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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. August 1903 Seite 5 Stunde. Gesucht werden in der Stadt Kapstadt selbst gute Zimmermaler, Maurer und Steimnetzarbeiter. Daselbst können die Handwerker jeder Branche Arbeit finden, wenn sie ihr Handwerk gut verstehen und kurze Zeit zmvarten können. Natal: Das Leben ist sehr teuer. Fachkundige Arbeiter finden lohnende Beschäftigung; tüchtige Stuckaturarbeiter können täglich bis 16 Kronen verdienen. Es werden auch Metalldrechsler und Maschinisten gesucht. Bei den Staatsbahnen werden auch viele Maschinisten und Heizer ausgenommen. Australien: Neu-Südwales ist absolut keine Arbeit vielmehr eine Ueberfüllung, von Arbeitern, welche viel Not leiden. In Victoria: ist kein Bedarf an neuen Arbeitern. Oueenslaud: Im Norden sind Taglöhner, im Süden Feldarbeiter erwünscht. Westaustralien: Gesucht werden Feldarbeiter, andere Kategorien finden schwer Arbeit. Nen-Seeland: Fachmänner bei Vauarbeiten finden Arbeit genug: ebenso Tischler, Drechsler, Weber, Maschinisten, Schneider und Schuster (für größere Warenlager). Einfache Arbeiter ohne besondere Fachkenntnis finden schwer Arbeit. („Fraind".) Ausland. Fürst Krapotkin über Kifchenew. Fürst Peter Krapotkin, der durch seine hervorragenden literarischen Arbeiten bekannte russische Revolutionär, hat anläßlich des im Hydepark iu London gegen die Kischinewer Ereignisse stattgehabten Protestmeetings folgendes zur Verlesung bestimmtes Schreiben versaßt, das von dem in Paris erscheinenden russischen Blatt „Revolutionaja Rossija" veröffentlicht wird: „Ich bedauere es lebhaft," heißt es darin, „daß ein Unwohlsein mich verhindert, auf dem Meeting das Wort zu ergreifen, um dem Entsetzen und dem Schamgefühl Ausdruck zu geben, die ich bei dem Gedanken an den widerwärtigen Ausbruch des religiösen Fanatismus und des nationalen Hasses empfinde, der in Kifchinew bekundet wurde. Den Opfern der schrecklichen verbrecherischen Taten, die an wehrlosen Juden verübt wurden, wollen wir die Versicherung unseres tiefsten Mitleides entsenden. Bor allem müßten aber die Namen der wirklichen Urheber des Kischinewer Gemetzels, die eine ganze Reihe solcher Schandtaten in Petersburg, Kiew und anderen Städten vorbereiteten, an den Pranger gestellt werden. Dies sind jene Lenker des russischen Reiches, die während der letzten drei Jahrzehnte mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln den religiösen Fanatismus der Orthodoxen gegen Andersgläubige schürten. Sie benützten das Gesetz, die Schule, die Presse, die Allmacht der nationalen Kirche und die Unbeschränktheit der Bureaukratie, um dem Volke den Glaubenshaß einzuimpfen und auf solche Art und Weise, der Parole „teile und herrsche" folgend, im Kaukasus, in Polen, in Finland und in Turkestan die Völker zu unterdrücken. Statt die mittelalterlichen, die Rechte der Juden beschränkenden Ausnahmsgesetze abzuschaffen, wie dies 1861 geplant war, fand man unter Alexander III. und unter Nikolaus II. nichts Besseres, als die ohnedies sehr beschränkten Bürgerrechte der Juden noch mehr zu schmälern. Die Politik des' Grafen I g n a t i e w, die den Zweck verfolgte, die vier Millionen russischen Juden zur Auswanderung zu zwingen, begünstigte die Judenhetze und setzte alle Hebel in Bewegung, um brutale Judenverfolgungen zu inszenieren, wie sie 1882 in Kiew, Warschau, Rostow u. s. w. stattfanden und wie sie sich unlängst in Kischinew in einer noch schrecklicheren Weise wiederholt haben. Bei all diesen Schreckenstaten begünstigte stets die Polizei den Raub. Sehr bezeichnend ist die Tatsache, das derjenige Mann, der während der Judenverfolgungen im Jahre 1982 an der Spitze des Polizeidepartemsnts stand, v. P l e h w e, jetzt Minister des Innern ist. Damals wie jetzt besteht die Politik dieses Ministeriums in der Förderung der Judenverfolgungen, um für die allgemeine Volksunzufriedenheit ein Ablenkungsmittel zu finden. Zwar hat v. P l e h w e in einem halboffizielleil Gespräch mit dem bekannten russischen Professor I a n s ch u l erklärt, er sei bei weitem kein solcher eingefleischter Antisemit wie Nikolaus II., allein dieser Verrat des zarischen Ministers liefert abermals den Beweis, daß der Grundzug des russischen Absolutismus die Begünstigung des religiösen und Rassenhasses ist." Nach den Wahlen. Für die Stimmung in jüdischen Kreisen nach den letztenReichsratswahlen ist folgender Posener Brief charakteristisch: So war es schon immer und überall, nur der Ton ändert sich, nicht die Musik. Und nicht einmal die Allslegung der Gründe der Siege und der Niederlagen ist eine andere geworden. Die Antisemiten haben trotz der Schlappen in! Sachsen einen großen moralischen Erfolg erzielt, „ihre Zukunft j liegt i ur O st e n", „w o der Liberalismus abgeivirt-! schäftet Hab e". Die Sozialisten haben nun bewiesen, wie sehr ' sie die Welt beherrschen. Der Liberalismus will sich die Er- - fahrungen zu nutze machen u. s. w.; allein das Zentrum gibt sich! den 'Anstrich behaglicher Zufriedenheit. Mag mau aber auch über! diese tendenziösen Nekrologe spotten und ganz richtig taxieren,' daß sie nltr ad majorem glorinm suam dienen sollen, für uns,' die wir hier nicht parteiliche Politik treiben, lassen sich Lehren! genug daraus ziehen, für uns im Osten besonders, weil uns hier j Gefahren drohen, für die wir Verständnis haben iutb betätigen, müssen. Mit vollein Rechte konnte ein Posener Blatt die Bej hauptung aufsrellen, daß noch niemals die Verhältnisse im Osten; so zerfahren waren wie jetzt, wo die Einigung der Deutschen! theoretisch so hübsch funktioniert. Es hat sich tatsächlich gezeigt, \ daß Partei gegen Partei sieht, daß Katholik gegen Protestant, i Ehrist gegen Jude steht. Sie alle werden durch nichts zusammenj gehalten, als durch die Furcht der einzelnen Personen, sich bloßj zustellen. So zerfahren sind die Verhältnisse im Osten geworden, j daß die politischen .Handelsgeschäfte hinter verschlossenen Türen! gemacht werden. Eines Tages wird verkündet, das und das ist! zwischen den Deutschen vereinbart, worden, das heißt zwischen fünf bis sechs Personen, von denen der eine noch ans dem „Beschlußkomitee" allsscheidet, und dieser Beschluß wird ausrecht erhalten gegen den Willen der Mehrzahl der Bevölkerung, allein aus dem oben angegebenen Grunde. Die Kandidaten im Osten werden den Wählern aufoktroyiert. Der Apparat wollte indessen schon diesmal nicht mehr funktionieren. Man brallcht gar nicht einmal Prophetengabe zu besitzen, um Vorhersagen zu können, \ daß sich diese Verhältnisse nicht mehr aufrecht erhalten lassen! werden. Die Einigkeit der Deutschen brachte denn auch schon j diesmal beil Polen ein Plus von zwei Mandaten. Es wird also anders werden im Osten, entweder „mit der Leitung oder gegen die Leitung" der Politiker. Und hierin nur liegt für uns die Beruhigung, daß der „moralische" Erfolg der Antisemiten sich nicht steigern und ihre Zukunft im Osten immer nur in der Zukunft liegen werde. Wir haben schon früher staunend und kopfschüttelnd gefragt, wie das bloß möglich wäre, daß man „bedingte" Antisemiten zu Kompromißkandidaten ausstellen könne, wie es weiter möglich wäre, daß nach dem Prinzip des do ut dos die Konservativen in Posen mit den Antiscmiteu in Westpreußm paktieren, um hier unter konservativer Firma mit Unterstützung der Juden einen bedingten Judengegner durchzubringen, auf daß dort der ausgesprochene Antisemit als Erkorener in den -Reichstag ziehe. Der Liberalismus im deutschen Osten hat sich die schwerste Schlappe geholt bei den diesmaligen Wahlen. Das ist ein politisches Debakle gewesen, welches der eine bedauern, der andere bejubeln wird. Uns als Juden aber muß es zum Nachdenken veranlassen, daß wir in dieses Debakle auf eine besondere Weise mit hineingezogen werden. Und hierin liegt für uns die große beherzigenswerte Lehre dieser Wahl. Hierin liegt auch der moralische Erfolg, den die Antisemiten tatsächlich im Osten errungen haben. E b e n s o w e n i g w i e si ch d e r Liberalismus mit den Juden identifizieren kann, e b e n s o w e n i g d ü r f e n e s d i e Juden mit ihm. Wir Juden im Osten, wir wollen uns durch keine politische Handelei hinter verschlossenen Türen abhalten lassen, unser Recht der Selbsterhaltung zu wahren. Wir wollen kein politisches Krämertum, welches nur unsere direkten Gegner fördert. Wir wollen zum mindesten verbürgt haben, daß die Abgeordneten, die durch unsere Unterstützungen in den Reichstag ziehen, unsere Staatsbürgerrechte achten. Soll die Kompromißpolitik das nicht gestatten, dann fordern wir unabhängig von ihr — wollen wir nicht die Schläge heraufbeschwören, die unsere Gegner für uns in petto haben, was so selbstverständlich ist, das die Betonung der Notwendigkeit allein zeigt, wohin wir schon gekommen sind — dann fordern wir, daß wir als Juden respektiert werden. Das ist keine Sonderpolitik, es ist überhaupt keine Politik, das ist die Selbsterhaltung. Fordern wir das energisch und zielbewußt, dann werden wir unter dem Debakle, sei es auch welcher Partei, nicht zu tragen haben. Das ergibt sich für uns mit zwingender Notwendigkeit aus den diesmaligen Wahlen. Discite, moniti! E. Ph. Eine Antikritik zu Bibel und Babel. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlicht in Nr. 188 folgende Berichtigung : „Es werde Licht," eine Aufklärung über Bibel und Babel vdn Dr. Wilhelm Münz, Rabbiner in Gleiwitz, (Verlag ven Wilhelm K ö b n e r, Breslau.) Die in Nr. 140 dieser Beilage vom 18. Juni d. I. abgedruckte Besprechung der obengenannten Broschüre ging, wie sich inzwischen herausgestellt hat, von einer irrthümlichen Vorstellung aus und kam daher auch sachlich zu Folgerungen, die nicht zutreffen dürsten. Jedenfalls könnte die Schlußbemerkung unseres auswärtigen Mitarbeiters geeignet erscheinen, den Verfaffer herabzusetzen. Wir erklären daher, daß uns diese Absicht serngelegen hat und daß wir es bedauern, die betreffende Wendung seinerzeit nicht beanstandet zu haben." Dieser bemerkenswerten Notiz liegt folgender Tatbestand zu Grunde. In dem Eingangskapitel der Münz'schen Broschüre wird die kritische Methode des Prof. Delitzsch dadurch inein scharfes Licht gesetzt, daß dieselben in fein pointierter, satirischer Weise auf Homer, Shakespeare und Goethe, sowie auf Plato, Spinoza und Kant angewendes wird. Die Satire ist durchsichtig und liegt offen zutage. Der oberflächliche Rezensent der „Nordd. Allg. Ztg." nimmt aber die humorvolle, satirische Darbietung als bittern Ernst und bürdet dem Verfasser die wunderlichen Konsequenzen aus, die sich aus dieser irrtümlichen Vorstellung ergeben. In der angeführten Antikritik sucht nun die „Nordd. Allg. Ztg." die Mißverständnisse ihres Rezensenten zu berichtigen. Antisemitismus im Heere. Durch die Presse ging kürzlich | die Mitteilung, daß der Hauptmann der 10. Kompagnie des! 2. schlesischen Grenadier-Regiments Nr. 11 die Einstellung eines Zweijährig-Freiwilligen wegen seines jüdischen Glaubens beanstandete. Der „Vossischen Zeitung" liegt jetzt der Wortlaut der Antwort vor, die das Kriegsministerium auf eine erhobene Beschwerde erteilt hat. Der Bescheid lautet: „Aus die Eingabe vom 19. Mai d. I. wird dem Zentralverein ergebenst erwidert, daß das Verfahren der 10. Kompagnie Grenadier-Regiments König Friedrich III. (2. Schlesischen) Nr. 11 bezüglich Abweisung! des Handlungskommis Ludwig Hans Hauptmann als Freiwilliger ' durchaus nicht gebilligt werden kann. Das Generalkommando . VI. Armeekorps hat das Erforderliche veranlaßt. Eine von hier « ausgehende allgemeine Verfügung ist nicht erforderlich. Allerhöchst j mit der Vertretung des Kriegsministers beauftragt gez. : sv. Einem. — An den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hier." Serbische Versammlungen. Serbien steht im Zeichen politischer Versammlungen, die täglich von verschiedenen Parteien behufs Bearbeitung der Wähler abgehalten werden. Sehr ruhig arbeiten diesmal die Sozialisten. Sie stellen selbständige Kandidaten auf, deren Sieg jedoch sehr unwahrscheinlich ist. In einer gestrigen Versammlung von Arbeiterinnen wurde sogar die Organisation sozialdemokratischer Frauenvereine beschlossen. Sonn- : tag findet eine Versammlung der Fortschrittspartei mit folgendem i Programm statt: Reorganisation der Partei, eventuelle Kom-; promisse, Stellungnahme zur Regierung. Zur gestrigen liberalen! Versammlung ist nachzutragen, daß die Revolution vom 11. Juni! anerkannt, den Teilnehmern an derselben der Dank ausgesprochen, gleichzeitig jedoch die Hoffnung ausgedrückt wurde, daß die Verschivörung keinen schlechten Einfluß aus die Einigkeit bei den Vertretern der serbischen Armee haben werde. Die für gestern angesagte A n t i s e m i t e n v e r s a m m l u n g wurde von den Sozialisten vereitelt, welche erklärten, Serbien sei kein Boden für eine Judenfrage. Die „Deutsche Wochenzeitnttg" in den Niederlanden schreibt: Für die Hutterbliebeueu der ermordeten Juden in Klschenew wurden hier zu Laude fl. 7449 gesammelt. Dies ist sehr wenig, wenn man in Betracht zieht, wie diele reiche Inden in Holland wohnen. Warschau. Herr N. So ko low, Redakteur der „Hazesicah", kündigt die Herausgabe einer allgemeinen Encyklopäoie der Wissenschaften mit besonderer Berücksichtigung der Wissenschaft des Judentums in hebräischer Sprache an. Das grvßangelegte Unternehmen ist durch einen dafür zur Verfügung stehenden Fonds gesichert. Nachdem Herr Svkolow sich eines großen Stabes jüdischer und nichtjnoischer Gelehrter vergewissert hat, soll in allernächster Zeit mit der Publikation begonnen werden. Petersburg. Der „Freund" meldet nach der „Odeskia Nvvvsti", daß das Ministerium für öffentliche Bildung augeordnet hat, daß in den Abgangszeugnissen, welche jüdischen Lehramtskandidaten nach bestandenem Examen ausgefolgt werden, die sonst in allen Diplomen üblichen Worte: „Mit dem Rechte, als Lehrer zu fungieren in den zweiklassigen Schulen des Bildnttgsministerittms" nicht enthalten sein dürfen. Konstantirropel. Leider ist die Cholera in Syrien wieder in voller Zunahme. Am 15. d. M. wurden in Damas-\ kns offiziell neunzehn Erkrankungen und in Hama in den letzten Tagen dreißig bis vierzig Todesfälle angezeigt. Die > letzteren erreichen erwiesenermaßen 'ine viel höhere Zahl. Biele Todte werden nämlich heimlich in der Nacht begraben. Eine weitere Ausdehnung der Cholera gegen die Meeresküste ist zu befürchten. Es wurde daher mittelst Jrades angeordnet, Hama unter Kordon zu stellen, und dieser Tage geht eine medizinische Kommission nach Damaskus, welcher acht an der Konstantüwpeler Zivil-Medizinschule promovierte Aerzte zugeteilt wurden. Seinlitt. Anläßlich der Thronbesteigung des neuen Serbenkönigs Peter Karageorgewies mag es nicht uninteressant sein, zu erwähnen, daß hier ein angesehener Glaubensgenosse lebt, der in der Jugend des neuen serbischen Staatsoberhauptes eine nennenswerte Rolle gespielt hat. Es ist dies der Kaufmann Herr Georg Spirta, welcher dem Vater Peters, Alexander Karageorgewies, dessen Gattin und Sohn, dem jetzigen König, der damas 14 Jahre alt war, unmittelbar nach ihrer Ausweisung aus Serbien sechs Monate Schutz und Unterkunft gewährte. Alexander Karageorgevics vertraute damals seinem Beschützer Herrn Spirta und seiner Gattin ohne jede Empfangsbescheinigung zwei Millionen Dinars an, die er erst zurückforderte, als er später in Begszeg (Araber Komitat) eine Besitzung ankaufte. Unser Glaubensgenosse wurde vom alten Karageorgewies für seine Gastlichkeit und für die treue Verwaltung seines Vermögens reich beschenkt. London. (Arnold White über die Armut der russischen Juden.) Selbst ein internationaler Antisemit, wieder ehemalige Stipendiat des Baron Hirsch, der berüchtigte Mr. Arnold White, kann nicht umhin, die gegenwärtige Lage der Juden m Rußland für unhaltbar zu erklären. In einem von ihm in der „National Review" veröffentlichten Artikel schreibt er u. a.: Die „Nowoje Wremja" fragt kürzlich in einem antisemitischen Leiterartikel: „Was wollen denn die Juden mehr, als in einem Ansiedelungsrayon zu leben, das weit größer ist als ganz Frankreich?" Tatsächlich stehen aber im weiten Ansiedelungsrayon den Juden nur die wenigen Städte und Städtchen offen, während das gesamte flache Land ihnen hermetisch verschlossen bleibt. Der tatsächlich den Juden in Rußland offenstehende Wohnraum ist demnach in Wirklichleit weit kleiner, als das kleinste französische Departement. Während die Juden Rußlands sich seit 1843 nahezu vervierfacht haben, ist der ihnen offenstehende Wohnraum nicht um einen Zoll vergrößert worden. Die natürliche Folge der weit über die vorhandenen Existenzmittel hinaus gewachsenen Volksvermehrung war, daß jetzt im Ansiedelungsrayon weit über 609.000 jüdische Handwerker leben, während doch kaum für die Hälfte dieser Zahl Arbeit vorhanden ist. Die Löhne sanken in Folge dessen auf 40 Pfg. pro Tag. So groß ist die Not, daß im ganzen Haushalt einer jüdischen Durchschnittsfamilie sich kein einziges Wäschestück — weder aus Leinen, noch aus Baumwolle — befindet. Ein Jude, der in Wilna eine Waschanstalt eröffnet hatte, erzählte mir, vaß die Frauen der dortigen jüdischen Handwerker kein einziges Stück weißer Wäsche in ihrer Wirtschaft besitzen, während die männlichen Mitglieder der Familie sich alle zusammen mit einem einzigen Hemde behelfen müssen. Die Juden lassen nicht waschen und zwar weniger aus Unreinlichkeit, als vor richtiger, unverfälschter Armut. Der ärmlichen Kleidung entspricht eine elende Nahrung. Nur die zähe Lebenskraft des Juden und seine Fähigkeit, sich den widrigsten Lebensverhältnissen anzupaffen, ermöglichen es den Mühseligen und Beladenen des Ansiedelungsrayons, sich noch da zu erhalten, wo der anglo-sächsische Bauer und Handwerker längst zu Grunde gehen würde. Ich habe Berditschew besucht, und was ich da sah, war ein Bild ewiger Finsternis. Alles ist da tod, stumm, düster und verfallen! Die Straßen sind vor lauter Wasserpfützen unpassierbar, die Unrathaufen machen sich da breit, dampfen in der Sonne und lösen sich bei Regenwetler zu einem ekelhasten Brei auf. Zu Skeletten abgemagerte Hunde streichen, nach Nahrung schnüffelnd, durch die Straßen, die Kinder sehen alt und greisenhaft ernst aus, die Männer gleichen in ihren langen Kaftans und mit den wallenden Bärten Gespenstern. Die eigenen Hilfsquellen der Stadt könnten nur einen geringen Teil der Bevölkerung auskömmlich ernähren. In Berditschew würden 30—40 Manufakturisten ein gutes Auskommen haben, allein die Stadt besitzt deren mehr als 500. Die Löhne sind auf 40 Pfg. gesunken. Zertrümmerte Fensterrahmen und von den Wänden abbröckelnde Stukkatur sprechen von der absoluten Hoffnungslosigkeit der Wohnungsinhaber, und nur die Synagoge bringt den Armen noch Trost und Hoffnung. Selbst die Krankenhäuser scheinen dazu bestimmt, bei ihren Insassen kein frohes Gefühl auskommen zu lassen. In Hommel sah ich 18 Männer in einem Raum liegen und sterben. Krebs, Wochenbettfieber, Bright'sche Nierenentzündung, Geschwülste Knochenbrüche und Amputationen sah ich daneben und edurcheinander. Die Träger aller dieser Leiden lagen ohne Unterschied von Geschlecht und Alter auf schmutzigen Lagern gemeinsam in einem engen, düsteren Raume. Sv vegetieren 50, Millionen Juden in Rußland, von denen die überwiegende Mehrheit zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig hat. Urrd. für dieses entsetzliche Elend, das über Millionen von Menschen hereingebrochen ist, sind einzig und allein die Maigesetze verantwortlich. So schreibt ein enragierter Antisemit. Mr. White gibt auch zu, daß in Kischinew Mädchen vergewaltigt, Säuglinge erschlagen und Männer in bestialischer Weise hingemordet wurden. Aber solche Gewalttaten werden sich vertausendsacheu, wenn die Regierung den Juden Gleichberechtigung gewähren und ihnen gestatten würde, die Bauern ungestört — auszuwuchern. Hier tritt unvermittelt und unvermutet der antisemitische Pferdefuß zum Vorschein. Woher die eben als im Elend versinkenden, halbverhungernden russischen Juden plötzlich so viel Geld haben, um damit die Bauern auszuwuchern, wird wohl das eigene Geheimnis des Mr. White bleiben Im Uebrigen hat dieser Herr zur Lösung der Judenfrage auch einen positiven Vorschlag. Mr. White, durch dessen Mund in letzter Zeit manchmal Herr v. P l e h w e spricht, ist der Ansicht, daß Rußland einer auf Betrieb der amerikanischen Negierung in Petersburg zusammenzutretenden Konferenz behufs Lösung der Judenfrage sich nicht widersetzten würde. Nebst den Vereinigten Staalen und Rußland soll auch England an dieser Konferenz sich beteiligen. Die Erweiterung des Ansiedelungsrayons, die Gewährung des Rechts, Land zu erwerben, die Errichtung neuer jüdischer Ackerbaukolonien und endlich die Eiilräumung eines innerhalb oder in der nahen Nachbarschaft von Rußland gelegenen eigenen Territoriums sind die von Mr. W h i t e vorgeschlagenen Heilmittel. Das Geld zur Durchführung dieser Vorschläge soll aufgebracht werden durch Subskriptionen, sowie durch die Einverleibung der Millionen des Baron H-irsch. Aus diese Millionen scheint Herr v. P l e h w e cs abgesehen zu haben. Die halbbankrotte russische Regierung könnte das Geld des Baron Hirsch gut gebrauchen. London. Nev. D. Wasserzug wurde zum Rabbiner der Dalston-Synagoge gewählt. — Wie aus ^ogador telegraphiert wird, ist am 7. d. M. das Judenquartier in Ofran (Provinz Sus) von einer Kabylenhorde vollständig zerstört worden. Alle Hänser und Geschäftsläden wurden ausgeplündert, die Synagoge demoliert. NNanchefter. In Anwesenheit des Lordmayors und der staatlichen Behörden ist am vorigen Donnerstag der Grundstein zu dem neuen jüdischen Krankenhaus gelegt worden.

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