Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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%if;' kV- -- . 1 \j<t -; s,-: u ,, I;. . [ >h V l ,4 '';- , 'P" k^M - 1 'v rA. < t fF* , schäftsgebarnng gemacht. Den Gipfel parlamentarischer Jilkorrektheit aber bedeutete die Abstimmung selbst. Den Gegenstand der ganzen astafrikanischen Debatte batte die Frage gebildet, ob man eine Kommission wählen solle, welche das Projekt gewissermaßen höslichkeitshalbcr zn prüfen hätte, wobei die Ablehnung desselben Non nenn Zehnteln des Kongresses als selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Als man aber zur Abstimmung schreiten wollte, legte das Präsidium plötzlich einen viel weitergehcnden Antrag vor: man sollte nun eine Kommission tvählen, welche eine Expeditioir nach Ostasrika vorznbereiten hätte. Es handelte sich also bereits darum, dem afrikanischen Projekt erstlich näher zn treten. Obwohl die bis dahin mit allein Aufgebot an sophistischen Kunststücken verlengneten, eigentlichen Absichten des Präsidiums jetzt für alle klar wurden, gelang es, die Majorität zu überrumpeln. Es wurde ein Alltrag von entscheidender Bedeutung angenommen, über den gar nicht debattiert worden lvar. Ich habe sofort nach Beendigung dieser Abstimmung einen feierlichen Protest gegen das illegale Verfahren des Präsidiums eingelegt und wiederhole hier, >vas ich auf dem Kongresse erklärte: dieser durch Vergewaltigung des Kongresses herbeigeführte Beschluß ist nach parlamcntarischei'.r Brauche ungiltig. * Man hat es versucht, das ostafrikanische Angebot als ersten wirklichen Erfolg der zionistischen Diplomatie zu feiern. Für nüchterne Beurteiler bedeutet cs vielmehr ein diplomatisches Arniutszeugnis, eine eingestandene Niederlage. Wäre es tatsächlich ein Triumph, so hätte der Präsident des Attiouskomitecs es nicht zunächst abgelehnt und sich mit dieser Konzession in der Tasche um El-Arisch bemüht. Es ist schon darum kein Erfolg, weil man sich um dasselbe gar nicht bemüht hat, weil es — was etwas verdächtig erscheint — spontan entgegengebracht wurde. An der eigcrirlichen diplomatischen Aufgabe der zionistischen Bewegung aber ist Dr. Herzl gescheitert. Eine Konzession für die Besiedlung Palästinas hat er eingestandenermaßen nicht erreichen können; diese Aufgabe bleibt zu lösen. Der Kongreßmajorität vermögen die Führer des Zionismus alle braunen Bewohner des ehemals jüdischen Reiches Abcssynien unter einem Könige aus dem Hanse Davids. Der ihr Land abschließende, Und von diesen könne man nicht mehr pflanzen, als die in erreichbarer Nähe weilenden Angestellten der Bahn zu ver- Geränsche dahinrollende Strom Sambatjon kann brauchen imstande seien. Da dieses Kartoffelparadies die Abenteuerlustigen bisher nicht recht gelockt hat, scheint man nun in England es mit den russischen und polnischen Juden versuchen zn wollen. Es ist ja durchaus nicht unmöglich, daß eine solche Ansiedlung gedeiht. Palästina wird zur Zeit, als die Juden ans Aegypten eindrangen, auch nicht gerade so von Milch und Honig geträuft haben, wie die Einwanderer es sich versprachen. Aber groß sind die Aussichten ans das Gelingen eines zionistischen Versuchs nach den vorliegenden Erfahrungen sicher nicht. Britisch-Ostafrika besitzt dieselbe Natur wie die deutsche Nachbarkolonie. Hier sind alle wiederholt gemachten Versuche mit Ansiedlungen mit deutschen Landwirten gescheitert. Klima, Arbeitermangel, Teuerkeit und Schwierigkeit des Transports haben bisher unüberwindliche Hindernisse in den Weg gelegt. Der K ü n tz e l sche Ansiedlungsversuch in Tanatale scheiterte an der Feindseligkeit der Eingeborenen. Der von Dr. Hertzka in Wien 1891 unter Nichtbeachtung aller sachverständigen Einwände unternommene Versuch der Gründung einer sozialistischen Kolonie im englischen Gebiete ist nicht über die ersten Anfänge hinausgelangt. Ohne Aufwendung sehr großer Mittel für Pazifizierung und Vorbereitung des Siedlungsgebietes, Erbauung geeigneter Straßen und Häuser, sorgsame Regelung des Verpflegungs- und Gesundheitswesens ist jedes Ansiedlungsunternehmen in Ostafrika von vornherein des Fehlschlageus sicher. Man kann nur hoffen, daß die Leiter der Zionisten sich das ernstlich vor Augen halten und danach ihr Handeln einrichten'; sonst laden sie eine sehr böse Vkrantwortung auf sich. fein anderer sein, als der an Katarakten reiche Soinbat oder Ober Nil, der Abcssynieir von deir anderen, damals bekannt geivesenen Ländern abschloß. Abgesehen nun davon, daß Sambatjon der mit dem Begriffe Sabbat zusammenhängende Name eines Flusses und nicht eines Landes ist und — falls obige Ansicht richtig ist — der Nähe des eigentlichen richtigen Sambatjon, wurde eine solche Benennung des neuen Landes auch sonst Anlaß zu Begriffsverwirrungen bieten, tveshalb die Benennung „Sambatjon" nicht empfehlenswert erscheinen dürfte. Auch der hie und da gebrauchte Ausdruck „Neu-Zijon" dürfte so manchen, die nur ein Zijon, das einzige und ewige, wollen, nicht behagen. Hingegen wird es nicht schiver fallen, einen anderen passenden Namen hierfür zu finden, z. B. Miklatah 2* vom biblischen M i k l a t ( L, p f: ) „Z n fluchtsstätt e". Ein expressiverer Name mit politischem Beigeschmack könnte einer Art Präzedenzfall in unserer Geschichte entnommen tverden. Als nach langer Wüstenwanderung ein Teil unseres Volkes — zweieinhalb Stämme — bereits im Besitze eines Landes waren, versprachen sie „gerüstet" ( c 1 L, n ) mit ihren Brüdern in deren Land zu ziehen und ihnen zu helfen, ihr Land zu erwerben resp. erkämpfen. Dementsprechend könnte das neue Gebiet „Chalz o n a h" ( n j 1 „ L, n ) „R ü st u n g s l a n d" genannt tverden. Ein Name, der ein ganzes ZukunftZprogramm enthält. V. I. H. Ueber das „gelobte Land" des zwanzigsten j Jahrhunderts plaudert ein Dr. A. Price im „Tag". Es heißt da u. a: In England betrachtet man seit Jahren Ostafrika als ein sehr unbequemes Schmerzenskind und wird von der Furcht geplagt, daß die dafür im letzten Jahrzehnt gebrachten ungeheuren Opfer so gut wie verloren sind. In früheren . Zeiten, als noch nicht Eifersucht und Haß gegen Deutschland alles einzureden. Haben sie doch selbst das unglaubliche Kunststück > die Stärke wie jetzt gewonnen hc tten, betrachtete man in England zu Wege gebracht, daß das ostafrikanische Projekt allen Ernstes j Ostafrika als wertlos. Obwohl in den 50er und 60er Jahren als Realisierung des zionistischen Ideals, als Erfüllung des Baseler. f/in Mensch daran gedacht hätte, England dort den Boden Programms ausgenommen wurde. Aber das jüdische Volk wird sich! streitig zu machen, und obwohl die Welt der Missionäre und von ihnen nicht überlisten lassen. Das Volk sieht es klar unb deut-: Geographen eine englische Festsetzung dort mit Freuden belich, daß das, was die wahren Zionisten bon Anfang an befürchteten, ^rüßt hätte, wollte man in London nie von einer solchen wissen heute eingetrcten ist: die Soi-disant-Zionistcn, die mit der nationali,„b überließ das ganze Land den arabischen Elfenbein- und jüdischen Bewegung mehr mit dem Kops als mit dem Herzen zu-l Sklavenhändlern. Erst als die Gebrüder De nh ard t und sammenhängen und die sich der Leitung dieser Bewegung be-> Dr. Peters zu Anfang der achtziger Jahre Fuß faßten und mächrigten, haben nach den ersten Mißerfolgen im Kampfe um in Deutschland die Erwerbung mit Enthusiasmus begrüßt Palästina die Flinte ins Korn geworfen und sich anderen Göttern wurde, schlug die Stimmung um. In aller Eile erwarb Zeitungsschau. ZUgewcndet. Nnr derjenige gibt den zweitausendjährigen Trauul eines Volkes so leichten Herzens -aus, der ihn nie tiefinnerlichst mitgefühlt. Das Volk sieht es klar und deutlich, daß von den zwei Dingen, die das Baseler Programm anstrebt: Palästina — und Charter, die sofortige Erreichung eines Charters den heutigen Führern viel höher steht, als Palästina; daß sie nach dem ersten erreichbaren Charter die Hand ausstrecken, wenn er ihnen auch nur einen Negerstaat in Aussicht stellt. Auf diesen Weg wird ihnen das Volk, wenigstens dessen national gesinnter Teil, nicht folgen. Vom 6. Kongreß ab bedürfen die Führer des Zionismus keiner Kritik inehr; sie haben sich selbst gerichtet. Die selbständig denkenden, leistungsfähigen Elemenre aber müssen sich von nun an ausschließlich einer positiven, bauenden Tätigkeit zuwenden. Worin diese bestehen soll, ist klar. Dem Ziele — der rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina — kommen Intr nicht näher, indem wir diese Heimstätte anderswo errichten —■ denn eine solche kann Zion nie werden; aber die heute schon mögliche Tätigkeit in und lim Palästina, nnr systematischer angefaßt als bisher, kann und muß auch zur sicheren Hciulstätte führen. Wir müssen unser altes Programm, die lmtgsame Besiedlung Palästinas, in neuem, politischem Sinne wieder ausnehmen itnd nicht über Afrika nach Palästina, sondern durch Palästiita zur öfseurlichrechtlichen Sicherung gelangen. Sambatjon. Im „Jüdischen Volksblatt" wurde kürzlich der Vorschlag gemacht, den nett zu errichtenden jüdischen Staat in Ostasrika „Samba t io n" zu nennen, nach dem Märchenlande, welches hinter finsteren Bergen, von eitlem reißenden Strome abgeschlossen, den verlorenen Stämmen eine Zufluchtsstätte bieten sollte. Es sei hier gestattet, hierzu einige Bemerkungen zu machen. Im Mittelalter brachten portugiesische Seeleute itach Europa die Nachricht von einem durch einen christlichen Priester namens Johannes entdeckten jüdischen Reiche ztvischen hohen, siustcren Bergen jenseits eines mächtigen Stromes namens Sanibatjon, dessen Fluten mit schrecklichem, tveithin hörbarein Gcbranse einherrollen und bon einem Volke mit dnnkelroter Hautfarbe bewohnt ist. Alsbald bildete sich in bcu jüdischen Volksschichten die bis jetzt noch bestehende Legende von den „Roten Juden" hinter dem Sambatjon. Letzterer Name wurde als Sabbat-Fluß gedeutet, der cnn Sabbat von seinem Toben ruhe und die „Roten Inden" für die verlorenen Stämme Israels gehalten, obtvohl diese Ansicht durch das über dieselben aus den biblischen Büchern Bekannte durchaus tiicht gerechtfertigt ist. Der Fluß Sambatjon wurde nun, nebst den: hinter ihn», eiugeschlosseneu großen Judeureiche, in ganz Asien hernmges'.icht. aber, tiicht gesunden, trotzdem doch ein ganzes großes Reich ans die Dauer nicht verborgen und uubekauut bleiben kann. Nach tmd nach vcrlorctt sich die „Noten Juden hinter dem Sanrbaljou" ins Mythische uitd man ließ sie dort den von Gott zu bestimmenden Zeitpunkt ablvarteu, wo sie, unter Anführung Maschiachs, deir Sambatjon überschreiten werden, um ihre Brüder in den übrigen Ländern ztt erlösen. Aber die :,Roten Jtlden" der jüdischen Volkslegende ivaren kein mystisches Gebilde, sondern es Ivaren und es sind die rot- Dr. Thomson Land am Kili Mandscharo für England, die Britisch-Ostafrika-Compavy wurde ins Leben gerufen und durch ihren Einfluß bewirkt, daß Deutschland sich zu zwei Verträgen mit England herbeiließ, in denen es auf das Tanagebiet, das Jubaland und die Ausdehnung seines Einflusses auf Uganda Verzicht leistete. — Die Kolonialfrernide Englands jubelten über diese Erfolge in Gegenden, die ihre Regierung früher stets verschmäht hatte. Aber ihre Freude wurde bald stark beeinträchtigt durch die Beobachtung, daß die von ihnen gehegten nud laut der Welt verkündeten Erwartungen sich ebensowenig erfüllten wie die der deutschen Kolouialfreunde. Die erhofften Funde von Edelmetallen blieben aus; Versuche mit Pflanzungen scheiterten, die Eingeborenen zeigten nicht die leiseste Neigung sich zivilisieren und zur Arbeit schulen zu lassen; die weißen Beamten und Unternehmer endlich starben wie die Fliegen. So vergingen wenige Jahre, und die englische Gesellschaft war bankerott. Aber sie hatte es doch fertiggebracht, die sonst in Geldsachen so zähe englische Negierung zu bewegen, ihr Werk fortzusetzeu. Veranlaßt durch die begeisterten Schilderungen verschiedener Beamten und Forscher von der Fruchtbarkeit und den Aussichten des Innern, geleitet auch von dem Wunsche, eine rasche und bequeme Verbindung nach dem damals von den Mahdisten besetzten N'lquellengebiet zu bekommen, das man für Aegypten retten wollte, entschloß sich England, die Bahn von Mvmbasa nach dem Biktvriasee ans Staatsmitteln zu bauen. Diese Bahn ist nach Ueberwindung unendlicher Schwierigkeiten und Aufwendung von weit mehr als 100 Millionen nunmehr fertiggestellt. Aber der von ihr vorausgesagte Segen ist ebenso ausgeblieben wie einst der von der Festsetzung in Ostafrika. . inen sind nicht gefunden worden; Pflanzungen tropischer Natzgewächse gedeihen nicht, die Bevölkerung bleibt so dünn q sät und faul wie bisher, und der vorhergesagte Aufschwung des Handels will nicht in Erscheinung treten. Einstweilen machen europäische und indische Waren für die Bedürfnisse der Beamte, Missionäre und Soldaten den Hauptteil der Frachten aus. Trotz billigster Tarife lohnt es sich nicht, die Erzeugnisse des Innern auf der Bahn zu versenden. Der englischen Negierung ist das begreift cherweise sehr unangenehm. Nach den Opfern des Transvaalkrieges bat sie keine Lust zu immer neuen unabsehbaren Aufwendungen für Ostafrika. Vor einiger Zeit schon sagte Lord Cranborne, der jetzige Lord Salisbury, im Parlamente, daß die Negierung nicht daran denke, noch einmal auf ähnliche Unteruehiiiungeu, wie die Ugaudabahu, hineinzufallen. Gleichzeitig begann die Negierung in Wort und Schrift Stimmung für Ansiedelungen und Unternehmungen in Ostasrika zu machen. Sie bietet allen Wagelnstigen ansehnliche Landstücke kostenlos und verspricht jegliche Förderung. Es ist noch nicht lange her, so veröffentlichte sie einen Bericht des landwirtschaftlichen Sachverständigen in Sansibar über die Besiedelnngsfähigkeit des Innern Ostafrikas, in dem einzelne Gebiete des letzteren als „irdisches Paradies" bezeichnet wurden. Nur leider konnte sie nicht verschweigen, daß dies Paradies auch eine gefährliche Schlange barg. Ganz beiläufig war nämlich in den Berichten zu lesen, daß das Klima zwar schön und der Boden sehr fruchtbar, aber leider keine Aussicht auf Bau anderer Nutzgewächse als — man staune! — von Kartoffeln sei. Christlich-soziale Machination in Schulsachen. Der „Neuen Freien Presse" wird geschrieben: Die städtische Schule in der Werdertorgasse leidet trotz ihrc,r anerkannten Vorzüglichkeit an Schülermangel — ein Umstand, der den Wert dieserAnstalt in den Angen denkender Eltern inir erhöht. Vom Standpunkte der Schulverlvaltung wäre dies — so sollte man glauben — ein Anlaß, dieser Schnle mehr Schüler znzulveiseii. Nnn geschah aber gerade das Gegenteil. Zu Beginn des heurigen Schuljahres wurden beiläufig siebzig Kinder, und zwar durchwegs israelitische, ausgewicsen, so daß zwei Klassen gesperrt werden mußten. Hierdurch wurden nicht nnr die materiellen und pädagogischen Interessen der Eltern, sondern auch die Schulgesetze selbst arg verletzt. Nach dem Schnlsprcugelgesctze dürfen Kinder, welche schon in einer Schnle ivaren oder deren Geschwister diese Schnle besuchen, nicht anSgeschnlt werden, wenn sie auch einem anderen Schulsprengel angehörcn. Es darf überhaupt jedes Kind jede Schnle Wiens besuchen, wenn Platz ist und der betreffende Ortsschnlrat einverstanden ist. Nun waren alle Ansgewiesenen schon ein oder mehrere Jahre Schüler dieser Anstalt, viele hatten Geschwister dortselbst und überdies!var sehr viel Raum vorhanden, da durchschnittlich nur dreißig Kinder in einer Klasse saßen. Somit trafen alle Bedingungen zu und dennoch Ivurde diese ehikanöse Maßregel ergriffen, welche nur eine Etappe zu dem Ziele bildete, die Majorität der Kinder dieser Schnle so zu gestalten, daß die Oberlehrcrstelte ja nicht etwa einem Juden znfalle. Die betroffenen Eltern werden dafür zu sorgen haben, daß das geschilderte Vorgehen im Reichsrate zur Sprache komme und überdies alle Schritte ergreifen, um dem bestehenden Gesetze Achtung zu verschaffen. Ein jüdischer Dialekt. In dem dritten Heft der „Mitteilungen des Lazarebski-Jnstitntes für orientalische Sprache" in Moskau bietet Vsebölod Miller einen Umriß der Phonetik der jüdifchtatischcn Mundart. Der Verfasser dieser Studie hat sich schon mit früheren Publikationen um die Kenntnis und Erkenntnis einer für die Linguistik belangreichen neuen Sprachbildung ein bleibendes Verdienst erworben. Dieses bon ihm der Forschung zugänglich gemachte Idiom gehört nämlich in die Kategorie jener eigentümlichen Mischsprachen, welche die Elemente ztveier einander gänzlich stammfremden Sprachen zu einer neuen verarbeiten. Bis zu einer gewissen Grenze zeigt eine ähnliche Erscheinung auch das bekannte „Judcndeutsch", das sieh aber tm wesentlichen doch nur auf die Herübernahme einer großen Anzahl hebräischer Worte beschränkte, im übrigen aber syntaktisch, trotz zahlreicher anderweitiger Entlehnungen aus romanischen, hauptsächlich jedoch slavischen Sprachen, eine deutsche Mundart geblieben und keine Mischsprache geworden ist. Eine große Anzahl bon Sprachen mögen ursprünglich Mischsprachen gewesen sein und die Sprachforschung kann in Ermangelung zuverlässiger historischer Handhaben, dem Entwicklungslauf so mancher derselben auf rein vergleichendem Wege erschließen. Daher ist es zum Beispiel ebenso lehrreich als nützlich, eine Sprache wie die jiidisch-talische, deren Bestandteile verhältnismäßig unschwer von einander zu sondern sind, sowohl Philologisch als ethnologisch zu betrachten. „Soll man dieselbe linguistisch charakterisieren ohne jede Bezugnahme auf die Bevölkerung, die sich ihrer bedient," sagt Müller, „so fiele die Charakteristik beiläufig so auS: ES ist eine iranische Mundart mit semitischer Artikulation und teilweise semitischer Struktur, zum Teil aber morphologisch türkischer Art. Eine solche Mundart konnte sich mir in einem Gebiete entwickeln, wo neben und durch einander iranische, semitische, türkische Elemente leben, und ein solches Territorium war tatsächlich Aderbeizan. Das Grimdelement der Sprache der Bergjuden ist iranisch, sowohl in phonetischer als morphologischer Beziehung. Dem ersten Anschein nach zeigt sich diese Sprache als Untermnudart des Nenpersischen; es ist bloß notwendig, sich hierbei die Gesetze der Uebereinstimmung in den Vokale» und Konsonanteil nach beiden Seiten hin zu veranschaulichen, lim miö der Menge dieser Leute uild Formen eine persische und umgekehrt aus dev persischen eine jüdisch-italische Sprache herzustellen. Bei einer eingehenderen Untersuchung überzeugt man sich indesseil, daß das gewonnene Schema der Lallte durch Faktoreil gestört wird, die deur iranischen Vokalismus u>ld Konsonantis»lns fremd sind, und die einerseits vom Einfluß der semi-