Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2432970-2433002--2051-2435875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Seite 2 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 7. August 1903 Nr. 32 (Ein A ppell an die jüdische Gesellschaf t.) J. Kr. Ans Köln kommt uns eine Nachricht zn, welche, ehrlich gestanden, unseren Neid erweckt. Dieser Bericht lautet: .Köln. 3\'lhwuti’ ..Verein für iüdiseüe Kranleinnleaeriuiteu" r Ivel wer seeven seinen vierren üieeliensel'nsr-VBerieln Versender, bat aneb im abaelaurenen Satire eine ivalirbarr segen-?reiwe Veirksamteir enrralrer. Veie nron, da-? Bedürfnis narb jüdiseben Pflege' rinnen svivvbl in nuferer srbnell ivaebienden (Gemeinde, al? aneb in den arößeren V'arbbaraemeinden Üibeinlands und Westfalens ist, offenbarte sieb darin, dast der Verein bei der norb besebränkten :',abl seiner für die Privarvfleae berfiiabaren Sclnoeftcrn niebr in der Laue Ivar, allen an Um oenellten slnsvrüeben aererbt zu werden, blnfana-s 19>'2 ^erriia die :'abl der 2ebivestern 12: dan> tarnen ."> 2ebülerinnen. ivelrbe im-Lanfe des Sabres ibre t'lne-bildnna vollendeten: 1 ist an-7-aeselüeden. 1 beurlaubt. Von den 14 zu Vezinn 1904 tätigen Pflegerinnen lvaren 8 im stsraelirisrben Vs>4. die übrigen in der Privatvflege l'esel'äfrigt. Pie letzteren baben 70 Pflegen in .Köln und 9 anoivürrs mit 77.4 Tages- und 440 4iaebrflegen übernommen. Bei Tverationen in Privatbänsern leisteten sie in 172 Tüllen den Aerzren Assistenz. Ter?lrmenvflege wurde lm vergangenen Pabre erbölne Viifmerlsamkeit giigeivendet. In 90 Fällen baben sieb die Vereinssebwenern dnreb Verbettnng der.Kranken, Instandsetzung der Wotmnng und Wirrsebaft hilfreich betätigt. Als näebste und dringliebste Aufgabe bat der Vorstand den Ban eines Schwesternhauses ins Auge gesagt, ivofür die bisberigen MieiStvobnungen nur einen sebr nnvolltommenen Ersatz darstellen. Tas Kuratorium des Israelitischen Asbls bat sieb bereit erklärt, ans dem von ilnn für den Neubau der Kranken- und AlterSversorgnngSanstalt erworbenen großen Terrain einen geeigneten Platz für das Schwesternheim zur Verfügnng zn stellen. Hoffentlich werden die vielen Freunde des Vereines zn der Schaffung eines genügenden Banfonds, für welchen die .Herren Takln Bielefeld und Hermann Srernau je 2000 und Herr B. NeckarSnlmer in Aachen 10n0 Mark gestiftet baben, ihre werktätige Hilfe nicht vorenthalten. Herr NeckarSnliner hat dem SchwesternvensionSfondS 10 000 Mark leizrwiltig vermacht, die Familie des Herrn Fritz Rothschild für denselben Zweck 1400 Mark überwiesen. Tie Einnahmen betrugen leinschlieszlich eines Kassenbestandes von 2122,82 Markt 22 242,94 Mk., davon Jahresbeiträge 5740,70, Spenden 9464,60 Mk., die Ausgaben 10 094,90 Mark. Ten Vorstand bilden die Herren Tr. V. Auerbach, Vorsitzender, RcchrSanwalr Karl Ettzbacher, Stellvertreter, Dr. Fritz Cahen, Schriftführer, Simon Herzbach, Schatzmeister, Mar Bendir, Isidor Tüllen, Amtsgerichrsrat Löwenherz, Heinrich Frank und Tr. L. Tvvenheimer, Beisitzer. Zur großen Judennot in Oesterreich hat nicht zum geringsten Teile die Not der jüdischen Mädchen beigetragen; denn wenn auch die männlichen Mitglieder einer zahlreichen jüdischen Familie in Galizien und der Bukowina durch eine verfehlte, unmoderne Erziehung zu Proletariern werden und ihren Stammesbrüdern zur Last fallen, so ist es eine bekannte Tatsache, daß diese Männer auf einen günstigeren Boden, in eine entsprechende Atmosphäre versetzt, sich leicht zu jeder Arbeit entschließen und ihren Lebensunterhalt selbst decken. Ganz anders ist es aber mit den jüdischen Mädchen. Man könnte sie in zwei Gruppen teilen. Bei Reichen wird auf ihre sogenannte moderne Erziehung, welche nur dazu sich eignet, sie ihrem Volke zu entfremden, ein Vermögen verwendet, und wenn ein solches Mädchen in eine Notlage gerät, so wird sie sich wohl in der modernen und hypermodernen polnischen Literatur zurecht finden, wird aber nicht in der Lage sein, sich ihr Brot selbst zu verdienen. Die andere Gruppe bildet ein anderes Extrem. Diese in Not und Elend aufwachsenden jüdischen Mädchen lernen in den meisten Fällen gar nichts. Diese Mädchen, welche frühzeitig sich selbst überlassen bleiben, bevölkern die schmutzigen Straßen der galizischen Judenstädte der heiligen Schrift vorzulesen, über einzelne Kapitel zu diskutieren sowie geistliche Lieder zu singen; die religiösen Feierlichkeiten, wie Taufe, Konfirmation und Eheschließung werden mit puritanischer Einfachheit begangen. Als den Templern, welche nur eine kleine Vereinigung von einigen hundert Familien bildeten, in der 50er Jahren Schwierigkeiten in ihrer Heimat bereitet wurden, kamen sie auf die Idee, eine „Vereinigung des Volkes Gottes" im heiligen Lande selbst zu bilden. 1858 und 1860 gingen Kommissionen von Tempelmitgliedern nach Palästina, aber erst 1866 konnte mit der ersten S i e d e l u n g in Jerusalem begonnen werden. Es bot sich die günstige Gelegenheit, den Besitz einer verkrachten amerikanischen „Mcssiasgesellschaft" billig zu erstehen. Mit zäher Ausdauer arbeiteten sich die Württemberger empor, und es entstanden in den nächsten Jahren außer der Kolonie Jerusalem die in Jaffa, Sarona und Haifa. An der Spitze der Tempelgemeinschaft steht der Tempelvorsteher, dessen ständiger Sitz Jerusalem ist, und welcher durch den Tempelrat (die Vorsteher der einzelnen Gemeinden) gewählt wird. Der Tempelrat bestimmt die Ausgaben und erhebt eine Tempelsteuer, welche in die von einer besonderen Behörde verwaltete Tempelkasse fließt. Die Templergemeinden erfreuen sich sowohl bei den türkischen Behörden, wie bei der ganzen Bevölkerung des Landes größter Wertschätzung, und nirgends auf der ganzen Welt gibt es wohl deutsche Kolonien, in denen mehr Einigkeit und Friedfertigkeit herrscht, wie hier. Die ältesten der württeumbergischen Kolonien liegt etwa 1 km vor dem Jaffator Jerusalems, dicht am Stationsgebäude. Ihr offizieller Name ist „Repha im". Sie zähl 392 Seelen, und sind die Kolonisten ihrem Berufe nach meist Handwerker, doch befindet sich auch unter ihnen ein Arzt, ein Apotheker und ein Architekt. An der Gemeindeschule der Templer wirken 4 Lehrer und 2 Lehrerinnen; ein sogenanntes „Lyceum" ist damit verbunden. Der Bodenbesitz dieser Kolonie ist nur ein kleiner, etwa 20 hu, von denen 8 hu Gärten und 12 ha Weinberge sind; der Wert des ganzen Besitzes mit Gebäuden, Mobilien rc. rc. wird auf 1 442.000 Franks berechnet. Die Kolonie Jaffa liegt einige Minuten nordöstlich der Stadt und zählt 59 Familien mit 320 Seelen, von denen 15 Familien mit 83 Seelen zur evangelischen Kirche gehören. Diese Kolonie zählt 2 Aerzte. 2 Apotheker, 3 Lehrer, 1 Bierbrauer, 4 Hotelbesitzer, 9 Dampfmühlenbesitzer, 7 Weinbeigbesitzer rc. Neben 15 ha Ackerland sind 32 ha Weinberge und und müssen über eine kolossale moralische Kraft verfügen, tvenn sie dem Laster nicht verfallen sollen. Der erst jüngst abgehaltene Kongreß gegen den Mädchenhandel hat uns manches erschütternde Bild ans dem Leben der jüdischen Mädchen in Galizien anfgervllt. Und auch die großen jüdischen Vereine und Stiftungen wie zum Beispiel die Baron Hirsch- Stiftung, welche sich die Verbesserung der Lage der galizischen Juden zur Aufgabe gestellt haben, finden die Hauptschwierigkeit bei der Durchführung ihres Regenerierungswerkes nicht so sehr in dem starren Widerstande der Männer als in dem schrecklichen verwahrlosten Zustande, in welchem sich die jüdischen Mädchen und Frauen aus den unteren Gesellschastsschichten befinden. Das Problem, welches hier zu lösen ist, muß unseres Erachtens dahin formuliert werden: Wie kann es möglich gemacht werden, daß die jüdischen Mädchen aus ihrer jetzigen Gesellschaft heraus, in eine andere, entsprechendere versetzt und daselbst ans eigene Beine gestellt werden'? Mit anderen Worten: Auf welche Weise können die jüdischen Mädchen einem Berufe zugeführt werden, der sie redlich ernährt und wodurch sie andererseits aufhören, ihren Eltern eine Last zn sein? Nirgends ist diese Frage so akut geworden, wie in Oesterreich und nirgends hat das offizielle Judentum so wenig zur Lösung dieser Frage beigetragen wie in Oesterreich. Wir wollen heute nur auf die Frage der jüdischen Krankenpflegerinnen zurückkvmmen, wozu uns die Kölner Nachricht den Anlaß gibt. In allen anderen Ländern, in welchen die Zahl der Juden beiweitem nicht so groß ist wie diejenige der Juden in Oesterreich, und in denen demzufolge auch die Verelendung der jüdischen Mädchen keine solche Dimensionen angenommen hat, wie bei uns, hat man es für nötig gefunden und auch möglich gemacht, die jüdischen Mädchen dem Krankenpflege- Berufe zuzuführen. Außer den Beweggründen, welche für die Entstehung solcher Institutionen im Auslände maßgebend waren, kommen hierzulande auch soziale Motive hinzu. Denn hier handelt es sich nicht nur darum, dem katholischen Schwesternwesen, welches außer der Krankenpflege auch noch Proselytenmacherei auf dem Krankenbette treibt, ein ebenso gut geschultes, jüdisches Schwesteruwesen entgegenzustellen, sondern auch darum, daß den jüdischen Mädchen ein Beruf eröffnet werde, zn dem sie unsere Religion der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit geradezu prädestiniert. Was ist bis jetzt in dieser Frage in Oesterreich geschehen? Nichts! Denn die Tatsache, daß hin und wieder einzelne von der Idee durchdrungene Frauen, wie zum Brispiel in jüngster Zeit Frau Henriette Weiß, die Idee aufs Tapet bringen und sich bemühen, einerseits die offiziellen Kreise, andererseits die jüdischen Neichen für die Sache zu interessieren, aber wegen der Resultatlosigkeit ihrer. Bemühungen ihre Agitation bald einstellen, das kann doch eine der Sache würdige Aktion nicht genannt werden. Die offiziellen Kreise haben auf alle Bemühungen ein solches Institut ins Leben zu rufen, einfach damit geantwortet, daß es unter den jüdischen Mädchen und Frauen kein für die Krankenpflege geignetes Material gäbe. Natürlich! Wie kann man es auch verlangen, daß sich heute einzelne auf's Geratewohl einem solchen Berufe widmen, wenn es bekannt ist, daß diejenigen Kreise, bei welchen sie als Krankenpflegerinnen lohnende Beschäftigung finden sollten, mit Vorliebe sich christlicher Wärterinnen oder, was noch nobler ist, katholischer Schwestern bedienen. Diejenigen, um deren 8 ha Orangeugärten vorhanden, anch der Viehstand ist bedeutend. Der Wert dieses ganzen Besitzes beirügt 2,059.500 Franks. Man kommt sich hier wie zu Hause vor, wenn man noch Durchschreiluug des arabischen Viertels in das schwäbische Quartier kommt, in welchem uns die Kinder mit einem „Grüß Gott!" bewillkommnen, in dem deutscher Gesang aus der Schule dringt und die Häuser deutsche Aufschriften tragen. Erquickend ist es, wenn man inmitten des orientalischen Schlendrians peinlicher deutscher Sauberkeit in dem trefflichen Hotel des Herrn Hardegg oder in der „Bier- und Weinwirtschaft" von Mathias Frank begegnet. Großartig sind die Gärten der Deutschen, in denen Datteln und Bananen, Orangen und Zitronen blühen, während undurchdringlicher Efeu und Kakteen an den Zeumen entlang wuchern. Auch ein kleines Museum mit Münzen, alten Inschriften, Gefäßen rc., welches von dem russischen Baron Platon von Ustinow gestiftet worden ist, gilt als Sehenswürdigkeit der Kolonie. Ein großer Fortschritt für dieselbe war es, daß ihr die Kaiserreise auch ein „Kaiserliches Deutsches Postamt" bescherte, welches, nahe am Kai, in einem alten Gewölbe untergebracht, von dem Pvstsekretär Stöcker, welcher sich in mehrjährigem Dienst bei dem „Deutschen Postamt" in Konstantinopel die nötige Routine für orientalische Verhältnisse aneignete, trefflich verwaltet wird. Etwa 3 km nordöstlich von Jaffa in einer fruchtbaren Ebene liegt die T e m p l e r k o l o n i e „Sarona", die reichste des Landes, welche 54 Familien mit 243 Seelen zählt. 20 dieser Familien leben von der Oekouomie, 10 vom Weinbau, die übrigen Kolonisten sind Handwerker rc. Ferner ist ein Apotheker vorhanden, und an der deutschen Schule wirken 2 Lehrer und 2 Lehrerinnen; 3 große Weinhandlnngen mit eigenen Keltereien, Kellereien, Brennereien und Küfereien weisen einen Jahresertrg von 4000 hl Wein auf, auch eine Schaumwein- und Llkörfabrik ist vorhanden. Die Deutschen besitzen dort 300 ha Ackerland, 150 ha Weinberge, 24 ha Orangengärten und 1 ha Olivengärten, zusammen Werte in Höhe von 2,673.500 Franks. Diese Kolonie wurde im Jahre 1871 gegründet, hat aber durch die Nachbarschaft größerer Sümpfe zu leiden. Während in den ersten Jahren 25°/,) der Ansiedler am Fieber starben, wurde der Gesundheitszustand wahrscheinlich infolge der höheren Bodenkultur seit 1876 etwas besser; noch immer herrscht jedoch daselbst Malaria. Wechsel- und Schwarzwasserfieber, hauptsächlich vom September bis November, rvenn reichlicher Regen niederkommt. Hoffentlich soziale Förderung es sich hier handelt, sind Mädchen und Frauen, die auf den Erwerb angewiesen sind. Sie müssen also, ehe sie sich dem Studium der Krankenpflege widmen, die Gewähr haben, daß sie bei erlangter Eignung zu ihrem Berufe und bei entsprechender Fertigkeit in demselben, auch ihr Fortkommen finden werden. Diese Gewähr erscheint aber nicht geboten, wenn eine solche Aktion von einer einzelnen Person ansgeht. Auch die offiziellen Gemeindevertretungen allein könnten eine solche Institution nicht zum Gedeihen bringen. Was hier Not tut, ist: Ein Zusammengehen der jüdischen Gesellschaft mit den offiziellen Faktoren. Während die bemittelten, jüdischen Kreise durch die Gründung von Vereinen zur Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen gewissermaßen die Erklärung abgeben würden, daß sie im Bedarfsfälle sich nur jüdischer Krankenpflegerinnen bedienen wollen, müßten die offiziellen jüdischen Gemeindevertretungen sowohl durch Subventionen, als auch durch Ueberlassung ihrer Krankenhäuser zur Heraubildung der Krankenflegerinnen die Institution fördern. Der erste Schritt müßte, wenn es unseren reichen Juden um die soziale Hebung des Judentums wirklich ernst zu tun ist, von der jüdischen Gesellschaft ausgehen und wenn eine solche Aktion mit entsprechender Kraft und mit dem nötigen sittlichen Ernst in Scene gesetzt wird, so wären auch die offiziellen Faktoren gezwungen, ihre bisher an den Tag gelegte brüske Haltung dieser hochwichtigen Frage gegenüber abznlegen. Wegen des geeigneten Materials brauchen wir nicht besorgt zu sein. Unsere unglücklichen Schwestern sind nicht schlecht, noch arbeitsscheu. Sie waren nur bis heute ohne entsprechende Leitung. Bieten wir uns ihnen als ehrliche Führer an, zeigen wir ihnen und der Mitwelt, daß wir ihren Verfall nicht wünschen, daß wir auf ihre Mitarbeit bei derNeubelebnng des Judentums nicht verzichten wollen uud endlich, daß die altberühmte jüdische Mildtätigkeit nicht nur im Sprichworte, sondern auch in unseren Handlungen lebt und mit den modernen Anforderungen Schritt hält. Ueber die anderen weiblichen Berufsarten ein andermal. Juden als Feldardeiter. Von Ch. N. Reichenberg. (Schluß.) Außer den in allen zivilisierten Ländern bestehenden Tierschutzvereinen schreitet man eben gegenwärtig in Frankreich, Schweden und Norwegen daran, dem Beispiele der Bereinigten Staaten Nordamerikas zu folgen und auch Schutzvereine für die Vögel zu gründen. Wir in Galizien scheinen uns all dem Fortschritte der großen Welt gegenüber noch nicht einmal im Embryonal-Zustande zu befinden. Anderswo wird für die Existenz und das Wohlergehen der Tiere und Vögel gesorgt hierzulande stechen zirka 200.000 jüdische Seelen mittellos, ohne Erwerb, verwahrlost, vernachlässigt und verkommen dahin, und niemand rührt sich, um diesem hohnsprechenden Massenelende etwa rationell entgegnezuwirken. Hierzulande sind Polen und Rnthenen in Parteien organisiert; die Konservativen, Demokraten und Sozialisten haben ihre Führer, die für ihre Partei in ökonomischen, politischen und kulturellen Hinsichten das Wort sprechen und nach allen tunlichen Richtungen zur Herbeiführung von Verbesserungen und Reformen streben. Hingegen sind die 800.000 Juden in Galizien total desgelingt es unseren wackeren Landsleuten, durch Trockenlegung des wohl hauptsächlich fiebererzeugenden „Wadi Miserara" oder durch Bepflanzung desselben mit Bäumen dem Unheil zu steuern. Die T e'm p l e r ko l o n i e „Haifa" ist 1 km westlich von der gleichnamigen Hafenstadt am Berge Karmel gelegen und zählt 101 Familien mit 517 Seelen, von denen 29 Familien mit 145 Seelen, der evangelischen Kirche angehörend, sich den Templern angeschlossen haben. Die Dentschen besitzen dort zusammen 280 ha Ackerland nebst 37 ha Weinbergen, sowie außerdem einige Terrains ans dem Berge Karmel; auch die Viehzucht ist nicht unbedeutend. Ihrem Berufe nach sind 23 Weingärtner, 16 Ackerbauer, 33 Handwerker. An der deutschen Schule wirken 3 Lehrer und 2 Lehrerinnen. Wir zählen ferner 1 Arzt. 2 Ingenieure — selbstverständlich fehlt auch nicht eine Bierbrauerei. Der deutsche Besitz „Haifas" beträgt 1,758,000 Franks. — Am 23. September 1869 wurde dortselbst der Gruudstein zum ersten deutschen Wohnhause gelegt und heute macht die nach dem Meere zu sich hinstreckende deutsche Stadt mit ihren von schmucken Gärten umgebenen Häuschen einen äußerst freundlichen Eindruck. Harte Arbeit hat es gekostet, bis sich die Kolonie nach mehrfachen Mißerfolgen sdweit entwickelte; doch die wvhlbestellten Felder und Weingärten, die den Berg hinaufsteigen, liefern uns den Beweis des vorzüglichen Gedeihens dieses zähen Völkchens, welches auch sciue schwäbische Eigenart in Sprache und Sitte völlig bewahrt hat. Durchwegs hört man auf den Straßen „Haifas" deutsche Laute, und selbst die Einheimischen, zum Beispiel Fuhrknechte, haben soviel von unseren Landsleuten profitiert, daß sie wenigstens deutsch fluchen können. Die nicht zur Templergesellschaft gehörigen Deutschen evangelischer Konfession besitzen ihre eigene Kirche, und wird ihr Pfarrer von dem obersteu Kirchenrat in Berlin nach dort entsandt. Auf dem Berge Karmel gibt es auch ein treffliches deutsches Hotel, das als Luftkurort in Aufnahme gekommen ist. — Ein großes Ereignis für die Kolonie war es, als hier das deutsche Kaiserpaar im Herbst 1898 zum erstenmal den Boden des heiligen Landes betrat, ein Ereignis, welches noch heute und wahrscheinlich noch bis in die Zeiten der spätesten Generationen dieser biederen Schwaben ein Hauptgesprächsthema bilden dürfte. Resümieren wir, so erhalten wir für die Schwabenkolonien Palästinas einen Gesamtbestand von 1472 Serlen, das Kultur-