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Jüdisches Volksblatt · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Wien. Freitag indisches Volksblatt 7. August H)o3 Seite 3 organisiert, zerworfen, zerfahren und schon aus religiösen und zeremoniellen Meinuugsverschidcnhciten in Parteien getrennt, die sich gegenseitig bekämpfen, befehden und hassen. Statt der Brotfrage für die hungernde und darbende Masse sind jüdischer Konservatismus, Orthodoxismus, Nabbinismns, Halbaufgeklärt- und Ganzaufgcklärtheit auf der Tagesordnung. Alles Dinge, welche als Nahrungsmittel zur Stillung des Hungers der beschäftigungsuud erwerblosen Massen nicht verwendet werden können. Eigentümlich, wenn manche Bevölkerungsteile eines Landes durch Elementarereignisse, wie Feuer, Wasser oder Heuschrecken und Phylvxera materiellen Schaden erleiden, wird im Parlamente und in den Natsstnbcn der Länder zu ihren Gunsten Allarm geschlagen uud für ihre vollständige oder teilweise Schadlvshaltung agitiert und Beschlüsse gefaßt; hier in Galizien sind 200.000 jüdische Seelen nicht bloß etwa beschädigt, sondern quasi in tiefster ökonomischer Erschöpfung, einfach ohne trockenes Brod, und weil dieses Unglück sie nicht durch ein Elemeutarereignis, sondern durch die Verhältnisse, die sich langsam und sukzessive gestalten, befallen hat, wird es gar nicht in Betracht gezogen. Man ist in Galizien von jeher daran gewöhnt, daß zirka 40.000 Wanderbettler ununterbrochen im Bereiche der Städte, Stäbchen und Marktflecken des weit ausgedehnten Landes schnorrend und fechtend herumstreifen. Der bemittelte galizische Jude findet schon die weitgehendste Satisfaktion und asketischeste Gottgefälligkeit darin, wenn er seinem Bruder, seinem Glaubens- und Volksgenossen einen Heller als Almosen hinwirft, damit hat er die Pflicht der Barmherzigkeit und Mildtätigkeit erfüllt. Soweit reicht noch nicht der Gesichtskreis bei vielen unserer galizischeu Glaubensbrüder, denen die Göttin Fortuna in ihren Unternehmungen oder Gelegenheiten hold war, daß es ihnen begreiflich wird, daß der fatale wirtschaftliche Zustand einer Zahl von 200.000 jüdischen Bauern, die durch alle Art kleiner Vermittluug oder einfache Bettelei ihr Leben fristen, in erster Linie eine Schmach, eine Schande für sie selbst, und in zweiter Linie für das ganze Judentum ist. Würden die vermögenden Juden die tiefe ökonomische Versunkenheit ihrer Mitjuden richtig ermessen, würden diese all dem Elende nicht mit verschränkten Armen gegenüberstehen, sich organisieren und zu einer rationellen Rettungsaktion sich aufraflen, dann würden sie ein Werk tun, dem Lande, dem Judentum und — sich zu Ehren. Die Art der Humanität der reichen galizischeu Juden ist eine verfehlte. Spitäler und Schulen haben sowohl der Staat wie das Land beizustellen, wenn ein galizischer Philantrop ein Spital erbaut oder eine Schule errichtet, trägt er blos zur Entlastung des Staates oder des Landes bei, wofür auch das rote Bändche« herablangen kann, aber um das Volk erwirbt sich ein solcher Spital- oder Schulhumauist ganz und gar keine Verdienste. — Sowohl die einheimische als die auswärtige in Galizien wirkende Philantropie hätte alle Tätigkeit auf den Punkt der Hebung und Vermehrung der Erwerbsquellen für die beschäftigungslosen Judenmassen in den Kleinorten zu konzentrieren und dieses Wirken wäre geeignet, eine zusehende Verbesserung der Lage der verarmten galizischeu Juden herbeizuführen. Nicht großangelegte Projekte, wie Massenauswanderung, Kolonisation im Laude wären diejenigen zielbewußten Mittel, die eine Verringerung der jüdischen Massennot hierzulande herbeibriugen könnten. Galizien ist zur Genüge reich an Flächeuausdehnung, um diejenigen Juden, deren Wiege unglücklicherweise daselbst stand, bei sich zu behalten. Ju Niederösterreich leben 140 Seelen auf einem Kilometer Landfläche, in Böhmen 112, i» Mähren 102, während ein Quadrat-Kilometer gnlizischen Bodens im Durchschnitte blos 85, (sage achtzig fünf) Seelen beherbergt. Es ist daher in Galizien für die subsistenzlosen Juden genug Raum vorhanden, und dieselben könnten sich daselbst gut erhalten, wenn sie Erwerbgelegeuhrit in nötigem Maße zur Verfügung hätten. Ein Aderlaß, das ist eine teilweise Auswanderung aus einem Lande, das seine Bevölkerung nicht ganz nähren kann, ist sowohl für das Land als für die Äu sz ü g l e r gesund, insofern«: sie natürlich nnd nicht künstlich vor sich gebt. Es wandern von Galizien ununterbrochen all diejenigen Juden aus, die ein Handwerk oder eine bestimmte Arbeit verstehen. Diese Auswanderung würde sich dann auf natürlichem Wege verstärken, wenn man beschäftigungslose Massen einer praktischen Arbeit zuführte und an dieselbe gewöhnte. Von Kolonisation im Lande kann schon deswegen keine Rede sei», weil die Kolonisierung einer Familie minimuru 4000 Kronen kosten muß, ohne die Sicherheit zu haben, daß sich diese Familie auf dieser Kolonie wirklich erhalten und entwickeln könnte. Seitdem ich nach bescheidenen Kräften meine Feder in den Dienst des armen, unglücklichen und verwaisten jüdische« Volkes in den galizischen kleinen Städten gestellt habe, höre ich nicht auf konstant dafür zu plaidieren, daß die einzigen Mittel zur Hebung der Erwerbsverhältnisse der existenzlosen Judenmasse hierzulande wären: die Zuführung der erwachsenen Männer zur Feldarbeit und d i e Verschaffung von modernen Erwerbsmöglichkeiten oder Hausindustrien für Mädchen und Frauen, welche sie selbständig, ohne auf einen ausbeuterischen Arbeitsgeber angewiesen zn sein, betreiben könnten. Daß sich die galizischen Arme« zur Feldarbeit eignen, beweist das Experiment, das ich hier im vergangenen Jahre mit Erfolg durchführte. Und daß geeignete Hausindustrien in den Städten Wurzel fassen, die arme Familien nähren und Not und Elend aus ihren Wohnungen bannen, beweist ein größerer Versuch auf diesem Gebiete, welchen der Reichsratabgeordnete Dr. Arnold Rapoport Porada infolge meiner Anregung hierorts in Chrzanow und Podgorze im Jahre 1894 machte. Es wurden 100 Mädchen im Stricken unterrichtet, dieselben erhielten gratis Maschinen und von dieserZeit leben in benannten Städten zirka 100 Familien von der Strumpfwirkwaren-Erzeugung. Da es aussichtslos wäre, daß eine Hilfe vom Lan de auf besagten Gebieten kommen sollte, müßten sich diejenigen Faktoren, die sich auswärts zur Aufgabe machten, für die Verbesserung der ökonomischen Lage der armen Juden in Galizien zu wirken, sich darauf energisch, zielbewußt und eifrig verlegen, daß die zwei von mir proponierten Hilfsmittel nach aller Tunlichkeit zur Realisierung kommen, ihre Arbeit würde alsdann nicht ohne Ersprießlichkeit bleiben, zum Frommen ihrer Schutzbefohlenen und zum Heile der Gesamtjndenheit. 6 Finanz, Finimzpressc und Judentum. Ter „Vorwärts" schreibt: Eine Berliner renonnnierie Bantfirmg, die nls durchaus „sein" gilt, hat danach einen hiesigen belannlen nnd oft genannten Zeitungsverlcger, in dessen Berlag eine der größten Berliner liberalen Zeitungen erscheint, sein Konto mit der Begründung geiündigt, daß sie sich genötigt sehe, mit ihm ihre geschäftlichen Bcrbindnitgen abznbrechen, da die Angriffe seines leitenden Handessredakteiirs gegen die russischen Finanzen geeignet seiett, die rtissischen Anleihen zu schädigen, an deren Emission in Deutschland die genannte Bankfirma beteiligt ist. Ter betreffende Verleger befand sich in diesem Falle in der günstigen Situation, ans die Kündigung pfeifen zu können; seine Mittel erlauben ihnr das. Doch auch beftsitnierte Verleger kommen manchmal in die Lage, zeitlveilig Kredit in Anspruch nehmen zn müssen, besonders ivenn sie sich einen prächtigeit, neuen Zeitnngspakast bauen lassen; nnb zudem verdirbt man es niclit gern mit einflußreichen, vielbermögenden Kreisen. — Kurz und gut, bald darauf hieß es plötzlich, der betreffende Handelsredakteur müsse geheit. Was vorgefallen ivar, entzieht sich unserer Kenntnis. Ob den: betreffeitden Redakteur geiviße Direktiveit erteilt ivordeir waren, die dieser, einer derer, die als nitbestechlich gelten, abgelehnt hat, oder ivaS sich sonst zngetragen hat, weiß man nicht. Dann hieß es lvieder, der betreffende Redakteur bleibe nun doch ans seinem Posten. Das nur eines der Beispiele. Ein anderes liefert die Haltung der Börsenpresse gegenüber der rumänischen Finanzlage und dem Renienanslosnngsschlvindel. Schon in einem früheren Wochenbericht („Vorwärts" vom 27. Februar 1003) habe ich ans die interessante Tatsache Hingeiviesen, daß .im Jänner nnd Februar d. I., nachdem noch kurz vorher aus dem Verlage des „Berliner Börsen-Conriers" das schärfste anonyme Pamphlet gegen die rumänischen Finanzen hervorgegangeir war, plötzlich das ehrenwerte Blatt, als die Diskonto-Gesellschaft tlnd Bleichrödcr die neue 185 Millionen Lei-Anleihe auflegten, mit vollen Segeln in ein anderes Fahrwasser steuerte nnd die rumänische Finanzlage in beit prächtigsten Farben malte. Tann kam die Enthüllung des rumänischen Rentenschwindels und in seinem Gefolge der Prozeß Liebling. Zuerst allgemeine Entrüstung über das Stourdza'sehe Ministerium; aber nicht lange. Schon im Mai wurde mir von einer Seite, die sich bisher als gut unterrichtet gezeigt hatte, aus Bukarest berichtet, im Kabinett würden die deutschen Notizen über den Rentenschwindel noch unangenehmer empfunden als von der Diskonto-Gesellschaft, und es sei an diese als Gegenforderung für die Begünstigung ihrer Bestrebungen, rumänische Petroleumfelder zu erwerben, das Ansinnen gestellt worden, alles Mögliche aufzubietcu, die Erörterung des Nentcn-Auslosungs-Schwindels in der deutschen. Presse zu unterdrücken. Und merkwürdig, nicht nur die Bemühungen der Diskonto- Gesellschaft um die „Hebung" der rumänischen Petroleum-Industrie hatten einen entschiedenen Erfolg, auch die Notizen über den Nentenschwindel verschwanden, obgleich die gerichtlichen Aussagen an der Mitschuld des Stourdza'schen Kabinetts keine Zweifel ließen, ans dem größten Teil des kapitalistischen Blätterwaldes. Und wieder einige Wachen, dann folgten, zumeist in der konservativen Presse, allerlei kuriose, die Vorgänge zum Teil direkt auf den Kopf stellende Beschönigungen der Nentenauslosungspraktiken und schließlich neulich der schöne Artikel dcr„Staatsbürger-Zeitung"gegen das „Berliner Tageblatt", der in einer so herrlichen, gefühlvollen land in deutschen Händen ist gleich 1000 ha und der Wert des Grundbesitzes etwa 4,000.000 Mark. Anläßlich der Kaisereise nach Jerusalem beschäftigte man sich wieder mehr mit den Schwaben in Palästina, und ward ihnen die verdiente Aufmerksamkeit und Würdigung zuteil. Auf Anregung des Freiherrn von Ellirchhansen wurde in Deutschland, namentlich in Würtemberg, unter Beteiligung d.'s Kaisers, des Königs von Württemberg und anderer zwecks Erwerbung neuen Terrains für den Nachwuchs der württembergischen Kolonien im heiligen Lande ein Stammkapital von 300.000 Mark zusammengebracht, nnd bildete man eine Gesellschaft, welche durch die Stammeinlagen der einzelnen Gesellschafter in Höhe von 500 M., die zum Ankauf von Neuland für die Ansiedler erforderlichen Barmittel aufbraucht. Die betreffenden Summen werden als Darlehen gewährt. Die Sicherung derselben geschieht in Ermangelung einer eigentlichen Hypothekensicherheit, welche das türkische Recht nicht kennt, in der Form, daß die anzukanfenden Ländereien auf eine zn bestimmende Person in den Grundbüchern eingetragen werden. Als Jahreszins haben die Darlehensnehmer vier vom Hundert und, außerdem als jährliche Abzahlung, eins vom Hundert zu entrichten. So ergibt sich eine Rückzahlung des gesamten Kapitals in ungefähr 42 Jahren. Die überschüssigen Kräfte der Schwaben Palestinas dürften sicher dazu berufen sein, bei deutschen Unternehmungen in Kleinasien und bei Gründung von neuen Ansiedelungen daselbst eine große Rolle zu spielen, denn sie haben sich dem Klima, jener Zone angepaßt und können die Behandlung des Bodens wie wie auch die arabische Bevölkerung von Grund aus. Vor allem aber sind sie urdentsch geblieben, deutsche Reichsbürger, während z. B. ihre württembergischen Landsleute iui Kaukasus und in Südrußland vollständig rnssifiziert worden sind. Mit Recht sagt das geschätzte Ehrenmitglied unseres Orientklubs, Herr Professor Sachau, von ihnen: Für alle Bestrebungen im Orient besitzt das Deutsche Reich ein vorzügliches Pionierkorps 'in den Württembergern von Jaffa, Haifa und Jerusalem, denen die arabische Sprache ebenso geläufig ist wie die deutsche, die, ohne jemals in Deutschland gewesen zn sein, ebenso deutsch sind, wie wir im Reiche Geborenen, nur daß sie nicht vom Parteihader angefressen sind und, wie sämtliche Kolonisten in der Fremde, ein offeneres Auge, eine gerechtere Würdigung für die Weltmachtsstellung Deutschlands haben, welche in wenigen Jahrzehnten aus geeinter Kraft unter Führung dreier Kaiser erwachsen ift." („Der Orient".) Jüdische Kolonien im Heiligen Lande. A. In Iudä cr. Raine der Kolonie 1. Mikweh Israel 2. Pethach Tikwah 3. Rischon Lezion . 4. Wadel Chanin 5. Ekron. 6. Gadrah .... 7. Rechowoth Gründungsjahr Umfang in Hektaren Seelenzahl Baulichkeiten (Wohnhäuser und Ställe) Hanptprodukt Bemerkungen 1870 234 204 Zöglinge Ackerbauschule der Alliance. 1878 1246 818 198 Getreide, Wein, 34 Fmnilien iverden noch unter- Obst stützt. 1882 615 605 143 Wein 1901 für Trauben 182.000 Frcs. angenominen. 1883 128 119 24 Wein, Obst, Honig 1884 383 231 44 Getreide, Obst 1884 303 110 38 Wein, Obst, 1901 für Trauben 35.000 Frcs. Getreide vereinnahmt. 1890 960 222 67 Wein 5 Familien vom Verein „Esra" installiert. 1896 392 102 3 Bedarf noch sehr der Unterst. 1896 506 124 32 Getreide 1902 für Getreide 36.000 Frcs. eingenominen. 1894 50 30 — Wein, Gemüse Kleines Anwesen dicht bei Jerusalem. B. Ju Galiläa. Wein, Obst, Die Kolonisten müssen z. kleinen 1882-1901 2214 1115 275 Getreide Teil noch unterstützt werden. 1882 2942 489 89 Getreide, Obst 100 Personen sind in einer Seidenspinnerei beschäftigt. 1884 990 216 53 Getreide, Tabak 1891 2635 132 81 Getreide 1891 400 110 30 1896 1152 231 67 Getreide 1899 527 63 19 1899-1902 6120 600? C. Jenseits des Jordans. 1888 315 83 Die Kolonie bedarf noch einer Unterstützung v. ca.45.000 Ai. die der „Esra" leisten wird. 8. Artus . 9. Kastinje 10. Mozah 11—15. Sichron Jakob nebst4 Töchterkolonien 16. Rösch Pinah . . . 17. Jessod Hamaaloh . 18. Chudereh. 19. Mischmar Hajarden 20. Methuleh. 21. Machanajiin . . . 22—26. Sedjera nebst Abadjeh, Dalayka, Jama und Meska . 27. Bnei-Jehndah l!. Jüdische Besitztümer im Heiligen Lande. Seit 1881 haben die Juden außerdem noch folgende Besitztümer erworben, die allmählich in Kolonien umgewandelt werden sollen: A. in Judäa: 6 Besitztümer mit einein Gesamtumfange von 1000 Hektaren, B. in Galiläa: 5 Besitztümer mit einem Gesamtumfange von 540 Hektaren, C. jenseits des Jordans: 5 Besitztüiner mit einein Gesamtmnfange von 7983 Hektaren. Zusammen haben die Juden 31.635 Hektar Land erworben. In den darauf errichteten 27 Kolonien dürfen Ende 1902 weit über 5000 Seelen in 600 Häusern gewohnt haben. In 571 Ställen befanden sich 1575 Stück Arbeitsvieh, 1171 Kühe und 2586 Stück Kleinvieh. Von dem bebauten Boden werden 9149 Hektar mit Getreide, 2472 mit Wein und 1400 mit Obst bepflanzt

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