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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 23. Oktober 1903 Nr. 43 _I den Gouverneur — man bedeake! Allerdings waren ferne revolutionären Gedanken ganz kutschermäßig. Er sagte: „Nicht die Juden, die Deutschen sind an allem Unglück schuld, dieser Plehwe und Wahle will alle russischen Pferde zu Grunde richten, damit die Deutschen leichter «ns beherrschen können/ Ich forschte der Sache nach und e§ stellte sich folgendes heraus: In Petersburg war unter den Pferden eine ansteckende Krankheit ausgebrochen und der Gouverneur erließ eine Verordnung, daß die Kutscher ihre Pferde in den Teehallen nicht aus einer gemeinschaftlichen Krippe füttern dürfen, sondern daß jedes Pferd aus einem separaten Futtersack gefüttert werden müsse. Das leuchtet den biederen Rosselenkern absolut nicht ein und er verwünschte alle Deutche« zum Teufel. Heute die Deutschen und morgen die Juden. . . Sie sehen also, ernst sind diese Umstürzler nicht zu nehmen, aber auch die revolutionären Arbeiter, die ich sehr ernst nehme, siud Optimisten. Und um eine Frage zu beantworten, die Ihnen auf der Zunge schwebt, will ich Ihnen dezidiert erklären: Das absolute Regiment ist auf absehbare Zeit in Rußland «i ch t z u st ü r z e n. ES handelt sich nur darsm, die maßgebenden Kreise z« überzeugen, daß eS so nicht weiter geht und daß Reformen »nanfschiebbar seien, nicht nur— in Mazedonien, sondern auch in Rußland. Teilweise steht man er sogar in den regierenden Kreise« ein. Eben tagen in Rußland Kommissionen, die die zwei brennendsten Fragen, die darussische Leben beherrschen, untersuchen sollen, nämlich die Jrrdenfrage und die Arbeiterfrage. Bezüglich der Judenfrage herrschen die widersprechendsten Gerüchts, die ich unter allem Vorbehalt wiedergebe. Einerseits heißt es, daß das Ansiedlungsgebiet über ganz Rußland verbreitet werden soll, andererseits, daß die Juden nicht mehr zum Militär herangezogen werden und eine besondere Militärtaxe zahlen sollen. GS wäre sogar möglich, allerdings nur in Rußland, daß beide Nachrichten sich bewahrheiten. Auf der einen Seite gibt man den Juden eine Ohrfeige, auf der anderen Seite streichelt man sie. Daneben erörtert die offiziöse Presse mit auffallender Beharrlichkeit den Plan, die Juden in der Mandschurei ansässig zu machen, womit parallel t.ine Verminderung des Ansiedlungsrayon gienge. Unter der Judenschaft selbst herrscht ein finsterer Geist der Verzweiflung. Man ist asf alles gefaßt und zu allem bereit. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Den Arbeitern will man alle mögliche Konzesfionen machen, um fie gefügig sich zu erhalten. Achtstundentag, Kranken-, Alters- und JnvaliditätSversicherung, alles will man von staatswegen dekretieren. Man fürchtet die Arbeiterschaft. Lopuchin hat dem Zar den Rat gegeben, wegen der italienischen Sozialisten nicht nach Rom zu fahren. Es war kein Unglück. Der Zar sah, daß es stärkere Mächte gebe, als er selbst, und daß dafür gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Muraview soll zurücktreten und Lopuchin Justiz» minister werden, ein neuer Erfolg P l e h w e s. Noch eine Gesicht bekommen, der von wirklichen Deutschen und echten Juden gleich verlacht und mißachtet werden dürfte. Mit glücklicher, durch keine Autopsie getrübten Unbefangenheit wirft sich Herr G o l d m a n n als Verteidiger der Burschenschaften auf. Einem Sachverständigen, zum Beispiel einem alten Burschenschafts-D. C. Senior dürfte dies schwerer fallen. Er wüßte zum Beispiel, daß eine der ältesten Burschenschaften vor Jahren und Tagen zuerst ihre alten Herren ausnahmslos, Arier und Nichtarier, zu einer deutschen Bundestagfeier anpumpte und nach glücklich durchgeführtem Pumpe an die alten Herren „mosaischer Koufessiou" ein Schreiben richtete, daß der „Zeitströmung" entsprechend „dermalen" Nicbtarier nicht als Mitglieder ausgenommen werden, daß jedoch die alten Herren mosaischer Konfession (unter denen sich viele Gründer und Seniore vorfanden) nach wie vor hochgehalten würden u. s. f. Er würde zum Beispiel weiters Kenntnis haben von dem schmeichelhaften Schreiben, das. ein berühmter Frauenarzt darauf dem edlen Burschenschaftskonvente zukommen ließ und das im Satze ausklang: „Juden ge ld nehmt Ihr au, aber Juden uicht auf, Ihr...!" Er wußte ferner, daß eine zum großen Teile von Juden gegründete, jetzt alldeutsche Burschenschaft die Juden für satisfaktionsunfähig erklärte, wahrscheinlich in unangenehmer Erinnerung an den Umstand, daß bei einer Paukerei ein jüdischer Student so aggressiv vorging, daß sein arischer Gegenpaukant wegen Feigheit vom Paukboden chassiert werden mußte. Herr Paul Goldmann läßt an dem verf. . . , . . Sud er m an n'schen Stück „Der Sturmgeselle Sokrates" nur „ein einziger schönes Wort" gelten. Herr G o ld m an n schreibt nämlich wörtlich: „Ein einziges (!) schönes Wort wird indem Stücke gesprochen." Welches es sei? Ja, mein lieber Leser, das weiß ich selbst nicht. Vielleicht bist du glücklicher im Auffinden des einen „einzigen" schönen Wortes, weshalb ich den ganzen Schlußpaflus der Goldman n'schen Kritik hier reproduziere:" »Ein einziges schönes Wort tvird in dem Stücke gesprochen. Der Rabbiner Dr. Markuse fragt seinen Sohn, auch einen jungen Studenten, »ach dessen Universitätseindrücken. Und der Sohn berichtet, wie er als Jude von keiner Vnrschenschaft ausgenommen worden sei, wie man ihn überall verhöhnt habe, und beklagt sich über sein Los mit bitteren Worten. Auch diese Figur des jüdischen Studenten ist recht verzeichnet. Denn wenn die Burschenschaften keine Juden nehmen, so ist das Schlimniste, was dem jungen Marknse passieren kann, daß er seine Studien inacht, ohne Burschenschaftcr zu sein. Auf den deutschen Universitäten findet er, werrn er nur irgend danach geartet ist, Genossen genug, auch christwichtigere Nachricht will ich Ihnen mitteilen. Lambsdorff soll zurücktreten und S i n o w i e f f, der Kon» stantinopeler Botschafter, soll an seine Stelle treten, däs heißt der P a n s l a v i s m u 8 i st Trumpf." I. Die Einwanderung der Juden in England und Amerika. —b—82. England und Amerika bilden noch immer die Zufluchtsstätte der verfolgten Existenzen jeder Sorte. Bricht in irgend einem Teile Europas eine Revolution aus, sei es auf politischem, sozialem, wirtschaftlichem Gebiete, oder, was uns Juden ja leider zunächst angeht, auf dem Gebiete der Menschlichkeir aus, so ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die nächstfolgende Eimvanderungsstatistik eine bedeutende Steigerung aufweisen wird. Es ist z. B. erwiesen, daß der jetzige gesetzlose Zustand in Ungarn eine gesteigerte Auswanderung aus denjenigen Gebieten zur Folge hatte, ivelche auf die Zuweisung öffentlicher Arbeiten schon seit Jahren angewiesen waren und durch die jetzigen Zustände wirtschaftlich am meisten leiden. Nach den Judenverfolgungen von U h n o w in Galizien mußten sogar die Tagesblätter von bedeutenden Auswanderungen Notiz nehmen, und es ist bekannt, daß nie soviel Bulgaren in England und Amerika gelandet sind, wie seit Ueberhandnehmen der jüngsten Revolution auf dem Balkan. Jahrzehntelang konnte eine solche Flucht verfolgter und unterdrückter Individuen in die Freiheit ohne große Hindernisse und ohne Gefahr für die interessierten Parteien vor sich gehen; man konnte eine ganz reguläre Abwicklung der „Fälle" beobachten: In Rußland oder Rumänien ward die Bevölkerung eines Landstriches ihrer „Fremden" überdrüssig; die Fremden wollten dies nicht merken, trotzdem man ihnen den Bissen Brot vom Munde nahm, da gab man ihnen einen Wink mit dem Zaunpfahl, dann einen mit der Hacke und die Fremden begannen diese moderne humanistische Sprache zu verstehen, schnürten ihr Ränzel und gingen direkt nach — England oder Amerika. In diesen beiden sreiheitltchen Staaten wurden die Ankömmlinge schweigend ausgenommen und die Sache war erledigt: das barbarische Volk war ihrer „lästigen Fremdlinge" entledigt, der Fremdling im eigenen Lande fand ein Heim im fremden Lande und der gastfreundliche Staat hatte um so viele Arbeitskräfte mehr. In jüngster Zeit aber haben sich die Dinge gründlich geändert. Beinahe jede größere Ausschreitung gegen Juden diesseits des Kanals und des Ozeans hat gewissermaßen als Echo irgend eine Verschärfung der Einwanderungsmaßregeln jenseits der großen Wasser zur Folge. Diese Tatsache hat in den verschiedenen Lagern des Judentums die größte Verwirrung hervorgerufen und die auf Einwanderung der Juden bezüglichen Enunziationen in England und Amerika wurden in Europa je nach. Bedarf weidlich ausgebeutet. Die Ultranationalen wollten darin das Ausblühen des Antisemitismus in den betreffenden Staaten erblicken, der äußerste Assimilantenflügel hinwieder fand den Grund für diese Maßregeln in dem Umstande, daß die Neuangekommenen Juden sich drüben nicht über Nacht assimilieren wollten und deshalb einfach „den Judenhaß von Rußland nach England und Amerika hinübertrugen". Ja, man konnte sogar in einem ultranationalen Blatte dre berühmte „Hay-Note" als ein antisemitisches Machwerk dargestellt lesen, das keinen anderen Zweck habe, als die Jude» sich vom Halse zu schaffen. Diese verschärfte» Einwanderungsgesetze und die durch sie hervorgerufene Verwirrung hatten nun die traurigen Unglücksfälle der jüngsten Zeit zur Folge. Die Verfolgungen und Massakrierungen der Juden im Osten Europas nehmen eine immer barbarischere und bestialischere Form an, der Zornausbruch des verführten Volkes wird immer schrecklicher, die hierauffolgende Klassenauswanderung aus den betreffenden Gegenden nimmt geradezu erschreckliche Dimensionen an, aber dle Auswanderer haben heute kein positives, sicheres Ziel, da einem großen Teile derselben in lichc; falls es ihm aber gar nicht gelingen sollte, sich einen christlichen Freund zu erwerben, so muß er sich eben mit den jüdischen begnügen; und es soll schon manch einen gegeben haben, der seine Studentenjahre froh verlebt hat, „obwohl" er „nur" jüdische Freunde gehabt hat. Es hat also beinahe einen komischen Beigeschmack, wenn der junge Marknse dargestellt wird als mit Welt und Menschen zerfallen, lveil ihn das tragische Geschick getroffen hat, das; eine Burschenschaft ihn zurückgcwiesen. Schön aber ist das, was der Rabbiner Marknse ans die Klagen seines Sohnes erwidert, und die milden Worte des alten Mannes verdienen Beherzigung, weil sie von hoch herab über die Frage des Antisemitismus urteilen und dem Inden ein Mittel zeigen, sich auf eine edle Art mit seinen Gegnern abzufinden. „Wenn," so sagt der alte jüdische Weise, „der Deutsche nicht will, das; wir mit ihm Deutsche, der Franzose nicht tvill, das; wir mit ihm Franzosen, der Russe nicht tvill, das; wir mit ihm Russen sind, dann wollen wir das sein, was sie nicht sein tvollen, und so der Menschheit das kostbarste Kleinod aufbewahren, das sie besitzt und bas sie achtlos weggeworfen hat: den Menschen." Paul Gold mann.' Dieser Satz des „alten jüdische« Weisen" (?) ist von Sudermann köstlich modelliert. Ja, so sprechen sie, die entweder trotz aller Fußtritte von der Anbiederung an Fremdnationale „unentwegt" festhaltenden, jüdischen Deutschliberalen oder die vor diesen Fußtritten sich ins Lager des „Inter. Nationalismus "oder gar in den Allmenschheitsnebel Flüchtenden. Nämlich erst nachdem — bitte, das ist „temporär" und nicht ueuefreiepreßartig konsekutiv gedacht. — Deutsche, Franzosen, Russen diesen Juden, welche Deutsche, Nüssen, Franzosen sein „möchten", ins Gesicht gespuckt haben, besinnen sich letztere darauf, daß sie — nicht etwa Juden, Gott behüte — sondern — „Menschen" sind. Ja, Meister Sud ermann, die freimaurerischen oder freidenkerischen Noch-Doch- Auch- oder B auchjuden, sagen tatsächlich zu ihren Söhnen, den jüdischen Studenten: „W e n n der Deutsche rc. nicht will, daß du mit ihm Deutscher seiest, dann sei, aber nur dann, was sie nicht sind, ein Mensch." Aber der heutige jüdische Student antwortet dem verkrachten und veralteten Dr. Marknse: „Nein, i ch will nicht Deutscher re. sein und könnte eS auch nicht, selbst wenn die Deutschen es wollten, denn ich bin ein Jude, Abkömmling jenes Stammes, der Deutschen, Franzosen, Russen rc. das Licht des Glaubens und des Heiles gebracht hat, jenes Stammes, der war, ist und sein wird." Meister Sud er mann und — H e r r„Nene Freie Presse" Gold mann, so stehen die Dinge im Jahre des VI. Baseler-Kongresses. Olim England und Amerika das Landen verweigert wird. So spiel sich eine grauenhafte Pendelbewegnng dieser unglücklichen Menscher zwischen Jenseits und Diesseits des Ozeans ab, und wir feher eine neue Kategorie von Lustmenschen entstehen: menschliche Ge schöpfe, die nicht nur von der Luft leben, sondern auch in de, Luft sangen, da sie nun buchstäblich heimatlos geworden sind. Die Einwanderungsfrage in England und Amerika ist ein, auch für vie europäischen Juden eminent wichtige Frage, sie ifl eine Angelegenheit des Gesamtjudentums, kann nur dann richtig beurteilt und zum Vorteile der notleidenden Inden geregeltwerden, wenn hier jede parteipolitische Rücksicht beiseite gelegt! wird und wenn man den Mut hat, die bisher begangenen Unterlassungssünden zu gestehen und sie in Zukunft nicht mehr aufkommen zu lassen. Es ist ganz klar, daß die eigentliche Ursache der Ver-t schärfnng der Einwanderungsmaßregeln in England und Amerika f die Juden sind. Zu Beginn der großen Völkerwanderung nacht England und hauptsächlich nach Amerika, konnte man eine beinahe gleichmäßige Bewegung der verschiedenen in Europa vertretenen Raffen nach den freien Staaten wahrnehmen. Beide | Länder waren noch in sehr großem Maße aufnahmssähig und j die Eingewanderten gruppierten sich auch drüben nach Nassen t und Völkerschaften. New-Pork, dieses Zentrum der Einwanderung z. B. hat seine genau abgegrenzten, französischen, deutschen, italienischen, jüdischen u. s. w. Viertel, und das deutsche Viertel? hatte eine solche Bedeutung gewonnen, daß es kurzweg den Namen j „Neu-Deutschland" erhielt. Den Schlüssel für die Einwanderung der nichtjüdischen Völkerschaften bot die gesteigerte, resp. geminderte Betriebs- und Verdienstmöglichkeit und mit dem Momente, als die anderen Nationalitäten entweder in ihrer ursprünglichen Heimat ihr Auskommen fanden, oder die Existenzmöglichkeit in den großen Städten Englands und Amerikas geringer wurde, da wurde die Auswanderung zeitweise auf ein Minimum reduziert, : oder in daS Innere der beiden in Betracht kommenden Staaten j gelenkt. L . Nicht so bei den Juden! Die Auswanderung der Juden war weder geregelt, noch organisiert. So lange den Juden die Scholle in ihrem Geburtslande belassen wurde, dachten sie überhaupt an keine Auswanderung und fristeten ein kümmerliches aber wunschloses Dasein. Sie haben sich auf eine Auswanderung nie vorbereitet. Wenn dann das Schicksal über sie hereinbrach und sie, an ihrem Leben bedroht, zurAuswanderung getrieben wurden, da stürzte sich ein ganzer Schwarm kopfüber ins Unsichere, ganze Züge von jüdischen Auswanderern ließen sich in den Judenstädten Londons, New-Iorks und anderer großer Städte nieder. Mangels jeder einheitlichen Organisation der Judenwanderung überfluteten die verjagten Juden auch dann noch diese jüdischen Großstadtzentren, als dieselben immer weniger aufnahmssähig wurden, und eine Niederlassung in derselben auch für die Ansiedler eher eine Verchlimmeiung ihrer tristen Lage, als sine Erlösung aus derselben bedeutete. „ , Und weil eben die Juden zufolge chrer konservativen Denkungsweise keine freiwilligen Auswanderer, sondern „M u ß- Auswanderer" sind, demzufolge, wie die Zugvögel, zu betimmten Zeiten scharenweise aus dem rauhen Klima in eine reundlichere Gegend ziehen, mußte eine solche stoßweise, unver^ mutete Massenniederlassung von Juden, sozusagen in einer und derselben Straße einer Stadt, die unangenehmsten Folgen haben. „ In London machte sich diese kopflose Einwanderung zunächst durch die gesteigerte Inanspruchnahme der öffentlichen Wohltätigkeit sehr unangenehm bemerkbar. Die bemittelten Juden versuchten zuerst die Situation dadurch zu mildern, daß ie den Kommunalsäckel entlasteten, und die jüdische Wohltätigkeitsarbeit mit staunenswerten Opfermut beinahe ausschließlich aus Eigenem bestritten. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß diese Mittel unzulänglich seien, denn Rußland und Rumänien orgte dafür, daß mehr Nehmer als Geber in der Judenstadt erscheinen. Beinahe gleichzeitig entstand dann die Bewegung zur Beseitigung des Uebels seitens der Judenschaft und der englischen Bevölkerung; die Juden gründeten den sogenannten „Dezentralisations-Bund" und die englische Bevölkerung erzwang die Einsetzung der „Fremdeneinwanderungs-Kommission". Rabbi Markuse. (Ei»« Antikritik.) Entrüstung ist ein schlechter Kritiker. Unserem Freunde Halberthal ist eS unwillkürlich in der vorletzten Nummer so ergangen, wie manchem biederem Provinzler, der im Theater den Darsteller von intriguanten Rollen für eineu abgefeimten Kerl hält. Mit einem Worte die Entrüstung gegen Sudermann*) ist g«nz deplaziert. Die Figur des Rabbiner Dr. Markuse ist sehr gut beobachtet; sie ist typisch, der deutsche „Pr ote str abin er" wie er leibt und lebt. Jude, Pardon Israelit nur innerhalb der Tempelmauern; im öffentlichen Leben Hauptsätze der deutschen Kultur; macht in Deutschtum und gründert gelegentlich TageSblütter zur Rettung des Liberalismus; in Hinterzimmern und in Klubs ist er Freimaurer oder Sturmgeselle; je nach Bedarf pachtet er daS Judentum oder den Patriotismus. Trotz dieser Vielseitigkeit ist keine Dissonanz in der Figur. Denn alle diese Masken find gleichmäßig in die „allgemeinmenschliche" Ganze getaucht, die sowohl d,n Schinken als auch den Scholet mit gleichen Behagen genießen läßt. Diese Vielseitigkeit sollte schließlich auch den entwaffne u, der tadelnd bemerkt, daß in solchen Gemeinden der Antisemitismus gewiß, das Deutschtum vielleicht, daß Judentum aber sicher nicht Fortschritte macht. Das läßt aber den „Menschen" vollständig kalt; und wenn sich noch so viele Glaubensgenossen taufen, das stört «icht seine Seelenruhe; sie vermehren nur die Schaar seiner „christlichen Freunde," und sein Gehalt bleibt ungeschmälert. Du meinst lieber Leser, daß diese Spezies auf das Aussterbeetat gesetzt ist; wir wollen es hoffen; aber mir sterben sie zu langsam aus. Jung-Siegfried (Siegfried muß er heißen), der Gohn des Rabbiners möchte gerne in die Fnßstapfen seines Vaters treten, es geht aber nicht, denn bi« Zeit ist eine andere geworden. Die neue Zeit verlangt Männer, aber keine „Menschen/ Männer, Söhne ihre- VolkeS, Diener ihres Volkstum, aber keine Anbeter eines unmöglichen, willkürlich konstruierten, dem Boden der Äerlegenheit, wen« nicht Verlogenheit enisprossenen Menschentums. Der Junge, ein . Heller Kopf, aber ohne sittlichen Halt, kommt als Studeut heim in die östliche Kleinstadt; der Zusammenstoß zwischen Markuse sen. und Marknse jun. ist nicht schlecht geschildert. Der Alte sagt: *) Der Sturmgeselle SokrateS. Komödie in 4 Akten von Hermann Sudermann. 5. Auflage. I. G. Totta'sche Buchhandlung, Stuttgart und Berlin.

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