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Jüdisches Volksblatt · 1903-07-24 · 30 (24.7.1903) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 24. Juli 1903 Seite 5 verfügbar sein werden. In der Zusammensetzung des Kuratoriums »sind folgende Veränderungen eingetreten: die Herren Professor »Kwiatkowski, Dr. Hermann Grünbanm und Sigmund Ritter von »Bauer (Schatzmeister) sind gestorben, Dr. Julius Freiherr v. Wald- Aberg ist ausgetreten. Es wurden an deren Stelle kooptiert die »Herren: Max Nierenstein, Julius Nossal und Dr. Ludwig Schwitzer. »Das Schatzmeisteramt übernahm das bisherige Mitglied des 5lura- »toriuius Herr Donat Ziffercr. Das Kultusnrlnisteriuin hat den gk. k. Sektiouschef Dr. Ludivig Cwikliuski in das Kuratorium ent- A sendet, Alles in allem zeigt selbst der offizielle Bericht leider Weinen Rückschritt auf allen Gebieten, statt einen Fortschritt; »demgegenüber macht die Not unter den galizischen Juden allerdings »bemerkenswerte Fortschritte. » Der Verein jüd. jugendlicher Arbeiter „Brigittenau" hielt Ivorigen Sonntag seine diesjährige (2.) ordentliche Gencralver- 3 sammlnng ab. Trotz des heiszcn Julitages fand sich beinahe die »ganze Mitgliedschaft sowie zahlreiche Gesinnungsgenossen ein. Den U Vorsitz in der Versammlung führte der Obmann Herr Rudolf Rosenthal. Nachdem derselbe die Anwesenden begrüßte, eröffnete er die Generalversammlung. In Verhinderung des Schriftführers Herrn Fleisch erstattete der Obmann den Bericht über das abgelaufene Vereinssemester. Dem Berichte entnehmen ioir, daß der Verein derzeit 48 Mitglieder zählt und seit dem Bestände (2.Fcbruar 1003) 10 Vortragsabende und 3 Feste veranstaltete, die jedesmal zahlreich besucht waren. Nachdem der Vorsitzende über einige Zweifel Aufklärung gab, erstattete der Kassier Herr Robert Sputz den Kassabericht. Seit dem Bestände des Vereines hatte derselbe K. 193.12 3 Einnahmen, hingegen .Kr. 181.90 Ausgaben, so daß ein Saldo von »Kr. 11.22 verbleibt; nicht viel — aber immerhin etwas, da man 1 bedenken muß, daß der Verein bei der Gründung über keinerlei 3 Mittel verfügte und sich selbst so weit geholfen hat. Hierauf wurden 1 die Neuwahlen vorgenommen. Die Herren Nosenthal und Bauer I waren nicht zu bewegen, die Funktionen als Obmann und Obmann- 3 stcllvcrtreter zu behalten, iveshalb die Mitglieder folgende Herren »wählten: zum Obmann Robert Sputz, zu dessen Stellvertreter Josef 3 Lauser jun., zum 1. Schriftführer Siegfried Flcsch, zum 2. Schrist- 3 führer Josef Läufer sen., zum Kassier Hernnann Berger, zum 3 Bibliothekar Carl Epstein und zu Beiräten Bernhard Rausch, Oskar I Kleiner, Leopold Berger, Emil Weiß. Als Kassa-Revisoren wurden 3 geivählt die Herren Friedrich Feldmann und Rudolf Stern. Nach 8 stattgefundcner Wahl dankte Herr Sputz in seinem sowie im Namen I aller Neugewähltcn für das Vertrauen. Den Herren Rosenthal und 8 Valier dankte er für die bisherige so aufopferungsvolle Tätigkeit, g mit welcher die beideil Herren den Verein in mustergiltiger Weise ■ geleitet haben. Nachdem llun die Kollegen Baue und Rosenthal I für die ihnen zuteil gewordene Ovation herzlichst dankten, wurden 8 noch einige interne Angelegenheiten geordllet und die Versammlung 1 hierauf geschlossen. Anschließend an die Generalversammlung wurde I eine Probe von Nestrohs „Frühere Verhältnisse" und „Hinüber — I Herüber", das demnächst in Szene gehen soll, abgehalten. Die I Mitglieder des Vereines werden aufmerksam gemacht, daß von nun I ab jeden Dienstag im Vereirlslokale (Jägerstr. 16) um 8 Ilhr 1 abeilds Allsschußsitzung ist. Ab 1. September d. I. ist die Bibliothek I des Vereines geöffnet. Sonntag den 16. August 1903 findet die I Mollatsversainmlmlg statt. Alles Nähere tvird rechtzeitig bekannt f gegeben. j Soeben erschienen: „Arbeitende Jüdische Jugend", I Orgall für die Interessen der jüdischen jugendlichen Arbeiter, cr-! scheint am 15. eines jeden Monats. Bezugspreis: ganzjährig! 1 .lkr. 10 H. Probenummer gegen Eiilsendung einer 10 Heller- Marke. Redaktioll und Administration Wien, 2. Bez., Stefaniestraße 8. Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein Wie,», 2. Bez., Stefaniestrasre 8. Samstag beit 25. d. M. findet ein Vortrag über das Thema: „Der 6. Kongreß und seine Aufgaben" statt. Referent: Herr Dr. S. Albachari. In Anbetracht der Wichtigkeit der Tages-! orduung wird um zahlreiches Erscheinen ersircht. Wien. Sonntag den 19. d. M. veranstaltete der Allgemeine jüdische Arbeiterverein einen großen Ausflug nach Grinzing, woselbst > ein Gartenfest arrangiert wurde. Die Beteiligung seitens, der Mitj glieder und Gäste war eine sehr starke. Es waren gegen 300 Personen ailwesend. Besonders zahlreich waren allch die Mitglieder des „Vereines jüdischer jugendlicher Arbeiter" erschienen. Nach einer herzlichen Begrüßung durch den Obmann-Stellvertreter Herrn Salomon Brainin beganllen die einzelncll Vorträge, voll denen namentlich die Leistlingeil des Herrn Jltlius W o t i z k y, ehemaliges Mitglied des böhmischen Nationaltheaters ill Prag hervorzuhcben siild. Herr Wotizkh sallg mit seiner kräftigen Stimme Arien aus der „.Jüdin", „Trollbadour", „Bajazzo" und erntete reichlichen Beifall. Die Rezitation Nosenfeld'scher Gedichte besorgte in musterhafter Weise Kollege Quartner. Nicht minder vorzüglich waren die dramatischen Darbietungen der Herreil Morgenstern und Noseilthal, sowie die heitereil Vorträge der Herren Philipp Sounenfeld, Ehrlich iilld Kohu. Die Musik besorgte die bewährte Kapelle Goldner- Sonnenfeld. Die Theatersektioil des „Vereines jüd. jugendlicher Arbeiter" brachte eine gelungene Posse zur Allfführuug, welche beifälligst aufgenornmen wurde. Die Hauptdarsteller Fräulein Hilda Goldner, die Herren Morgensterll, Vairer lind Nosenthal gaben auch diesmal bedeuteilde Probeil ihrer vielversprechellden Talente. Fräulein Goldiler erhielt seiteils des Vereines sür ihre vorzügliche Darstellmlg ciil prachtvolles Brikett. Im großell Gartell des Restairrallt CzernhS. den die Ausflügler dicht besetzt hatterl, wurde nun der Wettbetverb um deil Schönheitspreis aufgenommen. Als Siegerinnen gingen hervor Fräulein Lötvh (300 .Kupons), Fräulein Goldner (256) uild Fräulein Bllchtvald (216). Die drei Geuanilten erhielten tvertvolle Preise. Das Garteilfest ergab nicht bloß moralisch, solldern auch finanziell ein günstiges Resultat. Um das Gelingen desselben hatten sich illsbesorldere die erwähnte Theatersekjiou, Herr Hermalln Teitelbaum sotvie Fräulein Hilda Goldner und Selma Fröhlich verdient gemacht. „E me s". Wien. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt". Mittwoch den 29. Juli fiubet im Vereinslokale, 2. Bez., Stefaniestraße. 8 ein Vortrag des Herrn Michael Berkowitsch statt. Thema: «Die Bedelltlmg des 9. Ab." Begiiln präzise 8 Uhr abends. Gaste tvillkommeil. Rabbitterkongreß. Aus Krakau wird gemeldet: Der bevorstehende Rabbinerkongreß, an dem Rabbiner aus allen Weltgegenden tellnehmen werden, wurde für Sonntag, den 9. August d. I. und die folgenden Tage nach Krakau einberufen mit folgendem Programm: 1. Samstag, den 8. August, nach dem Morgengebet, findet die Vorstellung der Kongreßmitglieder und die gegenseitige Begrüßung statt. 2. Sonntag, den 9. August, versammeln sich die Rabbiner behufs Ordnung der Kongreßangelegenheiten. 3. Nachmittags hat jeder die schriftliche Erklärung abzugeben, welche Angelegenheit er dem Kongreß vorzulegeu entschlossen ist, und wird dieselbe vom Sekretär laut verlesen. Am zweiten Verhandlungstage versammeln sich die Rubbiner in der Synagoge, wohin auch die Spitzen der Behörde« und andere hohe Persönlichkeiten geladen werden, um ein Gebet für den Kaiser und das Land zu verrichten. Der Borbeter öffnet dann die heilige Lade, legt einen feierlichen Schwur ab im Namen der Rabbiner und deganzen jüdischen Volkes gegen die Beschuldigung deS Ritualmordes, daß diese Beschuldigung eine freche Läge ist, daß der Ritualmord den Geboten der Thora widerspricht,und unter den Juden niemals und zu keiner Zeit existiert hat, worauf alle Anwesenden „Amen"sagen. 5. Nachmittags schreitet man zur Festsetzung der Tagesordnung der übrigen Verhandlungstage. Die Tagesordnung wird dann in Druck gelegt und jedem Rabbiner auf dem ihm zugewiesenen Platz vorgelegt. 6. Am dritten Tage wird über „Thora" verhandelt, alle diesbezüglichen Fragen einer Lösung entgegengeführt, außer denjenigen, welche auf das nächste Jahr verschoben werden. 7. Am vierten Tage wird über allgemeine Arbeiten, verhandelt: Maßnahmen zur Stärkung der Religion und des Glaubens, Erziehung der Jugend, Qualifikation der Gemeindebeamten rc. 8. Donnerstag wird verhandelt üder materielle und andere Reformen für das Rabbineramt, Einsetzung von Rabbiner-Komitees für rituelle Angelegenheiten. 9. Freitag vormittags werden manche Angelegenheiten, die an den Verhandlungstagen nicht zm Abschluß gelang find, nochmals wiederholt. 10. Samstag versammeln sich die Rabbiner, um eine Feierlichkeit aus dem Anlasse des ersten Kongresses dieser Art zu begehen. 11. Sonntag, am 16. August sind alle Vorkehrungen für den nächsten Kongreß zu treffen, Zeit und Ort des Zusammentretens zu bestimmen und eine entsprechende Quelle zur Bestreitung der Kongreßkosten ausfindig zu machen. 12. Nachmittags ist Schluß der Verhandlungen. Das Protokoll wird verlesen, dann erfolgt die Verabschiedung der Teilnehmer von einander. Der Erfolg ist von den Persönlichteiten der Teilnehmer abhängig. Einberufer ist der Oberrabbiner von Kairo in Aegypten. Wegtaufen in Galizien. Aus Krakau wird gemeldet : In der Angelegenheit der ungesetzlich getauften Kinder Reiß, die nunmehr laut rechtskräftiger Entscheidung der Lemberger Statthalterei dem jüdischen Glauben angehören, verlangte der Vater die Ausfolgung des ältesten von der Fürst Lubomirskischen Anstalt. Die Direktion verweigerte die Ausfolgung. Der Rechtsfreund des Vaters, Advokat Doktor Raphael Landau in Krakau, verlangte vom hiesigen Statthaltereidelegierten und vom Polizeidirektor behördliche Assistenz, doch wurde dieselbe verweigert, worauf Dr. Landau sich telegraphisch an den Ministerpräsidenten Dr. Ko erb er um Abhilfe wendete. Der § 145 des a. b. G. B. scheint wie so manches andere österreichische Gesetz, in Galizien nicht I zu gelten. Wegtauseir in Galizien. Die ungesetzlich getauften unmündigen Kinder Reiß sind noch immer nicht bei ihrem Vater. Das Bezirksgericht Stanislau hat nunmehr nach sechsmonatlicher Dauer das Ansuchen wegen Abnahme der Kinder und Uebergabe derselben an den Vater meritorisch erledigt und demselben keine Folge gegeben. In der Begründung heißt es, daß laut 8 115 A. B. G. B. die Eltern berechtigt seien, nur flüchtige Kinder mit obrigkeitlichem Beistände zurückzubringen (l?), und daß übrigens die Vaterschaft des Reiß ihn berechtige, die Kinder ohne gerichtlichen Beistand zurückznverlangen. Diese letztere Vermutung hat sich im gegebenen Falle als grundlos erwiesen, denn die Kinder werden dem Vater trotz seines Verlangens nicht zurUckgestellt. Sein Vertreter, Advokat Dr. Raphael Landau in Krakau, hat gegen diese Entscheidung an das Krcisgericht Stanislau rekurriert. Gleichzeitig hat Dr. Landau an die Krakauer Polizeidirektion eine Eingabe gerichtet, cs mögen die hier wohnenden Kinder vorläufig an einen sicheren Ort gebracht werden, da der Vater befürchte, die Kinder würden sonst unauffindbar werden. Diese Eingabe ist bis nun nicht erledigt worden. — (Kinder, die mit List oder Gewalt der väterlichen Gewalt entzogen wurden, scheinen für das Bezirksgericht Stanislau nicht als Flüchtige zu gelten. Und um sich zu dieser Erkenntnis emporzuringen, braucht das Bezirksgericht Stauislau sechs Monate, einen Zeitraum, der beispielsweise in Wien ansreicht, um einen ausgewachsenen Prozeß in allen drei Instanzen durchzuführen. Anm. d. Red.) Löbliche Redaktion! Als treuer Abonnent Ihres geschätzten Blattes und als begeisterter Anhänger der Idee, für die Sie so mannhaft eintreten, ersuche ich Sie, folgenden Zeilen im „Jüdischen Bolksblatt" Raum zu geben. Ich werde mich auf kleine Auszüge aus den stenographischen Protokollen zweier Sitzungen unserer Kultnsgemeinderepräsentanz beschränken. Ich glaube, daß eine solche Mißwirtschaft mit den schwerverdienten jüdischen Geldern öffentlich gebrandmarkt und an den Pranger gestellt zu werden verdient. Auszug aus dem Sitzungsprotokolle der Dobromiler jüdischen Kultusgemeinde vom 15. Juni 1903. Kultusrat Herr S. Löwenthal stellt den Antrag, für die Opfer der Kischenewer .Jndenmetzeleien aus Gemeindemitteln den Betrag von Kr. 20.— an die israelitische Allianz zu schicken. Der Kultuspräsident erhebt sich und in eingehender Rede bekämpft er diesen Antrag. »Wir haben kein Geld", ruft er mit Emphase aus, »für uns unbekannte, hunderte Meilen entfernte Juden; es gibt Löcher in unserer Gemeinde genug, die wir kau« verstopfen können". Schließlich wurde der Antrag mit allen gegen zwei Stimmen — die des Herrn L ö w e n t h a l und des Stadtarztes Herrn Leon Brauner — niedergestimmt. Auszug aus dem Sitzungsprotokolle der D» bromiler jüdischen Kultusgemeinde vom 1. Juli 1903. Sekretär Herr S. Frey verliest den Einlauf: Vom Bürgermeisteramte, als Komitee de- Mickiewicz- Denkmals, ist an die Kultusgemeinde eine Einladung zur Enthüllungsfeier des Mickiewiez-Mounments ein« gelangt. Die Gesichter der Versammelten werden sichtlich von edlem Stolze erhellt. Der Kultuspräsident erhebt sich und unter frenetischem Beifall stellt er den Antrag, korperativ an der Enthüllungsfeier teilzunehmen und Kr. 20.— zu« Kaufe eines Blumenkranzes zu bewilligen. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Kommentar überflüssig. S. R. Dobromil (Galizien). Gemütsroheit. Aus P k i v o s wird uns gemeldet: Die Indolenz vieler unserer Juden ist bekannt. Ihre Teilnahmslosigkeit für alles, was jüdisch ist, ist groß. Dafür aber arbeiten sie mit einer Aufopferung bei den Gemeinderatswahlen — die einen um einen deutschen, die anderen um ihren tschechischen Kandidaten durchzubringen — die ihnen selbst als Heldentat dünkt und ihnen, wie sie meinen, einen Glorienschein in den Augen ihrer arischen Mitbürger verleiht. Was Wunder, wenn sie nach den harten Kämpfen der Gemeinderatswahlen auf ihren Lorbeeren ruhen und die kommenden zwei Jahre brauchen, um sich auszuruhen, damit sie ihre Kräfte bei den neuen Wahlen wieder frisch zur Verfügung haben, was Wunder also, wenn diesen armen geplagten Juden keine Zeit erübrigt, um sich für jüdische Interessen zu erwärmen. Ein Beweis hierfür ist ein Vorfall, der sich vor noch nicht langer Zeit ereignete. Er spricht von mehr als Indolenz, von — wie befremdend es auch klingen mag — jüdischem Antisemitismus. Es hat sich hier allgemein eingebürgert, daß arme jüdische Weiber zweimal wöchentlich schnorren gehen. Es ist selbstverständlich, daß einige der Juden ihnen nach Möglichkeit geben, andere aber sie abweisen. Daß aber die Letzteren zu ihrer Verweigerung noch Grobheiten und Gemeinheiten hinzufügen, daß ist nicht selbstverständlich, das steht vereinzelt da. Vor zirka 4 Wochen, es war nach Schewuoth, machten die Frauen wieder ihren Rundgang. Unter anderem kamen sie zu der wegen ihres Geizes und Gemütsroheit verschrienen Familie W. Der infolge seines Umganges mit Knechten und Feldhütern verrohte, auf seinen Reichtum pochende Sohn Alois W. ließ die Frauen zunächst eine Stunde im GeschäftZlokale stehen, um sie dann mit Gemeinheiten und unflätigen Schimpfworten zu überhäufen. Aber er setzte seinem Benehmen dadurch die Krone auf, daß er — nicht genug, daß er die Frauen vor den Kunden im Geschäfte beschimpfte — einen Gendarmen holen ließ. Die ältere der beiden Frauen suchte und fand das Weite, die jüngere aber wurde abgeführt. Weinend kam die Frau, der es gelungen war, dem Einsperren zu entgehen, zu einem wegen seiner Mildtätigkeit bekannten Kaufmann und bat ihn um seine Intervention, auf welche auch ihre Leidensgenossin in Freiheit gesetzt, beiden aber der Prozeß wegen Bettelei gemacht wurde. Bei der vorige Woche stattgefundenen Verhandlung zeigte es sich auch, wie unsere arischen Mitbürger solche Vorfälle beurteilen. Auf dem Korridor warteten die zwei Frauen und als Zeugen Alois W. und der schon erwähnte Kaufmann. Als der Staatsanwalt, ein pensionierter Major, an ihnen vorbeigieng, konnte er nicht umhin, dem Alois W. die Worte zuzurufen: »Schämen Sie sich denn nicht, Ihre armen Glaubensgenossen anzuzeigen? Das ist doch ein Skandal". Natürlich wurden die beiden Frauen freigesproch,n — denn man sah es offenbar bei der Verhandlung, daß der Richter und der Staatsanwalt viel mehr Mitgefühl für das Elend der Armem hatten, als die meisten ihrer Glaubensgenossen. Zu bemerken wäre noch, daß die armen Frauen einen Monut Arrest bekommen hätten und dann abgeschoben worden wären. Charakteristisch für Herrn Alois W. ist noch, daß er nach der Verhandlung dem anderen Zeugen gegenüber seinen Gefühlen Ausdruck verleihen mußte, indem er sagte: „Ich hätte es dem Gesindel gegönnt, einige Tage zu sitzen." Barches. Ausland. Papst Leo XIII. gestorben. Um interessiert in diesen Blättern ausschließlich seine Stellung, die er dem Judentum gegenüber einnahm, und da muß gesagt werden, daß diese lediglich von Opportunitätsgründen abhängig war. Während sein Vorgänger Pius IX., Fanatiker gewesen und sich nur von seinem Eifer für seinen Glauben leiten ließ, war Leo Xlll. durchaus Diplomat, und wie er Völker, Kaiser und Könige wie Schachfiguren betrachtete, die je nach Umständen hinauf- oder hinuntergerückt werden müffen, so war auch sein Wohlwollen oder seine Abneigung gegen die Juden stets von äußeren Einflüffen bedingt. Im Ganzen war die Abneigung größer, wie das Wohlwollen. Während der Tisz a- Eßlar-Affaire ging eine Notiz durch die Blätter, daß Leo eine Erklärung gegen die Blutbeschuldigung erlaffen. Flugs kam ein Dementi aus dem Vatikan, daß der Papst an eine derartige Kundgabe nicht denke. Als der englische Gesandte vor einigen Jahren bei erneutem Auftauchen der Blutmähr eine Enunziation Leos schon erreicht zu haben glaubte, wurde ihm zuletzt bedeutet, daß mit Rücksicht darauf, daß die Schandmähr gerade in den Händen der Klerikalen eine gute Waffe bilde, das Oberhaupt der Katholiken nicht in der Lage sei, sich zu dieser Sache zu äußern. Die vom Jüdischen Verlage, Berlin (Großbeerenstraße 75) augekündigte Broschüre über Kischenew kommt uns soeben zu. Mit ihrem über 100 Seiten Quart-Format ist sie eher ein Buch zu nennen. Die Ausstattung ist die beim Jüdischen Verlag übliche. Ein Weiheblatt von E. M. Lilien und vier photographische Reproduktionen siild dem Buche beigegeben; außerdem wird durch eineu auf Umschlag und zu Anfang des Textes reproduzierten alten Stich von der Plünderung des Jndenviertels in Frankfurt a. M. angcdeutet, das; auch bei uns in Deutschland die Zeit nicht so sehr ferne liegt, in der blutige Jiiden-Exzesse möglich ivaren. lieber den Inhalt des Buches soll hier nicht viel gesagt sein. Die Kischenewer Ereignisse sind in den Zeitungs-Artikel so viel besprochen worden, daß es nottat, das überreiche Material einer Prüfung und Sichtung zu unterziehell. Das Resultat einer solchen ist in dem Buche gegeben, dessen Absicht es ist, die Schilderung der Kischenewer Ereigriisse in einer bleibendell Form festznhalteii, als Zeitllllgsberichte es in unserer schnelllebigen Zeit vermöchten. Der Wert der Ährift ift wesentlich erhöht durch allgemeine. Betrachtuiigen über die Lage der rlissischen Juden ans der Feder gründlicher Kenner dieser Zustände. Das Buch soll in Massenauflageii verbreitet werden, und der Reiilgetvinn ist vom Jüdischen Verlage für die Opfer in Kischenew bestimmt. Der iliedrige Preis von einer Mark ist offenbar so festgesetzt worden, um einen Massenvertrieb in großem Maßstabe, zu emöglichen. Im gleichen Verlage erschien soeben eine Gedichtsammluiig „Junge Harfen", in Format und Ausstattung des rühmlichst bekanntell „Jüdischen Almanachs". Der als Deklamatvrium gedachte kleine Band (80 Seiten), der eine große Anzahl sorgfältig

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