Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 17. Juli 19'>3 Seife 5 Vereines D. Leiben, mehrere Vertreter der Kultusgemeinde und der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft an. Die Zahl der ausgehobenen Grabsteine beträgt über 2000. Ueber 1800 waren auf der Erdoberfläche vorhanden und wurden verzeichnet und numeriert. Ueber 200 wurden erst bei den Ausgrabungen aufgedeckt. Grabsteine in künstlerischer Ausführung nnd von Bedeutung werden zusammengestellt und in die Mauereinfriedigung des Kinderleichenhügels eingesetzt werden. Auf der Ostseite wird die Einfriedigungsmauer eingerissen und ein architektonischer Terassenbau aufgeführt werden, wobei die Terassen aus Grabsteinen gebildet werden. Auch das Plateau der Erdaufschüttung wird mit Grabsteinen besetzt werden. Zionistische Volksversammlung in Krems. Dieselbe fand Sonntag den 6. d. statt und war für die Wiener Teilnehmer vom Jnneröstcrr. Distrikts-Komitee, als Veranstalter der Versanmtlung mit einem Ausflug in die Wachau verbunden. Nach kombinierter Bahniut& Schiffahrt bis Aggsbach wurde die Ruine Aggstein, der schönste Punkt der Wachau, bestiegen. Nachmittag erfolgte die Weiterfahrt per Schiff nach Krems, wo gegen 4 Uhr die Versammlung stattfand. Dieselbe Ivar — auch von Damen — stark besucht und brachte einen schönen Erfolg. Dr. Bernhardt-Wien referierte über die Lage der Inden in Oesterreich. Cr könne kein schönes Bild geben. Die Juden in Oesterreich habe»: sich gewöhnt, fremden Interessen zu dienen — den Deutschen, den Tschechen — statt auf ihre eigenen Interessen bedacht zu sein. Mit llndank haben cs ihnen die anderen Nationen gelohnt, im politischen Leben, im sozialen nnd im Geschäftslcben. Das Verbergen des Judentums hilft lins zu keinem Erfolg. Halten wir zusammen, betonen!vir, das; >vir Juden sind, und sehen ivir ans unsere eigenen Interessen! Nur in unserer Solidarität liegt die Lösung der Jndenfragel Die Liebe der anderen können wir uns nicht erwerbe», erwerben wir uns ihre Achtung! — Hierauf bespricht Dr. Kahn die Frage,!vas Ivöllen Ivir Zionisten? Nach trefflicher Definition des Zionismus konunt der Sprecher zu demselben Resultat wie sein Vorredner. Was dieser von den Judeir in Oesterreich sagte, ist nur ein schwaches Abbild des Elends der Juden in den anderen Ländern. Wir bleiben die rechtslosen Juden, ansgestohen von Recht, Gesellschaft und primitivsten menschlichen Gefühlen! Wir haben den anderen Völkern die Bibel gegeben, unsere 10 Gebote haben sie als Grundlage für ihre Desetze angenommen, aber für uns stehen sie nur auf dem Papier. Nur in unserer Selbsthilfe liegt unsere Znknnft. Wir müssen als Nation im Konzert der Völker angehört werden, auf eigener Scholle. Liber ivir dürfen nicht ivarten, bis eine Hand aus dem Himmel kommen wird, um uns hinüberznsetzen in das Land unserer Hoffnung, wir müssen es erringen. Ans dem Gebetum Zion muh wieder die Tat für Zion werden. Ilnd das ist unsere Arbeit. Wir organisieren uns und täglich wächst unsere Zahl. Redner erklärt die bis heute geschaffenen Einrichknngen des Zionismus. Wir haben schon viel erreicht, manches steht uns bevor, wenn wir einig bleiben, und dann geht auch für uns die Sonne wieder auf — int Osten — in Palästina! —Den Schlug bildete ein treffliches Referat der Frau Dr. Kahn über die Frau und ihr Wirken im Zionismus. — Vor Schluß der Versammlung zahlte die Mehrzahl der anivesendcn Kremser den Scl)ekel. Nach gemeinsamem Abendessen erfolgte die Abfahrt der Wiener. Verein „Schomer Israel". Der Verein „Schomer Israel" tu Lemberg hat folgende Mitteilung affichieren lassen: Die Aufgabe, welche sich' der Verein „Schomer Israel" gestellt hat, ist, alle Fragen, welch«: das Judentum berühren, einer öffentlichen Besprechung zu llüterziehen. "So chabcn wir bereits "die 'Frage" der' natioua I j üdisch c n E r'zi e h u n g, die Frage! der E rziehuug znm Hamdwcrk lind Verbesserung der Lage des jüdischen Handwerkers durch Juden Zur öffentlichen Diskussion gestellt. Allein noch haben wir unsere Pflichten als Menschen und Söhne unseres Volkes nicht getan, wenn wir nicht dem schrecklichen Elend, in ivclchem unser Volk in Galizien im allgemeinen, wie in unserer Gemeinde, der Haupt stadt Lemberg im .besonderen, sich befindet, unsere volle Auf merksamkeit schenken würden. So haben wir bereits im Monate Februar in unserem Vortrage: „Wie helfen wir unserer armen, hiesigen Aevölkerung?"' festgestellt, daß wir unsere reichen Er nährungsgnellen für andere fließen lassen, daß wir selbst oft diese unseren gefährlichsten Feinden ausliefern, während die Unsrigen, nahezu 4000 Familie», schmachten und der öffentlichen, so erniedrigenden, unansgiebigen Wühltätigkeit aussetzen. Wir haben also in unseren Vorträgen unter allgemeiner Zustimmung von Hunderten Gemeindemitgliedern festgestellt: 1. Wir haben eine heilige Pflicht, alle Arbeiten, welche das Hans benötigt, durch unsere Brüder und Schwestern verrichten zu lassen. 2. Wir sollen daher j ü d i s ch e Hausbesorgerin unsere Häuser aufnjehmei»t, verläßliche, nüchterne/ arbeitswillige Menschen, u n t e r deren S ch n tz u n s e r L e b e n wie unser E i g e n t u m g e s i ch c r t i st. 8. Wir sind verpflichtet, jüdische Köchinnen und sonstiges Dienstpersonal anfzunehmen und appellieren an den löblichen Vorstand, eine jüdische Wirtschaftsschule ins Leben zu rufen. Wir schreiten nun unter Gottes Beistand zur Ausführung dieser rettenden Tat, dieser Anbahnung einer echt. brüderlichen Unterstützung durch Arbeitsabgnbe und laben die p. t. jüdischen Hausbesitzer ein, ihren Bedarf an Hausbesorgern dem Vereine „Schomer Israel", Fleischhackcrgasse 4, allabendlich um 7 Uhr bekannt zu geben. Ebenso werden alle Arbeitnehmer, die gesonnen sind, ehrliche Arbeit ohne falsche Schal» zu übernehmen, aufgefordert, dem Vereine sich vorzustcllen. Wir reflektieren zunächst auf Menschen, welche bei der k. k. Truppe gedient haben, eine gute Konduite Nachweisen, lesen und schreiben können und körperlich geeignet sind, die Arbeiten eines Hausbesorgers zu versehen. Deputation beim ungarische».Ministerpräsidenten. Eine 16gliedrige Deputation der orthodoxen Judenschaft des Landes erschien am 0. ds. M. beim Ministerpräsidenten Grafen Khuen-Hedervarh, um ihn anläßlich seines Amtsantrittes 3» beglückwünschen. Mitglieder der Deputation, welche vom orthodoxen Rabbiner von Budapest Koppel Reich geführt luurbe, waren, nebst den orthodoxen Rabbinern pon Nagyvarad, Szatmar, Vacz tutb Nemetkeresztnr, die Herren Anton Schwa rez (Nagyvarad), Lazar Oesterreicher (Kiralvhelmecz), Ignaz Spiegel (Nemetkeresztnr.', Hermann Neiznmn (Kisvarda), Moses Freudiger, Dr. Jakob Schächter, Eduard Müller und Adolf Frankl (Budapest), Daniel Weiß imb Ludwig Hartstein. Der Sprecher der Abordnung Dr. Jakob Schächter verdolmetschte den Glückwunsch der Deputation und erbat den Schutz des Kabinettschefs für die orthodox-jüdischen konfessionellen Interessen. — Hierauf dankte Se. Exzellenz für die Begrüßung. „Es freut mich" — sagte er — „Ihre feste Anhänglichkeit an die Religion Irahrzunehlnen. Der religiöse Eifer ist mir sehr sympathisch, sehr lieb. Er bildet eine Stütze tm Kampfe des Lebens. Die strenge Einhaltung der Glaubenssntzungen seitens jeder Konfession schätze ich hoch. Der Glanbenseifer ist auch im Interesse des Vaterlandes erwünscht. Ich uleinerseits versichere Sie meiner Unterstützung in Ihren patriotischen Bestrebungen." Lebhafte Eljenrnfe begleiteten die Worte des Ministerpräsidenten, der sich dann sämtliche Deputationsinitglieder vorstellen ließ. — Vom Ministerpräsidenten begab sich die Deputation, zum Unterrichtsminister Dr. Julius Wlassics, wo Daniel Weis; die Freude der orthodoxen Judenscyaft darüber verdolmetschte, daß Minister Dr. Wlassics auch im neuen Amte sein Portefellille behalten. Dr. Wlassics beantlvorteie die Ovation sehr liebenslvürdig nnd Imchselte mit jedem der Erschienenen einige Worte. Ausland Berlin. Am 28. Juni faird in Cassels Hotel die alljährliche ordentliche G e n e u a l v e r s a m m l u n g des „E s r a", Verein zur tlilterstützung ackberbautreibender Judeir in Palästina rnid Syrien, statt. Nebst Delegierten des Verliiler Zweigvercincs tvohilterl derselben iloch die Vertreter der Lokalkomitecs von Breslau, Hamburg, Kattolvitz, Ostrowo und Münchell bei. Wir bemerkten uilter den Delegierten die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal und Dr. Schottländer aus Breslau, I. Rabbiner Dr. C. Werner aus Müncheil, soivie ciilige Gäste aus Jassy und Kischeilew/ Vorsitzeilder, Herr Moritz Doril, erstattete den Jahresbericht, aus dem hervorgiilg, daß der Vereiil gegen das vorige Jahr ail Mitgliedern zugenommen hat. Die Kolonisatioil Palästinas hatte in dem Berichtsjahre ihren ersteil sichtbaren und großen Erfolg zu verzeichileil gehabt, indem in diesem Jahre zum erstenmale die ganze palästinische Weinernte verkallft werdell koililte, so daß die materielle Zukunft der 2600 jüdischen Winzer im Heiligen Larrde als definitiv sichergestellt gelten kann. Auch die Lage der übrigen jüdischen Kolonisten Palästinas hat sich im Jahre 1002 wesentlich gebessert, und von den 27 im Heiligen Lande begründeten jüdischen Dörfern sind kaum 4 noch der Unterstützung bedürftig. Von diescil ist die trailsjordanische Kolonie Vneh-Jehnda im Berichtsjahre vom Vereiilc „Esra" übernommen tvorden, welcher ntit einer Ausgabe von Mark 46 000 ben Kolonisten zur völligen Selbstäildigkeit zu verhelfen hofft. Alis dem vom Kassierer des Vereines, Herrn Koilsnl Jnl. Friedmailn, erstatteten Kassenbericht geht hervor, daß der „Esra" im Berichtsjahre für Vnch-Jehuda 7642 Mark ansgegeben hat nild daß ferner in Baar nnd in Wertpapieren noch ein Bestand von 24 188 Mark vorhanden ist. Demnach ivird der „Esra" zuzüglich der zu erwartenden Eiilnahincil für das lanfende Jahr 1006 die zlir Saniernng der Kolonie Bneh-Jehuda erforderlichen Summen von Mark 46 000 selber aufbringeli köilueil. Die Wiederivahl des Schatzineisters soivie der tnriillsmäßig ansscheidenden Mitglieder' des Zeiltralkoniitees erfolgte per Akklamatioil. Zum Schluß gab der Zlir Zeit in Berlin Iveilende palästinische Vertreter des VereiilS „Esra", Herr Agronom Dr. Soskin, eineil Bericht über den gegcnlvärtigen Zustand der Kolonie Bneh-Jehuda, woralis die Versammlung mit einem warmen Appell an die Delegierten, überall für ben Vereiil „Esra" neue Mitglieder zu werben, vom Vorsitzcnden um 1 Uhr geschlossen, wurde. 1 Berlin. Graf Pücklcr - Kleiil-Tseyirne, auch der Dreschgraf genannt, ivar vor cinigeil Monaten von der Glogauer Strafkammer zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt ivordcil, iveil er eine Feldbahn) seiiles Gutsnachbarn, die ihm nicht in den Kram paßte, mit seinem Gutsinspektor Kirchner höchsteigenhändig zerstörte. Besagter Gutsinspektor erhielt dafür vier Wochen-Gefängnis. Die Verhandlung lvar seinerzeit nicht uninteressant, weil der Graf die Gewogenheit hatte, mit den Richtern etwa in dein Toile zu sprechen, wie er mir „Ullbotmätzigcn" Tagelöhnern zu Verkehren pflegt, und weil ein medizinischer Sachverständiger, der Snnitätsrat Dr- Nenmann aus Glogan,"stärke Zlveifel an der Mlstiß'en' Zurechnungsfähigkeit "des Herrn Grafen äußerte. Vorn Gericht) miißte sich Graf Pückler einige recht schroffe Zurechtweisungen gefallen lassen, aber an Herrn Dr. Neumanil sllchte er sich zu rächen; er schickte ihm seinen Gutsiilspektor mit einer Pistolenfordernng. Dr. Neumann, der', beiläufig bemerkt, ein Siebziger ist, lehnte es ab, sich mit einem Mann zu schlagen, desseil geistige Kräfte ihm nicht ganz unverdächtig erschienen waren, uild wegen Herausforderung erhielt Graf Pückler eine Festungshaft von acht Wochen zudiktiert. Nun kommt die von uns bereits vorige Woche gebrachte Kunde, der edle Graf sei seiner sechswöchigen' Gefängnisstrafe in Gnaden entbunden tvorden und habe dafür 6000 Mark zu bezahlen. Auch der Inspektor ist begnadigt, braucht aber, entsprechend seilten Mitteln nur 300 Mark zu opfern. In weiten Kreisen wird man die Begnadigung des albernen Hetzapostels so wenig verstehen, wie manche andere Begnadigltng aus der letzten Zeit. Uns Ju>den liegt nichts daran, ob der Dreschgraf mit den preußischen Gefängnissen Bekanntschaft macht oder nicht, denn wir haben an dem Mann doch nur ein pathologisches Interesse. Die Zerstörung einer Feldbahn mag mit 6000 Mark reichlich genug gesühnt sein und außerdem frägt sich ja noch, ob Graf Pückler nicht eher in eine andere Anstalt gehört als in ein Gefängnis. „La Romnaine et les Juifs." Der Verfasser dieses Wjerkes, das 66 statistische Tafeln, eilte Landkarte und drei Tafeln außer dem Text enthält und vor einigen Taget! in Bukarest erschienen ist, verbirgt sich unter dem Pseudonym „Verax". Das reiche statistische Material uild die vielen Auszüge aus offiziellen Berichten, die Herrn Verax zur Verfügung standen, lassen es auch sogleich erkennen, daß »lall es mit eitler amtlichen Schrift 31t tun hat, wenn cs auch nicht zugegeben, soilderi, im Gegenteile demselben der Schein einer privaten Arbeit zu wahren versucht wird. In dem Vorworte erzählt uns der Verfasser, daß sein Werk noch viel dickleibiger geivorden wäre, weitn die Veröffelltlichnilgen des Roumaniall-Blllletin in London und die Note des Staatsmillisters Hay all die europäischen Mächte ihn nicht 31t einer weniger vollständigen, aber mehr prompten Aktion bestimntt hätten. Vielleicht erklärt sich miS dieser Eile die Planlosigkeit, ivelche im ganzen Werke herrscht und die es nicht erlaubte, daß einzig Planmäßige der Arbeit — die Zusammentragung aller Anklagen, die je gegen Juden erhoben worden sind — übersichtlicher zu gestalten. Die „Frankfurter Zeitrtllg" glaubt in der Lage 31t sein, behaupten zu könnetl, daß diese Arbeit eine bestellte und deren Verfasser ein Beamter im Ministerium des Allswärtigeti namens Rosetti ist; desseil Mitarbeiter der französische Journalist Bel Jor, welcher die Moldau bereist, sogcuanilte Enqueten veranstaltet und verschiedene photographische Aufliahlnen gemacht hat, wobei Bel Jor eilten Juden in Darabani frag, wieviel Geld die dortigett Jttden nach Fvattkreich für die Affäre Dreyfus geschickt hätten. Endlich ist die „Frankfltrter Zeitung" lioch in der Lage zu melden, daß sämtliches statistisches Material, jvelches Verax verarbeitet hat, vom Millisterilim des Innern geliefert Ivorden ist; daß atlch der Miitifterpräsident ein Scherslein zur Arbeit beigetragen hat uild das; alle antisemitischell Flngschrifteti, die je in Rumänien erschienen sind »nb noch aufzntreiben waren, von Verax verlvctldet Ivorden siild. Trotz alledem verflicht cs der Verfasser, sich in den Mantel der Objektivität nnd der Wissenschaftlichkeit z,l hüllen, ivaS bei Uneingeweihten wohl verfangen dürfte, unmöglich aber eineil Kenner der Verhältitifse in Rumänien täuschen kann. Vorerst arbeitet Verax mit den statistischen Tabellen, als ob diese Muster voi, Genauigkeit lväreit. Es sind dies zumeist Tabellen aus ben ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, und bereit Wprt dürfte zur Genüge dadlirch gekemtzeichnct sein, daß itach Angaben rumänischer hochstehender Persönlichkeiten selbst die neueren statistischen Tabelleil nicht auf Vollkommeilheit Anspruch erheben dürfen. Dann aber vernachlässigt Verax die gesamte rumänische Literatur, die nicht in seinen Plan hineinpaßt, so die geschichtlichen Dokuineilte und Grabsteinabschriften, ivelche schon vor Jahrhunderten das Bestehen jüdischer Gemeinden in Rumänien bestätigen, so die Ausführnilgen vieler hervorragender Juristen, aus denen hervorgeht, daß die Inden sich in früheren Zeiten gewisser Rechte und Vorrechte erfreuten, deren Frernde nicht teilhaftig tvaren. Ja, Verax findet nicht einmal die Gelegenheit, zu erwähnen, daß die Juden das Gemcindeivahlrecht noch vor dreißig Jahren besaßen und ebenso das Wahlrecht für die Handelskammern, während sie heute trotz des großen Anteiles, den sic am rumänischen Handel haben, vom aktiven uild passiven Wahlrechte für die Haildelskanunern allsgeschlossen sind. Verax will auch beweisen, daß, seit man den Inden den Ausschank geistiger Geträllke auf dem Lande verboten habe, der Alkoholismus auf dem Lande abgenommen hätte. Das ist so wahr, daß nie die Klagen größer waren über die Gefahren des Alkoholismus auf dem Lande, als gerade jetzt. Die Regierung greift denn auch zu verschiedenen Maßregeln, um dein z,i steuern, ja man benft sogar an ein Alkoholmonopol, lvofür auch Herr Aglave einigemale zu Rate gezogen worden ist. Ebenso hat die Fälschung geistiger Getränke Riesenfortschritte gemacht, lnld vielleicht erklärt dies die Abnahme der Spiritusproduktion, Iveilll hierzu, llicht die Sperrling der österreichischen Grenze für das ruinäilische Vieh und die damit verbundene Schließung vieler Spiritnsbrennereien genügen sollte. Die jüdischen Kaufleute kommen iil den. Buche am schlechtesten weg. Es gibt keine böse Eigeilsebaft, welche sie nicht auszeichnen würde. Und doch hätte aus seinen eigenen Tabellen Verax ersehen können, daß Jahrzehnte hindurch allein diese jüdischen Kaufleute den rumänischen Handel mit dem Anslande repräsentiert haben, wie es heute noch zum größten Teil der Fall ist; daß diese Juden einstens das einzige Baild zwischen Rumänien und dem gebildeten Westen Europas waren, und daß trotzdem der rumänische Handel glänzende Fortschritte gemacht, daß er von ganz unbedeutenden Anfängen sich noch, als die Juden fast ausschließlich Vertreter des Handels waren, zu großer Bedeutung entwickelt hat. Aber dafür hat Verax keine Augen. Er will ja nur beweisen, wie schlecht und niederträchtig die jüdischen Kaufleute sind. Dazu bietet ihm die Statistik der Fallissements einige Zahlen. Die Juden sollen nämlich, obzwar sie im Kaufmannsstand nunmehr die Minderheit bilden, einen größeren Prozentsatz Fallissements als die Christen liefern. Wie weit auch diese Zahlen auf Genauigkeit einen Anspruch erheben können, ist schiver zu sagen. Angenommen aber, sie wären richtig, so ließen sie sich zu sehr leicht dadurch erklären, daß die meisten jüdischen Kaufleute ihren Handel in der Moldau betreiben, wo die Bevölkerung, nicht weit die Juden dort wohnen, sondern eher trotzdem sie dort wohnen, in erster Reihe aber wegen der Art der Bodelibearbeitung, die unter ganz anderen Bedinguilgen als in der Walachei stattfindet, sich in größerer Not und Bedürfnislosigkeit befinden, daß der Handel hier also öftere und größere Krisen durchzumachen hat. Statistische Zahlen könnten hier etwas beweisen, wenn nämlich aus ihnen zu ersehen wäre, welche Summen bei diesen Fallisseinents in Betracht kämen, dann würde sich vielleicht ein Resultat ergeben, welches den jüdischen Kaufleuten nicht ungünstiger sein würde, als den christlichen. Mehr auf dieses Werk einzugehen, ist hier nicht der Platz. Diese Ausführungen mögen aber eilten ungefähren Begriff gebet, von der neuen Arbeit der rumänischen Regierung über die Judenfrage. Verax meint, alle gebildeten Rumänen müßten aus den Gerichtsakten jene Fälle hcransschreiben, in denen Juden als Schwindler, Verbrecher usiv. figurieren. Das sind Kindereien. Jede Volksklasse hat ihre Verbrecher und mit solchen Dokumenten gäbe , es keine Nation, mich nicht die Zivilisierteste, die nicht angcschwärzt werden kölinte. Aber eines beweist dieses Buch doch, nämlich, daß die führenden Leute Runtäniens sich noch immer auf den Standputlkt versteifen, daß es den Juden in Rumänien noch zu gut gehe lind daß man zu der langen Liste der gegen dieselben gerichteten Gesetze noch neu hinzufügen müßte. Endlich daß die vielen verttünftigen Stimmen, die slbst unter den Rumänen sich zu Gunsten der Juden erhoben haben, kein Gehör finden, sondern daß man in den bisher geübten Prinzipiell, die dem Lande ebenso schädlich sind wie den Juden, fortlvirken will. Lord-Mayor Samuel über die Ereignisse in Kischenew. Gelegentlich einer Preisverteilung in der Religionsschule der Londoner South Hackney Sinagogue ergriff Lord-Mayor Samuel die Gelegenheit, um den Standpunkt der Spitzen der Londoner jüdischen Gemeinde, welche bekanntlich jeden öffentlichen Protest gegen die ruffische Regierung anläßlich der Ereignisse in Kischenew perhorresziert, zu verteidigen. Er wiffe aus bester Quelle, daß niemand über die Maffacres in Kischenew mehr empört ist, als der Diar selbst. Ein Zwang ist also an dieser Stelle vollkommen überflüssig. Eine Anzahl jüdischer Gemeinden in Australien habe ihm — zugleich mit einer größeren Geldsammlung — auch eine Resolution gegen die Kischenewer Vorgänge übermittelt. Er konnte nicht umhin, diese Resolution dem Auswärtigen Amte zu überreichen, hier aber erfuhr er, daß die englische Regierung die Ereignisse in Kischenew als eine interne ruffische Angelegenheit betrachtet, die keine andere Macht irgendwas angeht. Im Uebrigen glaubt er, der Lord- Mayor, zu der erfreulichen Hoffnung berechtigt zu sein, daß die Gleichberechtigung der Juden in Rußlaud in naher Zukunft eine Tatsache werden wird (?). Der Czar ist dnrch die Ereigniffe in Kischenew auf die Judenfrage aufmerksam gemacht worden, und wir werden es hoffentlich noch Alle erleben, daß ein die Gleichberechtigung der Juden anerkennender