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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Wien, Freitap Jüdisches Volksblatt Seite? 9. Oktober 1909 Juden nur ihnen totgeschlagen hatten. Erft -eins Befehl des Gouverneurs suchten die Truppen die Bunden znrückzndräiigen, wenigstens in einem Stadtteil. Hier kam es zu einein Krawall, wobei mehrere der bisherigen Schützlinge der Soldaten von diesen erschossen Ivnrden. Einzelne Mordtaten passierten auch an den folgenden Tagen. Gegen 100 Mitglieder der Banden Ivnrden der Polizei namentlich angezeigt, aber sie verhaftete nur 25 derselben, dagegen die doppelte Anzahl Inden wcgeir verbotenen Waffentragens oder Kvnspirierens gegen die Polizei. Der amerikanische Staatssekretär H a 1) beauftragte den Charge d'affaires zn Petersburg, sich sofort nach den Verwandten gewisser amerikanischer Inden zu erkundigen, die das Staatsdepartement um Intervention ersuchten. Die New-Borker „Evening Post" erklärt, die behördliche Genehmigung und Protektion dieser Ausschreitungen werde das moralische Verdammungs- Urteil der zivilisierten Welt über Rußland bringen. Je mehr Einzelheiten über die blutigen Vorgänge in Hornel bekannt werden, umso augenscheinlicher tritt die Tatsache hervor, daß die Exzesse unter der Patronanz der ö f f e n t - l i ch e n Autoritäten v e r ü b t wurde n. Wir wollen einige markante Umstände hervorhcben. Zahlreiche jüdische Familien hatten sich, vor den Massacres flüchtend, nach dem drei Meilen von Homel entfernten Dobrnsch gerettet. Da langte am Dienstag den 15. September ein Telegramm mis Homel ein, daß die flüchtigen Inden ans Dobrnsch zu verjagen seien, weil sie an diescrn Orte nicht das Anfenthaltsreeht haben. Dobrnsch ist nämlich ein Dorf, und den Inden steht selbst in dem ihnen zngewiesenen begrenzten Gebiete das Recht des Aufenthaltes in Dörfern nicht zu. Ein anderer Umstand, bei welchem die Hand der Behörde hervortritt, ist, daß anläßlich jener Vorfälle ansgcgcbene Telegramme an gewisse Zeitungen zlvar vom Telegraphenamt angenommen, aber den betreffenden Zeitungen nicht zngekommen sind. —- Am 12. September fand man einen Korb voll Proklamationen, enthaltend den Ausruf, über die Inden herznfallen. Am 15. September Ivnrden zwei Kisten mit Proklamationen gefunden, in denen anfgefordert wird, die Juden an ihrem Versöhnungstage, wenn sie in ihren Bethäusern beisammen und wehrlos sind, zu überfallen. Uiüer den Inden in den sämtlichen Städten herrschen die größten Besorgnisse, besonders seitdeni sie sehen mußten, das; das anfgebotene Militär den Ruhestörern als Schntzmauer dient, hingegen sich der Selbstverteidigung der Inden mit Waffengewalt entgegenstellt. Wie in Kischenew w a r e n a in d r i t t e n Tage p l ö tz t i ch, Wien n f ein. gegebenes Z e i ch e n, die Exzesse beendet, allerdings, nachdem. mehrere Inden erschlagen, über hundert leicht und schwer verwundet, über 200 Geschäfte ansgeplündert waren und ein Schadeil, km man vorläufig, ohne ihri aber noch garlz übersehen zn können, auf mindestens 160 000 Rubel schätzt, ungerichtet worden war. Ein grelles Licht ans die Zuverlässigkeit der amtlichen rnssischen Berichterstattung den Juden gegenüber wirft die folgende, in dem Organ der russischen Regierung, dein „Negiernngsboten", veröffentlichte Mitteilnng: „Am 80. August (a. St.) wurde in Pinsk in der Straße, m welcher die jüdische Schule liegt, ein elfjähriger Knabe, namens Kisselew, als er gegen 0 Uhr abends ans dem Kloster in der Lagofchnnerstraße heimkehrte, von drei Judm überfallen, bis zur Bewußtlosigkeit mit Stöcken geschlagen, an der Hand verwundet und halbtot anr Ufer des PinaflnsseS hingeivorstn. Dort wurde er von drei Schiffsarbeitern anfgefnnden. Alls er zur Besinnung kann erzählte er den Vorfall mit dem Hinznfügcn, daß einer, der Juden Samuel Pomeranz heißt. Der Ueberfall erfolgte plötzlich und ohne jeden Anlaß. Der lokale Untersuchungsrichter ist mit der Angelegenheit beschäftigt." Der Gouverneur in Minsk ist selbst in Pinsk erschienen und hat eine Untersuchung veranstaltet, die ein außerordentlich geringfügiges Ergebnis hatte. Kisselew ist nicht ein „elfjähriger Knabe", sondern ein a ch t z e h n j ä h r i g e r, i e h r rabiate r, st r e i tsüchtiger Bursche. Als er mit seinem ständigen Spielgenossen Samuel Pomeranz am Ufer der Pina jnach einer anderer. Version bei einer Kahnfahrt über die Pinn) Boxen spielte, bekam er mit demselben Händel, erhielt dabei einen Ritz an der linken Hand, der längst vernarbt ist rmd so unbedeutend war, daß er schon mit Tage nach der Schlägerei zur Arbeit ging. Die beiden Burschen sind längst wieder ausgesöhnt und treiben sich zusammen auf den Straßen umher. Dies das tatsächliche Vorkommnis. das von dem „RegiernngSboten" so romanhaft ansgeschmückt und in die Welt hinansposannt ivnrde. Man fragt sich verwundert, iver in Pi.isl ein Interesse daran hatte, diesen verlogenen Hetzbericht im „Oie giernngsboten" zu veröffentlichen? Bereits einen Tag, nachdem derselbe erschienen war, richtete Herr K o n st a n t i n K i s s e l e Iv, der älteste Bruder und Vormund des angeblich „halbtot" geprügelten Joseph K., nachstehendes Telegramm an den „Regiernngs boten": „Zur Feststellung der Wahrheit dementiere ich hiermit in aller Form die Mitteilung über den Vorfall vom 30. August, wonach die Inden meinen Bruder Joseph Kisselew geschlagen haben sollen, noch dazu mit einer bestimmten Absicht. Wahr ist nur, daß derselbe mit einem Nachbar und Kollegen Streit hatte, während dessen er an der Hand verletzt wurde. In meiner Eigenschaft als ältestes Mitglied der Familie bitte ich untertänigst um Abdruck dieser meiner Widerlegung im „Negiernngsboten" und ersuche zugleich alle diejenigen Blätter, welche die Mitteilung anfgenommen haben, auch diesem Dementi Raum zu geben." Dieses Telegramm, das von dem Chef des hiesigen Telegraphen-Vnreaus durch Unterschrift und Stempel beglaubigt wrirde, ist ani 22. September abgcgangen, aber bis heute, den 27. September, von dein „Okegierungsboten" nicht veröffentlicht worden und wird auch nicht veröffentlicht werden. Nun vergegenwärtige man sich, daß gegen dieses amtliche Organ nicht polemisiert werden darf, daß seine Mitteilungen als unbestveisclbare Tatsaclen gelten müssen und gelten. Man vergegenwärtige sich ferner, daß das Blatt sämtlichen Behörden des nngehenren russischen Reiches, den obersten wie den niedrigsten Instanzen, zügelst, also in Hnnderttansenden von Exemplaren verbreitet ist. Braucht da die furchtbare Gefahr erst geschildert zu werden, welche die bloße Tatsache, daß ein derartiger Bericht an dieser Stelle veröffentlicht wird, in iich birgt? Es wäre Kurzsichtigkeit, sich darüber zn täuschen, daß die russische Regierung, der der „Regiernngsbote" als Sprachrohr zn Gebote steht, geschäftig am Werke sind, dcn Judenhaß zu schüren. Kann es da Wunder nehmen, daß das Beispiel von Kischenew in Homel blutige Nachahmung gefunden hat? Nach dem sechsten Zionistenkongreß. Von Dr. Alfred Nossig.«) Die Völker und die politischen Parteien pflegen sich über dcn Weg, den sie wandeln, nur selten Rechenschaft zu geben. Sie glauben allen Ernstes, in freier Selbstbestimmung gewissen nationalen Zielen zuzustreben; in Wahrheit werden sie von ihren Politikern geschoben, und zwar zumeist ganz anderen Zielen zu. Aber cs gibt Augenblicke, wo gewisse Ereignisse dieses Dunkel der Selbsttäuschung zerreißen nnd den Weg, auf dem man sich befindet, blitzartig beleuchten. Da erkennt man plötzlich, das; der Steuermann eigenmächtig einen falschen Kurs eingeschlagen, und dumpfe Verzweiflung bemächtigt sich der Gemüter. Einen solchen Augenblick bildete der sechste Kongreß. Als ich in den ersten Tagen desselben, nach reiflicher Erwägung, nach jahrelangen inneren Kämpfen endlich meinen Entschluß zur Ausführung brachte, dem Volke auf die Gefahr, .in der es schwebt, hinzudeuten und ihm den richtigen Weg zu weisen, da stieß meine Kritik noch auf jenen elementaren Widerstand, den die Verblendung der Massen erzeugt. Aber die Situation veränderte sich, als man den großen Theaterconp des sechsten Kongresses ausznspielen begann, als die ostafrikaiiischc Bombe platzte. Dieses Projekt selbst, da§, wohl erwogen, das Ende des zielbelvnßten Zionismus bedeutet, nnd die Art, wie es denr Kongresse mit Durchbrechung aller parlamentarischen Bräuche aufgcdrängt wurde, lieferte für meine Ausführungen *) Schlußwort der „B i l a u z des Zionismus", Kritik und Reforin, Vortrag, gehalten zu Basel während des 6. Zionlsten-Kongresscs, August 1903. Basel, Verlag von B. Wepf n. Co. einen so furchtbar ernsten, einen so tragischen Beleg, daß die Kerntrnppe des Zionismus sich zu einer denklvurdigen Revolte entschloß, daß selbst Offizielle sich zu Protesten hinreihen ließen nnd daß meine erbittertsten Gegner mir die Hand drückten mit den Worten: „Sie haben Recht gehabt. Seit heute wissen wir, woran wir sind." * In der Tat sollte der sechste Kongreß die meisten Mißstände, an denen der heutige Zionismus krankt, in besonders grellem Lichte zeigen. So trat zunächst die unzulässige Art und Weise, in welcher das Delegiertenmaterial anfgeboten wird, in ihrer ganzeit nnheimlichen Tragweite zutage. Man hatte diesmal, um das ostafrikanischc Projekt gegen den Willen der älteren, politisch bewußteren Zionisten durchznsetzen, gänzlich unqnalifizicrte Massen nach Basel zu kommen bewogen. Der Kongreß zählte fast zweimal so viel Delegierte als gewöhnlich; aber cs waren überwiegend unreife Elemente, kaum befähigt, den Kongreßverhandlungen zu folgen, geschweige denn, zielbewußt in dieselben einzugreifen. Und in die Hand dieser Menge, welche die Einberufer selbst nicht mehr zu bemeistern vermochten, wurde die Entscheidung über das Schicksal des jüdischen Volkes gelegt. Ihr wurden durch alle Mittel der Suggestion nnd durch parlamentarische Inkorrektheiten, die sie nicht zu erkennen vermochte, trotz der Warnungen der einsichtigen Zionisten verhängnisvolle Beschlüsse abgerungen. Dank ihr gelang es Herzl und Nordau, den Zionismus in Afrikanismns umzugestalten. Ich habe nichts gegen den Vorschlag einzuwenden, daß irgend eine jüdische Organisation, Ivelche das jüdische Emigrantenmatcrial nach allen Enden der Welt zu verschleppen sich vornimmt, auch die ostafrikanische .Kolonisation versuchen möge. Wenn aber der Zionismus, welcher die bewußte, nationale, ans die Wiedergewinnung Palästinas und der Nachbarländer gerichtete Kolonisationspolitik der Juden repräsentiereil soll, seine Bemühungen „vorläufig" auf Ostafrika konzentriert, so halte ich das, mit dem Kern der Zionisten, für Fahnenflucht. An anderer Stelle Ivill ich mich zu dem Kolonisationsprogramm des Zionismus eingehender äußern; hier möchte ich nur beleuchten, in welcher Weise diese Fahnenflucht inszeniert wurde. Das ostafrikanische Projekt fiel auf den Kongreß völlig unerwartet nieder. Nicht durch ein Wort, nicht durch die leiseste Andeutung waren die Delegierten auf dasselbe vorbereitet worden. Als die ostafrikanische Diskussion eröffne wurde, gab es keinen einzigen Delegierten im Saale, welcher die Frage durchstudiert hätte und eine berufene Ansicht über dieselbe zu äußern in der Lage gewesen wäre. Ja, mehr als das: das Präsidium hielt es nicht für nötig, dem Kongreß selbst im letzten Augenblicke die notwendigsten Informationen über das vorgeschlagene Kolonisationsgebiet zu erteilen. Man debattierte zwei Tage lang, ohne von der Lage, den klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnissen der künftigen jüdischen Ansiedlung eine Idee zu haben, ja, ohne den Namen des Gebietes zu kennen. Und dies geschah nicht etwa, weil dem Präsidium selbst alle Materialien fehlten, sondern aus Berechnung: dcn Delegierten sollte die Gelegenheit benommen werden, in die konkreten Details des Projektes einzudringen und an der Hand derselben den Plan ztr bekämpfen. Erst als die Diskussion geschlossen war und eine Mstimmung bevorstand, deren Ergebnis noch zweifelhaft war, organisierte das Präsidium einetl neuen Theaterconp. Plötzlich hatte man eine Karte zur Hand, welche nun ausgehängt wurde; und plötzlich gingen nur die genauesten und selbstverständlich günstigsten Informationen durch den Saal. Durch eine derartige absolut ungehörige Gedanke in mir ist. lind wenn ich erwache und alles wieder so unbegreiflich nnd unlösbar ist, möchte ich so gerne alles vergessen, um nur mein altes Entsetzen nicht zn empfinden. Weine nicht, ich liebe dich so sehr, nnd denk nur, Mntler, wozu sollte ich leben? Wozu hast du gelebt, wozu der Großvater? Ans Erde wurde ein Menph, ans dein Menschen wird Erde. Wie dumm ist doch das! Auch du wirst Erde werden, nnd dann wird eS keine Mutter nnd keinen Sohn geben; deshalb, Mutter, je früher man zurückkehrt, umso besser ist es." Und tvenn ihre warmen, zärtlichen Hände sein Gesicht liebkosten, küßte er sie nnd schlief leise ein. Einst riet einer der Nachbarn Marjim, sie möge mic Herschele aufs Land fahren, wo die reine Luft ihn heilen könn'.e Marjim verkaufte und versetzte, was sie besaß, ließ den Großvater in der Wohnung nnd fuhr mit dein Knaben in das nächpe Dorf. Es verging eine Woche, die zweite, und es schien, als erholte sich Herschele. Doch die Freude währte nicht lange. Eines Tages änderte sich plötzlich alles, und er begann rasch die Kräfte zu verlieren. Weder MarjimS Tränen, noch ihre Gebete halfen. Der Knabe erlosch. Es irar spät am Abend, als Marj'in, die neben ihm eingeschtnininert Irar, plötzlich ansgeschrcckt erwachte. Schien es ihr, als träumte sie, aber rs Ivar, als hätte eine seltsame Stimme sie geweckt. Herschele saß im Bette aufrecht und rief und blickte die Mutter an, nnd als Marjim einen Augenblick lang seinem Bl'cke begegnete, begriff sie plötzlich alles. Sie hielt einen Aufschrei zurück, um ihn nicht zn erschrecken nnd fragte bebend: „Was, Herschele?" „Trinken, trinken," bat er, „Ivie brennt alles in mir!" Als er getrunken hatte und sich beruhigt zn haben schien, sagte er: „Wozu branclst man die Leide», Mutter? Weine nicht, setze dich her zn mir nnd umarme mich. Weißt du, wozu die Leiden sind? Und gibt es jemanden in der Welt, der uns jetzt hört nnd bemitleidet? Alles schläft nnd niemand, selbst ans unserer Gasse hier lveis niemand, Ivie sehr Ivir uns quälen. Auch die selige Schwester Iveiß es nicht und der Vater weiß es nicht. Und alles ringsum ist so unverständlich, so unnütz." „An Stelle des Glückes kommen die Leiden," sagte die er- Ivachte Tochter, „nnd Ivie wohl tut es uns, dich zu lieben, zu küssen, für dich zn sorgen I" „Nein, es ist einerlei, da auch dieses Glück schivinde» muß. Wo ist das Glück aller Menschen, die auf Erden gelebt haben:" rief er plötzlich ans und richtete sich ans. „Wenn es Ivar, so ist es; wenn es nie Ivar, warum belügt es uns? Und alles ist so zwecklos, so unsinnig, so unbegreiflich. Und darüber muß man nicht mehr Nachdenken," flüsterte er, zur Wand schielend. Marjim beugte sich kraftlos zn ihm nieder. „Trinken, trinken," bat er, nnd haschte nach etwas in der Luft. Liba stand schon neben Marjim und mit stumme!» Entsetzen half sie ihr hastig. Aber es Ivar zu spät; er verschied. In die Fenster blickte die Dunkelheit der Nacht, als spähe sie mit rätselhaften Augen, und der Wind riß sich los und schlug wie im Zorne die Hintertüre zu und lief hinaus aufs Feld, zu heulen und zu stöhnen. Der kleine Mensch hatte anfgehört zu leben und — ans Erde ein Mensch geworden, wurde er wieder zur Erde. * Marjims Stimme verlor augenblicklich jeden Klang. Flüsternd befahl sie der sich wie toll geberdenden Tochter, die sich auf den Leichnam des Knaben gestürzt hatte, daß sie zu weinen anfhöre. Keine Tränen, kein Schluchzen I Es gibt Momente, wo der gebrochene Wille an die Belastungsgrenze gelangt, nnd dann erwächst plötzlich die menici'li'..; Seele zn ihrer wahren Größe und klagt und nnziveidentig offenbart sich ihre königliche Herrschaft über das All. Welche Gedanken machten das Herz Marjims erbeben? Nicht die, daß mit dem Tode des Sohnes ihr Herz erstarrt war nnd plötzlich jener Faden riß, der sie ans Leben band. Jetzt hieß es, da der, der oben regiert, die Seele genoimnen, den Staub mit Ehre zn bestatten. Doch Ivie? Fern von der Stadt sollte ungeehrt bei: | Tote liegen, bis sein Totenschein ausgestellt wird': Fern von der! Stadt sollte das Begräbnis sein, und doch schämt sich der Vec-! storvene, wenn ihn das Volk nicht zu Grabe geleitet. . j Was beginnen? Weinen, stöhnen, sich der Verzweiflung hinj! geben . . . alles, alles kann sie noch später . . . jetzt hieß es, den! i Staub bor Schmach zn retten .... Plötzlich durchziickte sie ein Gedanke. Sie führ: den Knaben! weg, als iväre er lebendig. i Und sie bezwang den Schmerz nnd lies;»! einem bekannten Bauer, unterhandelte ir-egen des Fahrpreises, kehrte zurück »nd mit■ Li bas Hilfe kleidete sie den Knaben an, lvarf ein Tuch über ihn, und die Leiche an den Armen und am Rücken unterstützend, zog»'.! sie den Knaben zart, daß eö schien, als bewege er die Füße. *! „Dir ist unwohl?" sprach Marjim laut, zn dem Knaben gej ivendet. „Liba, spritze ihm Wasser inS Gesicht. Hast du de»! i Wein mitgenommen? Jetzt ist's dir leichter?! Nun, Gott sei Dank! ' Wenn wir nur bald nach Hanse kommen I Sehen Sie, Iwan, Ivie j j schlimm es um meinen Jungen steht. Nicht wahr, ich sprach die! i Wahrheit .... dem Kinde wurde eö gar schlecht und ich fürchte,! noch eine Nacht hier zn bleiben. Vielleicht trinken Sie einen! Schluck Wein! Liba, reich die Flasche, Sie werden ans der Flasche trinken." Sie sprach leicht nnd einfach, als Iväre nichts Besonderes j vorgefallen. AVer sie und daS Mädchen zitterten sieberhaft, und j nur der Druck ihrer Hände sprach von ihrer Verziveiflnug.! Wie schwer war es, den Knaben ans den Wagen zn schaffen I! i Die Anstrengniig raubte ihnen den Atem, nnd große Schweiß-! j tropfen strömten über das Antlitz. Aber die eine bergaß nicht der! anderen znziirnfen: „Vorsichtig, du erdrückst ihn! Nicht so hastig, du, wirst ihm wehe tun. Fühlst du dich wohler, Herschele? Bespritze!! ihn mit Wasser. Sie haben schon getrunken, Iwan? Geben Sie! mir die Flasche. Ich will ein wenig dem Kinde zur Stärkung geben." I Endlich saßen sie, das Kind zwischen ihnen, rmd haltlos fiel der teure Kopf auf Marjims Schulter, wo er aufschlug. „O, mein Teurer, mein Teurer," flüsterte sie. „Fahren sie nur, wir sind fertig." Und sie hielten sich fest mit den Händen, und mächtig preßten sie sie zusainmen, mn sich nicht durch einen Aufschrei zu perraten. Frische, duftende Wellen des Windes ereilten den Wagen, wie Sajaren von Menschen, die gekommen waren, um als die ersten den Leichnam zu grüßen, und der Wind sang auch das Abschiedsl'ied dem unschuldigen .Künde. Tics neigten die reifen Aehren ihre Köpfe nnd flüsterten leise, nnd es irar. als innrrten und stöhnten sie. Der Mond verbarg sich hinter den Wolken, als vermochte er es nicht, den traurigen Zug mit anznsehen, und furchtsam blickte er mit seinem Rande dahin, Ivo die Morgenröte bereits ansloderte. Nur das Knarren des Wagens erklang laut ringsum, wie ein schwerer, tiefer Seufzer, nnd schuf den Widerhall, der immer wieder den Klang verstärkte. „Wie ich schreien möchte," flüsterte Liba. „Er ist ja gestorben, nnd wir werden ihn nie mehr sehen." „Still," ries Marjim, „presse dich fest an ihn, wie ich es tue, flüstere ihm ins Ohr, Ivie schwer uns znmnte ist und verabschiede dich von ihm. Zn Hanse werden Ivir weinen. O Liba, Ivie weise ist es, daß die Menschen sterben. Bald werden auch wir sterben, und werden uns nie mehr trennen. Dort, Liba, gibt es keine Krankheit, gleich der, die ihn getötet hat, er wird heiter nnd stark sein, dort wird sich zur ewigen Freude dein Vater zu uns gesellen, nicht meh krank . . . auch die Schwestern Iverden wir finden, und allen, allen Ktnniner lassen Ivir hier, Ivie unsere Gebeine, die uns zur Prüsnng gegeben sind." So sprachen sie, trösteten einander und erinnerten sich plötzlich an die Wirklichkeit nnd bereit zn wehklagen und zärtliche, rührende Worte zn sprechen, wendeten sie sich plötzlich an den Leichnam, boten ihm Wein zn trinken an und siehlen den Bauer, daß er rascher fahren möge. Und daS Pferd schritt in leisem, traurigem Trab, ärgerlich, daß man seine Nachtruhe gestört hatte und schnaubte jedesmal ängstlich, wenn der Bauer -.--tz ••iuliet ruf. 'HU Als sie in die Jndenzeile hineinfiiyren» ivar die Straße so still, daß die Häuser einem Friedhof glichen, Ivo die Leute wartend schliefen, bis man sie nach der ewigen Wohnstätte binüberträgt, Ivo keine Sorgen, keine Gefahren, keine Erfindungen sie beunruhigen werden. Der Wagen blieb bei Marjims Hanse stehen, nnd unter ähnlichen Onalen und unter dem gleichen Zittern des Körpers rmd der Muskeln hoben sie Herschele hinunter nnd sckleppten ihn in den Hof. Doch als sie das Zimmer erreicht halten nnd die Kerze angezündet hatten, flüsterte Marjim Liba zn: „Jetzt schreie, iveine, lvecke die Nachbarn I Man muß glauben, daß er soeben gestorben ist." Und als erste schlug sie sich ans den Kopf und brach in ein langes, trauriges Lied um den Verstorbenen ans.

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