Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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0 Ättiscclton: n/3. Leopoldssaffe 49« GtzrechNttttdett» Rn WoSeutaam Don 4 btt 5 Uhr nachmittag». SM»H«c« «-»«Itttt» «Mett» II13. »»schtverdott wegen Deripäteter oder gar nicht «rsolgter Zitttellmig «öttten wir »u» dringend. — mrnutittmt »erde» nicht zmittckgeftrU. «oDp«rasirn»ronto r»7v»7. In da« Nbonnemmt kann «an täglich eintreten. Erscheint Ben Freitag lMtrr Mwvirkmug der vom jüdifchrn VolK»- vrrrw «WSHürn Prrfsrommifston. >ttfe»ttte übernehmen die Mrmrnr I. »anneberg, M. Duke«, Haasen« »ein » Vogler, «udolf Masse. A. vppelik, M. Pozsonyt. kk. Schale! w Wien, ferner alle Nunoncen-Lrpebitionen im RuSlande. M»zel'St«mmer 1« Wie» I« Heller. Administration; II/3. Lropoldsgaste 49. Telephon-Nr. 14723 Nborruemeutspreid: Telephon-Nr. 14723 Für Wien «. Oesterreich'Ungar« summt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig . Vierteljährig. Kr. 8.— Für da« gesammte AnSlanb sammt Francozustellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig .Kr. . , 4.50 . . MS ■« Wien, 7. Angnst 1903 (14. Ab 5663). V. Jahrgang. Nr. 32 Pannonisches Panama. Ungarn hat fein Schicksal ereilt. Die in alle Welt in allen Tonarten hinausposaunte magyarische Ritterlichkeit und politische Ehrlichkeit hat sich uilsterblich blamiert. Der große Sumpf, in ivelche die ganze ungarische Politik geraten ist, droht die teuersten Häupter «der magyarischeir Gesellschaft zu verschlingen und es berührt geradezu peinlich, wenn mail sieht, wie äiigstlich die berufenen Retter der politischen Ehre Ungarns sich gebärden mid kaum einen Schritt zu tun wagen aus Angst, daß jeder Versuch ans Trockelie zu konuueii, sie noch tiefer in den Schlamm siilken läßt. Es ist das ein auch für uns, die wir mit der leitenden Politik in Ungarn nie sympathisierten, unaiigeliehmer Trost, daß wir es schon vor Jahr unb Tag und unausgesetzt, unter ben rüdesten Anfeindungen hüben und drüben offen verkündeten, daß „in Ungarn, ein durch Korruption gemildeter Absolutismus herrsche." Wer die jetzigen Vorgänge in Ungarn geiiau beobachtet, wird sehen, daß der Kampf, der jetzt in der Untersuchungs-Kommission ausgefochten wird, eigentlich ein Kanipf zwischen der chauvisinistisch-magyarisch übertünchten Demokratie und der hohen Aristokratie ist. Und der Kanipf geht auf Leben und Tod. Personifiziert werden die betben kämpfenden Lager, auf der einen Seite voir Pol 0 nyi, der den A ii k l ä g e r spielt uiid hiliter bent das Gentry-Kasino steht uiid auf der Straße voii ben Sozialdemokraten unterstützt wird, axtf der anderen Seite durch ben Grafen Andrässy, der im Namen des adeligen Nationalkasinos die V e r t eid i g errolle hat und in dessen Gefolgschaft die Klerikaleil und Ultra-Antisemiten sich befinden. Dieser von politischen Regisseuren mit minutiöser Sorgfalt vorbereiteten Szenerie, sowie dem Charakter und der politischen Zugehörigkeit dieser Gruppen angemessen ist auch die Kampfesweise, welche von beiden Teileii beobachtet wird. Während die „Ankläger" mit auffallender Sach- und Lokalkeiintiiis die Bestochenen und Diejenigen, die es werden sollteii, aus allen Schlupfwinkeln hervorholen, iuii bitrcf) ihre Aussagen den Nachweis zu liefern, daß der „naive, leichtgläubige Gouverneur voii Fiume blos ein Werkzeug des Ministerpräsidenten" war, bemühen sich die Blaublütigen ihren „bedauernswerten" Staiidesgeiiosseii als „das Opfer jüdischer Faiseure und Betrüger" hiiizustellen. Diese Idee hat der sichtbare Urheber dieser ganzen politischen Feuilleton. Tischa b%b*) Am neunten Tag des Monates Ab Da ward unser Goliis geboren; Wir irahmeii Mutenb ben Wanderstab, Wir hatten die Heiliiat verlorerr — Am neunten Tag des Moiiates Ab Saiik Misere Freiheit iiis düstere Grab. * Am neunten Tag des Moirates Ab Da stieg imser Schmerz aiis ben Flanimen, Uiid all' unser teiierstes Gilt und Hab Brach dröhneiid in Trümmer zusammen — Am neunten Tag des Monates Ab Fiel Misere Krone vom Haupte mis ab. * Aul neunten Tag des Moiiates Ab Diirchglüht mich ein inbrüftig Beteii; O, Gott, der die Sehiisucht nach Freiheit mis gab, Blick' erbariiieiid auf Misere Nöten! — Am neunten Tag des Monates Ab O, seride Uils die Erlösimg herab! H e i ii r i ch G r ü n a u. Die deutschen Kolonien in Palästina und Syrien. Wir wollen hier nicht ans die Beziehungen zwischen Deutschland und dein Orient von Uranbeginn eingehen, da *) Aus der soeben im Verlage „Agudath Zion", Antiverpen, erschienenen Saminlung. Jiiguisitionskomödie Zoltan Papp durch eine scheiilbar miweseiitliche Aussage gegeben. Auf die Frage des Präsideiiten der Untersilchiings-Konunissivli, ob er es beim nicht für nötig gefundeli habe, zu fragen, wer eigeiitlich der Emerich Ritter sei, auf desseii Namen die ihni übergebeneii Eiiilagsbücher lauteten, aiitwortete Papp: „Dieiies sagte er sei ei ii Jude!" Noch in derselben Sitzung der Uutersuchungs- Kommissioil wurde beschlosseii, ben sich nieldeiideii oder vorgeladeneii Zeugen das Nationale abzuiiehmeii und so registrieren denn die klerikalen Mid antifemitifcljen Blätter mit peinlicher Rigorosität die Konfession der einzelnen Zeugeii. Wir folgen hier nur beit Intentionen der maßgebenden Faktoren in Budapest, wenn wir diesmal entgegen unserer bisher beobachteten Politik diese ganze Schmutzaffaire auch von diesem Gesichtspuiikte aus beurteileii. 'Was hat die Untersuchimg bis mm ergeben? Die Aussage des Graferi Khueii muß iiaturgemäß aus der Beurteilmig ausgeschaltet werdeii, dem: es bleibt für uns gleichgiltig, ob des Ministerpräsidenten Mitschuld erwiesen wird oder nicht und fein vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß Graf Khueii sich offen als Führer der Korruptioii bekeniien mid seine Mitwissenschaft bei ben Manipulationen des Grafen Szapary zugebeii werde. Martin Dien es, das ausübende Organ der jüngsten Korruption in Ungarn, der flüchtige Wechselfälscher und Betrüger, der das Glück hat, voii der Polizei in seinen Aufenthaltsorten. immer erst dann gesucht zu werden, wenn er nicht mehr in der betreffenden Stadt weilt, i st k e i n I u d e. Martin D i e n e s i st ein Ur a r i er, der nur dami mit Judeii in Berührung kam, weiin er ihnen irgend etwas enttoefeu wollte. Martin Dienes ift eine jener Sumpfpflanzen, wie sie im Moraste der korrupten Gesellschaft Ungarns zu Hunderten wachsen. Nicht imbefähigt, aber ohne moderne europäische Bildung, ging er bei den Kossuthisten in die Schule, war bann Chefredakteur des seinerzeit miter der Leitmig K o s s u t th s gestandenen „Egyetertes," wurde von Kossuths Gnaden Reichstagsabgeordneter. Sein unbändiger Charakter, seine Reoolvernatur und echt magyarische Leichtlebigkeit ohne das geringste Vermögen, machten ihii auch unter feinen Gleichgesinnten unmöglich und er wurde Hochstapler aus Profession, der sein reiches „Wissen" über seine gcmefeiten Kollegen zu Kapital machte. Dieser Dieiies wurde geflüchtet und es müßten wir bis auf die Völkerwanderung zurückgreifen. Erwähnt sei an dieser Stelle nur einiges über die Kreuzzüge. Diese brachten bekanntlich das Abendland, und damit auch Deutschland, in engere Beziehungen zur Levante. Viel deutsches Blut ist in jenen Zeiten dort unten geblieben, nicht allein auf den Schlachtfeldern, sondern auch infolge von Niederlassungen deutscher Kreuzfahrerhaufen. Wie haben sich die Zeiten geändert; welch ein Gegensatz zwischen der damaligen Fahrt eines deutschen Kaisers nach dem Orient, nach dem heiligen Lande und der Orientfahrt Kaiser Wilhelms II,! Wir gedenken des unglücklichen Zuges Barbarossas, der in den kalten Fluten des Kalykadnus sein Leben lassen mußte, wir erinnern auch daran, daß in jenen Zeiten der Kämpfe des Kreuzes wider den Halbmond ein deutscher Kaiser in die heilige Stadt einzog. Es war dieses der geniale Friedrich II., der am 17. März 1229 seinen Einzug in die Stadt Christi hielt und sich am 18. März in der Grabeskirche feierlich zum König von Jerusalem krönen ließ. Die Kaiser des heiligen römischen Reiches deutscher Nation haben diesen Titel dann weitergeführt und durch die Habsburger ist derselbe ans die Herrscher Oesterreich-Ungarns vererbt worden. Schon am Tage nach der Krönung Friedrichs II. ließ der Papst das Interdikt gegen Jerusalem anssprechen, da es durch den Fuß des gebannten Hohenstaufen entweiht war. Der Vertrag, den dieser mit dem Sultan Alkamil damals geschlossen hatte, und der ihm Jerusalem, Nazareth und Bethlehem, Namleh und andere Orte Palästinas zusicherte, hatte keinen Bestand, und drohende Gefahren iu Italien riefen den Kaiser bald zurück. Die Sage läßt auch Kaiser Karl den Großen eine Fahrt nach dem Orient unternommen haben; mit einer Schar berühmter Paladine sei er über Konstantinvpel nach Palästina gezogen und habe von dort die Dornenkrone Christi für den Dom in Aachen mitgebracht. Sicher ist nur, daß Kaiser Karl Beziehungen zu Harun al Raschid unterhielt, daß wiederholt Gesandte dieses Herrschers sowie des Patriarchen von Jerusalem am Hofe Karls erschienen und daß dieser mancherlei für Besist sehr zu bezweifeln, ob die Herren von der Kossuth- Partei sein Erscheinen vor der Untersuchungs-Kommission mit aufrichtiger Freude begrüßen würden. Eugen Molnar, Josef Veszi, Wilhelm Vaz s o n y i und S e r e r s, lauter Belastungszeugen sind Juden; sie haben sich alle als Juden bekannt. Ihre Aussagen waren für das derzeit herrschende System geradezu niederschmetternd. Josef Veszi, der Leibredakteur Szells, dessen Politik gewiß nicht unsere Sympathie besitzt, konnte erhobenen Hauptes vor der Kommission deponieren, daß man auch sein Blatt kaufen wollte und daß er jedes noch so verlockende Anerbieten mit Entrüstung zurückwies. Diese Juden haben den Verteidigern des „verführten" Grafen Szapary nicht den gewünschten jüdischen Verführer gebracht und die antisemitischen Blätter mußten warten. Nmi kam die pleee äe reslstariäe, der vielgenannte Spiritus reotor dieser Schmutzaffaire: Arthur Singer. Es muß ein Schauspiel für Götter gewesen sein, die enttäuschten und verdutzten gräflichen Gesichter zu sehen, als Arthur Singer mit dem typisch-jüdischen Gesichte auf die Frage nach seiner Konfession laut und vernehmlich rief: R ö m i s ch°- katholisch. Polonyi lachte wie ein echter Mephisto und dem Gehege der aristokratischen Zähne entschlüpfte ein recht unchristlicher Fluch. Hiemit hätten wir eigentlich ein Bild der gesamten magyarischen Gesellschaft gegeben. Die Aristokraten beherrschen das Land durch ihre Machtstellung und wo diese nicht hinreicht, durch ihr Geld. Ihre Helfershelfer sind die niedrigsten Elemente aus allen Lagern. Während aber den arischen Gaunern über die Grenze geholfen und für ihre Familie gesorgt wird, wird ein etwaiger jüdischer Vermittler der korrupten gräflichen Gelüste als der Typus jüdischer Lumperei hingestellt. Diese Sorte von Juden sind die Züchter des Antisemitismus und wenn sie nichts mehr zu veräußern haben und auch ihre Religion und ihr Volkstum feilbieten und verkaufen, so bleibeit sie noch immer „der jüdische Typus" für den das ganze Judentum verantwortlich gemacht wird. Das sind echte Assimilationsblüten, die korrupt, wie die Assimilation selbst, in korruptionistischer Atmosphäre sich am wohlsten fühlen. Das wahre Judentum hat mit diesem Gelichter keine Gemeinschaft gemacht, als es sich noch zum Judentume zählte und fühlt sich auch dann nicht getroffen, wenn es der Charakterlosigkeit des Renegatentums auch noch andere hinzufügt. serung der Lage der christlichen Pilger in Palästina getan hat, wie er auch ein großes Hospiz in Jerusalem einrichtete. ■ Auch verschiedene Hohenzollern haben bereits vor diesem Kaiser ihre Orientfahrt gemacht, so im Jahre 1435 die Markgrafen Johann und Albrecht Achilles. Ueber Venedig und Rhodos kamen sie nach Jaffa, von wo sie die alte Heerstraße nach Jerusalem einschlugen, vor dessen Toren sie ihre Schwerter abgeben mußten. Sie besuchten die vi a äolorosa, den Oelberg und die Grabeskirche, in welcher sie vorn Einbruch des Abends bis zum anderen Morgen in frommer Andacht weilten, und in dcr Markgraf Johann 29 Knappen zu Rittern schlug. Auch nach Jericho pilgerten sie, badeten im Jordan und traten darauf die Heimreise an; 175 Tage waren sie im ganzen unterwegs gewesen. Daß auch Prinz Friedrich Karl auf seiner Orientreise in der heiligen Stadt weilte, dürfte bekannt sein, ebenso, daß unseres Kaisers Vater 1869, nach Eröffnung des Suezkanals, von Aegypten nach Palästina ging; seinen Einzug durch das Damaskustor zum Johanniterhospiz hat Wilhelm Gentz. in seinem bekannten, in der Nationalgallerie besindlichen Bilde festgehalten. Damals schenkte Sultan Abdul Asis dem König Wilhelm den Grund und Boden, auf dem sich heute die deutsche Erlöserkirche erhebt, deren weißer romanischer Turm die Stadt hoch überragt.— Nach diesen einleitenden Ausflihrungen wollen wir uns mit dem gegenwärtigen Stande des Deutschtums im Orient beschäftigten, und zwar zunächst mit den Württembergssch e n Niederlassungen in Pa l ä st i n a. Mitte des vorigen Jahrhunderts, im Jahre 1848, entstand in Würtemberg unter Leitung von Christoph Hvffmann eine religiöse Sekte, die „Religionsgemeinschaft des Tempels". Hoffmanns Lehre geht dahin, daß allein die richtige Erkenntuis der heiligen Schrift angestrebt werden, daß man sich, fern von allem Formelkram, wieder an die ursprüngliche Zeit des Christentums anlehnen müsse. Die Templer besitzen keine Geistlichen, sondern jeder der Gemeinde vermag dessen Funktionen zu erfüllen. Statt des Gottesdienstes begnügt man sich damit, auö