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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Date
1903-10-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seit^? Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 9. Oktober 19(;» Nr. 41 Die russische Regierung gegen die Juden. Von Woche zu Woche mehren sich die Hiobsposten, die an? Rußland ein treffen. Die Lage der Juden wird immer schlechter. Es würde im fidtimoten Europa nicht weiter Aufsehen erregen, daß vertierte rusiische Bauern Exzesse gegen die Juden verüben. Das Aufsehenerregende und Charakteristische an diesen Exzessen ist, daß sie direkt durch agents provocateurs der russischen Negierung vorbereitet werden und unter dem passiven Gutheißen der Gouverneure und Beamten vor sich gehen. Die Träger dieser Politik sind die zwei Bluthunde, Plebwe und Wahle. Die neueste Frucht ihres Judenhasses ist das Verbot für jüdische Künstler, außerhalb des Ausiedluugsrayous zu wirken und die amtlich arrangierten Schlächtereien von H o m e l. Der einzige Lichtpunkt in dieser Berfolgungsära ist der Heldengeist, der sich unserer russischen Brüder bemächtigt. Nccht nur gegen die Mordbrenner, sondern auch gegen die verräterische Soldateeka. die so tief gefunken ist, daß sie Räuber und Diebe beschützt, setzen sich unsere Brüder zur Wehr. Sie sind ein leuchtendes Beispiel für uns alle, und unsere Stammesgeuossen in Galizien werden ihrem Beispiele folgen. Und diese barbarische russische Räuberbande wagt es, in Sachen des mazedonischen Aufstandes von „Humanität" zu faseln! Die berüchtigte Apostrophe des Gouverneurs von Mohilew, K l in genberg, die wir iu der vorigen Nummer mitteilten, bedarf keines Komsentars. Zwei Tage noch den mörderischen Ueberfällen, deren Opfer die jüdische Bevölkerung war, findet der Vertreter der Regierungsgewalt kein Wort des Trostes oder der Beruhigung für sie. Er erklärt dis beabsichtigte Fahrlässigkeit der Behörden ganz offen damit, daß die Regierung die Exzesse gegen die Juden begün st ige, iveil letztere angeblich viele regierungsfeindliche Elemente liefere! Kann es da überraschen, daß dieser Schuft, der auch die Massacres von Kowno gegen die Katholiken arrangiert hat, in feiner profunden Mrnschensreundlichkeit die Bildung eines Komitees zur U u t e r st ü tz u u g der Erschlagenen, Verwundeten und Ausgeplünderten untersagt hat?! Es offenbart damit auf das Unzweideutigste, wie „leid, herzlich leid" ihm die „unschuldigen Opfer" tun. Kein Wunder, dag unter den Betroff.-uen und Bedrohten,! tiefgehende Beunruhigrlng herrscht, daß sie in nur allzu begründeter Augst vor neuen Schrecken leben. Diese Stimmung spiegeln m-hrere Berichte und Zuschriften aus Hömel wieder. Der vom 23. ds. datierte Bericht eines Korrespondenten des! „Bureau Reuter" ergänzt hiermit unsere vorwöchentlrchcn Mitj teilungen: j Homel hat ungefähr 45 000 Einwohner, unter denen sichj etwa 26 000 Juden befinden. Handel und Industrie sind be-! deutend und bauvtsächlicb in.Hälfen >,yn. üfufcim ...ib«* * ii-mick'-m! .yuiivitsuci utOyt-ir güm Sozialismus, urtD der jüdische Arverrcr-: bund zählt 800 Mitglieder. Unter den nichtjüdischen Arbeitern sind! 2000 Eisenbahnarbciter in erster Linie zu nennen. Die Bauern in der Umgegend sind, wie fast alle russischen Bauern, arm. Es heißt, daß die Bauern die kommende Plünderung 14 Tage vorher; wußten, doch herrschte Ruhe bis zum 11. September, der ein! Feiertag war. An jenem Tage nahmen sich zjvei Russen einige Eß-! waren in einem jilbifcfjen Laden, bezahlten nicht dafür und Prügel-! ten dann die Ladenbesitzer. Juden tote Bauern sammelten sich an,! und die Juden erlangten die gestohlenen Etzworen zurück. Dann! begaben sich die Bauern zu einigen Obsthändlern, aßen und beri nichteten eine Anzahl von Wassermelonen, was sie Inden, welche in! der Minderheit waren, unter Protest zulasten mußten. Dami tarnen - die Fischhändler an die Reihe. Ein Waldaufsehcr, welcher die! Bauern anführte, bot 3 Mark für ein Faß Heringe, welches 16 Mark rvert ist, versuchte cs, ivegznnchmen, schlug beit Fischhändler und seine Frau und rief: „Wir müssen Die Inden prügelnI" Nun griff man zu Stöcken und zu Steinen; ein Christ wurde getötet, ein Jude erhielt einen Schuß in den Fuß, fünf Ivcitere Personen ivurdcn auf beiden (Seiten verwundet. Die Inden behaupteten das Feld, und die Christen forderten Rache für das vergossene Blut. Verschiedene „gebildete" Christen, darunter ein Offizier namens PenSkij und ein reicher Kaiifmanii namens Pe trat sehe nko riefen laut narb Rache. Am Samstag und Soimtag organisierte Petratscheuko die Plünderer, »nd jeder wusste, daß am Montag die Plünderung staitfindeu würde. Der Polizeichef Rajelvskij >var von den Inden benachrichtigt worden. Cr ließ bas 160. Jnfanteri' Regiment ans dem Sommerlager kommen. Drei Bataillone trafen ain Sonntag und ein inertes am Montag abends ein. Am Montag zur Mittagszeit kamen 50 Eisenbahnarbeiter in die Stadt und begannen in der Samkowasa-Straßc, Irekche vom Bahnhöfe zur Stadt führt, zu pK'mdern, zerschlugen die Fenster zweier Hotels und raubten die Wolmnugen und Läden der Inden in der Nachbarschaft an-s und begossen, lvas sie nickst fortnchmcn konnten, mit Petroleum. Die in Bereitschaft gehaltene Polizei und die Truppen taten, als ob sic dazu da wären, die Plünderer zu schützen. Sic bildeten. einen Halbkreis nack, der Stadt bin, nm die Juden fernzuhalien, und diejenigen, welche doch durchdringe» wollten, mit ihren Glaubensgenossen zu helfen, wurden mit Gewehrkolben geschlagen, mit Bajonetten gestochen oder verhaftet. Immer weitere Plünderer kamen ans den Bahnhofs- Werkstätten heraus, bis ihre Zahl auf etwa 200 gestiegen ivar. Sie zogen die Technitsebeskajastraße ungehindert entlang und plünderten dort ebenso, >vie sie cS am Bahnhöfe getan hatten: Militär und Polizei folgten ihnen und verhinderten den Zutritt zu den Häusern, in denen geplündert wurde. Dann zogen sie durch daS Judenvicrtel und durch die Hauptstraße hindurch und zerstörten ganz oder leiltveise 350 bis 400 Wohnungen und Läden. Diejenigen Juden, welche nicht bei mitleidigen Christen oder in Kellern Zuflucht finden konnten, wurden erbarmungslos geschlagen und häufig auch ernstlich verwundet. Einige der jüngeren Inden versahen »ich mit Waffen aller Art und versuchten Zutritt zu den Häusern, in denen geplündert Ivurde. Eine Jüdin versuchte, stmn tlntcroffizier zu erschießen, und 26 Nebolberkngcln, die offenbar m die Luft gefeuert waren, tvnrden in der Nähe des Bazars mifgelesen. Die Polizei cntwaffnelc dann die Inden. Vierzig Bauarbeiter stellten sich im belebtesten Teile der Hauptstraße ans, hielten jeden vorbeilommcndcn Juden auf und prügelten ihn. Polizeihauptmann Tsch arnol o w s k ij und Kommandant Kele nskij von der Landgendarmcric ermutigten diese Leute. Ein Mann namens Ber K e!r> e s ch ivurde in Gegenwart dieser Polizei-Offiziere fast totgcfchlagen, und als er dann tätlich verwundet ür das Hospital geschafft ivar, fetzten sie ihre frermdliche Unterhaltung mit den Mördern fort rmd verhafteten niemand. Um 4 Uhr nachmittags sammelten sich die Jriden auf dem Konnaja-Platz. Das Militär feuerte aus sie, lvobci drei getötet rmd drei verwundet ivurdcn. Später schossen die Trrippen, wie es heißt, auf Befehl des Gouverneurs, nrif die Plünderer und töteten drei. Dies rmd der Anbruch der Nacht machten dem Plündern ein Ende. Am Dienstag früh kamen 400 Bauern in Homel au, um die Plünderungen sortzrisetzen, aber die Truppen trieben sie. bald weg. Am Dienstag wurden urw einige Häuser geplündert rmd zwei Häuser enn Mittwoch. Dann wurde noch am 18. September ein Obstgärtncr iu barbarischer Weise uiedergenretzelt. Ein Jride, welcher sich während der Unruhen in das Dorf Wernimo zu einer Frau geflüchtet hatte, ist dorr von einem Bauern getötet worden, seine Frari wrirde wahnsinnig. Ein Manu namens Mäher D a v i d o iv wrirde mit einem Knüttel ge- .. -o t * + .» ja?*uu<*v mit Gewehrkolben totgcschlagen. ■ Ein Mann namens K a g u n s k i j ivurde mif deni Koimaja-Plahe erschossen rmd bajonettiert, und ein anderer namens O Dcrntan n wurde gleichfalls vom Militär eriebossen, ein anderer Jude namens H a I p e r i n von der Volksmenge totgcschlagen. 64 Juden ivurdcn als verivnndct notiert. Vielleicht haben noch vierzig weitere Verwundete die Stadt verlassen, ohne notiert zu sein. Am ersten Tage der Plünderung hielt ein Beamter eine Rede, in der er fagie, die Juden trügen selbst Schuld an der Plünderring. Sie unterrichteien ihre Kinder nicht ordentlich, und die jüdischen jungen Männer verdürben die russische Jugend. Die Juden reizten zum Kampfe gegen die Regierung auf, aber das russische Volk wende sich gegen die Juden statt gegen die Regierung. Der Kaufmaun Petratscheuko hörte diese Rede an und teilte sofort seinen Anhängern mit, der Gouverrrcur habe erklärt, die Juden müßten geprügelt iverdcn. (22. September, abends.) Die jüdische Selbstlvchr hat sich zwar gut bewährt, aber leider hat die Macht der Tatsachen bewiesen, daß dieses durch die Geivalt der Verhältnisse aufgczwiiiigem' Schutzmittel ei» ziveischueidiges Scbivert ist. In Homel selbst bilden unsere Glaubensgenossen allerdings die Mehrzahl, aber in den Dörfern und Flecken des Kreises lind des ganzen Gouvernements sind sie weniger stark vertreten rmd darum der Raublust und dem Rachedurst völlig schutzlos prciSgegcben. Im ganzen Nordiveften des Gouvernements Mvhilew lvird eine intensive Hetze gegen unsere Glaubensgenossen entfaltet. Bolksaufiviegler ziehen von Ort zu Ort, stacheln zur „Rache für das vergossene Chrisleublut" nrif und kolportieren unter den Arbeitern und Bauern allerlei Lügen, so z. B. daß die Juden so und sobiele christliche. Familien geschachtet Ijntte» und noch mehr schächien wollen. Zum Lobe der hiesigen Polizei mriß gesagt iverdcn ,daß sie ihr Möglichstes tut, um die Gemüter zu beruhigen . . . .Die Straßen, in denen der Aufruhr tobte, bieten das Bild völliger Verwüstung; Tore, und Türen sind zertrümmert, sämtliche Fensterscheiben zerschlagen, Boden und Dächer mit Federn der auseinandergeschnittenen Betten und Kissen bedeckt. (23. September.) Ans Grund sorgfältiger Untersuchungen kann ich folgende Tatsachen mitteilen, ivelche das Verhalten der „Intelligenz" illustrieren: Ein achtjähriges jüdisches Mädchen ivar der Liebling eines Offiziers nnd seiner Frau, Ivelche bei dessen Eltern Quartier hatten. Als beim Ausbruche der Kralvalle eine Horde das Hans stürmte, flüchtete sich das Kind in die Wohnung des Offiziers nnd bat nm Schutz, der ihm aber Vertvcigert wurde. Die Unglückliche liegt jetzt an den erhaltenen Wunden schwer darnieder. Der Friedensrichter M., Besitzer eines Hauses, dessen Bewohner Inden sind, ließ diese seine jüdischen Mieter nicht im Hanse. Mit der Zigarre im Munde spazierte er durch die Straße» und sah sich die Exzesse a». Als er den Polizeimeistcr im Kampfe mit den Räubern traf, rief er ihm „Jnd" zu. Und derselbe Richter ist jetzt mit der Abnrteiliing der Erzedcuten und der Schätzung des Schadens betraut! Zn der von den Behörden mit der Abschätzung betrauten Kommission gehört auch jener Knufinann P e t r a t s ch e n t o, der notorisch einer der willigsten Rädelsführer Ivar. (25. September.) Die Verhaftungen jüdischer junger Leute dauern fort; cd genügt, daß sic von einem Christen denunziert werden. Insgesamt sind bisher vierzig Juden, aber kein einziger C h r i st verhaftet worden. Nach den Angaben des Dr. Salkind, Borsitzendcn des „Vereins Zur Nntcrstütning armer Juden", beträgt die Zahl der zerstörten Häuser 372, die der nnsgcplnndertcn Gcschäftsbnden etwa 200. Getötet sind folgende zehn Inden: David L e i ki n (Hnnsicrcr, 45 Jahre alt), Meier D n v idow (Melnmed, 40 Jahre), Salmnn Knhanitrki (Spediteur, 20 Jahre), Feiwel Haspe rin (Eierhändler, 23 Jahre), Ilm Obermann (Schneider, 27 Jahre), Mordechni Kngnnski (Tischler, 26 Jahre), Snlnran Cohn (Kleinhändler, 24 Jahre), Chaim Pi n t etz ki (Buchhalter, 30 Jahre), Ber Kewas und ein Zehnter, dessen Name noch nicht festgestellt ist. Verwundet sind 100 Juden, davon drei (Mirenski, Mnnewii; nnd Knrosik) tötlich. Vier h n n d e r t Familien sind ihrer ganz e n Habe beraubt, brot- und obdachlos. Der bisher jestgestellte Schaden beträgt 200 000 Rubel, wird sich aber wohl ans 300 000 Rubel belaufen. Innerhalb unserer armen Gemeinde dürften kaum mehr als 6000 Rubel zur Linderung der Not aufgebracht werden können: umso dringender erscheint es deshalb, das; unsere ausländischen Brüder reichliche, nnsgiebige Hilfe leisten. Die „N. Fr. Pr." schreibt: Die antisemitischen Ausschreitungen zu Homel am 14. nnd 15. September lassen nach hier eingelangten Berichten, wenn auch kleineren Umfanges. doch was die Mitschuld <*** .<‘K,uu.tu iicuiiii, jtuc mm Ätnnjenerü innrer pch. Sie fl!io fast mit den makedonischen Grencln zu vergleichen. Polizei und Militär bildeten, von vielen reichen und gebitdeten Christen unterstützt, einen beweglichen Schild znm Schutze der Banden, die gemächlich von Hans zu Hans weiterzogcn, demolierten und plünderten und mit Knüppeln jeden Inden niederschlngen, oer ihnen in den Weg htm. Militär und Polizei wandte den Banden den Rücken nnd griff mit Bajonett nnd Kolben die Inden an, die durch die Phalanx dringen wollten, nm ihre bedrohten Verwandten zu retten. Der Chef der Polizei, 9t ä b s f y, wurde von den Juden vorher gewarnt, und Militär Ivurde eigens konsigniert, v!.s Dienstag 1600 Mann in Homel standen. Als einige jüngere verzweifelte Juden sich gewaltsam nach ihren Häusern Balm brechen wollten, schoß das Militär auf sie. Die Chefs der Polizei crmntiglen und leiteten die Bauden, ivelche die Juden mit .Knüppeln niederschlugen, und unterhielten sich kameradschaftlich mit Leuten, Ne eben einen „Selbstverständlich," fügte Marjim hinzu, „aber die Hauptsache ist, daß du gesund sein sollst, wie die Kinder, die auf der Straße umherlmffen und schreien und lachen." „Wozu soll ich gesund sein?" erwiderte er eintönig mit zarter, singender Stimme, „und weshalb ist cs notwendig, daß du mich oder ich dich ernähren soll? WaS für einen Sinn hat es, Mutter? Ein Tag gleicht dem anderen und am Ende ist der Tod. Was iu hier Vernünftiges?" „Iß nur, mein Teurer," flehte Marjim bebend vorAngst und gab der Tochter verzweifelt Zeichen. „Du hast ja noch gar nicht begonnen, iß nur, meine Freude." Und über ihre Bitten begann er zu essen, aber er aß gleichgiltig, wie ein Ochse das Heu kaut. Und wenn er'in seinem! Bestehen einschlief, erzählte Marjim. um ihn nicht zu ivecken, mit Zeichen der Tochter, wie sie für das Leben des Knaben zittere, wie; seine Gedanken, seine Abmagerung, seine Schlväche sic ängstigen/ und daß nur der, der für alle denkt, weiß, Inas daraus werden mag. Und in der heiligen, andächtigen Stille, beim Geräusch des hastigen Atems des Großvaters, der nicht so viel Lnfr in seine Lunge brachte, als er nötig hatte, erwiderte gleichfalls das Mädchen, daß Herschele ein nngetvöhnlicher und wundersamer .Knabe sei, wie sie keinen je sah, er ist klng, sagten ihre Augen, aber die Finger, die rasch die Lust durchschnitten, sprachen mit Beben, daß solche Kinder nicht lange leben auf Erden, und daß Engel der brauche, der oben regiert. * Manchmal, wenn cs trocken und warm ivar, und der Tag vor seiner Neige einen Augenblick noch am Himmel verweilte und einen letzten Blick noch auf die Welt warf, nm dann gleich allen vorhergehenden in die Ewigkeit zu versinken, ging die ganze Familie spazieren. Voran schritt das Mädchen mit einem .Körbchen in der Hand, in dem einige Butterbrote lagen. Hinter ihr ging Marjim. Herschele an der Hand führend, diesmal ohne Brille, nnd weit hinten schleppte sich mir Amcisensch ritten der Großvater, den Rücken rief gebeugt, den Hals laug gestreckt, mit beiden Händen auf einen Stock gestützt nnd jeden Augenblick nachAtem ringend. Sie gingen lautlos, ohne auf die Vorübergehenden zu achieu, die ihnen neugierig mit den Blicken folgten, nnd Iveim die Familie den großen gras'chcirachsciicn Freiplatz erreicht hatte, setzte sie sich auf ein großes Stück Granit, das seit Jahrzehnten hier lag. Und der Großvater schleppte sich nach, und mit dein lang' gezogenen Hals nnd dein cniiden Rücken glich er von weitem einer großen Schildkröte. „Nun Ivären Ivir angelangt," sagte Marjim heiter; sie setzte den Knaben möglichst bequem nieder, „nnd jetzt muß man ein wenig essen, nicht Ivahr, Liba?" „Herschele ist sicher hungrig wie ein Elcphant," criviederte in gleichem Tone das Mädchen, während sie der Mutter rasch einer» Blick znwars. „Wie ein Elefant," lachte Herschele, nnd beide Frauen strahlten vor Glück bei diesem Lachen; „nun, Mutter, reich mir etwas her, ich werde essen." Aber er aß nicht lange, das Lachen verweilte nicht lange auf seinem Antlitz und er kehrte zurück zu seinen Gedanken. „Weißt du, Mutter," begann er — und bei dieser eintönigen, singenden Stimme erzählte schon die Mutter verzweifelt irgend eiuoaS der Tochter — „weißt du, ich dcuek heute den ganzen Tag daran, Inas Liebe ist. Liebe?" Er versank in Grübeln. „Ich sitze hier mit euch, und da im Herzen cinpfinde ich ctivas, ich empfinde und weiß, daß ich für euch mehr getan hätte, als für den Großvater, obzwar ich auch ihn liebe. Was ist also dieses Gefühl, und wozu soll es? Wenn es dazu dienen soll, um für euch etwas zu tun, weshalb ist es notwendig, daß ihr dessen bedürft? Also, Mutter, da liegt kein Sinn darin- Aber Liebe gibt cs, imb der Ätein, ans dem ivir sitzen, die Erde unter nns, die kennen die Liebe nicht nnd wir, wenn Ivir sterben, Ivir werden auch zur Erde und werden nicht mehr lieben. Wohin wird diese Liebe verschwinden, die da ist, unbekannt, zn welchem Zwecke? Darüber, Mutter," schloß er, „muß man Nachdenken, Nachdenken, Nachdenken." Während er so redete, verständigten sich Mutter nnd Tochwr durch Zeichen, nnd beide fühlten, daß sie schreien müßten nnd vor Schreck die Hände ringen/ wenn sie gedurft hätten. „Und dann, Mutter," setzte er mit seiner melancholischen Stimme fort, nachdem er Wasser getrunken hatte, „über dieses denke ich noch nach. Ich erinere mich an meine Schwestern, und ich liebe sie; ich'erinnere inich an Onkel Saul und Tante Sima, und die sind gestorben, und ich liebe sie noch immer. Was liebe ich also, die Erde? Doch die Erde ist eins, und vielleicht treten Ivir jetzt mit unseren Füßen Onkel Saul. Und wie kan» dieselbe Erde meine Schwester, mein Onkel, meine Tante sein? Wenn ich aber sterben werde, und du stirbst, Mutter, Iverdcn wir beide Erde werden; wie kann die eine Erde Mutter und zugleich Sohn sein? Wie ist das alles nnbegreislich, wie unbegreiflich, und darüber muß man sehr, sehr Nachdenken." Er stützte sich ans Marjims Schulter und seufzte leise, den ernsten, fragenden Blick znm Himmel gerichtet. „O Herschele," erwiderte Marjim, mühsam das Schluchzen unterdrückend und seine WAi'gen mit .Küssen liebkosend, „warum und Ivorüber grübelst du immer? Wenn du doch ebenso fröhlich und sorglos sein wolltest, lvie alle .Kinder deines Alters! Solche Fragen, Herschele, darf man gar nicht stellen, weil es nicht in unserer Mackst liegt, sie zn beantworten. Wir, Herschele, müssen blind, taick', dumm sein in allem, was unser Verständnis überragt. Wir, Herschele, müssen leise, geräuschlos unser Leben leben, das uns geschenkt wurde von dem, der oben regiert; wir müssen arbeiten, nm nicht müßig unseren Platz ans Erden ansznsiillen, und wir müssen lieben, die Menschen lieben, nnd gut und mildherzig sein. Und alles andere ordnet sich von selbst, denn über allen steht und für alle sorgt der, der oben regiert." „Und auch darüber," erlviderte niedergescülagen der Sohn, „mich darüber muß inan Nachdenken, Nachdenken, ja, Nachdenken." Und der Großvater saß neben ihnen, mühsam?ltem schöpfend, den Blick, der schon Jahrzehnte weder die Sonne noch den Himmel gesehen, zur Erde, seiner Mutter, gerichtet, und müde geworden von allen den Jahren des 5iampfcS und des Lebens, neigte er sich immer tiefer zn ihr, als flehe er sie an, ans daß sie ihn zu sich nehine, daß er sich endlich gerade richten nnd an ihrer Brust ausriihen könnte. Leises Rauschen müde gearbeiteter Menschen drang aus der Stadt, und alles Ivar erfüllt von Traurigkeit nnd eegeviingsvoller Bangigkeit, daß eS wohl notivendig war, über all das nachzndcnken, nachzudenken, nachzndcnken, baß man weinen sollte über das Los des Menschen. Und alles ringsum versank in Stille, lvie die Sterne versinken in die hereinbrechende Nacht. * Und eines Tages konnte der .Knabe das Bett nicht verkästen. Wie für ein überfülltes llllas der letzte Tropfen einen Ozean bedeutet, so bedeutet der letzte Tropfen Leid für ein geqnnlies Herz den Tod. Herschele lag ans seinem Beite in Wäsche, die frisch lind rein war, lvie Flocken des ersten Schnees, die noch in der Lust sehiveben, und mit dem blutlosen Gesicht und den tiefliegenden Augen glich er einem Engel, der zufällig zur Erde herabgestiegen Ivar. Streng nnd ivachsam, mit einer neuen Furche d:s jiiimmers nm die Lippen, saß Nlarjim bei dem Knaben, seine Qualen, seine Wünsche ereateud .... Am Fenster saß die Tochter, mibelveglich wie ein (brav sie in, gramerfüllt und neafte vr, und selbst der Großvater, der auf dem Ofen lag, gab kein Level'Szeichen vo» sich. Die Tage ginge,! und es schien, als Ivären sie unendlich lauge und als vergingen sie doch numerkbar. AVer jetzt trat leine Besserniig ein. Im Gegenteil. Mit jedem Tage, mir jeder Stunde sprach und aß Herschele lveuiger und immer häufiger versank er in leises Schlummern. „Was ist mit dir, mein Teurer?" fragte Marjim bekümmert den .Knaben i» Aiigenblicken, da er Ivaeh Ivar. „WaS fühlst du, warum sprichst du nicht zu mir, warum fragst du mich nichtwie sonst: Mutter, ivarnin dies, warum jenes?" „Ich weiß nicht," erwiderte er trübe. „Ich fühle nichts, und ich ivill nichts, „lind dich, Mutter," fügte er hinzu und bewegte die Finger, „dich liebe ich sehr, sehr." Wenn er ihr ziilächelte, kam Leben in alle diese stumm ge- Ivordeneii, erstarrten Schatten iin Zimmer, und es schien, als widerhallten leise die ernsten Stiihl und der Tisch nnd das strenge, große, hölzerne Bett Marjims. „Weißt du, Mutter," sagte er einmal, „wenn die Menschen der ganzen Welt herkämen und mich bitten ivürden, daß ich gesund werde, ich täte es nicht. Du begreifst gar nicht, Mutter, lvie wohl mir ist, wenn ich unbeiveglich daliege nnd keine Frage, kein lste-

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