Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 40 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt % Oktober 1903 Nr. 40 ganze Ereignis als dein russischen Barbarismns und der der liegenden Agitation der russischen christlichen Presse entspringend hinznstellen, iveleli letztere nicht nur im Pöbel, sondern sogar in den Kreisen der Rcgier'niigsbcbördeii, deren Pflicht es ist, die Ruhe mtfrecht ju erlialten nnd alle Angehörigen des Staats zn schützen, eine den Inden feindselige Sümmiing erzeuge. Dieser Uni ff ist damals bollkommen gelungen. Nicbr nur in Rußland, sondern auch auswärts liegen sich viele aelnbare Lcnic täuschen: sogar von den Kanzeln der Kirchen berat' erschollen tzieden voll Harrer Urteile an eine Adresse, an ivelebe sie nicht zu richten getvesen lvärcn. Die gegenwärtigen Unruhen in Hoiucl erhielten sofort die richtige Beleuchtung im obgenannten Begiernngsorgane, die frechen Lügen und schamlosen Entstellungen keinen Raum lieg. Jetzt tveiß jeder, dag eben die Inden die Hauptschuldigen und die Hauptursache aller sogenannten Indentraivalle sind, die Inden selbst ihre Urheber sind nnd sie die christliche Bevölkerung zrir Selbstverteidigung zwingen. Es unterliegt nnmnebr keinem Zweifel, dag bei den Kisclicnctver nnd allen früheren Iudenerzessen die gleichen inneren llrsaehen nnd dieselben Eigentiimlichkeiten der Inden Ivirksam gewesen tvaren. Diese im jüdischen Bolkscharakter gelegenen, tviderlichen Eigentüm> liehkeiten besitzen im hervorragenden Mage die anssä'l je gliche Fähigkeit, die Böller anderer Abstammung um alle Geduld zu bringet' riltd ztnit Aerigersten zu reizen. In der Tat, wie kommt eS, dag, lvo 100 Heiden und Mohamrnedaner unter den Ehristen oder verschiedene Bolkssrännne znsammenleben, von dauerndem und riefgehendem Hasse nirgends die Rede ist? Wo Inden in etwas bedeutender Zabl leben, bedarf es nur eines ganz geringfügigen Anlasses, um zn blutigen Zusammenstößen zu fuhren. In Hornel trifft dieses Moment zu, denn unter 46 000 Einwohnern sind IS 000 Juden! Bei den Unruhen in Hornel, ivo sich die Inden stark fühlteit, ist ihr Hag nnd Ingrimm besonders deutlich zutage getreten; sie haben auf die Polizei, ivelche sich bemühte, die Ordnung herzustellen, mit Steinen gctvorfen und geschossen, ja sogar dem einschreitenden Militär Widerstand entgegengesetzt, au§ Häusern nnd lstnter Zäunen ans die Svidnten gefeuert, sie mit Messern, Dolchen, Prügeln nnd Revolvern angefallen. Diese Erscheinung ist übrigens, keineswegs neu. Bei den Minskec Unruhen, die sich vor einigen Jahren ereigneten, griffen die Juden das Militär in großer lleberzahl mit Gewehren an und brachten demselben empfindliche Verlüste bei, weil sich die russischen Barbaren aus, im gegebenen Falle übel angebrachter Menschenfreundlichkeit, nicht 31t entschließen vermochten, von der Waffe Gebrauch zu machen. Es ist begreiflich, dag Judenfrcunde und Iudendiencr über derlei Ausbrüche jüdische!'. Hasses wohlweislich schweigen und alles aufbieten, die Juden als Opfer des barbarischen christlichen Pöbels hinzustellen. Dieser schonungslose, an Raserei grenzende Haß der Juden gegen die christliche Bevölkerung bildet den kennzeichnenden Charakter und das Wesen aller jüdischen Ruhestörungen und man muß einfür allemal als unabänderliche Regel feststellcn, den lügenhaften Ausstreuungen zu begegnen, welche nur den Zweck haben, die öffentliche Meinung irrczuführen und die Aufmerksamkeit von den Machenschaften abznlenken, die einen so gefährlichen Umfang angenommen haben. Wie weit es tomint, tvenn man dein Treiben der Juden mit verschränkten Armen znsicht und das Hebräertum wuchern lägt, mag Ungarn als Beispiel dienen. Auf diesen von den niederträchtigsten Lügen und Entstellungen strotzenden Artikel, welcher es direkt darauf abgesehen hat ,den künstlich entfachten Haß der Russen gegen die Juden nur noch zu steigern, antworten tags darauf die „Nowosti" : Die „Nowosti" geben zunächst zu, daß die Juden in Homel tatsächlich eine Gereiztheit zur Schau trugen, was schon aus der traurigen Tatsache heroorgeht, daß sie sich gegen das einschreitende Militär gestellt haben. In der offiziellen Darstellung schreiben nun weiter die „Nowosti", wurde aber nicht behauptet, daß die Unruhen einfach mit einem Ueberfall der Juden auf die Christen, einfach aus Gereiztheit der ersteren begonnen hätte. Es bleibt daher abzuwarten, welche neueren Nachrichten noch hierüber eintreffen werden. Bis nun steht jedenfalls die Tatsache fest, daß die Judenmassakres bisher immer mit einem Ueberfatle auf die Juden be- Aus dein Russischen des Semjon Juschkewitsch. „Ohne Zweifel," begcnni Gerson, indem er auf einen Gedanken einging, den einer von uns ausgesprochen Hane, „das Leben ist so komplizierr und so qualvoll, dag selten jemand imstande ist, ihm aus der Tiefe der erschütterten Seele etwas Kräftiges, Machtvolles entgegenzustellen. Wie ein aus hartem Stahl geschmiedeter Hammer fällt das Leben gleichmäßig und mit stets unverminderter K-raft auf den menschlichen Willen und macht ihn schwach und widerstandslos. Aber es kommt vor, daß der übermäßig belastete Wille an die Belastungsgrenze gelaugt, und dann wächst in einem Augenblick die menschliche Seele zu ihrer wahren Größe auf. Und in solcheir Augenblicken fällt ein Schleier von'den Augen, und man bewundert mehr als sonst die Weisheit des Schöpfers, der in eine m Menschen Großes tind Kleines so innig vereinigt, daß keine Kraft imstande ist, es zu trennen; im entscheidenden Augenblicke aber lodert das Große auf wie ein Funke beim Schlage des Eisens an das Eisen." Er sah uns alle mit prüfenden Blicken an 11 ub begann seine Erzählung. „Sicherlich kannte keiner unter euch jene breite und verlvabrloste Straße, die einst die „Judenzeile" hieß. Jetzt steht eine große, und wie die Leute sagen, schöne Straße dort, mit großen, prächtigen Häusern, und mit zivei Reihen von Akazieubäuineii zu beiden Seiten des Trortoirs. Doch wie man jetzt behauptet, daß die Straße schön sei, die hohen und breiten Häuser herrlich und die Menschen darin prächtig seien, so behaupte ich. daß die Indeuzeile für mich die schönste und angenehmste Straße der Welt geiveseu sei, daß der Geruch, der sie von einem Ende bis zum anderen erfüllt, mir ebenso aromatisch dünkte, ivie der Geruch eines duftenden Gartens; und daß mir alle diese armen jüdischen Händler teuer waren, als wären sie die klügsten, schönsten, bestbekleideten Menschen getvesen. Die Straße war breit wie ein Feld, und vom Morgen bis zum Abend irrten hier Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, Hunde, Hühner, Gänse, Enten urnher, und alle diese lärmten in brüderlicher Liebe; denn in der Unbefangenheit ihrer Seele fanden sie keinen Unterschied unter lebenden Wesen. Die Hühner und die Gänse wurden geschlachtet, die Hunde erdrosselte inan, und die Menschen jagte man zu einem Haufen zusammen und ließ sie nicht leben. Tenn alles Lebendige unterliegt der Verfolgung und muß ihr unterliegen, muß stöhnen, von Blut überströmen und gepeinigt werden; und all das liegt in der Ordnung der Dinge, utib der Klügste wie der Einfältigste tvird dagegen kein Wort der Einwendung finden. Zn diesem Geräusch, das ebenso natürlich ivar, wie das Geräusch von Wind und Regen, gesellte sich vom frühen Morgen a» der Lärm der Cheder, tvo eine Unzahl unserer kleinen Juden mit einem Eiter und chum Geschrei lernren, als Härte dieser Eifer sie gönnen und nicht umgekehrt. Gewöhnlich nehmen solche Ausschreitungen mit irgend einer geringfügigen Sache ihren Anfang, wie z. B. mit einer unbedeutenden Schlägerei zwischen einigen Christen und Juden. Es mag auch schon der Fall gewesen sein, daß bei einer solchen ursprünglichen Schlägerei die Juden der schuldige Teil waren; aber viel häufiger waren die Fälle, wo man die Juden bloß auf ein Gerücht hin zu schlagen begann. Eine solche Schlägerei ist noch immer kein Pogromm. Dieser fängt erst mit dem Moment an, wenn die nötigen Mittel außeracht gelassen werden, durch welche ein Anwachsen der zusammenlaufenden Menge verhütet werden könnte. Diese Volksmassen rotten sich nur zu dem Zwecke zusammen, um an den Juden, welche an der ursprünglichen Schlägerei teilnahmen, Rache zu nehmen und ans diesem Anlasse plündern und attakieren sie sämtliche Juden, deren größter Teil überhaupt keine Ahnung hat, aus welchem Grunde die Unruhen begonnen und weshalb sie eigentlich überfallen werden. Solange wir also eine wahrheitsgetreue Schilderung der Vorgänge in Homel nicht besitzen, können wir nicht wissen, wer die erste Schlägerei anfing. Bis dahin bleibt es auch Tatsache, daß Schlägereien in einen Pogromm gegen die Juden ausarteken. Opfer sind freilich auf beiden Seiten zu verzeichnen. Wahr ist es auch, daß die Gereiztheit der Juden sie zu einem Widerstande gegen das Militär verleitete, aber das beweist noch nicht, daß die Juden ohne jeden Grund die Christen überfallen hätten, einfach deshalb, weil sie angeblich gegen die Christen gereizt sind. Nach der offiziellen Darstellung selbst wurden mehr als 200 Häuser und Buden zerstört. Wem gehörten eigentlich dir Häuser und Buden? Lauter Juden! Während nun die Behauptung, daß die Gereiztheit der Juden an den Ausschreitungen schuld gewesen sei, noch zumindest sehr zweifelhaft ist, steht es doch sicherlich fest, daß bei der Plünderung und Zerstörung von über 200 jüdischen Häusern die Gereiztheit sicherlich nicht auf Seiten der Juden war. Daß die Juden sich dem Militär widersehten, ist nicht nur ein Verbrechen, sondern auch eine sehr bedauerliche Tatsache, weil sie dazu benützt wird, zu beweisen, daß die Juden allein an den Ausschreitungen Schuld tragen. Wir müssen hiebei erinnern, daß solche Widersetzlichkeiten gegen das Militär von Seiten der russischen Bauern und Arbeiter eigentlich öfters Vorkommen als bei den Juden. Sogar die „Nowoje Wremja" vermochte in ihrer großen Verlogenheit nur einen einzigen Fall vorzubringen. Wie unzählig aber sind die Fälle, in denen die Juden auch nicht die geringste Schuld tragen. Mit einem Worte, alles was die „Nowoje Wremja" aus dem Homeler Exzesse folgert, ist falsch. Es widerspricht den Tatsachen, welche ja allen bekannt sind. Im Jahre 1881 breiteten sich Judenverfolgungen über das ganze südliche und westliche Rußland aus. Damals war es auch die „Nowoje Wremja", welche die lügenhafte Anschuldigung verbreiteten, daß die Juden das christliche Volk ausbeuten und diesmal tischen sie ihren Lesern wieder die ebenso unwahre Behauptung von jüdischer Gereiztheit und jüdischem Hasse auf. * . . Dem „Berliner Börsen-Courier" geht der Wortlaut einer Ansprache zu, welche der Gouverneur von Mohilew, Klingenberg, an eine Deputation der jüdischen Notabeln der Stadt Homel, in der kürzlich Judenkrawalle stattgefunden haben, gehalten hat. Die Ansprache lautete: vor künftigem Unheil bewahren sollen; es gesellte sich hinzu der Lärm streitender Weiber, da unsere guten Jüdinnen den Tag nicht beginnen konnten, ohne doch zum mindesten mit der nächsten Nachbarin zu streiten; und alle diese Stimmen vereinigte» sich in ein betäubendes Tosen, tvie Flüsse sich im Meer vereinigen. Und über all dem stand der ewige Himmel, ruhig und milde, und gutmütig blickte er auf uns, seine Auserwählten, nieder, und nachsichtig hörte er all die Schivüre, die harmlosen Lügen an, da er wußte, ivie Wahrheit und Lüge, Schreien und Flehen, der Wunsch, vorteilhaft zu verkaufen, der Wunsch zu esseu, wie all das Nichtigkeiten sind, die bald vergehen, verschioinden, verstummen lvcrdeu, ivie alles verging, verschwand, verstummte, ivas es je Schönes und Freudiges, Böses und Entsetzliches auf diesein Stückchen Erde gab, auf dem die Menschen sich die Herrscher dünken. Und die Sonne blitzte und leuchtete über uns und sandte uns den goldigsten und hellsten Strahlenregen, nin doch auch unsere niedrigen, alten, finsteren Häuser zu schmücken, und einiges Blut auf unseren von Kindheit auf alten und grauen Gesichtern hervorzuzaubern; und ivie eine Mutter lächelte sie leise den schreienden Gänsen und den gackernden Hühnern zu, die unsere schreienden Kinder vor sich herjagten, die wieder von den Eltern gejagt ivurden, die Eltern aber jagten unter Schreien und Weinen der gute Tod zur Stätte der eivigen Ruhe. Und die Wolken schivammen still, hoch über unseren Häusern, über unserem Schreien, über unserer Hast und verscbioanden irgendivo iveit hinter unserem Himmel, ivie alle Menschen verschivanden, die je auf Erden gelebt, still, unhörbar und unmerkbar. Doch ivie sich in den großen, ivie in den kleinen Pfützen unserer Straße gleich hell und klar die Hühner, die Hunde, die Kinder, unsere baufälligen Häuser und der ewige Himmel mit all seinen herrlichen Wundern und Farben abspiegelten, so spiegelte sich in dem abgerissenen Fetzen des gehetzten Volkes, das die Häuser der Indenzeile beivohnte, der Kampf, die Sorge, die Lust der ganzen Menschheit. Ganz ani Ende der Straße saß unter einem stets anfgespannten schivarzen Schirin, der an dem dünnen Stamm eines vertrockneten Bäumchens befestigt ivar, vorn frühen Morgen an und bei jedem Wetter lautlos und bescheiden eine magere Frau. Sobald sie kam, stellte sie ohne Eile zivei mäßig tiefe Körbchen nebeneinander ans, aus deren Grunde schön geordnet paariveise schwarze Strümpfe lagen. Dann zog sie die denkbar größte Brille hinter dem Busen hervor, spannte ihre lange, seine Nase in sie ein und blickte geivichtig und streng entlang der Indeuzeile von einem Ende zum anderen, und als sie sich vergeivissert hatte, daß alles in Ordnung sei, und jeder auf seinem Platze, bereit das lauge Tageslied anzustinuneu, nahm sie einen uiivolleni' eien Strumpf aus dem Körbchen und begann mit finsterer Mien rasch die Stricknadeln zu führen. Und in ihren strengen, fest aneinandergepreßten Lippen lag so viel Größe und Selbstachtung, so ernst blickten die großen „Meine Herren! Ich bin ausschließlich Ihretwegen hierher gekommen. Mir tun die unglücklichen, unschuldigen Opfer sehr leid, denn gelitten haben eben nur Unschuldige und Arme. Woher konnte eine solche Erbitterung einer Bevölkerungsgruppe der anderen gegenüber, die eine andere Konfession bekennt, entstehen? In Rußland existiert eine vollkommene Religionsduldung. Das wissen die Juden selbst, die die jüdische Religion bekennen, am besten. Die Ursachen der letzten Ereignisse müssen viel tiefer gesucht werden. Ich kenne Vas Mohilewer Gouvernement seit 25 Jahren; früher waren die Juden ganz treue Untertanen, nahmen an keinen politischen Bewegungen teil und da war keine Rede von Krawallen. Die Krawalle, die in den Achtziger-Jahren stattgefunden haben, trugen einen ganz anderen Charakter; dieselben waren eine Folge des jüdischen Joches, unter welchem die christliche Bevölkerung sich befand. (?) Jetzt aber ist alles gänzlich anders geworden. Jetzt treten die Juden als Leiter nnd Rädelsführer bei sämtlichen regierungsfeindlichen Bewegungen hervor. Der ganze „Bund" (unter diesem Namen ist der „Bund der jüdischen sozialistischen Arbeiter Rußlands und Polens" zu verstehen) und die gesamte Sozialdemokratie (darunter wird wahrscheinlich die „russische sozialistische Partei" gemeint sein) bestehen nur aus Juden. (?) Allerdings kommen in diesen Bewegungen auch Leute anderer Religionsbekenntnisse vor, aber die letzteren sind nur die Anfgehetzten, die A u f h e tz e r sind aber nur Juden. (?) In den Gymnasien verderben die jüdischen Schüler die Jugend; an den Universitäten werden alle verbotenen Zusammenkünfte nur von Juden veranstaltet. (?) Ueberhaupt sind die Juden jetzt sehr frech und ungehorsam, sie haben jede Achtung vor der Regierungsgewalt verloren. Seht euch nur einmal um: die niedrige Polizei hat jetzt gar keine Bedeutung, man will dieselbe gar nicht mehr anerkenneu. Immer und überall äußern die Juden ihre vollkommene Mißachtung und Unduldsamkeit gegenüber den Christen. Da haben Sie Beispiele: Ein Radfahrer hat meine Frau angkremvelt. Wer ist es? Ein Jude. Ich begegne auf der Straße einen Gymnasiasten mit einer Zigarette im Munde, der, ohne mich zu grüßen, passiert. Wer ist es? Ein Jude. Eine Gymnasiastin hat beim Kleiderablegen meine Frau mit ihrem Ellbogen gestoßen; auf die Frage meiner Frau, warum sie nicht um Entschuldigung bitte, bekam sie die Antwort : „Ich habe es nicht bemerkt." Wer ist es? Wieder eine Jüdin. Da, meine Herren, liegen die Ursachen. Ihr selbst seid an all dem Geschehenen schuld. Die Regierung ist gänzlich unparteiisch, und ich bin auch unparteiisch: Und ganz parteilos muß ich auch sagen: Ihr seid schuldig. Und im selben Sinne werde ich auch Sr. Majestät dem Kaiser berichten. Ihr erzieht eure Kinder nicht gehörig: Ihr könnt nicht auf sie wirken. Aber ihr könnt sie doch bloßstellen, indem ihr sie der Regierung auzeigt. Auch das tut ihr nicht. Jetzt erntet ihr die Früchte eurer Aufführung. Ihr verbreitet unter einer unzivilisierten Bevölkerung Ungehorsam und Kampflust gegen die Regierung; aber die russische Bolksmaffe will dies nicht und richtet sich gegen euch selbst. Da seht ihr, wohin ihr es gebracht habt. Ist es denn nicht unerhört, daß Juden sich bewaffnen und das Militär beschießen, das sie selbst geschützt hat? Auf diese Weise werden wir nicht euch, sondern uns vor euch schützen müssen!! Mir tun die getroffenen unschuldigen Opfer herzlich leid, aber ihr selbst, meine Herren, seid daran schuld; ihr trägt auf euch die moralische Verantwortung für all das Geschehene von euren Glaubensgenossen." K l i n g e n b e r g hat den Nagel auf den Kopf getroffen und das offen bekundet, lvas jeden: Eingeweihreu in die Ursachen der von gewölbten Brillengläser, so viele traurige Runzeln lagen um ihre Angeil, daß die verwegensten Nachbarn sich nicht getränten, sie ohne zwingende Veraiilassnng anzusprechen. So saß sie da ivie aus Stein gehauen, und lebendig schienen mir die Hände, die sich rasch bewegten; nnd ohne den Blick von'ihrer Arbeit zn erheben, antivortete sie auf die Fragen der feilschenden Kunden. „Dreißig Kopeken das Paar, gute Frau, auch nicht eine Kopeke weniger; sechzehn, siebzehn, achtzehn," zählte sie laut die Maschen. „Wie geht es Ihrem Alaun? Ist er gesund 2 Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, Gott sei Lob! Es ist nicht allen Jüdinnen gegönnt, neben ihren Männer» alt zn iverdcn; fünf, sechs, sieben, acht; dreißig Kopeken, nicht eine Kopeke weniger." Punkt zehn Uhr kam ihre Tochter, ein mageres, schlaffes Mädchen mit großen, schivarzen Augen; sie brachte eine Kanne Tee und ein Stück Brot, nnd Marjinr begann zn frühstücken. Sie tran-k sinnend und schiveigsani, aß ohne Eile, und wenn das Mahl beendet ivar, stellte sie unabänderlich an die Tochter die Frage, die sie täglich mit der gleichen Weichheit and Zärtlichkeit wiederholt": „Ist Herschele gesund?" Und ivenn eine Beivegnng der sthivarzen Augen des Mädchens bejahend geantivvrtet hatte, spannte Marjim ihre Nase in die Brille ein und vertiefte sich in ihre Arbeit, daß es schien, sie iväre uicht erschaffen, mn ein Mensch zn sein, das heißt um zn leben, zu denken, zu lachen, Gott zn preisen, sondern, um iu der Jndeiizeil" zu sitzen und Maschen zu zählen, eins, zivei,' drei, vier .... So inauches änderte sich im Laufe des Tages. Allmählich verstuiniuten Geschrei und Lärm ringsum und erstarben in der unveränderlichen, lästigen Stille des Mittags; die Straße versank in einen halbschläfrigen Zustand; die Nachbarn erzählten einander mir müder Stimme ihre Geschichten; irgendwo im Schatten der Wände flüsterten klangvoll die Kinder; die Hunde gähnten lässig mit iveitgeöffnetem Mund und verfolgten gleichgiltig die gackernden Hühner mit den Blicken; die Fliegen summten kaum und ivärinten sich in der Sonne; nnd diese allgemeine Erstarrung unterstrich deutlich die trübe Zähigkeit der Strickerin. Gegen drei, vier Uhr riß sich ivie der Wind ans den Wolken von neuem das Lebe» los nnd alles geriet in Beivegnng; sie allein blieb ivie ans Stein gehauen, lebendig ivaren nur ihre unermüdlichen Hände. Und ivie ein treuer Wächter rnnging die Sonne den großen, schivarzen Schirm und getraute sich kann: Marjim ins Gesicht 31t blicken, die lautlos zn leiden verstand ohne Tränen, ohne Schrei. Des Abends legte sie ihre Arbeit ans den Grund des Körbchens, schloß ihren Schirm, lvarf zum lsetzieinnal den forschenden Blick die Gasse entlang und kehrte mit langsamen Schritten »ach .Hanse zurück. So lebte die Straße der Jttdenzeile, so verging tagaus, tagein das Leben der Strumpfstrickerin, und so endete der Tag auf der gaiizeu Welt, unbekannt, iveöhalb erschaffen, nnbekaiint, iveShalb vergangen. (Fortsetzung folgt.)