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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. August 1903 Seite 5 stündiger Rede alle markanten politischen und namentlich die die Judenschaft interessierenden aktuellen Fragen, kennzeichnete die Stellung der Bukowinaer Judenschaft zu den einzelnen nationalen und politischen Parteien, forderte zum strammen Zusammenhalten und zu organisatorischer Tätigkeit auf und mahnte dringend zur Einigkeit. Dr. S t r a u ch e r kennzeichnete alle jene verwässerten Juden, „die sich nicht zu erkennen geben wollen", die unentschieden nach rechts und links schwanken, sowie jene vordringlichen Juden, die trotz der erhaltenen Fußtritte noch immer verbohrt genug sind, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen — anstatt ihr ganzes Können, Wissen und ihre Intelligenz in den Dienst des eigenen Volkes zu stellen und sich — gleich den anderen Nationalitäten — opferwillig seinen Interessen zu widmen. Die Haltung solcher Juden sei tief zu beklagen, da sie aus Indolenz, politischer Unreife oder Kurzsichtigkeit nicht einsehen, wie sehr sie gerade wegen dieser ihrer Haltung von den anderen mißachtet werden, indem sie ihrem eigenen Volke die empfindlichsten Schäden zufügen. Dr. S t r a u ch e r regte die Inangriffnahme wichtiger Maßnahmen an. Seine Ausführungen fanden ungeteilte stürmische Zustimmung, die sich in den gehaltvollen Ausfahrungen mehrerer Redner, so in jenen des Prof. Dr. Wende r, GR. Trichter, Bankbeamte Hafner, Zahntechniker K a m p e l m a ch e r, Apotheker F ü ll e n b au m, Gemeinderat Elias Wender u. m. a. äußerten. Alle diese Redner machten überdies zweckentsprechende Vorschläge zu Einrichtungen, zu denen schon demnächst die Vorarbeiten in Angriff genommen werben. Mit lebhaften Dankeskundgebungen für Dr. Straucher schloß die Versammlung, die ein schönes Zeugnis davon abgab, welch eine wohl disziplinierte Schar gesinnungstüchtiger Elemente der jüdische VolkZverein in Czernowitz zu den Seinen zählt. Prof. Locwenstnmm gestorben. Im Kaiserin Elisabeth- Spital ist der (^esanpsprafessor Franz Fajef Loeivenilamm, Besitzer der königlich belgischen Medaille für Kunst nnd Wissenschaft, gestorben^ Er wurde 18-13 in Budapest geboren nnd studierte am Münchener nnd Leipziger Konserbatorilun, unter berühmten Lehrern, die später seine Freunde geworben sind. Er stand mich zu anderen bedeutenden Musikern und Komponisten in freundschaftlicher Beziehung, und in seiner Sammlung dürfte sich manch interessante Reliquie früherer Meister befinden. Sein Baker lvar ein berühniter Kantor in München nnd hat als solcher eine grosze An- Zahl Tempetchöre komponiert, die Loeivenstannn aus dem R'aeplas; gesaimnelt und als ein Werk herausgegeben hat. Anfangs der 1'lehtzigerjahre war er Opernkapellmeister in Preszburg nnd seit mehr als Zwanzig Jahren lebte Loeivenstannn in Wien und ivar als Inhaber einer Opernsehule, Mariahilferstrasze Nr. 9, aus der besonders in frühe reit Jahren bedeutende Künstler u>td Künstlerinnen hervorgegangen sind, eine stadtbekannte Persönlichkeit, überall beliebt tind geachtet. Er erteilte nahezu vierzig Jahre Gesangsunterricht, ivar fruchtbarer Komponist und in Wien ein gesuchter Chordirigent.?ils solcher leitete er sieben Jghre lang den Wiener Kaufmännischen Gesangverein, den Wiener Sängerbund, die Gesangvereine „Sängerlnst", „Jvria", den jüd. Mannergesangverein „Sehir Zion" und die Orchesteroereinigung „Aecord". Er hatte sieh unter anderem die Aufgabe gestellt, Chöre a capella uiid gemischte Chöre wieder Ziiin Leben zu bringen und hinterläszt in diesem Genre schölte Kompositionen^ von denen ihm ciitige bei einem jüngst von ihm im Bösendorfer-Saal gegebenen Konzert des netien Wiener Siitgvereines, ivelchen er gegründet hat und leitete, reiche, wohlverdiente Ehren brachten. Bor kurzem übergab mau Loelvenstamm die Leitung des Chors für den Tempel des achten Bezirkes, der Heuer im Herbst cingelveiht ivird. Loelvenstamm war sehr schaffensfreudig uitd voll Hoffnungen und Plänen für die Zukunft. Er ist unerwartet aus seinen Träumen gerissen worden und deit Folgen einer Blutvergiftung nach einigen Tagen erlegen. Die Beerdigung fand Sonntag den 2. August, 10 Uhr vormittags, boin Zeittralfriedhof (israelitische Abteilung) aus statt. Eine besonders große Altzahl Trauergäste, unter ihnen Loewenstamms Bertifskollegen itnb andere Künstler, mit denen er befretindet ivar, hatten sich eingefunden, tim ihre Teilnahme auszudrücken und tun dein verdienstvollen Künstler die letzten Ehren zu erweisen. Die Gesangvereiite, die Loelvenstamm leitete, ivareu teils korporativ, teils durch Deputationen vertreten. Berein jüdischer Handelsangestellter Wien, 2. Bez., Stephnniestrits-c 8. Sonntag de» 9. August Tagesansflug auf den Schöpft. Zusammenkunft 0.90 Uhr, Abfahrt 6.55 Uhr vom Westbahnhof. Starker Marsch. Mittwoch den 12. Aligust gesellige Zusammenkunft int Restaurant Juth, 2. Bez., Stephaniestr. 14. Trauung. Sonntag den 9. ds., lim 2 Uhr nachmittags, findet iur Seitenstättentempel die Trauung des Fräulein Olga Dohan, Tochter des Herrn Samuel Dohan mit Herrn Karl Ehrenfest, k. k. Mittelschul- und Religionslehrer der israelitische». Kultusgemeinde Wien statt. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldftadt" (Vereinslokal: II., Stehphaniestraßs 8). Mittwoch, den 12. August 1903, abends präzise 8 Uhr: Vortrag des Herrn Dr. Heinz Kohn über Arbeiterschutzgesetzgebung. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit des Themas wird zahlreicher Besuch erwartet. Gäste willkommen. Allgemeiner jüd. Arbeiterverein, II., Stephaniestraße 8. Samstag den 8. d. M. Vortrag des Herrn Doktor E. M. Z w e i g. Thema: D e r s e ch st e K o n g r e ß. Gäste stets willkommen. Neisser—Mraöek. Wir haben absichtlich in dem heroischen Streite, in dem die liberalen Blätter für N e i s s e r als eine Stärkung des Liberalismus und für seine Berufung nach Wien plaidierten, während die antisemitischen Blätter 3t e iss er als Juden und gewissenlosen Experimentator bekämpften, nicht das Wort ergriffen. Nun ist die Sache entschieden und wir müssen ein anfklärendes Wort post festum figen, Neifser hat sich schon als Student taufen lassen und ist heute Christ. Wir würden darüber kein Wort weiter verlieren, wenn N e i s s e r nicht anßer dem Sporte, mit Gift z>l impfen, auch dem Sporte huldigte, unter seinen jüdischen Assistenten und Studenten für die Taufe Propaganda zu machen. Dafür hätte er in Wien allerdings. einen sehr fruchtbaren Boden gefunden und unsere Assimilatoren werden schon deshalb bedauern, daß N e i s s e r nicht nach Wien kam. Andererseits bewies die antisemitische Presse in dem Falle einen Mangel an Logik, den wir allerdings bei ihr gewöhnt sind. N e i s s e r durste wegen seiner Experimente nicht nach Wien kommen; aber für Mra 6 ek, unter dessen Pcimariat und Ber-' antwortlichkeit Dr. Groß analoge Experimente machte, macht die antisemitische Presse begeistert Eklat. Ja, Bauer, das ist etwas anderes. Povwoloczyöka. Auf Veranlassung des Präsidenten Herrn Sch. Günsberg wurde Samstag am 8. Ab abends im Vereiuslokale „Degel Jehuda" unter reger Anteilnahme sämtlicher Vereinsmitglieder, sowie Nichtmitglieder die Tischüh-Beab-Feier abgehalten. Nach vorzüglicher Vortragung von Megilas rD^X durch den Vizepräsidenten Herrn Isidor Preezep, wodurch alle Anwesenden tief gerührt waren, haben die Herren Adolf Wurzel, Nachman Po dharzer, Isidor Preezep, David Denenbaum und Kali sch über die Bedeutung des 2X2 respektive über die Bedeutung der m^p gesprochen, wodurch gleichzeitig durch Herrn Adolf Wurzel augeregt wurde, einen Kurs für den Unterricht der hebräischen Sprache zu eröffnen; dies wurde mit Beifall angenommen und haben sich sofort mehrere Mitglieder zur Teilnahme an diesem Kurse gemeldet, welcher dreimal wöchentlich abgehalten wird. Die Leitung dieses Kurses übernehmen die Herren Sch. Günsberg, Adolf Wurzel und Isidor Preezep. Mährisch-Ostrau: Die Chargenwahlen der jüdisch-akademischen Ferialverbindung „Heffiana" ergaben folgendes Resultat: cand. ing. Ferdinand; Löwy, Präses cand. ing. Fedor Goldschneider, Vicepräses; eand. Ing. Max Reicher, Schriftführer. Ausland Das Syndikat von Kischenew (Or.-Korr.) Ans Kischeuew wird uns geschrieben: Die Blätter haben seinerzeit berichtet daß der Vize-Gouverneur von Kischenew, U st r u g o w, nach Stawropol im Kaukasus versetzt wurde; ferner wurde der Chef der Gendarmerie in Kischenew, Baron L e w e n d a l, aus dem aktiven Dienste in die Reserve versetzt. Beide Maßnahmen tragen den Charakter von Strafverfügungen, die Versetzung von Beamten nach dem Kaukasus galt von jeher als eine Art von Verbannung. Sowohl Ustrngow als L e w e n d a l waren nach der Kischenewer Affäre als die am schwersten kompromittierten Beamten in Disziplinarnntersuchnng gezogen worden. Auf Grund der Ergebnisse derselben hat nun . der Minister des Innern, Herr v. P l e h w e, über die beiden Funktionäre die genannten Maßregelungen verhängt. Der Bvr-! schlag Plehwes an den Zrrcn wurde von Viesern mittelst; Ukas vom 16. d. M. genehmigt. Der gewesene Gouverneur von Kischenew, Baron v. Raa den, welcher nach den Exzessen abbernfeu worden war, hat dieser Tage um eine Audienz beim Zaren nachgesucht. Es wurde ihm bedeutet, daß der Zar nicht gewillt sei, ihn zu empfangen. So einfach spielten sich diese Ereignisse nicht ab. Speziell die Absetzung des Baron Lewen dal hat eine ganz besondere, charakteristische Vorgeschichte. Baron L e w e n d a l war ein so gemeiner Charakter, daß er ein eigenes Syndikat zur materiellen Exploitierrrng der Kischenewer Exzesse bildete. Er kaufte nämlich einer ganzen Anzahl von auswanderndenJuden auf eigeuenNamen, auf den Namen seiner Frau, Kinder und Verwandten Häuser zu Spottpreisen ab, die er dann bei steigender Konjunktur mit großem Nutzen zu veräußern gedachte. Dieser schmutzige Handel kam auf und erst da trennte sich P l e h w e von seinem Werkzeuge. — Ich bin auch nicht wenig erstaunt, wie die liberalen Blätter dem Finanzminister Witte solche Loblieder singen können. Sie bemerken ganz richtig in Ihrer letzten Nummer, daß Witte durchaus kein Judenfreund sei. Dem ist wirklich so. Denn P l e h w e ist kaum ein Jahr im Amte und vor Plehwe war Witte durch Jahre unumschränkter Herr und Vertrauensmann des Zaren. Was hat er in dieser Stellung für die Inden, zur Linderung der Lage der Juden getan? Damals hinderte ihn kein P l e h w e an etwaigen Reformen. Das einzige, was er tat, war, daß er den Zutritt der Juden an die Universitäten von einem bestimmten Prozentsätze abhängig machte. Witte machte auch der bis zu seinem Ministerium üblichen Anstellung von Juden im Eisenbahnministerium ein Ende. Die Hoffnungen, die die liberalen Blätter auf den freigiebigen Herrn v. Witte setzen, sind sehr trügerisch. Ein Geständnis auf dem Sterbebette. Aus Nürnberg wird uns geschrieben: Eine Affaire, die seinerzeit zu Volksunruhen nnd Exzessen führte, hat nunmehr durch ein Geständnis auf dem Sterbebette ihre sensationelle Aufklärung gefunden. Vor etwa sechs Jahren verschwand spurlos aus dem Dorfe Mienken im Arnswalder Kreise das dreijährige Söhnchen des Wirtschaftsbesitzers Jenske. Politische Hetzer machten sich den geheimnisvollen Fall 311 Nutze und brachten iu die Landbevölkerung den Glauben, daß das Knäblein einem Ritualmord zum Opfer gefallen sei. Es kam gegen die im Arnswalder Kreise wohnhaften Inden zu Ausschreitungen, welche erst durch die energischen Maßnahmen der Behörden unterdrückt werden konnten. Jetzt erst, nach sechs Jahren, hellt sich das traurige Schicksal des kleinen Jenske auf. Ans dem Sterbebette gestand ein Förster Namens Renke, daß er das im Walde nächst Mienken spielende Kind für ein Wild gehalten und erschossen habe. Aus Angst, verhaftet nnd bestraft zu werden, habe er die Leiche des Kleinen im Walde vergraben. Der Sterbende gab auch die Stelle an, und die Behörde, welcher das Geständnis des Försters bekanntgegeben wurde, leitete sofort die notwendigen Nachforschungen ein. Björnson gegen Rußland. Im „Berliner Tageblatt" veröffentlicht Björnson einen gegen Rußland gerichteten Artikel, der betitelt ist: „Die Solidarität der Volker." Björnson schreibt: In einer Versammlung, die kürzlich in Paris stattfand, hat die Oeffentlichkeit durch den Mund hervorragender Redner gegen die Verletzung der finländischen Verfassung und die Unterdrückung des loyalen sinländischen Volkes Protest erhoben. Man hat ebenso gegen die unablässige Verfolgung der Inden und besonders gegen die schweren, aber ungesühnten Verbrechen von Kischenew protestiert. Es geht ans den Berichten, die ich gelesen habe, nicht deutlich hervor, ob man bei dieser Gelegenheit auch gegen die dauernde Mitschuld des Auslandes protestiert hat. Die öffentliche Schuld Rußlands betrug im Jahre 1902 gegen 17‘/4 Milliarden Franks, von denen 8077 Millionen im Lande selbst und 4275 Millionen im Auslande untergebracht waren. An Eisenbahnobligationen waren etwa 4333 Millionen ausgcgeben; von diesen war gleichfalls ein sehr großer Teil im Auslande untergebracht. Allein seit 1899 hat Rußland 31/, Milliarden int Ausland geliehen; in dieser Summe sind die Eisenbahnanleihen nicht mitgerechnet. Wir wissen alle, daß der größte Teil dieses fremden Goldes, welches die Selbstherrschaft mit ihren Unterdrückungs- und Eroberungsplänen seit 1889 aufrecht erhält, aus dem Lande der Freiheit, Gleichheit nnd Brüderlichkeit geflossen ist; wir wissen ebenso, daß diese Anleihen zum Teile durch französische I u d e n b egeben worden sind. Man sagt in Europa wie in Amerika allgemein, daß ohne das französische Gold die russische Selbstherrschaft schon längst zur Kapitulation' gezwungen worden wäre. Keine Zentralgewalt, auch die beste nicht, ist im stände, für längere Zeit so zahlreiche und verschiedenartige Völker zu beherrschen, kein Land, auch das mächtigste nicht, kann einen so gewaltigen Raunt umspannen oder so gegensätzliche Ziele vereinigen, wie sie durch das verschiedenartige Klima und die zahlreichen Nassen und Religionen geschaffen wurden. Aber was die beste Negierung und die mächtigste Hand nicht zustande bringt, das wird zu Chaos und Elend unter einer schwachen, selbstherrlichen Macht, wo eine brutale, feile und lügenhafte Bureaukratie korrumpiert, plündert nnd unterdrückt. Ohne die Hilfe des Auslandes fände das von selbst sein Ende, sei es auf dem Wege der Revolution, sei cs auf dem Wege der Verwahrlosung. Das Natürlichste wäre, daß sich sich die gewaltigen Massen Rußlands zu einer föderativen Organisation dezentralisieren. Mit Hilfe des fremden Goldes konnte die ganze, leicht entstammbare Masse dieser entsetzlichen Anhäufung von Ungerechtigkeit und Drangsal lange genug bestehen, um zu einer Gefahr für uns alle zu werden. Wenn nicht ein Krieg den Zündstoff auf die Nachbarn ausschüttet, wird er dort in Brand geraten, und es werden während langer Jahre Explosionen und Erschütterungen folgen. Darüber sind alle Russen und Fremden der gleichen Ansicht. Aber der Krieg wird ausbrechen! Wenn die allmächtige russische Bureaukratie bisher vor keinem Mittel zurückgewichen ist, um ihre Herrschaft zu verlängern, weshalb sollte sie vor diesem zurückweichen? Welches auch das Ergebnis dieses Krieges sein möge, eines ist sicher: Die Zinszahlungen werden anshören. Rußland wird sich für die Hilfe, die man ihm zuteil werden ließ, durch einen Staatsbankerott bedanken. Björnson fordert schließlich dazu ans, jetzt, wo der Zar wieder nach Europa kommen wolle, diesem die Solidarität der Völker zu beweisen, und zwar müsse Dänemark vorangehen. Der neue Papst Pius X. ist in Bezug aus die Judenfrage ein weißes Blatt. Jedenfalls hatte er aber als Patriarch von Venedig, das eine der größten und ältesten jüdischen Gemeinden Italiens in sich schließt, Gelegenheit, die Juden persönlich kennen zu lernen. Er gilt als ein Mann streng kirchlicher Gesinnung und wurde als ^unpolitischer" Kandidat im Gegensätze zu dem „Politiker" Rampolla gewählt. Trotzdem ist es wahrscheinlich, daß sich gerade unter seinem Pontifikate eine höchst einschneidende politische Wendung vollziehen wird, nämlich die Anteilnahme der italienischen Klerikalen an dem politischen Leben. Das wäre nur eine Konsequenz seiner Haltung in Venedig. Jedenfalls können wir es nur begrüßen, daß R a m p 0 l l'a gefallen ist. L e 0 XIII. nahm in der Judenfrage eine neutrale Haltung ein. Man geht nicht fehl, wenn man die Unterstütznng der antisemitischen Demagogie ans das Konto R a m P 0 l l a s setzt. Ungehindert konnten die als vatikanisch-offiziös geltenden Blätter, wie „ Voce della veritä“, „Givilitä cattolica“, „Osservatore Romano“, als Chorführerinnen in der Judenhetze sich spreizen, namentlich in den Tagen des Tisza-Eszlar- und des Xanten-Prozesses jene unvergessene« blutrünstigen „Ritnalmord"-Artikel verüben, welche seitdem die Hauptquelle der Blutlügner geblieben sind. Aus der päpstlichen Offizin, der Druckerei der Propaganda fide [i nb jene scheußlichen Pamphlete hervorgegangen welche — es sei nur an das Schandbuch „Pell' Uso del sanguine nei riti ebraici“ — auf denselben Ton gestimmt waren und großes Unheil angerichtet haben. Dieses berserkermäßige Treiben wurde während des Polna-Prozeffes so arg, daß der Erzbischof von Westminster Dr. B a n g h a n in seinem offiziellen Organe, dem „Tablet", eine scharfe Verurteilung darüber aussprach und sehr energische Vorstellungen nach Rom richtete. Zur politische« n«d wirtschaftliche« Lage in Rumänien. Aus Bukarest wird gemeldet: lieber den Ausgang des Rentenschwindel-Prozesses und die ausgesprochenen Strafen sind Ihre Leser seit meiner letzten Korrespondenz bereits unterrichtet. Da alles wohl vorbereitet war, so verlief alles programmäßig, trotz der Bemühungen der Verteidiger, Bresche in das sorgfälltig umbaute Prozeßverfahren zu legen, zu dem Zwecke, die eigentlichen Schuldigen zu entlarven. Man weiß sehr wohl, wo diese zu finden sind, und daß die jetzt Verurteilten nicht viel mehr als die Verführten sind. Auch hier zu Lande hat das Sprichwort Geltung: „Kleine Diebe hängt man, große läßt man laufen". Im diesem Sinne wird auch das im Verlaufe der Angelegenheit nicht mehr abweisbar

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