Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Date
- 1903-09-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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•leite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. September 1903 Nr. 36 vielleicht als Talisman, der an die Türpfosten genagelt wnrde. Der neue Text bietet Abweichungen von dem des Dekalogs, und ziv.tr orthographische, wie Wvrtverschiedenl>citeit. Anch von der herkömmlichen Reihenfolge der zehn Gebote weicht er ab. Russische Toleranz. ^ur Zeit der Judenverfolgungen ans dein Moskauer Gouvernement — so erzählt man sieb in Rußland — hat sich folgende Episode zngetragen. Großfürst Sergius lies; sieh in seinem Vinterpalais und Vintergarten das elektrische Lieht einführen. 3» dieser Arbeit ivar der renommierteste Elektrotechniker dieser Gegend berufen. Als die Probcbclenchtmig stattfand, bei der der Großfürst zugegen ivar, ließ er den Elektrotechniker zn sich kommen. Nachdem ihm dieser über jedes einzelne Objekt genaue Aufklärung gegeben hatte, klopfte ihm der Großfürst ans die Oebnlter und sagte: „Sie haben ihre Sache gutgemacht, Meister Isackoff. Ich ernenne Sie zu meinein Hoflieferanten, denn ich [litt sehr zufrieden." Hierauf schüttelte er ihin freundschaftlich die Hand. „Ich [>m überglücklich, die hohe Anerkennung Eurer kaiserl. Hoheit erivorben zu haben," crlviderte Isackoff, „uitd ich tverde stets betnüht seilt, utieh der Hoheit Auszeichnung, den Hoflieferautcntitcl führen zu dürfen, lvürdig zu erweisen. Nur gestatten ntir kais. Hoheit, eilte tilttertänigste Bitte zu Füßen legen zn dürfen." ■— „Was wäre das?" frug der Großfürst neugierig. — „Ich bitte um Gnade, kais. Hoheit," sagte Isackoff uitd warf sieh in die Knie. „Warum? Was ist deilil borgefallen? Erzählen Sie mir, aber fassen Sie sich ktirz." „Ich habe den Ausweisungsbefehl bekommen, kais. Hoheit." „Sie, den Ausweisungsbefehl? Wie ist deitn das möglich? Was haben Sie denn verbrochen?" — „Verbrochen? Kais. Hoheit, gar nichts. Aber weil ich Jude bin, soll ich das Laitd verlassen müssen." — „Sie sind Jude? Warum Hab' ich das nicht früher gelvußt?" Ter Großfürst trat einige Schritte zurück, tun au den Juden nicht ztl nahe zu stehen, ließ sich Wasser bringen und lvuseh sich die Hand, die er dem berühmten Elektrotechniker reichte, als ob er sie mit Oelfarbe beschmutzt gehabt hätte, dann fuhr er fort mit feinen Fragen. „Wer hat Sie zu dieser Arbeit beskintutt?" — „Ter Haushofmeister Eurer kais. Hoheit, Exzellenz boit cntgcguete Isackoff. „Tiefer Mann muß mir sofort aus dent Hause," rief der Großfürst im befehleudeit Tone. „Er mtlß zur Veranlwortung gezogen iverden." — „Wann müssen Sie denn schoit fort?" — „Innerhalb aeht Tagen, kais. Hoheit." „Wie lange brauchen Sie, um Ihre Arbeit ztl vollendett?" — „Miltdestetts 14 Tage." — „Dann schicken Sie Ihre Fatuilic zuerst ins Ausland und Sie folgen, sobald Sie bei ntir fertig sind." — „In Anbetracht der Hoheit Zufriedenheit Eurer kais. Hoheit hatte ich auf den Allerhöchsten Schutz gerechnet, umsomehr, da ich uitbescholteu bin, meiner Militärpflicht in Rußland Genüge geleistet habe, die Steuern vünktlich bezahlte tind mich in ganz Moskau des besten Lcumuildes erfretie." — Ter Großfürst machte eine abwchrcnde Handbelvegtiug. Nochmals versuchte Isackoff kniend, den Großfürsten zu erweichen und um Gnade zu bitten. — „Erlauben Sic mir?" fiel der Großfürst ein. „Wollen Sie noch mehr Gitadc? Genug an dem, wenn! ich Ihnen erlaube, einige Tage sich länger in Rußland aufhalten! ztl dürfen, als Ihre Familie." j i lieber den Generalstreik in Baku. Die Ankuitft des frü-! Heren Gouverneurs von Wsilna, v.W a h l, der vom Ministerium in besonderer Mission nach Baku geschickt worden war, gab dem sozialj demokratischen Komitee Glegenheit, die Arbeiter Bakus in einer' Flugschrift mit diesem Henker der Wilnaer jüdischen Arbeiterschaft bekannt zu machen, gegen den seinerzeit Hirsch Lockert, ein jüdii scher Arbeiter, einen Rache an schlag unternommen hatte. Die Flugschrift machte die Arbeiter darauf aufmerksam, daß Herr v. Wahl' auch hier seine Methode in Anwendung zu bringen und die zahl- . reichen Nationalitäten Bakus (Armenier, Russen, Tartarcn, Gru-! sinen und Juden) gegen einmtdcr aufzuhetzen versuchen werde, um j sie uneinig zu machen. Auffallend ist es, daß am zweiten Tage ' nach der Ankunft Wahls in der Stadt Aufrufe zirkulierten, welche die Unterschrift trugen: „Gesellschaft zum Schutze des russischen Zaren", uitd zur Mißhandlung der Juden auffordericn. Doch nutß zur Ehre der Arbeiter von Baku betotit werden, daß sie sich demgegenüber vollkommen ablehnend verhielteit. Dieses Vorgehen wurde abermals mit einer trefflichett Proklamation des sozial- ' demokratischen Komitees beantwortet rmd man konnte überall bemerken, daß sich die Arbeiter in der Diskussion der Argtnnente dieser Proklamation bedientett. Schließlich ließ Herr Wahl Broschüren tonalen Inhalts, ja selbst eine solche über das Märtprcrleb-n des heiligen Seraphin, zu dessen Grab kürzlich der Zar selbst wallfahrtete, verbreiten. Doch das wurde mit höhnenden Vemerkungen aufgenontmen; man hörte Arbeiter äußern: „Hoho, vorüber sind die Zeiten, da man solchen Kohl glaubte, daß ein Mann liebzehn Jahre ohne Speise tind Trank unter ciitem Felsen gelebt habe!" Bcsoitdere Maßregeln wurden bis jetzt nicht tinternommen, matt hört bloß voit allerlei bedrohlichen Projekten; Baku soll seine Gemeindea'itonomie verlieren und eilten kaiserlichen Kommissär erhalten, mich die Polizei soll vermehrt werden. In dem mehr als zwei Wochen lang dauerndeit Streik erlahmten schließlich die Kräfte der Arbeiter, die von keiner Seite materielle Unterstützung erhalten hatten. Dennoch sind in vielen Unternehmungen nicht unbedeutende Erfolge zu verzeichnen; andere Unternehmungen nahmen die Arbeiter unter den alten Bedingungen wieder atif und ntir einzelne, darunter die reiche Firma Brüder Nobel, reduzierrcn den Lohit um 10 bis 20 Prozent. Der moralische Erfolg des Ausstandes ist aber ein ungeheurer; cs lvar Gelegenheit geboten. in freiester Weise ztl agitieren und den Arbeitern zu zeigen, wer ihre Frettnde tind ivcr ihre Feinde sind. l Twinsk. Tie hiesige jüdische Handwerkcrschule, ivelche in diesem Jahre 110 Zöglinge zählte, soll eilt großes tteties Schulgebäude erhalten, lrodurch die Zahl der Schüler auf 225 erhöht werden kann. Zu den auf 00 000 Rubel veranschlagtcit Batikosteu hat die Ica 40 000 Rubel bewilligt, 5000 steuert das Komitee zur Unterstützung jüdischer Handwerker ttnd Ackerbmier \n Rußland bei und 10 000 Rubel sind aus Privatsammluitgeu geflossen. Der Rest im Betrage von 5000 Rubeln soll atls den Erträgnissen der Karobka-Gelder entnommen werden. Warschau. Hier ist es, wie bereits gemeldet, am vorigen Donnerstag zu schweren Krawallen gegen die Juden gekommen. Mait schreibt uns hierüber unter dem 14. August: Die Berichte über de'.t Ursprtutg der Krawalle lauten noch sehr widersprechend. Ein Israelit soll einen orthodoxen Knaben ausgescholten haben, nach anderen hätte er denselben, den Sohn eines höheren Beamten, mit häßlichen Schimpfworteu belegt. Um beide sammelte sich eine Volksmenge an, der Israelit wurde von einigen Herren geohrfeigt, Glaubensgenossen eilten ihm zu Hilfe und im Handumdrehen war eilte allgemeine Schlägerei tmtvtUen des Iudenbiertels im Gange. Tie herbeigeeilte Polizei ivurde verhöhnt, mit Steinen geworfelt und mußte sich schließlich ztirückzieheil. In weniger als einer halbett Stunde war die Franziskanskaja und die Genchaja — die beiden Hauptstraßen des Judenviertels — in vollem Aufruhr, der sich bis zum Krasinski-Garten und dem Palaste im Süden und bis zur Wladimir-Kaserne rasch ausdehnte. Atls den volksreichen Nachbarstraßen drangen durch übertriebene Gerüchte erregte intb erbitterte Volkshaufcn in das Itidettviertel, dessen Straßenzugäuge die Polizei vergeblich abzusperren suchte. Die Polizisten wurden mit Flaschen, Steine» tntd allerhand Hausgerät beivorfcn, in einem Falle sogar siedettdes Wasser aus den Fenstern auf sie gegossen. Jetzt eilten Kosaken vom Fort Alexej kommend, die Franziskanskaja hinunter und begannen diese rechts uitd liilks dreiilhaucud ztl säubern. Bald faitdcu Überall blutige Handgemenge statt. Tie Zahl der hierbei Verwundeten Ivird sehr verschieden angegeben. Iit dem Krankeuhause am Nächstliegenden Breni-Platze ivurden einige sechzig Verlvundctc eiugeliefert. Die ineisteii Verletzteit aber versteckten sich in ihren Häusern, liut der Verhaftung und Ivciteren Mißhandlungen zu eiltgeheu. Der Generalgouvcrueur erschien persönlich, gab die schärfsten Befehle zur sofortigelt Wiederherstellung der Ordinnig uitd ließ das Inden- Viertel sperren. Die Zahl der Verhafteten beträgt noch jetzt, nachdem schon viele Inhaftierte tvieder entlasseit worden, 582. London. Ein Protest gegen die Vorschläge der Freniden- Koiiimissi'oii tvird auf Antrag der jüdischen Schneider-Gewerkschaft zu Manchester atif dem bevorstehettdett Kottgreß der englischen Tradcs Union ztir Verhandlung gelangen. Die betreffende Resolution lautet: „Indent auch der Kongreß eilte Regulierung des EiiilvauderungSweseus für zulässig hält, erklärt er, daß l. aus keiner der vor der Kommission abgegebenen Zeugeu-Anssageu die Notwendigkeit einer gesetzgeberischen Aktion hervorgeht; 2. eine Gcsetzgebuilg auf Grund der von der Kommission gemachten Vorschläge eine Verletzung der freiheitlichen Ueberlieferuiigen des Landes tntd eilte Ungerechtigkeit gegeit die Juden bedeuten wird, tvelchc durch harte Atisuahmsgesetze zum Verlassen ihrer Heimat gezlvuiigeil werden; 3. die Wohiiungsnotfragc ntit der Fremdenftage nichts ztt schaffeil hak." — Mr. Arnold White ist von Seiten der russischeil Regierung große Ehre tviderfahrcu: Der internationale Antisemit hat, >vie Sie bereits mitteiltcn, eitlen „Platt zur Lösung der Iudenfrage" nicht nur eutworfeit und in der „National Review" veröffentlicht, sondern diesen Plan allen Ernstes der Regierung des Zaren unterbreitet. Iit diesen Tagen ließ das russische Miuisteriunt des Aeußern Herrn White durch den Londoner Botschafter feierlich uitd offiziell mittcileu, daß sein Vorschlag, eilte iit Petersburg abzuhalteude Konferenz der beteiligten Mächte (Rußland, Englaitd tind Amerikas behufs Lösung der Iudenfrage zu genehmigen, dem Kaiser vorgelegk lvurde, daß die Regierung jedoch nach längerer ernster Beratuttg ztt der Ansicht gelaugt sei, eilte Koufereuz. welche sich mit einer internen russischen Augelegeuheit befassen soll, unmöglich geitehmigen ztt könuett. Wie schade I Safcd. Im Herbste dieses Jahres ivurde hier eilte Volksküche unter dem Namen „Beth Lechem Haglili" eröffnet, ivelche beständig 40 arme, alte Männer und Frauen von verschiedenen Colelim tmd Gemeinden beköstigt. Diese Anstalt wtirde auf Initiative des Herrn Maer Taubenhaus, Vorsteher der hiesigen rumänischen Gemeinde und dtirch den von Rabbiner Dr. Winkler in Berlin ins Leben gerufene „Hilfsvereiu für arme rumänische Juden" gegründet. Es hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß diese Anstalt einer Erlveiterung bedarf, mit die hier so stark herrschende Not zu lindern und so mancheit voit den hier bestehenden Missionsstiftungen fernzuhalten. Tie Leiter desselben haben sich daher vorgettommcn, ihr Werk zu vergrößern um 1. eilte größer? Anzahl der Armen tind Elenden zn beköstigen, 2. armen, verlassenen Talmud-Thora besuchenden Waisenkindern Mahlzeiten zu verabreichen. 3. eine Teeanstalt, die von größter Notwendigkeit für die Armen der Stadt ist, zu eröffnen. In Anbetracht dessen, daß Sased. die Hauptgcmcinde Galiläas, die nach Jerusalem die größte Zahl jüdischer Einwohner tmd mit ihr die größte Not aufzuweiscu hat uitd doch an wohltätigen Anstalten so artn ist tind daß die obengcdachte Volksküche an Reinlichkeit, guter Leitung tntd Ordnung sich anszeichnet, daß sie vielen in Palästina bestehenden Aitstalbn als Muster dielten kamt, erachte ich es als Pflicht seitens unserer Volksgenossen. die Gründer dieser Stiftung zti ermutigen tntd durch milde Gaben die für diese Stadt so wichtige Anstalt zu tmterstützen, damit sie nach dem Wunsche ihrer Leiter und ztnn Wöhle der Bedürftigen erhalten und erweitert werden könne. Ben M o r d e ch a i. Neue Dokumente zum Verhalten der Päpste gegen die Inden veröffentlicht ans dem vatikanischen Archiv P. K. Eubel iit der letzten „Römischen Quartalschrift für christliche Altertumskunde tmd für Kirchengeschichte": Clemens der Siebente läßt am 10. Juli 1381 mit Rücksicht auf den Grasen Amadeus voit Savohen Strafgelder, welche dem Itldcu Psaac von Toledo in Petzalata voit der apostolischen Kammer abaeuommen worden waren, dem Juden Simon voit Nantuas in Castillioite restituieren, da die konfiszierten Gelder diesem gehören sollen. Derselbe Papst befiehlt am 10. April 1387, daß wuchernde Iudeit in Arles, Avignon, Maguelone, llzes und Nimes erhobene Wücherzinsen ztirückzahlen müssen, bei Bcrmcidmtg der Ausschließung vom Verkehr mit Christen. Der gleiche Avignon-Papst verbietet gleich vielen seiiter Vorgänger, daß ein Jude tutfreilvillig zum Empfang der Taufe ungehalten werden dürfe. Boitifaz der Neunte ninnnt am 5. August 1301 den in Rieti wohnendelt Juden Manuel de Danieli de tirbe mit all seiner Habe in Schutz; desgleichett den von der päpstlichen Kammer anacstellteu Sachverständigen tmd Schätzer Benedikt Melis zu Rom. Der Jude Angelus Mauuelis wird am 1. Juli 1302 zum Arzt tmd Familiären Bottifaz des Netutten augcnommeu tmd dem Schutz des heiligen Petrus und der römischen Kirche empfohlen. Ebenso wird am 23. Oktober 1302 der zti Perugia wohnende Salomo» de Metasia de Sabatuchio als Famaliare bestätigt. Eine Stifttmgsurkunde für ein Spital und Kirche in Coimbra ivird genehmigt, obwohl sic an einer Stelle errichtet ivcrden sollen, ivo die Juden drei Hostien begraben haben sollen, wodurch der locus „immmidus sive sterguilinetts" geworden ist. Dies hörte wieder auf; denn die Hostien ivurden nachher tutversehrt ivieder ausgegrabeu. — Für den vor vier Jahren getauften, in Veitedia iveilendeu Juden Abraham Nicolai, der (so eilte Art amerikanischer Doktor) mir In Kairo oder Damaskus promoviert hatte tmd ein Diplom vom Sultan voit Babylon besaß, erläßt Boitifaz unter dem 31. Juli 1308, daß dieser nach abgelegtem Examen vor dem Bischof von Nusco tntd vor drei Mägistri in artibtis et phhsica die gleichen Privilegien genießen dürfe, als wenn er in Paris oder Bologna studiert hätte. Seine bedeutenden Kuren in Venedig iverden dabei erwähnt. — Ein getaufter Paulus (ehedem Jakob) nebst seiner Frau Katharina (ehedem Raime) und ihren Kindern Franz (ehedem Ladcmann) und Maadalene (ehedem Freut), also deutsche j Juden werden alle» Cliristgläubiaen empfohlen, desgleichen dein in Eichstätt wohnenden Juden Moses pon Hepdeck und seiner Gattin Berthlcin ihr Eigentum bestätigt, da sie zum Christentum übertreten. Am 15. Oktober 1402 ivird der Jude Angelus SamneliS ftt Mileto zum Richter iit Kriminal- und Zivilsachen für die in Cosenza. Mortalto tmd Tropen wohnenden Juden (für Streitigkeiten unter ihnen selbst) ernannt. Die Bischöfe müsse» den Inauisitoreu iit deit Weg treten, iveil sie mebr aus Habsucht als aus auf Iveitere zwei Jahre zu bewilligen. Diese „probksorißhe" Vcrivendung der „Iudensteuer", die schon seit 13 Jahre» dauert, wird ivohl erst mit der Aufhebung der, lvie bekannt, gleichfalls „provisorischen" Maigesetze vom Jahre 1882 ihr Ende nehmen. — In Bezug auf die Karobka hat der Seitat soeben eilte bedetttsame Entscheidung getroffen. Die Sommerbrände, ivelche jahraus jahrein Dutzende von jüdischen Städtcheit zerstören und das jüdische Nationalvermögen alljährlich um viele Millionen Rubel schädigen, bilden eine der wichtigsten Ursachen der unter den Jude» Rußlands herrschenden unsäglichen Armut. Atich in diesem Jahre hat das Feuer das unglückliche Ausiedeluugsrahoit schiver heimgesucht und weuu man diesmal iveuiger als sonst davon liest, so ist dies nur deshalb der Fall, weil das große nationale Unglück iit Kischeuelv alle kleineren Katastrophen völlig in den Hintergrund gedrängt hat, so daß mau von den große» perheereudeit Bränden, welche die Städte Prohost, Radilt, Slolpzi, Schnulen tlsiv. etugeäschert haben, gar nicht mehr spricht. Diesen Abgebrannten kommt eine Seuats-Eutscheiduiig sehr zu Statte», taut welcher jüdische Abgebrannte berechtigt sind, aus den Erträguisseu der Karobka eine Unterstützung zu beausprucheu. Aus diesem Grunde ivurde der Gouverneur von Wolhpuie» augeiviesen, au vier jüdische Familien aus dent Städtchen Kuuew, Ivelche bei der am 8. d. M. daselbst stattgehabteu großen Feuersbruust um Haus »uv Hof gekommeu sind, die ihnen von der jüdischen Geineiude bewilligten Uuterstütztmgeu aus den Rcslbestäudeu der Karobka umgehend auszuzahleu, was vom Gouverneur Veriveigert lvordeu war. — Der Gvuverueur von Taurien hat ben Laudrat des Kreises Jalta telegraphisch augeivieseu .tvährend der Erntezeit und darüber hinaus bis auf die Dauer von 0 Monateu den Juden den uilbeschräutteu?tufeuthatt im ganzen Ialtaer Kreise zu gestatten. Nach Ablauf der Frist und nachdem die Bauern ihr Getreide, ihren Wein uitd ihren Tabak zu guten Preisen au die Juden verkauft haben werden, treten die provisorische u Maigcsetze wieder in Kraft und der Mohr, der seine Arbeit getan hat, kamt ivieder gehen. — Zahlreiche jüdische Bauern aus beu siidrussischeu Kolonien haben erklärt, daß sie iitfolge großer Landknappheit nach Argentinien ausivaitdern möchten. Die Iea hat erklärt, daß sie gerne bereit ist, diese tüchtigen jüdischen Laitdivirte in ihren Kolonieit mietrzubringen, falls sie die Reisekosten selber bestreiten wollen. Je nach der Größe der Familie und der Zal)l der arbeitsfähigen Erivachsenen sollen sie 100 bis 200 Hektar Land in der Nähe einer Eisenhahustativit, außerdem pro Familie je 10 Kühe, 8 Ochsen und den erforderlichen Hühnerhof erhallen. Die Kolonisten finden bei ihrer Aiiküuft au Ort und Stelle alles bereit, ivofür sie utit 4000 Rubel resp. 10 000 Frcs. belastet werden^ ivelche sie in ztvauzig Jahren abzutrageu haben. Eingesendet. Geehrte Redaktion! Neber den tu Basel tagenden sechsten Zionisteu- Kongreß finden wir in allen Zeitungen der Monarchie, in den kleinen, großen und allergrößten, ohne Unterschied der Partei- und politischen Richtung, mehr ooer minder ausführliche Berichte, nur das „Weltblatt" „Neue Freie Presse" erwähnt davon mit keinem Sterbenswörtchen, als ob kein Zionismus existiere, als ob die Anführer des Zionismus nicht ihre Hauptredakteure. wären. Mir scheint, daß gerade ein „Weltblatt" wie die „Neue Freie Presse" die Pflicht hat — wenn auch ohne jedweder Stellungnahme — ihre Leser über die zionistische Bewegung zu informieren, da ein Leser, welcher unglücklicherweise keine andere- Zeitung als die „Neue Freie Presse" liest und nur von ihr seine Weisheit schöpft, von einer Bewegung, welche bereits bis in die tiefsten und dunkelsten Winkel des Erdballes drang, keine Z4enntnis erlangen kann und Gefahr läuft, verspottet zu werden. Meint die „Neue Freie Presse" etwa, daß sie imstande ist, durch ihr Todschweigen die ganze Bewegung zu vernichten, oder will sich dadurch das „Wellblatt" den Wiener jüdischen haut« flnance den Anschein geben, als ob es sich um Juden und Judcutum nicht kümmert? Die zionistische Bewegung läßt sich schon einmal nicht todschweigen, selbst durch das Schweigen des „Weltblattes" nicht, und wenn sie auch von den wichtigsten Vorkommnissen im Judentum keine Notiz nehmen will, hört sie doch nicht auf, in gewissen Kreisen „Die Jüdin aus der Fichtegasse" genannt zu werden. G o r l i c e. D. H. eine Tat unbestraft bleibe, als daß ein Nuschuldiaer verurteilt iverde". Der Jude Salomo ztt Nimitti ivar augeklaat, er habe Elifistemnädcheu verführt durch die nach Häresie riechende Vorspiegelung „non esse peeeatmn, Christianas eoncnmbere cum Iudaeis". Die Beweisaufnahme versagte tmd der Jude ivurde freigesprochen. Petersburg. Die sogenantite „Karobka" (Flcischsteuer) soll bekauutlich zur Vestreituua der jüdischen Gemeiudeausgabeu und zur Unterhaltuua der jüdischen Wohltätigkeits-Institutionen dienen. Nun hat der Miuisterrat beschlossen, die zur Verstärkung der Schutzmaunschaft der Stadt Kiew erforderlichen Summen, ivelche seit 1801 „provisorisch" aus den Karobta-Geldern entnommen werden. Mitteilungen ans dem Publikum. „Fredin", das beste Putz- und Konservierungsmittel für färbige und schivarze Schuhe übertrifft alles bisher Dageivefeue au Schuhputzmitteln. Dtirch rationelle Art des Schuhputzens mit „Fredin" ivird nicht nur ein schöner, lackartiger Glanz erreicht, soudern auch das Leder durch die dem Präparat beigefügteu Oele am besten erhalten. Die seit 20 Jahren bestehende Firma Solle & K a r H , Wie» 12/1, Fabriksgasse 17, versendet auf Wunsch kostenlos Prospekte. „Fredin" ist in alten Schuhivareu-, Zugehör- und Lederhaudtuugeil, Drogerien usiv. zu haben. Wir beriveiseit tiusere gesch. 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