Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. September 1903 Seite 5 jptat noch ein gerichtliches Nachspiel haben und werden wir seinerzeit über den Ansgang desselben berichten. Als Verichtignng lassen wir hier noch eine Zusendung an uns folgen, also lautend: Gablonz cr. N., am 31. August 1903. An die geehrte „Gablonzer Zeitung" in Gablonz a. N. Ich ersuche Sie um die gefl. Aufnahme nachstehender Richtigstellung bezüglich der von Ihnen in Ihrem geschätzten Blatte vom 30. August 1903 gebrachten Nachricht über den Auftritt int Geschäftslokale des Herrn Leopold Kaminski: Es ist nicht wahr, das; ich dem Herrn Roman Mai mit der Faust das linke Auge erheblich berletzte. Es ist nicht wahr, das; mein Bleistift dem Herrn Roman Mai in die Augenhöhle drang und das; hiedurch ein ziemlicher Bluterguß hervorgernsen wurde. Wtahr ist allerdings, daß es zlvischen Herrn Mai und mir gelegentlich einer geschäftlichen Differenz zu Tätlichkeiten kam, in deren Verlaufe tvir beide verletzt tvurden. Ohne der gerichtlichen Austragung der Sache vorgreifen zu wollen, bitte ich Sie, das Resultat des gerichtlichen Verfahrens in dieser Angelegenheit abznivarten.; Ich zeichne hochachtungsvoll Stefan Likiernik. Chronik. Inland. Gedenktage. September. 1. 1719 st. Prof. Mai sNffenb. hebr. Hdschr.) 1833 st. i. Venedig A. Asher, Berliner Buchhändler. 1895 st. i. Vrodv Osias H. Scharr, Redakt. d. hebr. Jahrbücher „Hechaluz". 2. 1807 st. i. Altona Rabb. Hirsch Sainocz. 1879 st. i. Paris der Novellist Dav. Schornstein, 3. 1831 st. Dan. Lessmann, Dichter. 4. 1843 st. i. Crefeld Dr. B. L. Illlmann, d. Hebers, d. Koran. 1884 st. i. Wien Dr. Karl Caro, Dichter, 6. 1611 st. i. Ferrara Abtalion de Modena. 6. 1629 st. i. Venedig Ich. b. Mos. Saltaro de Fanno (Mikwe Jisrael). 1818 st. i. Berlin Jos. Haltern, (Hebers. v. Racine). 1858 st. i. Wien M. G. Saphir. 1866 st. i. Brüssel Mich. Berens, Dichter. 6. 1706 verbrannte man in Lissabon e. M. weil er d. Mosaismus f. d. reinsten Glauben erkl. 1713 st. i. W'orms d. Talmudist Hirsch Spitz. 1784 st. Wolf Nathan (Com. z. Hiob). 1840 Freilassung der unglücklichen Opfer der Blutbeschuldigung zu Damaskus. 7. 1572 st. i. Mantua Samuel Käses. 1814 geb. in Lissa Ludiv. Kalisch, Dichter. 1848 w. i. Lemberg d. Pred. Abr. Cohn vergiftet. 1882 st. i. Breslau Sem.-Rabb. Dr. Dav. Joel. Allg. jüd. Arbeiterverein Wien, 2. Bez., Stefaniestras;e 8. Die Vereinsmitglieder werden aufmerkscmr gemacht, daß Burgtheater karten zu ermäßigten Preisen den Mitgliedern im Vereinslokale verkauft werden. — Der Tauzkurs beginnt bereits anfangs Oktober. Adressen derjenigen, die separate Einladungen wünschen, sowie die dem Komitee beitreten wollen, sind im Bereinslokal 31t hinterlassen. — Samstag den 5. August d. I. halten im Vereinslokal, 2. Bez., Stefauiestr. 8, die Gg. Dr. Eg. M. Z!v e i g und D. S. A l b a e h a r h Referat über den 6. Kongreß mit anschließender Diskussion. Beginn 8 Uhr abends. Gesinnungsgenossen, erscheinet zahlreich. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopolvstadt^. Mittwoch den 9. September 1903, Vereiusabend. Borger über Oppenheimers Referat. Gäste herzlich willkommen. Die vereinigten jüdischen Arbeiterorganisationen Wiens veranstalteten am 22. August 1903 anläßlich des sechsten Kongresses eine Festakademie mit Tauzkränzchen. Nach der Begrüßung hielt der Obmann des Landeskomitees, Herr Dr. Krenberger, eine formvollendete geistvolle Festrede, welche sichtbaren Eindruck auf die Zuhörer machte. Es wurde hierauf unter großem Jubel der Teilnehmer ein an den Kongreß zu richtendes Telegramm verlesen. Herr Josef Scharr erntete für seine virtuosen Biolinvorträge reichen, wohlverdienten Beifall. Den Glanzpunkt des Abends bildeten die Gesangsvorträge des Herrn. Oberkantors Oesterreicher^ der durch die herrlichschönen Jargonlieder das Publikum entzückte. Die rezitativen Vorträge des Kollegen Samuel Strauß brachten diesem stürmischen Beifall. Die Herren Pauli und Wiesenthal erheiterte» das Publikum, der erstere durch seine äußerst gelungenen Vogel- und Tierimitationen, der letztere durch feine humoristischen Vorträge. Ein Grammophon brachte znm Schluß ein Kol nidre dom- Oberkantor Asch ans Berlin, Uriel Acosta von KutscherK, Lieder von Schmedes, Sleczak und Sellna Kurz und Wajehi bin Buna voll Oberkantor Guttmann aus Wieu. Der Abend ist als ein sehr gelungener anzusehen. Auszeichnung. Dem Vorstmrde der israelitischen Kultusgemeinde und Gemeinderate in- Mährisch-Ostrau, Markus Straßin au u, wurde der Titel eines kaiserlichen Rates verliehen. Vom Prager jüdischen Friedhof. Ein Teil des berühmten alten jüdischen Friedhofes zu Prag fällt, trotz allen Sträubens der Kultusgemeinde und der Beerdigungsbrüderschaft, der Assanierung der Josefstadt zum Opfer. Die Chevra-Kadischa wendet alles auf, um die Ueberreste der Leichen, welche bereits Hunderte von Jahren im Schoße der Erde ruhten und jetzt an das Tageslicht befördert wurden, mit gebotener Pietät wieder zu bestatten. Die Knochen werden von jüdischen Arbeitern gesammelt, in neues weißes Linnen gebunden und in ein vorbereitetes Massengrab gebettet. Am letzten Tischohbeaw nachmittags fand eine solche Massenbeerdigung statt. Es war ein rührender Anblick, die Bahre, beladen mit vielen solchen Bündeln menschlicher Knochen an sich vorüberziehen zu sehen. Solcher Bündel ivurden unter stillen Gebeten aller Beteiligten und Anwesenden viele Hunderte ins Grab versenkt. Ueber 2000 Grabsteine, welche aus diesem Teile des Friedhofes gegraben wurde», stehen und liegen längs den Wänden umher, in welche sie mit der Zeit eingefügt werden. Jener Teil des Friedhofes, in welchem der berühmte Rabbi I e h u d a b e n Befall el nebst seine Frau Perl, seinem Sohne und seinen 32 Schülern ruht, bleibt unversehrt. Auch das Grab des Philantropen Rabbi Mordechar Meisl, des Erbauers der M e i s e l - Synagoge, liegt abseits vom Assanierungsrayon. Bon den vielen bemerkenswerten Grabsteinen erwähne ich nur den mit einer Glastafel bedeckten (um ihn vor gänzlichem Verfall zu schützen) Grabstein des gelehrten Rabbi tvigd 0 r K'r a h, des Verfassers der Selicha: Fs kol lintlooh, in welcher er die am letzten Peßachtage des Jahres im Ghetto zu Prag geschehenen Gräueltaten schildert. Ein Gang durch diese Grabstätten vergangener Jahhhunderte bietet viel des Belehrenden und Anregenden. Kremfier. Anläßlich der Eröffnung des 6. Zionistenk 0 n k r e s s e s veranstaltete am 23. August der jüdisch-akademische Ferialverein „Ossid" ein Gartenfest und eine Akademie. Eröffnet wurde letztere mit einem prachtvollen lebenden Bilde „Huldigung zum 6. Kongreß". Daran schloß sich ein vom Obmann des genannten Vereines jur. Otto Müller in gebundener Sprache verfaßtes Solospiel „Der ewige Jude", welches vom Verfasser mit großer Wirkung vorgetragen wurde. Es schildert die Leiden der Juden in der Diaspora. Schon verzweifelt der ewige Jude angesichts der Leiden an der Rettung seines Volkes, da ertönt ein Zionslied vorübergehender Jünglinge und der ewige Jude erkennt, daß sein Volk noch lebt und weiter leben könne auf dem Boden seiner Väter. Das Werk zeigt von großem Talent. Der Autor wurde wieder und wieder gerufen und von allen Seiten beglückwünscht. Daran schloß sich eine Rezitation des Rosenfeldschen Gedichtes „Sturm", wirkungsvoll vorgetragen von phil. Oskar Frankl. Mit einer Gesangsnummer und zwei Possen schloß die Akademie, der ein sehr animiertes Tanzkränzchen folgte. Die Organisierung der orthodox-israelitischen Bäcker in Ungarn. Der Juden wird in der ungarischen Geschichte jederzeit betreffs ihrer patriotischen Gesinnung und der Liebe zur ungarischen Heimat lobend Erwähnung getan, nun finden wir unter den ungarisch-jüdischen Staatsbürgern tüchtige Gelehrte und tapfere Offiziere, wie zahlreiche Kanfleute vertreten, die sich um die Hebung des Handels Verdienste erwarben, daß sie wiederholt in Anerkennung ihres Wirkens von Sr. Majestät dem König ausgezeichnet wurden. Den Juden in der Ausübung ihrer Religion Zwang aufzulegen oder sogar zu verhindern, eventuell das Einhalten seiner religiösen Vorschriften zu erschweren, wäre die größte Sünde und Ungerechtigkeit, wäre sogar Religionsstörung, was auch gegen das christliche Gebot der Nächstenliebe, ebenso wie gegen das Gesetz verstoßen würde. Die orthodoxen israelitischen Bäcker geben ihren Arbeitern durch das Einhalten des Samstages nebst der sonstigen israelitischen Feiertage 74 Tage im Jahre frei; nun hat der Handelsminister Lang durch seine famose Sonntagsruhe diesen armen Landbäckern außerdem 54 Tage zur Erholung gegeben. Diese zu übergroße Menschenfreundlichkeit richtet zirka 600 Bäcker total zugrunde; denn während die übrigen Bäcker 54 Tage verlieren, entfällt den ersteren 128 Tage, und wie jedermann weiß, kann man vom Nichtbacken auch nicht leben. Nun wollen sich diese ortbodox-israelitischcn Bäcker organisieren und den Handelsminister bitten, er möge ihnen gestatten, auch an Sonntagen von 10—12 Uhr Gebäck zu erzeugen und falls hohe israelitische Feiertage an einen Montag fallen, soll es diesen Bäckern gestattet sein, auch am Sonntag Barches zu erzeugen. Der Minister dürste umso eher diese Bitte gewähren, nachdem den übrigen Kollegen kein Schaden daraus entsteht, da ja nur ausschließlich Juden Barches essen, welche für die Segenssprüche unbedingt vorhanden sein müssen und dieses Gebäck nur bei jüdischen Bäckern gekauft wird. Behufs Durchführung dieser Reform wollen sich die israelitischen Bäcker organisieren und hat sich ein Komitee aus folgenden Herren gebildet: Simon Rosenfeld und Mvr Freund (Pozsony), Rußnyak (Kassa), Fischer (O-Gyala), Grünfeld (Debreczen) und Jakob Flesch (Wieselburg). Der Redakteur der „Ungar. Bäcker-Zeitung", Julius Steiner, richtet an die ungarischen Herren Rabbiner die Bitte, diese Organisation zu fördern und zu unterstützen und die in ihren Bezirken befindlichen orthodox-israelitischen Bäcker zum Beitritte in die Organisation aufzuforderu, denn nur eine Organisation kann zum Ziele führen. Zuschriften und Anmeldungen sind entweder an Herrn Simon Rosenfeld, Bäckermeister in Pozsony, oder an die Redaktion der „Ungarischen Bäcker-Zeitung"', Budapest, VI., Terez-körut 44, zu richten. Ungarische Juden. Jrn Jahre 1890, also zehn Jahre vor der jüngsten Volkszählung, betrug die Kopfzahl der ungarischen Inden 725 000; im Jahre 1900 war die Zahl auf 851 000 gestiegen. Der Zuwachs beträgt also 126 000. Im Verhältnis zur Gesamtbebölkernng beträgt die Judenschaft im Mutterlande (ohne Kroatien) 4,9 Prozent. (Vor Zwölf Jahren nur 4,7 Prozent.) Die allgemeine Vermehrung der Gesamtbebölkernng beträgt während des in Rede stehenden Dezenniums nur 10,3 Prozent, während sie sich innerhalb der Jndenschaft auf 17,4 Prozent beläuft. Die Bebölkerungszahl Budapests betrug 1890 insgesamt 492 000, darunter 103 000 Inden; 1900 war die ganze Einwohnerzahl der Hauptstadt auf 732 000, die Zahl der Budapester Judenschaft allein ans 169 000 gestiegen. Der Zuwachs stellt sich hier innerhalb 10 Jahren ans 66 000, was einen Prozentsatz von 64,2 bedeutet. Bringt man hierzu die in nächster Nähe Budapests wohnenden Juden bou Neu-Pest, Klein-Pest, Erzsebethfalva uslv. in Aut schlag, so erhöht sich die Kopfzahl auf etlva 180 000, wasmehr als einem Fäustel der Budapester Gesamtbevölkerung gleichkommt. Hierbei fällt der sehlverwiegende Umstand ins Gelvicht, daß die dortige Jndenschaft das größte Vermögen (Hochfinanz, Großindustrie, Hausbesitz) repräsentiert. Sie bildet nicht bloß im „akademischen" Sinne des Wortes-, sondern tatsächlich daS „führende Element" in der Hauptstadt. Beachtenswert sind auch die Ziffern über den Znwacbs, den das Judentum in allen übrigen Städten des Landes genommen hat. Von 1890 bis 1000 stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung beispielsweise in Raab bvn 2525 ans 3317 Seelen, in Oedenburg bvn 1571 ans 2440, in Szegedin bvn 4731 ans 5803, Temesbar bon 4870 ans 5016, in Großwardein von 10 115 ans 12 294, in Debreezin Vvn 3999 ans 6192, in Miskvlz bvn 5874 ans 8551, in Kaschar bvn 3303 auf 5276, in Klmisenbnrg Don 2414 ans 4730, in Preßbnrg Vvn 3396 mtf 6110 Seelen. In den nordöstlichen Konniaten beträgt die Zunahme der Jndenschaft während der letzten zehn Jahre: In MarmarvS 24.4 in Bereg 20.8, in der Zips 10.0, Carvs 9.1, in llng. 0,0 Prozent. In allen diesen Komiiaten ist der Zuwachs des Judentums größer als der der nichtjüdischen Bebölkernng. Das kommt von der jüdischen Hochflut, die ans Galizien einströmt. Dagegen ist die jüdische Bevölkerung in 20 Komitatcn nmnerisch znrückgegangen. Hieraus und ans der starken Vermehrung der Juden in den großen Städten geht hervor, das; das Judentum eben das Bestreben hat, sieh tu den großen Städten zu sammeln. Podwolocyöka. Im Saale der Freiwilligen Feuerwehr veranstaltete der Verein „Degel Jehuda" unter gefl. Mitwirkung des Frl. Betti Spiele r, der Herren T a r t y k 0 w er, Siegmnnd und Leon Wurzel, Adolf G r ü n b a u m, K a l i s ch aus Lemberg und Isidor W a l d m a n n aus Tarnopol, einen musikalisch-deklamatorischen Abend. Der Saal war bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Durch Absingung der Nationalhymne, welche unter den Anwesenden große Begeisterung hervorrief, wurde der Abend eröffnet. In fast zweistündiger Rede sprach der wohlbekannte Bolksredner Herr Isidor W a l d m a n n aus Tarnopol und erntete reichen Beifall. Die beiden Söhne des Herrn Adolf Wurzel und Herr T arty k0 w er haben durch ihre Deklamationen einen günstigen Erfolg erzielt. Das von Fräulein Betti Spieler und den Herren K a l i s ch, Adolf Grünbaum und Siegmund Wurzel aufgeführte Stück „Szalenniec“ ist besonders gut gelungen. Der Abend machte einen überaus günstigen Eindruck und zeigte, welche Begeisterung für alles, was jüdisch ist, unseren Gemütern innewohnt. Das Grabdenkmal des Königs Mesa. Zu dieser eben jetzt znr Diskussion gestellten Angelegenheit erhalten wir von dem Wiener akademischen Maler A. L. Miel ich, der bekanntlich vor zirka zwei Jahren in Gemeinschaft mit dem Orientalisten Professor Dr. Musil die ebenso gefahrvolle als an künstlerischer und wiffenschaftlicher Ausbeute reiche Expedition nach Arabia Peträa unternahm und dort bis zu dem sagenhaften Schlosse Kusejr Amra vordrang, eine sehr interessante Zuschrift, die geeignet ist, Aufklärung über die im Louvre zu Paris befindliche Stele des Königs Mesa zu geben. Herr A. L. M i e l i ch schreibt nns: Eine der letzten Nummern des „Neuen Wiener Tagblatt" bringt im lokalen Teile eine längere Notiz, die „Mesa-Jnschrift" betreffend. Die Notiz bezieht sich auf die wissenschaftliche Streitfrage, ob die Stele (Grabdenkmal) des Königs Mesa im Louvre in Paris echt sei oder nicht. So viel ich weiß und so viel ich bei meinem seinerzeitigen Besuche von DibLn, dem Fund- und Standorte der Stele, in Erfahrung bringen konnte, ist diese gar nicht nach Paris gebracht worden, sondern in DibLn verblieben, wo sie, in Stücke zersprungen, am Boden einer Cisterne liegt, während in Paris nur ein Abklatsch der Inschrift sich befinden dürfte. Die Geschichte dieses Abklatsches rst jedem Orientalisten bekannt, sein hoher wissenschaftlicher Wert unbestritten. So weit mir erinnerlich ist, wurde der Abklatsch nicht durch Professor Clermont-Ganneau hergestellt, sondem von dem Dolmetsch oder Diener des seinerzeitigen französischen Konsuls in Jerusalem, der, ein eifriger Forscher, Kenntnis von dem Vorhandensein der Siele erhielt. Da er der gefährlichen Verhältnisse wegen sie nicht selbst aufsuchen konnte, schickte er seinen Dolmetsch oder Diener, der mit Abklatscharbeiten rc wohlvertraut war, nach DibLn, um die Kopie oder den Abklatsch der Inschrift zu besorgen. DibLn ist nicht in der Nähe von Jerusalem gelegen, sondern gute vier Tagereisen von diesem entfernt, jenseits des Toten Meeres; im Grenzgebiete des alten Moab, auf halbem Wege zwischen Madaba und El-Kerak. Ersteres, der Schutthaufen einer alten Bischofsstadt aus frühchristlicher Zeit, war damals noch nicht besiedelt, während letzteres, hauptsächlich als Feste der Kreuzfahrer bekannt, von Beduinen beherrscht war. Nach zweimaligem gefahrvollen Besuche der Stele gelang es dem Dolmetsch, den Abklatsch herzustellen und die kostbare Inschrift seinem Herrn zu bringen. Schon die flüchtig Prüfung derselben ergab ihren hohen Wert, besonders für die hebräische Geschichtsforschung, und es wurde der Versuch gemacht, das Original in Besitz zu bekommen. Vergebliche Mühe! Aberglaube und Mißtrauen haben den dort hausenden Beduinenstamm veranlaßt, die Stele des Königs Mesa zu vernichten. Durch Feuer zerstört, wurden die Bruchstücke dann in eine Cisterne jenes alten, hochinteressanten Ruinenfeldes geworfen. Ich glaube nicht, daß noch viele von jenen Beduinen am Leben sind, die das Zerstörungswerk vollbracht haben, weiß aber, daß die Cisterne einzelnen noch bekannt ist. Bei Erörterung eines wissenschaftlichen Streitfalles, wie des vorliegenden, drängt sich unwillkürlich die Frage auf, ob es nicht angezeigter wäre, statt mit Stubengelehrsamkeit sich abzumühen und Altes wiederzukäuen, dafür Sorge zu tragen, daß Neues herbeigeschafft werde. Insbesondere gilt dies vom alttestamentarischen Studium. Die Ausgrabungen in Babylonien haben gezeigt, wie viel Wertvolles zutage gefördert werden kann; auf nicht minder kostbare Funde für die semitische Philologie würde man bei einer Durchforschung des alten Landes der Hebräer stoßen. Eines der besten Forschungsgebiete wäre nun eben die alte Moabitenstadt DibLn — die „Mesa-Jnschrift" gibt davon Zeugnis. Kein Unberufener noch hat im Boden gewühlt, jungfräulich liegt Schutt über Schutt und systematische Ausgrabungen müßten hier zu schönen Erfolgen führen. Die „Mesa-Jnschrift" ist vielleicht das wertvollste althebräische Dokument, das man bis jetzt gefunden hat. Ihre Originalbruchstücke und sicherlich manch anderes von ähnlichem Werte würden reichlich die materiellen Opfer und die Mühe lohnen, welche Ausgrabungsarbeiten in DibLn erforderten. Ausland. Bernard Lazare gestorben. Der Schriftsteller Bernard Lazare ist nach längerer Krankheit am 1. September gestorben. Lazare war ein sehr begabter Publizist. Er debütierte in der von H a m 0 n herausgegebenenen anarchistischen „Humanitä Nouvelle". In der D r e y f n s- Affäre war er einer der eifrigsten Anwälte des Verurteilten und hat sich um die Wiederaufnahme des Prozesses große Verdienste erworben. Lazares politische Anschauung war eine Mischung von humanitärem Sozialismus und jüdischem Nationalismus. Ein neuer hebräischer Text der zehn Gebote. Aufsehen hat der vor einiger Zeit in Fajum gemachte Fund eines neuen hebräischen Textes der zehn Gebote und des „Schma" („Höre Israel") erregt. Der Fund ist inzwischen von zwei englischen Gelehrten veröffentlicht worden. Jetzt bringt auch die „Zeitschr. f. d. alttestamentliche Wissenschaft" eine Wiedergabe dieses Textes durch iie. v. v. G a l l. Der Text ist in Qnadratschrift auf Papyrus geschrieben und nicht unversehrt. Es ist der Text von Denteronomion 5, 6—18. Das Blatt diente