Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 14. August 1903 Seite 3 „Wir haben soeben vom englischen Parlament ein Aktenstück erhalten, durch welches unserem Statut, behufs besserer Deutung desselben ein neuer Paragraph hinzugefügt wurde. Dieses erschien uns notwendig, um einige Meinungsverschiedenheiten, welche über die uns durch das Statut verliehene Machtvollkommenheit im Schoße der Verwaltung entstanden sind, zu beseitigen. Durch den Parkamentsakt wurden wir ermächtigt, das begonnene Werk fortzusetzen und neue Arbeiten derselben Art einzuleiten. Anderes haben wir gar nicht verlangt. Diese unsere Arbeiten sind in dem Ihnen vorliegenden Jahresbericht dargestellt. Obgleich sie nur in ihren Hauptzügen skizziert sind, umfaßt ihre bloße kurze Erwähnung 132 Druckseiten. Es ist keineswegs meine Absicht, dieser Skizze über unser Wirken irgend einen Kommentar hinzufügen. Was man aus demselben ersehen kann, ist die Tatsache, daß wir unserem ursprünglichen Plane getreu, das Werk der Kolonisation weiter fortgcführt haben. Zwar haben wir neben der Kolonisation noch anderes getan, aber wir haben stets die Kolonisation obenan gestellt. Wir waren bemüht, die Kolonien in Argentinien und Palästina zu konsolidieren und weiter zu entwickeln, sowie in Kanada, Brasilien und Kleinasien neue Zentren für die Kolonisation zu schaffen. Freilich hat diese Kolonisation der großen Masse unserer verfolgten Glauliensbrüder noch keinen wesentlichen Nutzen gebracht. Wir erheben aber auch gar nicht den Anspruch, sämtliche Auswanderer aus Rußland, Galizien und Rumänien in Kolonisten uinzuwandeln. Ein solches Wollen würde unser Können weit übersteigen. Unser ganzer Ehrgeiz geht dahin, unsere Glaubensgenossen dem Ackerbau wiederzuzuführen, von dem sie Jahrhunderte lang gewaltsam ferngehalten wurden, und der ihnen in den Ländern, wo sie am zahlreichsten sind, noch heute erschwert oder gar gänzlich verboten ist. Wir wollen in allen Ländern, wo Landwirtschaft mit Erfolg betrieben werden kann, blühende Ackerban-Kolonien schaffen, die wohlgeeignet sind, auf alle Juden, denen die Bodenbearbeitung zusagt, ihre Anziehungskraft auszuüben. Dies« Kolonien sollen den Kern zur Bildung von neuen und weit wichtigeren Kolonisations-Zentren abgeben. Die persönliche Initiative der einzelnen Individuen und die Zeit werden dann das Weitere tun. Unsere Kolonisations-Versuche dürfen uns aber nicht die Massen von Auswanderern aus den Augen verlieren lassen, welche jahrein jahraus Rußland, Galizien und Rumänien verlassen, um in den Vereinigten Staaten, in Kanada und in anderen Ländern Arbeit und Freiheit zu suchen. Unser Bericht schildert unsere Bemühungen, diese Emigranten für di« industrielle und landwirtschaftliche Beschäftigung geeignet zu machen. Zweifellos haben wir bei weitem meniger für sie getan, als diese Leute für sich haben tun können, denn keine Institution ist imstande, allen den Armen, welche Unglück und Not ans der Heimat treibt, auch nur einen Bruchteil der Reisekosten zu geben. Einzig und allein die persönliche Energie der Emigranten selbst vermag im Verein mit ver Unterstützung, welche ihnen von ihren schon früher ausgewanderten, in der neuen Heimat zur Selbständigkeit gelangten Verwandten und Freunden gewährt wird, der Emigrations- Bewegung ihre stets wachsende Bedeutung zu verleihen. Unser Bericht teilt auch mit, was wir in Rußland, Rumänien, Galizien und im Orient getan haben, um die Lage unserer Glaubensgenossen an Ort und" Stelle zu verbessern. Wir hielten eine Verbesserung der Situation unserer Brüder in den betreffenden Heimatländern für einen sehr wichtigen Teil unserer Aufgabe. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die für Kolonisationszwecke verwendeten beträchtlichen Summen nur einer verhältnißmäßig geringen Zahl von Personen zugute kommen. Kostet doch die Installierung einer einzigen Kolonisten-Familie etwa 8—10000 Franks! Wenn wir dennoch für Kolonisationszwecke so enorme Ausgaben machen, so geschieht dies nur, weil durch die Kolonisation für die Zukunft vorgearbeitet wird. Jede neue Kolonie bereitet den Boden für eine Anzahl weiterer Kolonien. Ueber die Zukunft dürfen wir aber die Not der Gegenwart nicht vergessen. Und wenn wir, ohne der Kolonisation, welche sich doch nicht übers Knie brechen läßt, Abbruch zu tun, uns entschlossen haben, einem beträchtlichen Teile unserer Glaubensgenossen Elementarkenntnisse, industrielle und landwirtschaftliche Fertigkeit beizubringen, wenn wir ihnen Arbeit in jeder Gestalt zu verschaffen suchen, ihnen Darlehens-Kasten, industrielle Etablissements und gesunde Wohnhäuser errichten, so vollbringen wir damit ein schon an und für sich gutes Werk, denn unser Werk kommt nicht nur zahlreichen Armen unmittelbar zugute, es fördert indirekt auch unser großes Kolonitationswerk. Wir erziehen dadurch ein intelligentes, gesundes und gut geschultes Geschlecht, ein Geschlecht, das ausdauernd bei der Arbeit und wohlgeeignet ist, in einem freien Lande den Kampf ums Dasein aufznnehmen und durchzusühren. Wir tun also nichts, was nicht auf die eine oder die andere Weise der Kolonisation zugute kommen würde. Die Kolonisation ist also nach wie vor das Objektiv, das wir niemals aus den Augen verlieren; ihr bleiben alle unsere Bemühungen und der größte Teil unserer Mittel reserviert. Wir behaupten nicht, daß niemand es besser machen könnte. Möge man über die Sache diskutieren, möge man unser Verfahren kritisieren, dazu ist jedermann berechtigt, und wir sind gern bereit, uns belehren zu lassen, aus jeder ernsten, exakten Kritik zu lernen. Wie sollen wir uns aber jene leidenschaftlichen Angriffe erklären, deren Gegenstand wir waren, die uns bis in das englische Parlament hinem verfolgt haben und bemüht waren, jene Bill, deren Votierung von so weittragender Bedeutung für unsere ganze Zukunft ist, zu Hintertreiben! Jene Angriffe sind umso unbegreiflicher, da sie uns, falls sie vom Erfolg gekrönt gewesen wären, die Fortführung der Kolonisation Palästinas, an der unseren Angreifern doch soviel zu liegen scheint, unmöglich gemacht hätten. Wir haben unfern Kritikern niemals ein Wort erwidert. Wir glauben, daß sie von selber zu der Einsicht kommen werden, daß der Moment, in dem es für unsere von der Verfolgung niedergebeugten Glaubensgenossen soviel zu tun gibt, sehr schlecht gewählt ist, um uns den Krieg zu erklären. Wir find der Ansicht, daß wir gegenwärtig Besseres zu tun haben, als uns herumzustreiten. Wir haben das Ziel, das wir uns gesetzt, in aller Ruhe zu erfolgen, und dies Ziel ist, die Lage unserer Brüder in der ganzen Welt zu verbessern". Die Aufforderung des Präsidenten, über diese Ansprache in eine Diskussion einzutreten, wurde auf Antrag der Herren Zadoe Kahn, Lachmann und Reinach abgelehnt. Die Rede war zwar als Erwiderung auf die gegen die Gesellschaft erhobenen ungerechtfertigten Anklagen notwendig, und ihr Inhalt wurde durchaus gebilligt; man hielt es jedoch nicht für erforderlich, eine Debatte daran zu knüpfen. Im weiteren Verlaufe der Versammlung fragte Prof. Errera an, ob und welche Maßregeln die Gesellschaft zugunsten der Opfer der Katastrophe von Kischenew ergriffen habe. Der Vorsitzende teilte mit, daß am 25. Juli, d. h. an dem der General-Versammlung vorhergegangenen Abend, eine Sitzung, der auch die beiden Gäste aus Amerika beigewohnt haben, abgehalten wurde, in welcher nachstehender Beschluß gefaßt wurde; „Der Verwaltungsrat der J. C. A., dem zahlreiche Bittschriften Kischenewer Juden, als Kolonisten angesidelt zu werden, Vorgelegen haben, hat beschlossen: 1) festzustellen, daß die Gesellschaft in Argentinien freies, zur Aufnahme von geeigneten Kolonisten vorbereitetes Land besitzt, und daß sie durch ihre Agenten Vorkehrung getroffen har, um eine Anzahl von ausgewählten Familien aus Kischenew als Kolonisten hinzusenden. 2) Die Entscheidung über den Wunsch vieler Kischenewer Juden, als Kolonisten in Asien angesiedelt zu werden, wird einer spätern Sitzung Vorbehalten." Die landwirtschaftliche Kolonisation in Argentinien weist sehr günstige Erfolge in Mauricio, weniger gute in diesem Jahre in Mosesville und schlechte in der Mehrzahl den Entre, Rios- Kolonien auf. In leheren hat die Bevölkerung stark gewechselt; viele Hunderte haben die Dörfer verlassen, sind aber van neuen Ankömmlingen ersetzt worden. Jntereffant ist, daß einige der Weggegangenen in anderen Provinzen Argentiniens selbständig sich in der Landwirtschaft versuchen. Das Terrain aller Kolonien ist durch neue Ankäufe erweitert, so daß wieder Platz für neue Kolonisten vorhanden ist. Ein Delegierter der J. C. A. befindet sich zur Zeit in Kischenew, um dort zweihundert Familien zur Ansiedelung in Argentinien ausznwählen. Sehr erfreulich ist die Situation in Palästina. Neue Landerwerbungen gestatten, die überfüllten Kolonien zu entlasten und fast allen Ansiedlern nunmehr das nötige Maß von Grund und Boden zu überweisen, dessen sie bedürfen, um sich durch Getreidebau selbsttätig zu erhalten. Eine Ausnahme machen die Kolonisten in den Weinbau treibenden Dörfern; aber für diese hat die Existenzfrage bereits eine glückliche Lösung gefunden, seitdem die gesamte Weinfabrikation verkauft wird und sogar die Nachfrage stärker ist als das Angebot. Auch Tabak und Orangen versprechen von Jahr zu Jahr steigende Einnahmen und in nicht ferner Zeit werden die Oelbäume ebenfalls reichen Ertrag bringen. Die Neuordnung der Nothschild'schen Kolonien ist zwar noch nicht vollständig durchgeführt,weil die Landkäufe nach türkischen Gepflogenheiten nur langsam zu bewerkstelligen sind; indesfen ist der Zeitpunkt, an dem diese Reorganisation beendigt sein wird, jetzt bereits zu berechnen. Alsdann wird auch die Vergrößerung und der weitere Ausbau der palästinensischen Kolonisation sicher zu den Aufgaben der J. C. A. gehören. Interessant ist, daß das von derselben unternommene Experiment in Sedschera (bei Liberias) sich bewährt. Danach wird für größere Neuunternehmungen in Palästina die Gutswirtschaft verbunden mit Pächtern und Kossäthen die vorzugsweise zu befolgende Metbode bilden. Die landwirtschaftliche Kolonisation in Nordamerika hat sich im Berichtsjahre nur wenig ausgedehnt; auch in Kanada sind die Neuansiedelungen unerheblich, dagegen die Erfolge der älteren Kolonisten recht erfreulich. In Brasilien wird ein Versuch vorbereitet, der hier vielleicht ein neues Tätigkeitsgebiet eröffnet. Auf Cypern hat die J. C. A. ein zweites Grundstück angekauft, obwohl die Erfolge der ersten Ansiedelung in Margo Tschifflik nicht sehr ermutigend sind. Aus diesem Dorfe sind fast alle alten Ansiedler geflüchtet; nur die Schüler aus Mikweh Israel halten aus. In Or Jehuda (Kleinasien) ist der Versuch noch zu neu, als daß sich ein Erfolg konstatieren läßt. In Rußland hat die 3. 6. A. in vielen Fällen die Unterstützung der jüdischen Bauern mit Erfolg in die Hand genommen. — Z t diesem Kapitel gehört auch die Errichtung und Unterstützung der Ackerbauschulen. Die Gesellschaft hat solche Schulen in Rußland, Galizien, Kleinasien, Palästina, Tunis, sowie in Nordamerika teils selbst eingerichtet, teils unterstützt. Das nächstwichtige Gebiet ist die Erziehung und Bildung. Hierbei behält die 3. 0. A. immer im Auge, daß diese Ausbildung sich nicht auf Elementarwissenschaften beschränken darf, sondern vor allem eine solche für den Erwerb sein muß. Deshalb werden besonders in Rußland und Amerika die Knaben- und Mädchen - Gemeindeschulen der verschiedensten Art unterstützt. Ebenso hat die Handwerkerschule in Jerusalem Subvention erhalten. Jedoch sind auch Elementarschulen in Rußland und vor Allem in Rumänien, wo die Politik der judenfeindlichen Negierung dies am nötigsten macht, bedacht worden. Das dritte Tätigkeitsgebiet bildet das der unmittelbaren wirtschaftlichen Hilfe, welche "natürlich, je nach den Ländern, wo sie geleistet werden muß, sehr verschieden ist. In Rußland hat man die Gründung jüdischer Arbeitsgenossenschasten gefördert, ferner die Errichtung einer großen Textilfabrik rc., in Galizien gibt eine Puppenfabrik bereits mehr als hundert Arbeitern und Arbeiterinnen auskömmlichen Verdienst. In Jerusalem wird eine Weberei, welche zirka 100 Personen beschäftigt, mit sehr gutem Erfolge betrieben; ebenso wurden zahlreiche Haarnetzarbeiterinnen und Spitzenklöpplerinnen beschäftigt, während andere Handwerker durch die Ueberlassung an Handwerksgerät unterstützt wurden. In Amerika förderte man die Anlage von Fabriken in der jüdischen Kolonie re. rc. Eine in großem Umfange und mit den glänzendsten Erfolgen durchgeführte Hilfsaktion ist die Errichtung von Darlehenskassen, welche sich überall, wo sie geschaffen wurden, in Rußland, Galizien, Rumänien und im Orient geradezu großartig bewährt haben. Das Interessanteste ist, daß sich bei allen diesen Kassen die gleiche Erscheinung wiederholt, nämlich daß dieselben fast gar keine Verluste haben. Diese Tatsache bildet ein glänzendes Ehrenzeugnis für die Armen unseres Volkes, denn sie zeigt, welch' reicher Fonds von Ehrlichkeit in diesen um des Tages Notdurft hart ringenden Elementen steckt. Obwohl ihnen bekannt ist, daß die Gelder dieser Institute zum größten Teil aus Wohltätigkeits- Kassen fließen, ist es ihnen dennoch Ehrenpflicht, ihre Schulden gewissenhaft abzutragen. Diejenigen unserer Glaubensgenossen in Westeuropa, welche so stolz auf den ungebildeten polnischen oder russischen Juden herabsehen — glücklicherweise wird die Zahl dieser Engherzigen täglich kleiner — werden aus dieser Erscheinung die Ungerechtigkeit ihres Urteils über unsere armen Brüder im Osten erkennen. Ei« russischer Hosjournalist «der die Juden. Petersburg, 12. August. Die Judenfrage ist in Rußland wieder aktuell geworden. Umso wichtiger ist es, die Stimme eines Journalisten zu vernehmen, der sich des besonderen Vertrauens des. Zaren erfreut. D e m c z i n s k i, Mitarbeiter des „Nowoje Wremja", schreibt in der „Peterburgski Wjedomosti^ unter dem Titel: „Die verfluchte Frage" wörtlich folgendes: „Mit diesem Namen hat man die Judenfrage getauft. Und nicht irrtümlich oder böswillig, sondern ganz aufrichtig, weil es scheint, daß man ihr von keiner anderen Seite nahetreten kann. Diese scheinbare Schwierigkeit hat ihren Grund darin, daß man diese Frage in der Voraussetzung lösen will, als ob sie erst jetzt entstanden wäre. Man vergißt ihre ganze ernste Vergangenheit, obgleich der ganze Schlüssel zu ihr in eben dieser Vergangenheit steckt. Ich persönlich war immer der Meinung, daß wir selber aus dem „Israeliten", den „Zid“ gemacht haben und daran glaube ich bis nun. Die Erfahrungen meines langen Lebens unterstützen und beweisen die Wahrheit meiner Behauptung. Der Jude (ich spreche natürlich nicht vom Kaufmanns erster Gilde) muß jeden Schritt seines Lebens erst erkaufen. Mit. diesem Gelde bezahlt er sein nicht anerkanntes Recht,! Luft zu atmen, mit diesem Gelde das Recht, ein oder zwei Gläser einer Mineralquelle zu trinken. Und wenn der Jude sich schon auf irgend welche Weise wirklich das Recht verschafft hat, sei es als Kaufmann erster Gilde oder als Akademiker, so muß er auch dann einen Dornenweg durchmachen. Wenn ein Minsker „Faktor" lächelt, wenn man ihm das Wort „Zid“ ins Gesicht wirft, so geschieht es nur deshalb, weil er hofft, das notwendige Geld für die Polizei zu verdienen für die Erlaubnis, am morgigen Tage zu leben. Hegen wir nur keine Illusionen und glauben wir nicht, daß die Herren Skown i c k y und D m u ch a n o w s k y (Bestechungstypen, Anm. d. Red.) nur in Gogols Zeit gelebt haben. O, nein! Diese berühmten Männer leben noch heute. Es sind Produkte unseres öffentlichen Lebens. Jedes Verbot gebiert einen neuen Skownicky, der die I u d e n f r a g e einfach l ö st durch die Annahme von Be st e ch ungen. Und deshalb ist die Jude ns rageeine verfluchte, weil wir uns immer drehen in diesem Zauber kr eis der Ausnahmsgesetze. Je ni ehr Verbote, desto mehr Umgehungen, je mehr Umgehungen, d e st o schärfere Gesetze und so weiter. Ich bin überzeugt, daß wenn ein Russe oder Engländer, ein Franzose oder ein Deutscher unter denselben Bedingungen stehen würde, wie die Juden in Rußland schon seit Jahrhunderten stehen, so wäre jeder von ihnen ein „Zid“, ein Großmeister, sich aus jeder Zwangslage auf irgend eine Weise zu befreien. In Frankreich gibt es eine große Anzahl von Juden, dies hindert aber nicht, daß das Volk phänomenal reich ist. In Zentralrußland gibt es keine Juden und trotzdem ist das Volk dem Hungertode nahe. Das beweist, daß die Ursache der Armut nicht in den Juden liegt, sondern in viel Wichtigerem. Zettungsschau. Das kranke ungarische Parlament. Widriger Ekelgeruch steigt u n s in die Nase von j e n e m grenze nlosen Schinutz, den die Untersuchung der parlamentarischen Kommission a u f g e r ü h r k. Wir möchten uns abwenden. Unser guter Geschmack sträubt sich. ES wäre so angenehm, jetzt einfach die Augen zuzudrücken und all die Schmutzfluth wie einen bösen Traum vorübergehen zu lassen. Doch die Pflicht verbietet es uns. Wir müssen die Augen offen halten, müssen beobachten, müssen sogar nach den Quellen dieses Schmutzes suchen. Nicht daß die Untersuchungskommission _ den vielen Schmutz zutage gefördert, beklagen wir, sondern daß es so viel Schmutz gab, der zutage gefördert werden konnte. Die Kommission litt gleich von Beginn her durch ihr zwitterhaftes Wesen. Sie hatte eine rechtlich-moralische Aufgabe zu lösen, sollte also vollständig objektiv sein, und sie ist ihrem Wesen nach politischer Art, und muhte also im Dienste des Parteigetriebes stehen. Deshalb konnte sie keine einzige der vor sie gebrachten Ereignisse vollständig klären, konnte keine einzige Tatsache mit Ausschluß jeden Zweifels feststellen. Die Zeugenaussagen waren nichts als Verschweigen oder gegenseitiges Begeifern und Keifen. Zum häßlichen Maulwurfskriege wurde die ganze Untersuchung. Kerne der streitenden Parteien ist von der Schuld hieran freizusprechen. Im Wettstreit waren sie bemüht, einander mit Schmutz zu bewerfen, und beiden gelang es über die Maßen. Das Schild beider streitenden Parteien hat den Hellen Glanz verloren, beide Parteien stehen auf schwankem S u m p fboden. Was drinnen im Parlamentssaals die Kämpfenden einander noch an Würde und Ansehen gelassen, auch dieser letzte Rest ist in der Untersuchungskommission verloren gegangen. Was Wunder, wenn wir da zum Gespülte der Welt geworden sind. Das Wenige von gutem Namen, das sich Ungarn in den letzten Jahrzehnten in ernster Arbeit errungen, ist verloren. Man lacht und höhnt unser allberall im Ausland. Nachdem wir schon geglaubt, ganz nach Westen vorgerückt zu sein, an die Seite der Kulturstaaten, stellt man uns wieder zurück in die Reihen der Halbbarbaren. Und nicht unverdient. Der Schauplatz dieses tollen Getriebes ist das Parlament. Von dorther wälzt sich die Schmutzfluth über unser öffentliches Leben, von dorther wird unser guter Ruf untergraben, von dorther kommt alles Uebcl. Wahrlich, es ist höchste Zeit, mit unserem Parlamentarismus strenge ins Gericht zu gehen, wobei wir aber sofort hinzufügen, daß wir nicht den Parlamentarismus als solchen, sondern nur unseren Palamentarismus auklagen. Das allergrößte Uebel desselben ist die Hypertrophie des Parlamentariertums. Mitglied des Parlaments zu sein, das ist bei uns nicht nur der höchste Ehrgeiz, sondern auch das höchste Gut. Denn damit erhält man sofort das höchst denkbare Ausmaß an Rechten und gar keinerlei Pflichten. Wer außerhalb des Parlaments steht, ist verschollen und verloren, wee drin ist, dem gehört ganz Ungarn. Draußen mag man die g ew ö h n l i ch st e Null gewesen sein, im Parlament wird man sofort zu einem Zähler. DerTitel„Herr Abgeordneter" wäscht alle Vergangenheit fort, öffnet alle Türen und Tore, verleiht sofort Qualität. Mit dieser Hypertrophie des Parlamentariertums geht naturgemäß Hand in Hand die Blutarmut des Parlaments selbst. Indem die Parlamentarier nur um ihre eigene, persönliche Macht besorgt sind, verzetteln sie die Macht des Parlamonts. Kaum gibt es ein ohnmächtigeres Parlament als das unserige. Die Parteien sind verknöchert. Sie haben entweder gar keine Prinzipien oder nur Steckenpferdprinzipien. Die persönliche Ueberzeugung gilt gar nichts, das Parteigefüge Alles, weil dasselbe der beste Rah nun für die Geltendmachung der persönlichen Interessen ist. Deshalb ist auch unser Parlament keine ernste Arbeitsstätte, sondern n u r ein Theater, in dem die Komödianten und jene, die s i ch s leisten können, die besten Plätze haben. Dementsprechend wirbt man bei uns zulande auch nicht mit Arbeit und Leistungen um die Mitgliedschaft im Parloment, sondern mit ererbtem Einfluß, Geld oder einem frischen Maulwerk. Man wird uns etnwenden, daß ei» jedes Volk jenes Parlament hat, das es verdient. Aber das trifft bei uns nicht zu. Denn unser Parlament hat mit dem Volke nichts zu tun. Es kommt nicht aus demselben hervor, es kennt nicht seine Not, es hat keinen Zusammenhang mit demselben. Wenn auch seit Wiederherstellung der Verfassung die Mitglieder des Parlaments gewechselt, das Wesen ist oas gleiche geblieben. Stets waren es dieselben Jntereffenkoterien und einige durch i Schreien oder besondere Strebergeschicklichkeit hineingeratene Outsider. U«d das ist bei unserem veralteten, engherzigen Wahlrecht nicht anders möglich. Und weil daS Parlament die privilegirte Domäne einiger Weniger ist, dünken diese Wenigen sich schrankenlos, geberden sie sich als unumschränkte Herren des Landes und sind als solche auch in der Wahl ihrer Mittel alles, nur nicht skrupulös. Dadurch ist der Boden, aus dem unser Parlament steht, so versumpft geworden, hat sich um dasselbe so unendlich viel Schmutz aufhäusen können. Während