Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Date
- 1903-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2432970-2433011--2131-2435964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ftctaetton: H/3. Lcopol-sgap'e 40« GhrachMl»»e»r Kn tSo4rnta,eu »on 4 Ml B Uhr nachmMagl. »«»,»«» «nUSblntt» «te», «13 »»schwevdr« «kgm sersPSteter oder gar ntiht VI gupellung eröttte» mir ' ckgefteM. »n» dringend. — M«mferU»te »erbe» »MM 88Sf»arcaffoi«eonto 347087. An da» Wnnnement kann «an iS glich etnireten. Ersliimt jede« Freitag «Mrs MMvtrKmrg der vom jüdrmxen Volksvrrrtn rrwahttrn ProfsromMifNon. A»fer«ie übernehmen die Airmen: A. Lanneberg, M. Luke«, -aasen« Pr» * Vogler. Rudolf Masse. K. vppeltl. M. Pozsonyi. «. Schaler in Wien, ferner alle Knnonceu-Lrpeditionen im Kurlande. Gi«ze1'N«WMer i« Wie« IS Heller. AdmtnMrstton; n/3. Lropoldsgastr 40. TelephomNr. 14723 AbonuemeutApreiA r Teltphou-Nr. 14723 Für «Sie» ». Oesterreich-Ungar» sammt Francozustellung. SanzsShrig . . Kr. 8.— Salbjührig . BierteliShrig. . 4.— Für das gefawmte RnSlanb sammt Francozustellung. Ganzjährig . . . Halbjährig . . . Vierteljährig .... Kr. O.- , 4.50 . »ÄS Ur. 41 Wien. S. Oktober 1903 (18. Tischri 5664). V. Jahrgang. Die Avancementsverhältnisse der Verwaltungsbeamten der Wiener Kultnsgemeinde. Xr. Anläßlich der letzten Wiener Kultuswahlen wurde seitens der oppositionellen Parteien darüber Klage geführt, daß nicht nur der Präsident der Wiener Kultusgemeinde persönlich in die Wahl eingegriffen hat, sondern daß auch die Beamten der Kultusgemeinde zur Agitation und zu Eintreiberdiensten im Interesse der herrschenden Partei ex offo verwendet wurden. Die Klagen waren berechtigt, denn es gab während des Wahlaktes mehrere unliebsame Szenen zwischen oppositionellen Wählern und Kultusbeamten, welch letztere nicht als Wähler, sondern in ihrer Eigenschaft als Kultusbeamte, oder richtiger gesagt, als offizielle Agitatoren am Wahlorte beschäftigt waren. War schon das eigentümliche Vorgehen des Präsidenten, der ja doch über die Reinheit und Freiheit der Wahl zu wachen hat, tadelnswert, so mußte das Kommandieren der Kultusbeamten in den Wahlkampf auch in nichtoppositionellen Kreisen Befremden und Entrüstung Hervorrufen. Die Ordres, welche bei den letzten Wahlen den Kultusbeamten erteilt wurden, bedeuteten einen Eingriff in ihre persönliche Freiheit und einen Mißbrauch mit ihrem Abhängigkeitsverhältnisse, in welchem sie zum Kultusvorstande stehen. ©Uiuul/l uultlßilil) bcc utd uiul) In uubt von uns registrierten Fällen, in welchen sich Kultusbeamte zur öffentlichen Meinung in Gegensatz setzten, wurde von verschiedenen Seiten die Verwunderung darüber ausgesprochen, daß die Kultusbeamten, die ja von den S t e u e r g e l d e r n sämtlicher Steuerträger erhalten werden, diese unwürdige Behandlung lautlos über sich ergehen ließen; daß unter den Kultusbeamten, deren größter Teil aus ehrenwerten, festen Charakteren besteht, die außer ihrem Eifer für den ihnen überwiesenen Dienst auch noch Herz und Sinn für das wahre, moderne Judentum besitzen, auch kein einziger sich fand, der ein solches Ansinnen zurückgewiesen hätte. Der Grund hiefür liegt eben darin, daß die Ehrenwerten und Charakterfesten gerade zu derjenigen Kategorie von Kultusbeamten gehören, die sich im Kultusdienste nicht bereichert haben, auf ihren Verdienst angewiesen sind, und trotz langjähriger Dienstzeit noch immer auf ihrem alten Fleck sitzen oder nur mühselig vorwärts kommen, während ihre Kollegen mit wahrhaften Riesenluftsprüngen Feuilleton. Laubhütten. 2. Lsra 8, 15-17. Und als der Übend nahte feierlich, Stieg in uns auf ein Frieden ohne gleichen; Denn über unfern Häuptern wölbte sich Lin grünes Dach von dichtbelaubten Zweigen. Wir, die wir heimatlos durch alle Welten, Freudlos und rastlos durch die Länder irrten, wir ruhten unter heimatlichen Zelten Don Palmenzweigen und von duft'gen Myrten. Da hat sich jedes Herz zu Gott gewandt, Und jedes ward von heißem Dank gerührt, Daß uns der Herr in unsrer Väter Land, Uns der Verbannung endlich heimgeführt; Und plötzlich ward im Volk ein Jubel wach, Der durch die Täler brauste tausendtonig, Der von den Bergen hallte tausendfach: „Dank, Dank sei unser'm Gott, der Juden König!" . . . Ich aber küßte selig deinen Mund Und deine Stirn und deine blonden Haare, Und meine kranke Leele ward gesund von allem Leid vergang'ner Wanderjahre. Die Palmen und die Myrten hielten wacht, Uls unf're große Sehnsucht sich erfüllte In jener seierstillen Herbstesnacht.- Verl. M. Lilienthal Dolorosa. Berlin. über ihre ergrauten Köpfe hinweg befördert werden. Der Grund hiefür liegt darin, daß unsere Kultusbeamten von der Gunst ihrer Vorgesetzten im Amte, von der guten Verdauung irgend eines Vorstehehers oder Mitgliedes deS Vertreterkollegiums abhängen und demzufolge aus dem Kriechen und Speichellecken nicht herauskommen, wenn sie die nächste Gehaltsstufe oder Rangsklasse erklimmen wollen. Die Kultusbeamten könnten nur dann ihre moralische Selbständigkeit wieder erlangen und demzufolge auch im Volke mehr Achtung genießen, als dies leider jetzt der Fall ist, wenn sie sich, unabhängig von der Gunst oder Mißgunst irgend eines Vorgesetzten, bloßaufihrenFleiß, ihreFähigkeiten und aufeineklare, unzweideutige und gerechte Dien st Pragmatik stützen könnten. Die jetzt zu Recht bestehende Dienstpragmatik aber ist gerade das Gegenteil von dem, was sie sein sollte, sie ist eine feste Burg für diejenigen, die nicht empor st eigen können, sondern emporkriechen müssen, sie ist eine geschmeidige Handhabe für herrschsüchtige, eitle Vorgesetzte und launenhafte Vorsteher, mit einem Worte: sie ist ein Rechtsgebäude mit tausend Hintertürchen. Die „Bestimmungen über die Systemi« sierung der Verwaltungsbeamten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde" wurden in der Vorstandssitzung vom 5. Juli 1897 zum Beschlüsse erhoben, und sind für die Gehaltsbestimmnng, Ernennung und Beförderung der Kultusbeamten maßgebend. Die „Bestimmungen" sind ein würdiges Geschenk ft»i2 nffTtfiovnTov Qnil* fnitlov flfUtSpvfm'i’irfiP itr>h 1lyffrt¥s heilen. Die Vorteile, die der eine Punkt den strebsamen (nicht st er b e rsamen!) Beamten bringen könnte, werden durch einen anderen illusorisch gemacht. Wir wollen mit Beispielen dienen. § 6 der Bestimmungen besagt: „Die Vorrückung in die höhere Gehaltstuse hat in der Regel in den Rangklassen VII., VI., V., IV. nach Verlauf von drei, in den Rangklassen III., II., I. nach Verlauf von fünf Jahren in dieser Rangklasse, beziehungsweise Gehaltstuse vollstreckten Dienstjahren zu erfolgen." Diese Bestimmung ist klar und bildet ohne jeden Kommentar für einen pflichteifrigen Beamten eine Richtschnur für sein weiteres Fortkommen. Er weiß sich sein Leben einzurichten, denn er hat eine bestimmte Anzahl von Jahren seine Pflicht auf seinem Posten zu erfüllen, und kann dann seine Beförderung fordern, sie muß ihm gewährt werden. Eine solche Bestimmung wäre aber zu gerecht und zu demokratisch. Der Kultus beamte könnte dann zu selbständig werden, es könnte ihm sogar einfallen, sich in oppositionellen Kreisen Aus dem Russischen des Semjon Jnschkewitsch. (Schluss.) Mau glaube nur nicht, dag das finstere Aeußere Marjims dein wahren Wesen ihrer Seele entsprach. Wie ein Schild nur ungenau und vieles verschweigend andcntet, dntz sich hier unter ihm ein Laden befindet, so sprach das Aenhere Marjims davon, datz hinter ihm ein Mensch verborgen sei. Der finstere Ernst, gepaart mit dem Ausdruck der Trauer, wies nur den Weg, der vermuten, doch nicht erkennen lieh, wie viel Herrliches im Herzen dieses Weibes verborgen blieb. In Wirklichkeit lvar Marjim eine stille, ergebnngsvolle, bezwungene Frau mi 1 goldenem, zartfühlendem Herzen, das wie eine Violine all die bebenden, traurigen und liebenden Töne hervorbringen konnte, die je ein menschliches Ohr gehört hatte. Und wenn man erzählen wollte, wie durch 50 Jahre das Leben sie marterte, es wäre eine erschütternde Erzählung, ivie eine freudige ewig der Rührung fähige blühende Seele immer wieder Teilchen ihrer Frische von sich warf, um sich aller jener Nichtigkeiten zn erledigen, die den dummen, lebendigen Menschen so locken, der vergibt, lote ihm, als Sterblichem, nur zum Hohn Herz und Geist gegeben seien. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahre zlvangs- Iveise an einen Büchermenschen verheiratet, der auch nicht den geringsten Wunsch hegte, einen Blick nur in das wirkliche Leben zu werfen, und der sich obendrein als schwindsüchtig erwies, verbrachte sie ihr ganzes Leben in u-gendeinem dummen, ztvecklosen Kampf um ein Stück Brot, um einen Augenblick der Ruhe für die Seele, die Hände, den Rucken, um all das Nichtige, das der Arme entbehrt. Und als nach zwanzigjähriger Ehe die Familie zusammengeschrumpft lvar, als der Mann gestorben und von den neun Kindern nur ein schtvaches, krankes Mädchen und ein schwacher, dreizehnjähriger Knabe übrig geblieben lvar, der sich kaum aus den Fützen halten tonnte, war sie völlig uiedergerungen und still und ergebungsvoll. Jetzt verdichtete sich ihr ganzes Leben, das keinen Wert mehr für sie hatte, auf e i n Gefühl der Liebe für diesen kränklichen Knaben, für den sie ohne Bedenken das letzte zu opfern bereit war, um ihn die Not des LebenS nicht empfinden zu lassen. So empfand und so tat auch das schwindsüchtige Mädchen, das nichts Freudiges im Leben gefunden hatte und das begriff, datz es nur dank irgendwelcher absonderlicher Mißverständnisse sich noch am Leben befindet. Es lebte noch der Urgrotzvater Herscheles mit ihnen, ein Greis von neunzig Jahren, und es schien, als verkörperte zu zeigen, sich für dort gehörte Ideen zu erwärmen und das Unglück wäre fertig. Deshalb mußte folgendes Ventil geöffnet werden. Dasselbe lautet folgendermaßen: „In besonders zu berücksichtigenden Fällen, namentlich bei jenen Beamten, deren Agenden Hochschulbildung erforde»», kann der Vorstand auch eine raschere Vorrückung bewilligen. Die Vorrückung erfolgt nur im Falle vollster Pflichterfüllung, worüber lediglich der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde entscheidet. Die Beamten, welche nach diesen Bestimmungen auf die normale Vorrückung Anspruch erheben, haben das Ansuchen um Genehmigung der Vorrückung zwei Monate vor dem Termine an den Kultusvorstand zu richten, und ist dieses Ansuchen von der Buchhaltung zu instruieren, vom Amtsvorstande zu begutachten und vom Sekretariate mit Bericht an den Kultusvorstand zu leiten, welcher hierüber Beschluß saßt." Da haben wir die Bescherung! Also, um die Vorrückung in eine höhere Gehaltsstufe, die bei tüchigen Beamten, und nur von solchen ist ja die Rede, einfach automatisch vor sich gehen sollte, sobald die vorgeschriebene Dienstzeit um ist, muß erst angesucht werden und wird von so vielen, außerhalb der Machtsphäre des Beamten stehenden Umständen abhängig gemacht! Und da wird uns auch die ganze Skala mitgeteilt, durch welche sich der arme Beamte durchzuducken hat, will er eine Gehaltsaufbesserung von 200 Kronen pro Jahr erreichen. Zunächst darf er die Frist von zwei Monaten nicht versäumen, muß sich durch Buchhaltung, Amtsvorstand und Sekretariat bis zum Kultusvorstande durchwinden, um dann die Gunst der Herren vom Vertreterkolleaium und vom Plenum zu erbetteln. Mn u/cuye unv yuu ijm u sich eine Zweidrittel-Majorität im Plenum „gesichert", da geschieht das Unglück, daß ein Kultusvorsteher zur Trauung eines Verwandten in die Kirche gehen mußte, die Sitzung ist nicht beschlußfähig, oder die nötige Majorität ist nicht beisammen, und der arme Beamte, der auf seine Gehaltserhöhung schon gerechnet hat, in vielen Fällen schon irgend eine Zahlungsverpflichtung eingegangen ist, zieht traurig, oder fluchend ab und muß den unwürdigen Kotau von vorne beginnen. Um wie vieles menschlicher und gerechter wäre es doch, die Beförderung nach einer gewissen Dienstzeit erfolgen zu lassen, wenn sich der Beamte während dieser Zeit nichts zu schulden kommen ließ. Die Disziplinarfälle werden ja in Evidenz gehalten und auch diese Bestimmung böte Chikanen gallsüchtiger Vorgesetzter Gelegenheit genug, sich zu „betätigen". (Ein weiterer Artikel folgt.) sich in ihm ein lebendiger Vorwurf gegen den, der oben regiert, dos; er, der Greis, unnütz, eine Last für die Familie, leben mutzte und nicht sterben konnte, die Söhne, die Töchter, Enkel und Urenkel überlebend, als habe er allein die Zähigkeit von Generationen voriveggcnominen und den Nachkommen nur Krümchen seiner Gesundheit überlassen, lind es war nicht heiter, dieses Leben des hinfälligen und allem überdrüssig gewordenen Greises, der seine Zeitgenossen verloren hatte und alle und alles überlebt hatte, was seiner Existenz Berechtigung geben konnte, dies Leben eines stets gebeugt umhergehenden Menschen mit verkalkten Wirbeln, dessen Geist sich jeden Augenblick trübte. Manchmal loderte es auf in ihm und mit ohnmächtiger Wut murmelte er. einen Fluch unterdrückend: „Alle habe ich überlebt, alle, alle!" Und Herscheles grübelnd, hager, mit tiefen Gruben über den Schlüsselbeinen, blickte den Greis an und fragte: „Warum sinnt er, Mutter?" In seinen Worten waren immer fernere Gedanken hörbar, die Marjim so erschreckten. „Er lebt doch," erwiderte vorsichtig die Mutter, „und ein lebendiger Mensch nmtz denken." „Aber Ivarum ist er lebendig?" forschte der Knabe, als fragte er sich selbst. „Wer braucht ihn? Ist er lebendig, um Kinder. Enkel, Urenkel zu haben und sie zu überleben? Aber das hat doch gar keinen Sinn. Oder ist es, datz wir hier sitzen und darnach fragen mögen? Dann entsteht eine andere Frage: Wozu mutz der Grotzvater leben und weshalb müssen wir danach fragen? Darüber mutz man ernstlich, ernstlich Nachdenken." Und er stützte die Ellenbogen auf die Knie und den Kopf lietz er in die Hände sinken und versank in seine Gedanken, die Marjim so seltsam und erschreckend schienen, so oft er sie aussprach. „Wozu soll ich essen, Mutter?" fragte er und lietz das Essen stehen; dann blickte er auf Marjim, die neben ihm satz und auf seinen geringsten Wunsch hinhorchte. Und schon legte er die Hände zusammen, um den Kops auf sie zn stützen. Aber Marjim machte flehentliche Zeichen der Tochter, in der die Erregung der Mutter sich iviederspiegelte, und mit heuchlerischer Heiterkeit sprach sie: „Jtz nur, Herschele! Man mutz essen, um gesund zu sein; wenn du gesund sein wirst» wirst du wachsen und ein Mann werden. Dann lvirst du die Gcscl-äfte führen, und Mutter wird ausruhen. Dann lvirst du sie ernähren, tvie sie jetzt dich ernährt. Jtz nur, mein Täubchen."