Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 2. Oktober 9 Seite ä der russischen Negierung seit 1881 begünstigien Ausschreitungen gegen die Juden bekannt ist. Weil eine graste Anzahl russischer Inden aus den gebildeten Klassen 1878 bis 1881 an der revolutionären Belvegnng teilgenannnen hatte, wurden im Frühjahr 1881, bald nach der Thronbesteigung Alexanders des Dritten, von den Behörden die schrecklichsten Jndenverfalgnngen in Elisabetgrad, Kischcnclv, Ananjelv. Nikopol und Odessa veranstaltet und begünstigt. In Elisabethgrad stand an der Spitze der jndcnfeindlichen Organisation ein Polizeikonnnissär, tit Schmerinka der Eisenbahnstation^ chcf nsiv. Delegierten-Tag zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Der „Hilfsverein der deutschen Inden" hat nach mühsamen Borverhandlungeil endlich den Erfolg gehabt, diesen Delegiertentag zustande zu bringe,., llnd er darf auf das Gelingen seines Werkes mit Recht stolz sein. Gemeinsam mit der Lembcrgcr Kultusgemeinde, den, jüdischen Zweigkomitee des deutschen Nationalkomitecs zur Bekämpfung des Mädchenhandels und dem Deutschen Rabbinerverband hat der Hilfsverein der deutschen Jude» die Einladungen erlassen, und sämtiiche Korporationen sotvie viele Privatpersonen sind derselben gefolgt. Das Bedeutendste aber an der Konferenz Ivar die lebhafte Teilnahme der orthodoxen Rabbinerelemente in Galizien, ilnd in hoheiu Maste erfreulich Ivar die Uebercinstimmung, dah inan das furchtbare Uebel mit allen Mitteln zu bekämpfen habe. Zwar haben viele der Alilvesendcii bestritreu, dast ein häufig sich wiederholender Handel mit jüdischen Mädchen stattfinde, vielmehr kämen mtc einzelne Fälle vor, die eben deswegen die Ocffentlichkcit umsomehr erregten. Bon anderer Seite wurde allerdings behauptet, dast die Zahl der jüdischen Mädchen, die insbesondere durch eine Scheinehe ins Ausland verkauft würden und dort dem Gewerbe der Protistlltion ailheinifielen, keine unerhebliche sei. Aber darüber herrschte vollständige Einstimmigkeit bei allen, dast, ob das Uebel nun groh oder klein sei, man nicht früh genug daran gehen könne, es auszurotten. Auch darüber bestand nur eine Auffassung, dast die Wurzel des Nebels in der fürchterlichen materiellen Notlage der galizischen Juden zu suchen sei und dast eine Besserung nur dann eintreren könne, wenn diese Notlage Ivesentlich gemildert werde. Es ist eine Reihe von Maßregeln in Vorschlag gebracht und znm Teil beschlossen worden, um die Besserung der ökonomischen Lage wirksam ins Werk zu setzen. Es sind aber auch sofort Beschlüsse gefaßt worden, welche unter den gegenlvärtigen Verhältnissen sich als nutzbringend gegen den Mädchenhandel erweisen werden. Von allen Seiten ist ferner betont worden, dast es nicht allein darauf ankommt, die Verführung der jüdischen Mädchen nach Kräften zu verhindern, sondern das; auch ein Händler, der christliche Müdchen verkuppelt, verbrecherisch handelt und der Polizei zur gerechten Bestrafung überliefert werden muß. Nach diese Richtung ist sehr bedeutsam insbesondere der auf Wunsch dcrNabbiner gesaßtcBeschluß, wonach dieselben sämtlich aufgcfordert werden sollen, ihren Gcmeindeangehörigen klar zu machen, dast das Denunzieren der Mädchcnhändler bei der Polizei eine wenn auch unangenehme, so doch für die Allgemeinheit notwendige Pflicht ist, der zu genügen jedes Gemeindemitglicd gehalten ist. Wir kommen nunmehr zum Berichte selbst. In dem schönen Sitzungssaalc der Israelitischen Knltusgcmcindc zu Lemberg eröffnet der Präsident derselben, der Reichstagsaügeordnete Dr. Byk, heute um 11 Uhr den Delegiertentag. Derselbe ist sehr zahlreich besucht und der stattliche Saal vollständig gefüllt. Unter den auswärtigen Delegierten bemerkten wir Rev. Singer aus London (Jcwish Protection Society kür Women and Girls), Dr. Pappenheim-Wien (Hilfsvcrein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien), Dr. Sonncnschein-Troppau (Oesterreichische Bne Brith-Logcn), Dr. Nosenack-Brcmen (Deutscher Rabbinerverband), Dr. P. Nathan und W. Bambus-Berlin (Hilfsverein der deutschen Juden), Dr. Hirschler und Frl. Pappenheim-Frankfurt (Komitee für die osteuropäischen Juden m Frankfurt) , Gustav Tuch und Alfred Cohn-Hamburg, sowie Goldschmidt- Liibeck (Jüdisches Zweigkomitec des Deutscheu Nationalkomitecs zur Bekämpfung des Mädchenhandels), Paul Laskar-Hamburg (Israelitischer Unterstützungsvereiu für Obdachlose), D. Rottcr-Wien (Jcwish Colonisation Association und Alliance israelite universelle). Dr. A. Kaminka-Wien (Israelitische Allianz) usw. Unter den Galiziern fallen vor allen die markanten Gestalten der strenggläubigen Rabbiner auf, die zahlreich vertreten sind, darunter Rabbiner Schmelkes-Lembcrg, Horovitz-Krakau, Schmelkes-Kolomea, Schuur-Tarnow, Lewins-Rohatyn usw. Auch ihr Gegenpart ist vertreten, die beiden Prediger Dr. Caro-Lembcrg und Dr. Thon- Krakau. Drei jüdische Abgeordnete sind anwesend' Dr. Byk, Rappaport und Kolischer, die Vorsitzenden der Gemeinde in Lemberg und Krakau und viele andere angesehene Persönlichkeiten aus Galizien. Das Präsidium Ivird alsdann gebildet aus den Herren: Dr. Byk, Dr. Nathan, Rev. Singer, Rabbiner Schmekkcs und Tr. Horovitz. Die Tagesordnung beginn init dein Generalreferat des Herrn Gustav T n ch - Hamburg. Redner verbreitet sich über die ganze Frage des Mädchenhandels, seine Ausbreitung und verschiedenen Formen. Er beleuchtet die sehr ofi verwickelten Wege, die die Mädchcnhändler zu gehen Nüssen, die Verführnngskünste, über die sie verfügen, die Scheinehe usw. Alsdann spricht Redner über die Abwchrbestrebnngen, die sich in allen Ländern dagegen rühren, die Kongresse der Nationalkomitees nsiv. und kommt zu dem Anteil der Juden an diesem schmachvollen Geivcrbe, aber auch zu seiner Bekämpfung. Er schildert die Arbeit des jüdischen Zweigkomitees in Deutschland und betont die Anerkennung, weiche diese Arbeit besonders auch bei den Nichtjuden gesunden hat. Redner schliestt mit der Verlesung seiner Thesen, Ivelehe die Versammlung am Schlüsse ihrer Verhandlungen als Motive zu den Beschlustanträgen angenommen har. Der zwei Referent, Herr Rabbiner Dr. R o s e n a ck-Brcmen. erwähnte zunächst die Arbeit des Deulschen RablüuerverbandeS. in dessen Auftrag er Galizien bereits mehrmals bereist hat. Cr wendet sich alsdann besonders an die Rabbiner und fordert sie auf, durch ihren Einflust bei der Jugend auf eine hohe Wertschätzung der Arbeit hinzulvirkcn und, Ivo dieselbe besteht, sie zu pflegen. „Arbeit schafft das Laster aus der Welt!" Unter dem Beifall der Versaimnlung führt der Referent aus, dast das Laster der Prostitution nicht nur bei deu Mädchen, sondern auch bei dem männlichen Geschlecht bekämpft Iverden müsse. Mindestens ebenso schuldig Ivie die Mädchen sind die verführenden Männer. Darum ist eine Reform der Erziehung not, aber nur unter Wahrung der Religion. Die gesundheitsschädlichen Ehedarim müssen reformiert Iverden, aber der Rabbiner soll die Aufsicht über dieselben erhallen Die Auswanderung vom Lande in die Stadt ist nach Kräften eiuzndämmen. Die Herausgabe einer Jargonzeitung unter Mitivirkung der Rabbiner' ist nötig, um solche Ideen unter den fast nur Jargon redenden Massen zu verbreiten. Der dritte Referent, Herr Dr. M e i e r M unk- Lemberg, sprach über die Organisation in Galizien. Er legt die Statuten eines zu dem speziellen Zlvcck soeben neu gegründeten Vereins vor, dessen entsckieidender Paragraph lautet: 2. Der Verein hat den Zweck, durch wirtschaftliche und geistige Hebung der armen jüdischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina den Mädchenhandel unter den Juden dieser Länder zu verhindern und die Verbreitung derselben nach Kräften zu bekämpfen. 6. Die Mittel zur Erreichung dieser Vereinszivecke wären: a) Errichtung und Unterstützung solcher Anstalten, welche die wirtschaftliche, geistige und sittliche Hebung der jüdischen Mädchen zur Aufgabe haben, nüe: Asyle, Dienstbotcnheime, Kinderbewahranstaltcn, Haushaltnngs- und Dienstbotenschule», Anstalten zur Heranbildung von Kinder- und Krankenpflegerinnen, Stellenvermittlung und dergleichen, b) Einwirkung auf die intelligenten Kreise und besonders auf die jüdischen Gemeindcrcprnscutanten zur Unterstützung der Bestrebungen des Vereins, c) Herausgabe und Verbreitung von Druckschriften, welche die Vereinszivecke fördern, d) Veranstaltung belehrender Vorträge und öffentlicher Disknssione» an berschicdeneu Orten dieser Länder, e) Ansstellung von Belehrungs- und Warnungstafeln in öffentlichen Lokalen, f) Erteilung zweckdienlicher Informationen, g) Schutz und Hilfeleistung bei drohender Gefahr, h) Förderung der Bestrebungen anderer Vereine im In- und Anslande mit gleicher Tendenz. Dieser Verein ivird Zweigorganisationen und Exekutivkomitees selbst in den kleinsten Orten Galiziens und der Bukowina einrichten, wo dies ans irgendwelchen Gründen, Ivie Nähe der Grenze usw., Ivünschenswert erscheint. Referent wendet sich besonders an die Rabbiner, um ihre Unterstützung für den neuen Verein zu erbitten. Nach Anhörung der drei Referenten Ivird die Diskussion eröffnet. Leider lästt der Mangel an Raum die Veröffentlichung der Diskussion nicht zu. An derselben nahmen teil: Rabbiner Dr. Horovitz-Krakau, Dr. Nathau-Berlin, Dr. Caro-Lembcrg, Dr. Nacht-Focschani, in der Nachmittagssitzung Dr. Waldmann, Frl. Pappenheim, Neichstagsabgeordnetcr Nappaport, Rev- Singer nsw. Hervorzuhcben ist, dast Prediger Dr. Caro und Rabbiner Horovitz bestritten, dast der Mädchenhandel überhanvt und mit jüdischen Mädchen speziell im wesentlichen! Maße unter den Juden Galiziens verbreitet sei. Rev. Singer brachte einen Antrag ein, der sich gegen die illegalen Trauungen und Scheidungen richtet. Er verlas einen Brief der Frau Baronin Rothschild i» London, den wir im Wortlaut wiedergebcn. (Ucbersetzung.) Prinz Park, Tviich, 6. August 1903. , Lieber Herr Singer I Da Sie eben im Begriff sind, von England abzurcisen, schicke ich Ihnen meine besten Wünsche für den glücklichen Erfolg Ihrer Reise nach Lemberg. Das baldige Zusammentreffen der Rabbiner daselbst, denen es am Herzen liegt, den weißen Sklavenhandel zu bekämpfen, wird, so hoffe ich inniglich, einen wohltätigen Erfolg von der größten Traglvcite erreichen. Als Vorsitzende der Jewish Assoziation for the Protection of Womcn and Girls nehme ich das wärmste Interesse an einem Unternehmen, welches die Wohlfahrt der Frauen sich zum Ziele setzt, und vorzüglich derjenigen, deren Jugend und Uncrfahrcnheit auf Schutz und Hilfe Anspruch machen. Die schauderhaften Tatsachen des weißen Sklavenhandels werden jetzt nicht nur überall zugestanden, sondern sie haben in allen Ländern den einstimmigen Entschluß hervorgehoben, dem schändlichen Unfug entgegenzutretcn. Alle Völker hege» das Gefühl, daß es auch nationale Schmach ist, angesichts der aktuellen Zustände müßig zu sein. Ich bin überzeugt, das; der Eifer, der jetzt auf allen Seiten aufflammt, nur zu einem guten Ende führen kann. Erlaubt man mir ein Wort des Rates auszusprechen, so ivürdc ich meinen: Die Rabbiner und Gemeindehäupter, in Lemberg versammelt, sollten cs allen betreffenden Eltern einprägcn, daß sie ihren Töchtern nicht gestatten--Haus und Land zu verlassen, ohne völlig überzeugt zu sein, daß dem Mädchen ein sicheres und ehrbares Unterkommen in der Fremde bereit steht. „Forewarned is forewarncd." Dieses dem Volke klar zu machen und einzuschärfen ist höchst notwendig. Wie viele junge Mädchen verlassen ihre Heimat, angelockt von falschen oder gleißenden Versprechungen, um nur danach ins Unglück und Elend zu stürzen! Möge Gott Ihr Unternehmen beglücken! Seien Sie versichert, das; es mir eine hohe Freude verursachen wird, zu hören, daß die Versammlung in Lemberg etwas Gutes und Dauerndes zur Bekämpfung des weißen Sklavenhandels, jenes Schandfleckcns unserer Zivilisation, erwirkt hat. Ich verbleibe herzlichst Ihre The Rev. S. Singer. E. L. Roths ch i l d. -i- Mittwoch den 10. S c p t e m b e r. N a ch mittag s s i tz u n g. Der Präsident erteilt Herrn Roter-Wien das Wort zu seinem vortrefflichen Referat: „Wie kann durch die Hebung der wirtschaftlichen Lage unserer Glaubensgenossen in Galizien dem Handel mit jüdischen Mädchen vorgebeugt Iverden?" Referent charakterisiert die Ursachen des Mädchenhandels und der Prostitution überhaupt und konstatiert, das; die wirtschaftliche Notlage der jüdischen Bevölkerung die vornchmlähste dieser Ursachen ist. Das jüdische Mädchen der Massen findet im Elternhause, Ivie im Hanse des Mannes, wenn es sich verheiratet, nur Elend und Mangel, selbst an den notwendigsten Subsistenzmitteln, und keine Hoffnung auf eine Besserung dieser Verhältnisse. Die große Kinderzahl steigert die Nahrungssorgen und führt zu weiterer Vernachlässigung der Erziehung und Aufsicht seitens der Eltern. Diese Not wirft das jüdische Mädchen, das auch Ansprüche an das Leben stellt, oft dem ersten besten Scclcnfänger in die Arme. Galizien, in dem ein Achtel der Bevölkerung von 7 Millionen, also mehr als 80 000 Seelen, Juden sind, ist ein vorzugsweise ackerbautreibendes Land, Industrie 'gibt es sehr wenig. Die Spiritusbrenncrci, Zuckcrfabrikation und Holzbearbeitung werden im Zusammenhänge mit der Landwirtschaft betrieben. Aus dem Boden gelvinnt man noch Petroleum, Erdwachs, Salz und in Jnworzna Kohlen. Einige Fabriken von Kerzen, Streichhölzern, Papier existieren, ancb eine Sodafabrik und einige Eisengiestcreien. Die Textilindustrie steckt in den ersten Anfängen, Lederindustrie ist ganz primitiv, ein wenig Konfektion ist vorhanden, die Sortienmg von Roßhaar, Porsten Und Federn beschäftigt eine Anzahl Personen. Juden sind in diesen Industrien beschäftigt: tvemge in der Spiritusbrennerei und den Sägemühlen, etlvas mehr in der Erdwachs - gewimnmg, der .A'rzcn-, Seifen und Streichholzindustrie. In der Weberei arbeiten Juden nur als Tallesweber, dagegen sind die Gerbereiarbeiter sowie die Näherinnen in der Konfektion meist unseres Glaubens, ebenso in den Sortierereien. Bon der übrigen Industrie sind die Juden fast ganz ausgeschlossen. Die Hausindustrie ist unbedeutend, etwas Korbflechterei, wo nur wenig Juden beteiligt sind, die Erzeugung gestülpter Federkiele in Brody und die Haaruetzindustrie mit vorzugsweise jüdischen Arbeiterinnen. Das Handwerk ist unter den Juden sehr verbreitet, das Vorurteil, das früher dagegen bestand, ist längst nicht mehr vorhanden. Jetzt drängt man sich in die Handwerkerschulen, so dast diese nicht inehr ausreichcn. Der Handel ist fast ganz in jüdischen Händen, aber gerade in diesem Berufe macht sich der Antisemitismus geltend. Konsumvereine, die keine Juden ansnehmen und judenreine subventionierte Geschäfte nehmen dem jüdischen Kleinhändler da§ Brot van Munde Iveg. DaS Kleingelverbe ist fast ganz jüdisch, sehr viele Glaubensgenossen sind Kutscher, Gastwirte, Mautpächter usw. und alle diese verdienen nur äußerst mühsam ihr karges tägliches Brot. Der Mautpächter bringt es z. B. auf 1—8 Kronen, d. h. 3—0 Mark pro Woche! Es gibt einige hundert jüdische Grundbesitzer, viele jüdische Pächter, und eine große Anzahl jüdischer Aufseher und Beamte in der Land Wirtschaft, aber wenig eigentliche Bauern und Feldarbeiter. Die jüdische Intelligenz kann nur in den liberalen Berufsziveigen existieren, denn im Beamtendicnste gibt cs fast gar keine Juden, weit sie bekanntlich nicht angcstcllt werden, aber dafür sehr viele Advokaten und Aerzte. Wie kann geholfen Iverden? Zunächst bei der Erziehung. Das jüdische Mädchen must in höherein Maste als bisher zur Arbeit angchalten werden, auch die jüdische Frau und das Mädchen müssen auf ehrliche und sittliche Weise mitverdienen lernen. Dann aber must vor allem die ökonomische Lage im ganzen gebessert werden, d. h. nicht nur die Mädchen müssen Arbeit finden können, sondern auch die Männer müssen besseren Verdienst als bisher erhalten können: 1. In allen größeren galizischen Städten sind Dienstboten und Nähschulen zu errichten, den ausgebildeten Mädchen sind Stellungen in besseren jüdischen Häusern in Galizien und im Ausland zu beschaffen. 2. In Ackerbauschulen sind sowohl Knaben als Mädchen für die Landivirtschaft heranzubilden. 3. Hausindustrie ist cinzuführen für diejenigen, die im Haufe arbeiten müssen oder irotlen. I. Fabrikindustrie nach dem Muster der Puppenfabrik in Tarnolv, welche die Jewish Colonization Association errichtet hat, vor allein solche Industrien, welche die Landesprodukte verarbeit:», müssen gefördert werde». Die Schwierigkeiten der Einführung von Industrien ist nicht zu unterschätzen, die ungünstige geographische Lage, die mangelnde Schulung der Arbeiter, die Sabbatruhe sind sehr schwere Hemmnisse, doch must man dieses zu beseitigen trachten durch Subvention der Unternehmungen in der ersten Zeit, eventuell auch für längere Dauer. r>. Errichtung von Kreditgenossenschaften und Darlehnskassen für Kleinhändler und Kleingewerbetreibende. Eine Organisation für alle diese Unternehmungen, welche der galizische Hilfsverein nur auszubauen brauchte, besteht in den Einrichtungen der Hirsch-Stiftungen und der Jewish Colonization Association. Wenn alle berufenen Faktoren zu gemeinsamer Arbeit Zusammenwirken, zumal sie doch alle das gleiche Ziel erstreben: Der Hebung des ethischen und kulturellen Niveaus, welche ja auch einer Besscrnng der sozialen Lage folgt und wenn es gelingt, die Gemeinden aus ihrere Passivität aufzurütteln, die Rabbiner zu Mitkämpfern hcranzuziehen, dann wird dem Uebel, so tief es wurzeln mag, doch beizukommen kein. An das Referat schloß sich eine überaus angeregte Debatte, die auch die anderen Referate in den Kreis der Diskussion zog. Dieselbe gewann besonders an Farbe durch das Eingreifen der Rabbiner, die sich energisch beteiligten. Es sprachen: Rabbiner Schmelkes-Kolomea, Rabbiner Dr. Roseufeid-Czernowitz, Rabbiner Horovitz-Krakau, Dr. Pappenhcim-Wien. Frau LUien-Leinberg, Dr. Waldmann- Lemberg, Prediger Dr. Caro-Lembcrg, Rabbiner Lilienfeld, Rabbiner Lcwin-Rohatyn, Eitelbcrg, Rabbiner Schmelkes-Lemberg, Taubcs-Ncu-Sandcz, Dr. Nathan-Berlin. Während der ganzen Diskussion zeigte sich die erfreulichste Uebercinstimmung im Prinzip und in den meisten Details und das Entgegenkommen von beiden Seiten, um auch für die noch vorhandenen ivcnigen Differenzen einen Ausgleich zu finden. N a ch m i t t a g s s i tz u n g. Herr Paul Laskar-Hamburg hielt ein Referat über die Gefahren der planlosen Auswanderung, das demnächst im Druck erscheinen wird. Wir können daher auf seine Wiedergabe verzichten. Nach kurzer Diskussion werden seine Anträge angenommen: Die galizischen Juden müssen über, die traurige Lage ihrer für das Ausland ungeeigneten, in Amerika und England befindlichen Landsleute aufgeklärt werden. Diese Aufklärung muß erfolgen: 1. Durch die Rabbiner von der Kanzel und durch private Belehrung. 2. Durch die Gemeindevorsteher. 3. Durch die Lecker der Wohltätigkeitsanstalten.. 4. Durch die jüdischen Zeitungen. Besonders sind bte Gemeindevorsteher und Rabbiner aller, auch der kleinsten galizischen Gemeinden dahin zu informieren, das; sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, sowohl die fiir die Auswanderung ungeeigneten Männer, als auch besonders alle Frauen und Mädchen von der Auswanderung zurückhalten!, welche nicht: 1. mit genügenden Geldmitteln versehen und 2. die genauen Adressen ihrer Familienangehörigen haben, mit der Sicherheit, von diesen letzteren auch in Empfang genommen zu werden. Alsdann erfolgt die Abstimmung über die anderen inzwischen von einer Kommission vorberatenen Anträge. Dieselben werden sämtlich vorbehaltlich redaktioneller Acndcrungen angenominen. In Erwägung oer folgenden Motive beschließt die Tagung folgendes: 1. Die heute hiec zryammengetretene Versammlung will über den Handel mit weißen Sklavinnen galizischer Herkunft, soweit ec von Juden betrieben ivwd, hinsichtlich der Art seiner Ausübung und seiner Ursachen Aufklärung schaffen; sie Null ferner auf dauernde Bekämpfung des schmachvollen Betriebes und aus Hinwcgräumung der Ursachen in unermüdlicher Arbeit hinwirkcn. 2. Die Ursachen -'er Uebel beruhen darin, daß bei einer Gesamtzahl von 772 000 sich mehr als drei Viertel der in Galizien wohnhaften Juden in äußerster sozialer und ökonomischer Bedrängnis befinden. Tausende sterben jährlich am Hungertyphus dahin. In bitterster Notlage kommen viele körperlich, geistig, sittlich immer tiefer herab. Die niedrigsten Schichten dieser verelendeten Bevölkerung verfallen dein Kaftismus, das ist dein Mädchenhandel, und allem anderen daniit verwandten und verbundenen Verbrechertum. 3. Der Kampf g:gen den Mädchenhandel mutz sich gegen alle Formen dieses verderblichen Geiverbes richten, al,o unterschiedslos, ob es international, national oder lokal betrieben wird, desgleichen gegen FamilicnprostUntion, Vermittlung, Zuschleppung und Kuppelei, sowie überhaupt gegen jedwede Art von Verbrechen, die nach Herleitung und Ausübung mit Iveiblichem Sllwcntnm in Verbindung stehen. 4. Dieser Kampf würde jedoch aussichtslos bleiben, Ivenu er hinsichtlich der verarmten und verelendeten jüdischen Bevölkerung Galiziens sich nicht auf ein auf breitester Grnndl rge auserbautes Rettungswerk stützen könnte, das sich planmäßig und unentwegt einer Fülle wirtschaftliche:, moralischer, erziehlicher, ästhetischer und gesellschaftlicher Mittel zu bedienen vermag. Die Anwendung ,eucher Mittel must derartig geschehen, daß sie W/echselwirkung auf einander anüben und sich gegenseitig durchdringen. 1. Antrag Dr. N a : h a n: Die Versammlung begrüßt mit größter Sympathie die Gründung der jüdischen Vereinigung znm Schutze von Mädchen und Frauen mit dem Sitze in Leinberg. Sie hofft, dast diese Vereinigung unter Uebcrbrückung jeglicher Gegensätze sich über ganz Galizien ausdehnen und einen wichtigen Faktor für die Bekämpfung des Mädchenhandels bilden.vird, der in enger Fühlung mit den gleichstrebenden Vereinen Oesterreich-Ungarns und der westeuropäischen Staaten zu wirken berufen ist. A m ende m e n r F r l. P a p p e n h e i m: Die Versammlung ist der Ansicht, daß der neuen jüdischen Vereinigung eine Frauensektion angegliedert iverden soll, der insbesondere die rein Humanitären und sanitären Aufgaben zngeiviesen Iverden.