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Jüdisches Volksblatt · 1903-10-02 · 40 (2.10.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
40 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Asfcfttttoit: U/3. Leopoldsgaye 48. k« «ochentazen »oa 4 »G V ah, m»ch«Uiaat p»ß«»r»ß»! »,»«>!««, «Ne». Il|» »»sq,w«rve« »egen «erwäleter oder g«r nicht erfolgter gtchellimg «oMr» »he >m dringend. — VtnuifCKtMe »erben nicht znrntkOefteM. Goßsp«ri»ße»-T»«t» »47047. In da« «bonnenm« kan« «an t»,lich rixtretrn. MM jedw Freitag «stt* MMvttlmng drr vom WVMtzrn Volvsverrw rrwätzüsu Prrstvrmnmifston. A»f<r«L« wernehine« die Firmen: A Danae»erg. Dt. Dnte«, Haafea« »ein » «o»la. Radolf Most«, «. Oppel«. «. Po-fonhi. «. Schal« » Men, ferner alle Sanovcen»Srpedttto«e» im NuSlande. Gbrzel-Stmamrer t« Wie» IS Heller. Ldminillratton; n/3. Leopoldsgaste 4V. riachho»»». 147)18 AbounemetttSpreiS r Telephon-Nr. 147»» Wir DSten n. Vefterre1ch««naarn fmmnt Fttmeo-Nftell««». Gänzlich,»» Für da» gefmmnte AnSland sammt Franeozustellun». J»c. ®.— ... 4.50 ._ SUMS tfi .1 UM Nr. 40 Wien. 2. Oktober 1903 <11. Tischri 5664). V. Jahrgang. Bersöhaung. Kr. Die Moralphilosophen aller Zeiten und aller Nationen haben daS Versöhnungsvermögen des Menschen stets als die höchste ethische Kraft dargestellt. Und mit Recht! Es ist die Kraft der Selbstüberwindung, der strengen, unparteiischen Beurteilung seines eigenen Ich, die ihn dazu treibt, seinem Nächsten, in dem er einen Feind »rblickt, Recht widerfahren zu lassen, sich mit ihm auszusöhnen. Nicht die angebliche Erkenntnis deffen, daß unser Mitmensch gefehlt, nicht der Glaube, daß er nimmermehr fehlen werde, ist das Edle in den Motiven, welche uns zur Versöhnung führen. Der wahrhaft edle Mensch gibt seinen Groll auf, weil er i n sich jene Schwächen und Fehler entdeckt, welche den Haß seines Gegners veran« laßten und weil er, mit dem festen Entschluß, sich s e l b st zu bessern, gleichzeitig annimmt, daß sein Mitmensch denselben seelischen Prozeß durchmachen werde. Diese im höchsten Grade altruistische Auffaffung kennzeichnet das ganze religiöse und nationale Leben des Judentums und erreicht seinen Höhepunkt im V » rsöhnungsfeste. Die Feinde des Judentums, die in dem ganzen Aufbau seiner Ethik nichts als den haßerfüllten Gott der Rache erblicken, haben böswillig oder aus Unwiffenheit verschwiegen, daß das Judentum ein eigenes Fe st der Vergebung und Versöhnung hat, ein Fest, das der „Sabbath der Sabbathe" genannt wird, an dem nicht nur der Körper des Juden und seiner Umgebung ruhen, sondern auch seine Leidenschaften niedergerungen werden müssen. Und in den Vorbereitungen und Begleiterscheinungen dieses Festes gibt sich schon jener oben bezeichnete Gedanke der wahren Versöhnung kund. Wir können nur dann ehrlich und wahr vergeben, wenn wir unsere eigene Schwäche, unsere eigenen Fehler erkennen und uns bemühen, ihrer ledig zu werden, sticht hochmütig verzeihen sollen wir, der aufrichtigen Versöhnung mit unseren Mitmenschen, unserem Gott und unserem Schicksal muß eine Selbstkasteiung, eine Einkehr in sich selbst vorangehen. Wir beten nicht: „Gott, verzeih ihnen ihre Sünden, denn sie wissen nicht, was sie tun!", der Jude erfleht erst die Verzeihung seiner eigenen Sünden, weil er sich nur dann für würdig und fähig hält, anderen zu verzeihen. Die Uebertreibung dieser jüdischen Nationaleigenschaft . h a t leider dem I u d e n t u m e ebensoviel Unglück gebracht, als die vollständige Vernachläßigung derselben. Diese beiden Extreme haben unser Volk Jahrhunderte hindurch körperl'ch und seelisch geschwächt und haben, wenn auch Feuilleton. Am Bersöhmmgstage. Von B e t t i P a o l i. Die Zeit, wo aus dem Herzen, unbeklommen Die Segenspalme der Vergebung grünt, Der Tag der Buße war herangekommen, Wo Israel sich vor dem Herrn entsühnt; Da flössen Tränen, bange Seufzer bebten; Der Sturm der Andacht riß die Seelen fort; Gebete, Opfer und Gesänge schwebten Als Friedensmiltler zwischen hier und dort. Im Auge tiefen Mitgefühles Spende, Versenk' ich mich in diesen großen Schmerz Und presse, träumerisch-sinnend, meine Hände Auf mein erschüttert-überwältigt Herz. „O, Israel!" so drängt es mich zu rufen, „Was feierst Du noch dieses SühnenfestP Ward Dir nicht an des Opferaltars Stufen Schon längst der letzte Jammerschrei erpreßt? Die anderen mögen Gott mit Liedern preisen Und vor ihm büßen mit beschränktem Blick, Doch willst Du Deine Treue ihm beweisen, So deute schweigend auf Dein Schmerzgeschick. Laß ihre Opforflamme sie entzünden! Wie leicht und hoch sie auch gen Himmel facht. Vor Deinem Tun maß sie in Dunkel schwinden, Volk, das sich selbst zum Opfer hat gebracht! auf verschiedenen Wegen, zu dem größten Unglücke: zur Assimilation geführt. Als daS Judentum, als Volk, als nationale und religiöse Individualität, wir möchten sagen, der ganzen Welt, in einem, ihm aufgedrungenen Kampfe grgenüberstand, da bemächtigten sich unserer Stammesbrüder die Jomkippur-Gedanken in extremster Form. In ihrer Selbstkasteiung verloren sie das Gerechtigkeitsgefühl gegen sich selbst, sie wurden entmutigt, sie hielten sich zu sündenv oll, als daß sie einen Kampf gegen den immer mächtiger werdenden Feind wagen durften. Und der Feind hat diesen seelischen Flagellantismus der Juden und ihren mit ihm eingetretenen Mangel an Selbstvertrauen weidlich ausgenützt. Das war das eine Extrem! Als dann die Zeit der Aufklärung kam, da erschienen wieder falsche Propheten anderen Extremes auf dem Plane. Sie verkündeten zur Entkräftung der feindlichen Anschuldigungen, daß der Jude überhaupt keine Fehler besitze, daß er gleichgeartet sei den Angehörigen aller anderen Nationen, und daß Letztere ihn nur in ihre Arme zu schließen brauchen, um auch den scheinbaren Unterschied, der nur durch die lange Unterdrückung hervorgebracht worden sei, vollständig zu verwischen. Und ihren Stammesbrüdern rieten diese falschen Propheten ein gewaltsames Mimen des AriertumS, das Ablegen ihrer jüdischen Eigenart, mit einem Worte: die Assimilation. An den Folgen dieser zwei Extreme leidet heute unser Volk. Sie haben unser Volk in sich zerklüftet und zersplittert, sie haben den äußeren Feind nicht bezwungen, und im Innern haben sie Feindseligkeit, Zwietracht und Haß gezeitigt. Und die Folgen dieser beiden Extreme sind es, welche bei jedem neuen heftigen Anstürme gegen das Judentum von außen die vielen, beklagenswerten Opfer fordern. Und dis Opfer sind jedes nach seiner Art. Eine Revolte in Kischenew findet die fatalistischen, in Extrem-Jomkippurgedanken ausgewachsenen Juden, wehrunv mutllos, körperlich machtlos, und Hunderte werden als Märtyrer hingeschlachtet, ohne dem Judentums genützt zu haben. In Westeuropa wird der Jude gesellschaftlich und wirtschaftlich boykottiert, und der im Assimilations- Katechismus erzogene Jude fleht diesem Anstürme gegenüber moralisch wehr- und haltlos da, und Hunderte rennen in ihrer Verzweiflung zum Taufbecken, wo sie den moralischen Tod erleiden, um dann zu Feinden des Judentums zu werden. Die hohe Politik kennt bekanntlich keine Moral und ist am allerwenigsten altruistisch; sie wird nur dann für gut gehalten, wenn sie dem eigenen Vorteile dient. Das Judentum hat eS gar nicht nötig, dieser unmoralischen Die Stürme, die an Dir vorüberfuhren, Sie brachen Deine Heldentreue nicht, Allein ich lese ihre trüben Spuren Auf Deiner Kinder bleichem Angesicht. Doch herrlich kleidet Dich der Leiden Zeichen Und schöner ist, je schmerzlicher, Dein Los! An dunkelsüßem Wunderreiz vergleichen Möcht' ich es mit der Rose Jerichos; Mit jener Rose scheinbar welk erstorben, Der aber schnell die frische Farbenglut, Das würz'ge Duften wieder wird erworben. Taucht fromme Hand sie in geweihte Flut. Und so wie jene Wunderblume scheinest Auch Du verwelkt, erstorben und verdorrt, Doch in den Tränen, die Du glühend weinest, O, Israel, lebst Du unsterblich fort!" Am Versöhnungs-Morgen. Von Jehudn Jbn Gabirol. Uebersetzt von S. Helle r.*) Früh schon aeb' ich, Schamvoll heb' ich, Herr! mein Angesicht. Dir vertrauend, Zu Dir schauend, Berg' ich Sünden nicht. Dir ward Kunde, Was im Grunde Tief die Seele spricht, *) Aus „Die echten hebräischen Melodien", S. Schottlaender, Breslau. Politik zu folgen, um sich seine Zukunft zu sichern. Di gesunde Politik des Judentums hat darin zu bestehen, so zu handeln, daß ihm selbst kein Nachteil erwachse. Der Jude kennt keinen Chauvinismus, der ihn seine eigene Nation als die a l l e i u e d l e, seine Religion als die alleinseligmachende betrachten läßt. Der Jude begnügt sich damit, selbst in Ruhe leben zu dürfen und stört nicht di» Zirkel der anderen Nationen. WaS dem Judentmne, und hauptsächlich den Juden Oesterreichs nottut, ist, die bösen Folgen der bisher betriebenen falschen Politik sich zu Gemüte zu führen, und — ich beziehe dies auf alle Parteiungen innerhalb des Judentums — Einkehr zu halten. Kein Schaudern vor Aufdeckung unserer wirklich vorhandenen Fehler, sondern mutige, offene Verfolgung und allmähliche Ausrottung derselben! Nicht derjenige ist unser Feind, der auf unsere Fehler hinwsist, sondern derjenige, der sie beschönigt und großzieht. Aber andererseits keine Mutlosigkeit und kein fatalistisches Hinbrüten bis der Feind uns für die Schlachtbank für reif genug hält! Verzweiflung ist der schlechteste Ratgeber. Der Jude steht mit seinem Volkstume im Kampfe, er muß sich mit ihm versöhnen, aber nur so, daß er seine wirklichen Fehler einsieht und sich von dem bisher eingeschlagenen Wege abwendet. Der Feind ist einig, auch das Judentum muß einig sein, will es nicht vollends untergehen. Es werden Gemeinbürgschaften gegen uns gegründet und wir stehen immer «ehr zersplittert und zerschlagen dem gemeinsamen Usbel gegenüber. Sind die gemeinsamen Enttäuschungen, die gemeinsamen Leiden und die gemeinsamen Hoffnungen nicht stark genug, um ein einigendes Band um uns alle zu schlingen, die wir dem alten Stamme, dem alten Glauben noch treu geblieben find? Möge dieser Versöhnungstag die befriedigende Antwort bringen! Zeitnngsstimmen z« den Exzeßen von Homel. Die antisemitische „Nöwoje Wremja", ein Lieblingsorgan des Zaren, schreibt: Die jüngsten Jndenunruhen in Homel — Gouvernemenr Mohilew — haben nicht den ohrenbetäubenden Lärm hervorgernfen. den die jüdische Presse in und außer Rußland beim ersten Bekannt» werden der Kischcnewcr Exzesse erhoben hat. Diesmal wurde im russischen „Negierungsboten" nnverweilt der offizielle Bericht über die Vorgänge gebracht, womit man den Lügen im vorhinein den Weg abschnitt, wie selbe während der ersten Tage nach den Ärschenewer Ruhestörungen in alle Welt zu dem offenbaren Zweck verbreitet wurden, um die wahren Ursachen zu verschleiern und das Bist von Ewigkeit, Herrschst ja allezeit. Immer hilfbereit. Schmerzvoll zucke Tief im Drucke Ich; doch harr' ich dein. Fleh im Staube, Heißer Glaube Gibt Gebet mir ein: Nimm die Bürde, Bau' die Hürde, Wo nicht Stein auf Stein Ließ mir Sündigkeit — Herrschst ja allezeit, Immer hilfbereit. Gnaden-Leuchte, Das verscheuchte Böglern bring' ins Nest! Nicht veracht' uns, Der in Nacht uns, Kerkernacht, gepreßt. Einst vertrieben Hast du sieben Völker, pflanztest fest Siegreich uns im Streit — Herrschst ja allezeit. Immer hilfbereit. Hab' Erbarmen Mit dem armen Volk an diesem Tag! Wie's auch böse, Herr, erlöse Du es, ders vermag! Flehen, Zehren Reif' als Aehren Uns zum Vollertrag Die Bannherzigkeit ~ Herrschst ja allezeit. Immer hilfbereit.

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