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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. August 1903 Seite 3 Diese Angriffe haben eine große Aehnlichkeit mit den seinerzeitigen Insulten, denen Adolf F i s ch h o f von Seite der Dentschliberalen und Deutschnationalen Blätter und Professor M a s s a r y k von alttschechischer und jungtschechischer Seite ausgesetzt war und von letzterer Seite noch immer aus« gesetzt ist. Aber diese Angriffe mögen den Abgeordneten Doktor S t r a n ch e r und seine Verbündeten aus dem ruthenischen und rumänischen Lager in ihrer lobenswerten Wirksamkeit nicht erschüttern! Kommen wird endlich doch der Tag, wo die Massen des jüdischen Volkes erkennen, daß sie nur als treue Söhne ihres Volkes in der Lage sind, ihre Lage zu verbessern und zugleich auch den staatsbürgerlichen Pflichten desReiches undLandes, sowie denAnfordernngen der Gegenwart Genüge zu leisten. Je früher die Juden diesen Weg betreten, um so früher beschleunigen sie auch den Untergang jener Fraktionen, die von jüdischen Stimmen und jüdischem Gelde vielfach ihre Existenz fristen, trotzdem aber dem verschämten oder unverschämten Antisemitismus huldigen und denselben ebenso nähren, wie den reichsverderbenden, jeden politischen und sozialen Fortschritt hemmenden Nationalitätenhader. Aufgabe der Juden aber kann es nicht setn, diesen Elementen Heeresfolge zu leisten, sondern ihre Pflicht ist es, im ganzen Reiche, ebenso wie es die Freunde des Doktor Strauch er tun, Schulter an Schulter mit jenen zu marschieren, welche die Neuorgan sation Oesterreichs erstreben, im Zeichen der Autonomie der Nationen, der Freiheit und materiellen Wohlfahrt aller seiner Bürger. Die Wahrheit über Floridsdorf. Schuh meier: „Ein Judenbandel. Dr. Adler: „Saubere Mischpoche." Ein großer Teil der Wiener Judenschaft bringt der Sozialdemokratie eine durch nichts gerechtfertigte, aber scheinbar auch durch nichts zu erschütternde Liebe entgegen. Diese Inden, die die schärfste Kritik jüdischer Justitutionen vollkommen kalt läßt, geraten in eine gelinde Wut, wenn man auch nur die leiseste Kritik an den geheiligten Häuptern der Wiener Sozialdemokratie übt. Wir kehren uns freilich nicht daran. Wir haben wiederholt darauf hingewieseu, daß es keinen ärgeren Feind der Sozialdemokratie, die viele ehrliche Elemente in sich schließt, was wir gerne und stets betonen, gibt, als die Wiener herrschende Parteielique, bestehend aus einigen Ex-Juden verschiedener Schattierung, verschönert durch ein paar Renommierchristen. Wiederholt mußten wir den frivolen, antisewitelnden Ton der „Arbeiter-Zeitung" .an den Pranger stellen. Sie pflegt diese Tonart natürlich nur aus einem schlauseinwollendeu Geschäftsgeist. Die „A.-Z." rechnet nämlich mit den weitverbreiteten judenfeindlichen Instinkten der Masse und wünscht, daß sie die Befriedigung dieser Gelüste in ihren Spalten und nicht in der antisemitischen Presse sucht. Anstatt also, wie es die rcichsdeutsche sozialdemokratische Presse immer tut. bei wirtschaftlichen Mißständen nach deu allgemeinen wirtschaftlichen Gründen zu forschen, kann man in der „A.-Z." genau so, wie in der antisemitischen Presse, von „jüdischen" Pfaffen, „jüdischen" Pächtern und „jüdischen" Wucherern lesen. Es ist nicht -Schuld der „A.-Z.", wenn sie nicht das antisemitische Lesepublikum bis jetzt gewonnen hat. Tatsache ist es, daß ihr Geschäftsgeist ihr nicht eiuwal den nötigen Gewinn eiuträgt. und daß ihr Abounentenstand trotz der herzbewegendsten Aufrufe, die wir immer lesen, sich nicht heben will. Dafür übergehen aber ihre antisemitischen Notizen in die sozialdemokratische Proviuzpresse, die im Gegensätze zu der „A.-Z." nicht nur von den Führern, sondern auch von den Genossen gelesen wird. Dort stärken sie die antisemitischen Neigungen der großen Masse. So lohnt die „A.-Z." die großen Opfer an Geld und Geist, die die Inden für sie aufbringen. Natürlich könnte die „A.-Z." nicht so schreiben und nicht so denken, wenn sie nicht den Geist der sozialdemokratischen Negiernugsclique wiederspiegeln würde. Dieselben geschäftlichen Spekulationen, die die Redaktion der „A.-Z." beherrschen, bewegen auch die Wiener sozialdemokratische Regierung. Mit Schrecken nehmen die Herren sozialdemokratischen Generäle wahr, daß die Partei in Wien keine Fortschritte und in der Provinz nur Rückschritte anfweist. Wir erinnern nur an die Bezirkskrankenkaffenwahlen in Karlsbad, bei der die Sozialdemokraten ein schmähliches Fiasko erlitten. Gerade dorten hätte man nicht jenen Rückgang der Sozialdemokratie erwartet, weil der Streit W o l ff-S ch ö n e r e r in den westböhmischen Gegenden eine besonders heftige Form angenommen hatte und den Sozialdemokraten ein wirksames Agitationsmittel bot. Da die Leitung also sieht, daß ihre unfruchtbare Politik, ihre Unduldsamkeit, ihr Clignengeist die Massen abstößt und in das christlichsoziale oder deutschnationale Lager stößt, so steckt sie, anstatt eine Reform an Haupt uud Gliedern im eigenen Lager vorzunehmen, den antisemitischen Köder aus. Nur so ist die förmliche Wollust, mit der man anläßlich der Floridsdorser Affäre von sozialdemokratischer Seite sich förmlich in Antisemitismus badete, zu erklären. In Floridsdorf, dem Wahlbezirke des Abgeordneten S e i tz, hatte sich eine Gruppe von Sozialdemokrateu, Christen und Inden, zusammeugefttudett, die die Mißstände speziell in der Flvridsdorfer Organisation bekämpfen und beheben wollte. Wir enthalten «ns absichtlich jeder Darlegung und jeder Kritik des Materials, das das Organ dieser Opposition, „Die Wahrheit", gegen die Floridsdvrser Vertrauensmänner! vorbrachte. Denn erstens sind die Dinge, die „Die Wahr-! hrit" gegen die Floridsdvrser Vertrauensmänner vorbringt, wahrhaft Lappalien gegenüber den Angriffen, die man gegen die Herren, die um den Wiener Wurstkessel herumsitzen, erheben könnte, und zweitens handelt es sich nicht darum, nachzuforschen, ob und welche Mißstände in der Floridsdvrser Organisation herrschen, sondern wir erachten es als unsere Pflicht, anzunageln wie die sozialdemokratische Parteileitung und ihre Anhängerschaft eine Opposition im eigenen Lager, in der sich auch Jude» befanden, deshalb, weil sich unter ihr auch Juden befanden, behandelte. Das Organ der Opposition, „Die Wahrheit", bringt folgende Mitteilung, die unwidersprochen blieb: Die „Arbeiter-Zeitung", die jedem „letzten" Parteigenossen das Recht der freien Meinungsäußerung über alle Parteiangelegenbeiten großmütig zugesteht, nichtsdestoweniger über die wichtigen Wahrheiten, die wir bislang ausgesprochen haben, schweigt, hat uns im Anfang nicht wenig verblüfft. Nun aber wissen wir, weshalb sie schweigt: sie ist ganz einfach von den hiesigen Parteigranden falsch informiert worden. Ein Mensch von hier ist zum Herrn Dr. Adler gegangen und hat ihm zwei Worte über uns gesagt: „Ein Iud en b and el!" — Daraufhin hat Dr. Adler herzlich gelacht und gesagt: „Saubere Mischpoch Und die Abwehrbewegung war aus. — Wir aber verzichten aus die Intervention der Antisemiten — wir gehen unbeirrt den Weg weiter, den wir nun einmal beschritten haben; weder beschnittene, noch unbeschnittene Sozialdemokraten werden uns aufhalten." Nach der Darstellung Schuhmeiers in der „Volkstribüne" hätten ein „Bändel Juden" die Angriffe gegen die Flvridsdorfer Organisation angestifiet und die antisemitischen Blätter leisten diesem „Bändel" nur Handlangerdienste. Dazu macht das „Deutsche Volksblatt" folgende sarkastische Bemerkung: „O, du Million, du! Jetzt wird gar noch der Schuhmeier antisemitisch und lehrt uns, wie w i r die Juden zu packen hätten. Ihm sind die Flvridsdorfer Antisemiten noch zu wenig antisemitisch. Endlich rührt sich die Parteileitung und beruft eine Versammlung ein mit der bezeichnete» Tagesordnung: Christlichsozial-jüdische Bubenstreiche gegen die Sozialdemokratie. Welch ein Ton bei dieser Versammlung herrschte, beweisen folgende Auszüge, die imr. auszugsweise nach dem „Deutschen Vvlksbtatte" reproduzieren, wobei wir bemerken, daß sie nicht dementiert werden. Genosse „W i l d n e r" leitete nun die Debatte über die Stellungnahme der Floridsdorser „Arbeiterschaft" gegen die Angriffe der „Wahrheit" durch eine in der gröbsten Art und Weise gehaltene Schimpferei ein. Er bezeichnete es als eine „jüdische Büberei" (Zwischenrufe : S a u j u d e n!), wenn Leute wie Neumann, Tiroler re., die am meisten das Sonnenlicht zu fürchtem hätten, und die lieber vor ihrer eigenen Tür kehren sollten, Angriffe gegen ehrliche Sozialdemokraten machen. Unter großem Beifall bestieg nun „Genosse" Schlinger die Tribüne. Er bezeichnete' das Vorgehen Neumanns und Genoffen als einen. „Hochverrat" an der Partei. Er habe damals, als Neumann gekommen sei und ihn von dem baldigen Erscheinen der „Wahiheitin Kenntnis setzte, und ihm Uebelstände im sozialdemokratischen Lager auszählte, das Ganze für einen „jüdischen Kniff" gehalten. (Zwischenrufe: Judenbuben, Saujuden.) Er kam sodann auf die Entstehung der „Wahrheit" zu sprechen, die nur den Zweck hat, den Gegnern Material zu liefern. Und daß diese Kerle mir unseren Gegnern unter einer Decke arbeiten, läßt sich dadurch erkennen, daß das, was in der „Wahrheit" steht, schon jedesmal acht Tage vorher im „Deutschen VolkSbtatt" zu lesen ist. Es werden auch diesmal alle möglichen Lügen über unsere heutige Versammlung im „Deutschen Volksblatt" stehen. Warum ist Herr Hans Arnold Schwer nicht heute zu uns herausgekommen? Dieser Herr getraut sich natürlich nicht in eine Gesellschaft von ehrlichen Sozialdemokraten, er ist nur gewöhnt, in Gesellschaft solcher Leute wie Stumpf, Pleyll u. s. w. zu verkehren. Die „Judeu» buben von Floridsdorf", Neumann, Tiroler, Lohr rc., führen ihr Leute auf der einen Seite ins Lager der Z i o n i st e n und auf der anderen Seite ins Lager der A n t i s e mi t e n; und solche Leute wollen die sozialdemokratische Partei reformieren! Schlinger schließt seine Rede: Ich glaube, wir haben uns heute zum ersten- und letztenmal mit diesen Kerlen befaßt. (Wüstes Gejohle.) Die Ausführungen Schlingers wurden von dessen gleichwerter Ehehälfte, einer Frau in grellroter Bluse, unterbrochen, die immer, wenn Schlinger sich heiser zu schreien drohte, dazwischen rief: „Geh' Toni, reg' di net aus! Jessas na, Toni, halt di z'ruck, san 's ja net wert, die Bagaschi!" „So a j ü d i s ch' G l u in p e r t!" Die Frau Gemeinderätin beruhigte sich erst, als „ihr" Toni das Podium verließ und ihr die Hand reichte, die sie gerührt tätschelte! „Genoffe" S ch im a betritt nun das Podium und nun folgt der heiterste Moment in der Versammlung. Er sagt wörtlich : „In der „Wahrheit" ist gestanden, es werden in nächster Zeit unsere Floridsdorser Parteimänner in bengäulischer Beleuchtung erscheinen; ich werde nun diese Streberbande, zuerst den Herrn Neumann, in bengäulischer Beleuchtung.... Neumann, der anwesend ist, machte einen Zwischenruf und schon entstand ein ungeheuerer Tumult. Im Hintergründe des Saales entspann sich eine regelrechte Keilerei, es wurden „schlagende" Beweise geführt in Hülle und Fülle und in «inigerr Minuten waren die Juden Neumann und Tiroler an die Luft gesetzt. Nachdem die Versammlung, die infolge der ernsten Skandalszenen aus fünf Minuten unterbrochen worden war, wieder ausgenommen wurde, sprachen noch dir „Genossen" Völkl und das sozialdemokratische Kirchenlicht Gemeinderat Konorsa allerlei unsinniges Zeug. Nach langem Hin- und Herdebattieren gelangte nun der jüdische Arbeiter N e um a n n. den man früher für kurze Zeit aus dem Saale entfernt hatte, unter heftigen Pfuirufen der Schlinger-Garde zum Wort. Er bezeichnete sich als idealen Sozialdemokraten, der die Protektivnswirtschaft, die in der Partei herrscht, nicht mehr länger mit ansehen konnte. Er führt zu diesem Zwecke einige Beweis« über Protektion bei Stellenbesetzungen an, wird aber fortwährend unterbrochen. Nun wendete er sich an S ch l i n g e r. der der unduldsamste Mensch sei und nie die Wahrheit vertrage, wenn man sie ihm ins Gesicht sagt. Er (Neumann) stehe seit acht Jahren i» der Partei, sei wiederholt Vertrauensmann gewesen und nie sei er Schlinger „zu jung" gewesen. Schlinger Hab« ihn einen „Schuft" genannt und er verlange, daß er dieses Wort zurücknehme. Also resuurmieren wir. Innerhalb einer sozialdemokratischen Lokalorganisation entsteht eine Opposition. In dem Momente, als es ruchbar wird, daß sich in dieser Organisation Judeu befinden, basiert die ganze Taktik der Parteileitung und ihrer Anhänger nur darauf, das antisemitische Moment hervorzuheben. Man gibt sich nicht die Mühe, die Angriffe zu widerlegen, sondern man schreit- H epp, H e pp! Geradeso macht es Schneider, Gregorig und Konsorten. Das ganze Schimpfrepertoire dieser Herren kann man auch aus sozialdemokratischem Munde hören, Um aber auch den verhaßten Jüdischnationalen und dem „Jüdischen Volksblatt" eins anzuhängen, werden diese, obzwar sie in keinerlei Weise an der Aktion sich beteiligt hatten, in perfidester Weise in die Debatte hineingezogen. Wir haben diesen Coup des Genossen Schlinger, dessen Fähigkeit darin zu bestehen scheint, daß er zu allem fähig ist, in der vorigen Nummer gebührend beleuchtet. Mit Hilfe des Terrorismus, in dem die Wiener Parteileitung immer groß war, wird mau bald die Floridsdorser Opposition erschlagen und in ein paar Wochen spricht in unserer raschlebigen Zeit niemand mehr von dieser Floridsdorser Geschichte. Und doch wäre es jammerschade, wenn unsere Stammesgenossen nicht die Lehre, die sich einem förmlich aufdrängt, daraus zögen. Diese kleine Floridsdorser Geschichte bietet uns nämlich einen deutlichen Vorgeschmack, wie es den Juden ergehen würde, wenn die alleinseligmachende Diktatur Viktor Adlers, Schuh meiers, Schlingers oder ihrer gleichwertigen Nachfolger und Nachbeter einmal wirklich ganz in Erfüllung ginge. Ja, wir geben gerne zu, e i n Recht, das die Antisemiten den Juden streitig machen, das werden die sozialdemokratischen Duodez-Tyrannen ihnen nie absprechen. Nämlich das Recht, Hurra zu brüllen, zu zahlen und offiziell zu wählen, kurz, das Recht, sich für die Partei aufzuopfern. Aber wehe dem Juden, wenn er auch das Recht der freien Meinungsäußerung oder gar einer eigenen Meinung beansprucht. Das konzedieren die Wiener Machthaber selbst den arischen Genossen nur widerwillig. Aber so einem S . . juden! Da erwachen in Sch uh meier die „tiaf'n Tön' aus der seligen Praterzeit" und er ruft entrüstet aus: „So ein Judenbandel!" Und in Viktor Adlers Brust erwachen Reminiszenzen aus dem Verkehr mit seiner polnisch-jüdischen Verwandtschaft und er ruft ebenso entrüstet aus: „Saubere Mischpoche!" und schleudert den Bannstrahl gegen die Ketzer. Der endgiltige Sieg der charakterlosen Wiener sozialdemokratischen Clique bedeutet für die unabhängigen Juden: „Vogel kusch oder stirb!" Das ist die Wahrheit über Floridsdorf! Zettungsschau. Zu den in den russischen Zeitungen angestellten Vergleichen zwischen der Lynchjustiz in Amerika und den Greueltaten in Kischenew, schreibt die „HavanePost" folgendes: „Das Massakre in Kischenew entstieg dem Rassen- und Religionshasse, und die Opfer waren sowohl Frauen und Kinder, als auch Männer, Greise und Hilflose, als auch solche, die stark und widerstandsfähig waren, jene aber, die in den Vereinigten Staaten gelyncht zu werden pflegen, sind Opfer des Pöbelgesetzes, denen Verbrechen nachgewiesen werden konnten, wie das jenes Negers, der in Delaware verbrannt wurde. Das Lynchen wird von den gesetzachteuden Männern aus oas schärfste verurteilt, und die Teilnahme ohne weiteres mit dem Tode bestraft; darum aber können die russischen Mörder in Kischenew, die säst straffrei ausgehen, noch lange nicht zu den Amerikanern sprechen: „Gerade wie du!" Im Uebrigen sind solche Mörder, die die Straßen von Kischenew mit. Menschenblut besudelt, wohl die geeignetsten Objekte, um in Amerika gelyncht zu werden; darum schicket sie zu uns, und wir werden bemüht sein, dem beleidigten Menschentum Genugtuung zu verschaffen." Weiter schreibt dieselbe Zeitung: „Anläßlich der Schandverbrechen in Kischinew hielt Dr. Robert S. McA r th u r in der Calvary-Baptistenkirche eine Predig:, wo er unter anderem noch folgendes sagte: „Es ist sine unleugbare Tatsache, daß der russische Gesandte in Newyork ein Geheiintribunal eingesetzt Hai, um die N e l i g i o n der amerikanischen Bürger h er aus z u find en, die ihn um sein Visum ihrer Auslandspässe ersuchen, und wenn er entdeckt, daß es Juden sind, dann entehrt er die amerikanischen Regierungsdokumente ihres Bürgerrechts, und legt auch nicht den geringsten Wert auf einen Paß, von dem amerikanischen Minister des Aeußern ausgestellt, sobald er in der Hand eines Juden sich befindet. Wenn beispielsweise morgen eine Versammlung der weltberühmten Musiker in Rußland stattfinden sollte, so tonnten wohl Beethoven und Wagner einziehen, doch beileibe nicht Mcy-rbeer und Mendelssohn. Wäre es eine Versammlung der Staatsmänner, so könnten nur Bismarck und Gladstone auf freien Zutritt rechnen, nicht aber Disraeli und Ottolenghi, Würde cs sich um eine philantropische Versammlung handeln, so würde man nur Peabody Einlaß gewähren, nicht aber Moses Montefiore. Bei einer Zusammenkunft der Finanzgrößen kämen nur Morgan, Rockseller nnd Carnegie in Betracht, nicht aber Rothschild, Seligmann und Schiff. Bei einer Versammlung amerikanischer Staatsmänner würde diese zweifelhafte Ehre nur Roosevelt und Gdell zuteil werden, nicht aber Simon in Oregon und dem edlen Oskar Strauß, der uns so würdig als Gesandter bei der Türkei vertreten hat. Wahrlich, Rußland wird sich schwer zu verantworten haben au der Pforte der Zivilisation, des Christentums, der Menschlichkeit und der Göttlichkeit, und es wird dort nur dem Hohn begegnen, den es selbst bisher über Humanität und Liberalismus ausgeschüttet hat!" * Jede Reise Sturdzas nach Wien hinterläßt im Wiener „Vaterlande" eine Spur. Es erscheint dann nämlich regelmäßig ein Artikel, der die antisemitische Politik Rumäniens zu rechtfertigen sucht. Ob der Grund dieser Liebe für die rumänische Regierung nur der ist, daß das „Vaterland" nicht nur das österreichische Vaterland, sondern auch das rumänische Vaterland retten will, und daß es nicht nur für die katholische Orthodoxie, sondern auch für die griechische Orthodoxie nur aus Begeisterung kämpft, lassen wir dahingestellt. Wir wollen nur aus dem Artikel einen kurzen Absatz, der ein allgemeines Interesse beansprucht, reproduzieren: „Wenn es der rumänischen Regierung gleichwohl gelungen ist, das Aergste abzuwenden, das heißt es dahin zu bringen, daß die Juden «ach wie vor unter Fremdenrecht stehen und die Gewährung der bürgerlichen Gleichberechtigung in jedem einzelnen Falle von einem Beschlüsse der Volksvertretung abhängig gemacht wird — wenn das, sagen wir, gelungen ist, so gebührt der Dank dafür keinem geringeren als Kaiser Wilhelm I., der den König Karl in diesem Punkts auf das nachdrücklichste unterstützte und dafür natürlich auch bei den Russen Verständnis fand, da diese ihre eigenen Juden keineswegs gleichzustellen gedachten.

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