. Und während ihrem scharfen Geiste es ein Leichtes ist, die verwickeltsteil Verhältnisse in Amerika, Asien und Afrika, von Europa ganz zu schweigen, zu lösen, gestanden sie, daß sie die ungarischen Verhältnisse nicht verstehen. Die Verhältnisse in Ungarn waren nämlich ganz — österreichisch geworden, und die deutsche freisinnige Presse hat in der ganzen Zeit ihres Bestandes gezeigt, wie gründlich sie diese verkennt. Der Schwerpunkt der Monarchie liegt nicht mehr in Budapest; nicht als ob die Verhältnisse in Oesterreich und speziell in Wien unter der glorreichen Herrschaft von Bielohlavek, Gregorig, Schneider und S t r o b a ch gerade z-r loben wären. Aber in Oesterreich herrscht ein freier Kampf der Geister; neue Verwicklungen sind nicht zu fürchten. Die antisemitischen Elemente sind in Niederösterreich am Ruder, und es hat sich schließlich gezeigt, daß diese Herren gezwungen sind, viel Wasser in ihren antisemitischen Fusel zu gießen, wenn sie regierungsfähig sein wollen. In Ungarn fleht das alles noch bevor. Alle diese Erschütterungen, die Oesterreich durchgemacht hat, hat noch Ungarn durchzumachen, bis es endlich reif wird, für das Panacee: die Autonomie aller Völkerzu beiden Seiten der Donau. Dieser Anflösnligsprozeß ist an keinen Namen, sondern an tiefliegende Ursachen geknüpft. Namen können ihn beschleunigen oder verzögern, aber nicht aufhalten. Und wenn der neue Ministerpräsident auch Tisza heißt, die Zeiten Ti sz a s sindendgiltig vorüber. Jüdische Kolonialfrage. Die Belebung der Palästina-Kolonisationsbeweguug. Schon seit dem Minskcr Kongresse konnte man in Rußland eine verstärkte Wiederaufnahme der P a l ä st i n a - K o l o n i s a t i o n s b e w e g u n g wahrnehmen. Nicht nur, daß die Verwendung des Nativnalsonds zum sofortigen Terrainkauf von Palästina empfohlen wurde, es bildeten sich überdies neue Bodenkaufgenossenschaften und auch die ganze Tätigkeit des Ingenieurs Ussischkin war auf Förderung der direkten Aktion in Palästina gerichtet. Nun beginnt auch die Stagnation, in der sich die Kolonisationsb.'wegung im westeurvpälschen Judentum unleugbar b.fand, zu weichen und eine erfreuliche, viel versprechende Erinnerung derselben vollzieht sich vor unseren Augen. Maßgebend war für die Neubelebung der Kolonisationsvereine in erster Linie der Umstand, daß die wirtschaftliche Krisis des Ansiedlungstverkes vorüber ist, daß die letzten Nachrichten über die Entwicklung der Kolonien in Palästina außerordentlich e rm u n l e r n d find. Die Initiative zu einer neuerlichen, regeren Tätigkeit in Palästina ist von der Berliner Propaganda- K o m m i s s i o n des Zentralkomitees der Kolonisation svereiue ausgegangen. Diese Kommission besteht, unter dem Vorsitze von Dr. H. Hildesheimer, aus den Herr en Prof. Martin P h i l i p p s o n, Berthold Israel, Willy Bambus. Prof. Leopold Landau, Dr. Alfred Nossig, Prof. Otto Marburg und zwei Vertretern des Berliner „ESra". Demnächst tritt auch das Pariser Zentral- Komitee zusammen, welches unter dem Vorsitze von Narcisse Leven steht und sich aus den Herren: Großrabb. Zadok K a h 11, Prof. Joseph Halt v y, Rabb. D r e y f u ß, Dr. Emil Meyer so n, Rabb. Weiß köpf. D. Prague, N. Altmann, sowie Oberst Goldschmith und M. Prag, Londoil, zusammengesetzt hat. Auf Veranlassung der Berliner Propaganda-Kommission veranstaltete das Zentralkomitee des ,@3ra* in Berlin eine Oeffentliche Versammlung von P a l ä st inafreunden, welche am 19 Oktober im Saale des Fürstenbergbräu stattsand un) ein zahlreiches Publikum vereinigte, unter dem sich auch auswärtige Delegierte befanden. Nach den Eröffnungsansprachen der Herren M. Dorn und Dr. Hildesheimer fand ein Vortrag von Dr. Alfred Nossig „Unser K v l o n i s a t i o n s p r o g r a mm" statt, dessen Inhalt wir auf Grund des stknogrc-phischen Protokolls folgen lassen. Der Vortrag zerfiel in vier Hauptteile. Zunächst formulierte Dr. Nossig das K o l o n i s a t i o n s b r o b l e m. Er faßte es in die Frage: „Ist der Plan der Gründung eines autonomen jüdischen Gemeinwesens außerhalb des palästinensischen Länderkreises der unentwegten Fortsetzung des palästinensischen Ansiedlnngswerkes ohne alle Kräftezersplitterung vorzuziehen?" Das Problem ist im Grunde ein kolonialtechnisches: „Allmählige Ansiedlnng unter stufenweiser Anstrebung immer höherer politischer Rechte — oder vorangehende Sicherung der höchsten politischen Rechte und nachfolgende möglichst rasche Masienkolonisation?" Im zweiten Teile bemühte sich Dr. Nossig uachzuweisen, daß das An si ed lu n gsw erk in Palästina sich heute vorzüglich bewährt habe und gute Aussichten für die Zukunft biete und daß der Weg der l a n g s a m e n rechtl i ch e n K o l o n i s a t i o n, die nach und n a ch zu einer Großkolonisation mit politischem Endzweck anwachse, durch die geschichtliche Erfahrung und die Volkswirtschaftslehre empfohlen werde. Der Bericht eines polilischen Zionisten, Dr. Friedman n, bezeug, es, daß die Krise des Palästina- Kolonisationswerkes völlig überwunden sei. Ein anderer politischer Zionist, Dr. O p p en h e i m e r, hat in seinem Ansiedlungsreferat die langsame Kolonisation als die einzig richtige bezeichnet und vor der raschen Massenkolonisation gewarnt. Der dritte Teil erhielt eine Widerlegung des Programms der politischen Massen kolonis a t i o n und die B e k ä m p f u n g des o st a f r i k a n i s ch e n Projektes. Massenkolonisation muß mit Elend und Epidemien enden. Eine Ansiedluag in Ostafrika eröffnet, wenn man die vorhandene Literatur über Uganda zu Rate zieht, für die Juden nur ungünstige Aussichten und würde unter allen Umständen eine schädliche Kräftezersplitterung bedeuten. Im vierten Teil entwickelte Dr. Nossig daß neue, erweiterte Kolonisationsprogramm für Palästina. Man hat auf dem letzten Zionistenkongrkß den Verlust Palästinas beweint. Es war gar kein Anlaß hierzu vorhanden. Niemals war uns Palästina näher als jetzt, wo das Ansiedlungswerk auf bestem Wege ist. Das jüdische Volk wendet sich instinktiv auf den ricktigen Weg. Neue Kolonisationen — und Bodenkaufsvcreine entstehen. Man hat den Nationalfonds für sofortigen Bodenkauf bestimmt. Die einflußreichsten jüdischen Blätter habcn sich für die Palästinakolonisation erklärt. Für die ostafrikanische Expedition fließen nur minimale Beiträge ein, während die Spenden für den Nationalfonds jetzt bedeutend anwachsen. D»s Volk will Palästina und die Kleinkolonisation. Doch kann das Kolonisationsprogramm nicht unverändert ausgenommen werden. Das An siedlungswerk ist in eine neue Phase getreten. Heute sehen wir ein, daß Wir auch in den N e b e n l ä n d e r n P a l ä st i n a s koloniesieren müssen, weil Palästina zu klein und vorläufig verschlossen ist. Diese Gebiete empfehlen sich für die sofortige Rettungsaktion; so wird die Behebung der Jndennot mit der Wiederaufrichtnng Zions verbunden werden. Tie Kolonisation muß auch städtischer und industrieller Natur sein; die Juden müssen im Orient alle Berufe treiben. Gründliche Erforschungsarbeiten und das Entwerfen einer wirtschaftlichen Generalstabskarte, eines kolonialen Feldzugsplans müssen der neuen Kolonisation vo.angehen. Die Kolonisation selbst muß auf Grund einer da u erndenBerftändigung aller im Orient tätigen jüdischen Organisationen erfolgen. Sie muß immer höhere rechtliche und politische Garantien erstreben, insbesondere die Aufhebung des Einwanderungsverbotes, die Sicherung des Erwerbs- und Besitzrechtes von Immobilien, des Rechtes aufErrichtung von Häusern, die Verminderung der ruinierenden l a n d w i r t s ch a f t l i ch e n S t e u e r n, endlich die Ausdehnung des Prinzips der autonomen j ü d i s ch e n G e m e i n d e v e r w a l t u n g bis zu den weitesten rechtlich.politischen Grenzen. Die Mittel zur Durchführung dieser planvollen, zielbewußte n Kolonisation bestehen in der kräftigen Erneuerung der Kolonisationsvereine, in ihrem Zusammenschluß zu einer Zentralorganisation und ihrer Bereinigung mit allen anderen jüdischen Pälästinafaktoren. Diese Aktion bezweckt keineswegs die Spaltung oder Schwächung einer anderen jüdischen Organisation, etwa der zionistischen. Sie soll im Gegenteil zum loyale n Z u s a m m e n a r b e i t c n der Palästinafreunde und der Zionisten führen und dem Palästinawerk auch nichtzionistische Elemente zuführen. Auch im Verhältnis zur Jca und zum Rotschild- Komitee stehen die Kolonisationsvereine auf dem Standpunkt loyalster Anerkennung der erworbenen Verdienste, ja, sie betrachten es als eine Pflicht, diesen viel angegriffenen Körperschaften ihre Anerkennung öffentlich auszusprechen; zugleich aber die Erwartung, daß die Jca und das Rotschildkomitee sich mit den Kolonisationsvereinen, den Allianzen, dem deutschen Hilfsverein, der zionistisch-n Organisation, dem Bne- Brith-Orden, der Chaluka-Organisation und dem Palästinensischen Aktionkomitee zwecks dauernd gemeinsamer Arbeit in Palästina verständigen werde. Im Sinne seiner Ausführung schlug Dr. Nossig nachstehende Resolutionen vor: Resolutionen. Angesichts der befriedigenden und aussichtsreichen Entwicklung der jüdischen Kolonien in Palästina beschließt die am 19. Oktober in Berlin tagende Versammlung der Palästinafreunde nachstehende Resolutionen: I. Das Werk der NeubesiedlungPalästinaS durch Juden ist unentwegt und mit erhöhter Energie fortzuführen; ..Seite,';* es soll durch Erwerb geeigneter Ländereien vorbereitet werden; es soll sich nicht nur auf das türkische P a l ü st i n a, sondern auch auf Syrien e r , st r e ck e n; nicht nur landwirtschaftlicher, ^sp n d er,« auch städtischer uttb industrieller Natur sei n; auf Grund entsprechender Erforsch n ngsarbeiten und nach einen: einheitlichen Plane erfolgen; es soll durchaus legal sein und sich mit der Erstrebung immer höherer rechtlicher Garantien verbinden. II. Als Mittel zur Erreichung dieser Zwecke werden empfohlen : Die Belebung der bestehenden Palästina- Kolonisations-Vereine durch eine kräftige Propaganda und die Gründung neuer Vereine dieser Art; das Zusammen treten und.die zentrale Organisation aller Kolonisatio ns vereine. Der loyale Zusammenschluß letzterer mit allen jüdischen Körperschaften die sich für Palästina interessieren und die Herbeiführung einer dauerndes .Verständigung unter denselben zwecks einheitlicher Führung des Ansiedlungswerkes. III. Die Versammlung spricht dem Baron Edmund Rotschildschen Palästina - Ko mitee und der „Jca" — für ihre bisherige Tätigkeit, durch welche das jüdische A n siedln ngswerk im Orient begründet und gefestigt wurde, ihre wärmste Anerkennung aus. „Wenn wir diese Refolutionkn beschließen und sie unseren Gesinnungsgenossen empfehlen — schloß Dr. Nossig — so entrollen wir damit allerdings nicht ein so bestechendes und verlockendes Programm, wie es die Idee einer sofortigen Staatsgründung war. Unser Weg ist ein langer und mühevoller, aber er hat eines für sich: es ist der einzige, der zur wirklichen und sicheren Erreichung des angestcebten Zieles führt. Dort, im Orient können wir die Freude erleben, Jahr für Jahr eine Reihe neuer, blühender Kolonien entstehen zu sehen, und dabei das Bewußtsein haben, daß durch jede von ihnen unsere eigentliche Aufgabe gefördert wird, das Werk der endgiltigen Erlösung des jüdischen Volkes/ * Daß die vom Vortragenden angedeutete Kräftigung der Kolonisationsbewegung, sowie die Anbahnung einer Verständigung zwischen allen Kolonisationsfaktoren Aussichten haben, sich zu verwirklichen, bewiesen Briefe und Telegramme, welche anläßlich der Versammlung eingetroffen waren und die allerorts bestehenden Sympathien für die Palästina-Kolonisationen bekundeten. Erwähnt sei ein sehr ermunterndes Schreiben von Narcisse Leven an Dr. Alfred Nossig (welches jedoch nicht zur Verlesung gelangte), ein Kollektivtelegramm aus Wien, welches die eben erfolgte Begründung eines neuen Vereines der Palästinafreunde anzeigte, ein Schreiben aus Budapest, endlich ein Brief von Dr. N a t a n im Namen des „Hilfsvereins deutscher Juden", dem wir folgende Erklärung entnehmen: „Unser Hilfsverein der deutschen Juden steht allen Bestrebungen, ein gemeinsames Arbeitsfeld in Palästina zu schaffen, sympathisch gegenüber und ist gern bereit, so weit das in sein Tätigkeitsgebiet gehört, dieser Sympathie praktisch Ausdruck zu verleihen/ In der auf den'Bortrag folgenden Disknffion ergriff zunächst Willy Bambus das Wort und entwickelte in eingehender Darstellung den gegenwärtigen Stand der P ilästinakolonisation und die Aussichten einer Besiedlung in größerem Umfange. Professor Marburg, der Vorsitzende der Ostafrika- Kommission, erklärte, daß das ostafrikanische Projekt noch keineswegs ganz ernstlich ins Auge gefaßt wurde und empfahl für die Rettungsaktion besonders Vorderasieu, welches er als das vorzüglichste und aussichtsreichste Kvlonisationsgebiet der Erde bezeichnete. Dr. Franz Oppenheimer betonte es, daß er auf öffentlich-rechtliche Sicherung des Ansiedlungswerkes Gewicht lege und daher, so lange eine solche nicht in Palästina zu erreichen sei, angesichts der dringenden Notwendigkeit einer Rettungsaklion sich auch für rin englisches Gebiet entscheiden würde. Dem gegenüber führte Dr. Hildesheimer aus, daß gerade die Gcöße des jüdischen Elends und die Dringlichkeit einer Abhilfe es zur Pflicht machen, nicht die Erreichung eines Charters abzuwarten, sondern zunächst ß«s kolonisatorischem Wege die Rettungsaktion in erreichbarem Umfange zu führen und sie nach dem Lande unserer Väter hi»»zuleliken. Ephraim Kohn überbrachte den Gruß der jüdischen Pioniere in Palästina und betonte, daß man im Heiligen Lande die Tätigkeit des Esra hoch bewerte. Davis T r i e t s ch erklärte seine volle Uedereinstimmung mit dem N o s s i g'schen Referat und empfahl insbesondere die industrielle Kolonisation in der Nähe der Städte als Mittel, um größere Mengen jüdischer Bevölkerung im Orient anznsiedeln. Bertold F e i w e l sprach vom Standpunkte des politischen Zionismus, dessen Verhältnis zur Kolonisationsbewegung er zu präzisieren versuchte. Da ein Redner gegen die Fassung der Resolutionen vom Standpunkte der Satzungen des „Esra" einen Einwand erhoben hatte, so wurde eine Wendung derselben geändert, worauf die Resolutionen von der Versammlung einstimm i g angenommen wurden. ') Diese Einschränkung der Kolonisation in den Nebenländern machte das bisherige Statut des „Esra" erforderlich.