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Jüdisches Volksblatt · 1903-07-31 · 31 (31.7.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wien, Freitag Jüdisches Volksbiaü 31. Juli i 903 Seite 5 3! T > ie ft (weiters Sendungen) K, 330-54, Iaroslau K. 303-50, Prag (weitere Sendungen) K. 24!)-—, Pr er au K. 200-— Wotitz K. 140-—, Sch affa 5k. 120 —, ferner von Herrn Dr' Arnold Rofenbacker Prag, als Ergebnis der vom israel. Lehrervereiu in Böhmen veranstalteten Ausgabe der Predigt Seiner Ehrwürden Herrn Dr. Aladar Deutsch K. 360-—, Ergebnis der in Druck gelegten Predigt Seiner Ehrwürden Herrn Dr. Adolf Biach in Brüx K. 84-—, vom Geselligkeits-Verein der Szeniczer K. 30 — Wien. (Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter Leopold st ad t, II., Stefaniestraße, (Privatlokal). Mittwoch den 5. August d. I. Vereinsabend mit Rezitation aus Heinrich Heines Dichtungen.vom Gesinnungsgenossen Robert Orgel. Mit Rücksicht auf die Person des Vortragenden, der als Rezitator sehr bekannt und beliebt ist, wird zahlreiches Ecscheinen der Kollegen erwartet. Gäste herzlich willkommen. Die Vereinsleitung. Versammlung. Dienstag den 4. August 1903, 8 Uhr abends, findet im Cafe „Neptun" ein Diskussions- Abend über die Lage der Juden, eingeleitet von Dr. Siegm. Werner, statt." Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt". Mittwoch den 15. Juli sprachen im Verein drei junge Zionisten aus Sofia (Bulgarien), die zu Fuß nach Basel pilgern, wo sie dem Kongresse als Delegierte beiwohnen werden. Der erste dieser drei Redner forderte die zahlreich erschienenen Damen und Herren in französischer Sprache auf, treu zum Zionismus zu halten und sich nicht der Sozialdemokratie anzuschließen. Herr Dan S. Albachari verdolmetschte seine Ausführungen ins Deutsche. Dis beiden anderen Herren sprachen bulgarisch und Herr Th au von der „Bar Giora" übertrug deren Ausführungen ins Deutsche. Sie erzählten ihre Reiseerlebnisse, schilderten die Eindrücke, die sie auf ihrer Wanderung gewonnen hatten, appellierten an die Versammlung, den Zionismus zu fördern und schloßen mit einem Hoch auf unsere Führer Dr. Herz! und Nord au. Ihre Begeisterung teilte sich allen Anwesenden mit und stürmischer Beifall erdröhnte, sobald die Redner geendet hatten. — Mittwoch den 22. Juli las der Obmann des Vereines, Herr David Nebenzahl, „Ein Judenstreich" von Hermann' HeyermanS vor. Die Zuhörer folgten aufmerksam dieser schönen Dichtung. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt", II., Stephaniestraße 8. Mittwoch den 5. August 1903 Bereinsabend mit Rezitation des Herrn Robert O r g el: H e in e's Gedichte. Beginn präzise 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Der Verein hat die Einführung von Spielen beschlossen und stehen demgemäß allen Besuchern des Vereinslokaler allabendlich Schach- und Dominospiele gegen ein geringes Entgelt, das der Bibliothek des Vereines zugute kommt, zur Verfügung. Proßnih. Hier hat sich ein neuer Ferialverein jüdischer Hochschüler „Giskalah" gebildet. V. c. f. D-'-r Verein zur Förderung vor Wissenschaft de- Judentums „Afike Jehuda" in Prag hielt unter dem Vorsitze seines Obmannstellvertreters, Herrn Dr. Aladar Deutsch, seine diesjährige Generalversammlung ab. Der vom Schriftführer, Herrn Dr. Eduard Pfau, vorgetragene Geschäftsbericht wirft zunächst einen Rückblick auf die Veränderungen im Vorstande und bemerkt, daß die Zahl der Mitglieder zwar keine wesentliche Veränderung erfahren habe, jedoch in die Reihen der Mitgliedschaftsehr empfindliche Lücken durch das Ableben mehrerer, langjähriger Mitglieder gerissen wurden. DaZ Andenken.derselben wurde vom Vereine in gebührender Weise geehrt. Insbesondere bespricht der Bericht sodann eingehend die Haupttätigkeit des Vereines, nämlich die Abhaltung jüdischer wissenschaftlicher Borträge im verflossenen Winter. — Der vom Kassier, Herrn Gustav Fuchs, erstattete Kasiabericht hebt hervor, daß ungeachtet der mit den Vereinsveransialtungen verbundenen namhaften Auslagen das Vereins vermögen keine Schmälerung erlitten hat. Beide Berichte wurden genehmigt. — Bei den sodann vorgenommenen Wahlen wurden in den Vorstand gewählt die Herren: Rabbiner Dr. A. Deutsch, Alois Deutsch, Jonas Franck, Hermann Flaschner, Gustav Fuchs, Dr. L. N. K o h n er, Dr. Ed. P f a u, Arthur P i cf. Gotthold Utitz und Dr. Josef Zalud; zu Revisoren die Herren .- Dr. Theodor W e l t s ch und Emanuel Z e m a n e k. In der der Generalversammlung folgenden Ausschußsitzung konstituierte sich der Vorstand wie folgt: Obmann Rabbiner Dr. 91. Deutsch, Obmannstellvertreter D. L. U. K o h n e r, Schriftführer Dr. Ed. P f a u. Kassier Gustav Fuchs. Jubiläum. Die isr. Kultnsgeineinde 31t Stampfen feiert um 9. August l. I. die 10 ). Jahreswende seit der Einweihung ihrer herrlichen sehenswürdigeir Synagoge. Festprogramm: l. Am Bahnhofe in Stampfen. 1. Empfang der p. t. Gäste durch die Vertretung der isr. KulluSgemeinde, Stampfen, n. Im Festpavillon. 2. Festsitzung vormittags 11 Uhr: n) Eröffnung und Begrüßung durch den Vorsteher der Kuitnsgemeiude, Stampfen; b) Bortrag über die wichtigen historischen Momente aus der reichhaltigen Geschichte unserer altehrwürdigen Knltusgemeinde und deren Synagoge; e) Fertigung des Jübiläunrs-Protokolls durch die Festteiluehncer. lll. In der 100 jährigen Synagoge. 3. Festgottesdienst pmtft 12 Uhr mittags unter gefl. Mitwirkung des Herrn Oberkantors Jakob Bauer und dessen Chor unter Leitung des Chordirigenten Herrn Isidor Löwit aus Wie::: a) Eröffnungs-Lobgesäng, vorgetragen vom Oberkantor Bauer; b) Miucha-Gebet, vorgeträgen vorn Oderkantor Körbl zuStampfen; c) Festpsalm, vorgetragen vom Oberkantor Bauer; d) Festrede, gehalten von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Moritz Herzog; e) Eröffnung der heiligen Buudeslade; f) Gebet für Sei Majestät und das hohe Herrscherhaus; g) Szozat(Königshymne), vorgetragen vom Chor; h) Schließen der heiligen Bnndeslade; i) Schlußgedet. IV. Im Fest-Pavillon. 4. Festbankett 2 Uhr nachmittags. Behufs Weitererhalttnnz unseres 100 jährigen Gotteshauses werden Spenden und Ueberzahlungen für dessen NenovierllngSfonds mit Dank angenommen und öffentlich quittiert. Fiir die Festteilnehmer steht am Staatsbahithof in Wien ein Sonderzug zur Verfügung, der Sonntag den 9. August früh 8'15 abgeht und nimmt Anmeldungen fiir Fahrt unb eventuelle Teilnahine am Bankett Herr Eduard Engel, Wien, I., Salvatorgasse 8, bis >. August! entgegen. Preis der Fahrt pro Person touv und retour IC 4.—.! Preis des Banketts pro Person IC 5.—. j Eperjes. (Taufe statt K a u t i 0 n.) Ein | charakteristischer, sehr interessanter Fall, der für die Leser( dieses Blattes auch von Interesse sein dürfte, macht hier in jüdischen Kreisen viel von sich reden. In dem naheliegenden Siüdtchen Kapi wohnt als Verwalter eines gräflichen Gutes ein Jude namens A., in dessen Tochter sich ein Oberleutnant der hiesigen Garnison, gleichfalls ein Israelit, verliebte. Als es aber zum Heiraten kommen sollte, fehlte die nötige Kaution. Denn weder der Vater der Braut, noch der Oberleutnant verfügten übetr die erforderlichen! 10 000 Gulden. Was da tun? Herr A. verfiel nun auf den glücklichen Gedanken, die gutherzige Gräfin-Witwe, die EiMntümerin des von ihm verwalteten Gutes, um bi*e Summe leihweise allzugehen, und sprach eines Tages auch wirklich bei ihr vor. Und siehe! Seine Bitte lvar von glänzendem, ganz unerwartetem Erfolge. Me Gräfin wollte die 10 000 Gulden nicht nur borgen, sie erklärte sich vielmehr bereit, den Betrag den zwei verliebten Menschenkindern zum Geschenke zu machen; aber sie stellte eine Bedingung: Denn sie trollte als gute Christin durch ihre menschenfreundliche Großherzigkeit auch ein heiliges Werk vollbringen. Die beiden müssen sich eilst taufen lassen, und sie, die Gräfin, wolle Taufpathin sein, dann wolle sie das Geld hergeben. Herr A., dem seine Religion keinen! Pfifferling wert war, willigte vergnügt! ein, seine Tochter aber jubelte vor Freude, denn — so pflegte sie sich zu äußern — der Gedanke ärgere sie unendlich, eine Oberlcutnantsgattin zn werden und Jüdin sein zu müssen. Auch der Leutnant selbst erhob gegen die Bedingung der Gräfin keinerlei Einwand, und so wurde die Taufe vorgeuommen. Nach dein Taufakte — so erzählt man sich — soll die strenggläubige Gräfin den amtierenden Geistlichen befragt haben, wie wohl er und die Kirche über diese schöne Tat denke, worauf der Geistliche entgegnet haben soll, daß mit! den beiden, die sich nur um des Goldes willen taufen ließen, die Kirche ebensowenig gewonnen, wie die Synagoge verloren habe. Als nun jetzt vor der Hochzeit das Paar die Gräfin um die Ausführung ihres Versprechens anhielt, erklärte sie den verblüfften Brautleuten, daß sie nicht gemeint habe, ihnen Geld zn geben. Sie hätte nur geglaubt, daß, wenn sie sich taufen ließen, wiirde es Wohl mit Protektion durchzusetzeu sein, das; ihnen die Kaution nachgcsehen werde. Sie« wolle nun auch wirklich alle ihre hohen Verbindungen in Bewegung sehen und ihren Einfluß geltend machen, damit das Paar auch ohne Kaution die Heiratsbewilligung erlange. Os sie es Wohl durchsetzen Wird, und wenn nicht, ob die beiden dann wieder Inden worden? AdolfAltmann. Podwoloczhska. Dank einigen Herren, wurde am 14. d. M. im Bethanse „Minhag Aschkenes" eine Versammlung zwecks Wiederbelebung des bestandenen Vereines „Degel Jehuda" abgehalten und es wurde beschlossen, denselben aus Basis der zionistischen Idee einzuführen. Bei dieser Versammlung haben sich bereits 115 Mitglieder zum Beitritte angemeldet und angesichts des in der Stadt herrschenden regen Jnreresies für diese gute Sache besteht, die Hoffnung, daß die Zahl der Mitglieder sich sukzessive vermehren wird. Bei der am 19. Juli stattgefundenen Generalversammlung wurden folgende Herren in den Ausschuß gewählt: Sch. Günsberg, Präsident; Isidor Preezep, Vizepräsident; Emanuel Kanczyker, Kassier, und als dessen Stellvertreter Moses Feld mann, ferner Moriz Kohn als deutscher Schriftführer, Saul Spieler als hebräischer Schriftführer, Meyer Färber, Wirt, Isaak W a l l a s ch, Bibliothekar, David M « imann, Markus L i e b r e i ch und Alter Kesten alS Kontrollore. Aus dem liberale» Ungarn. Die antisemitischen Agitationen, die wir rechtzeitig signalisierten, beginnen bereits ihre Früchte zu tragen. In Szeges-Jäkofalu hat sich jüngst folgender Vorfall zugetragen: Den Postverkehr zwischen dem genannten Orte und dem benachbarten Bad Lublo besorgt seit längerem eine christliche, zwanzigjährige Magd. Auch am 9. Juli ging sie mit den Postsachen nach Lublo und begab sich von dort erwiesenermaßen um 11 Uhr vormittags auf den Rückweg. Als sie aber bis zum Abend nicht zu Hause angekommen war, wurde man im Postamt, bei ihren Eltern und schließlich allgemein unruhig, und dine Bauerngruppe ging aus die Suche. Man fand eie Magd in einem Graben nahe bei Lublo als Leiche. Tätliche Stichwunden am Halse und die erbrochene Posttasche erwiesen deutlich einen Raubmord. Trotzdem entstand sofort im Volke das furchtbare Gerücht, daß ein jüdischer junger Fleischhauer, der täglich Fleisch nach Lublo liefert, der Mörder sei, und zwar aus dem Grunde, weil er als Bräutigam — er ist verlobt — Christenblut brauche, um heiraten zu können! Dazu kam noch, daß bei der Untersuchung der Leiche in Lublo sich ein Arzt fand, der konstatierte, daß die Wunden wahrscheinlich von einem Fleischhauer herrühren! Alsbald meldeten sich auch schon mehrere christliche Zeugen, die in der beiläufigen Zeit des Mordes auf der Waldstraße, die zum Tatorte führt, einen rotbärtigen, großen Mann gesehen haben wollten. (Stimmt auf den Verdächtigten.) Daraufhin wurde der Fleischhauer verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis nach Lublo überführt. Die Wirtshäuser sind seit diesem Ereignis in der ganzen Gegend überfüllt, das Blutmärchen im Schwünge. Die Juden fühlen sich stark beunruhigt. Glücklicherweise soll von Lutschau, der Komitatshauptstadt, eine Untersuchungskommission eintreffen, deren Tätigkeit man fieberhaft erwartet. Es melden sich viele jüdische Zeugen, die den Verdächtigen in der kritischen Zeit zu Hause trafen. Ausland Petersbarz. Baron Horace Günzburg beging unlängst seinen siebzigsten Geburtstag und zugleich da? vierzigjährige Jubiläum seiner Wirksamkeit im Dienste jüdisch-ösfentlicher Interessen. In dankbarer Anerkennung der reichen Verdienste. lueTdic der Jubilar mn die russische Judenheit auf den mannigfachsten Gcbictcn sich erworben hat, sind für die festliche Begehung des Tages umfassende Vorbereitungen getroffen; u. a. ist die Errichtung einer großen, den Namen des Gefeierten tragenden Stiftung geplant. — Wie mehrere Tageszeitungen berichten, beabsichtigt das Ministerium des Innern die Dörfer Smerenka und Ljuban an der russischen Südwestbahn in Städte nnlzutvandeln. Ferner wird der „Nowoje Wremja" aus Riga telegraphiert, daß die Negierung beschlossen hat, die Stadt Riga in den Ansiedlungsrayon cinznbeziehen, so das; es fortan jedem Juden gestattet sein soll, sich daselbst nicderznlassen. „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Wahrscheinlich handelt es sich um einen Ballon d'essay, durch welchen die Hintermänner des antisemitischen Hetzblattes die vielleicht an maßgebender Stelle vorgeschlagene Milderung ebenso vereiteln wollen, wie sie kürzlich den Plan einer Erleichterung des Laudankaufes für Juden vereitelt haben. — Der Senat hat das für die Inden Rußlands folgenschwere Urteil gefällt, daß es denjenigen Glaubensgenossen, tvelche bor Erlaß der Mmgesetz? (l882) innerhalb der 60 Werst-Zone längs der russischen Grenze gelvohnt haben, verboten ist, innerhalb derselben ihren ständiger: Wohnsitz zu wechseln. Die von dieser Entscheidung Actrofstnen sind dadurch genau so!vie die vielen zehntausend:: jüdischer Bewohner des flachen Landes definitiv an die Scholle gefesselt und in ihrer materiellen Existenz schlver geschädigt. — Das Gouvernement Shitomir zählt unter insgesamt 2 600 000 Einwohnern 400 000 Juden, unter insgesamt 78 000 Handlvcrkcrn 40 000 Jude::. Während somit unsere Glaubensgenossen nur IS1/» Perzent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie nicht weniger lvic 52 Perzent der Gesamtzahl aller Handivcrker. Dabei faselt man noch inuner von der Scheu der Inden vor produktiver Arbeit! Trotzdem in Rußland und namentlich in dem wenig lvohlhabenden Gouvernement Thitonnr das Handlverk alles eher wie einen goldene:: Boden hat, viellnehr mit einer furchtbaren Notlage ringt, weist die Zahl der jüdischen Handlvecker eine stetige Steigerung ans. In dem genannten Gouvernement hat sie sich seit 1807 relativ >vie absolut vermehrt, so daß jetzt 10 Perzent der jüdischen Bevölkerung Handwerker sind, während es vor 6 Jahren nur 9,7 Perzent Ivaren. Allrussischer Lehrerkongresr. Aus Petersburg wird geschrieben: An: 16. v. M. trat in Moskau ein allrussischer Lehrerkongreß zusammen, zu dem 600 Vertreter aus allen Gegenden des weiten Zarenreiches erschienen sind. Unter den Delegierten befanden sich angesehene Professoren, berühmte Aerzte und gefeierte Nechtsanivälte. Die jüdischen Lehrer konnten jich an dein Kongreß nicht in geivünschter Anzahl beteiligen, da sie als Inden Moskau nicht betreten dürfen. Nur einige wenige Auserwählle konnten die Erlmllmis des Ministers des Innern erlangen, für die Dauer des Kongresses sich in Moskau aufhalten zu dürfen. Dennoch ist es diesen wenigen Juden gelungen, in Moskau einen glänzenden Triumph zu feiern und durch ihre gewaltige Beredsamkeit den Kongreß mit sich derartig fortzureißen, daßer rnit großer Majorität einige Resolutionen zugunsten der jüdischen Lehrer gefaßt hat. In erster Reihe gelang es den Herren Jglitzki und Kagan, die als Vertreter des südrussischen jüdischen Lehrerbundes ans dem Kongreß erschienen waren, letzteren zur Annahme einer Resolution zugunsten einer Pensionsberechtigung der jüdischen Lehrer zu bewegen. Seit 1844 müssen sich die in den von der Negierung aus den Karobkageldern unterhaltenen jüdischen Volksschulen angestellten jüdischen Lehrer alljährlich einen zweiperzentigen Gehaltsabzug zugunsten einer Lehrer-Pensionskasse gefallen lassen, ohne daß das versprochene Lehrer-Pensionsgesetz bisher auch nur beraten wurde. — Eine zweite Resolution des Kongresses fordert die Regierung ans, den jüdischen Lehrern den unbeschränkten Aufenthalt in ganz Rußland zu gestatten. Das Lehrerhandwerk (I), argumentierte der Kongreß in der Motivierung seiner diesbezüglichen Resolution, ^ist nicht minder anstrengend und ehrenvoll, wie jedes andere Handwerk, dessen Besitz und Ausübung jedem Juden den Zutritt in das Innere Rußlands gestattet. Ferner würde diese vom Kongreß empfohlene Maßregel die Lage des unter den russischen Juden überhandnehmeuden Lehrerproletariats verbessern helfen. Gibt es doch jetzt allein in Odessa 80 stellenlose jüdische Volksschullehrer. Endlich würde diese Maßregel es den kleineren jüdischen Gemeinden außerhalb des Ansiedlungsrayons ermöglichen, ihren Kindern eine jüdische, wie allgemeine Volksschulbildung zu gewähren. Es bleibt nunmehr abzuwarten, wie die russische Regierung sich zu diesen philoscmitischen Revolutionen des allrussischen Lehrertages in Moskau stellen wird. lieber Herrn v. Plehwe, den infolge der Kischenewer Massacres vielgenannten russischen Minister des Innern, erfährt nran jetzt folgende interessante Mitteilungen: Im Jahre 1849 als Sohn eines armen Edelmannes geboren und früh verlvaist, hat sich ein reicher lithauischer Grundbesitzer seiner angenommen und ihm eine gute Schulbildung angedeihen lassen. Zum Dank dafür denunzierte der junge Plehwe seinen Wohltäter bei Murawjew, dem „Henker Polens", wegen politischer Umtriebe, worauf der unglückliche Mann, der eine Schlange an seinem Busen genährt hatte, sein Leben am Galgen lassen mußte, v. Plehwe aber machte von da ab seine Karriere. Er studierte als künftige Stütze des Thrones auf Staatskosten Jura und wurde nach Beendigung seiner Stridien sehr bald Staatsanwalt. Auf diesem Posten wußte er sich geschickt vorzudrängen und sich gehörigen Ortes als schneidiger Kläger und wütender Nihilistenfresser ins rechte Licht zu setzen. Von Warschau, wo er eine nihilistische Verschwörirng aufgedeckt hatte, kam er als Reichsanwalt nach Petersburg, wo cs ihm durch rechtzeitige Entdeckung des Dynamitattentates auf das Winterpalais gelang, das Leben Alexanders des Zweiten mn eine kurze Frist zu verlängern. Als 1881 Zar Alexander dennoch das Opfer seiner nihilistischen Feinde geworden ist, wurde v. Plehwe als der geeignete Netter des Staates befunden und zum Chef des Polizridepartcments ernannt. 1884 machte der edle Streber einen weiteren Schritt vorwärts, indem Zar Alexander der Dritte ihn mit dem Titel eines Unterstaatssekretärs in das Ministerium des Innern berief. Hier konnte der kaum 36jährige Plehwe seiner Verfolgul-y;ssucht reichlich Genüge leisten und die Polen als Katholiken, die Deutschen als Sundisten und die Hebräer als Juden nach Herzenslrist verfolgen. Eine noch weit einflußreichere Stellung erlangte er 1806, tvo er zum Staatssekretär von Finnland ernannt wurde. Es fiel ihm die Arffgabe zu, die Freiheit eines edlen, seit Jahrhunderten unter dem Schutze einer selbstgegebenen Verfaffung lebenden Volkes zu erlvürgen, und man muß zugeben, daß Herr v. Plehwe sich dieser Aufgabe vollkommen gewachsen zeigte. Als er im vorigen Jahre Finnland verlies, um an die Spitze des rrissischen Ministeriums des Innern zu treten, folgten ihm die Flüche von Millionen, deren Freiheit er zertrümmert und deren Recht er mit Füßen getreten hat. Daß ein Mann wie Plehwe, der seine Lm:fbahn als Judas begonnen hat, sie, auf dem Gipfel der Macht angelangt, als Hainau fortsetzen werde, braucht wohl kaum bezweifelt zu werden. Wilna. (Jüdische Antisemiten und Christen als Rabbiner.) Wenn es noch irgendwie möglich wäre, die von der Regierung den russischen Juden anfgehalste Institution der Kronrabbiner noch mehr herabzusetzen, so ist dieses durch die Ernennung des Theater-i)iezensenten Jakrin zum stellvertretenden Rabbiner in Mohilew geschehen. Dieser moralisch und intellektuell durchaus minderlvertige Mansch versieht seit einigen Jahren die gesamte antisemitische Provinzialpresse mit judenfeiudlichen Artikeln. Zum Danke dafür wurde er zum jüdischen Religionslehrer mn Gymnasium zu Mohilew ernannt. Kurz darauf reichte Jakrin gegen den bisherigen Kronrabbiner Kagan eine Denunziation ein, infolge deren dieser in Anklageznstand versetzt und einstweilen seines Postens enthoben wurde. Die Denunziation erwies sich in der Folge als durchaus erlogen und Kagan mußte vom Gerichte freigesprochen und in sein Amt wieder eingesetzt werden. Mein die untergeordneten Provinzialbehörden benützten diese Gelegenheit zu einem richtigen Dummenjungenstreich, indem sie den Bock zum Gärtner resp. Monsieur Jakrin zum stellvertretenden Rabbiner ernannten. In dieser Eigenschaft stellte er während einer Zeit von zwei Jahren die Geduld der 15 000 Juden der Stadt Mohilew auf eine harte Probe, indem er die Kanzel mißbrauchte, um seine jüdischen Zuhörer aufs

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