Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2432763-2432970-2433008--2104-2435934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

/ LLdsrtion: II/3. Leopoldogssbe 49. Vtzrs-svorbe» r An WoLmlagkN son 4 bl« 6 avr nachmittag« Daß-,»»,««: 8S»r,«eS WsNSblatt, Wtte«. U|3 »«srhwrvdrn wegen »rrspSteter oder gar nicht erfolgter Zustellung ervMsn wir »us dringend. - SkmmlertSle »srr»e« nicht zrrrülkaestellt. -ostiParcaffM'Sooto S4Aie? An da« Abonnement kann man täglich etmreten Grlchem! jede« Keitüß ’tM'ißt MrlwivKirrrs $»sr*;rom 25oil*»> xrr.tsitt erwA^rLsrr P^ksrÄrrmrtsMm. ■JSaiTtflsöle üSerncdmen die Ftrrurn. %. Lallneberz, M. Duker, Haafen« vtf* ä tinglet, ÄuboU Woffe, 3. Dypclü, M. Bozjrntzt, 8. Schalet in Kien, ferner alle Armoncen-Lkpeditionen iw AuSlande. WisrzrLnMNmmeN i« Wie« 2« Heller. Mnrintltrstwnr n/3. LeopoldsgaNr 49. Telephon-Nr. 14783 ÄibovvrmevtApreiS r Telephou-Nr. 14728 Für Wie» »« Oesterreich,Ungar» sammt Kraacozustellung. SanzjLhrtg Halbjährig vierteljährig «r. 8.- :iz Für bnS gelammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig Jtt. S - . 4.50 I 845 MMWWWMMWWWmm« Ur. 38 Wien, 18. September 1803 <26. W«l 5663). V. Jahrgang n^TVntvOTr^raasif.iraBrii TS~T~ i -TTli ,i ■ > Die Redaktion wünscht allen Lesern «nd Freunden ein glückliches neues Jahr. —— nron raus nwb —— An unsere Freunde I Anläßlich des Jahreswechsels laden wir unsere Freunde zum Bezugs des „Jüdischen Volksbla t te§4 ein. Das „Jüdische Volksblatt" wendet sich an alle diejenigen, welche das jüdische Volk aus seiner Erschlaffung wecken und die Seldftbesreiung der Juden aus national-sozialer Basis vor bereiten wollen. Cs sind die politischen Idealisten, die wir rufen. Das „I üd is ch e V o lks b l a tt" hat sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit einen großen Kreis von Lesern und Freunden geschaffen. Aber noch immer stehen große Maessen des Judentums beiseite, teilnahmslos, fremd gegenüber dem eigenen Volke. Das „Jüdische Volksblatt" ist kein auf Gewinn ausgehendes Unternehmen. Es ist ein Agitationswerkzeüg für die nationale Eigenart, für die nationale Einigung unseres arg geschmähten Volkes. Es ist eine Waffe — und wie es sich erwiesen hat — eine wirksame Waffe gegen unsere Feinde ringsumher. Das „Jüdische Volks blatt" hat stets das nationale Programm in seinem vollen Umfange und mit ganzem Freimute vertreten. Das „Jüdische V o l k s b l a t t" verfolgt mit besonderer Aufmerksamkeit die Angelegenheiten der jüdischen Kultusgemeinden. Es sieht in den Kultusgemeinden die bescheidenen, aber viel versprechenden Anfänge einer Antonomie des jüdischen Volkes. Es wird nach Kräften zum Ausbaue der Kultusgemeinden-Verfaffung beitragen. Darum kann und soll jeder Freund unseres Volkes das „Jüdische V o l k s b l a t t" verbreiten helfen; jeder Leser, den er zuführt, ist bald eine Streitkraft für unsere heilige Sache. Eine Kampfgemeinschaft, die schon fünf Jahre Sonnenschein und Sturm miteinander getragen hat, tritt vor die jüdische Leserwelt. Juden, leset und verbreitet das „Jüdische Volksblatt"! Verlanget das „Jüd i s ch e V ol k sblatt" in allen Lokalen! Die Redaktion des „Jüdischen Volksblatt-S'. Feuilleton. Gerichtstags Uoradeird. Von Jehuida Jbn Gabiyol. Uebersetzt von S. Helle r.*) Wie hart mein Schuldbrief ist. Da morgen um die Frist, Du Gott, mein Richter bist! Denk' ich Vergangenheit. Wein' ich in bitterm Leid —■ Traun, nicht ist's Lachenszeit l O Tag voll Zorn und Pein, Wie fährt, gedenk ich dein, Der Schreck mir durchs Gebein! Ha, mich zerwühlt mein Schmerz! Mein Vater sieht ein Herz, Versteint, verstockt wie Erz. In meiner Sünde Haft, Von Sünden ganz erschlafft, Wie geb' ich Rechenschaft? Nichts gilt selbst Fürstlichkeit, Da Leib und Seel' entzweit, Heilt stehn vorm Thron in Streit. Was jedes für sich sagt, Das andere verklagt, Hört Gott, der jedes fragt. Zlierst die Seele spricht: „In mir ist Sünde nicht, Nichts in mir, Ions verbricht. *) Aus „Die echten hebräischen Ntelodien", S. Schottlaender, VreSlau. Eine Neujahr-Betrachtung. Von Juda Brau u (Rußland). In einer Zeit, wo alle Juden sich rüsten, den Beginn eines neuen Jahres zu feiern, geziemt es sich wohl, Rückschau zu halten auf all das, was das verflossene Jahr gebracht hat. Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß das Judentum das älteste lebende Volk der Erde ist, welches sich rühmen kann, viele Geschlechter und Zeiten überdauert zu haben. Von grauen Zeiten bis auf den heutigen Tag zieht sich sein Leben und Wirken durch die Kulturgeschichte des gesamten Menschentums. Gleich einem Quell, der unscheinbar, unbegrenzt, allmählich zu einem stattlichen Gewässer wird, das sich durch Felsen brechend unablässig seinen Weg bahnt und zum stattlichen Strome wird, Po sehen wir das jüdische Volk aus kleinsten Uranfängen heraus, getragen von seiner heiligen Mission, seinen Weg durch die Länder der Erde nehmen. Oft wird es ihm schwer, all der Hindernisse Herr zu werden, die sich ihm in den Weg stellen. Durch blumige Täler, über spitzes Gestein, durch glühenden Wüstensand muß der nimmerrastende Fuß und oft scheint es, als ob der Wanderer am Wege erliegen müßte. Aber immer wieder rafft er sich auf. Das ist das Judentum. Wo es schon dem Absterben nahe ist, ermannt es sich wieder und, unbeirrt durch den Haß der Völker und Nationen, folgt es durch alle Zeiten seinen Idealen. Jahrhunderte und Jahrtausende hat es überdauert; es chat Geschlechter und Völker erstehen und vergehen Pehen, doch das Judentum selbst — es ist ewig jung geblieben. Was bedeutet ihn: ein Jahr? Aus den dumpfen Gassen des Ghetto hat das 18. Jahrhundert den Juden zur Mitarbeit an Politik, Kunst, Wissenschaft und Arbeit berufen; es hat ihm alle Zweige von Bildung und Industrie erschlossen, von denen es bisher ausgeschlossen war. Selbst der größte Judenfeind muß anerkennen, daß die Juden, wo immer sie von dieser Zeit an sich öffentlich betätigt haben, überall Hervorragendes geleistet haben. Während der Jude früherer Zeiten zum schmählichen Erwerb durch! Wucher verurteilt war, nimmt er heute eine ehrbare Stellung aus allen Gebieten des Erwerbslebens ein. Und doch haben wir durchaus kein e n Grund, in dem scheidenden Jahre die Verwirklichung unserer hohen Ideale von Menschentum und Menschenwürde verkörpert zu scheu. Blicken wir nur um uns. Scham und Empörung muß uns ins Gesicht steigen. Das Mittelalter mit seinem Aberglauben und seinem ganzen furchtbaren Fanatismus scheint dem Grabe entstiegen zu sein, wenn wir in einer Zeit der Bildung und „Aufklärung" es erleben müssen, daß das alte Märchen vom Ehristcnmord wieder auf¬ „Laß', o entlasse michl Was soll vorm Richter ich? Nie fehlt' ich gegen dich. „Nahmst liebend mein du acht, Der mich in Hast gebracht, In ewig finstere Nacht? „Des Körpers ekle Wücht Zn tragen stets verflucht, Denk' ich nur an die Flucht. „Nein, nie ertrag ich ihn, Der, wollt' ich Sünde fliehn, Als Kuppler stets erschien. „Wild stürzt er sich hinein, Mich Arine hinterdrein — Wo hielte er je ein? „Er treibt, er drängt zumal, Schleppt mich zur Höllenqual, Erschöpft, Hab' ich nicht Wahl. „Ans Lust nur ist der Wicht, Ans Speis' und Trank erpicht — Satt wird ein Böser nicht. „Da Unflat ihn beleibt, Heisch er der Leib, er bleibt Gemeinem einverleibt. „Er reizt mich, er verführt, Und wie er hetzt und schürt, Schein' ich's dann, die's vollführt. „Latz' ihm den Fehl nicht noch! Er steh bedeckt mit Schmach Für das, was er verbrach. „Ich zahle kein Entgelt; Mit ihm ist's arg bestellt, Sei Straf' ihm denn gesellt!" taucht. Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben und so lange die Welt besteht, wird es Menschen geben, welche mit beschränktem Gesichtskreis und mangelndem Denkvermögen Wahrheit und Dichtung nicht zu unterscheiden vermögen. Doch was kann das für eine Zeit sein, in der „gelehrte" Männer dem Ritualmord das Wort reden und ein Blutbad daraus entsteht!! Me Verbrechen, die von Menschen an Menschen in der Neuzeit verübt wurden, sind durch die Kischenew e r Massaeres in den Schatten gestellt. Diese Metzelei allein müßte diesem verflossenen Jahre den Stempel der Schande und der Barbarei aufdrücken. Werfen wir einen Blick auf Europa und Amerika, wo Juden in größerer Zahl leben, so muß freudig anerkannt werden, daß fast in allen Staaten unsere Stammesgenossen — natürlich außer Rußland und Rumänien — ein erträgliches Leben führen. In Deutschland, wo sie in allen Kämpfen für die Freiheit des Vaterlandes gern und freudig teilgenommen und wo ihnen auch völlige Gleichstellung mit ihren andersgläubigen Mitbürgern gesetzlich gewährleistet ist, hat der Antisemitismus der. Gaffe zwar ausgespielt, dafür wühlt er jedoch im Geheimen in den höheren Schichten der Gesellschaft. : Nach wie vor bleibt dem Juden die, Staats- und Militärkarriere verschlossen. Jedoch das Judentum hat schon viel schlimmere Tage gesehen. In Rüßl a n d sind die Verhältnisse leider nicht besser geworden. Man muß daran zweifeln, ob es jemals besser werden wird. Tieftraurig liegen hier die Verhältnisse, zerrissen und zerklüftet. Bedroht durch eine blind wütende Menge stehen die Juden an dem Rande des Abgrundes. Wir haben in den schrecklichen Tagen Ktschenews gesehen, wie unsere armen Brüder von Haus und Hof gejagt wurden, wie der Pöbel über ihr Hab und Gut hergefallen und die Wohlhabendsten in einem Nu zu Bettlern gemacht hat.t So zeig uns das Ende dieses verflossenen Jahres, daß die Lage der Juden im allgemeinen keine günstige zu nennen ist, daß dis alten Vorurteile nach wie vor bestehen. Erfreulicherweise zeigt es sich aber auch ferner, daß die Grundzüge des Judentums: Wohltätigkeitssinn, Familienliebe und seine heilige Mission unablässig von seinen Bekennern ausgeübt werden. Während das Judentum in Verfall zu geraten droht, der Sinn für alles Jüdische zu schwinden scheint und der Uebertritt zum Ehristentunr,, besonders in den reichen Kreisen, modern wird, können wir mit inniger Freude sehen, daß die Heranwachsende Generation wieder zu den Stätteii^eilt, wo das Wort Gottes und die ruhmreiche Geschichte unseres Volkes gelehrt wird und sich für die nationalen Ideale begeistert. Ich meine den Zionismus. Es muß mit Freuden auerkannt werden, daß diese Bewegung heute, nach 5en Der Leib verteidigt sich: „O nicht bestrafe mich,. Rein bin von Sünden ich. „Zum Handeln viel zu stumpf, Lieg' ich, ein Stein nur, dumpf In der Verachtung Sumpf. „Ein dürrer Stab, der wankt. An dem die Rebe rankt, Dem nichts ein Dasein dankt. „Haus, dem der Eigner fehlt, Drin jeder Laut sich hehlt, Das bin ich unbeseelt. „Streicht Tag um Tag daher, Lieg' ich ein Kiesel schwer, Dem Wand'rer überquer. „Die Seel' ist alles ja! Sie bütze, >vas geschah. Da sie's für recht ersah. „Verwirkt hast du die Huld; Nimm. Seele, mit Geduld Die Strafe denn der Schuld! „Nie Hab ich mich empört, Du hast zur Lust betört, Du bist's, dem sie gehört. „Von dir Gedankensaat, Von dir konnnt reife Tat, Ich selbst — lute wützt' ich Rat?" So jedes denn der Zlvei, Uneins, wer schuldig sei, Vereinzelt tritt herbei. Der's tat, und dem's entstammt, Sie zeugen insgesamt —■ Und beii>e sind verdammt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.