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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Date
1903-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HM II I I AjL LLd«ettvn: U/S. Leopoldsgaffe 49. $&KC$fbU!*eMi Ha Worrvüasm von 4 VLS 6 Uhr nachmittag«. Sk»««e» »»USd!«tt, «Wie«. U>S. Vrsk?jwrrdr» »ege» verZpStrter oder gar nicht erfoigtrr Lnpellnng eroMm vir ins dringend. - BRomtfcttirt« tierdr» »itzt znrSügeftelll. SojUparcaffen-Tonto S47VS7. An da» rwomlement kan» man tSglich eintrcten. Uchemt jeden Freitag »avwf mumvKxaift Der ÄMK Mdifttzen Vt?iKsxicjivatzlren W'efSLSMMisfforr. HrefsesLe ödernehmen dte Ftrmm: Z. Danneberg, M. Dukes, k>aa«en» Sri» » Vogler. Rudolf Wolle. D. Sppel«. M. Pozsonyi. A. Schaler t» A>in>, ferner alle Kmtoirceu-tkxpedttlonen im AuSlande. M«KKL-N«WMer iss Wie« IS Heller. Ndmtntffrakion r n/3. Leopoldsgaste 49. Telephou-Nr. 14733 Abouuemeutspreis: Telephou-Nr. 14738 Für Wie» n. Vkfterretch-Uugar» lammt Arancojustellung. SanzjShrtg Kr. «anAhrig Salbiährtci SivctelMrtg Kr. 8.- Für daS gelammte Ausland sammt Froncozuüellung. tana&Kr.^ ^^'««biibwmb Ur. 43 Mirir, 83. Oktober 1903 (8. Marchrschman 3664). V. Jahrgang. Jüdische Realpolitik. Unsere Gesinnungsgenossen in der Bukowina boten uns jüngst ein erhebendes Schauspiel. Bei einer Landtagswahl standen sich zwei Kandidaten gegenüber und die Juden gaben den Allsschlag sür den. der nicht nur das modernere Programm vertrat, sondern auch in Bezug auf tue Judenfrage bestimmte, zufriedenstellende Erklärungen abgegeben hatte. Darob großes Geschrei bei den Freunden des Unterlegenen. Sie oerstiegetl sich sogar soweit, in ihren Journalen mit Hilfe von bezahlten Subjekten den Juden für ihre Parteinahme ein kleines Kit'chenew anzudroheil. Die Gegner einer jüdischen Politik im eigenen Lager konnten befriedigt darauf Hinweisen, wohin eine Parteinahme der Juden führe. Doch die Bukowinaer Jndenschaft unter der Führung Tr. S t r a u ch e r s handelte unerschrocken nach dem Grundsätze: tue recht und fürchte niemand. Bange machen gilt nicht. In öffentlicher Sitzung des Landtages brandmarkte Dr. St rauch er, unterstützt von den demokratischen Ruthencn und Rumänen, die gewissenlose Hetze der rumänischen Volkspartei und den geistigen Urheber derselben, den Abgeordneten v. Flondor. Die ganze Kampagne wurde mit solchen Elan geführt, daß nach Abschluß derselben Flondor als ehrenwortbrüchig ganz isoliert dastand und die rumänische Volkspartei sich in voller Auflösung befindet. Das hat eine zweck- und zielbewußte jüdische Politik bewirkt. Ungefähr zur selbenZeit spielte sich im galizischen Landtag eineSzene ab, die beweist, wohin unjüdischeJudenpolitik führt. Der Abgeordnete Pater Wrlzkiewicz erfrechte sich zu erklären, daß die jüdischen Kinder die Mittelschulen überfüllen und ihre christlichen Mitschüler demoralisieren. Das darf ein Mitglied des Polenklubs sagen, für den die Juden zu ihrem moralischen undpolitischen Schaden bei allen Wahlen Helfershelferdienfte leisten, eine Haltung, die ihnen von den Nuthenen mit Recht zum Vorivurf gemacht rvird. Und was erfolgte auf diese unerhörte Provokation? Einige lendenlahme Erklärungen nach dem Rezepte: Wasch' mir den Pelz und mach' ihn nicht naß. Dr. F r u ch t m a n n (Auchjude und Auchpole), der Klubkollege des Pater W i l^ k i e w i c z. legte gegen die Behauptung des Pater Wiizkiemicz Verwahrung ein. Großartig! Pater W i l z k i e w i c z konnte zufrieden sein. Dahin kommt man, wenn man nichtjüdische Politik treibt.... Und wer mies im n i e d e r ö st e r r e i ch i s ch en Landtage den sattsam bekannten Priester einer sattsam bekannten Nächstenliebe, die sich am liebsten in kleinen Klschinews äußern möchte, in seine Schranken zurück? Feuilleton. Die alten Achtundvierziger. (Eine Anti-Theaterkritik.) In der „Neuen Freien Presse" vom 9. d. M. erschien iw Feuilletonraume ein Aufsatz: „Berliner Theater: der Sturmgeselle Sokrates von Hermann Sud ermann." Leitartikel und Theaterkritiken pflegt ein alter Journalist genau zu lese». Er fliegt nur die Zeilen durch. Da er die Mache kennt, so genügen ihm einige Schla^worte, um sich zu orientieren über das Wie. Woher und insbesvnders über das Wohin. Als wir ab« das obenzitierte Feuilleton zu durchfliegen begannen, da ließ uns die sonst bewährte Methode im Stiche. Wir vermeinten, daß das Unterste zu Oberst gekehrt, das Feuilleton zum politischen Leitartikel avanziert sei. „Neues deutsche Reich, deutsche Einheit, deutsche Brüder, deutsche Stämme, deutsche Rcvoliition, deutsches Kaisertum, deutsches Volk, einiges Deutschland" in 10. sage z-hn dreifach gespaltenen Z^leu. Soviel „Deutschtum" pflegt doch sonst ein ganzer Leitartikel der „Neuen Freien Presse" za konsumieren? Und das soll eine Theaterkritik sein? Wir lasen weiter: „an ein einiges Deutschland geglaubt — die schwarz-rot-goldenen Farben der deutschen Einheit auf der Brust getragen — B i s m a r ck tatsächlich der Vollstrecker des Willens der deutschen Revolution —©über mann keine Ahnung, daß der gewaltige Sänger der deutschen Revolution F r e i l i g r a t h ein begeistertes Kampflied „Hurra Geimauia" angestiwmt hat, — ©über mann oberflächlich bis zur Leichtfertigkeit— Ideen von 1848 — die deutsche Einheit ist elrungen, mit der deutschen Freiheit hat es noch gute Wege." Daß die Assimilanten die jüdische Politik perhorreszieren, nimmt uns nicht Wunder. Wohl nimmt es uns aber Wunder, daß die zionistische Partei sich nicht zu einer aktiven jüdischen Politik entschließen kann. Die Bukowina hat bereits bewiesen, daß selbstbewußte Juden eine jüdische Realpolitik betreiben wollen und können. Die politische Situation Galiziens schreit förmlich nach jüdischer Polittk. Und auch im W sten und in Ungarn muß man wenigstens den Samen für eine bessere Zukunft legen. Das Geschick hat die Juden Oesterreichs auf einen besonders verantwortungsvollen Posten gestellt. Wenn nirgendswo, so ist es gerade in O e st e r r e i ch möglich, jüdischnationale Politik zu betreiben. Ja, es ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Und man wird sich endlich entschließen müssen, dieses Notwendige nebst anderem Notwendigem mit Anstand und Würde zu tun. Das eine tun und daS andere nicht lassen; das muß die Losung der österreichischen Zionisten sein. Wir wurden auf diese Gedanken gebracht, als wir jüngst im offiziellen Parteiorgane „Die Welt" folgendes in einem englischen Briefe lasen: Die südafrikanische Federation schickte über 40 Pf. St. für Medaillen, die von der englischen Zionist-Federation zu Ehren der Krönung König Eduards geprägt worden waren, welcher Umstand zweifellos die Loyalität der Juden in Südafrika erhöhen wird. Die politische Krise, die wahrscheinlich über kurz oder lang zur Ausschreibung allgemeiner Wahlen führen wird, hat schon manchen ernsten Zionisten zu denken gegeben, da sie sich mit dem Plane herumtragen, Zionisten in dqs Parlament hineinzubringen m i t dem nationalen Programm, für London, Leeds, Manchester, Glasgow und wenn möglich Liverpool. Sie sollen, ihren Pflichten ihrem Vaterlande gegenüber getreu, in den Fußstapfen des Baron Henry de Worms und Sir John Simon wandeln, die immer ihre Stimme sür ihre jüdischen Brüdererhoben haben. Also, die politischen Zionisten Englands traaen sich anläßlich d-r politischen Krise mit dem Plane, Männer mit dem jüdisch-nationalen Programme in das Parlament zu bringen. Was demnach in London, Leeds, Glasgow und Liverpool recht ist, sollte in Oesterreich nicht recht sein?! Eine Reise durch Rußland. (Ei« Interview.) Einer unserer Mitarbeiter halte Gelegenheit, einen bekannten jüdischen Politiker, der eben von emer Reise durch Rußland zurückgekehrt war, zu interviewen. Herr begann: „Sie wissen, daß ich ein geborener Russe bin. Nach zehnjähriger Unterbrechung bin ich wieder F x Laudon, dachten wir, die Leitartikel über das ver» krachte Jabr 1848 in der bekannten ausgewerkelten Melodie der zahnlosen „Helden" der Sttidentenlegion; sollte der alte Herr mit der treiteu schwarz-rot-goldenen Schärpe und den vielen Berwaltungsratsstellen am Ende aus dem Grabe gesprungen und Feuilletonist der „Neuen Freien Presse" geworden sein? Doch wir lasen weiter: „Die Aufgabe unserer und der kommenden Generation wird es sein, eine Wendung herbeizuführen und ans dem Boden der deutschen Einheit allmählich auch die deutsche Freiheitzn schaffen." Halt, jetzt haben wir ihn! Ein gar so großer „Teutsche", das kann nur einer von der bekannten Sorte fern! Urrd wir wendeten rasch das Blatt um und siehe der Verfasser heißt — Paul Goldn« ann! Aber der arme S u d e r m a n n, der bekommts! Aber recht geschieht ihm, dem S u d e r m a n n! Die alten Achtundvierziger auf der Bühne lächerlich zu machen, wenn sie sich im Leben schon so lächerlich gemacht haben! Jemanden auf der Bühne komisch zu machen, den niemand im Leben ernst nahm! Man muß sie nur gesehen, gekannt und gesprochen haben, zum Beispiel den Fübrer der Kasinoten in P r a g, der im Jahre 1879, sage und schreibe achtzehnhundertsiebenzigneun, zum Senior einer Burschenschaft, die bei ihm vorstellig «vurde, warum man bei der Dekorierung des Kasinos keine schwarzrot-goldenen Fahnen verwendet, die denkwürdigen Worte sprach: „Was soll die schwaiz-rot-goldene Fahne? Sind wir vielleicht in — Preußen? Solange ich Vorstand bin, wird keine schwarz-rot-goldene Fahne vom Kasinogiebel wehen." Daß dieser Herr schon wenige Jahre später, die übrigens vom selben Burschenschaftssenivr geprägten Worte: „Wir lassen uns von unseren Stammesbrüdern nicht durch schwarz-gelbe Pfähle trennen" in allen Brusttonarten variierte, darf bei der „Konsequenz" der Herren ans Deutschböhmen nicht verwundern. War ja der erste Vertreter der schärferen Tonart im Parlanach Rußland, meinem Geburtslande, denn Vaterland kann ich es nicht nennen, gefahren. Ich habe mannigfache und darunter viele mich sehr überraschende Eindrücke erfahren. Um es Ihnen gleich herauszusagen: Eine bedeutende Revolution hat bereits in Rußland stattgefunden. Allerdings nur der Geister. Ich war ganz erstaunt. Während man sich früher nicht einmal getraute, in Gedanken Kritik zu üben, hörte ich jetzt die Leute ganz laut auf der Straße die Verfügungen der Behörden und die einzelnen Beamten selbst kritisieren. Sie werden als Westler es vielleicht komisch finden, daß ich das hervorhebe. Ein Russe wird mich verstehen. Schon auf meiner Hinfahrt machte ich diese Beobachtung. Ein Jude stng im Coupe an, über Kischenew zu sprechen und beschuldigte ganz laut Plehwe der Urheberschaft. Sein Nachbar, ein Sektiouschef, antwortet ihm und pflichtete ihm in den Hauptpunkten bei. Ein Geistlicher mischte sich in das Gespräch und bald war die Debatte ganz allgemein. Ich war starr. Doch das echlrusstsche Nachspiel fehlte auch nicht. In der nächsten Station wurde die Coupetüre aufgerissen, «in Gendarm, ein Untersuchungsrichter und mehrere Gehilfen traten ein und begannen den Juden, der vas Gespräch begonnen hatte, zu verhören. Woher kamen sie? Denn die russische Justiz zeichnet sich gewiß nicht durch ihre Promptheit aus. In einem anstoßenden Coupe saß nämlich eine fliegende Kommission. Durch zwei Stunden hatte sie unser Gespräch belauscht, protokolliert und stenographiert, und nun schritt sie an die Justifizierung der Sünder. Ein Leugnen war unmöglich, denn unsere Gespräche waren, wie gesagt, stenographiert worden. Wir legten also unser Hauptgewicht darauf, daß wir dagegen protestierten, daß eine öffentliche Behörde zwei Stunden lang „aufrührerische" Gespräche belausche, anstatt, wie ek ihre Pflicht gebiete, sofort einzuschreiten. Der Untersuchungsrichter war wirklich betroffen, quasi als Polizeispitzel hingestellt zu werden. Er verhaftete daher den Juden, der das Gespräch begonnen hatte, nicht, sondern begnügte sich mit dem Protokoll. Im Uebrigen hatte der Jude Unrecht, die ganze Schuld Plehwe zuzuschieben. Wahle, der neben bei gesagt krank ist, ist zumindest ebenso schuld wie Plehwe. So sieht es in den mittleren Kreisen aus. Aber auch in den unteren Volksschichten gährt es. Ich will nicht von den Strömungen unter der russischen und jüdischen Arbeiterschaft sprechen, die Ihnen bekannt sind. Nein, der „kleine Mann", wie wir hier in Wien sagen, fängt an, zu murreu. Als ich in Petersburg eine Droschke bestieg, fing der Kutscher an, über den Gouverneur zu schimpfen. Der Kutscher über mente und der Präger der Phrase: „Oesterreich — ein herabbrennendes Franziskerl" noch ein Jahr vorher „altes Haus" des internationalen Korps „Austria". (Und des großen Korneubnrg'schen Antisemiten Kompagnon in Deutschböhmen war ein Jahr vorher ein Jude gewesen). Man muß sie nur gesehen haben, diese 1848er mit der „geschwellten" Brust — falls darauf ein Orden fiel. Diese demokratischen Burschenschaftler, ehemals Büchsiers genannt, in Halsshawl und Schlapphut, die dann unter antiliberalen und antideutschen Ministerien selbst Orden und Adel erhielten, oder, falls die Väter „denn doch" nicht als „Achtundvierziger" um den Adel „auf Grund des erhalteneu Ordens" sich bewerben konnten, es nach der Väter Tode taten! Ja, man muß bas gesehen haben. Es muß sich einem der Speichel im Munde zusammengezogen haben bei dem Gewäsche dieser Freisinnshelden. Man muß die Leute persönlich sprechen, zu welchen diese Freisinnigen ü ia Eugen Richter in eamera earltatis gesagt haben: „Ja, ich kann Sie in der Redaktion nicht anstellen, wenn Sie sich nicht taufen lassen"; man muß sie kennen, jenen liberalen (!) Wiener Bürgermerster, der von vier ausgeschriebenen Tierarztstellen nur drei besetzte, als um die vierte Stelle nur ein (bestqualifizierter) Jud, aber kein anderer, kompetrerte oder jenen liberalen Gewaltigen, der den Magistratsamtsaspiranten die Taufe „empfahl" u. s. f. mit Grazie. Sudermann kennt aber die kleinen Helden jener großen Epoche, für welche er mit Recht keinen besseren Ausdruck fand, als: „schon ganz auf den Hund gekommen", und malt nach dem Leben, nur daß sein Modell gleichzeitig eine Type ist. Der jüdische „alte Herr" und Doktor (Dr. Markuse) ist zum Beispiel einem mährischen Stadt-Kultusgemeinde-Borsteher auf den Leib geschrieben und doch hat S u d e r m a n n diesen jüdischen „deutschen Gemeinbürger" gewiß nicht zu

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