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Jüdisches Volksblatt · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. September 1303 Seite 5 von der nichtjüdischen Vepölkernng, 2. unseren über die staatlichen Grenzen hinansgehenden Zusammenschluß mit den Juden anderer Länder. Was beit ersten Punkt anbctrifft, so haben lvir 31t erklären: Unsere Abschließung in jüdischen Turnvereinen ist zwar für manche unserer Mitglieder ans der Verärgerung über die antisemitische Strömung in der deutschen Turnerschaft entstanden — und iver wollte es einem Inden, dem Selbstwürde und feineres Empfinden eigen ist, ziunuten, dort zu verharren, tvv er doch meistens nicht als vollwertiges Mitglied angesehen wird? Haben doch die akademischen Turnvereine, die geistige Elite der deutschen Tnrnerschaft, allen Juden ausnahmslos den Eintritt verwehrt; auf die sattsain bekannten Verhältnisse im 16. Kreise der deutschen Turnerschaft hier näher ciuzugehen, dürfen lvir uns wohl versagen. Der Antisemitismus könnte also Ivohl als äußerer Anstoß für die Begründung der jüdischen Turnvereine aufgefaßt werden. Die innere Ursache jedoch liegt weit tiefer. Die jüdische Turnbewegung führt geschichtlich ihren Ursprung auf den Zionismus zurück, mit dem sie die nationaljüdische Grundlage gemein hat, während sie sich ivesentlich dadurch von ihm unterscheidet, daß sie jeglichen politischen Charakters entbehrt, da sie sich jeder Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten enthält. Unsere national-jüdische Aufgabe erblicken luir in der Pflege und Veredelung derjenigen unserer Stammeseigcntümlichkeiten, die lvir als wertvoll erkannt haben. Dies kann aber nur in jüdischen Vereinen geschehen. Unsere Vereine haben mithin nicht nur den Zweck, eine physische Kräftigung des jüdischen Stammes anzilbahnen, sondern sie leisten auch eine ethische und soziale Kulturarbeit. Daraus einen Gegensatz zum Deutschtum herleitcn zu wollen, ist durchaus ungerechtfertigt, und wir iveisen mit aller Energie den gegen uns erhobenen Vorwurf, als ergäbe sich aus unserem Zusammenschluß als Juden mit innerer Selbstverständlichkeit eine Minderung unseres deutschen Empfindens, zurück. Eine Vergleichung und Identifizierung unserer Bestrebungen mit den dänisch- und polnisch-nationalen zeugt von einem völligen Mißverstehen unserer Tendenzen. Gegen jene Beivcguugcn wendet man sich I vom deutschen Standpunkt aus doch überhaupt nur deshalb, weil man annimmt, daß ein Kampf gegen das Deutschtum zu Gunsten einer dänischen bezw. polnischen Kultur geführt werde, und weil man befürchtet, hierdurch könnten die auf cvent. Losreißung der seinerzeit dem Deutschen Reiche ciuverleibten Gebietsteile gerichteten Absichten Förderung erfahren. Welchen Gebietsteil des Deutschen Reiches sollten wohl die Nationaljuden annektieren wollen? Oder hat man schon je etwas von einem Angriff des Nationaljudentums auf deutsche Kultur vernommen? Weit zutreffender iväre ein Vergleich mit den amerikanischen Deutschen, deren unerschütterliche Liebe zum deutschen Stamme und zu deutscher Kultur sie zu Organisationen zusammengeschlossen hat, die auch von offizieller, deutscher Seite volle Würdigung und eifrige Unterstützung gefunden haben. Und doch hat sie nie diese Betätigung daran gehindert, mit voller Kraft an der Kulturarbeit des großen amerikanischen Volkes mitzuarbeiten, oder sie in einen Konflikt mit ihren staatsbürgerlichen Pflichten gestürzt! So rmd nicht anders ivollen auch wir verstanden werden. Auf das glücklichste hat diesem Gedanken, daß Staatsbürgertum und Stammeszugehörigkeit zwei verschiedene Dinge sind, die einander nicht zu tangieren brauchen, Kaiser Wilhelm der Zweite in seiner Posencr Rede mit den Worten Ausdruck verliehen: „Das Königreich Preußen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen, die stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart. Das hindert sie nicht, vor allem brave Preußen zu sein." Wenn ferner der von uns gegründete Verband nationaljüdischer Turnvereine deshalb angegriffen wird, weil er über die staatlichen Grenzen hinausgreift, so antworten wir auf diesen Vor- ■ wurf mit dem kurzen Hinweis ans die deutsche Tnrnerschaft, die in gleicher Weise „gefehlt" hat; auch ihre Organisation macht nicht Halt an den deutschen Grenzpfählen. Warum also, was hier als Tugend gepriesen wird, bei den Juden als Laster verdammen? Der Ausschuß der Jüdischen Turmerschaft i. A.: Dr. Ernst Tuch, Vorsitzender. PI»:! 5 tM anäk» Gedenktage. (Septe m b e r.) 16. 1847 st. in Frankfurt a. M. d. engl. Schriftst. Grace Aguilar. 1861 st. in Jena Prof. Wolf, Verf. von Nonranen. 1892 st. in Petersburg Leon Gordon, d. bedeut, neuhebr. Dichter d. Gegeniv. — 17. 1009 st. in Prag R. Löwe b. Bezalel (d. hohe R. Löiv). 1610 st. in Lemberg Hendel b. Schemarja (Rechtsbcscheide u. Kommentare zum lg Cusnri). 1760 st. in Danzig Jsr. Lipschütz, Kommentator der Mischna. 1800 st. in Frankfurt a. M. R. Natan Adler. — 18. 169g st. jn Ferrara Dr. med. Jacob Zahalon, Verf. e. mediz. Buches. 1764 st. iir Hamburg R. Jonatair Eibeschütz. 1829 geb. in Hamburg Prof. Jak. Bernays, Oberbibl. d. Univ. Bonn. — 19. 1496 st. in Regensbnrg R. Js. Stein. 1666 st. in Oran Jacob Cansino, Uebers. v. Moses Almosnino. 1812 st. Maier Amschel Rothschild, der Gründer des Bankhauses. 1828 geb. in Brody Leo Herzberg-Fränkel, schriftst. — 20. 1487 st. in Konstantinopel Vorst. Gedalja b. David ibrr Jachia. 1667 st. in Lemberg R. Meir b. Joseph. 1826 st. in Amstevdam d. Prof. u. Arzt Dr. Jur. Capadoce. — 21. 1816 geb. in Ko ritsch au Sigm. Ko lisch, Schriftst. 1866 st. Abraham Mapo a. Koivno Gramm, rr. Satir. — 22. 1641 w. ermordet Abraham. Alnagua. 1676 st. irr Venedig Meir Parenzo. 1710 st. Fr. Edel Moses iir Lemberg a. Märt. e. Blutbeschnldigung. 1728 st. Basnage, Verf. e. Geschichte der Jrideir. 1807 geb. in Prag d. Arzt Dr. Gottfr. Schnrelkes. 1842 st. Fr. Cersbeer, franz. Konsril. 1860 st. in Glogarr H. Arnheim, Uebers. bibl. Bücher rr. Rit. Der Verein Jird. jugendl. Arbeiter, Brigittenau wird, ivie jeden Monat, so auch in diesem. Monat, rind zivar am 20. September, seine 6. Monatsversanlmlnng iur Vereirrslokale (Cafe Kämpf, 20. Vez., Jägerstraße 16) rim halb 10 Uhr vornr. abhnlteu, 311 welcher wir die inerten Gesinnungsgenossen und Kollegen höflichst einlade», an derselben zahlreich zil erscheinen, und das umsomehr, als vom Gesinnungsgenossen Hahn ein Referat über „Der sechste Kongreß" abgehalten iverden lutvb. Nach Schluß der Versammlung iverden event. Vorträge abgehalteii rmd gleichzeitig die Vereinsbibliothek, ivelche bereits 80 Bücher enthält, .eröffnet. Aii die verehrten Gesilinnngsgenvssen ltitb Kollegen stellen ivir die höfliche Bitte, für unsere Bibliothek zu agitieren rmd Bücherspendeir an den Bibliothekar rmseres Vereines Herrn Karl Eppstein. 2. Bez., Stefairiestraße 6, zri senden, ivelche, weirn dieselben auch etivas defekt sind, voll' demselben dankend eirtgegengenommen iverden. Kollege,r rurd Gesinnllngsgenosseu. erscheinet zahlreich an dieser Monatsversanunlung. S. F. | Attgelneiuer jüdischer Arbeiterverein, 2. Bezirk, Stephnnie- ■ st lasse 8. Samstag den 19. d. Äst. findet im Vereinslokale eine 9 freie Diskussion über die Stellring der jüdischen Ar- 9 beiter 31t den sozialen Problemen statt. Referent: Gesümnngs- 9 genösse Alfred Weißberger. Kollege»I Erscheint zahlreich! Gäste 9 ivillkormnen! Beginir präzise 8 Uhr abends. 8 Wo stecken die Verräter deö jüdischen Volke-? Wie 8 der klerikale „Czas" in Brünn meldet, wird Nuntius > Taliani am Ttt. September in Kremfier eintreffen nnd da» I lebst Audienzen erteilen. Bon dort begibt sich der Nuntius auf das Gut Zezek zn dem Großgrundbesitzer Redlich' der vor einiger Zeit die Taufe empfing und vor kurzem vom Nuntius gefirmt worden war.-— Es läßt sich denken, wie viel sich Herr Großgrundbesitzer Redlich dte Sache hat kosten lassen, wenn ein leibhaftiger päpstlicher Nuntius sich herbeiläßt, ihn zu taufen, zu strmen und an seinem Tische zu essen Vielleicht hat Herr G>oßgrundbesitzer Redlich die Sache doch überzahlt? Allerdings darf man sich nicht wundern, daß so etivas vorkommt. Wenn sich Söhne und Töchter von Kultusvorßänden taufen lassen, ovne vaß die äter so viel Anstand haben, ihre Würde zurückzulegen, so ist es selbstverständlich, daß das Ansehen des Judentums iutmer mehr sinkt. Offenbar aber hat Herr Großgrundbesitzer R e d l i ch aus purer Verwandtenliebe ft trnd nicht anders gehandelt, denn schon vor ihm war eine ganze Schwadron anderer „Red lieh s" so unredlich samt ihren Gütern, Mühlen, Zucker- und sonstigen Fabriken in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche einzumarschieren, und ihr bedrücktes Volk einfach feige pt verlassen, und nun geht unser Mann vom Gute Zezek jenen nach. Hervorhebeu müssen wir noch, daß Herr Redlich zeit seines Lebens die Fahne des Freisinns hochgehalten und den Klerikalismus stets nach dem Rezepte der „N. Fr. Pr." bekämpft hat. Daß es doch immer die Neichen sind, die unser Volk verraten. Die Ratten verlassen das Schiff, wenn ihm Gefahr droht. In der abgelaufenen Woche sind die letzten Serien der vom Vereine „Ferienheim'^ entsendeten Kolomsten nach Wien zurückgefthrt. Das blühende Aussehen und die bedeutenden Gewichtzunahmen der Kinder geben Zeugnis von der besonderen Fürsorge, die der Verein für seine Schützlinge an den Tag legt. Jn den Kolonien Tischnowitz, Petrau, Jodbad Hall und Austerlitz waren in diesem Jahre 525 Schützlinge untergebracht. — Beiträge und Spenden für das Kaiser Franz Josephs-Ferienheim wolle man an das Präsidium, I., Schottenriug Nr. 2, gelangen lassen. Aus Holeschau (Eigenbericht.) Von Holleschau hat man schon seit langem nichts in den Zeitungen gelesen, seit damals als die Juden dort verfolgt wurden. Ich will deshalb, damit man nicht erschrecke, gleich erklären, daß ich nicht von Exzessen zu berichten habe, es sei denn von moralischen. Jn dem lieben Holleschau besteht seit einigen Jahren ein Klub, Man weiß wie solche Klubs aucsehen. Er ist jüdisch deshalb, weil nur Juden Mitglieder sind (Arier wollen nämlich nicht hineingehen), im übrigen sucht er aber sein Judentum auf alle mögliche Weise zu verhüllen. Nun, dieser Klub hat eine schöne Eigenschaft, die sich immer mehr ausbildet. Er gründet „Sektionen". So entstand vor einem Jahre der Holleschauer Turnverein (ja nicht „jüdisch"!) und so entstand heuer die „Sängerriege des Holleschauer Turnvereins". Diese Sängerriege hatte das Bedürfnis, sich sehen und hören zu lassen. Zu diesem Zwecke veranstaltete sie am 5. September eine .Abendunterhaltung". Bis jetzt wäre alles gut. Jetzt geht es aber an die Einladungen. Jeder Jude würde es nun für selbstverständlich halten, daß man zu einer jüdischen Unterhaltung nur Juden ladet, zumal inHolleschau. Wer das glaubt, hat aber die Rechnung ohne die Herren in Holleschau gemacht. Dieselben Juden, die vor 4 Jahren die größten, ärgstett Verfolgungen erlitten haben, laden zu einer von ihnen veranstalteten Unterhaltung dieselben Arier (Deutsche und Tschechen) ein, die ihnen diese Prügel verabreicht haben. Ein idyllisches Verhältnis! Mündlich und schriftlich hatte man sie gebeten zu kommen. Solchen Bitten konnten die guten Seelen natürlich nicht widerstehen. Sie kamen, zwar nicht alle — die ehrlichen von ihnen, die wenigstens nicht heucheln können, blieben zu Hause — doch einige waren gekommen und man setzte sie glückstrahlend in die erste Reihe. Vorhang auf! Die Komödie kann beginnen. Es tritt hervor die „Säugerriege". Ob sie „Kde domov muj" oder „Die Wacht am Rhein" gesungen haben, wissen wir nicht, sicher ist aber, daß sie ein jüdischnationales Lied oder auch nur eines mit jüdischem Inhalt nicht gesungen haben. Dann folgte die Operette „Zehn Mädchen und kein Mann" (wohl eine Anspielung auf Holleschauer Lokalverhältniffe!). Vorhang nieder! Der Tanz kann beginnen. Jn einer von Juden veranstalteten Unterhaltung kein Wort vom Judentum, das Wort „Jude" wurde überhaupt nicht ausgesprochen. Natürlich, man darf doch die Gesinnungen der P. T. Arier nicht verletzen. Und ganz Holleschau ist voll des Lobes über die Haltung der Arier. Sie waren so anständig, sie haben nicht einmal „Saujuden" oder das entsprechende tschechische Wort gerufen, ja, es hat sogar ein Arier mit einer schönen Jüdin getanzt! Die Verbrüderung ist fertig. Mein Liebchen, was willst du noch mehr. Doch es wäre ungerecht, alle Holleschauer Juden für die Veranstaltung verantwortlich zu machen. Es gibt auch in Holleschau Juden, die sich über den eigentümlichen „Kowet", den man den Ariern zuteil werden ließ, aufhalteu, und einige junge Leute, und zionistische Hochschüler — von allen kann man das leider nicht sagen — blieben der Unterhaltung ostentativ fern. Und jetzt etwas Erfreuliches. Der jüdische Mädchenverein „Sulamith" ist unter der trefflichen Leitung des Frl. Leopoldine Tandler zionistisch geworden, wir beglückwünschen ihn zu diesem Schritte. Seine Aufgabe tvird allerdings nach den geschilderten Vorfällen keine leichte sein. Hoffentlich wird es seiner Tätigkeit gelingen, daß eine Wiederholung einer derartigen Unterhaltung in Holleschau nicht mehr möglich sein tvird. Er wird darin von allen ehrlichen Zionistett Holleschaus und der Umgebung unterstützt werden. Die Holleschauer Juden aber wollen wir davor tvarnen, sich von einigen Politik spielenden Leuten, die mit Gewalt die Klugen sein wollen, führen zu laffen. Wir wollen ihnen die Beherzigung des Satzes nahrlegen, daß man den Feind nicht ins eigene Haus ladet. Jvri. Floridsdorf. (A b f a l l). Dr. Felix N 0 s e n f e l d ans Gaya gebürtig und Armin T y r 0 l e r aus Turvcz gebürtig, si«d aus dem Judentum ausgetreten. Prag. Die von den Eheleuten David und Lisette Zappert geborene Wittelshöfer mittelst letztwilliger Auordtmng vom 21. Mai 1882 errichtete Verwandtenbeziehungsweise ArmeinllitcrstütznngS-Stistnilg gelaugt zur Besetzung. Ansprnchsberechtigt sind in erster Reihe Geschwister der Stifter und deren Kinder ev. deren perlvittvete Ehegatten oder entferntere Berlvandte und Verschwägerte tiud bei bereit Abgang in Prag mindestens seit fünf Jahren wohneitde, 60 Jahre alte, infolge Gebrechlichkeit erwerbsunfähige jiid. Personen ohne Unterschied des Geschlechtes. Die Verleihung erfolgt mif eilt Jahr, jedoch kann der Bewerber iitfolge neuerlichen Einschreitens abermals betritt werdett. Die Gebühren betragen für die ilächsten Verwaildteu höchstens 600 Kr., für entferntere und Fremde höchstens 200 Kr. Gesuche sind bis 60. Sept. d. I. bei der isr. Kultnsgemcinde-Nepräsentanz (Präses Dr. Arnold Rosenbacher) ztt überreichen. Die erste Krnnkenkassenärztin in Wien. Seit 1. d. M. hat Wien eine Krankeukasscnärztin, und zivar die erste in der Reichs- Hauptstadt sowie in Oesterreich überhaupt. Es ist dies Frau Dr. Friederike Lubinger, eilte junge Dame, die ihre Studien in Bern und Zürich absolviert mtb an letzterer Universität auch das Doktorat erivorben hat. Hier in Wicit ivicderholte sie dantt sämtliche Rigorosen mtd ivurde ans Grund derselben ebenfalls zum Doktor der medizinischen Fakultät promoviert. Rosegger über Nasse,thast. Eines der Hauptwerke Roseggers, das man als seine religiöse Beichte bezeichnen föntüe, führt den Titel: „Mein Himmelreich" (Leipzig, 1901). Der Dichter schivingt hier die Geißel der Satire über diejenigen, welche die Religion nur int Munde, nicht aber im Herzen führen. Nicht minder geißelt er den Rassenhaß in folgciidclt, von der „N. Fr. Pr." zitierten Worten: „Lasse dir eins tloch sagen. Meine Familie kennt meine Grundsätze, ich legte sie ihr in Sanftmut ttild Herzlichkeit jeden Tag vor Augen, ich handelte danach. Ich sagte einmalWenn ich sehe, ivie fremdstämmige Killder in der Schule von ihrclt Geuosseu, im Freien von Gassenbuben und anderen behandelt werden, so will mir das Herz brechen, weil ich dabei an euch denke, an euch, meine Kinder, lind wertit cs euch so erginge, unschuldig, seines Stammes ivegetl, so viel zu leiden, bis das im Stillen weinende Herz verhärtet und verbittert für alle harmlose Lebensfreude verdorben ist! Wenn ich so mctlschlich von Meltschen rede, da starren mich meine eigenen Kinder verblüfft au, als ob es eine fremde Sprache iväre, welche da von fremden Wesen spräche, die uns nicht angingen! Oder sie widersprechen mir dreist und stimmen eilt in ben Ton des Pöbels, der heute zum guten Ton gehört. Vor einiger Zeit ging ich mit meinem siebzehnjährigen Neffen spazieren. Der Jüngling ist gebildet geworden in der klassischen Schule des Humanismus, er ist von einer gemütlich-heiteren Lebensauffassung, freundlich, von guter, geselliger Art. Bei diesem Spaziergange nun auf belebtem Korso kommt auch ein alter Manu des Weges, anscheinend vom Stamme Israels. Bescheiden und höflich, sucht er stets ausznwcichen, streift aber im Gedränge zufällig ein bißchen an die Achsel meines Neffen. Dieser bleibt rasch stehen, blickt dem Greise mit tvütendem Blick nach und ruft ganz laut: S . . judl Die Leute lachen, keiner ist, der dem Jtmgen die verdiente Ohrfeige erteilt, und ich bin starr vor Entsetzen. — Später von mir zur Rechenschaft gestellt, klagte der Bursche, mail müsse den Juden überall handgreiflich zeigen, daß sie Nils zuividcr sind, ihnen den Anfeilthalt bei uns verleiden, so lange, bis sie davon ziehen. Alle, die es hörten, stimmten ihm lebhaft bei. Ich glaubte, vor Scham versinken git müssen über solche Gassenbübereien unserer Jugend." („Mein Himmelreich", Seite 390 s.) Kurz zuvor (Seite 389) bemerkt Rosegger: „Was wir da täglich vor Augcll haben, das ist kein politischer Kampf mehr, das ist wahnsinniges Hetzen und Wutschnanbcn gegen Personen, gegen Menschen. Lüge und Verlenlndung sind die allcrgewöhnlichsten Waffen, man macht auch schon Miene, zur Brandfackel, zum Schlachtbeil 31t greifen. Und das in nimm Kulturstaate, der das Recht und den Schutz der Person unter allen Umständen verbürgen will, und dafür Geld, Kraft- und Blntsteuer einhebt." Die Bekämpfung des Mädchenhandels. Aus Lemberg, 15. d.» wird uns telegraphiert: Heute begann hier ans Initiative des Frankfurter Rabbinerverbandes die Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels in Galizien. Es sollen in ganz Galizien Lokalorganisationen gegründet werden. Zum Präsidenten wurde Abg. Byk gewühlt, zn Vizepräsidenten Horowitz (Krakau), Singer (London), Nathan (Berlin) nnd Schmelkes (Lemberg). Vertreter sind außer aus allen größeren Städten Galiziens auch aus Hamburg, Frankfurt, Paris nnd anderen Städten erschienen. Die Veratnngen dauerten bis spät in die Nacht nnd werden morgen abends beendet werden. Ausland. Die Jüdische Orient-Kolonisations-Gesellschaft (Berlin, Großbeerenstraße 75) versendet soeben ihren ersten Bericht, auf den wir noch eingehender zurückkommen werden. Dem Berichte sind einige Aufsätze und Ausarbeitungen von Louis B r i s ch, Dr. Franz Oppenheimer (Vorsitzender des Aufsichtsrates) und David T r i e t s ch beigefügt, ans denen ein klares Bild über die Bestrebungen der Gesellschaft gewonnen werden kann. Die Drucksachen werden jedem Interessenten auf Wunsch gerne nnd kostenlos zugesandl. Wie wir höre», wlll I. O. K.-G. eventuell schon in diesem Herbste mit ihrer praktischen Tätigkeit beginnen. Judenbekehrungs-Seifenpulver. Ein wunderlicher Heiliger ist ein Herr mit dem vom christlich-germanischen Standpunkt auS nicht ganz einwandfreien Namen Wallfisch. Der Mann macht in Jndenbekehrung. Da er Pon diesem Beruf allein offeirliar nicht leben kann, verkauft er, wie der „Vvrlvärts" berichtet, im Nebenamt Seifeiipukver unter der folgenden Anpreisung: Lieber Bruder im HErrnl Zugunsten meiner Jndenmissionsbestrebnngen, siir deren Unterhalt nebst Versorgung meiner Familie ich fast vollständig von freiwilligen Gaben abhänge, wollen Sie mir gütigst Ihren gesamten Bedarf an Seifenpnlver abkanfen. Ich bitte Sie recht herzlich darum! Seifcnpulver macht Seife unentbehrlich und ist das billigste nnd bequemste Waschmittel, schont auch die Wäsche sehr. Preise pro Zentner, franko Bahnhof hier: 1. Für Dainpfiväscherei 13 Mk.; für Handiväscherci 16 Ml. Sie iverden sehr zufrieden sein! Mit christlicher Hochachtung Ihr in Jesu verbundener I. H. Wallfisch. „Wir Ivissen nicht," so argumentiert dasselbe Blatt, „ob dieser Christ Arbeitsteilung übt und sich wegen der geistigen Purifikation alleine bei den Inden, wegen der körperlichen Reinigung dagegen bei den Brüdern im Herrn müht. Er sollte in diesem Falle auch an den Inden nicht verziveifeln und ebenfalls ans deren körperliche Wohlfahrt bedacht sein. Sintemalen diejenigen vom Stamme Sem, benen der Uebertritt zum Christentum geschäftlich vorteilhaft eftcheint, auch ohne den Seifenhändler dem neuen Bund beitreten werden, an beit übrigen aber erfahrungsgemäß vom christlichen Standpnilkt ans ans alle Fälle Hopsen und Malz verloren ist." Pi«kus Dckschewski, der ein Attentat auf K r «- s ch e w a n. den Mörder von Kischenew, verübte, wurde zum Verluste aller bürgerlichen Rechte nnd zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. 5Utnigliche Akademie der Künste. (Wettbewerb um das Stipendium der Ersten M i ch a e l Beer' s ch e n Stiftung für jüdische Maler aller Fächer für

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