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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-28 · 35 (28.8.1903) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 28. August 1908 Nr. 35 noch abzuwarten, aber mit erfrischtem Mute und größeren Aussichten als je vorher können wir unsere Bemühungen um Erez Israel fortsetzen. Es wird natürlich auch jetzt wieder Leute geben, die nur das Bittere aus diesen Vorteilen heraussehen. Die Hilfe der Mächte, werden diese Leute sagen, bedeute nichts Erfreuliches. Sie wollen uns los haben oder sie wollen uns nicht hinein lassen. Gut! wenn darin eine Ungerechtigkeit gegen unser Volk liegt, so wollen wir darauf die Antwort in Zukunft geben. In unserer Zukunft, in unserem Lande! llnd diese Antwort soll bestehen in einem Erhöhen der menschlichen Gesittung," Hierauf erfolgte die Konstituierung des Bureaus. Dr. O. K o k e s ch, Wien, erstattete den Kassa-Bericht und konstatierte eine wesentliche Vermehrung der Schekelzahler. Bei Besprechung des Geschäftsberichtes am Montag, in welcher konstatiert wurde, daß die Kolonialbank bereits in der Lage sei, eine kleine Dividende auszurichten, übte Dr. Tr i e tsch - Berlin an dem Berichte eine scharfe Kritik. Das Aktions-Komitee habe zu wenig Position geleistet, Dr. Herzl habe trügerische Hoffnungen erweckt und über den Kongreß hinweg beachtenswerte Offerte, zum Beispiel dasjenige der Türkei, zurückgewiesen. Dr. Herzl betonte in seiner mit lebhaften Beifall aufgenommenen Erwiderung hauptsächlich, daß er nichts ohne Zustimmung des Aktions-Komitees getan habe. Am selben Tage hielt Dr. N o r d a u-Paris sein Referat über „Die politische Haltung des Zionismus". Er ging von den Mitteilungen bezüglich Ostafrika und der Haltung Rußlands dem Zionismus gegenüber aus. Die bloße Wohltätigkeit allein ist nur ein Teil der Aufgabe. Palästina bleibt das letzte Ziel des Zionismus. Aber das Angebot der britischen Regierung eröffnet die Möglichkeit, den hilfsbedürftigen Juden vorläufige Unterkunft zu gewähren; die dortige Ansiedlung könnte den Beweis liefern, daß die Juden fähig sind, alle Aufgaben eines Kulturvolkes zu erfüllen. Die Rede fand großen Beifall. Basel, den 25. August. In der Vormittagssitzung wurden auf Antrag des Legitimationsausschusses alle Mandate für giltig erklärt. Von 1000 gewählten Delegierten sind 600 eingetroffen. Den größten Teil der Sitzung nahm das von Israel Zangwill in englischer Sprache gehaltene und von Dr. Nord au ins Deutsche übertragene Referat über »Zionismus und Wohltätigkeitanstalten" in Anspruch. Die Ausführungen bestanden vorzüglich in dem Nachweise, daß die meisten philantrophischen Anstalten der Juden mit der Rückkehr in ein eigenes Land, das in Palästina oder anderswo liegen kann, überflüssig werden. In der Nachmittagssitzung wurde der neungliedrige Finanzausschuß gewählt, worauf die Debatte über Ostafrika eröffnet wurde. Gegenstand der Debatte bildet der Antrag Dr. Farbstein-Zürich, diese Frage zu näherem Studium einer zu wählenden Kommission zu überweisen. Die Debatte, zu welcher sich ungefähr fünfundsiebzig Redner vorgemerkt haben; ist sehr erregt, da sich der größere Teil der bisherigen Redner gegen das Projekt ausgesprochen haben. Dr. Friedmann- Berlin sprach sich namens der deutschen, österreichischen, italienischen und holländischen Landsmannschaften für den Antrag aus. Dr. P a z m an i k-Genf ersuchte den Kongreß, dem Aktionskomitee den Auftrag zu erteilen, die Frage betreffend Palästina intensiver zu betreiben, worin er hauptsächlich von den russischen Delegierten unterstützt wurde. Und es sprach die Mitwelt: Das ist ein Genie, ein wunderbarer Erzähler! Und sein Ruf ging weit über die Lande. * Und wißt Ihr, woher ich den Stoff zu meinen Erzählungen nahm? Ich trank Wasser aus dem Sumpfe, dem tiefen Sumpfe in der Stadt. Und das Wasser drang in mein Inneres, ward zu Fluchwasser und vergiftete mein Blut, mein Herz, meine Gefühle und Empfindungen . . . Und die ganze Natur erschien mir wie ein großer Sumpf, in dem Ungeziefer ihr Dasein fristeten, der Gesang von Menschen wie — Froschgequacke, die grünen Bäume wie das faulende Grün auf dem Sumpfe, die frischen, lebenden Blumen wie Sumpfschilfrohr, und die Riesenstatuen wie — die Steine am Grunde des Sumpfes . . . Dann ging ich durch die Länge und Quere der Welt, und fand überall — Sumpf. So oft ich Menschen Erhabenes, Hohes, reden hörte, nannte ich es — Gequacke; sobald ich sie sich emporrichten, erheben und aufblähen sah, nannte ich es — Kriechen . . . Und die Statue war bloß eine Statue, ein stummer Stein, die vom Regen betauten Rosen lagen im Sumpfe, das Wasser, das frisch aus dem Munde des Löwen auf die Erde floß, erzeugte Sümpfe. Der Künstler schien die schöne Jungfrau zuviel geschmeichelt zu haben. In ihren Anmutsgrübchen auf den Wangen sah ich — Staub, auf ihrem Haupte — Staub, in ihre» Augen — Staub, zu ihren Füßen — Schlamm. Und als ich meine Augen gen Himmel erhob, glaubte ich nicht an die ewige Dauer des Blau; ich erinnerte mich, Wie der „Fraind" meldet, hat sich in Basel unter der Führung der Herren Paperin und Dr. Pasmanik eine neue zionistische Gruppe unter dem Namen „Reinpolitische Zionisten" gegründet. Die Gruppe fordert, daß jede Arbeit, welche sich auf die Kultur und die ökonomische Lage der Juden bezieht, aus dem zionistischen Programme ausgeschaltet werde. Sämtliche Gruppen und Fraktionen haben noch vor Eröffnung des Kongresses Vorbesprechungen abgehalten, von denen mehrere, so zum Beispiel diejenige der „Misrachi" und „Cheruth", welch letztere bekanntlich hauptsächlich zur Bekämpfung der »I. C. A." gegründet wurde, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abgehalten wurde. Am Vorabende des Kongresses hielt Dr. Nossig (Berlin) im Zunfthaussaale einen Vortrag über die Bilanz des Zionismus unter Herzl. Als er Dr. Herzl scharf angriff, erhob sich eine solche Unruhe, daß er den Vortrag abbrechen mußte. Original-Telegramm des »J.V.". Der Kongreß beschloß mit einer Majorität von 90 Stimmen, eine Kommission nach Oftafrika zu senden nnd die Forschnugsresultate einem speziellen Kongreß zu überweisen. — Der Brief Plehwes au Dr. Herzl erfährt unter den amerikanischen und rnssischen Delegierten, wegen seinem unverhohlenen antisemitischen Ton, eine abfällige Kritik. (Wir verweisen unsere Leser auf den authentischen Inhalt. Anm. d. Red.) Nachfolgend reproduzieren wir den Inhalt des Briefes, den Plehwe an Dr. Herzl schrieb: Brief des Herrn von Plehwe an Dr. Herzl. Mein Herr! Sie haben den Wunsch ausgedrückt, Spuren unserer Unterhaltung zu bewahren. Ich gebe diesem Wunsche gerne statt, um alles zu entfernen, was übertriebene Hoffnungen oder beunruhigends^Zweifel entstehen lassen könnte.? Ich habe Gelegenheit gehabt, Ihnen vom Gesichtspunkte Kenntnis zu geben, aus dem die russische Regierung zur Zeit den Zionismus betrachtet. Dieser Gesichtspunkt kann ihr nämlich sehr leicht die Notwendigkeit nahe legen, ihre Politik der Duldung gegen Maßregeln zu vertauschen, die vom nationalen Selbstschutz vorgeschrieben sind. So lange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigen Staat in Palästina zu schaffen, und so lange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Unterthanen aus Rußland zu organisieren versprach, konnte die russische Regierung ihm sehr wohl günstig sein. Allein in dem Augenblicke, wo dieses Hauptziel des Zionismus aufgegeben erscheint, um durch eine einfache Propaganda der jüdisch-nationalen Zusammenfassung in Rußland ersetzt zu werden, ist es natürlich, daß die Regierung diese neue Bahn des Zionismus in keinem Falle dulden kann. Er hätte kein anderes Ergebnis als Gruppen von Individuen zu schaffen, die den vaterländischen Gefühlen, welche die Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd und sogar feindlich gegenüber stehen würden. Deshalb könnte dem Zionismus das Vertrauen nur unter der Bedingung wiedergegeben werden, daß er daß in seinem Schoße das Waffer, von den Menschen Regen genannt, sich findet, auf die Erde fällt und Sumpf und Schlamm erzeugt. Und ich erschrak. Ich sprach: Ich will erzählen den Menschen, was meine Augen gesehen, will alle Hüllen und Decken entfernen, und ihnen zeigen ihr Antlitz — im Sumpfe. Und ich nahm Waffer vom Sumpfe und machte mir Tinte. Und ich nahm Schilfrohr und machte mir eine Feder. Und ich nahm das Gruu vom Waffer und webte daraus — Papier. Dann stieg ich in den Sumpf bis zum Halse hinab und schrieb — Bücher. Und ich erzählte von dem Sumpfe und seinem Ungeziefer, von dem Schlamme der Körper, von den verstockten Seelen, den steinernen Herzen und den gleißnerischen Zungen. Wo die Menschen Reines sahen, fand ich Schlamm, wo sie von Gutem sprachen, zeigte ich Sumpf. Die Frauen nahmen mein Buch iu die Hand, begannen aber bald zu gähnen, sich zu langweilen und warfen es schließlich weg, voll Zorn auf mich, weil ich ihnen die Ruhe störe, und — schliefen . . . Und es sahen es die Männer, ergriffen es und warfen eS weit, weit weg iu den Sumpf und keiner wollte es berühren. Und sie alle sprachen: Es gibt kein schlechteres Buch. Und man vergaß den Namen des Verfassers und keiner nannte ihn bis auf die heutige Zeit. . . zu seinem alten Aktionsprogramm zurttckkehrt. In diesem Falle könnte er von dem Tage an auf moralische und materielle Unterstützung rechnen, wo einige seiner praktischen Maßregeln zur Verminderung der jüdischen Bevölkerung in Rußland dienen würden. Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegieren der zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomanischen Regierung, in der Erleichterung der Tätigkeit der Auswanderungs-Gesellschaften und sogar in der Bestreitung der Erfordernisse dieser Gesellschaften, selbstverständlich nicht aus Staatsmitteln, sondern aus Abgaben, die von den Juden erhoben werden. Ich halte es für nötig, hinzuzufügen, daß die russische Regierung, die verpflichtet ist, ihre Handlungsweise in der Judenfrage den Staatsinteressen anzupassen, gleichwohl niemals von den großen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist. Noch in der allerletzten Zeit hat sie eben die Wohnrechte innerhalb der Grenzen der Gebiete, die der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, erweitert, und nichts hindert, zu hoffen, daß die Entwicklung dieser Maßregeln zur Verbesserung der Daseinsbedingungen der russischen Juden dienen würde, besonders, wenn die Auswanderung ihre Zahl vermindert. Sie wollen die Versicherung meiner ausgezeichneten Gefühle entgegennehmen. Den 30. Juli—12. August 1903. v. Plehwe. Aus Ost-Oesterreich. (Original-Bericht deS „Jüd. Volksbl.") Lange Zeit war die Bukowina jenes Kronland der Monarchie, wo verhältnismäßige Ruhe, Frieden und Eintracht zwischen den einzelnen Nationalitäten, Rassen und Konfessionen herrschte. Diese schöne Zeit ist vorbei, und was wir vor drei Jahren in einem Artikel prophezeiten, ist eingetreten: In der Bukowina tobt heute derselbe Nationalitäten- und Rassenkampf wie im ganzen übrigen Donaureiche, ja noch mehr, innerhalb jeder der verschiedenen Bolksstämme befehden sich die einzelnen Fraktionen aufs heftigste und natürlich spielt dabei auch der Kampf um und gegen die Juden eine gewaltige Nolle. Wie anderswo, gibt es nämlich auch in der Bukowina noch immer eine Gruppe von Juden, an denen die ganze politische Entwicklung Oesterreichs und die Lehre, die aus der antisemitischen Bewegung resultiert, spurlos vorübergegangen ist. Diese assimilatorische jüdische Gruppe begreift nach immer nicht, daß es für die österreichischen Juden nur eine einzige mögliche politische Betätigung gibt: Als Juden und als Oesterreicher. Während nun diesem Standpunkte entsprechend die unter Führung des Abgeordneten Straucher stehende Gruppe des »Jüdischen Volks verein es" sich mit jenen Elementen der Rumänen und Ruthenen verbündet, welche die Juden als gleichberechtigte nationale Individualität anerkennen, bildet der assimilatorische Teil der Juden ein Anhängsel einer bunt zusammengewürfelten Koalition ans „Christlich-Deutschen", ch a u v i n i st i s ch - rumänischen Bojaren und -russophilgefärbten Altruthenen. In der jüngsten Zeit haben wir diese merkwürdige Koalition, die außer einem verschämten Antisemitismus nichts anderes als eine politisch und wirtschaftlich rückständige Weltanschauung gemeinsam hat, an der Arbeit gesehen. Es ist ihr gelungen, den demokratischen jungruthenischen Kandidaten Dr. Philopovic zum Falle zu bringen und mit wenigen Stimmen Mehrheit dem a l truthenischen Kandidaten Dr. H a ck m a n n zu einem Landtagsmandat in die Landstube zu Czernowitz zu verhelfen. Welch ekles, mit persönlichen Angriffen vermischtes Siegesgeschrei gab es da in den Organen der „Christlichdeutschen" und Bojaren, weil Dr. Hackmann siegte, dessen Sieg der ru s s op h i le „H a l y c a n i m" i n L e m b e r g ausdrücklich als Sieg des russischen Kandidaten feiert. Also „Christlich-Deutsche" und rumänische Bojaren freuen sich im Bunde mit assimilatorischen Juden, daß der Kandidat der russischen (!) Partei siegt über den Kandidaten der Jungruthenen, der für die Gleichberechtigung aller Nationen und Konfessionen der Bukowina eintritt. Ein ähnliches Schauspiel vollzieht sich in diesen Tagen neuerlich. Als Gegenkandidat eines Bojarenkandidaten tritt Dr. Oneiul, der demokratische Gesinnungsgenosse des Reichsratsabgeordneten Dr. Florian L u p u (eines Bundesgenossen der Abgeordneten Straucher und Nikolaus W a s s i l k o) auf und wieder sehen wir die früher gekennzeichnete christlich - deutsche - russisch - bojarische Koalition im Bunde mit dem assimilatorische» Judeu- Bunde wirksam für — den Bojarenkandidaten. Es wiederholt sich also in der Bukowina dasselbe traurige Schauspiel, das wir in der ganzen Monarchie immer wieder sehen, daß die alten erbgeseffenen Cliquen und Coterien sich stets unbeschadet aller Gegensätze z u s a m m e n t u n, wenn es sich darum handelt, eine Parteibildung im Keime zu ersticken, welche die nationale, konfessionelle und wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Oesterreicher und in diesem Zeichen die politische Konsolidierung und wirtschaftliche Regenerierung unseres Vaterlandes erstrebt. Das ist der eigentliche Kern des Froschmänsekriegks in der Bukowina, das ist der Grund der persönlichen Angriffe, welche gegen die Abgeordneten Florian L u p u, Nikolaus W a s s i l k o, also die Vertreter einer modernen rumänischen und ruthenischen Realpolitik einerseits und gegen unseren Gesinnungsgenossen Dr. Straucher anderseits gerichtet wurden.

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