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Jüdisches Volksblatt · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. September 1903 Nr. 38 Ein solches bietet ans England jetzt in O st a f r i k a an, und so stehen wir abermals vor den großen, historisch bedeutenden Fragen, ob wir die Zerstreuung der Vereinigung borzichen sollen? Ilm diese Fragen ruhig beantworten zu können, brauchen wir uns nur in Oesterreich umzusehen. In Ungarn wohnen zerstreut in berschicdcnen Teilen des Landes zirka 2 Millionen Deutsche, die eine geringere politische Bedeutung als die bereinigt wohnenden 200 000 Sachsen in Siebenbürgen haben. Würden diese 2 Millionen Deutschen in Ungarn ein zusammenhängendes Gebiet beivohnen, es ivürde nicht zum Dualismus gckonunen sein. Die in Tirol ein kleines Gebiet bewohnenden Italiener tverden sich eine Autonomie erkämpfen. Da sehen wir ganz klar, tvclches Geivicht das Beivohnen eines zusammenhängenden Gebietes hat und ivornach ivir Juden streben müssen. Herzl war im Rechte, als er den Antrag der türkischen Negierung, uns Kolonisationsrechte in zerstreuten Gebieten zu gewähren, ablehnte. Ich bin aber nicht in der Lage, in diesem türkischen Angebot eine besondere Sympathie uns Juden gegenüber zu erblicken, da die türkische Negierung nur das für jedermann bestimmte Kolonisationsgcsetz, lute uns Dr. Kacrger in seinem „K l e i n a s i c n, ein deutsches K o l o n i s a t i o n s - f e l d" mitteilt, auf uns anwendet. Mir lvärc eine zusammenhängende Kolonisation ohne Autonomie lieber, da eine auf einem großen Gebiete wohnende Nadcm Moment, als er es so tveit gebracht hatte, daß ein Aufstand der nördlichen Stämme nicht mehr zu vermeiden lvar. (Die Kritik Johnstous der Hertzka-Expedition macht jedenfalls seiner Erfindungsgabe alle Ehre. Amn. d. Red.) Auf das Telegramm des Lords Delamere, das wir bereits in der vorigen Nummer publizierten, gab die „Times" folgende Antwort: DaS am letzten Sonnabend an Sie gerichtete überstürzte Telegramm des Lord Delamere über die Frage der projektierten Landkonzession für eine jüdische Kolonie in Ostafrika deutet ein wenig auf gewisse sattsam bekannte Anschauungen, ivclche zu ihren Schlüssen durch fälschliche Prämissen kommen. Der Stil des Lord Delamere ist sokratisch, aber seine Fragen scheinen kaum mit den offen zu Tage liegenden Tatsachen git rechnen. „Soll dieses schöne und tvertvolle Land," frägt der Lord, „den Fremden überlassen werden, mit dem Nesnltat, daß ein, Land von glänzender Zukunft in unendliche Schwierigkeiten gestürzt ivcrde?" Diese Art von Fragestellung verrät den Standpunkt eines Kirchturmpolitikers, nicht den eines Historikers, ltttb sicherlich nicht den eines Menschenfreundes. „Ein Fremder" ist ein Wort, mit welchem, wie wir wissen, die Leute sich blenden lassen; aber die einer anderen Nasse angehörigen Fremden, Ivelche in alter Zeit in allen Gewerken erfahren waren und welche in unserer Zeit ihre Arbeit bei einem entschieden kleineren Alkoholverbrauch als ihre Nachbarn verrichten, find doch rvohl mindestens ebenso befähigt, einem Lande eine glänzende Zukunft zu schaffen, als es in „unendliche Schwierigkeiten" zu stürzen. Die Nachkommen der Makkabäer dürften rvohl, soll ich meinen, sich mindestens als ebenso befähigt erweisen, mit dem halbgezähmten „Eingeborenen" umzugehen, lvie es die Nachkommen der Kvenzzügler zu verstehen wähnen. Und diejenigen, die das tion eine Selbstverwaltung zu erreichen imstande ist, wie wir cs bei Gesetz befolgen: „Dil sollst ein Gesetz für deil Fremden und für den Kroaten, Italienern und Polen sehen. Wenn uns England Kolonisationsrcchte in einen, großen Gebiete Ostafrikas und noch dazu das Recht der Sclbstvertoaltung gewähren will, so können Ivir nicht im Zweifel sein, was wir zu tun haben, da lvir uils entschlossen haben, als Nation Iveiter leben zu ivollen. Dabei iverden wir selbstverständlich Zion unsere Aufmerksamkeit weiter zuwendcn; es ist daselbst genug für unser Volk zu tun. Wir werden die Ratio n a I b i b l i o r h e k in Jerusalem uilterstützen, die daselbst wohnenden Juden organisieren, auf eigene Füße stellen, wirtschaftlich sie zu heben bestrebt sein, wir müssen sie h e b rätst e re n, das Land werden wir gründlich kennen zu lernen bestrebt sein, um ein körperlich, geistig und wirtschaftlich gesundes Menschenmaterial zu haben bis zu dem Zeitpunkt, bis uns die Tore Palästinas sich öffnen werden. Wenn wir aus Ostafrika günstige Berichte erhalten, so können wir uns ruhig für dieses Land entscheiden, dabei aber dem palästinensischen Judentum auch weiter mit Rat und Tat beistehen, so lange, bis sie unsere Berater und Helfer werden sein können. Zeitungsschau. Zur Aufklärung. Die „Welt" meldet: In vielen Zeitungen ist in den beiden leisten Wochen ein Geheimerlaß des russischen Ministeriums des Innern publiziert worden, der sich, gegen die Organisation der russischen Zionisten richtet. Trotzdem dieser Erlaß ausdrücklich vom 24. Juni datiert erscheint und nach den Mitteilungen auf dem Sechsten Zionisten-Kongresse und den Meldungen vieler Journale aus der Zeit vor dem Kongresse Dr. Herzl erst ein und ein halb Monate später seine Unterredung mit Herrn von P I e h w e hatte, wird nun von vielen Blättern, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Böswilligkeit, die Sache so dargejteltt, als ob das Verbot zionistischer Versammlungen u. s. w. n a ch dem Empfange Dr. H e r z l s erflosfen wäre. . Zur Ostasrikafragc liegen folgende Aeußerungen der „Times" vor: Sir^Harrb Johnston wendet sich am 0. September in einem an die „Times" gerichteten Brief ebenfalls gegen den Vorschlag, den Zionisten ein größeres Stück Land in Uganda anzuweisen. Sir Harrv, der eine Zeit lang von der Negierung als außerordentlicher Kommissär nach Uganda geschickt wurde, und sich um die Erforschung des zentralafrikanischen Protektorates ganz außerordentlich verdient gemacht har, gehört zweifellos zu den besten Kennern Ugandas, und weiß besser als irgend ein anderer zu beurteilen, was das Beste für dieses Land ist, und wie weit es sich überhaupt zur Kolonisation durch Europäer eignet. Er sagt in diesem Briefe, daß die beiden Protektorate von Ostafrika und Uganda zusammengcnommen etwa 25 000 Quadratmeilen hätten, die für europäische Kolonisation geeignet sein würden. Davon seien etwa 0000 Quadratmcilen ganz weit westlich gelegen, und zwar so weit, daß sie vorläufig für eine Ansiedelung gar nicht in Betracht kommen könnten; außerdem seien diese 'Länderstrecken nicht zusammenhängend, sondern in laurcr einzelne kleine Parzellen geteilt, die durch vollkommen unbeivohnbare Strecken von einander getrennt seien. Diese fünftausend Meilen seien also zunächst nicht für die Z,wecke der Zionisten geeignet. Der ganze Nest des verfügbaren Landes liege in dem Ostafrika-Protektorat, und dieses Land sei das einzige, das Großbritannien für die kolossalen Opfer entschädigen könne, die es bereits für diese beiden Protektorate und insbesondere für den Ban der Bahn gebracht habe. Es sei nun ein zum mindesten seltsamer Gedanke, einen großen Teil dieses wertvollen Landes, das man eigentlich ausschließlich britischen Kolonisten überlassen sollte, russischen titib rumänischen Juden zu überlassen. Wie daS Gesetz gegenloärtig laute, könne man natürlich keinen Ausländer hindern, dort Land zu kaufen, wenn er imstande sei, dafür zu bezahlen, aber es Ivürde sehr unweise von dem Auswärtigen Amt sein, unter dessen Verwaltung bekanntlich die Protektorate stehen, von der bisherigen Haltung der Neutralität abzuweichen und Ausländer direkt zu encouragieren, sich dort niederzulassen, oder gar einen selbständigen jüdischen Staat innerhalb der Grenzen des britischen Protektorates zu gründen. Solche Erverimente möchten vielleicht eine gewisse Berechtigung in Ländern Don so kolossaler Ausdehnung haben, wie es Brasilien und die Vereinigten Staaten seien, aber sie seien in einem kleinereit Distrikt, wie Ostafrika, sehr gefährlich, der außerdem von einer Menge kriegerischer Negerstämme bewohnt sei. Ich werde nie vergessen, schließt Sir Harrt) Johnston, wie Tr. Hertzkns unsinniger Plan einer Freiland'Kolonie in Ostafrika zu Nichte wurde. Die Kolonisten, die sich entschiede», zu bleibeit, wurden wilde Räuber, die immer wieder die Eingeborenen überfielen, die das Wild, allen Vorschriften entgegen, direkt ansrottete» und denn damaligen Kommissär für Ostasrika die größten Schwierigkeiten bereiteten. „Glücklicherweise" wurde der schlimmste dieser Leute schließlich voit einem vernünstigeit Rhinozeros getötet, gerade in deit, welcher in deinem Lande ist, haben, denn du kennst das Ge fühl des Fremdlings," dürften wohl, meine ich, sich als ebenso gerecht und menschenfreundlich erweisen, wie der durchschnittliche britische Kolonist. Die „Engländer hier," sagt Lord Delamere, „appellieren an die öffentliche Meinung". Und die Engländer hier wenden sich gleichfalls an die öffentliche Meinung, mit dem Appell: Die englischen Staatsmänner zu unterstützen bei ihrem großherzigen Uebcrlassen der Landkonzession an eine verfolgte Nasse, die das Merkmal hat, daß sie wertvolle Freunde und Staatsbürger hervorbringt, an eine Nasse, welche jetzt wieder einmal degradiert wird, aber nur von der Außenwelt, und die nie ihrem inneren Werte nach degradiert werden kann; hier ist die Entstehung einer jüdischen Kolonie in Afrika zu fördern — einer Kolonie, welche, aus den breiten Massen bestehend, zu ihren Pionieren Männer zählen würde, die Wissen haben, die Fürsorge tragen und die zu führen verstehen. Wenn wir dem jüdischen Volke die Ansiedelungsgeclgenheit geben, so wird diese wiedergeborcnc Kolonie der Refugicrs bestimmt der zweifelnden Generation den Beweis erbringen, daß, wie Israel Zangloill sagt, „der Geist größer ist, als der Boden, und daß der jüdische Geist ein Palästina sich überall schaffen kann, ohne daß er notwendigerweise jemals die historischen Aspirationen auf das heilige Land zn verlieren braucht. Auf die Frage, was er von der Idee einer jüdischen Kolonie halte, antwortete Lord Hindlip, der von einer Ostafrika-Rcise zurückkehrtc, dem Vertreter des „Bureau Reuter": „Das Land scheint nicht einmal als Kolonie für unsere eigene Rasse angesehen zu werden. Ich sehe nicht den geringsten Grund dafür ein, weshalb man eine Schar unerwünschter Fremdlinge in ein Land wie Britsch-Ostafrika loslassen soll. Die Leute werden von allen Nationen und wahrscheinlich alle hilflos sein . . . Leute, die in einem neuen Laude sich durch Ackerbau einen neuen Lebensunterhalt verschaffen wollen, müssen einige Kenntnis von dem Lande und den Lebensbedingnngen haben, und sie müssen auch in gewissem Maße imstande feilt, für sich selbst zu sorgen. Was würden wohl Australien, Kanada, Neuseeland oder Südafrika sagen, wenn man den Vorschlag machte, ein oder zwei Schiffsladungen Zionisten dort auf das beste Stück Land zn setzen? Wie viele von diesen Leuten kommen denn ans diesen Ackerbaudistrikten? Wahrscheinlich noch nicht 5 Prozent. Nach den Millionen, die auf das Land verwendet worden und, scheint cs nicht mehr als recht und billig zu sein, daß der Eigentümer, nämlich der englische Steuerzahler, crlvarten kann, daß seine eigene Nation das Land j bevölkert und aus ihm Nutzen zieht. Wenn Leute, wie Sir H. H. > Johnston und Lord Delamere, beides Männer von Welterfahrung,! sich so energisch gegen die Bewegung aussprechen, dann wird man ] wohl zugeben müssen, daß ernste Bedenken gegen den gemachten Vorschlag vorliegen. Es ist eine tppische Antwort auf Sir Charles Elliots Gesuch um geeignete Ansiedler, daß man vorschlägt, ihm einen Haufen Leute zu schicken, deren Anwesenheit im Lande zur Aufstellung eines besonderen Stabes zwingen würde, und die in kurzer Zeit der Kasse des Protektorates zur Last fallen würden, da dieses sie in die Heimat zurückzutransportieren hatte. Jüdischer Antisemitismus in der Sozialdemokratie. Wir erhalten eine Zuschrift aus Graz, die glänzend unsere Kritik der Parteileitung der österreichischen Sozialdemokratie bestätigt. Das Schreiben lautet: L öb l. Redaktion! Ich übersende Ihnen hier einen Gerichissaalbericht der gestrigen Nummer des hiesigen offiziellen s o z i a l d e m ok r a t i s ch e n P a r t e i o r g a n e s. Sie dürfen sich nicht wundern. wenn Sie Ihren Augen nicht trauen werden und vielleicht glauben, es sei das -j-'fch „Deutsche Volksblatt". Es ist doch schön um die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bestellt! I I Keinen Unterschied der Konfession, aber bei den Inden, ja das ist was anderes! Wir müssen doch unseren Antisemitismus, den wir uns so schwer erkaufen, ad ocnlos demonstrieren. Nebenbei sei bemerkt, daß die hiesigen a r i s ch e n Sozi alle ziemlich a n st ä nd i g sind, nur dieser getaufte Jude Dr. S ch a ch e r l i st s o ch a r a k t e r l o s. Er i st der a l l e i n i g e R e d nkt e u r. Uebrigens sei noch bemerkt, daß dieser Bericht total falsch ist. Dieser Lustig ist ein sehr anständiger Mensch und konnte auch der Staatsanwalt nichts Unrechtes finden. Hingegen ist dieser Schröder ein Gauner, der den Antisemitismus benützte und alle Leute ums Geld brachte. Hochachtend I. D.*) Wir heben zur Orientierung unserer Leser folgende Kraftstellen aus dem Gerichtssnalberichte des „Arbeiterwillen" vom 0. September 100g wörtlich hervor: „Die jüdischen Holzhändler, welche ihre Opfer wie Spinnen umgarnten, sind fast alle untereinander verwandt oder verschwägert. Die Verbindnttg mit der Südniärkischen Volksbnnk, die als arischnationales Institut, wie wir glauben, sogar statntengemüsr, mit Inden kein Geschäft machen darf, gewiß hochinteressant." Man lvird den Ausruf unseres Grazer Korrespondenten begreifen : Sie werden Ihre n 14 u g e u n i ch t traue n u n d glauben, daß es das „D e u t s ch e V o l k s b l a t t" sei. Wir haben diese perverse a n t i s e m i t i s ch e Tonart der getauften und noch nicht getauften Führer der österreichischen Sozialdemokratie wiederholt nngenagelt, jüngst erst in einem Artikel „Die Wnhrh it über Floridsdorf" in der Nr. 35. ) Der Name ist der Redaktion bekannt. „Wiederholt mußten wir den frivolen, antisemitelnden Ton der „Arbeiter-Zeitung" an den Pranger stellen. Sie pflegt diese Tonart natürlich nur aus einem schlauseinwollenden Geschäftsgeist. Die „A.-Z." rechnet nämlich mit den weitverbreiteten judenfeindlichen Instinkten der Masse und wünscht, daß sie die Befriedigung dieser "Gelüste in ihren Spalten und nicht in der antisemitischen Presse sucht. Anstatt also, wie cs die reichsdeutsche sozialdemokratische Presse immer tut, bei ivirtschaftlicheu Mißständen nach den allgemeinen wirtschaftlichen Gründen zu forschen, kann man in der „A.-Z." genau so, wie in der antisemitischen Presse, von „jüdischen" Pfaffen, „jüdischen" Pächtern und „jüdischen" Wucherern lesen. Es ist nicht Schuld der „A.-Z.", wenn sie nicht das antisemitische Lesepublikum bis jetzt gewonnen hat. Tatsache ist es, daß ihr Geschäftsgeist ihr nicht einmal den nötigen Gewinn einträgt und daß ihr Abonnentcnstand trotz der herzbewegendsten Aufrufe, die wir immer lesen, sich nicht heben will. Dafür übergehen aber ihre antisemitischen Notizen in die sozialdemokratische Provinzpresse, die im Gegensätze zu der „A.-Z." nicht mir von den Führern, sondern auch von den Genossen gelesen wird. Tort stärken sie die antisemitischen Neigungen der großen Masse. So lohnt die „A.-Z." die großen Opfer an Geld und Geist, die die Juden für sie aufbringen." Diese Grazer Korrespondenz ist ein neues Dokument für unsere Taktik. Die „Mitteilungen des israelitischen Lande s - L e h r e rv e r e i n e s in Böhme n" schreiben: Das Ausschreiben der Konkurse. Müssen die Konkurse mit den für den Rabbiner (Lehrer, Kantor, Koreh usw. in einer Person) ausgeschriebenen Spottgehalt von . . . Kronen in den Tagesblättern veröffentlicht werden, um aus denselben zur Kenntnis nichtjüdischer Kreise zu gelangen, und dort die so geringe vorhandene Achtung vor dem Judentum und dessen Trägern noch mehr zu untergraben? Ist es Wunder zu nehmen, wenn antisemitische Zeitungen aus dem den Rabbinern gewährleisteten Gehalt auf die demselben entgegengcbrachte Wertschätzung und Autorität schließen? Ein Konkurs war cs in der letzten Zeit, der den Abgrund deutlich zeigte, an den wir gelangt sind. „Ein Rabbiner wurde gesucht, welcher sämtliche rituelle Funktionen zu versehen hat" — weiter geht es wohl nicht. Unter den Einkünften waren dem Bewerber auch die „Einkünfte des Friedhofes" zugesagt. Wir stehen bei diesen Forderungen und Konzessionen vor unlösbaren Räthseln. Der Rabbiner, der geistige und geistliche Führer der Gemeinde, gleichzeitig Diener und Lehrer, der erste und zugleich der letzte, die höchsten und die niedrigsten Dienstesleistungen durch eine Person vertreten I Welch erhebend Bild! — der Rabbiner der Gemeinde an der Pforte des Friedhofes mit ausgestrcckter offener Hand .... Und solche Herren, die solches Ansinnen stellen, sind die jüdischen Würdenträger, stehen an der Spitze der Gemeinde, sind die Vorgesetzten ihrer Rabbiner. — Und fragen wir weiter, finden solche Konkurse eine Besetzung? Gibt es Männer, die ihre Manncswürde um des Betteklohues hingebeu, solche Schmach dem Stande, dem Judentume selbst mit anzutun? Wohl ist die Zahl der Streber um solche Posten nicht allzugrüß, allein die Schmach bleibt doch groß, zu groß, daß sich überhaupt Männer finden, die, solche Universalpostcn zu bekleiden, den Ehrgeiz haben. Alter der Petenten. Hat ein Rabbiner lange genug seinen Posten versehen, ist er älter und erfahrener geworden, dann nimmt die Liebe und Verehrung seines Knltusborstandcs für denselben im verkehrten Verhältnisse zu. Und diese Liebe, sie äußert sich in Geschenken, die das jüdische Herz erstarren macht. Zunächst wird dem Rabbiner seitens des Vorstandes gejammert und geklagt, daß die Zeiten schlecht seien; als ob der arme Rabbiner in solchen Zeiten doppeltes Einkommen hätte, wird demselben nahegelegt» die Gemeinde könne die großen Steuern, die der große Gehalt des Rabbiners in Anspruch nimmt, nicht leisten und der Rabbiner solle auf einen Teil desselben verzichten. Nach jahrelanger Tätigkeit eine Verkürzung des Gehaltes! Bei den Wilden in Südafrika werden die alten Leute eines schönen Tages aufgefressen, bei uns iverden die alten Lehrer erst ans halbe Nation gestellt und dann können sie verhungern. Daß solche unglückliche Kollegen, denen Not und die Sorge das klare Denken fast raubt, daß sie, statt den geraden Weg zu wählen und ihren Kollegen, ihrem Nereinsvorstand die Angelegenheit zum austragen zn überantworten, auch diese Schmach über sich ergehen lassen, schweigen und weiterberdienen, ist leider eine Tatsache, die der Allgemeinheit nicht von Nutzen ist. Es gibt so viel Abnormitäten in unserem jüdischen Gemeindcleben, daß es fürwahr nicht lange mehr so fortgchen kamt, es mutz zur Katastrophe führen. Die Rede eines Offiziers. Ans Przemhsl wird der „A.-Z." geschrieben: Durch einen Befehl des 10. Korpskmmnandos wurde sämtlichen kommandierenden Offizieren aller Waffengattungen zur Pflicht gemacht, die Soldaten darüber zu belehren, warum sie trotz der beendeten dreijährigen Dienstpflicht noch Iveiter in den Kasermen bleiben müssen. Ob bei dieser Gelegenheit den Offizieren auch die entsprechenden Weisungen gegeben wurden, wie und mit welchen Argumenten sie die Propaganda bei den Soldaten zu machen haben, Ivissen Ivir nicht; Ivir kennen jedoch den genauen Wortlaut einer solchen Rede, einer Ivahren Brandrede, die der Oberleutnant Formanek von der 10. Kompagnie des 10. Infanterieregiments vom Stapel ließ. Der Herr Oberleutnant führte seine Soldaten während einer Hebung in ein abseits liegendes Wäldchen und dort hielt er folgende Ansprache: „Soldaten des dritten Jahrganges, ihr sollt setzt nach Hause gehen, und wenn ihr n i ch t gehen werdet, die Schuld daran tragen die Juden. Die österreichischen und insbesondere die galizischen Juden wandern nach Ungarn aus, dort magharisieren sie sich und agitieren gegen Oesterreich. Die Inden, die in Oesterreich Hausierer und Händler sind, bekommen in Ungarn hohe öffentliche Würden, und dshalb bekämpfen sie Oesterreich. Das, waS die Ungarn verlangen, lvird ihnen niemals bewilligt. Weil man jedoch mit den Ungarn im Guten nichts nnsrichten kann, werden wir bald scharf gegen sie borgehen müssen. Wir iverden nach Ungarn einmarschieren und die Leute dort gut durchprügelit, dann werden die erst Ruhe geben! Deshalb seid jeden Augenblick darauf borbereitet, daß wir nach Ungarn gehen und uns dort schlagen werden. Und sollte es zur Schlacht kommen, dann sollt ihr es euch merken, daß die Inden es verschuldet haben l" Diese Ansprache blieb nicht ohne Wirkung. Ans dem Heimwege von den Uebungen bedrohten die Soldaten die Inden, die sie'unterwegs trafen, lvie auch ihre eigenen jüdischen Kameraden. Ein blutjunger Kadett bei der nämlichen Kompagnie, namens Pischek, beschimpfte dabei die jüdischen Reservisten aufs gröblichste. Die Jttd. Turuerschaft hat gesprochen. Vom Ausschuß der „Jüdischen Turuerschnft" erhält die „Frankfurter Zeitung" die folgende Entgegnung ans einige von ihr über die Bestrebungen derselben gemachte Bemerkungen: Berlin, Gr. Hambnrgerstr. 10, 2. September 1903. Sehr geehrte Redaktion! Ans die in Ihrem geschätzten Blatte beröffentlichten Ausführungen über jüdische Abschließimgsbestrebnngen bitten wir Sie, folgender Kundgebung als offizieller Entgegennng des zuständigen Organs der „Jüdischen Turnerschaft" in Ihrem Blatte freundlichst Ranin geben zu wollen. Ohne ans alle gegen unsere Velvegnng gerichteten Angriffe einzeln einzugehen, möchten wir uns hier ans folgende zwei Hauptpunkte, die uns als Ouintessenz der gesamten Polemik erscheinen, beschränken. Main macht uns zum Vorwurf: 1. unsere Abschließuug

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