Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Date
- 1903-09-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2432970-2433008--2105-2435935- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 18. September 1903 Nr. 38 Kischencwer Greueltaten, nur noch rein kolonisatorische Zwecke verfolgt. Ein jeder, dem das Wohl und Wehe seiner unglücklichen Volksgenossen am Herzen liegt, wird gern und freudig in die Reihen der Männer cintreten, welche den bedrängten Brüdern eine Heimstätte für sich und ihre unglücklichen Kinder gründen wollen. Znr politischen Lage in Oesterreich. (Unzeitgemäße Betrachtungen.) In einer Zeitperiode, in der alle offiziösen und nichtoffiziösen Blätter die politische Lage in Oesterreich in den rosigsten Farben schilderten, haben wir einer entgegengesetzten Anschauung Ausdruck gegeben und davor gewarnt, aus der m o m e n t a n e n Ruhe auf die dauernde Beruhigung der Geister zu schließen. Die politische Entwicklung hat uns leider recht gegeben. Diesurtd jenseits der Leitha herrscht die ärgste Verwirrung und auch dem blindesten Auge ward es nun klar, wie recht wir hatten, als wir immer und immer wieder betonten, ohne eine Verfassungsrevision der gesamten Reichsverfassung, ohne A u t o n o m i e für alle Rationalitäten in beiden Neichshälften ist die Herstellung einer nationalen Ordnung, eines wirklichen Volksfriedens in unserer Monarchie unmöglich. Der Anlaß zur gegenwärtigen akuten Reichskrise ging diesmal von Ungarn aus, wo der nimmersatte magyarische Chauvinismus immer neue Forderungen stellt an die Gesamtmonarchie, welchen nicht nur die Krone, sondern auch nahezu die gesamte zisleithanische Bevölkerung sowie alle Nicht magyaren jensei-ts der Leitha entschieden entgegentreten. Das im Jahre 1867 künstlich aufgebaute dualistische Gebäude kracht nun in allen Fugen. Die Slaven 'und Rumänen, die Majorität der Reichsbevölkerung stand von allem Anfang dem Dualismus ablehnend gegenüber und nun wenden sich auch die bisherigen Protektoren desselben auf deutscher und magyarischer Seite von demselben ab. Los von Ungarn und los von Oesterreich, Personalunion, schallt es von hüben und drüben uns entgegen. Ja, aber gesetzt den Fall, es käme schon zur Personalunion, so wäre auch damit weder in Zisnoch in Transleithanien die Nationalitätenfrage gelöst, sondern wir stünden vor dem B e - ginneneuer staatsrechtlich nationaler Wirre n. Denn auch im Falle der Etablierung der Personalunion und sogar einer Sonderstellung Galiziens, würde sich das alldeutsche, ostdeutsche und deutschvölkische Programm einer Germanisierung oder auch nur einer deutschnationalen Hegemonie in Westösterreich ebenso als U t o p i e erweisen, als die Hoffnung der magyarischen Chauvinisten, dann umso früher den ungarischenGlobusmagyaris i er e n zu können. Schon jetzt entrollen die verschiedenen tschechischen Fraktionen wieder mit aller Intensität das Banner des böhmischen Staatsrechtes und die R u t h e n e n k ü n d e n denKampsbis aufs Messer gegen das deutschnational-polnisch-schlachzizische Postulat einer Sonderstellung Galiziens an. Und jenseits der Leitha steigt stündlich die G ä h r u n g, nicht nur in K r o a t i e n, womandievollständige Unabhängigkeit von Ungarn erstrebt, sondern auch unter den ungarischen Deutschen, Slowaken, Ruthenen, Rumänen und Serben, die sogar zum Zwecke der Stellungnahme gegenüber dem magyarischen Separatismus und Chauvinismus einen gemeinsamen Kongreß aller nichtmagyarischen Nationalitäten planen. Alle diese Erscheinungen beweisen, daß es nur ein Mittel gibt, das imstande ist, dauernd Ordnung und Frieden in der Monarchie herzustellen und dieses einzige Mittel heißt Gleichberechtigung aller Nationalitäten des Donaureiches aus Grund der n a t i o n a l e n A u t o - n o m i e. Gerade wir Juden als ein unterdrücktes Volk haben alle Ursache, für dieselbe einzutreten, denn sie sichert uns ebenso die freie Entfaltung unserernat i o n a l e n I n d i v i d u a l i t ä t, w i e a l l e n a n deren V o l k s st ä m m c n. Und wenn angesichts der letzten interparlamentarischen Friedenskonferenz gerade wir Juden als die F ried e n s st ö r e r von feindlicher Seite hingestellt wurden, so ist die Haltung unseres Blattes ein flammender Protest dagegen, wie unberechtigt cs ist, für einzelne assimilatorische öoterien das gesamte j ü d i s ch e Volk verantwortlich zu machen. Leider ist es wahr, daß immer und immer wieder einzelne so verblendet sind, in Mähren z. B. sich auf die Seite der deutschen Ultras gegen die berechtigte Forderung einer tschechischen Universität zu stellen, daß in Galizien von manchen unserer Volksgenossen der allpolnischen Propaganda, in Triest den italienisch-chauvinistischen Treibereien und vor allem in Ungarn dem magyarischen Größenwahn Vorschub geleistet wird. Aber überall erntet diese assimilatorische Politik auch den Antisemitismus und überall rührt sich auch mit mehr oder minderem Erfolge die nationaljüdische Opposition.! Energischer aber als je zuvor muß jetzt eine jüdische Realpolitik in Oesterreich inauguriert werden, mit aller Tatkraft eine Propaganda für unsere Anschauun-, gen in allen Teilen des Reiches cingcleitet werden. Mr^ stehen eben vor Wendepunkten in unserer inneren und t>tel- ■ leicht auch äußeren Politik. Die Politik des Fortwurstelns > neigt ihrem Ende zu; ein Systeinwechsel ist unvermeidlich in beiden Neichshälften geworden. Die Juden müssen sich organisieren, damit sie nichts unvorbereitet überrasche. Kischenew in Galizien?! Die Tagesblätter brachten kurze Berichte über Un-' ruhen, die in Zablatow stattfanden und gegen die Juden gerichtet waren. Den Anlaß bot das Gerücht, daß Juden eine Bäuerin ermordet hätten. Obwohl die Behörden bald die Grundlosigkeit des Gerüchtes nachwiesen, rotteten sich Bauern und Bäuerinnen zusammen; die Gendarmerie war machtlos; das Zerstörungswerk begann und dauerte so lange, bis Gendarmerie aus der Umgebung dem Treiben ein Ende machte. Der Schaden beträgt 45.000 Gulden. So und ähnlich lauteten die Berichte. Die Exzesse waren aber nicht so harmlos, wie man nach den Berichten vermuten mußte. Dieses beweist folgendes Lemberger' Telegramm der „N. F. P.": > Dia blutigen, gegen die jüdische Bebölkerung in Zablotow gerichteten Exzesse nehmen die Aufmerksamkeit der politischen Kreise auf das ernsteste in Anspruch, weil in denselben nicht bloß ein sporadischer Fall gesehen wird. Nach Informationen von Persönlichkeiten, welche in der Lage sind, hierüber ein Urteil abzugeben, ist dem Zablotower Borfall eine symptomatische Bedeutung beizumesscn, und haben diese Exzesse als E r s ch e i n u n g e n einer tiefgehenden Agitation zu gelten, welche sich derzeit in erster Linie gegen die Juden richtet, sachlich aber sich Wohl noch schärfer gegen die besitzenden Klassen wenden dürfte. (Wir haben bereits seinerzeit iiber diese Agitationen berichtet. Anm. d. Red.) Die Vorfälle sind umso empörender, als keinerlei Anlaß für sie gegeben war und der Ueberfall auf die jüdische Bevölkerung in Zablotow ganz unmotiviert erscheint, ja nicht einmal ein Vorwand hiefür gesucht wurde. Daß solche Vorkommnisse geeignet sind, die jüdische Bevölkerung des flachen Landes zu beunruhigen, ja alle ernsten politischen Kreise besorgt 311 machen, ist offenbar. Deshalb hat der Vezirksinarschall des anch die Ortschaft Zablotolv umfassenden Sniatyner Kreises, Neichsrats- und Landtagsabgeordneter N. v. M 0 y s a, welcher als Vorstand der lokalen autonomen Behörde am besten in der Lage ist, die betreffenden Vorgänge richtig zu erfassen und 31t beurteilen, sich an die Spitze der Deputation gestellt, welche den Statthalter Grafen Potocki um dessen energische Intervention anging. Dieser Abordnung schlossen sich auch sämtliche jüdische Abgeordnete des Landtags, Dr. Fruchtmann, Dr. Kolischer, Dr. Löivenstein und Dr. Nappaport an. Diese Deputation erhielt aus dem Munde des Statthalters Grafen Andreas Potoeki die Versicherung, er habe sich bereits veranlaßt gesehen, auf das energischeste derartige Ausschreitungen zu unterdrücken und er werde an Ort und Stelle erscheinen, sowie nur seine amtlichen Obliegenheiten ihm das Verlassen der Landeshauptstadt ernwg-! llchen werden. Die offenen, loyalen und mannhaften Versicherungen des Statthalters inachten auf die Deputation den besten Eindruck, umsomehr, als der Statthalter sich nicht damit begnügte, für diesen einzelnen Fall Abhilfe zu treffen, sondern ausdrücklich erklärte, er werde im Einklang mit seinen heute im Landtag abgegebenen programmatischen Erklärungen alle gegen einzelne Bevölkeruugsklassen gerichteten feindseligen Bestrebungen rückhaltslos bekämpfen, wenn sie sich auch vorwiegend bloß eine Konfession zur Zielscheibe ausgcivählt haben sollteil. Die Haltung des Landeschefs umcht schon deshalb einen sehr günstigen Eindruck, weil die Verhältnisse hier mit jedem Tage unleidlicher Iverden und eine zielbewusste energische Aktion der Verwaltrlngsbehörde inehr denn je notwelldig machen. Noch deutlicher wird der Charakter dieser Unruhen wenn man folgende Nachrichten der „Bukowinaer Post" liest: Gestern teilte uns ein Freund ullseres Blattes die verblüffende Tatsache mit, daß er als Augenzeuge in Zablotow am kl. d. M. einem regelrechten Judenmassacre beigeivohnt hat, von dein man bis zum Augenblicke nicht sagen kann, welche Tragweite es erreicht hatte, da unser Gewährsmann bald darauf den Schauplatz verließ. Freitag lvurde näinlich in Zablotolv Jahrmarkt, einer der größten Viehmärkte Ostgalizielis, abgehalten, an dem zirka 6—0000 Bauern aus der Umgebung teilnahmen. Plötzlich verbreitete sich liach bewährtem Rezept das Gerücht, daß die Juden eine Bäuerin abgeschlachtet hätten lind im Augenblicke pflanzte sich das Märchen unter der bäuerlichen Bevölkerung fort, meistenteils unter der zugereisten, uiid diese begann eine drohende Halbing gegen die jüdischen Bewohner des Ortes einzunehmen, die sich bald in eingeschlageuen Fenstern der Wohnhäuser und Geschäftslokalen der Juden austobte. Am Markte selbst lvurde auf die Juden losgehauen und der Pfarrer, der von seinem Wohnhause dem Spektakel zusah, gab einem ihn diesbezüglich zu Rede stellenden Herrn, der den Seelenhirten um Beruhigung der Bauern bat, kalt zur Antwort: „Was ist's mit der abgeschlachteten Bäuerin?" Weit und breit lvar kein Gendarm zu erblicken, die Juden verkrochen sich irr die Kellerräume und als nach längerer Zeit erst ein Gendarmericwachtmeister erschien, lvurde er mit einem Steinhagel empfangen und verwundet. Nachher erschienen noch zlvei Gendarmen, ohne jedoch dem Treiben Einhalt tun zu können. Als der Bürgermeister aufs Postamt eilte, um telegraphisch aus Kolomea Militär zu requirieren, erhielt er die Antlvort, daß — die Telegraphenlinie nach Kolomea momentan nicht benützt werden könne!! Am Bahnhofe erfuhr ein Ansuchen um Aufnahme einer Depesche vom Verkehrsbeamten eine barsche Abweisung. Und als man ihn endlich doch dazu bewog, fügte er hinzn: „Jetzt wird aber die Depesche zwei Stunden wenigstens liegen!" Unterdessen aber wurde in dem elenden galizifchen Neste weiter auf die Juden losgehanen und am Markte gaben die Honoratioren des Städtchens: Apo- Der Sünde wird ihr Lohn; Doch milde Strafe schon, G'nügt schwachem Erdcnsöhn. Herr! wir sind alle schlecht; Wird jedem hier sein Recht, Stirbt unser ganz Geschlecht. Laß walten nicht den Grimm, Sonst ständ' es um uns schlimm, Mein Flehen Herr, vernimm! Und muß ich vor Gericht, Mich drücke nieder nicht Der Strenge Vollgewicht. (Studie aus dem jüdischen Studentenleben.) Von A. Falberthal (Eharlottenburg-Berlin). „Die beiden Schutzheiligen der Berliner Alma mater ...“ „Die Freiheitsheiligen..." „Die Freiheitsschützer ..." Zwei junge, intelligente Studenten waren es, die dieses Gespräch führten. Sie „geistreichelten" nicht etwa. Beider Antlitz war und blieb ernst. Der eine, ein junger Russe mit scharf geschnittenen Zügen, kohlschwarzem Haar, energischem Gesichtsausdruck und großen, tiefen Augen, stand vor dem Humboldt- Denkmal und blickte dem „alten Alexander" ins Gesicht. Der andere, ein Rumäne, von Statur etwas größer und schlanker als sein Kollege, hatte blondes, reich gekräuseltes Haar, unschöne, aber durchgeistigte Züge und eine hohe starkwinkelige Stirn. Er schielte zum andern Denkmal hin, zu Wilhelm von Humboldt. „Die beiden Brüder!" Michel Jsraelowitsch sagte es bewundernd. Er freute sich, daß gerade diese beiden Größen an der Universität Wache standen. „Ja", sagte Abraham Sohnkind leicht lächelnd, „wenn man ihnen nur Folge leisten würde..." „In ihrem Geiste handeln." Ein Studentenschwarm kam aus der Universität und störte ihr Zwiegespräch. „Ich muß ins Kolleg," sagte Abraham Sohnkiud. „Kommen Sie heute Abend mit ins Theater?" „Zu was denn?" „Die Jüdin." „Oh! Gewiß!" „Wo treffen wir uns?" „Hier — meinetwegen!" „Gut. Um halb 8 Uhr. Adieu." „Auf Wiedersehen. Sie reichten sich die Hände. Sohnkind ging hinein. Michel Jsraelowitsch verschwand in der Mitte der hinausschwäcmenden Studenten. Er wohnts in der Karlstraße und ging die Linden entlang, zur Friedrichsstraße. Er zog seinen Mantel fester an sich. Es war kühl draußen, einer jener nebligen, düsteren Tage, wo uns der Himmel so nahe scheint, so schrecklich nahe, daß er uns zu erdrücken droht... A» der Ecke Friedrichsstraße blieb er stehen. Er zog die Uhr aus der Tasche. Erst zwölf. Was nun beginnen? Rach Hause? In sein kleines, enges Zimmerchen. Dort ist's sehr dunkel »ittd unfreundlich. Es hatte nur ein Fenster. Und was sollte er anch tun? Arbeiten? Er holte tief Atem. Sein Kopf hämmerte. Ihm tat alles weh. Vielleicht noch ein wenig gehen. Er ging nach links, zum Bahnhof Friedrichsstraße, diesem Breunpunkt, gleichsam der Knoten des großstädtischen Verkehrs. Er blickte in das Gewühl dieser eigenartigen verhältnismäßig engen Straße. Wie alles jagte und hastete! Geschäfts-, Reklamewagen, Equipagen, Droschken, Menschen — alles hatte ein Ziel. Dieser kleine Mann da geht wahrscheinlich nach Hause, zu Weib und Kind, um die zweistündige Mittagspause in ihrer Mitte zu verbringen. Dieses Mädchen kommt aus dem Geschäfte, hier Dorotheeustraße biegt sie ein, wahrscheinlich zu ihrer treuen, alten Mutter. Er nur hatte nichts — kein Heim und keine Mutter... Er fühlte plötzlich eine nie empfundene Sehnsucht nach seiner Heimat. Doch nur für einen Moment. Dann verschwand diese Sehnsucht und ins Herz zog statt dessen eine nie empfundene Bitterkeit, ein heißer, brennender Schmerz. Wie hatte er sich auf Deutschland gefreut I Schm 0 ller wollte er hören, von dem er schon so viel gelesen hatte. Und Wagner! Und dann: S i m m e l, den berühmten Verfasser der „Philosophie des Geldes!" Wie wollte er arbeiten! Zn Hause war die Gelegenheit ungünstig. Man muß seine Meinung verhehlen, das Herz, das ehrlich und treu und stark der Freiheit entgegenschlägt, bezähmen. E i u Wort frei und offen ausgesprochen, kann ins Verderben stürzen, in die Verbannung treiben . . . In Deutschland aber ist alles frei! Das Stndentenleben und das ganze Dasein. Man kann ehrlich und ernst streben und wollen; das schwarze Haar und die Krümmung der Nase sind kein Hindernis, keine Schande. Ehrlich und vorurteilsfrei! Menschen — nur Menschen. So dachte er, als er seine russische Heimat verließ. Es kam anders. Gleich am ersten Tag erhielten seine Hoffnungen und Zuversichten einen harten Schlag . . . Es mochte Zufall gewesen sein, daß zwei „Arier" iu seiner Gegenwart Witze über die „Semiten" rissen. Vielleicht waren es zwei jener Hirnlosen, die sich nur in dieser Hinsicht betätigen können; nicht vielleicht, sondern sicher, versuchte er sich einzureden; aber ein Stachel blieb haften. — In Rußland schimpft und beschimpft man öffentlich —■ hier hinterrücks . . . . , Dort kann man sich wehren —■ hier-?