Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt Nr. 36 etwas entfernt vom eigenen Bauplatz eine Bauhütte, die Schutz gewähren soll den Baumeistern, bem empfindlicheren Bau materiale und den Werkzeugen. Weil man eine definitive Großbefiedelung in Palästina beabsichtigt, muß man eine Borkolonisation außerhalb Palästina in geringerem Maßstabe versuchen. Eine Vorkolonisation ist die uner läßliche Probe auf die Richtigkeit der großen Rechnung, genannt Palästina-Besiedelung. Sie ist da- Modell, an welchem studiert, probiert, abgeändert und ergänzt werden kann. Sie ist aber auch das Sicherheitsventil für etwa das Hauptwerk bedrohende Zufälligkeiten und Gefährdungen. Gelingt die Vorkolonisation in Ostafrika, so haben Führer «nd Geführte den Nachweis ihrer Fähigkeit erbracht, so daß man ihnen getrost daS Monumentalwerk der Palästina-Kolonisation anvertrauen darf. Mißlingt aber der Versuch in Ostafrika, so ist damit weder über Führer noch über Geführte ein abfälliges Urteil erlaubt, weil eben U n g e s ch u l t e einen ersten Versuch machten, besten Mißlingen noch kein abschließendes Urteil gestattet. Es war eine kluge Tat der Führer, sich (den Führern) und dem jüdischen Volke eine solche Versuchsgelegenheit zu verschaffen. Unklug wäre es gewesen, eine solche Gelegenheit auszuschlagen, die vielleicht nicht mehr oder nicht bei gleich günstiger Voraussetzung wiederkommen könnte. Vergleiche man damit nicht die argentinischen rc. Versuche! In Argentinien ist den Juden niemals eine autonome Landverwaltung zugedacht gewesen und niemals unter einer gleich humanen und mächtigen Regierung wie in Britisch-Ostafrika. Ferner ist in Argentinien zwar eine Großkolonisation beabsichtigt gewesen, ohne aber tatsächlich eine solche gewesen zu sein. Ja, es sind dabei nicht einmal die zum Teil schon damals bekannten Fehler der Kleinkolonisation vermieden worden. Nicht weniger ungünstig als diese kolonialpolitischen Prämisten, waren die lokalen, die dazuführten, daß selbst von nicht-jüdischer Seite vor der Kolonisation gewisser Landstriche Argentiniens dringendst gewarnt und bei Kolonisation selbst günstiger Gegenden auf die wenig befriedigende finanz-politische Lage des Adoptivvaterlandes warnend hingewiesen wurde. Endlich kolonisierte e i n edler Pariser Jude und theilweise wenig edle Nichtjuden in Argentinien mit einem unaufgeklärten Juden-Auswanderungsmateriale, während eine heutige jüdische Kolonisation bester vorbereitete Führer und Auswanderer vorfinden dürfte. Aber eben, weil Führer und jüdische Auswanderer noch bester, viel besser vorbereitet sein müssen, ehe sie an das Hauptuud Endwerk, die Kolonisation Palästinas, schreiten dürfen, ist eine Vorkolonisation, wie gesagt, unerläßlich. Und jo näher an Palästina und je unabhängiger in komunaler Richtung die Vorkolonisation versucht wird, desto bester. Daher bin ich vom kolonialpraktischen Standpunkie mit dem Kongreß-Beschluß einverstanden. (Nebenbei bemerkt habe ich diese meine Ansicht über Vorkolonisation ungefähr vor 4 Jahren in einer damals von mir ad hoc einberufenen Vereinsobmänner-Versammlung auseinandergesetzt. Die ablehnende Haltung der damals anwesenden zwei Aktions-Mitglieder veranlaßte mich zum nicht geringen Teile, mich von jeder aktiven zionistischen Vereinstätigkeit zurückzuziehen.) Zeilungsschau. Die „Zeit" schreibt über das Ostafrika-Projekt Herzls: Wo liegt dieses Neuland der Juden? Es liegt inmitten der britischen Kolonie Ostafrika, die sich vom Indischen Ozean bis an das Riesenbinnenmeer Mittelafrikas, den Viktoria-Niansa, erstreckt, zur südlichen Grenze die Kolonie Teutsch-Ostafrika, zur nördlichen den Sudan har. Vom Hafen Mombassa, der bereits unter englischer Verwaltung einer der besten der Ostküste geworden ist, geht eine Eisenbahn, die Ugandabahn, bis an den Niansasee. Sie führt mitten durch das jüdische Zukunftsland, das Raum bietet für Millionen, die dort ein Heim suchen wollen, für andere Millionen freier Bürger, die dort ihre Heimat haben werden. Das Land ist 300 englische Meilen lang und hat einen Flächeninhalt von etwa 90 000 englischen Quadratmeilen, das heisst, es ist ungefähr so groß als vergleichsweise Oesterreich ohne Tirol und Ungarn ohne Siebenbürgen. Tie Bahn führr die Reisenden in dreißig Stunden j von der Küste bis in das neue Land, eine Hochfläche mit ausgezeichnetem, dem Weißen in jeder Hinsicht zuträglichem Klima, in einer Höhe von mehr als 2000 Meter, mit Bergrücken, die 3000, 4000 Meter Hochansteigen und die alle vom gewaltigen Schneegipfel des Kenia überragt werden. Wie jener einst durch vulkanische Kräfte gehoben wurde, verrät das übrige Land in den rundgewölbten Gipfeln noch seinen Ursprung, und eben darum ist es ungemein fruchtbar. Durch die Täler Krönten, von den hochragenden Gipfeln kommend, wasserreiche Bäche und Flüsie. Sie loerven den Ansiedlern die Wasserkraft für vielerlei Zivccke, vor allein für elektrische Turbinenanlagen, tiefem. Tie Täler umschließt ein an Baumarten reicher Galerienwald, in dessen Schatten Moose und Farne wuchern, die Vanille ihre Ranken um die Aeste schlingt, lnntte Orchideen auf niedergesuilkenen Baumriesen ihre seltsamen Blüten entfalten. Durchbricht er den tiefer gelegenen Urirald, so tritt der Wanderer hinaus auf weite Wiesenflächen, die einen gewaltigen Park darstellen, in dem knorrige, niedrige Mimosen und Mangobäume das Gebüsch bildert, das der geioaltige Wollbauin überragt, dessen Ausdehnung nur noch vorr denr geradezu riesenhaften Affenbrotbaum übertroffen tvird, den man, seiner klobigen Ungestalt wegen, am besten Mainnnirbauin nennen sollte. Die Abhänge der Berge bedeckt dichter, immergrüner Busch, in dein der Kaffeestrauch wild wächst,!vie denn überhaupt Jnnerafrika die Heimat des Kaffees ist, nicht das Land Feinen, das Mokkaland, wohin er einstnrals voir Phouikerrr gebracht rmd angepflanzt sein mag, ebenso ivie eine sehr schinackhafre kleinkörnige Bohnenarr, die dort seht vorkommt, in Oslafrika zu Hause ist. Steigt der Reisende air den Berghängcn höher empor, so findet er dort eine Pflanzendecke, die der unserer Wiesen und Almen in etwas gleicht, bis dann die Höhenlage dem Wuchs ein Ziel seht. In den Ebenen, wo zum Teil der Negerstamm Massai seine Viehherden treibt, finden sich mehrere Seen und viele Weiher vor, die von einer überaus üppige,: Pflanzenwelt umgeben sind. Ter Papprus der Alten bildet breite Dickichte am schilfigen Ufer, rosafarbene Winden schlingen sich tim die tiefgrüne» übermannshohen Stengel, die von einem krausen Busch gekrönt sind. _ Auf der Flut schwimmeri Seerosen mir lichtblauen Blüten, die lveiße^ Calla zeitigt jahraus, jahrein ihre prachtvollen Blumen. Atu Ufer stehen in Mengen lichtrotgefiederte, schmalhalsige Flammingos, Silber- und Purpurreiher, Blankraniche in ernster Beschaulichkeit. Schmucke Sporngänse tummeln sich auf der Flut, zwischen dem Schilf lauert der große, schönfarbige Eisvogel (Ceryle maxima) auf Fische. Aber auf dem Stumpfe eines Affetibrotbaumes hocken pärchenweise in Mengen die Schreiadler (Haliaetos vocifer), minutenlang ihren hellcit Schrei ausstohend, und lungern ebenfalls nach Beute. Unter dett breitästigcn Shkomoren haben grüne Tauben und buntscheckige Spechte ihre Nester, und aus dem Fächerpalmengebüsch vernimmt man den Ruf des Honigkuckucks (Cuculus indicator). Nächtlichcrtvcile aber machen die Großen der Tierwelt sich auf, der Elefant, der noch nicht ganz ausgerottet ist uud künftig nicht wegen des Elfenbeins gejagt, sondern als Zugtier benützt werden wird, und die großen Katzen: der Lötve, der Serval, der Leopard, bte aber vor Dornhecken, StachelzÜunett und vor nächtlichetu Feuer heillose Angst haben; die Hyänen, die nach gefallenem Vieh suchen. Was Ackerbau aitgeht, so gedeihet: in jenen Gebieten ebenso unsere Körnerfrüchte als die meisten Gemüse. Der Biertrinker wird freilich auf seinen Radi verzichtet: müsset:, denn diese Rübe wird holzig. Auch mancherlei anderes Kraut will nicht recht gedeihen — wohl, weil man die rechte Art noch nicht fand — doch wachset: schon jetzt in den Negeransicdlungei: zwei gute Bohnenarteit, eine Anzahl vot: Kürbisset: und Melonen, Mais, Kefirkortt, Karotten, Erbsen, Krautarten, Erdnuß. Kartoffeln muß mau erst auf geeignete Sorten erproben, es dürfte :n:seres Erachtens aber genügen, großknollige Arten in höherer Lage und auf artnen: Boden anzubauen, um tüchtige Früchte zu erlangen. In den Niederungen gedeihen Banane uitd Ananas, der Melonettbaum (Coriea Papaya) ut:d tvohl at: fünfzig verschiedene wilde Fruchtarten, worunter zum Beispiel die Passionsblume (Passiflora cdulis) melonengroße süße Früchte liefert. Wir können hier nicht darauf eingehen, welche Pflanzengattungen am nutzbringendsten angebaut werdet: könnten, es gibt deren in Menge. Das Absatzgebiet für eine arbeitsame iveiße Bevölkeruug eines zur Ansiedlung durchwegs geeigneten Gebietes ist gegeben — cs ist das eigene Land Ostafrika zunächst, dann die benachbarten anderen Kolonie,: und schließlich der Weltmarkt. Zu diesem aber führt heute schon die 1000 Kilometer lange Ugandabahn, und sie wird in absehbarer Zeit Anschluß erhalten an die Kap—Kairo-Bahn und jenseits des NiansaseeS an die große Kongobahn, die den Atlantischen Ozean mit dem Gebiete der großen Seen verbindet: wird, und vot: der 500 Kilometer bereits fertig sind. Nach allem sind, soivohl was allgemeines Klima, Höhenlage, Tier- und Pflanzenwelt angeht und was die Absatzivege und Zugaitgstoege betrifft, die Bedingungen für die Gründung eines jüdischen N'eulandes it: Mittelafrika sehr günstige. Zur ungarischen Krise schreibt die Budapester „Bolksstimme": Seit 35 Jahren macht die liberale Partei it: Hagem: Politik und erst im 30. Jahre fällt cs ihr ein, daß sie endlich doch das Parteiprogramm feststellen müßte. Es ist kein Witz und auch kein Hohn, was wir hier erzählet:, sondern die reine, traurige Wahrheit. Das offiziöse Organ der Negierung brachte die Nachricht, daß die hervorragende!: Mitglieder der Regierungspartei sich zusammensetzten, um die wichtigsten Punkte des Parteiprogramms festzustellen. Wetm davon die Rede gewesen wäre, daß die liberale Partei ihr Programm den Anforderungen der Neuzeit entsprechend umgestalten will, das würde jedermann verstehen. Dein: was vor 35 Jahren festgesetzt ivnrde, konnte wohl vor 35 Jahren gut sein, ist aber heute nicht mehr entsprechend. Jede kluge Partei hält Schritt mit der Entwicklung. Aber die liberale Partei will nicht ihr Programm erweitert: und modernisieren, sondern sie will überhaupt erst ein Programm mache::, als würde sie erst bei den Vorarbeiten der Parteiorganisierung sein. Die liberale Partei gesteht alsg ganz offen ein, daß sie bis heute kein Programm gehabt habe, s,-daß sie dreieinhalb Jahrzehnte hindurch k e i n e I d e e gehabt hat, was denn eigentlich ihre Be st r e b u :: g e n uud Z i e l e sind. Sie lieferte Minister, Staatssekretäre, Obergespäne wie auf Bestellung, versorgte die eigenen Leute mit Acmtern, Würdet:, Bizinalien nt:d anderen guten Geschäften und das war ihr Programm. Sie wollte leben, und zwar gut leben. Ut:d jetzt, nachdem sie sich ausgelebt hat, und auch die Volkskraft verlebte, entschließt sie sich, ein Programm zu niachei: m:d gemäß diesem Programm durch die Minister das Lat:d regieren zu lassen. Genug der Komödie I Man hat m:s bisher ausgebeutct ohi:e Programm und wird das weiter auf Grund des Programmes tun- Die Parteien der heutige«: Klassenherrschaft haben es immer so gemacht. Anfänglich haben sie das Volk ausgebeutet ohtte Gesetz, dam: merktet: sie' aber, daß cs sich viel besser ausnitntnt, wenn sie die Ausbeutung gesetzlich sanktionieren. Und sie erbrachten Gesetze, welche die Ausbeutung als eine gesetzliche Institution festlcgten. So wird das auch jetzt die liberale Partei machen. Bisher haben sie dem Volke die Rechte vorenthaltet:, ohne Programm, tun: werdet: sie das auf Grund ihres Programmes tun. Die Herren möge,: keine Komödie aufsühren, dem Volke ist -es gat:z gleichgiliig, ob cs rechtlos ist, weil die liberale Partei n o ch kein Programm hat, oder weil sie s ch o n eines hat. Es habet: sich auch in der Politik die Hundstage eingestellt nnd die Hundstagsphankasie der Hundstagspresse treibt_ die absonderlichsten Blüten. Natürlich dreht sich alles um die bange Frage: „Wer wird der neue Ministerpräsident?" Davon hängt es ab, ivelche Gruppe unntittelbar an der Regiernngsschüssel bleibt. Bezeichnend für die ungarischen Zustände ist es, daß niemand eine Ahnung hat, wer der kommende Mann ist. Nicht der ivird der Fithrer Macht in die Hände bekommt. Und ein solches P a r l a m e n t, u: i t s o l ch e n P a r t e i e >: soll a u ch weiter die Geschicke des Landes lenken? D i e Parlamentär!- s ch e R e f o r n: nt u ß erfolgen, trotz Reg i c r u n g s - Partei, trotz Opposition, will tit n n n i ch t, daß d a s L a n d den: vollen Ruin a n h c i m fäll t. Die jüdische unabhängige Arbeiterpartei. _ Tie „Arbeiter- Zeitung" in Wiei: publiziert nachstehendes Manifest der jüdischen nnabltängigen Arbeiterpartei. Die gehässigen Randbemerkungen der „A.-Ztg." lvollcn lvir unerwidert lassen. Der eigentliche Grund der Auflösung ivird it: der neuerdings Von der zionistischen Parteileitung in Rußland proklamiertet: Einstellung der Gegenwartsarbeit lieget:. An alle jüdischen Arbeiter! Unlängst fand der Kot:greß der Jüdischen Unabhängigen Arbeiterpartei statt, ans dem die Einstelliing ihrer Tätigkeit besthlösten ivnrde, lveil sie in bisheriger Form nicht fortgesetzt lverden kann und eine andere vastende Form für sie in der gegenlvärtigen Zeit nicht vorhanden ist. Die Partei kann ihre Tätigkeit in der bisherigen Halblegaten Form anS folgenden Gründen nicht fortfetzen: Tie Regierung ist bereit, laut der jetzt nach längerem Schwanken klar zu Tage aekonnttenen Tendenz, eine legale Arbeiterbewegung nach Art der Moskaiiischen (von Snbatolv in Moskau geleitet) zuzulassen. Außerdem sind »och manche Refornien in der Fabriksgesetzgebnng zu erivarten, iu der Art des schon bestätigtet: Fabriksältesten usw. In Bezug aber ans jede Bewegung, die einen Klassencharakter trägt und durchaus nicht die Interessen der Arbeiter mit den der Unternehtner vereinbaren ivill — sind keine Neuerungen, außer friedlichen, von der Negierttttg in den nächsten 4. September 1903 Jahret: zu erlvarten. Es ist selbswerstäudlich, daß eine Beiveguug» ähnlich der Moskauifchcu, im Judentum nicht Platz greifet: kann. Es ist muh ut:zweifclhaft, daß die Politik bereit:zelter Reformen ohne die entsprechenden Verbesserungen der Bürgerrechte und der Orgauisatioi: der Arbeitermasse nicht als besonders nützlich anerkannt werdet: kam: uud umso wetüger katn: mit etwas Aehnlichem die Jüdische Uuabhät:gige Arbeiterpartei ihre Tätigkeit begründen. Die Einstell:tt:g der halblegalen Tätigkeit könnte vielleicht noch auf einige Zeit hinmisgeschoben werden, aber die öffentliche Tätigkeit, das Bestehen legaler Versammlungslokale usw., ist aus folgendev Ursache bot: nun au uinnöglich gewordei:: . Durch einen Geheimcrlaß des Ministeriums des Innern nämlich, der dieser Tage at: die Gouverneure und Polizeichefs usw. verschickt wurde, wird der Zionismus i>: russische,: Grenzen verbotet:. Wesentlichere Repressalien werden auf sich auch nicht lange warten lasse,:. Dieses Zirkular kennzeichnet den Wendepunkt der Regierungspolitik im Sit:ue der Verfolgung der jüdische::, auch uichtrsevolutioitäueu Gesell!schaftsbetveg:m,geu, die Unterdrückung alles dessei:, lvas jüdischuatioual ist. Mit der Unmöglichkeit, die Bewegung legal zu führet:, bleibt nur die Alternative einer konspirativen Bewegung übrig; aber der Kongreß hat auch diese Alterimtive als utunöglich für die Gegenwart anerkannt. Eine konspirative Beiveguug, die mtf ihre Fahne die Forderung der Gesetzlichkeit stellt, u:uß in der Wirklichkeit nur mit Phrase,: operieren, die bei der unfriedlichcn Gesellschaftsstimmung ui:d in Anbetracht der allseitiget: Repressalien niemanden beeinflussct: können, oder sie ivird it: eine revolutiotläre Bewegung umschlaget: . . . . Das Bestehet: jedoch einzelner reit: ökonomischer Verbände (Ssojusi), falls solche entstehet: solltet: — ohtte Perspektive der Legalisation — ist keiner Parteiorganisation bedürftig. Das Komitee der Jüdischen Unabhängigen Arbeiterpartei. Die Wirtschaft in Galizien. Der „M onilor", das Organ des Abgeordneten Breiter, fragt: „Ist das ein k. k. Beamter — oder ein Agitator? — nämlich der Rzeszower Bezirkshauptmann Fedorovicz. Dieser Bezirksvater hat, nachdem er die erste jüdische Deputation seines Bezirkes, die um Abhilfe gegen die exzedierenden Bauern zu bitten gekommen war, zur Türe gewiesen, die andere zu empfangen geruht und sie förmlich zur Türe hinausgeworfen mit ähnlichen belehrenden Worten: „Wisset, daß euch dieser Lohn seit lange gebührt, denn ihr saugtet aus und betröget das polnische Volk, das sich heute rächt! Ihr seid nur Eindringlinge! Der König Kasimir hat schlecht daran getan, euch in Polen auszunehmen! Zeigt mir wenigstens drei Chr:sten, die sagen würden, daß ihr hier unentbehrlich seid! Am besten tut ihr, euch zu allen Teufeln zu scheeren! Glaubt nicht, daß ich euch lange in Schutz nehmen werde/mit euch ist es nicht zum Ausbalten!" Das Blatt schreibt dazu: „Das ist ein Bild unserer Verhältnisse, die die „heilsame" Agitation des „Glos Narodu" (Antisemitenpartei) und des „Slowo Polskie" (Stanczykenpartei) gezeitigt hat. Ein mit dem Gelbe aller — ohne Ausnahme der Konfession und Nationalität — bezahlter Staatsbeamter wagt es, sich öffentlich in dieser Weise zu äußern!" Die „Gablonzer Zeitung" schreibt über den Fall Mai- Likiernik, der vom Wiener „Deutschen Volksblatte" in der gewohnt lügenhaften Art entstellt wurde, folgendes: Eine Gefahr für Gablonz ist das hiesige radikale, all- oder ostdeutsche Schcmd- und Skandalblatt. Sollte, tvas der Himmel verhüten möge, irgend ein großes Unglück über uns hercinbrechen, so lverden wir dazu als Zugabe eine allgemeine Volksaufregung mit all den Schrecken erleben, die an die bösesten Zeiten der Christen¬ oder Judenverfolgungen, an die Ketzer- :n:d Hexenverbrennungen erinnert: würde. In seinem bornierten Haste geget: alle Juden und alle-Christen, die wicht romfrei sind, gegen Liberale und sogenannte Judenliberale würde das „Tagblatt" jedes Unglück oder jede Einzelsthnld gegen die Gesamtheit der Juden, Katholiken und Fortschrittsleute tendenziös „misschroten". Seine Schriftleiter liegen auf der Lauer; sie hungert: und dürsten förmlich ,:ach einem Schuld¬ oder Unglücksfalle, um bot: „Redaktionsiveget:" zuerst mit der Scheere oder dem urgeriuanischei: Bierkruge nicht nur de,: „Schuldige,:" oder Unglücklichen, sondert: auch ganz Unbeteiligte zu verletzet:. Durch den angefachten Rassen-, Klassenuud Massenhaß hoffet: die Hetzer für sich und ihre Partei selbstsüchtig zu gewinnen. Ob die radikalen Schriftleiter (nicht weniger als drei befinden sich in Untersuchung wegen des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit — Herr Oskar Schmid ebenso wie die Herren „Schriftleiter" Honsig und Prediger!), ob diese radikalen Gewaltmenschen sich zu Sittenrichtern über andere besonders eignen, ist eine Frage für sich. Wichtiger erscheint es, den Zündstoff ins Auge zu fassen, der sich durch die alldeutsche Hetze seit Jahren in: Volksleben angesammelt hat. Selbst die bielgerühmte Intelligenz der Gabloi:zer Bevölkerung tvürde sich nicht widerstandsfähig genug bei der tendenziösen Ausbeutung eines Falles von Einzelschuld oder eines Unglücks erweisen. Denn,!vas soll n:an bot: einem Teile des Publikums denket:, das sich alles kriiik- und willenlos bieten und gefallen läßt, was ihm der gemeine Menschenhaß u>:d die Borniertheit des „Tagblattes" zu bieten wagt? — Und dann bedenke man, daß auch in den solidesten Geschäften und in dei: besten Familien irgend etivas passieren kann, tvas an Schuld oder Unglück grenzt! Die „Gablonzer Zeitung" hat in ihrem letztet, Sonntagsblatt wahrheitsgetnäß, d. h. nach den polizeilichen Erhebungen vot: dem Falle Mai-Likiernik Mitteilung gemacht. Wir haben fertier auf die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung hingewiesen, da das mit jeden: Tage schwieriger werdende Gablonzer Geschäft bei alle,: Beteiligtet: eine leicht erregte, ärgerliche Stimm:n:g erzeugt. Gegen Attssthreitimgen, Pöbelhaftigkeikei: oder gar gegen Gewalttätigkeiten haben tvir stets Stellung genommen — mögen sie bei Antisemiten oder Juden oder sonstwo Vorkommen. Nun aber höre nun:, in welch nichtSnntziger Weise das antisemitische „Tagblatt" den beklagenswerten Fall Mai-Likiernik tendenziös atiszubeuken trachtet. Das „Tagblatt" schreibt ivörtlich: (Folgt das Pamphlet.) Wir fraget,: Was haben die Gablonzer Juden, unter denen sich höchst ehrenwerte Exporteure befinden, mit den: Falle Mai- Likiernik zu schaffen? Und tvas die liberale Partei? Die All- und Ostdeutsche» haben unter sich so viele „räudige Schafe" (iv-ir erinnern nur an die Dentiitziationsgeschichlen des Abg. Herzog), daß sie alle Ursache hättet!, sich vor den Verallgemeinerungen zu hütet: und ans ihren: Glashanse nicht tnit Steine» zu tverfe». Selbst die „Tagblatt"-Hetligen hätten — Ivie der „Gebirgsbvte" wiederholt klarlegte und nicht nur leise audeutete — alle Ursache, mit der Ehre anderer nicht frivol ztl spielen. Aber in jetten: Lager scheint so viel „obernnd nnterfanl" zn sein, daß man sich nur durch maßlose Frechheit gegen andere noch behaupten zn fötutet: glauben mag. Was die Sache selbst anbeirifft, so hören lvir, daß am Sonntag nnttag die Enthaftnng des Herr«: Stefan Likiernik stattfand, nachdem ein Attest des Augenarztes Herrn Dr. Poduschka vorgezeigt wurde, in dein eine leichte Verletzung der Aitgenhaut festgestellt lvorden war. Die sofortige Verhaftung war deshalb erfolgt, lveil der Betreffende Ausländer (Russe) ist und lveil angenominei: ivnrde, daß er sich der Unterstichnitg und Strafe durch Abreise entziehen könnte. Wie lvir von zuständiger Stelle ferner erfahren haben, beruht es tatsächlich mtf Wahrheit, daß die Verletzung des Herr Rommt Mai ungefährlicher Natur ist nnb daß insbesondere das?l,tge desselben glücklicherlveise vollständig tutbeschädigi geblieben ist. Die Affäre Ivird solvohl gegen Herrn Likiernik als ntich geget: Herr,: